Auf dem Nachttisch – Guitar Moments

Liebe Leser,

in den heutigen Zeiten ist ein CD-Release eine triste Sache, also zumindest bis dato. Vielleicht kann man ja im Herbst mit 2G oder 3G Regel bei Veranstaltungen was machen. Wir werden sehen. Zudem ist der Gesamtausstoß der Branche ja seit Beginn der Pandemie immens, so dass man mit einem weiteren Tonträger aus dem Genre Jazz sicher nicht auf irgendwelchen Top-Listen erscheinen wird. Dennoch. Die Gelegenheit, mit einem Joe Bawelino, der auf eine illustre und mehr als 60-jährige Karriere zurückblicken kann, ein paar Songs auf Datenträger zu brennen hat man nicht zu oft im Leben. Nach einer Aufnahmesession bei Clemens Bröse (vielen Dank!), Mixing und Mastering im Tonstudio Success bei Oskar Schrems (vielen Dank!), allerhand Layout und Gefrickel am Artwork, hat mir HOFA-Media wie schon diverse Male vorher schnell und komplikationsfrei einen Karton mit vielen schönen CDs geliefert!

Nun sind Gitarren-Duos gerade im Jazz nichts Besonderes, die gibt es wie Sand am Meer. Doch ich erlaube mir, die Kombination aus einem ungemein wendigen (dieses Attribut trifft es besonders schön) und kreativen Bebop-Gitarristen mit einem erfahrenen Fingerstyler als durchaus selten und auch bemerkenswert zu bezeichnen. Wir hauen schon einen gewaltigen Sound aus unseren Gitarren, was wir auch schon mehrfach live unter Beweis gestellt haben.

Alle Songs auf der CD sind Teil meines Solo-Repertoires und zumeist auch schon auf Tonträger veröffentlicht, eben solo im Fingerstyle. Doch die Zusammenarbeit mit Joe Bawelino hebt das Niveau auf ein höheres Level. Er schöpft für seine Soli aus einem schier unerschöpflichen Vorrat an Ideen und seine Technik ist ohnehin superb. Und ich? Naja, ich spiele ohnehin zumeist großartig… 😉

Eingespielt (und dann tatsächlich veröffentlicht) haben wir

Secret Love von Sammy Fain aus dem Jahr 1953, einen flotten Swing-Klassiker mit schöner Hookline. 

Es folgt das unsterbliche Body and Soul (1930, Jerry Green), welches wir nach einem schönen Intro von Joe als Bossa Nova darbieten. 

Luiz Bonfá schrieb 1959 für den Film Orfeu Negro den gleichnamigen Song, dessen englischer Titel Black Orpheus bei uns etwas verbreiteter ist. So mancher Gitarristenkollege hat angesichts meiner Fingerstyle-Interpretation dieses Klassikers das Mitspielen verweigert. Ernsthaft. Joe Bawelino kennt solche Berührungsängste nicht. Er reichert mein opulentes Spiel des Themas sogar noch mit einer wirklich fantastischen Begleitung an und gibt im langen Solo wirklich alles! 

Der berühmte Schnuckenack Reinhardt schrieb etwa im Jahr 1960 den Song Me Hum Mato (aus dem Romanes übersetzt „Ich bin besoffen“ – was ein schöner Titel!), obligatorischer Bestandteil des Repertoires jeder Sinti-Jazz-Formation mit Geige, natürlich auch des Romeo-Franz-Ensembles, bei welchem Joe seit vielen Jahren die Solo-Gitarre spielt. Ich habe mich ausnahmsweise zu einem Chorus Solo überreden lassen. 

Keine CD ohne Gershwin-Titel! Wir spielen eine flotte Version von Oh, Lady Be Good (1924). 

Alle Ikonen der Jazzgitarre haben ihre Version des 1944er Hits Moonlight in Vermont von Karl Suessdorf aufgenommen. Auch Joe zählt diese Ballade zu seinen Lieblingsstücken, welche ich nur zu gerne auf unserer Scheibe begleite.

Schon seit vielen Jahren spiele ich You Don‘t Know What Love Is (1941 von Gene De Paul geschrieben), zumeist als Blues, aber auch gerne als Bossa Nova. Das hier vorliegende Arrangement ist allerdings von Joe Bawelino (von einer früheren Aufnahme seines Quintetts) und mein absoluter Favorit. Kurz und knackig!

Auf meiner hochgelobten CD dreipunktnull ist meine Solo-Version von Caravan (von Duke Ellington 1936 geschrieben), von der ich dachte, sie sei nicht zu toppen (Spaß!). Aber Joe treibt mit seinem energischen Spiel die Karawane nochmals heftig voran.

On the Sunny Side of the Street (1930, Jimmy McHugh) ist ein gut gelaunter Swing-Klassiker, welchen wir ebenso gut gelaunt interpretieren.

Zum Ausklang geben wir noch eine schöne Version des Antonio-Carlos-Jobim-Klassikers aus dem Jahr 1967 Wave, ein Bossa Nova zum Abschied.

Für einen (einzigen) Tag im Aufnahmeraum haben wir meines Erachtens eine durchaus beeindruckende Scheibe produziert. Und der stolze (und musikalisch kompetente) Besitzer JL der Guitar Moments hat mir geschrieben, „sie ist nie langweilig und macht Spaß beim Hören“. Na, das ist doch ein schönes Kompliment eines Musikerkollegen.

Wer von Euch Interesse an der tollen CD Guitar Moments von Bawelino & Brunner hat, schreibe mir auf den üblichen Kommunikationswegen und ich werde die CD umgehend verschicken. Sie kostet nur 10 € plus 2 € Versand. So viel gute Musik für so wenig Geld!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Als Höfner eine L-5 baute

Liebe Leser,

meine Meinung zur Lage der Nation in Corona-Zeiten habe ich an dieser Stelle nun wirklich oft genug kundgetan. Harren wir des nächsten Lockdowns und reden zwischendurch mal von angenehmeren Dingen. Wie wäre es mit Gitarren?

Das ist eine (meine!) Höfner AZ Standard, wobei das AZ für den berühmten Gitarristen Attila Zoller steht, für den Höfner dieses Instrument gebaut hatte. Die ganzen Experten sprechen davon, dass nur etwa 80-90 solcher Gitarren das Werk in Bubenreuth zwischen den Jahren 1982 und 1991 verlassen hätten… nun ja, meine hat die Seriennummer 96. Dann waren es vielleicht doch an die 100.

Der Erwerb dieser Gitarre war eher unspektakulär. Ich ging etwa 1990/1991 in den Gitarrenladen meines Vertrauens und testete einige Jazzgitarren an. Ich war seit ein paar Monaten „in Behandlung“ (ich hatte Unterricht) bei dem Nürnberger Gitarristen Roli Müller, der mir die ersten Jazzstandards zeigte und auch so eine Höfner spielte, wie sie da vor mir an der Wand hing. Und weil Roli so unglaublich gut auf dieser Gitarre klang (und noch klingt), kaufte ich mir eben dasselbe Modell. Ich hinterließ so um die 2400 DM und war stolzer Höfner-AZ-Standard-Besitzer.

Die Geschichte hätte beinahe ganz anderen Verlauf genommen, denn wenige Tage nach dem Erwerb begann sich das Binding an einer Stelle (siehe unten) zu lösen. Vielleicht war es in diesem Bereich nicht ordentlich verleimt.

Das darf bei einem Instrument der Oberklasse (zumindest aus Sicht des damaligen Höfner-Angebots) nicht passieren. Matt von BTM-Guitars schickte die Gitarre umgehend an Höfner zurück, mit der Aufforderung, diese zu reparieren. Er bot mir aber auch an, eventuell ein anderes Instrument aus dem reichhaltigen Angebot stattdessen mitzunehmen. So spielte ich die damals vorrätigen Gitarren, blieb kurz bei einer Gibson Lucille (eine populäre Gibson ES-335-Variante) hängen, entschied mich aber dann doch, die paar Tage auf die Rückkehr der AZ zu warten. Das war eine meiner besseren Ideen.

Als ich die Gitarre etwa eine Woche später wieder erhielt, war die betreffende Stelle repariert, und zwar so gut, dass wirklich nicht die geringste Spur zu erkennen ist und ich mich heute daher auch nicht mehr daran erinnere, wo genau sich das Binding gelöst hatte. So muss das!

Die AZ wuchs mir sofort ans Herz und ist inzwischen seit etwa 30 Jahren eines meiner Hauptinstrumente. Ich spielte sie sehr bald bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten. Und ich kam und komme mit dieser Gitarre einfach hervorragend zurecht.

Inzwischen habe ich doch schon eine große Anzahl an Jazzgitarren gespielt und kann Vergleiche anstellen. Man merkt deutlich, dass Höfner zusammen mit Attila Zoller versucht hat, ein Gegenstück zur bis heute geradezu allmächtigen Gibson L-5 zu erschaffen. Und obwohl ich wirklich ein großer L-5-Fanboy bin – sie sind wirklich nah heran gekommen!

Die Höfner AZ Standard hat eine massive Fichtendecke. Der Boden und die Zargen sind ebenfalls massiv aus Ahorn gefertigt. Im Gegensatz zum anderen Attila-Zoller-Modell Framus AZ10 (von der ich bis dato nur eine Wiederauflage aus dem Jahr 2012 in der Hand hatte, welches mich überhaupt nicht begeisterte), besitzt die Höfner einen runden (venezianischen) Cutaway. Den spitzen nennt man übrigens florentinisch. Auch der Tonabnehmer wurde in Zusammenarbeit mit Attila Zoller von der Firma Shadow entwickelt und heißt dementsprechend Zoller-Pickup. Er ist nicht auf die Decke geschraubt (was ich ohnehin nicht so gerne mag, siehe unten), sondern am Griffbrett „schwebend“ (engl. floating) montiert. Ich habe ihn auf zwei meiner Gitarren installiert. Er hält von seinem Klang locker mit der  Konkurrenz aus USA mit.

Der Body hat mit 16 Zoll „Bauch“-Breite für mich persönlich das ideale Maß, nicht zu klein und nicht zu groß. Ich besitze zwei Gitarren mit 17″ Korpus – das ist schon manchmal etwas sperrig.

Das Griffbrett ist aus Palisander gefertigt, ebenso das handgeschnitzte Schlagbrett. Das erwähnte Binding (der Kunststoff-Schutz an allen Kanten) ist aufwändig und tatsächlich auch in den F-Löchern vorhanden. Das ist nun allerdings Geschmackssache und aus rein optischen Gründen so. Was genau soll denn da geschützt werden?

Was mir bis heute nicht so gefällt, sind die direkt in die Decke gebohrten Potis zur Lautstärke- und Klangregelung. Viele Gitarrenbauer (zum Beispiel der Augsburger Stefan Sonntag) platzieren die Potis auf dem Schlagbrett, so dass die Decke möglichst frei schwingen kann. Das ist bei Einsatz eines Floating-Pickup eigentlich auch konsequent.

Dieses hochwertige Instrument ist in den letzten 30 Jahren im Ranking der Jazzgitarren hoch gestiegen und wird inzwischen weit über dem damaligen Preis gehandelt. Mir ist dieser Sachverhalt erst in den letzten Jahren wirklich bewusst geworden. Bis dahin hatte ich die AZ eher als Gebrauchsgitarre für den Tanzmusik-Gig zwischendurch (neben der obligatorischen E-Gitarre) eingesetzt. Inzwischen behandle ich die Dame etwas respektvoller…

Die Höfner AZ Standard ist eine hochwertige Archtop mit einem warmen, holzigen (was als Kompliment gemeint ist) elektrischen Sound. Sie ist unglaublich „touchy“ und läßt auch mehrstündige Jazzsessions zu. Der etwas triste akustische Sound gibt einen halben Punkt Abzug in der B-Note. Ansonsten: Eine Traumgitarre!

Da war ich nun seit Jahrzehnten auf der Suche nach „meiner“ L-5 und hatte den nahezu vollwertigen Ersatz schon die ganze Zeit neben mir stehen… Sachen gibt’s!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Das tapfere Schneiderlein

Liebe Leser,

der Konzertabbruch des allseits geschätzten Multiinstrumentalisten Helge Schneider beim Strandkorb-Open-Air in Augsburg liegt nun schon einige Tage zurück (23.07.2021). Dennoch gebe ich heute auch noch meinen Senf dazu ab. Und hier möchte ich an dieser Stelle wie der Kopf des äußerst unterhaltsamen Kanals „Moviepilot“ Yves Arievich betonen (und das gilt stets für alle meine Beiträge): Dies ist nur meine persönliche Meinung! Ihr habt eine andere? Kein Problem, schreibt es mir in die Kommentare. Wir können alle Freunde bleiben! Zur Sache:

Ich selbst bin und war nie ein besonderer Helge-Schneider-Fan. Er ist nicht uncool, aber von vielen überschätzt. Insbesondere diese Multiinstrumentalisten-Sache. Klar, er spielt Klavier und Orgel auf professionellem Niveau, aber alles andere ist zumeist nur eben Spaß am Herumdudeln. Was ich an ihm bewundere, ist, dass er seit Jahrzehnten sein Ding durchzieht, sich dabei einen Scheiß um den aktuellen Zeitgeist schert und unverdrossen den Jazz auf die Bühne bringt. Was ich an ihm nicht so mag, ist, dass er an eigentlich gelungenen Formaten schnell den Spaß verliert und selbige dann hinschmeißt. So geschehen zum Beispiel mit „Helge hat Zeit“ im Jahr 2012/2013. Und eigentlich ließ er es sich in den beiden Sendungen, die er dann durchgezogen hatte, heftig heraushängen, dass er weder vor dem Aufwand, welchen der WDR betrieben hatte, noch vor seinen jeweiligen Gästen wirklich Respekt hatte. Sei’s drum.

Nun ist der Helge allerdings auch ein Mensch wie wir alle und braucht es, das Geld. Gemäß Wikipedia hat Helge Schneider sechs Kinder mit vier Frauen. Ich denke mal, das kostet. Und so hat er für eine Reihe von sogenannten Strandkorb-Konzerten zugesagt, von denen er zumindest das erste noch absolviert hatte. Letzteres meine ich mitbekommen zu haben, man findet inzwischen kaum Spuren bereits vergangener Konzerte. Sprechen wir über Augsburg.

Nun kann ich mir aus eigener Erfahrung sehr gut vorstellen, dass einem Improvisations-As (das muss man ihm lassen) wie Helge Schneider ein permanentes emsiges Gewusel vor der Bühne bzw. zwischen den Strandkörben auf die Nerven geht. Der Veranstalter bot den Gästen wohl eine Bewirtung am Platz nach Bestellung per App. Ich habe schon allerhand Bedienungspersonal auf den unterschiedlichsten Veranstaltungen kennengelernt und weiß, dass diese Menschen auch nur versuchen, ihren zumeist schlecht bezahlten Job zu erledigen. Die jeweilige Darbietung auf der Bühne geht ihnen in den allermeisten Fällen am Allerwertesten vorbei. Solltest Du, lieber Leser, aus der Branche stammen und dies anders sehen, mögest Du gerne die Ausnahme sein. Mein persönlicher Feind ist ja der Milchaufschäumer. Die Lautstärke meines jeweiligen Songs und der akustische Aufwand zur Herstellung der aktuell bestellten Getränke sind generell indirekt proportional.

Das ist unschön, aber nicht generell zu ändern. Wenn es besonders stört, muss man eine Pause einlegen und den Sachverhalt mit dem Veranstalter bzw. Wirt klären. Wobei hier das Wort eines Helge Schneiders sicher mehr Gewicht hat, als beispielsweise meines. Bei besonders renitentem Personal half bisweilen die dem Chef vorgetragene Rechnung, wieviel man auf der jeweiligen Veranstaltung noch an Speisen und Getränken umsetzen kann, wenn sich die Band von jetzt auf gleich verabschiedet. Nebenbei sei noch festzuhalten, dass zur Zeit ja auch die Veranstalter sehr kreativ sein müssen, um überhaupt irgendeine Veranstaltung durchziehen zu können. Da erweist sich schon einmal die ein oder andere Idee im Nachhinein als nicht so gelungen (permanente Bewirtung am Platz oder so), aber solches weiß man erst hinterher. Dass besondere Umstände (die unselige Corona-Pandemie) auch besondere Maßnahmen erfordern, hätte der wirklich bühnenerfahrene Schneider wissen können.

Nicht besonders professionell finde ich es allerdings, wenn man nach einer Stunde Konzert feststellt, dass einen die Bedingungen jetzt doch zu sehr nerven und dann abbricht. Die Reaktionen des Augsburger Publikums waren hierbei gespalten. Die eine Hälfte sieht das offensichtlich so wie ich, die andere Hälfte haben Verständnis für den Meister, loben sogar sein Verhalten als „Statement“. Ok, die bejubeln es auch, wenn Helge eine Portion Pommes (rot-weiß) auf der Bühne verzehrt…

Ich sehe das so: Man spielt halt die vertraglich festgelegte Dauer, wegen mir auf Sparflamme, und macht sich dann zügig vom Acker. Das hat jeder Live-Musiker bestimmt schon mehr als einmal gemacht. Aber man bringt es zu Ende. Um es wie so oft mit Heinz Strunk zu sagen: Man liefert ab! Wenn Helge Schneider das nicht nötig hat, ist es gut für ihn. Ich kenne haufenweise gute Musiker, die hätten es nötig, kriegen aber die Jobs nicht.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Ein Juli macht noch keinen Sommer

Liebe Leser,

ich wollte es lassen. Aber irgendwie kriegen wir die vermaledeite Seuche nicht vom Tisch, geschweige denn aus dem Land. Also gibt es wieder Berichte aus Corona-Land von der Livemusiker-Front.

Aktuell im Juli gab es tatsächlich allerhand Live-Gigs. Die Leute sind ebenso wie die Musiker hungrig, wenn nicht gar gierig nach Live-Veranstaltungen und insbesondere nach Livemusik. Doch besitzt man für die Anzahl möglicher Auftritte im Juli einfach zu wenige Inkarnationen und es sieht im August schon wieder ganz anders aus, nämlich mau.

In den letzten zwei Wochen konnte ich erstmals in diesem Jahr wieder vor etwas Live-Publikum auftreten und es war ein tolles Gefühl! Doch wie schon erwähnt ist im August Urlaubszeit und anschließend wieder die große Ungewissheit und damit der Terminkalender leer. Bei einem Gespräch mit dem derzeitigen Programmchef des legendären Kreuzwirtskellers (dem Nachfolger des leider viel zu früh verstorbenen Martin Kapfenberger, siehe hier >>>) nach dem tollen Gig am 24.07.2021 mit „Ray Räbel & Friends“ wurde mir für das Duo „Bawelino & Brunner“ ein Gig im KWK zugesichert, wenn, ja wenn das GGG-System (= Einlass für Geimpfte, Genesene und Getestete) einen Betrieb der Innengastronomie ohne die 1,5 m Abstand möglich machen würde. Falls so eine oder eine ähnliche Regelung in Bayern nicht kommt, müsste der KWK auch 2021 wieder in der kalten Jahreszeit (also seiner eigentlichen Hauptsaison) schließen. Viele kleinere Kneipen und Bars ebenso.

Und hier packt mich wieder einmal die Wut auf die Leute! Auf die Leute, die sich aus manchmal begründeten, oft jedoch fadenscheinigen oder gar abstrusen Gründen nicht impfen lassen wollen und jeden Test wegen Eingriff in ihre Privatsphäre (oder sonst irgendeiner bescheuerten Begründung) ablehnen, insbesondere, wenn sie selbigen zukünftig aus der eigenen Tasche bezahlen müssten.

Man versucht doch, es wirklich allen recht zu machen. Lasst Euch impfen! Wollt Ihr nicht (weil >>> hier irgendwas einsetzen >>>)? Dann lasst Euch regelmäßig testen! Wollt Ihr nicht (weil >>> hier irgendwas einsetzen >>>)? Dann bleibt eben zuhause. DAS aber wiederum passt diesen Menschen dann auch nicht, denn sie möchten ja dabei sein… Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. So läuft das zur Zeit!

Deshalb werde ich den nun schon fast vergangenen Juli wohl als den einzigen Monat des Jahres 2021 feiern, in dem für Live-Musiker ein fast normales Leben zu führen war. Ab Herbst werden wir alle dann im vierten Lockdown wieder kurze Clips auf YouTube veröffentlichen, weil ein zu großer Prozentsatz der Bevölkerung einfach nicht mitspielen will. Danke für nichts, Ihr Pfeifen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Sommer Session Oberhaid 2021

Liebe Leser,

ein Lichtblick in düsteren Zeiten! Herrje, ich verwende seit nunmehr 16 Monaten die immergleichen Floskeln, sorry! Am letzten Samstag, 10.07.2021 fand an geheimer Stelle im schönen Oberfranken wieder die legendäre Sommer Session Oberhaid statt. Gut, der Ort ist nicht geheim, aber exakte Lokation ist nicht öffentlich bekannt. Denn wie schon im Vorjahr konnte das üblicherweise wirklich gewaltige Open-Air nicht mit Publikum vor Ort stattfinden, sondern wurde coronabedingt als Live-Stream in YouTube und Facebook übertragen.

Das musikalische Zentrum bildet hierbei die Truppe aus Musikern alter und aktueller Bands rund um den Sänger, Gitarristen, Mundharmonikaspieler, Schlagzeuger und Mundtrompetenspieler Gerhard Förtsch (der Mann, der die Sommer Session gegründet hatte, der das ganze Projekt jedes Jahr auf die Beine stellt, der den Veranstaltungsort zumindest für die Stream-Sessions stellt, der Sponsoren wirbt, der zusammen mit seiner Frau Erika für das leibliche Wohl aller Anwesenden sorgt, der moderiert und auch noch einige Songs mitspielt… was habe ich noch vergessen? Er ist halt das Herz der Session!), den Sänger und Gitarristen Philipp Arnold, den Keyboarder und Sänger Marc Dotterweich, den Bassisten Robert Wild und den Schlagzeuger Jürgen Stahl. Diese fünf gestandenen Musiker beherrschen allesamt ihre Instrumente hervorragend. Phillip „Fips“ Arnold muss ich aber besonders hervorheben, weil er wirklich herausragend gut Gitarre spielt und dies ist eben mein Metier. Seit vielen Jahren mischt der Produzent und Komponist Stefan Krug den Sound sowohl am Pult des Open-Airs wie auch in den letzten zwei Jahren im Regieraum des Livstreams.

Die Session-Band ist mit fünf Musikern (Gitarre, Gitarre, Keyboard, Bass, Schlagzeug) komplett besetzt und liefert das Rahmenprogramm zur Session, welche in normalen Jahren schon mal gute sechs Stunden dauert, wobei hier jede Menge Gäste solo, mit dem eigenen Ensemble oder eben zusammen mit der Session-Band auftreten. Dieses Jahr waren als musikalische Gäste geladen: Die Band Palacity, der Gitarrist Wolfgang Rosenbusch, Leoni Rosenbusch, Eva Arnold, Simon Arnold, Sophie Dirkea, Alexis Madokpon mit Percussionspartner, Pieter und Beate Roux sowie meine Wenigkeit im Duo mit dem Gitarristen Joe Bawelino.

Aus dem Vorjahr war mir der Freitag vor dem eigentlichen Sessiontag in bester Erinnerung, weil es zum Einen eine große Freude ist, die ganzen Musikerkollegen endlich mal wieder in Persona zu treffen und man sich zum Anderen so in lockerer Atmosphäre mit der doch recht opulenten Video- und Audiotechnik vertraut machen kann. Zudem kann dann der Mixer schon mal die ganzen Einstellungen speichern und muss nicht während des Streamens groß nachregeln.

Aber – es wäre auch nach einem Jahr Pandemie zu einfach gewesen – am letzten Freitag wurde offensichtlich das komplette Frankenland von Wolkenbrüchen überschwemmt, so dass der Soundcheck buchstäblich ins Wasser fiel. Aber am Samstag hatte Petrus ein Einsehen (oder Gerhard Förtsch hat da wirklich einen heißen Draht in den Himmel), wir hatten ab Vormittag bis spät in den Abend gutes und vor allem trockenes Wetter!

Zusammen mit Joe Bawelino kam ich am frühen Samstagnachmittag in Oberhaid an und war zwar nicht überrascht (ich kannte ja den gewaltigen Aufbau aus dem Vorjahr (wie hier >>> nachzulesen ist), aber doch wieder geradezu überwältigt vom Aufwand und auch von der durchgehend professionellen Arbeit, den das junge Team um Thomas Förtsch (den Sohn des Sessiongründers) leistete. Wie schon in all den Jahren zuvor fällt da selbst in der etwas hektischen Zeit kurz vor Beginn der Session bzw. eben vor Beginn des Streams nie ein unfreundliches Wort, obwohl es für die Sound-, Licht- und Videotechniker wirklich nicht einfach ist, es zwei Dutzend Musikern recht zu machen.

Ach ja, musiziert wurde auch! Gereicht wurde Indie-Rock (Palacity), Rock, Blues, Folk und Pop (Session Band und Dust Bowl, mit den Gästen Wolfgang Rosenbusch (git), Leoni Rosenbusch (voc), Eva Arnold (voc), Simon Arnold (dr) und Sophie Dirkea (voc)), African Music (Alexis Madokpon), Oper und Musical (Pieter und Beate Roux) sowie Sinti-Swing (Bawelino & Brunner). Und alle haben sich mächtig ins Zeug gelegt und wunderbar gespielt bzw. gesungen. Wer Samstag nicht live dabei war, kann den Stream hier >>> nochmals gucken.

Wie die Auswertungen ergaben, haben sich wieder mehrere Tausend Menschen den Stream auf Youtube und Facebook angesehen. Es gab mehr als eine Garten- oder Grillparty, auf der die Session gesehen oder zumindest gehört wurde. Ich habe heute schon von mehreren Seiten Grüße und auch Fotos erhalten (ein Public-Viewing fand im großen Kreis im Schwäbischen statt – Grüße nach Backnang!), wo Freunde und Fans den gelungenen Stream lobten.

Ja, und der Gerhard! Da ist es am einfachsten, ich zitiere meinen eigenen Beitrag aus dem Jahr 2020, denn er stimmt auch für die Session 2021: Gerhard Förtsch führte witzig, locker und stets charmant durch den Abend, wobei er Moderation, Organisation und auch seine musikalischen Beiträge virtuos im wahrsten Sinne des Wortes „über die Bühne“ brachte. Eine gewaltige Leistung! Gerhards gute Laune ist übrigens ansteckend! Wir haben zu später Stunde resümiert, dass in all den Jahren (es sind mehr als 20, von denen ich nur die letzten 10 mitbekommen habe) noch kein böses Wort zwischen den Teilnehmern, Musikern und dem Team gefallen ist. Das ist der Hammer!

Und mit der Erfahrung des letzten Jahres im Rücken konnte Gerhard Förtsch auch den Abend trotz des ganzen Stress selbst genießen. Wenn Ihr Euch seine musikalisch immer gelungenen Performances anschaut, denke ich, man sieht ihm das an!

Auch mein Schlusswort kopiere ich gerne an dieser Stelle: So war die Sommer Session Oberhaid 2021 auch in (leider immer noch) finsteren Corona-Zeiten ein echtes Highlight. Auch wenn wir natürlich alle hoffen, im nächsten Jahr wieder vor leibhaftigem Publikum spielen zu können, war die diesjährige Session wieder ein echter Knüller. Zappt mal rein, vielleicht springt der Funke auch von der Konserve über. Hier nochmals der Link zu YouTube >>>

Wie sieht es 2022 aus? Mal wieder vor 1000 leibhaftigen und durchgeimpften Zuhörern? Wäre auch mal wieder schön!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Auf dem Nachttisch – Bossa Nova von Ruy Castro

Liebe Leser,

seit etwa einem Jahr bin ich – wie hier im Blog schon mehrfach erwähnt – der Bossa Nova ernsthaft verfallen. Und wie so oft reicht es nicht, sich ein paar Aufnahmen anzuhören und ein Songbook durchzuarbeiten. Insbesondere, wenn Letzteres so schlecht ist, wie dieses >>>. Da krieg ich mich gar nicht mehr ein!

Wenn man sich etwas intensiver mit der Musik und dem Phänomen der Bossa Nova befasst, stellt man schnell fest, dass dies weit mehr als eine kurzfristige musikalische Modeerscheinung oder gar ein (gottseidank kurzlebiger) Tanz ist.

Nun hat mir der Buchhändler meines Vertrauens LK bei buch2003 >>> ein Buch (ja, so richtig aus Papier) empfohlen und verkauft, das ich an dieser Stelle gerne bespreche: Bossa Nova, The Sound of Ipanema, von Ruy Castro. Dieses Buch ist ein echter Knaller!

Auf knapp 400 Seiten (wobei die letzten 50 für eine Auswahldiskografie, ein Literaturverzeichnis und einen gepflegten Index verwendet werden) schildert Ruy Castro den Werdegang der wichtigsten Protagonisten der Bossa Nova, insbesondere den von João Gilberto, Antônio Carlos Jobim und Vinícius de Moraes. Wobei auch die unzähligen anderen Mitstreiter in diesem wirklich umfassenden Buch nicht zu kurz kommen.

Dabei sind die Geschichten und Anekdoten, die sich um die oben erwähnten und eine unendliche Zahl anderer Helden der Bossa Nova ranken, stets ungemein unterhaltsam erzählt, mit einer immensen Anzahl an Beteiligten samt wiederum deren jeweilige Hintergrundgeschichten. Zum Beispiel ist Kapitel 3, welches die Jahre João Gilbertos ab 1950 in Rio beschreibt, so prall gefüllt mit Personen, Ereignissen, Hintergrundinformationen zu diesen Ereignissen und skurrilen Anekdoten, dass einem nahezu der Kopf platzt. Allerdings war ich schnell vom schmissigen und temporeichen Stil Ruy Castros überzeugt. Man hat den Eindruck, dass er bei wirklich allen wichtigen Initiationsereignissen der Bossa Nova entweder als Augen- und Ohrenzeuge dabei war oder mindestens eine oder gar mehrere Video- und Audioaufnahmegeräte am jeweiligen Ort des Geschehens installiert hatte. Ich glaube ihm jedes Wort!

Auch das (oder „die“ weil „die Enzyklopädie“?) von mir hochgeschätzte Wikipedia nennt bei nahezu allen Artikeln zum Thema Bossa Nova dieses Buch als Quelle, oft als einzige. 

Das Buch umspannt die Jahre 1949 bis 1967 und endet (vor dem höchst informativen Epilog) mit den Sätzen:

Die Bossa Nova fühlte sich zu Hause nicht mehr wohl, sie nahm ihren Hocker und ihre Gitarre und schlich sich davon.

Zum Glück wusste sie, wohin sie gehen konnte: hinaus in die Welt.

Grandiose Worte zum Abschluss eines meines Erachtens ebenso grandiosen Buches!

So bleibt mir zum Schluss nur eine klare Kaufempfehlung! Bossa Nova, The Sound of Ipanema, Ruy Castro, erschienen im Hannibal Verlag, 391 Seiten. Die gebundene Ausgabe kostet 29,99 €. Wegen der schönen Schwarzweiß-Fotos ziehe ich diese der Taschenbuchausgabe vor, auch wenn man da ein paar Euros sparen würde.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Reverse Engineering

Liebe Leser,

wenn ich mir die Mühe gemacht habe, einen populären Jazzstandard als Fingerstyle-Solo-Tune zu arrangieren, so bin ich zumeist gezwungen, dies dann im Nachhinein schriftlich festzuhalten. Ab – sagen wir mal – 200 aufbereiteten Songs beginnt auch das beste Gedächtnis bisweilen zu streiken. Insbesondere, wenn man aufgrund einer Pandemie monatelang sein Repertoire nur noch spielt, „um nicht einzurosten“. Als sehr hilfreiches Tool hat sich hierzu die Software Guitar Pro erwiesen, deren aktuelle Version 7.5 bei Europas größtem Musikhaus, dessen Name nicht genannt werden muss, für schlappe 65,- € zu haben ist.

In Guitar Pro kann man die Töne sowohl in Noten- wie auch in Tabulaturzeilen direkt eingeben (auch per Midi, was ich aber nicht nutze), so dass ich zumeist mein Head-Arrangement direkt eintippen kann, ohne dafür die Gitarre überhaupt in die Hand nehmen zu müssen. Der Song kann jederzeit über die Soundkarte abgespielt werden, so dass das Arbeitsergebnis stets überprüfbar ist.

Wenn man ein Arrangement sozusagen „in Erz gießt“, sollte man es bei dieser Gelegenheit gleich einmal gegen das Realbook überprüfen. Dabei offenbart sich bisweilen Erstaunliches. Manchen Ton oder manche Notenlänge hatte ich mir offensichtlich bei der Erarbeitung des jeweiligen Songs nicht richtig gemerkt oder eben falsch antrainiert. Die Grifffolge, welche mir eben noch äußerst plausibel erschien, habe ich offenbar bei jedem Live-Gig „hingebogen“, denn die Finger wollen während des (Probe-)Spiels gar nicht an die Positionen, die ich in Guitar Pro notiert hatte.

Andererseits entdeckt man auch Hürden im Sheet, die man offenbar lange Zeiten einfach vermieden hatte. Ok, ganz ehrlich, wenn man sich wegen einer vorgezogenen Achtel die Finger verbiegen muss, modifiziere ich großzügig die Melodie. Ich gehe auf die 60 zu, ich darf das. Insbesondere, wenn es wie üblich ein Solo-Arrangement ist. Dennoch korrigiere ich natürlich Fehler und Ungenauigkeiten und passe die Akkord- bzw. Basslinien entsprechend an. Obwohl ich den jeweiligen Song bisweilen schon jahrelang im Repertoire habe, dauert dann so ein Update auf der Gitarre schon mal ein (oder mehrere) Dutzend Durchgänge, bis der Standard wieder sitzt.

Letztendlich erzeugt die Eingabe in Guitar Pro zum Einen ein bleibendes Zeugnis der eigenen Arbeit (ist aber wesentlich entspannter als das Kritzeln mit Federkiel auf Papierfetzen), zum Anderen eine frisch überarbeitete Version (und natürlich ein Leadsheet) eines Liedes, welches man ab diesem Zeitpunkt wieder live darbieten kann.

Das Schöne ist nämlich, dass man in Guitar Pro nicht nur Gespieltes eingeben, sondern auch Eingegebenes spielen kann!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Die Verschulung des Jazz

Liebe Leser,

auf Zeit-online habe ich soeben einen Artikel über die Sendung zur Verleihung des Deutschen Jazzpreises gelesen. Diese Veranstaltung, im Artikel übrigens mit gloriosen Sätzen wie „Nun, keine Sorge. Bei der fernsehgerechten Übertragung der erstmaligen Verleihung des Deutschen Jazzpreises verhindert eine unsichtbare Regie, dass viel Jazz gespielt wird“ kernig zurechtgestutzt, ist aber gar nicht Inhalt dieses Beitrags, Wobei man sich wie der Autor Ulrich Stock schon fragen darf, warum von der 1.000.000 € der Kulturstaatsministerin Grütters nur summa summarum 310.000 an die jeweiligen Preisgewinner ausgeschüttet werden (10.000 pro Person). Das nenn ich mal einen schlechten Wirkungsgrad! 

Ich möchte auf die Kommentare der Leser eingehen, insbesondere auf den folgenden, den ich hier abdrucke, bevor der ganze Artikel hinter der Bezahlschranke verschwindet:

Ein Jazzpreis widerspricht total dem Verständnis des Jazz. Jazz ist per Definition nicht definiert. Auch lässt sich Jazz nicht er-lernen sondern nur er-leben. Schulen und Lehrer können nur Handwerkszeug vermitteln, aber nicht das, was gelebte Kunst ausdrückt. Doch seit der Verschulung des Jazz muss man halt auch Noten geben, bewerten, Preise verleihen. Damit zieht man die Gewinner wie gezähmte Preisochsen mit einem goldenen Ring durch die Nase über den Marktplatz, oder gefaketen „Jazzclub“.

Zunächst ist festzuhalten, dass irgendwelche Auszeichnungen solange prinzipiell doof sind, wie man sie selbst nicht erhält. 

In Sachen „Erlernen vs. Erleben“ gebe ich zu, dass ich mir eine ähnliche Ansicht auch viele Jahre zu eigen gemacht hatte. Aber mit zunehmender Altersweisheit und auch Live-Erfahrung im Genre habe ich meine Meinung revidiert. Eine Verschulung schadet nicht. Weder dem Jazz noch anderer Musik. Natürlich klingen einige Songs meiner studierten bzw. studierenden Kollegen etwas akademisch und verkopft, aber genau das ist es, was den Jazz oder überhaupt die Musik weiterbringt. Den Mainstream spielen doch schon wir alten Säcke, warum sollten sich die jungen Cats da mit dazu auf den Markt werfen?

Das vehemente Argumentieren gegen ein Studium von Jazz (oder auch Rock) kommt nahezu immer von denjenigen, die ein solches aus diversen Gründen nicht absolvieren konnten oder wollten. Zumeist wird dann eine mangelnde Authentizität der Künstler:innen beklagt. Aber das ist erstens Ansichtssache, kommt zweitens bei den „Er-lebten“ genauso vor und verwächst sich drittens mit zunehmender Bühnenerfahrung.

Wenn die „gelebte Kunst“ die Lebensrealität der meisten Jazzer meint, dann bin ich mir sicher, dass sich die Mehrheit von uns – insbesondere in diesen bescheuerten Coronazeiten – für 10.000 € schon ganz gerne für eine halbe Stunde durch einen gefakten Jazzclub ziehen lassen würden.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Meister durch Talent

Liebe Leser,

der bereits mehrfach zitierte Schachgroßmeister Jan Gustafsson sagt in seinen regelmäßigen Kommentar-Streams anlässlich aktueller Turniere (man nennt so eine mehrstündige Übertragung heutzutage „Show“, obwohl wie schon zu Helmut Pflegers Sendezeiten halt ein Schachbrett, Live-Aufnahmen der Spieler und die Köpfe der Kommentatoren in mehreren Fenstern gezeigt werden) neben scharfsinnigen Anmerkungen zur Partie und allerhand Unsinn auch bisweilen wirklich Wahres. Er stellte fest, dass das Publikum solche Meister mehr schätzt, die ihre Partien durch geradezu göttliche Eingebung gewinnen, als diejenigen, die dies aufgrund ihrer akribischen Vorbereitung tun. Da ist was dran. Und es lässt sich auch auf das Gitarrenspiel beziehungsweise auf die Musik übertragen.

Ich stieß im Netz auf Aufnahmen der Gitarristin Stephanie Jones, eine schicke Mittzwanzigerin mit australischen Wurzeln, die derzeit in Deutschland lebt und an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar studiert. Ihre Version des Jobim-Klassikers A Felicidade ist derart brillant, dass ich meine Nylon-Schraddel erst einmal ins Eck gestellt habe und mit der Ungerechtigkeit der Welt haderte, die es in Sachen Begabung einfach gut mit einigen Menschen meint. Und das ist natürlich Kokolores! Denn Stephanie Jones hat mit Sicherheit einige harte Arbeit geleistet!

Kein Meister, der es wirklich bis in den Olymp schafft, erreicht dies nur aufgrund seines Talents. Klar, wenn man für eine Sache partout nicht geeignet ist, dann hilft auch keine elterliche Früherziehung („Du kannst alles werden was du willst!“). Eine gewisse Begabung ist vonnöten. Aber dann kommt die Arbeit. In den 1980ern stieß ich als Mittzwanziger zu einer Schülerband aus wirklich begabten 15- oder 16-Jährigen. Mein Talent, welches ich sicherlich mitbrachte, reichte genau zwei Jahre, dann ließen mich die anderen Kinder nicht mehr mitspielen, um diese durchaus passende Sandkasten-Metapher zu bemühen. Denn meine Bandmitglieder übten und übten und übten, während ich mich auf meinem Talent ausruhte. Ich hatte allerdings den Schuss gehört und begab mich Anfang der 1990er Jahre in die strenge, aber sehr lehrreiche Obhut des legendären RM. Dort lernte ich tatsächlich, Gitarre zu spielen und – was noch wichtiger war – was ich alles noch nicht kannte, geschweige denn konnte.

Wenn ich einen (mittelmäßig komplexen) Song vom ersten Hören bis zur Aufführungsreife bringen will, muss ich ihn im Durchschnitt einige Hundert Mal spielen. 

[Im Moment liegt das trickreiche „Samba do Avião“ von Antonio Carlos Jobim … ja, eben nicht auf meinem Notenständer (von dem grauenhaften Bossa Nova Songbook hatte ich schon berichtet >>>), sondern in diversen YouTube-Aufnahmen verborgen. Da ich nun seit drei Tagen an dem Song bastle und die Nummer allen Mithörenden schon zu den Ohren herauskommt, dürfte diese Zahl durchaus realistisch sein.]

Naturtalente mögen solcherlei vielleicht schneller schaffen, aber letztendlich läuft es (und auch das habe ich mir von Jan Gustafsson entliehen) immer auf eine gut funktionierende Mustererkennung hinaus. Wenn ich ein Problem bereits einmal gelöst habe, werde ich ein ähnliches schneller lösen können. Dies gilt für die Musik (in diesem Fall die Einarbeitung eines neuen Songs) und ebenso für das Schach oder auch ganz andere Bereiche. 

Allerdings neigen viele Menschen dazu, diejenigen besonders zu bewundern, die es (vermeintlich) nur aufgrund ihres Talents an die Spitze geschafft haben. Aber die – sorry – gibt es nicht. Alle, wirklich alle, haben für das Erlernen ihrer jeweiligen Kunst unendlich viel Zeit und Mühe TROTZ ihre unbestrittenen Talents aufgewendet. Bobby Fischer hatte in seiner Jugend einen starken Trainer und brach die Schule ab, um sich rund um die Uhr mit Schach zu beschäftigen. Muhammad Ali war morgens der Erste im Gym und abends der Letzte, der es verließ. Sein berühmter Trainer Angelo Dundee berichtete, dass Ali im Gegensatz zu den meisten anderen Boxern die Zeit in der Trainingshalle liebte. Joe Pass, sicher mit einem außergewöhnlichen musikalischen Gehör gesegnet, wurde als 10-jähriger von seinem Vater zu sechs Stunden Üben PRO TAG verdonnert, und das ganze fünf Jahre lang. Man sagt den beiden ein getrübtes Verhältnis nach. Charlie Parker nahm Unterricht in Harmonielehre, weil er als junger Mann auf einer Session wirklich versagt hatte (die Geschichte mit dem Becken von Jo Jones). Und so weiter, und so weiter!

Ich denke, die Bewunderung für jedwede Meisterschaft, welche (angeblich) nur auf Talent und nicht auf harter Arbeit beruht, ist uns in die Wiege gelegt. Denn das lässt die Möglichkeit offen, dass man es auch selbst hätte schaffen können, wenn nicht … [hier einen beliebigen Grund einsetzen]. Und wie schon Heinz Strunk in „Fleisch ist mein Gemüse“ feststellt: Als verkanntes Genie kann man es sich im Leben auch ganz komfortabel einrichten.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Der Geschichtenerzähler

Liebe Leser,

ich räume derzeit meinen Blog auf. Naja, das trifft es nicht wirklich. Eigentlich schaue ich mir meine Ordner mit den Texten durch, aus denen ich irgendwann mal einen Blogbeitrag machen wollte. Über die Corona-Misere werde ich dann nächste Woche wieder klagen. Ich stieß also beim Stöbern auf ebendieses inzwischen wohl mehr als fünf Jahre alte Textfragment (welches ich jetzt ohne das geringste schlechte Gewissen korrigiert, aktualisiert und ergänzt habe):

Manchmal schaue ich tatsächlich Fernsehen. Also so richtig live vor der Glotze und nicht auf im Nachhinein auf Youtube oder sonstwo. Das nennt man inzwischen (2021) „lineares Fernsehen“ und es ist total „out“ oder „lame“. Da lief am 18.11.2015 (!) in der ARD der interessante Film “Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit” mit dem von mir sehr geschätzten Tobias Moretti. Wie immer hatte ich mir vorab einige Kritiken zu dieser Fernsehproduktion durchgelesen. Das soll man ja eigentlich nicht machen, aber ich kann’s einfach nicht lassen!

Ich gehe zwar mit den notorischen Nörglern von FAZ und WELT konform, dass der Verzicht auf so manchen kitschigen Postkartenhintergrund dem Film ganz gut gestanden hätte, fand aber im Gegensatz zu manchen Zeitungskritiken die schauspielerischen Leistungen durchwegs gut, die von Moretti wieder mal hervorragend. Am Ende des Films, welcher in den späten 1950ern endet, teilt Luis Trenker seiner Ehefrau mit, dass er eine neue Beschäftigung anstatt des Filmens gefunden habe, nämlich das Geschichtenerzählen. Und wie dann Tobias Moretti den Trenker vor der Kamera mimt, wie er in den frühen 1960ern sein Publikum unterhält, dann ist das erste Sahne! Jede Geste und jedes Wort wie von Trenker persönlich.

Luis Trenker? Das wird vielen – insbesondere den jüngeren – Lesern nichts sagen. Daher jetzt eine kleine Klammer:

Luis Trenker, geboren als Alois Franz Trenker (* 4. Oktober 1892 in St. Ulrich in Gröden, Tirol, Österreich-Ungarn; † 12. April 1990 in Bozen, Südtirol, Italien), war ein Bergsteiger, Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller. 

Er diente als sogenannter Einjährig-Freiwilliger in der österreichisch-ungarischen Armee im Ersten Weltkrieg zunächst in Galizien, im Sperrfort Verle bei Trient und schließlich in den Dolomiten. Nach dem Krieg nahm er sein Architekturstudium wieder auf und arbeitete danach als Architekt in Bozen.

1921 kam der nebenberufliche Bergführer Trenker quasi zufällig zum Film, weil er – vom Regisseur Arnold Fanck ursprünglich als Helfer engagiert – den kletterunkundigen Hauptdarsteller des Bergfilms Berg des Schicksals kurzerhand ersetzen durfte. In dem Fanck-Film Der heilige Berg (1926) war er bereits als Schauspieler etabliert und spielte dort an der Seite der jungen Tänzerin Leni Riefenstahl, die später die Regisseurin der Nationalsozialisten werden sollte.

Trenker gab sein Architekturbüro auf, lebte ausschließlich als Regisseur und Schauspieler und übersiedelte 1927 nach Berlin. Bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein produzierte er Berg- und Abenteuerfilme, die sowohl beim italienischen Mussolini- wie auch beim deutschen Hitler-Regime sehr gut ankamen, so dass der Südtiroler lange Zeit ein gutes Auskommen hatte und hohes Ansehen genoß.

Aufgrund seines Zögerns und langen Lavierens in der schwierigen Optionsfrage (die Südtiroler bzw. die Ladiner hatten sich zwischen einem Anschluss ans Deutsche Reich, was mit Umsiedlung verbunden war, oder mit der Zugehörigkeit zum faschistischen Italien zu entscheiden) fiel Trenker bei der NS-Führung dann im Frühjahr 1940 in Ungnade. Er wurde mit einem Berufsverbot belegt und siedelte von Berlin zunächst nach Rom, später nach Südtirol um. Die meisten Historiker schätzen das Verhalten Trenkers während des Nationalsozialismus/Faschismus weder als rebellisch noch als kollaborativ ein, sondern einfach als opportunistisch. Man musste halt sehen, wo man bleibt…

Nach dem Krieg, beim Versuch, sich über Wasser zu halten, entwickelte er Geschäftsmodelle, die bei Lesern meiner Generation, die den Film Schtonk! aus dem Jahre 1992 und auch die zugrunde liegende Spiegel-Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher im Jahr 1983 noch gut im Gedächtnis haben, Erinnerungen wecken: Zunächst verkaufte er frisch gefertigte Schnitzereien (in diesen Zeiten gab es im Grödnertal unzählige Holzschnitzer) als Antiquitäten, nachdem er sie mit Schrot beschossen, mit dem Lötkolben versengt oder zeitweise in der Erde vergraben hatte.

1946 versuchte er das Manuskript von Tagebüchern der Eva Braun in Europa und den USA zu verkaufen, was ihm auch einige Male gelang. Erst 1948 wurde diese Unternehmung von der Familie Braun mit Leni Riefenstahl (!) als Nebenklägerin durch eine einstweilige Verfügung des Landgerichts München I gestoppt. Die Urheberschaft an den Tagebüchern, welche real natürlich ebensowenig wie diejenigen von Hitler existierten, wurde nie endgültig geklärt. Man geht aber von Luis Trenker aus, auch wenn er dies später mehrfach dementierte.

In den 1950er Jahren begann Trenker dann, wieder Filme zu drehen, und war damit auch bis in die 1960er Jahre durchaus erfolgreich. 1959 lief im Bayerischen Rundfunk die Sendung Luis Trenker erzählt an, welche ich in den 1960er und 1970er Jahren im Fernsehen und jetzt 50 Jahre später wieder in YouTube gesehen habe.

Quelle: Wikipedia, gekürzt nach bestem Wissen und Gewissen

Klammer zu.

Ich musste mir natürlich sofort (also Anfang 2016 und eben jetzt Anfang 2021) einige Originalsendungen der Reihe “Luis Trenker erzählt” bei Youtube anschauen, die dort dankbarerweise eingestellt wurden. Und ich muss gestehen, der Mann hatte es wirklich drauf!

Fernsehen der 1960er Jahre, welches der junge Mensch sich heutzutage nicht mehr vorstellen kann! Da sitzt einer in seinem rustikalen Wohnzimmer (in der „Stube“) oder in einem als Stube hergerichteten Fernsehstudio und erzählt Geschichten aus seinem Leben. Ohne Skript, ohne Notizzettel, ohne Teleprompter, die Kamera hält drauf, geschnitten wird nicht. Und die Erzählungen sind, wie sogar die beste meiner Töchter, die wirklich in einer modernen und hochdigitalisierten Welt aufgewachsen ist, zugegeben hat, durchaus unterhaltsam und packend. Luis Trenker läßt in seinen Geschichten eine Zeit lebendig werden, die schon zum Zeitpunkt der Aufnahme 50, heute sogar 100 Jahre zurückliegt. Obwohl sich seine Erzählungen von eher harmlosen Bergsteigeranekdoten bis hin zu durchaus tragischen Schilderungen aus dem Ersten Weltkrieg oder dem Amerika zu Zeiten der Wirtschaftskrise spannen, sind Fremdschäm-Momente überraschend selten. Zumeist findet er intuitiv den richtigen Ton. Immerhin ist er in Österreich-Ungarn unter der Regentschaft des Kaisers Franz Joseph I. (ja genau, der Franz von der Sisi) geboren, da war eine auch nur annähernd politisch korrekte Ausdrucksweise (oder auch eine gewaltfreie Kindererziehung – da darf nach einer „gerechten“ Watschn, die der kleine Luis von einem Bauern gefangen hatte, schon mal das Trommelfell geplatzt sein…) noch lange nicht in Sicht. 

Mag auch einiges geschönt, gebogen oder verharmlost sein – die Erzählungen des Luis Trenker sind echte Perlen des deutschsprachigen Fernsehens und – nie langweilig! Herausragend sind seine Schilderungen des Ersten Weltkriegs, welchen er die ganzen vier Jahre als Soldat mitgemacht hatte. Trotz der oft eingestreuten heiteren Anekdoten geht dieser Bericht eines Zeitzeugen einer längst vergangenen Ära doch an die Nieren.

Luis Trenker war ein hervorragender Bergsteiger und Skifahrer, ein innovativer Regisseur und wahrscheinlich der Autor der Tagebücher von Eva Braun. Am besten war er aber meiner Meinung nach als Geschichtenerzähler. Es ist übrigens auch mit Hilfe des allwissenden Internets nicht möglich, ein Gesamtverzeichnis der immerhin von 1959 bis 1973 aufgezeichneten „Luis Trenker erzählt“-Folgen zu finden. Vielleicht stelle ich mich ja auch wieder mal nur dusselig an…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige