Auf dem Nachttisch – Der goldene Handschuh

Liebe Leser,

ah, ich bin durch damit. Gestern habe ich die letzte Seite des aktuellen Werkes von Heinz Strunk “Der goldene Handschuh” gelesen.Und nun? Nun suche ICH nach Worten um Euch von diesem Buch zu berichten.

Wie schon mehrfach gesagt bin ich ein großer Fan des Mathias Halfpape aka Heinz Strunk. Das Buch „Fleisch ist mein Gemüse“ ist ein echter Knaller. Und weil mir dieses Werk sowohl als gedrucktes wie auch als Hörbuch so gut gefallen hatte, besorgte ich mir umgehend die Bücher „Fleckenteufel“ und „Junge rettet Freund aus Teich“. Beide zusätzlich wiederum auch als Hörbuch, denn diese vom Autor selbst gelesenen Tonstücke sind wahrlich einzigartig! Sofern man sich auf Strunks Sprachfehler (er nuschelt etwas), seinen norddeutschen Dialekt und seine durchaus gewöhnungsbedürftige Tonregie einlassen möchte. Ich möchte.

Die drei genannten Werke verbindet vor allem ihr autobiografischen Anteil, was der Autor übrigens auch unumwunden zugibt. Für Männer, welche zu Beginn der 1960er Jahre geboren wurden, sind die Schilderungen von Heinz Strunk aus den 1970ern und 1980ern eine echte Offenbarung. Kaum zu ertragen, so wahr ist es. Und im Gegensatz zu vielen anderen hält er immer drauf, schildert jeden noch so verbotenen oder perversen Gedanken seines Protagonisten, der in alle drei genannten Büchern stets ein Ich-Erzähler ist.

Eine Freundin stellte treffend fest, dass es sich beim gesamten Werk von Heinz Strunk prinzipiell um Jungs-Bücher handle. Dem kann ich zustimmen. Nur ein Mann, der wie der Autor nicht von Geburt an zu den PrivIlegierten seiner Geschlechtsgenossen zählte, kann die oft so treffend geschilderten Erlebnisse der Pubertät, Jugend und frühen Erwachsenenzeit nachempfinden und mit wohligem Schaudern genießen, dass diese Zeiten nun endlich (hoffentlich) vorbei sind. Weibliche Leser können sich zumeist nicht einmal annähernd vorstellen, was in den Köpfen von uns Männern vorgeht (wenn da mal was vorgeht) und bleiben folglich zumeist vom Verständnis der Handlung ausgeschlossen. Von daher – Jungs-Bücher eben.

Und nun hat Heinz Strunk diese Gedankenwelt eines sympathischen Losers, mit dem sich wohl viele treue Leser insgesamt oder zumindest in der ein oder anderen Szene immer wieder identifizieren konnten, in den Kopf eines höchst unsympathischen Losers verpflanzt, nämlich den des realen Mehrfachmörders Fritz Honka, mit dem sich sicherlich keiner der Leser identifizieren möchte. Obszöne Sprache, perverse sexuelle Begierden und umfassender zerstörerischer Alkoholmissbrauch machen bei einem primitiven Monstrum weit weniger Spaß als bei einem von Akne geplagten Jugendlichen. Viel weniger, oder offen gesagt: Gar keinen.

Das Feuilleton war umgehend vom rüden Ton der Erzählung begeistert und der “Goldene Handschuh” wurde mit Literaturpreisen überhäuft. “Eine neue Ästhetik – mir sagt das was!” (Asterix, Der Kupferkessel) Klar, die hatten ja vorher noch keinen Strunk gelesen. Ich aber habe nun zum wiederholten Male die immergleichen Gedankenfetzen und Satzfragmente konsumiert, die ich aus den vorherigen Büchern schon kannte und war von daher weit weniger beeindruckt als die offiziellen Rezensenten der Presse. Ich halte den “Goldenen Handschuh” (interessante Frage am Rande für die Germanisten unter meiner Blog-Leserschaft: Darf man einen zitierten Buchtitel grammatikalisch dem umgebenden Satz anpassen? Ich glaube: Doch, man darf) für ein ordentliches Buch von Heinz Strunk, gut recherchiert und geschrieben. Aber es ist nicht “sein literarischer Durchbruch”, es ist ein weiteres Buch seiner persönlichen Vergangenheitsbewältigung, nur dass er es (also die ganze private Malesse) diesmal einem bzw. mehreren anderen untergeschoben hat.

Vielleicht hat mich am vorliegenden Buch am meisten gestört, dass bis dato der in allen Büchern vorgetragene Hass des Zu-Kurz-Gekommenen auf die Welt, die Dinge, Mitmenschen und überhaupt alles immer mit einem feinen Unterton von Selbstironie und Galgenhumor versetzt war, was auch die peinlichsten und schlimmsten Schilderungen noch in irgendeiner Form erträglich machte, dies aber im “Goldenen Handschuh” gänzlich fehlt. Geblieben ist nur der Hass, und zwar allen drei Protagonisten.

Mein Fazit: Für den Strunk-Einsteiger durchaus geeignet, für den Strunk-Kenner eher nicht.

Doch gehet hin (zum lokalen Buchhandel), kaufet und leset selbst und tuet kund, ob Ihr meine Einschätzung teilet. Ok, jetzt mag es mal gut sein mit den ganzen “et”. Immerhin hat der Erfolg des Buches dem Autor endgültig die finanzielle Existenzangst genommen, wie er kürzlich in einem Interview mitteilte. Und das ist doch eine unterstützenswerte Sache, oder?

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

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Freiheit oder totale Überwachung?

Liebe Leser,

um Euch gleich zu enttäuschen: Es geht heute mal wieder nicht um ein politisches Statement, sondern um Jazz. Wer hätte es gedacht? Ein bisschen geht es auch um Werbung, aber dazu später mehr. Also, wie ist das beim Jazz?

Für Viele rotten sich da einige begeisterte Instrumentalisten zusammen und tröten drauflos, wie es ihnen gerade in den Sinn kommt. Völlige Freiheit!

Das ist natürlich (in den meisten Fällen… ähem) Unsinn!

Die Kollegen aus dem Pop, Rock und Blues hingegen sind zu oft der Überzeugung, dass durch die permanente Analyse und das jahrzehntelange Wiederkäuen der sogenannten Standards das Kernstück des Jazz, die Improvisation, zu einem starren Wiedergeben vorgefertigter Versatzstücke und Skalen verkommen sei. Verstöße gegen die ehernen Improvisationsregeln ahndet angeblich umgehend die Jazzpolizei, welche jeden Musiker total überwacht!

Das ist natürlich (in den meisten Fällen… ähem) ebenso Unsinn!

Da mein Freund und Musikerkollege Martin Eisenmeyer mit mir zusammen erst kürzlich den kleinen aber umtriebigen Verlag HM5 publishing gegründet hat, in welchem wir uns vorrangig dem Vertrieb handgefertigter Analysen populärer Jazzstandards verschrieben haben, ist mit solcherlei Vorurteilen aufzuräumen! Was Ihr nämlich unter

www.cheat-sheets.de

erwerben (und natürlich kostenlos ausprobieren) könnt, sind nämlich keineswegs konkrete Spielanweisungen für Standards des Great American Songbooks, sondern ausschließlich Vorschläge, welche dem noch etwas unerfahrenen Jazzmusiker zumindest einen Zugang zum jeweiligen Song ermöglichen. Das war jetzt der (erste) Werbeteil dieses Beitrags.

Erst neulich kam ein Nachbar (genauer gesagt, der ehemalige Nachbar eines Freundes – nicht zu verwechseln mit dem Nachbarn eines ehemaligen Freundes) auf mich zu, ich möchte ihm bei der Transkription eines Bossa (Abkürzung für Bossa Nova, eine Stilrichtung in der brasilianischen Musik, wird aber auch zum Jazz gerechnet) behilflich sein. Genau genommen hatte er nur den Text und bat mich um das Eintragen der Akkorde in die ausgedruckten Textzeilen. Interessant an dem ganzen Vorgang war allerdings, dass sich dieser Mann zwar wirklich ernsthaft der Interpretation von Jazzstandards widmen, aber keinesfalls auch nur eine Sekunde mit Harmonielehre oder gar Funktionsharmonik befassen wollte. Und DAS, liebe Leser, mögen Genies wie Django Reinhardt, Joe Pass und wie sie alle hießen und heißen, geschafft haben – der Amateurmusiker, der in seiner Freizeit gerne ein paar Jazzstandards zu Gehör bringen möchte, wird dies nur allein auf Gehör und Feeling vertrauend, nicht stemmen können.

Rudimentäre Kenntnisse von Vierklängen und harmonischen Stufen verkomplizieren das Spiel nicht, sie vereinfachen es. Ein möglicherweise komplex anmutender Song wird dadurch in überschaubare und verständliche Einzelteile zerlegt. Etwas vereinfacht ausgedrückt bleibt von einem Jazzstandard nach erfolgter Analyse eigentlich nur eine Abfolge von Akkorden aus unterschiedlichen Tonarten üblich. Wenn es gelingt, selbige für jeden Akkord herauszufinden, spielt man in einem Solo über den ganzen Song zumindest nicht mehr falsch.

In den oben erwähnten Cheat-Sheets machen wir nichts anderes, als eine solche Analyse in übersichtlichem Format auf einem DIN A4 Blatt darzustellen. So wird für jeden schnell ersichtlich, welche harmonischen Wendungen das jeweilige Stück nimmt und was man auf die Schnelle an jeder Stelle (ein Binnenreim!) spielen kann. Nicht: muss.

In meinem Bekanntenkreis gibt es viele Musiker. Profis und Amateure, was keinerlei Wertung über den jeweiligen Menschen beinhaltet, eine reine Feststellung der jeweiligen Profession. Das Problem mit unseren Spickzetteln (das ist die Übersetzung von “Cheat-Sheets”) ist, dass sie ein Profi nicht benötigt, denn er kennt ohnehin ein paar hundert Standards auswendig und hat sich in seiner Karriere schon seit langem ein System ausgesucht, mit dem er unbekannte Songs aufbereitet und in sein Repertoire überführt. Und zugegebenermaßen ähneln sich viele Standards doch sehr, so dass man sich am Ende nur noch einige Abweichungen merken muss (“… wie bei “I Got Rhythm” nur mit xy im Mittelteil… so in der Art etwa). Die Amateure dagegen sind bisweilen von ihrer handwerklichen Fertigkeit nicht in der Lage, auf die Schnelle eine beliebige Tonleiter wohlklingend zu intonieren. Und für das Einüben zu beschäftigt. Oder haben eben einfach keinen Bock drauf.

Daher kommt eine Kritik “Das ist ja keine Musik”, welche insbesondere aus dem zuletzt erwähnten Kreis geäußert wird, immer etwas stereotyp daher. Es ist die alte Leier, dass Menschen gerne über Dinge urteilen, sich aber damit nicht befassen wollen. Ich tappe ja bisweilen selbst in diese Falle, zum Beispiel, wenn ich – was ich aus ebendiesem Grund nicht in der Öffentlichkeit mache – über politische, wirtschaftliche und wirtschaftspolitische Themen diskutiere. Ich habe zu wenig Ahnung, aber zu viel Meinung. Taugt für den Hausgebrauch, jedoch nicht zur Verbreitung.

Natürlich ist die Angabe einer Basistonart oder der Vorschlag einer Skala keine Musik (ich bin ja nicht bescheuert), aber eine Hilfe zur Analyse oder zur spontanen Improvisation ist es allemal! Ich bin der unumstößlichen Überzeugung, dass man einen Standard ohnehin nur gut und gefällig vortragen kann, wenn man ihn sich gründlich erarbeitet hat und im besten Fall auswendig zu spielen vermag.

Die Cheat-Sheets (jetzt nochmal der obligatorische Werbeblock kurz vor dem Ende)

www.cheat-sheets.de

unterstützen den Jazzmusiker sowohl beim Erarbeiten der Standards wie auch auf der Bühne, wenn es gilt, über einen Song zu solieren, den man eben noch nicht gründlich ausgecheckt hat. Das allerdings wollte man ja ohnehin umgehend tun, oder?

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Multitasking

Liebe Leser,

ach ja, lange nichts mehr von Euch gehört. Ich hoffe, es geht Euch allen gut! Moment – Ihr habt ja nichts von mir gehört. Danke der Nachfrage, es geht mir gut. Andererseits, wenn es nichts zu maulen gäbe…

Am Wochenende hatte ich wieder einmal gespielt. Gitarre, nicht Fußball, falls hierbei Unklarheit bestand. Und es war ganz allerliebst. Ein 50. Geburtstag, bei dem man mich auf Empfehlung samt meiner Saxophonistin zur Beschallung bis zum Beginn des Tanzvergnügens, welches etwa ab 22 Uhr angesetzt war, engagiert hatte. Für eine ordentliche Gage, bei sehr kurzer Anfahrt und geringem Aufbauaufwand (eine gar nette Wortschöpfung). Allerdings war meine erprobte Gesellin anderweitig an diesem Abend verplant, was sie mir aber etwas zu spät mitteilte, nämlich als ich den besagten Job schon fest als Duo zugesagt hatte. Da der Kunde ja eben nur ein Duo Gitarre-Saxophon und somit neben mir keine bestimmte Person gebucht hatte und Marc, ein erfahrener Musikerkollege aus der Nachbarstadt Erlangen, wieder einmal bereit war, auszuhelfen, erachtete ich es nicht für notwendig, diese Substitution dem Geburtstagskind mitzuteilen. Allerdings war auch Marc in Terminschwierigkeiten und kündigte von vorneherein an, die Feier gegen 19 Uhr zu verlassen. Da wir ja schon ab etwa 15 Uhr zu spielen hatten, hielt ich auch das für kein Thema, um den Kunden damit zu beunruhigen. Etwa vier Stunden Anwesenheit von uns zwei Hochkarätern sollte die komplette Gage ja durchaus rechtfertigen.

Etwas kritisch wurde die Angelegenheit, als der Kunde zwei Tage vor seiner Feier bei mir anrief, um nochmal kurz den Ablauf durchzugehen. Gemäß der neuesten Planung sollte nun unsere dezente, aber stets geschmackvolle musikalische Untermalung erst um 16:30 Uhr starten, dafür aber bis 21:30 gehen, was in Summe ja wieder in etwa den vereinbarten vier Stunden entspräche. Gut, es sind fünf Stunden, nicht vier, aber so genau wollte ich dann auch nicht rechnen. Wobei ich mich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im Geringsten daran erinnern konnte, was wir tatsächlich bei unserem ersten Telefonat ausgemacht hatten. Marc würde aber definitiv um 19 Uhr verschwinden, was mir nun zweieinhalb Stunden Sologitarre bescheren würde. Es half nichts, die Wahrheit über meine nicht gänzlich gelungene Ersatzplanung musste mitgeteilt werden.

Dies führte zu äußerst unangenehmen längeren Gesprächspausen am Telefon, die mich zusehends zum Schwitzen brachten. Ich entschuldigte mich für meine Informationspolitik und stimmte sofort zu, als der Kunde vorschlug, die Gage um ein Viertel zu kürzen.

Am Samstag war ich überpünktlich beim Aufbau, Marc kam zeitgleich an und wir haben durchaus ordentlich abgeliefert (Heinz Strunk). Das Geburtstagskind und die gesamte Zuhörerschaft waren begeistert oder zumindest -eindruckt (ich glaube, die Konstruktion funktioniert mit diesen beiden Verben nicht wirklich) und unsere Gage wurde sogar noch etwas nach erhöht. Einwandfrei!

Eine kleine Anekdote – welche auch den Aufhänger dieses Beitrags bildet – soll aber erzählt werden: Bereits innerhalb des zweiten Sets kam eine resolute Dame mittleren Alters zu uns, um mir (Marc kann ja in solchen Situationen in sein Horn blasen, so dass er eindeutig nicht in der Lage ist, zeitgleich zu sprechen) die Modalitäten eines baldigst folgenden Gesellschaftsspiels zu erläutern – selbstverständlich WÄHREND ich meine Finger für eine schnelle Version von “The Days Of Wine And Roses” verrenkte.

Mir ist übrigens aufgefallen, dass wirklich jeder Auftraggeber oder Veranstalter einer Musikveranstaltung grundsätzlich jede Unterbrechung der Musik SOFORT und nicht etwa NACH einem Song realisieren muss. Obwohl unsere Stücke kaum mehr als drei Minuten dauern, was nach etwa einer Stunde Spiel offensichtlich hätte sein müssen, kann das Ende des Stückes keinesfalls abgewartet werden, sondern die Gestalten auf der Bühne sollen sich bitteschön umgehend einen gefälligen und nicht zu abrupten Schluss mitten im Chorus einfallen lassen. Eine kalte Vorspeise kann eben innerhalb von Sekunden verderben, wenn das Buffet nicht zeitgleich mit dem Auftragen der letzten Platte eröffnet wird. Oder so ähnlich.

Die erwähnte Dame wollte allerdings nicht unseren Vortrag unterbrechen, sie wollte nur einige Dinge in Ruhe mit mir absprechen, praktischerweise, während ich gerade auf der Bühne stand. Meinen hervorgepressten Einwand, ich könne mich jetzt wirklich nicht konzentrieren (was nicht ganz der Wahrheit entsprach, aber ich fühlte in dieser Situation einen Erziehungsauftrag), quittierte sie mit hochgezogenen Augenbrauen und einem bösen Blick. Sie beschwerte sich ob meiner Unverschämtheit beim Gastgeber, welcher allerdings auf eine Rüge verzichtete.

Dies ist beileibe kein Einzelfall. Da ich in meiner Tanzkapelle nur Gitarre spiele und mich nicht am Satzgesang beteilige (warum auch immer…), bin ich für konversationsfreudige Menschen ein willkommenes Opfer. Da wird schon mal unwirsch vom Bühnenrand aus herangewunken um mir eine Programmänderung oder einen Musikwunsch mitzuteilen. Den logischen Schluss, dass die Gitarrentöne aus den Lautsprechern tatsächlich von dem Typen mit der Gitarre im selben Moment erzeugt werden, ziehen die Allerwenigsten. Der Höhepunkt in einer wirklich langen Kette solcher Vorkommnisse war es, als eine redselige Tanzlehrerin unseren Bandleader in eine Diskussion verwickeln wollte, während er den (durchaus tragenden) Bass spielte und zugleich die dritte Stimme eines Evergreens ins Mikrofon sang. Unfassbar!

Spiele ich solo vor einer überschaubaren Anzahl von Zuhörern, hör ich bei solcherlei Ansprache mit dem Spielen auf und quittiere das unvermeidliche, peinlich berührte “Sie hätten jetzt aber nicht aufhören müssen!” mit dem knappen “Offensichtlich doch. Was gibt es denn?”. Das hilft zumeist, solche Unterbrechungen für den Rest des Abends zu vermeiden.

An diesem Samstag trat zwischen meinen Einlagen auch noch der ortsansässige Gospelchor auf und sang dem Geburtstagskind mehrere Ständchen. Doch keiner der anwesenden Gäste wäre selbst während der drögen und nicht besonders anspruchsvollen Darbietung von “Oh Happy Day” auf die Idee gekommen, eines der Chormitglieder anzusprechen. Das macht man nur mit Musikern, denen man zutraut, neben hochkomplizierten Gitarrenpassagen locker ein Schwätzchen zu halten.

Permanent-Optimisten dürften demnach solcherlei Gedankenlosigkeit und Ignoranz als Kompliment an ihre musikalische Fertigkeit ansehen. Ich finde es einfach… äh… gedankenlos und ignorant.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

 

Inside Jazz VII – Jazzworkshop Erlangen 2017

Liebe Leser,

im Moment spiele ich mehr live als dass ich online schreibe. Das mag sich wieder ändern, ist aber derzeit eben so. Deshalb kommt auch dieser eigentlich top-aktuelle Blogbeitrag mal wieder eine Woche zu spät und ist daher semi-top-aktuell.

Nun also kam ich am Sonntag (ähem… vor einer Woche) vom Internationalen Erlanger Jazzworkshop zurück. Und da gibt es ja stets allerhand zu erzählen. Eine ausführliche Beschreibung des Workshops findet sich hier >>>, so dass ich gleich zu den Dingen kommen kann, die mir in diesem Jahr besonders aufgefallen sind.

“Immer wenn ich die Szene wieder sehe, entdecke ich ein neues Detail!” – aus Asterix, Die Odyssee.

Der Workshop 2017 fand zum 37. Mal unter der Leitung des Erlanger Bassisten Rainer Glas statt, zum zweiten Mal in den Räumen der VHS Erlangen, im Egloffstein’schen Palais in der Friedrichstraße. Eine sehr schöne und für die Anforderungen des Workshops gut geeignete Lokation.

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Dozenten waren 2017 Romy Camerun (Gesang), Rainer Glas (Kontra- und Fretless-Bass), Patrick Scales (E-Bass), Helmut Kagerer (Gitarre), Bernhard Pichl (Klavier), Andrey Lobanov (Trompete), Rick Margitza, Joachim Lenhardt und Hubert Winter (alle Saxophon), Jürgen Neudert (Posaune), Harald Rüschenbaum und Christoph Huber (beide Schlagzeug), eine illustre Schar hochkarätiger Musiker. Erstmals in diesem Jahr dabei waren die Saxophonisten Joachim Lenhardt aus Nürnberg und Rick Margitza aus den USA sowie der Regensburger Gitarrist Helmut Kagerer.

Wie erwähnt findet dieser Workshop bereits seit 37 Jahren unter der engagierten, umsichtigen und geduldigen Leitung von Rainer Glas statt und so einige hervorragende Musiker haben in der Osterwoche der vergangenen Jahre ihren letzten Schliff bekommen und sind seitdem erfolgreich als Profi-Musiker unterwegs. Viele Teilnehmer erleben auf dem Jazzworkshop ihr Coming-Out als Jazzer und machen in ihrer musikalischen Entwicklung einen Quantensprung.

Was vielen Unkundigen nicht klar ist: Man fährt nicht nach Erlangen, um hochkarätigen Instrumentalunterricht zu bekommen und fundierte Harmonielehrelektionen zu hören – das gibt es sozusagen als Sahnehäubchen obendrauf, aber eben auch an anderen Orten – man tankt Jazz!

Alle oben genannten Dozenten und die meisten Kursteilnehmer vereint nämlich die Liebe und die Leidenschaft zu dieser Musikrichtung, die wie keine andere auf dem Grat zwischen festem Arrangement und Spontanität oder zwischen verkopfter Theorie und urwüchsiger Spontanität balanciert. Diese krude Mischung macht es aus. Zudem findet sich in dem wilden Potpourri der einzelnen Stile des Jazz für fast jeden Geschmack eine Nische.

Die Aufnahmebedingungen zur Teilnahme am Internationalen Jazzworkshop in Erlangen sind nicht hoch. Rainer Glas fordert in den Anmeldeformularen zwar die Beherrschung einfacher Standards wie “Autumn Leaves” oder “Blue Monk” , aber es geht auch ohne, wenn nur genügend Enthusiasmus und ordentliches musikalisches Handwerkszeug vorhanden ist. Nun gibt es in jedem Jahr einige Kandidaten, die sich gewaltig überschätzen. Ich selbst bin vor 10 Jahren in Erlangen mit der Überzeugung angetreten, 30 Jahre Gitarre in verschiedensten Genres “würden für die verhärmten Jazzer wohl reichen”. Puh, die haben es mir aber gezeigt, die “verhärmten Jazzer”. Dennoch hat man mich, damals in Rainers Combo, mit offenen Armen empfangen und wir haben auf dem Abschlusskonzert mit unserem bunt gemischten Haufen einen durchaus respektablen Auftritt abgeliefert.

“Das Wichtigste ist immer noch, dass du geil abgeliefert hast!” – aus “Fleisch ist mein Gemüse” von Heinz Strunk   

Voraussetzungen für Neulinge sind meines Erachtens die Liebe zur Musik (in diesem Fall zum Jazz), der Wille, Neues zu erlernen und der Respekt vor dem Bandleader, also dem Dozenten, welcher nachweislich ein Meister seines Fachs ist. Und daran hapert es bisweilen.

Neben vielen Talenten finden sich leider auch alljährlich ein paar Fälle, denen beim besten Willen nicht zu helfen ist. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es in irgendeiner Form auch nur die geringste Form der Einsicht gäbe. Oder wenigstens eine realistische Selbsteinschätzung. Es gibt nämlich gegen falsches Spiel ein patentes Rezept: Finger weg vom Instrument! Nun hat sich aber offensichtlich  in unserer schönen Zeit der Gedanke verbreitet, dass durch die Zahlung eines überschaubaren Geldbetrags jeder unmusikalische Trottel ein Anrecht darauf hätte, mit seinem stümperhaften Spiel in einem Jazzensemble zu glänzen, auch wenn er selbst nicht die geringste Ahnung von Musik hat. Da ja bekanntlich immer die Anderen schuld sind, nimmt man bei Songs, die trotz ihres überschaubaren Schwierigkeitsgrades definitiv die eigenen musikalischen Fähigkeiten überfordern, nicht etwa höflich die Finger von den Tasten, nein, die Welt hat sich um unseren verhinderten Musikus (das Maskulinum steht hier nur zur Vereinfachung des Satzbaus) zu drehen. Wenn schon die Einwürfe vom Klavier zur falschen Zeit, mit den falschen Tönen und selbstverständlich ohne jegliche Form (welche den organisatorischen Ablauf eines Liedes beschreibt, z.B. Strophe-Refrain-Strophe usw. oder z.B. AABA im Jazz) kommen, muss durch die Lautstärke und Eindringlichkeit des Geklimpers zumindest auch der Rest der Band aus dem Song fliegen. Totale Vernichtung. Und dann noch beschweren, wenn es keinem gefällt. Solch impertinenter Egoismus ist mir in den früheren Kursen nicht aufgefallen.

Als Konsequenz wird sich Rainer wohl zukünftig von Workshop-Kandidaten, die von ihrer “klassischen Ausbildung” schwadronieren, mal im Vorfeld ein Ständchen spielen lassen, vorzugsweise einen Jazzstandard, aber wenn es sein muss auch eine Beethoven-Sonate. Wobei solcherlei Audition eigentlich überhaupt nicht sein Ding ist. Wie so oft resultiert also eine stärkere Reglementierung aus Egoismus und Selbstüberschätzung. Ein befreundeter Fahrlehrer brachte es schon vor vielen Jahren etwas überspitzt auf den Punkt:

Wenn die Menschen nicht so egoistisch und dumm wären, hätten wir heute kein einziges Verkehrszeichen!

Das kann man durchaus auf viele Bereiche des Lebens übertragen, eben auch auf einen Jazzworkshop.

Zum Schluss noch eine düstere Gruselgeschichte: Seit vielen Jahren halten sich Gerüchte, dass ab Januar vermummte Schlägerbanden durch den Großraum Erlangen ziehen, um zu später Stunde an uneinsehbaren Orten untalentierte Schlagzeuger zu shanghaien und sie auf den Jazzworkshop verschleppen. Das ist anscheinend kein Gerücht sondern die reine Wahrheit! Anders kann die Aussage eines schlagwerkbedienenden Kursteilnehmers “Eigentlich mag ich gar keinen Jazz” nicht erklärt werden. Jener Geselle, der nach eigenen Angaben in etwa einem halben Dutzend Rockbands seit Jahrzehnten seinen Dienst tut, verblüffte die Bläsersektion seiner Combo, die angesichts des vertrackten Satzes um die Reduzierung des Tempos bei einem Übungsdurchlauf bat, mit der fachkundigen Aussage: “Tempo 100, Tempo 110, Tempo 120 – ist eh alles dasselbe!”

Wer sich derart aufopferungsvoll um die rhythmischen Belange seiner Combo kümmert und dabei noch nicht einmal den Jazz mag, kann nur gegen seinen Willen auf dem Workshop sein. Fußketten oder Ähnliches sind mir allerdings nicht aufgefallen.

Dennoch war der Jazzworkshop 2017 insgesamt ein tolles Ereignis und definitiv ein Höhepunkt in meinem musikalischen Jahr. Insbesondere von den Dozenten Romy Camerun und Helmut Kagerer gab es für mich eine Menge zu lernen (von den anderen erfahrungsgemäß auch, nur deren Stunden habe ich dieses Jahr nicht besucht) und ich freue mich auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr!

Wie immer waren die allermeisten Kursteilnehmer sehr nette Menschen und gute Musiker. Die Mutantenquote (Vollpfosten/100 Teilnehmer) lag nur bei etwa 3 Prozent, was weit unter dem üblichen Schnitt in unserer Bevölkerung liegt!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Inside Jazz VI – Das ist doch keine Musik!

Liebe Leser,

den Satz “Das ist doch keine Musik!” kriege ich von durchaus versierten Musikerkollegen zu hören. Aber nicht ob irgendwelcher unzureichenden Live-Darbietungen meinerseits – es geht um Geschriebenes. Wie so viele Jazzer schnappe ich mir bisweilen einen Standard – am liebsten einen, der mir gefällt – und analysiere ihn funktionsharmonisch. Das bedeutet, ich setze die vor über 120 Jahren durch Hugo Riemann formulierten Regeln der Funktionstheorie zur Analyse von Werken aus dem Great American Songbook ein, um zu verstehen, wie der jeweilige Song funktioniert. Im wesentlichen habe ich das auf dem Jazzworkshop in Erlangen erlernt, den Rest habe ich mir unter Zuhilfenahme einschlägiger Literatur durch ständige Beschäftigung mit der Materie selbst beigebracht.

Das betreffende Sheet sieht danach zumeist noch viel schlimmer aus, als es durch unzähliges Kopieren verursacht schon vorher ausgesehen hatte. Jeder Takt ist mit Stufenbezeichnungen und Skalenvorschlägen bekritzelt und so manche alternative Begleitung ziert den Rand. Insbesondere die Kollegen aus dem Rock und Blues halten solcherlei Tätigkeit für eine bürokratische Verkopfung des ursprünglichen Musizierens aus dem Bauch. Der Anblick eines vollgeschriebenen Sheets ruft bei den ohnehin papierscheuen Rock- und Bluesmusikern eben häufig das zitierte “Das ist doch keine Musik!” hervor. Klassiker haben ganz andere Probleme mit den Noten und die Schlager- und Technofuzzies verstehen schon gar nicht, worum es geht.

Natürlich ist ein Stück beschmierter Zellstoff keine Musik und das Abspulen von festgelegten Tonleitern auch nicht. Dass einige unserer Jazzkollegen glauben, sich zu streng an irgendwelche vorgefertigte Regeln (“spiel alteriert über Septakkorde”) halten zu müssen, hat uns allen diesen schlechten Ruf eingebracht. Zumeist sind es unerfahrene, unmusikalische oder verbohrte Zeitgenossen, die anderen vorschreiben wollen, was über welchen Akkord zu spielen sei.

Die Funktionsanalyse selbst ist – um mit meiner Lieblingsserie “Dr. House” zu sprechen – nur ein (nicht das einzige) Mittel zur Diagnose, nicht zur Therapie. Mit dem Unterschied, dass die Diagnose oft nicht eindeutig ausfällt, was die Sache noch spannender macht. Lest beispielsweise meinen Artikel zur “Rückung, wo ein immergrünes Thema aus der Jazzharmonik aufgegriffen wird, welches man eben so oder anders sehen kann. Da gibt es dann kein “richtig” oder “falsch”, sondern eben zwei Möglichkeiten der Interpretation.

Die Analyse eines Jazzstandards kann als triste Spielanleitung missbraucht werden, muss aber nicht. Vielmehr dient sie dazu, die Ideen des oft genialen Komponisten nachvollziehen zu können und dessen Werk mit eigenen Gedanken zu interpretieren bzw. darüber zu improvisieren. Und für den Einsteiger bietet dies zumindest mal eine grobe “Landkarte”, dass er sich beim Solo nicht völlig “verfährt”. Metaphern aus dem Straßenverkehr werden auch in der Musik gerne herangezogen…

Die Erkenntnis, wie ein Komponist in einem Jazzstandard seinen Ausflug in andere Tonarten elegant beendet und mit einer überraschenden Wendung wieder in die die Basistonart zurückkehrt, bereitet Freude. Zudem bin ich der festen Überzeugung, dass einen das Wissen um harmonische Zusammenhänge auch in der Praxis besser spielen lässt. Habe ich beispielsweise das Prinzip einer “vermollten Subdominante” verinnerlicht, kann ich über eine solche auch gut spielen, wenn sie mir von einem Musikerkollegen in einer Eigenkomposition präsentiert wird. Ist übrigens kein Jazzerkram, sondern auch von Elvis Presley (u.a. in “Love me tender”) oder den Beatles häufig eingesetzt.

Es ist nicht verwerflich, zu erkunden, warum eine Musik gut klingt. Wenn also Menschen, die ihre musikalische Erfüllung in dem immergleichen Abspulen einer – zugegebenermaßen gut klingenden – Bluesskala über drei Akkorde finden, am Aufspüren einer Doppelmollsubdominate (ist mein härtester Begriff aus der Funktionstheorie – nehmt das, Ihr Warmduscher!) keine Freude haben, ist das zwar nachvollziehbar, aber deren Problem und nicht meins.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Inside Guitar – der Winter 16/17

Liebe Leser,

seit über 40 Jahren bin ich Gitarrenbesitzer, mir kann keiner was erzählen über diese königlichen Zupfinstrumente. Mit dieser bescheidenen Selbsteinschätzung lag ich mal wieder – wie so oft – daneben.

Lagerten wir unsere Instrumente und das restliche Equipment in den 1970ern noch ungeschützt in feuchten Kellerlöchern, die uns auf allen Geräten eine feine Patina aus Schimmel und sonstigem Widerlichen bescherten, so ist heutzutage jede noch so popelige Gitarre im feuerfesten und erdbebensicheren Flightcase gelagert oder steht im gut beheizten und trockenen Wohnzimmer. Feuchtigkeit war der Feind des Zupfinstruments und auf jeden Fall zu vermeiden, stimmt’s? Das hielt ich bei meinen Gitarren die letzten 30 Jahre so und es gab keine Komplikationen. Never change a running system!

Zwischen den hier im Blog schon teilweise gepriesenen Archtops spiele ich bisweilen eine Maccaferri-Gitarre von Gitane mit kleinem Schallloch:

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So ein Modell – natürlich von Selmer, nicht aus chinesischer Massenfertigung – hat Django Reinhardt gespielt. Die von Mario Maccaferri Anfang der 1930er Jahre entwickelten Gitarren sind durch ihre spezielle Konstruktion recht laut (wenn man sie heftig mit dem Plektrum malträtiert) und waren von daher für einen Gitarristen wie Django, der sich in prä-elektrischen Zeiten unverstärkt stets gegen eine Horde rücksichtslos vor sich hinschraddelnder Rhythmusgitarristen durchsetzen musste, die idealen Instrumente. Die mangelnde Detailkenntnis um die besonderen Konstruktionsmerkmale von Maccaferri-Gitarren hat mir übrigens kürzlich einen Schaden an der Gitarre und Euch eine heitere Anekdote beschert, die ich allerdings ein andermal erzählen werde. Versprochen.

Wenn irgendwo auf einer Feier oder in der Kneipe ein bisschen akustisch zu musizieren ist, dann muss meine Maccaferri ran. Der oben abgebildete Schnappschuss ist aus dem Jahr 2013 bei einer Dienstagssession in meiner damaligen Stammkneipe. Ach, selige Zeiten. Die Gitane hat auf jeden Fall schon einen Streifen mitgemacht und ist hart im Nehmen.

Vor ein paar Tagen nahm ich sie nach längerer Zeit mal wieder aus dem Koffer und klimperte ein paar Takte. Und – oha – sie schnarrte gar schröcklich und war etwa ab dem 9. oder 10. Bund überhaupt nicht mehr zu bespielen, da die Saiten heftig an den Bundstäben jenseits des 12. Bundes anschlugen. Ein Blick entlang am Hals genügte, um festzustellen, dass selbiger sich böse verzogen hatte. Nun gibt es ja wie bei den meisten modernen Gitarren zur Einstellung der Hals- bzw. Griffbrettkrümmung den Spannstab, einen im Hals versenkten Gewindestab, mit dem man unter Verwendung eines  Innensechskantschlüssels die Halsspannung und damit auch dessen Krümmung einstellen kann. Im Uhrzeigersinn (UZS) drehen erhöht die Spannung, verringert also im Prinzip den Abstand Griffbrett-Saite, gegen den UZS drehen verringert die Spannung und erhöht somit den Saitenabstand. Im Prinzip. Eine Vierteldrehung ist schon meist genug um einen Effekt zu erzielen. Im Prinzip. Ich ließ eine halbe Drehung nach. Die Gitarre schnarrte weiterhin und die Krümmung des Halses sah inzwischen schon etwas sonderbar – warum fällt mir an dieser Stelle der Bogen des Odysseus ein? – aus, worauf ich mit der Dreherei am Halsspannstab aufhörte. Auch mein ultimativer Kniff, das Unterlegen kleiner Hartholzfurnierstreifen unter den Steg, was normalerweise ebenfalls die Saitenlage nach oben korrigiert, fruchtete nicht. Mist! Totale Niederlage. Ich würde die Maccaferri zum Händler meines Vertrauens bringen müssen, der neben gut sortierten Verkaufsräumen auch eine kompetente Werkstatt mit fest installierten Gitarrenbaumeister bietet.

Da ich noch ein anderes Instrument zu BTM-Guitars (darf ich an dieser Stelle ruhig benennen – die Jungs haben es drauf und ich bin seit etwa dreißig Jahren zufriedener Kunde) bringen und keine zwei Koffer schleppen wollte, blieb die Maccaferri zunächst noch zu Hause. Ich klagte nach der Notaufnahme der anderen Gitarre Matt, einem der beiden Besitzer, mein Leid mit der Gitane. Und er hatte eine erschreckend banale Erklärung für die ganze Malesse: Der Winter 2016/2017 war besonders trocken. Haha, der berühmte extra-trockene Winter 16/17…

Gut, dass extrem trockene Luft auf Dauer einer Gitarre mehr schadet, als etwas zu viel Luftfeuchtigkeit war mir inzwischen bekannt. Das können übrigens auch Millionen von indonesischen oder vietnamesischen Gitarristen bestätigen. Aber in den letzten 20 Jahren – und so lange habe ich die Gitane mindestens – ist mir solcherlei in keinem Winter passiert. Stimmt, sagte Matt, ihm auch nicht. Aber dieses Jahr sei es eben anders, auch bei seinen eigenen Instrumenten. Es würde sich auch nicht immer zwangsläufig der Hals verziehen, es senke sich bisweilen auch die Decke. Ein Problem, das mechanisch ja gar nicht aus der Welt geschafft werden könne. Ja, stimmt, und DAS wäre ja nun wirklich ärgerlich.

Die Abhilfe und somit die Reparatur sei aber ganz einfach: Sorge für etwas Feuchtigkeit! Nicht völlig überzeugt – ehrlich gesagt glaubte ich noch nie an die ganzen Zu-Trocken-Anekdoten – kaufte ich für kleines Geld einen weiteren (ich hatte schon mal so ein Ding, es aber eher halbherzig und daher nur selten eingesetzt) Feuchtigkeitsspender speziell für Gitarren, eine Art gelochter Schlauch, welcher mit wasserspeicherndem Material gefüllt ist, den man in das Schall- oder F-Loch der betreffenden Gitarre steckt und etwa alle drei Tage für ein paar Minuten zum Vollsaugen in ein Wasserbad legt. Zu Hause also Koffer auf, Befeuchter in die Gitarre, Koffer zu, zwei Tage warten.

Der Effekt der Behandlung war bereits nach zwei Tagen verblüffend! Alle offensichtlich hydrophilen Holzbestandteile der Gitarre hatten sich wieder in ihre angestammten Positionen zurückbegeben, so dass ich auch umgehend meine Manipulation am Spannstab rückgängig machte, also wieder eine halbe Drehung im UZS nachzog. Die Gitarre ist wieder leicht bespielbar und rasselt nicht mehr, als es Maccaferris in dieser Preisklasse ohnehin zu tun pflegen. Zauberei!

Ich rechne es Matt hoch an, dass er mich nicht die Gitarre in die Werkstatt bringen ließ, um mir für die Behandlung mit etwas Feuchtigkeit einen erklecklichen Geldbetrag abzunehmen. Man lernt eben nie aus. Und kommt mir jetzt nicht mit dem “Das-kann-man-aber-als-langjähriger-Gitarrist-wissen”-Quark, wer soll denn sowas angesichts des kammergetrockneten und dick lackierten Holzes aus chinesischen Kunststofffabriken ahnen? Holz ist eben immer noch ein Naturprodukt.

Als Fazit bleibe die Erkenntnis, dass auch langjährige Erfahrung nicht vor Ungemach schützt. Und dass die Maccaferri zwar anscheinend unversehrt durch den Trockenwinter 16/17 gekommen ist, sich aber dennoch einen Schaden eingefangen hat, weil ich wieder einmal etwas desinformiert war, hatte ich schon erwähnt.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Blattspiel

Liebe Leser,

ich kann es nicht wirklich, viele können es: Blattspiel. Die Fertigkeit, schwarze Punkte auf zumeist weißem Papier mit dem Instrument in Musik verwandeln zu können. Zauberei! Bei so mancher Gelegenheit habe ich meine Kollegen bewundert, denen vom Bandleader ein Arrangement oder eine mehrseitige Partitur auf den Notenständer geknallt wurde, welches bzw. welche diese dann ohne Probe nach dem Einzählen stehenden Fußes spielten, während ich noch in der Jackentasche nach meiner Lesebrille angelte um dann mit irrem Blick auf die Blätter zumindest im Ansatz zu verstehen, wie das Stück funktioniert. Gib mir 10 Minuten, dann halte ich durchaus mit. Aber eben nicht vom Blatt.

Der aufmunternde Schulterklopfer meiner blattspielenden Kollegen und der Hinweis, die Übung mache es eben, hilft nicht wirklich. Denn sobald ich eine kleine Passage vom Sheet bzw. Notenblatt spiele (ja, in sehr moderatem Tempo kriege ich das hin), kann ich sie nach dem dritten Durchgang zumeist schon auswendig spielen, nach dem zehnten sicher. Und dann ist der Blick auf das Notenblatt je eine unnötige Anstrengung und dient nicht mehr der Übung. Das ist definitiv ein Luxusproblem, denn viele Blattspieler möchten mit mir tauschen, also besser auswendig lernen, dafür schlechter vom Blatt spielen. Ich will mich ja gar nicht beschweren. Nebenbei – wenn mich manchmal jemand fragt, woher es denn käme, dass ich so viele Stücke auswendig spielen könne, verrate ich meinen tollen Trick: Ich übe die Songs nicht einmal oder zweimal, sondern hundertmal. Und dann bleibt auch meistens was im Gedächtnis hängen. Super, was?

Der große Joe Pass hat in einem Interview erzählt, dass er als Autodidakt, der stets nur durch Abhören und Ausprobieren sein virtuoses Spiel entwickelt hatte, in fortgeschrittenem Alter das Spiel vom Blatt (widerwillig) erlernte, weil er ein paar Studiojobs ergattern wollte. Was ihm dann auch gelang.

Es gibt also keinen Grund, nicht zu versuchen, ebenfalls die Fähigkeit des Blattspiels zu erlernen, oder? Und dennoch drücke ich mich seit vielen Jahren davor. Da ich von jeher weitaus mehr Mühe für die argumentative Begründung aufwende, eine Sache nicht zu tun, als sie einfach zu machen, stieß ich bei solcherlei Grübelei (gilt das als Binnenreim?) auf den entscheidenden Grund, diese Sache wieder mal NICHT anzupacken:

Der schlechte oder auch mittelmäßige Blattspieler macht bei der Darbietung nämlich erheblich mehr Fehler als der Auswendigspieler! Das liegt daran, dass der Blattspieler das Rad quasi jedes Mal neu erfinden muss, während der Auswendiglerner das Stück schon mehrmals bewusst gespielt und viele Klippen und Widrigkeiten schon umschifft hat. Ok, zu viele Metaphern, aber einleuchtend, oder? Die oben erwähnten Kollegen haben mir gegenüber tatsächlich einen Startvorteil. Aber im dritten Durchgang der Probe spielen sie immer noch die notierten Linien, während ich schon längst die Form des Songs verinnerlicht und harmonische Finessen ausgecheckt habe.

Ich halte fest: Um einen mittelschweren Song ordentlich vom Blatt zum Besten geben zu können, müsste man also nicht nur ordentlich, sondern ausgezeichnet nach Noten spielen können. Und um das zu lernen, liebe Leser, fühle ich mich inzwischen zu alt. Im Rücken zwickt es auch schon.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige