Sommer Session Oberhaid 2020

Liebe Leser,

ein echtes Highlight in meinem musikalischen Jahr ist die „Sommer Session Oberhaid“, welche seit über 20 Jahren im Juli im beschaulichen oberfränkischen Oberhaid stattfindet. Anfangs als kleine Session am Waldrand gestartet, entwickelte sich die Session unter der Leitung des Unternehmers und Musikers Gerhard Förtsch schnell zu einem überregionalen Ereignis, welches in den letzten Jahren jedes Mal 1500 – 2000 Besucher anzog.

Das musikalische Zentrum bildet hierbei die Truppe aus Musikern alter und aktueller Bands rund um den Sänger, Gitarristen, Mundharmonikaspieler, Schlagzeuger und Mundtrompetenspieler Gerhard Förtsch und den Sänger und (hervorragenden) Gitarristen Philipp Arnold. Die Session-Band ist mit fünf Musikern (Gitarre, Gitarre, Keyboard, Bass, Schlagzeug) komplett besetzt und liefert das Rahmenprogramm zur Session, welche in normalen Jahren schon mal gute sechs Stunden dauert, wobei hier jede Menge Gäste solo, mit dem eigenen Ensemble oder eben zusammen mit der Session-Band auftreten.

Ich hatte in den vergangenen Jahren schon mehrmals in Oberhaid gespielt (der einzige Jazzer auf weiter Flur) und mich über die Einladung zur Session 2020 riesig gefreut. Nun ist ja dank Corona seit März alles anders. Es erschien mir im Mai völlig aussichtslos, dass eine Veranstaltung dieser Größe in Corona-Zeiten durchgeführt werden könnte. Und mit maximal 100 Personen (oder vielleicht 200) über einen Sportplatz verteilt hätte es wohl keinen Sinn.

Doch Gerhard Förtsch ist nicht umsonst der erfolgreiche Gründer und jahrzehntelanger Geschäftsführer eines erfolgreichen Kommunikationstechnik-Unternehmens. Er beschloss, aus der Not eine Tugend beziehungsweise aus dem Live-Event einen Live-Stream zu machen. Es musste die Anzahl der auftretenden Musiker reduziert und für die gesamte Vorbereitung sowie den Abend selbst ein Hygienekonzept erstellt und auch kommuniziert werden. Das ganze sollte ohne Live-Zuschauer quasi im Garten von Gerhard stattfinden, welcher nicht leicht zugänglich im Oberfränkischen liegt. Am Freitag, also am Tag vor der Session, machte ich mich erstmals auf den Weg zum Aufbau und Soundcheck.

Das hatte ich mir definitiv… kleiner vorgestellt! Obwohl die Anzahl der Musiker in diesem Jahr auf ein gutes Dutzend beschränkt war, waren auf dem Gelände zwei „Bühnen“ eingerichtet (Abteile im großen und wunderschönen Garten), welche von einer Horde engagierter und fachkundiger Techniker und Helfer mit allem verkabelt wurden, was das Herz des Musiker begehrt. Naja, eben Strom und Zugang zum Mix per DI-Boxen oder Line-Out-Verteiler.

Stefan, der erfahrene Livesound-Mixer aus vielen Vorjahren, nahm dieses Jahr im Regieraum Platz, wo er zum Bild-Stream den (hervorragenden) Live-Sound mischte. Neben Hulk an der Bildregie und Thomas als Regieassistenz hatten diese drei dafür zu sorgen, dass das Material von 5 Kameras und unzähligen Mikrofonen unversehrt in den Stream gespeist wurde. Und wie man in Youtube 

https://www.youtube.com/watch?v=LzivMn3E1UQ&t=12315s

nachprüfen kann, ist es ihnen hervorragend gelungen. Es war eine immerhin 3,5 stündige Live-Sendung!

Zwischen den Sets der Sessionband (Gerhard Förtsch (git, voc), Philipp Arnold (git, voc), Robert Wild (b), Marc Dotterweich (keyb), Jürgen Stahl (dr)) gab es Auftritte einzelner Künstler solo, im reduzierten Ensemble oder mit der Sessionband zusammen. Es spielten bzw. sangen Wolfgang Rosenbusch, Eva Arnold, Simon Arnold, Jürgen Scharfenberg, Sophie Dirkea, Adam MacThomas, Nomi & Mac sowie meine Wenigkeit.

Wir Musiker hatten es wirklich gut! Bereits beim Soundcheck/Warm Up am Freitag war für das leibliche Wohl bestens gesorgt und am Samstag gab es sogar für die doch überschaubare Zahl an Musikern und ihren Angehörigen eine eigene Cocktail-Bar, die von dem lokalen Barkeeper Tobias Sack professionell bedient wurde. Ab etwa 17 Uhr stand ein reichhaltig bestücktes Buffet auf der Terrasse, das keine Wünsche offen ließ. Und gespielt haben wir auch – alles von ABBA bis ZZ Top, Folk, Rock, Blues, Schlager und Jazz. Eine Riesen-Sause mit durchgehend guter Musik!

Wie die Auswertungen ergaben, haben sich mehrere Tausend Menschen den Stream auf Youtube und Facebook angesehen. Es gab mehr als eine Garten- oder Grillparty, auf der die Session gesehen oder zumindest gehört wurde. Gerhard Förtsch führte witzig, locker und stets charmant durch den Abend, wobei er Moderation, Organisation und auch seine musikalischen Beiträge virtuos im wahrsten Sinne des Wortes „über die Bühne“ brachte. Eine gewaltige Leistung!

So war die Sommer Session Oberhaid 2020 auch in finsteren Corona-Zeiten ein echtes Highlight. Auch wenn wir natürlich alle hoffen, im nächsten Jahr wieder vor leibhaftigem Publikum spielen zu können, war die diesjährige Session ein echter Knüller. Zappt mal rein, vielleicht springt der Funke auch von der Konserve über. Wie immer war mein Jazz-Beitrag (präziser: Bossa-Nova-Beitrag) etwas deplatziert, kam aber gut an. Und die eine oder andere CD wechselte den Besitzer, was mich sehr freute. Besprechung der neuen CD folgt!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Durchlauferhitzer

Liebe Leser,

eigentlich wollte ich über meine neue CD schreiben. „Was denn, hast Du doch erst letzte Woche!“ werden aufmerksame Leser sagen. Aber nein, da gibt es doch schon wieder etwas Neues – die Spannung steigt ins Unermessliche. Gemach! Bald!

Statt dessen soll es mir – quasi eingeschoben wie dieser Einschub – um einen Menschenschlag gehen, der einem das Leben wirklich schwer machen kann. Ich nenne diese Leute Durchlauferhitzer, was elegant den Bogen zum aktuellen Blogtitel schlägt.

In fast allen meiner außermusikalischen Tätigkeiten muss ich in regelmäßigen Abständen irgendwelche Druckvorlagen oder Bilder an Hersteller von… nun ja, eben Zeitschriften, Zeitungen oder sonstigen Medien liefern. Ob ich hier als Designer, Layouter, Druckvorlagenhersteller oder Comiczeichner tätig bin, ist unerheblich. Das Prinzip ist stets dasselbe. Meine Redakteure, Hersteller oder Drucker sind alle lange im Geschäft und erfahren in ihrem Metier. Wie jeder Mensch mache ich Schreib- und auch sonstige Fehler, welche zumeist nach kurzer Konversation von mir oder auch meinem Gegenüber umgehend korrigiert werden.

Aber eine junge Dame, ihres Zeichens Sales Managerin bei einem kleinen Verlag, schickt mir JEDE Druckvorlage mit „Fehlern“ zurück. Unglücklicherweise habe ich bei dieser Ansprechpartnerin ein nervöses Händchen, so dass mir tatsächlich überdurchschnittlich viele Ungenauigkeiten oder Fehler unterlaufen. Es ist wie verhext. 

Nun ist es so, dass meine Geschäftspartner ihr Handwerk verstehen. Schicke ich zum Beispiel an meine Lieblingsdruckerei (Müller, 90461 Nürnberg – ein bissl Werbung kann in diesen Zeiten nicht schaden) einen Schwung Bilder, bei denen eins aus Versehen im RGB- und nicht CYMK-Format vorliegt, korrigiert dies der Mediengestalter meines Vertrauens ohne großes Tamtam. 

Von Frau Sales Managerin (die zufällig die Tochter des Verlagsleiters ist, welcher zufällig Vorsitzender des Bundesinnungsverbands ist… es ist zum Weinen!) bekomme ich aber JEDE Arbeit zurück, weil ihre Grafikerin mit der Layoutsoftware einen stumpfen automatisierten Check ausführt, der diverse Fehlermeldungen spukt. Und hier kommt die Krux. Frau Sales Managerin ist nämlich fachfremd. Meine Nachfragen oder auch flinken Workarounds versteht sie gar nicht. Dürfte ich direkt mit der Grafikerin oder der Herstellung kommunizieren, wäre das jeweilige Problem schnell aus der Welt geschafft. Dann hätte Frau Sales Managerin allerdings auch keinen Job mehr. Und das geht nicht, weil Tochter des Verlagsleiters, der seinerseits… und so weiter.

Diese Durchlauferhitzer, die es in jedem Betrieb und jeder Organisation gibt, welche aus familiären oder sonstigen Gründen Minderbegabte an Schreibtische setzen, sind eine echte Plage. Unfähig oder unbefugt, selbständig Entscheidungen zu treffen, sind sie sich ihrer misslichen Lage und ihres unsicheren Jobs bewusst und stets bemüht, sich – zumindest augenscheinlich – unentbehrlich zu machen, indem sie jedem Lieferanten penibel zur Einhaltung auch der sinnlosesten Regelung verpflichten, nur weil sie eben selbige endlich auswendig gelernt haben.

Wegen dieser Beschränktheit wird jede direkte Kommunikation zwischen den Experten (was hier nur branchenspezifische Kompetenz meint) unterbunden – diese hat über den Durchlauferhitzer zu erfolgen.

Ich habe mir zur Beschleunigung meiner Arbeit inzwischen angewöhnt, einfach auch die absurdesten Forderungen meiner Managerin zu erfüllen. Manchmal garniere ich meine Mail mit einer kleinen Fachfrage („Wie genau soll ich die Auflösung einer Vektorgrafik vergrößern, welche per se keine dedizierte Auflösung hat?“), welche sie dann mit ihrer Grafikerin abklären muss, um nicht wie ein völliger Idiot darzustellen. Ja, albern, aber gut fürs Gemüt.

Bei einer besonders unsinnigen Reklamation habe ich einfach den Dateinamen meines ursprünglichen Werkes mit dem Zusatz „V2_korrigiert“ versehen und die unbearbeitete Datei erneut geschickt. Man bedankte sich für die umgehende Erledigung und die Sache war vom Tisch…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

dreipunktnull

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Ich habe eine CD aufgenommen. So mit Musik drauf. Also alte Jazzstandards solo mit Gitarre eingespielt, garantiert ohne Gesang. Jüngere unter der Leserschaft mögen sich nun fragen, was eigentlich genau so eine “CD” ist. Dieser etwas abgedroschene Witz wird schnell bedeutsam, wenn sogar die treuesten Fans beim Erwerb dieser Scheibe betonen, dass sie sich jetzt erst einmal auf die Suche nach einem geeigneten Abspielgerät machen müssten, um meine neueste Produktion tatsächlich anzuhören.

Ein ganz treuer Fan hat mich bei der Bestellung gebeten, doch ein paar Worte im Blog über die Scheibe zu schreiben. Dies freut mich doppelt, da ich zum Einen eine weitere CD unters Volk bringen konnte und zum Anderen tatsächlich hin und wieder jemand Beiträge auf diesem Blog liest.

Nun also – dreipunktnull. Schon seit der Veröffentlichung meiner ersten Solo-CD “Jazz” im Jahr 2012, bei der ich für ein Erstlingswerk wirklich vieles richtig, aber leider auch so manches nicht so doll gemacht habe, trage ich mich mit der Idee einer weiteren Veröffentlichung mit schönen Jazzstandards im Fingerstyle. 2015 erschien dann die etwas andere „Gige & Friends – Best of Van Heusen“, auf welcher ausschließlich Stücke von van Heusen zumeist in Duo-Besetzung dargeboten werden. 2019 war nun die Zeit für einen weiteren Tonträger, den die Welt wahrscheinlich wieder einmal nicht braucht. Insbesondere heutzutage, da wir jeden gespielten Ton online veröffentlichen und unentgeltlich (in den sozialen Medien) oder zumindest günstig per Streamingdienst zur Verfügung stellen. 

Nun, den Inhalt dieser CD gibt es nicht (legal) zum Downloaden oder Streamen. Der größte Anteil meines geneigten Publikums besitzt im Auto und oft auch noch zu Hause einen CD-Player mit zugehöriger HiFi-Anlage. 

Wie schon auf meiner ersten CD “Jazz” aus dem Jahr 2012 habe ich einige gut abgehangene Standards des Great American Songbooks nebst selteneren Stücken solo im Fingerstyle eingespielt, wiederum auf durchaus betagten Instrumenten. Den Anspruch, die Songs mit ihrem jeweiligen zeitgenössischen Gitarrensound zu versehen, habe ich inzwischen aufgegeben. Wenn Gott gewollt hätte, dass wir die Archtops ausschließlich akustisch spielen, warum hat er uns dann den Tonabnehmer und den Verstärker geschenkt?

Die Aufnahmen im Picking-Style à la Chet Atkins wurden mit einer No-Name-Gitarre aus den 1940er Jahren, die allerdings mit einem alten Framus-Pickup versehen ist, aufgenommen, die Balladen und einige Swing-Stücke mit einer Gibson L-5 1934 reissue, wobei ich mich hierbei eher an meine aktuelle Laune denn an eine feste Regel gehalten habe.

Beide Gitarren sind über einen AER Compact 60 gespielt, welcher von Clemens Bröse im Übungsraum unseres Jazztetts per DI und Mikro abgenommen wurde. Er hat mit größter Geduld und Bedachtheit an einem Tag alle wohlklingenden Takes der ausgesuchten Standards (und noch einige mehr) aufgenommen, mit denen ich anschließend zum Mixen ins Studio ging.

Den Mix und das Mastering erledigte wie seit über 30 Jahren Oskar Schrems im Tonstudio Success in Fürth. Im Gegensatz zu den 2012er Aufnahmen stand bei diesem Mix nicht der akustische Klang der Gitarre im Vordergrund, sondern der Sound des jeweiligen Songs. Oskar hat keine meiner bisweilen ausgefallenen Ideen im Vornherein abgelehnt und sie allesamt mit seiner Erfahrung und hochwertigster Technik wunderbar umgesetzt.

Die Songs auf dreipunktnull sind natürlich aus meinem Live-Repertoire und überwiegend Swing-Nummern bzw. Balladen aus den 1920er bis 1950er Jahren, wie immer mit ein paar Ausreißern.

Folgende Nummern findet Ihr auf der CD, in der Reihenfolge dieser Beschreibung::

S‘ Wonderful! aus dem Jahr 1927 von George Gershwin ist eine flotte Swingnummer zum Einstieg, gefolgt von After You‘ve Gone (1918) von Creamer & Layton. Ich liebe diesen Song! Er war bereits vor 100 Jahren (!!!) ein Nummer-1-Hit und hat nichts von seinem Charme eingebüßt. Und weil er sowohl als tragische Ballade wie auch als Medium-Swing taugt, spiele ich ihn auf dreipunktnull auch in beiden Versionen. Attila Zoller schrieb The Birds and the Bees im Jahre 1971. Ein tolles Stück, welches viel zu selten gespielt wird. Helmut Kagerer hat mich seine Version gelehrt, die mir so gefiel, dass ich sie sofort auf CD bannen musste. Jedes mit durchsetzungsfähigen Bläsern bestückte Ensemble spielt Caravan von Duke Ellington (1936). Als Stück für Solo-Gitarre ist es eher selten zu finden, in meinem aufregenden Arrangement schon gar nicht. Eine Zierde dieser CD! Der Gitarrist Joe Bawelino zeigte mir den wunderschönen Troublant Bolero von Django Reinhardt, erstmals 1948 erschienen. Für diese Nummer gibt es kein Sheet, keine Notation, ich habe es mir tatsächlich von Joe abgeguckt. Umso mehr freut mich die meines Erachtens sehr gelungene Einspielung. Es geht in sehr gemäßigtem Tempo weiter mit Cry Me a River aus dem Jahr 1953 von Arthur Hamilton, welches von Douce Ambiance (1943), einem weiteren Django-Reinhardt-Song abgelöst wird. Auch diese Komposition ist bis dato eher selten solo aufgenommen worden. Es folgt I’m Confessin’ That I Love You (1930, Ellis Reynolds) eine flotte Ballade (oder ein langsamer Swing), gefolgt von dem Heiligen Gral der Fingerstyler I Got Rhythm. Das Gershwin-Tune aus dem Jahr 1930 ist natürlich von jedem Jazzgitarristen schon einmal aufgenommen worden, weshalb ich für meine Version sicher keinen Innovationspreis gewinnen werde. Dennoch ein heftig swingender Fingerstyle-Klassiker! Das 1944 von Karl Suesddorf geschriebene Moonlight in Vermont ist eine wunderschöne, schon fast etwas klebrige Ballade. Das Intro habe ich von Joe Bawelino geklaut, zumindest von der Idee her. Out Of Nowhere von Johnny Green (1931) bietet einen swingenden, melodischen Song, bei dem als technische Finesse tatsächlich Vierteltriolen in der Melodie zur straiten Viertelbegleitung im Bass gespielt werden, was eine 2:3 Rhythmik innerhalb einer (Zupf-)Hand bedeutet. Beyond The Sea aus dem Jahr 1943 von Charles Trenet ist vielen als La mer bekannt und ein immergrüner Hit. Jeder hat „Findet Nemo“ gesehen! Softly as in a Morning Sunrise (1929) von Sigmund Romberg ist ein Medium-Swing mit einer groovenden Basslinie. Schon 1954 schrieb der geniale Jazzgitarrist Johnny Smith über die Akkorde von Softly as in a Morning Sunrise das ikonische Walk, Don’t Run, welches ich im zweiten Chorus zitiere. Der Swing Secret Love (Sammy Fain, 1953) und das tragische What Are You Doing the Rest of Your Life von Michel Jean Legrand aus dem Jahr 1969 schließen die CD ab.

Wenn Ihr, liebe Leser, auch zu meinen lieben Hörern werden wollt, dann bestellt Euch eine der edlen Silberscheiben bei mir (ganz einfach per Mail an info@gige.de) und lasst Euch von den Gitarrenklängen verzaubern. Ups, das klang jetzt etwas zu sehr nach Ricky King…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Geben Sie mir bitte 5 Sterne

Liebe Leser,

ach, wenn man doch zum Schreiben käme! Nachdem ich an dieser Stelle noch nicht meine großartige CD „dreipunktnull“ vorgestellt habe, ist – völlig unerwartet – vor wenigen Tagen mein neues Werk „Bossa Nova“ erschienen. Ok, das hole ich nach! Also für beide Scheiben (welche Ihr übrigens gerne bei mir per Mail bestellen dürft).

Zwischendurch gab es aber fernab von Jazz und Live-Musik noch eine Kleinigkeit zu erledigen…

Telekom-Bashing ist ja sowas von out! Zudem war ich viele Jahre für den (damaligen) Geschäftskundenservice als Techniker oder Systemspezialist von Herstellerseite (Nixdorf bzw. später Siemens) tätig und habe mit den Techniker-Kollegen der Telekom stets gut zusammengearbeitet und im Privaten einige Freundschaften geschlossen, die Jahrzehnte gehalten haben. Dennoch, die Zeiten systematischer Problemlösungen durch engagierte Servicetechniker sind ganz offensichtlich vorbei. Die Freundschaft mit den Veteranen allerdings nicht, was auch noch in diesem Fall eine Rolle spielen wird. Das wird eine lange Geschichte. Holt Euch schon mal frischen Kaffee.

Meine betagte Mutter hat ein ganz normales analoges Telefon (und kein Smartphone). Da es aber seit einigen Jahren keine analoge Telefonie mehr gibt, wendet die Telekom das Prinzip an, das man an jedem kleinen Router selbst probieren kann: Das analoge Endgerät wird an einem DSL-Router betrieben, welcher zumeist zwei solcher Anschlüsse zur Verfügung stellt (erkennbar an den alten Telefonbuchsen, TAE-Buchsen genannt). Nur dass der Router physikalisch nicht beim Kunden, sondern in der nächstgelegenen Vermittlungsstelle der Telekom steht. Besonders modern ist das nicht, denn so funktionierten die analogen Teilnehmeranschlüsse unserer gepriesenen Nixdorf-Telefonanlage 8818 schon im Jahr 1983.

Nun ereignete sich letzte Woche in der Umgebung des Wohnortes meiner Mutter ein heftiger Wolkenbruch. Und danach ging das Telefon nicht mehr. Ich meldete eine Störung unter der allseits beliebten 0800 330 1000. Seitdem hatte ich echt einigen Spaß!

Zunächst ist es gar nicht so einfach, für jemand anderen eine Störung zu melden, selbst wenn man leiblicher Sohn und im Besitz aller relevanten Kundendaten und -nummern ist. Aber dies gelang schließlich. 

Im Übrigen merkte bis auf eine Ausnahme jede der angesprochenen Service-Mitarbeiter*innen im jeweiligen Callcenter an, dass sie „noch nicht so lange dabei sei.“ Es kam bei jedem Anruf zu einer Rückfrage bei der Team- oder sonstigen Leitung. Daher war es auch stets etwas kompliziert, dem jeweiligen Ansprechpartner zu erklären, dass er sich das übliche „ziehen Sie bitte das Endgerät ab und stecken Sie es wieder ein“, „ich messe mal die Leitung – die scheint ok zu sein“ oder „die meisten Störungen können Sie mit unseren Tipps im Web selbst beheben“ sparen könne. Ich bin immerhin gelernter Fernmelder und habe das Standard-Zeug schon noch drauf. Ich gestehe aber, dass ich meinen Kunden vor dreißig Jahren das „ich habe schon selber alles gecheckt“ auch nicht abgenommen habe…

Die Krux an der Sache war, dass offensichtlich eines der Hausversorgungskabel beim Unwetter abgesoffen war, denn im selben Haus gab es noch mindestens einen weiteren Telefonausfall. Vielleicht auch noch einige mehr, aber das ist ja ohne Klingeln bei allen Hausbewohnern nicht herauszufinden. Noch vor einigen Jahren hätte ein selbst durchschnittlich begabter Service-Disponent bei der Telekom eine Häufung von Störungen in ein- und derselben Anschlusslage bemerkt und alle betroffenen Vertrags- bzw. Rufnummern unter einer (1) gravierenden oder übergreifenden Störung zusammengefasst, welche dann auch durch einen (1) Techniker zu beheben gewesen wäre. So einen menschlichen Disponenten gibt es aber im Jahr 2020 nicht mehr und der Algorithmus, der seinen Job übernommen hat, erkannte die Häufung bzw. das Muster der Störungen nicht.

So begann etwas zwei Tage nach meiner Störungsmeldung (und wahrscheinlich der der anderen Betroffenen) ein munter Stelldichein von Telekom-Service-Technikern und beauftragten Subunternehmern. Stets hatte ich ausdrücklich vermerken lassen, dass vor Eintreffen des Technikers mit mir Kontakt aufzunehmen sei, da meine Mutter die Glocke selten hört und telefonisch ja nicht erreichbar sei. Dies hat prompt zweimal nicht funktioniert, worauf ich per SMS jeweils hinterher die etwas säuerliche Mitteilung bekam, man hätte am betreffenden Tag niemand vor Ort erreicht und müsse daher den Termin verschieben. Ich nahm mir schon mal eine weitere Woche frei.

Der dritte Ortstermin (für die anderen „Gestörten“ kann ich nicht sprechen, dass es aber auch hier drunter und drüber ging, weiß ich von der Hausverwaltung) fand dann tatsächlich in meinem Beisein am Samstag statt. Der junge Service-Techniker hatte mich angerufen und war pünktlich vor Ort. Ich ergatterte vom Verwaltungsbeirat der Wohnanlage den Schlüssel für den Verteilerraum und führte den aufstrebenden Nachwuchstechniker in selbigen. Der Kellerraum war entweder niemals abgesoffen oder inzwischen durch die Reinigungsfirma ordentlich getrocknet, denn es waren keine Spuren einer Überschwemmung sicht- oder riechbar. [Dürfte man hier „ruchbar“ setzen? Klingt toll!]

Der Techniker trennte mit seinem Messgerät die „kommende“ Netzseite von der „abgehenden“ Hausseite (was die völlig korrekte Vorgerhensweise ist) und konnte wie vermutet keinerlei Signal messen. Dies ist der definitive Beweis, dass der Fehler netz- und nicht teilnehmerseitig vorliegt. Ein klarer Fall für die Jungs vom Bautrupp (die mit den grauen Zelten). Der Techniker verschwand im Freigelände auf der Suche nach Unterverteilern (welche man kaum findet, da die Verteilung der Kabel üblicherweise in sogenannten Muffen erfolgt, die im Boden vergraben werden) und ich erklärte die Misere inzwischen meiner Mutter. Etwa 20 Minuten später verabschiedete sich der Techniker, ohne den Fehler exakt lokalisiert zu haben, aber mit dem Versprechen, diesbezüglich den Bautrupp zu beauftragen.

Störung Anschluss Mutter Woche 2: Am Montagmorgen versuchte ich zum wiederholten Mal, den Service der Telekom davon zu überzeugen, die vorliegenden Störungen in der Wohnanlage unter einer einzigen gravierenden Störung zusammenzufassen. Der Mitarbeiter unter 0800 330 1000, der „noch nicht so lange dabei“ war [seufz], konnte mir diesbezüglich zwar auch nicht weiterhelfen, hatte aber immerhin einen Tipp für mich: „Probieren Sie es bei der Bauherren-Service-Hotline 0800 330 1903, die können Aktionen für mehrere Anschlüsse koordinieren“. Die Logik leuchtete ein, ich rief bei der mir mitgeteilten Hotline an. Und DIESER Anruf war ein echter Knüller!

Der offensichtlich junge Mann am anderen Ende der Leitung meldete sich vorschriftsmäßig mit seinem Namen, welchen ich ebenso vorschriftsmäßig nicht verstand. Rzyckczyskischowskzyczs oder so. Ich bat um eine Wiederholung, welche mir gewährt wurde. Ich verstand den Namen immer noch nicht. Korrekterweise hätte ich um Buchstabierung bitten sollen, aber mir war nicht danach. Ich schilderte nun also dem Mann meinen Fall (genauer: den meiner Mutter) und das damit einhergehende logistische Problem aufgrund der unterschiedlichen aber allesamt gestörten Anschlüsse. „Hm. Wissen Sie, ich bin noch neu in der Abteilung. Darf ich erfahrenere Kollegen dazu nehmen?“ Endlich, ein Novize an der Strippe! „Ich bitte darum!“ Er setzte mich für geraume Zeit in die Warteschleife. Als er sich wieder meldete, fragte ich, ob jetzt die Kollegen am Lautsprecher mithörten, was er bejahte. Ich grüßte höflich in die Runde, was allerdings nicht erwidert wurde. Erneut schilderte ich das Problem. 

„Hm. Also da kann ich nichts für Sie tun. Das müssten Sie mit der Service-Hotline klären. Die Nummer ist 0800 …“

„Ja, die ist mir bekannt. Die haben mich auf Sie verwiesen.“

„Ja, das tut mir leid, aber ich kann da nicht weiterhelfen.“

„Und die erfahrenen Kollegen auch nicht?“

„Nein, die auch nicht. Ich hätte noch eine Bitte in eigener Sache.“

Mir schwante Schlimmes. Mein Blutdruck stieg prompt in ungesunde Höhe.

„Bitte geben sie mir in der anschließenden Bewertung fünf Sterne. Das wäre für meine berufliche Laufbahn sehr wichtig.“

„Ernsthaft? Hören Sie, es ist nicht meine Art, jemanden eine reinzuwürgen, aber…“

Der Junge ging mir auf die Nerven, ich steigerte mich rein. Dem würde ich doch gerne eine reinwürgen.

„…wieso sollte ich Ihnen fünf Sterne geben? Sie haben weder mein Problem erfasst oder gar gelöst oder eine nützliche Telefonnummer mitgeteilt!“

Hoffentlich saßen die erfahrenen Kollegen noch am Lautsprecher. Wo sind wir hier? In Quality-Land?

„Sie waren nicht im Geringsten hilfreich und auch nicht besonders höflich. Und dann dafür noch um einen Fünf-Sterne-Bewertung zu betteln, halte ich für – gelinde gesagt – unverschämt. Denken Sie mal drüber nach!“

Ich legte auf. So kam Herr Rzyckczyskischowskzyczs oder so zumindest um seine erste miese Bewertung herum. Ich hoffe, seine erfahrenen Kollegen haben ihn dann noch über gutes und schlechtes Timing aufgeklärt.

In meiner Verzweiflung packte ich meinen allerletzten Trumpf aus. Ich rief meinen letzten noch in Telekom-Diensten stehenden Freund aus der Wendezeit an. Ich war tatsächlich etwas gerührt, weil er mich fünf Minuten nach meiner Whatsapp-Anfrage zurückrief und das ganze Problem wie in den 1990ern sofort erfasste und umgehend versuchte, es zu lösen. Aber auch er musste nach einiger Recherche und ein paar Telefonaten einsehen, dass heutzutage kein Mensch mehr die Blindheit eines Algorithmus korrigieren kann. Ich hatte das Dilemma ja bereits beschrieben. Mit Wehmut dachten wir an unsere Einsätze bei der Sparkasse Zwickau 1992 zurück, wo wir defekte Kabel eben eigenhändig durch Verlegen über die Dächer der Nachbarhäuser temporär überbrückt hatten.  

Am Mittwochmorgen gegen 8:30 klingelte mein Telefon. Ein frischer Techniker klärte mich auf, dass er nun den Fehler in der Wohnanlage eindeutig lokalisiert hätte, dass die einzelnen Störungen unter einer „gravierenden“ zusammengefasst seien und er den Bautrupp mit der Behebung beauftragt hätte. Genau das war mir bis dato als unmöglich beschrieben worden. Vielleicht hatte Andy doch einen Kollegen aus der Lethargie scheuchen können, wer weiß?

Am Donnerstagmorgen rief ich spaßeshalber die Rufnummer meiner Mutter an. Ups, ein Freizeichen! Allerdings ging sie nicht ran. Damit hatte ich gerechnet, denn ich hatte das Telefon in die Ladeschale im Hausflur gelegt. Ich wollte um die Mittagszeit ohnehin vorbeifahren, dann würde man ja sehen. Vor dem Haus waren zwei Bauarbeiter gerade damit beschäftigt, ein paar Quadratmeter des Gehwegs neu zu pflastern. Unmöglich, dass ein gemeldeter Kabelschaden so eine koordinierte Aktion ausgelöst hatte, welche auch noch zügig und offensichtlich fachkundig ausgeführt wurde. Doch, die Jungs vom Bau bestätigten meine diesbezügliche Anfrage. Sie hätten um 8 Uhr aufgegraben, dann hätten die Kollegen das Kabel repariert und nun (es war etwa 12:30) würden sie alles wieder ordentlich zupflastern. Ich ging zu meiner Mutter und deren Telefon, welches nun tatsächlich wieder einwandfrei funktionierte. Endlich!

Ob nun letztendlich ein Algorithmus oder ein beherzter Servicetechniker bzw. dessen Gruppenleiter ein Einsehen hatte und dann die richtigen Leute beauftragte, bleibt offen. Immerhin bekam meine Mutter einige sogenannte Montageberichte geschickt, auf denen mindestens eine Anfahrt verrechnet werden soll, bei der „der Kunde nicht vor Ort angetroffen“ wurde. Ist natürlich Bullshit, ich hatte ja bereits die Umstände der einzelnen Einsätze geschildert. Falls die Bürokraten von der Rechnungsstelle der Telekom sich mit der nächsten Rechnung dafür Geld einbehalten, geht die Sache in die nächste Runde!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – The Most Requested Bossa Nova & Samba Songs

Liebe Leser,

ich hatte es ja schon geschrieben – ich bin seit nunmehr drei Monaten in die schöne Welt der Bossa Nova und damit einhergehend des Sambas eingetaucht. Und habe mir echt viele Stücke drauf geschafft bzw. mein bestehendes Bossa-Repertoire aufgefrischt. Live-Spielen war ja nicht und ist immer noch nicht.

Nun sind die Realbooks, aus denen wir Jazzer zumindest die Grundlagen unseres Repertoires beziehen, bei den unzähligen Bossas und Sambas etwas dünn bestückt, insbesondere bei der großen Zahl an Kompositionen von Antônio Carlos Jobim, der gefühlt jeden Bossa komponiert hatte. Na gut, sagen wir, jeden zweiten…

Ich habe mir also nach kurzer Recherche „The Most Requested Bossa Nova & Samba Songs“ aus der Verlagsgruppe Hal Leonard gekauft. Hal Leonard ist der weltgrößte Verlag für Sheet-Music aller Art und hält auch die Rechte an den mannigfaltigen Real- und Fakebooks.

Immerhin 61 Bossa-Nova- bzw. Samba-Standards sind in dem ansonsten recht tristen Heft angesammelt. Die Sprache ist mit „English“ angegeben, was aber in keinster Weise ein Nachteil ist, weil es neben den Noten keinerlei Text gibt. Gar keinen. Naja, muss ja auch nicht.

Ich nahm die Gitarre (natürlich die Nylon-Schraddel, siehe diesen Beitrag >>>) auf den Schoß und blätterte erwartungsvoll durch meine Neuerwerbung.

Die Notationen der Songs sind dreizeilig gehalten, wobei die unteren beiden Zeilen die Klaviernotation abbilden (Bass- und Violinschlüssel), während in der obersten Zeile die Gesangsmelodie notiert ist. Über dieser sind Gitarrenakkorde eingetragen. So darf sich dieses Heft „für Klavier, Gesang und Gitarre“ empfehlen. Und das ist Unsinn!

Meines Erachtens hat ein unmotivierter Pianist eine ebenso unmotivierte Version des jeweiligen Songs in eine Software gehämmert und dann die Melodie als separate Spur extrahiert und die Gitarrengriffe mit einem Akkord-Assistenten generiert. Ich denke nicht, dass ein Gitarrist über die Noten/Tabs geschaut hat. Und falls doch, war er nicht besonders gut und auch nicht besonders gründlich.

Bis auf „Wave“ konnte ich in keinem der mir bekannten Songs eine einigermaßen plausible Akkordbegleitung entdecken. Mehr als einmal enthält der notierte Griff eine Erweiterung, die genau NICHT zur aktuellen Melodienote passt. Ich habe es inzwischen dreimal durchexerziert: Ich spiele den erwählten Song vom Blatt (holprig, wie ich es nun einmal nur beherrsche), korrigiere die schlimmsten Fehler der Begleitung und versuche, die kruden Akkorde in irgendeine sinnvolle harmonische Struktur zu bringen. Dass Jobim oder Gilberto ihre Songs mit großem kompositorischen Verständnis geschrieben haben, weiß ich, weil ich schon ein gutes Dutzend ihrer Werke analysiert und noch viele mehr gespielt habe. 

Bin ich mit dieser Übung durch – das Sheet sieht inzwischen durch die ganzen Bleistift-Korrekturen schon arg mitgenommen aus – und habe eine einigermaßen spielbare Version erzeugt, dann suche ich ein paar nette Interpretationen auf Youtube.

Hier wurde ich bis dato schnell fündig. Zumeist pfeifen die virtuosen südamerikanischen Gitarristen jedoch auf die im Heft notierten „Originaltonarten“, so dass ich mit Abhören und -gucken schneller zum Ziel komme, als mit dem Korrigieren und Transponieren der Hal-Leonard-Sheets. Was ein Mist! 

Ich denke, dass die Leute von Hal Leonard mit solchen Heften wieder etwas von den Dollars hereinholen möchten, die ihnen durch das jahrzehntelange Schwarz-Kopieren ihrer Realbooks entgangen ist.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Neue Helden

Liebe Leser,

Corona geht mir (na gut, wem nicht?) gehörig auf die Nerven. Aber Wehklagen hilft auch nicht. Nachdem ich einige Tage in Quarantäne mein inzwischen schon gut abgehangenes Fingerstyle-Solo-Programm aufpoliert hatte, lief mir folgendes Gitarrlein über den Weg:

Dies ist eine Artesano Flamenco S, ein nach spanischen Vorgaben in China hergestelltes relativ preiswertes Instrument. Für die Perkussionsrabauken unter den Flamencogitarristen hat man einen durchsichtigen Plastikschutz rund um das Schallloch auf die Decke geklebt. Das fiel mir erst bei der Inbetriebnahme auf, stört mich aber nicht. Natürlich werde ich im fortgeschrittenen Alter kein Flamencogitarrist mehr (hier >>> könnt Ihr genauer nachlesen, warum nicht), aber ein schöner Bossa Nova klingt gleich viel authentischer. Und ich begann, mich in die Welt des seichten Gedudels der beginnenden 1960er Jahre zu vertiefen…

Natürlich spiele ich die Standards der Bossa Nova (aus dem Portugiesischen: DIE „Neue Welle“, daher DIE „Bossa Nova“) wie das unvermeidliche (aber nichtsdestotrotz schöne) Girl from Ipanema, Wave oder Desafinado seit vielen Jahren. Das Jobim-Zeugs halt. Aber es diente mir immer eher zum Ausruhen (was an sich völlig korrekt ist) oder zum Einstieg in eine Session mit Musikern, die ihre Karriere noch vor sich haben. 

Nun hat Antônio Carlos Jobim zwar wahrscheinlich die Hälfte aller Bossas (diesen vereinfachten Plural möchte ich gerne weiterhin verwenden) geschrieben, aber die gottseidank obligatorische Gitarre spielten zumeist andere. Und was für welche!

Als meine neuen Helden erwählte ich João Gilberto, Luiz Bonfá und Baden Powell de Aquino (dessen Namen man zumindest bei der ersten Erwähnung komplett angeben muss, da er nach dem Gründer der Pfadfinderbewegung Baden Powell benannt wurde). Meiner selbst auferlegten Beschränkung auf drei Helden ist der großartige Laurindo Almeida (und sicher noch viele andere) zum Opfer gefallen. Sorry!

Der erst im letzten Jahr verstorbene Gilberto hat den Sound der Bossa Nova durch sein unaufgeregtes, sehr lässiges, dabei aber durchaus virtuoses Gitarrenspiel zum fast geflüsterten Gesang geprägt wie kein anderer. Sein Desafinado lässt einen ob der unglaublichen Unabhängigkeit zwischen Gesang und Begleitung fast ratlos zurück.  

Baden Powell war ein bedeutender brasilianischer Gitarrist, der zwar stets zu den Pionieren der Bossa Nova gezählt wird, in seinen Performances jedoch zumeist spanische Gitarre mit einem kräftigen Schuss Flamenco bietet. Seine 1970 auf Film festgehaltene Solo-Darbietung von Manhã de Carnaval (Black Orpheus) mit einer brennenden Zigarette zwischen den Fingern der Zupfhand und einer Greifhand mit zu langen und auch noch schmutzigen Fingernägeln ist allerdings eine echte Perle…

Bleibt Luiz Bonfá. Er spielt schon ab den 1960ern einen fulminanten Fingerstyle, der einen Vergleich mit den heutigen Ikonen durchaus stand hält. An seinem Batucada beisse ich mir seit zwei Wochen regelmäßig die Zähne aus. Hat man die rhythmische Finesse eines bestimmten Taktes erst einmal verinnerlicht (was natürlich nicht bedeutet, dass man diesen dann auch schon anständig spielen kann), sind vorhergehende oder nachfolgende Teile schon wieder vergessen. Eine höchst beeindruckende Vorstellung seinerseits, bei Youtube hier >>> nachzusehen.

So verbringe ich meine zwangsläufig erlangte zusätzliche Freizeit mit der Erarbeitung sämtlicher Bossas/Sambas, derer ich habhaft werden kann, um in einer Post-Corona-Zeit mein neues Bossa Nova Programm vorzustellen. Bis dahin habe ich die Portraits meiner früheren Gitarren-Götter wie Eddie Lang, Django Reinhardt, Barney Kessel und Martin Taylor etwas weiter nach hinten im Regal geschoben (ihre Kunst und ihr Einfluss soll keinesfalls geschmälert werden, ich stelle sie ja nicht weg!) und die von João Gilberto, Luiz Bonfá und Baden Powell davor drapiert. 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Verschieben, verschieben!

Liebe Leser,

heute soll ein Lamento über das harte Los analoger Künstler veröffentlicht werden. Schon wieder. Aber auch KONSTRUKTIVE Vorschläge. Ja, die gibt es gratis.

Wir Künstler (macht Anführungszeichen hin oder alberne Witze darüber – mir doch egal!) wurden ja als Erste durch die Pandemie in der Ausübung unserer Tätigkeit getroffen und werden als Letzte von irgendwelchen Lockerungen profitieren. Eine wie auch immer realisierte Begrenzung von Personenzahlen bei allen vorstellbaren Veranstaltungen ist exakt das Gegenteil von dem, was sich ein Künstler für solcherlei wünscht.

Denn wenn zum Beispiel eine Gastronomie für eine beschränkte Anzahl von Besuchern öffnet, soll dann ein Livemusiker einfach in mehreren Schichten spielen? Hm … ehrlich gesagt dürfte das die einzige Möglichkeit sein, überhaupt in der nächsten Zeit etwas Livemusik unter die Bevölkerung zu streuen. Die ganzen Sofa- und Hobbykeller-Performances vieler Bands und Künstler hängen mir schon zum Hals heraus und wenn ich noch ein paar Videos mit Songs meiner Kollegen sehe, die mit dem Einzähler des im Hintergrund laufenden Playbacks starten, kippe ich den Kaffee in meinen Laptop…

Klammer auf: 

Für ein Konzert oder einen Workshop des legendären Tuck Andress (yep, der von Tuck & Patti) hätte ich früher einen Batzen Geld bezahlt. Nun, er sendet inzwischen seine Lessons und auch Konzerte mit seiner Frau regelmäßig vom Sofa aus und sammelt mit dem (virtuellen) Pappbecher Trinkgeld ein. Die zweite Live-Übertragung habe ich dann gelangweilt weggewischt, denn es gab Sting (yep, der von The Police) zwei Fenster weiter. Da kriege ich sofort Bock, dies als unbekannter Gitarren-Gnom aus dem hintersten Winkel von Süddeutschland ebenfalls zu tun. Wird bestimmt eine tolle Sache! Liebe Freunde, spart Euch diese sicherlich gut gemeinten Vorschläge.

Klammer zu.

Prinzipiell stehe ich hinter den Maßnahmen unserer Regierung und halte eine verfrühte Lockerung für falsch. Ich habe den schlauen Satz sinngemäß in Erinnerung:

Wenn nach der Krise alle sagen „Na, war doch gar nicht so schlimm“, dann haben wir als Regierung alles richtig gemacht.

Also, Zähne zusammenbeißen, Lagerkoller vermeiden und – zu Hause bleiben!

Ich bin übrigens angesichts der eher düsteren Prognosen für die kommende Zeit der Meinung, dass es für die komplette Live-Branche am schlausten wäre, das komplette Jahr 2020 ab März komplett auf 2021 zu verschieben, also tatsächlich jeden Termin ab Shutdown exakt auf das entsprechende Datum des nächsten Jahres. Natürlich will ein jeder so schnell wie möglich live vor echtem Publikum spielen, was ich natürlich niemand absprechen möchte, sobald dies eben bei maximal minimiertem (coole Kombination) Risiko möglich ist. Aber wer sich in der Szene auskennt, weiß, dass viele Veranstaltungsorte ihre heiß begehrten Buchungen teilweise über Jahre im voraus machen. Jahre! Das bedeutet, wenn 2020 wegen Corona ein solcher Job platzt, kann und wird er – normalerweise – nicht verschoben werden, er entfällt ersatzlos. Und die gesamte Akquise (unzählige Anschreiben, Anrufe, persönlich vorstellig werden, Nachfragen, Hegen & Pflegen etc.) ist dahin. Das kann dann schon einmal die Arbeit mehrerer Jahre zerstören und ist weit schlimmer als nur ein entgangener Job.

Am gerechtesten wäre es also, wenn die ganzen Veranstaltungskalender 2020 auf 2021 übertragen würden. Was in diesem Jahr noch stattfinden kann, fällt natürlich heraus. Natürlich ergibt dies allerhand Schwierigkeiten mit dem Kalender (Lage der Feiertage, Ferien etc.), aber was ist schon leicht in diesen Tagen?

Im Übrigen wurde der von mir und mindestens einer weiteren Million Menschen vorgetragene Vorschlag bezüglich der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens BG (siehe hier >>>) sowohl von der Politik und auch von Sachverständigen (auch in diesem Blog) mit „zu teuer“, „zu unkontrollierbar“ und vielen schlauen Argumenten abgelehnt. Und es ist exakt eingetreten, was alle Befürworter des BG befürchtet hatten: Wir haben einen Flickenteppich an Hilfemaßnahmen, die viele nicht erreichen („Rückfragen können aufgrund der vielen Anträge nicht bearbeitet werden“), die kriminelle Elemente hochprofessionell ausnutzen bzw. missbrauchen und die akribisch mit diversen lindernden Maßnahmen wie Stundungen, Zuschüssen oder Stützkrediten verzahnt werden sollen. Es bedarf einer Heerschar an Bediensteten, die dieses Stückwerk verwalten, kontrollieren und im Missbrauchsfall rückabwickeln müssen. Na immerhin haben diese jetzt auf unabsehbare Zeit Arbeit…

Die inzwischen aus offiziellen Kreisen bekannt gegebenen Zahlen zum Gesamtumfang der wirtschaftlichen Notfall- und Rettungsmaßnahmen entsprechen übrigens ziemlich genau denjenigen, die als Kosten eines BG für die Gesamtbevölkerung Deutschlands als „unbezahlbar“ tituliert wurden.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Als ich nicht Flamenco-Gitarrist wurde

Liebe Leser,

da ich aus aktuellem Anlass zur Zeit weniger spiele und mehr schreibe (was ich mir eigentlich ja für letztes Jahr vorgenommen hatte) beschäftige ich mich mit Musik, welche zwar zumeist in eine Rubrik des Jazz gesteckt wird, genauso gut allerdings auch als traditionelle indigene Musik bestimmter Völker oder Gruppierungen gelten mag. Nehmen wir beispielsweise Klezmer, Gipsy Swing, Bossa Nova oder Flamenco. Da hat jeder sofort seine Assoziationen im Kopf. Und da fiel mir eine nette Begebenheit ein, die sich in den späten 1990ern zugetragen hatte:

Die beste aller Ehefrauen und ich waren zusammen mit einem befreundeten Pärchen in Madrid zu Gast, für eine Woche Urlaub vom trüben Franken. Nachdem wir einen Tag lang alle Sehenswürdigkeiten der Stadt abgeklappert hatten – ist natürlich gar nicht möglich, aber einige Stunden im Prado waren sicherlich dabei – fielen wir völlig erschöpft in ein großes Restaurant in der Nähe unseres Hotels. Weil es da rum stand und offensichtlich geöffnet war. Herrje, ein riesiger Speisesaal, kärglich eingerichtet. An einem einzelnen Tisch saß bereits eine Gruppe japanischer Touristen, sonst herrschte gähnende Leere. Auch schon egal. Wir ließen uns unaufgefordert an einem Vierertisch in der Nähe einer leeren Bühne nieder und bestellten irgendein Essen. Offensichtlich waren wir in einer echten Touristenfalle gelandet, wo wahrscheinlich regelmäßig volkstümliches spanisches Liedgut vorgetragen wurde.

Tatsächlich betraten kurze Zeit später eine elegant gekleidete Dame in Begleitung zweier mit Gitarren (spanische, wer hätte es gedacht?) bewaffneter Männer die Bühne. Ach herrje, jetzt auch noch Flamenco, die spanischste aller spanischen Musik. Einfältiges Geschraddel auf Wandergitarren!

Die drei legten los… und mir fielen die Ohren ab!

Die Sängerin war eine ausdrucksstarke Person mit großer Stimme und unglaublichem Rhythmusgefühl. Sie setzte zwischen ihren Gesangsparts zusätzliche rhythmische Akzente durch Klatschen, Kastagnetten und den flamenco-typischen Stepptanz. Erste Sahne für den nicht fachkundigen Zuhörer. Für den fachkundigen wahrscheinlich auch…

Und die Gitarristen! Jeder ein Meister an seinem Instrument, in meinen Ohren so virtuos wie der damals noch quietschlebendige Paco de Lucia. Irrsinnige Soli wechselten sich mit rhythmisch präziser Begleitarbeit ab, um prompt dezent in den Hintergrund zu treten, wenn die Sängerin traurige Melodien anstimmte. Wir saßen allesamt mit offenem Mund da und ließen unser Essen kalt werden. Absolut professioneller Musikgenuss in einem Mampftempel für Touristen, bei freiem Eintritt. Nach etwa einer Dreiviertelstunde verließen die drei Musiker die Bühne und verschwanden zur Pause in die Garderobe oder einen Nebenraum, vor dessen Zugang, nahe an unserem Tisch gelegen, ein alter Mann saß. Offensichtlich ein Bediensteter des Restaurants, allerdings kein Kellner oder Koch, denn dafür hatte er nicht die richtige Kleidung an. Vielleicht der Hausmeister? 

Als die Musiker an ihm vorbeigingen wechselte er mit den Gitarristen ein paar Worte, die ich aufgrund der Entfernung und meiner nicht vorhandenen Spanischkenntnisse nicht verstand, schnappte sich eine der Gitarren und diskutierte offensichtlich mit den Kollegen eine bestimmte harmonische Figur aus dem soeben dargebotenen Programm. Seine Vorschläge spielte er den Kollegen gleich vor, und dies ebenso virtuos wie diese vorher auf der Bühne gespielt hatten. Noch ein Paco de Lucia. Ich ließ mein Kinnlade gleich unten. 

Ich war inzwischen wie mein Freund und Musikerkollege am Tisch der festen Überzeugung, dass wirklich jeder in diesem Laden uns beide einhändig unter den Tisch spielen konnte, wahrscheinlich auch das Küchen- und das Reinigungspersonal.

So kam ich ausgerechnet in einer Madrider Touristenfalle zu meiner ersten Flamenco-Live-Darbietung, einer überzeugenden zudem. Und ich beschloss fortan, die Finger von dieser Musik zu lassen, die offensichtlich jeder Einheimische so filigran beherrscht.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Mit der Gießkanne!

Liebe Leser,

normalerweise arbeite ich länger an einem Text, als ich es bei diesem getan habe. Aber in diesem Fall wäre er dann einfach etwas zu spät gekommen. Und das leitet elegant in mein heutiges Thema. Finanzielle Sofortmaßnahmen gegen die Corona-Krise

Klammer auf

Ich blogge nicht über politische Themen. War so abgemacht. Aber zum Einen haben wir mit einer medizinischen und in der Folge wirtschaftlichen Krise zu kämpfen und zum Anderen ist das Thema nicht politisch, sondern eher technisch… finde ich.

Klammer zu

Um die durch die Corona-Pandemie entstandenen wirtschaftlichen Schäden, welche durchaus existenzbedrohend sind, abzumildern, haben sich zügig die Bayerische Staats- und kurz darauf auch die Bundesregierung für auf den ersten Blick gewaltige finanzielle Hilfsmaßnahmen entschieden. Während es für Arbeiter und Angestellte schon unterschiedliche Mechanismen (mir fällt hier als Erstes das Kurzarbeitergeld ein) gibt, sehen Freiberufler (das ganze Künstlergesums) und kleine Selbstständige in solchen Fällen ziemlich alt aus. Wenn der Laden dicht gemacht wird (sagen wir zum Beispiel ein Friseursalon), dann tendiert die Liquidität zügig gegen Null. Livemusiker müllen inzwischen mit ihren Online-Performances das Web zu, verdienen aber sicher noch schlechter, als sie es ohnehin gewöhnlich tun. Und wer soll sich denn das alles gleichzeitig ansehen? Aber der Friseur kann die Haare nicht über das Web schneiden und nach zwei Wochen ist die seit langem nötige Inventur dann auch erledigt. Es muss also zügig Kohle reinkommen.

Nun preschte also unser Ministerpräsident Söder mit einer Soforthilfe vor. Maximal 5000 € für einen Einzel-Selbstständigen oder Inhaber eines kleinen Unternehmens mit bis zu fünf Mitarbeitern sollte es geben. Schnell und unbürokratisch. Klingt ok, aber wenn ich alleine die abgesagten Jobs im April zusammen rechne, ist das kein unverhoffter Geldregen, sondern eine etwas extrapolierte Entschädigung.

Inzwischen ist auf der Website der Bayerischen Staatsregierung allerhand an Text hinzugekommen – ich könnte schwören, dass das letzte Woche dort noch nicht stand – so z.B. dass vor der Soforthilfe persönliche Mittel aufzubrauchen sind und dass es wegen der (unerwartet?) hohen Nachfrage keine Empfangsbestätigungen gibt. Von Rückfragen ist abzusehen.

Nun haben sich so arme Schlucker wie Adidas dazu hinreißen lassen, Mieten für ihre wegen der Pandemie geschlossenen Stores auszusetzen. Man ist offenbar nach öffentlichem Druck inzwischen wieder etwas zurückgerudert, aber das Signal ist fatal. Denn nach einem Ausbleiben der Miete können die Darlehen, welche zum Erwerb der Immobilie aufgenommen wurden, nicht mehr bedient werden. Und meine HypoVereinsbank wird eine traurige Geschichte vom säumigen Mieter nicht interessieren, die wollen ihre monatliche Rate. Nein, ich vermiete keinen Laden an Adidas, aber das Prinzip ist klar, oder? Einfach Zahlungen einstellen scheint daher keine praktikable Lösung zu sein.

Sobald sich einzelne Gruppen von Menschen (oder auch einzelne Unternehmen) als besonders hilfs- bzw. geldbedürftig erachten, wird eine unbürokratische und schnelle finanzielle Unterstützung torpediert, auch wenn die jeweiligen Gründe durchaus legitim sein mögen. Nur der Prozess zur Prüfung und Bescheidung ist dann derart aufwändig, dass er für eine schnelle Maßnahme nicht mehr taugt. Ihr könnt am deutschen Steuerrecht, welches wohl das komplizierteste der Welt ist, weil es versucht, es wirklich JEDEM recht zu machen, sehen, wohin es führt, wenn man einen solchen Anspruch hat.

Ich bin deshalb ausnahmsweise ein Verfechter des Gießkannenprinzips. Wir müssen ja nicht, wie es in den USA geplant war, einfach Schecks mit dem Hubschrauber abwerfen (das mit dem Hubschrauber habe ich erfunden!), aber das sogenannte bedingungslose Grundeinkommen für JEDEN auf sechs Monate wäre meines Erachtens der einfachste und schnellste Weg, die wirtschaftlichen und sozialen Schäden durch die Corona-Krise abzumildern. Über den Daumen kostet das irgendwas zwischen 2 und 3 Billionen (europäische, keine amerikanischen, also die Zahl mit den 12 Nullen) Euro, was zumindest in der Nähe der ganzen unendlich komplizierten geplanten Rettungsschirme liegt. Und wir sparen Abermillionen, weil wir nicht unsere Verwaltung und die Gerichte mit Tausenden von überforderten Sachbearbeitern aufblähen müssen, die dann wiederum unendlich lange über jeden einzelnen Fall entscheiden müssen.

Ich lasse mich sonst selten zur Unterschrift in Petitionen hinreißen, aber diese habe ich bei change.org unterstützt, neben über 400.000 anderen: 

http://chng.it/Zbg9bzZ49n

Ok, der Link sieht bescheuert aus, aber er funktioniert. Sicher, wir brauchen gesunde Menschen. Aber wir brauchen auch welche, die Mieten zahlen, Sachen konsumieren, also Geld ausgeben können. Und das dann vielleicht auch mal wieder für Jazz…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Die Stunde der Nerds

Liebe Leser,

wir haben aus aktuellem Anlass hier in Bayern eine Ausgangsbeschränkung sowie ein (diesmal bundesweites) Kontaktverbot. Nun trifft mich dies als umherziehenden Musiker natürlich bitter und die entgangenen Gagen werde ich auch in einem hoffentlich nicht-epidemischen Herbst oder Winter sicherlich nicht mehr herein holen. Dennoch, im Gegensatz zu diversen Freunden und Nachbarn, die bereits nach einer Woche den ersten Lagerkoller bekommen haben, stört mich die verordnete physische Kontaktsperre nicht allzu sehr. Schon seit etwa 15 Jahren befinde ich mich im Home-Office, seit 2008 als Freiberufler.

Klammer auf:

Kleine Anekdote aus meiner Angestelltenzeit: Als ich eines Tages in meine Erlanger Niederlassung unseres Unternehmens kam, wo meine Abteilung nur einen Schreibtisch für mich stehen hatte, war selbiger nicht mehr da. Irgendjemand hatte ihn für irgendwen oder -was benötigt, mein Abteilungsleiter saß weit weg in Frankfurt am Main und interessierte sich nicht zu sehr für die Belange seiner Außenstelle in der fränkischen Provinz. Man erwartete seitens der anwesenden Sach- und sonstigen Bearbeiter nun offensichtlich einen Eklat oder sonstiges, doch ich tat meinen Kollegen (die mich genauso wenig mochten, wie ich sie) den Gefallen nicht. Ich packte meine Docking-Station und ein paar Kabel ein, verließ das Bürogebäude – und kam nie wieder. Ich glaube, meinem Frankfurter Chef habe ich erst einige Wochen auf seine beharrliche Nachfrage hin die Geschichte erzählt und ihn vor die vollendete Tatsache gestellt, dass ich von nun an dauerhaft im Homeoffice tätig sein würde. So kam ich zu meinem Arbeitsplatz zuhause.

Klammer zu.

Ich übe also schon seit vielen Jahren den eingeschränkten physischen Umgang mit meinen Kunden. Viele Dinge lassen sich heutzutage papier- und auch kontaktlos erledigen. Wenn ich nicht auf irgendwelchen Bühnen Gitarre spiele, sitze ich also zumeist auf meinem betagten Bürostuhl und haue entweder in die Saiten oder in die Tasten (der Computertastatur). Eine im herkömmlichen Büroumfeld willkommene Ablenkung in Form eines Kaffees oder gar Plauschs mit einem Kollegen ist dabei eher bei der Gedankenarbeit hinderlich. 

Wenn man dann in Zeiten einer umfassenden Ausgangssperre die ersten Stimmen laut werden “Ich muss mal raus!” oder “Mir fällt die Decke auf den Kopf” dann schlägt – ein einziges Mal – die Stunde der Nerds (und hierzu zähle ich uns Jazzmusiker auch). Wir verziehen und in unsere Kammer und machen das, was wir immer tun: Unser Ding!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige