Inside Jazz VII – Jazzworkshop Erlangen 2017

Liebe Leser,

im Moment spiele ich mehr live als dass ich online schreibe. Das mag sich wieder ändern, ist aber derzeit eben so. Deshalb kommt auch dieser eigentlich top-aktuelle Blogbeitrag mal wieder eine Woche zu spät und ist daher semi-top-aktuell.

Nun also kam ich am Sonntag (ähem… vor einer Woche) vom Internationalen Erlanger Jazzworkshop zurück. Und da gibt es ja stets allerhand zu erzählen. Eine ausführliche Beschreibung des Workshops findet sich hier >>>, so dass ich gleich zu den Dingen kommen kann, die mir in diesem Jahr besonders aufgefallen sind.

“Immer wenn ich die Szene wieder sehe, entdecke ich ein neues Detail!” – aus Asterix, Die Odyssee.

Der Workshop 2017 fand zum 37. Mal unter der Leitung des Erlanger Bassisten Rainer Glas statt, zum zweiten Mal in den Räumen der VHS Erlangen, im Egloffstein’schen Palais in der Friedrichstraße. Eine sehr schöne und für die Anforderungen des Workshops gut geeignete Lokation.

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Dozenten waren 2017 Romy Camerun (Gesang), Rainer Glas (Kontra- und Fretless-Bass), Patrick Scales (E-Bass), Helmut Kagerer (Gitarre), Bernhard Pichl (Klavier), Andrey Lobanov (Trompete), Rick Margitza, Joachim Lenhardt und Hubert Winter (alle Saxophon), Jürgen Neudert (Posaune), Harald Rüschenbaum und Christoph Huber (beide Schlagzeug), eine illustre Schar hochkarätiger Musiker. Erstmals in diesem Jahr dabei waren die Saxophonisten Joachim Lenhardt aus Nürnberg und Rick Margitza aus den USA sowie der Regensburger Gitarrist Helmut Kagerer.

Wie erwähnt findet dieser Workshop bereits seit 37 Jahren unter der engagierten, umsichtigen und geduldigen Leitung von Rainer Glas statt und so einige hervorragende Musiker haben in der Osterwoche der vergangenen Jahre ihren letzten Schliff bekommen und sind seitdem erfolgreich als Profi-Musiker unterwegs. Viele Teilnehmer erleben auf dem Jazzworkshop ihr Coming-Out als Jazzer und machen in ihrer musikalischen Entwicklung einen Quantensprung.

Was vielen Unkundigen nicht klar ist: Man fährt nicht nach Erlangen, um hochkarätigen Instrumentalunterricht zu bekommen und fundierte Harmonielehrelektionen zu hören – das gibt es sozusagen als Sahnehäubchen obendrauf, aber eben auch an anderen Orten – man tankt Jazz!

Alle oben genannten Dozenten und die meisten Kursteilnehmer vereint nämlich die Liebe und die Leidenschaft zu dieser Musikrichtung, die wie keine andere auf dem Grat zwischen festem Arrangement und Spontanität oder zwischen verkopfter Theorie und urwüchsiger Spontanität balanciert. Diese krude Mischung macht es aus. Zudem findet sich in dem wilden Potpourri der einzelnen Stile des Jazz für fast jeden Geschmack eine Nische.

Die Aufnahmebedingungen zur Teilnahme am Internationalen Jazzworkshop in Erlangen sind nicht hoch. Rainer Glas fordert in den Anmeldeformularen zwar die Beherrschung einfacher Standards wie “Autumn Leaves” oder “Blue Monk” , aber es geht auch ohne, wenn nur genügend Enthusiasmus und ordentliches musikalisches Handwerkszeug vorhanden ist. Nun gibt es in jedem Jahr einige Kandidaten, die sich gewaltig überschätzen. Ich selbst bin vor 10 Jahren in Erlangen mit der Überzeugung angetreten, 30 Jahre Gitarre in verschiedensten Genres “würden für die verhärmten Jazzer wohl reichen”. Puh, die haben es mir aber gezeigt, die “verhärmten Jazzer”. Dennoch hat man mich, damals in Rainers Combo, mit offenen Armen empfangen und wir haben auf dem Abschlusskonzert mit unserem bunt gemischten Haufen einen durchaus respektablen Auftritt abgeliefert.

“Das Wichtigste ist immer noch, dass du geil abgeliefert hast!” – aus “Fleisch ist mein Gemüse” von Heinz Strunk   

Voraussetzungen für Neulinge sind meines Erachtens die Liebe zur Musik (in diesem Fall zum Jazz), der Wille, Neues zu erlernen und der Respekt vor dem Bandleader, also dem Dozenten, welcher nachweislich ein Meister seines Fachs ist. Und daran hapert es bisweilen.

Neben vielen Talenten finden sich leider auch alljährlich ein paar Fälle, denen beim besten Willen nicht zu helfen ist. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es in irgendeiner Form auch nur die geringste Form der Einsicht gäbe. Oder wenigstens eine realistische Selbsteinschätzung. Es gibt nämlich gegen falsches Spiel ein patentes Rezept: Finger weg vom Instrument! Nun hat sich aber offensichtlich  in unserer schönen Zeit der Gedanke verbreitet, dass durch die Zahlung eines überschaubaren Geldbetrags jeder unmusikalische Trottel ein Anrecht darauf hätte, mit seinem stümperhaften Spiel in einem Jazzensemble zu glänzen, auch wenn er selbst nicht die geringste Ahnung von Musik hat. Da ja bekanntlich immer die Anderen schuld sind, nimmt man bei Songs, die trotz ihres überschaubaren Schwierigkeitsgrades definitiv die eigenen musikalischen Fähigkeiten überfordern, nicht etwa höflich die Finger von den Tasten, nein, die Welt hat sich um unseren verhinderten Musikus (das Maskulinum steht hier nur zur Vereinfachung des Satzbaus) zu drehen. Wenn schon die Einwürfe vom Klavier zur falschen Zeit, mit den falschen Tönen und selbstverständlich ohne jegliche Form (welche den organisatorischen Ablauf eines Liedes beschreibt, z.B. Strophe-Refrain-Strophe usw. oder z.B. AABA im Jazz) kommen, muss durch die Lautstärke und Eindringlichkeit des Geklimpers zumindest auch der Rest der Band aus dem Song fliegen. Totale Vernichtung. Und dann noch beschweren, wenn es keinem gefällt. Solch impertinenter Egoismus ist mir in den früheren Kursen nicht aufgefallen.

Als Konsequenz wird sich Rainer wohl zukünftig von Workshop-Kandidaten, die von ihrer “klassischen Ausbildung” schwadronieren, mal im Vorfeld ein Ständchen spielen lassen, vorzugsweise einen Jazzstandard, aber wenn es sein muss auch eine Beethoven-Sonate. Wobei solcherlei Audition eigentlich überhaupt nicht sein Ding ist. Wie so oft resultiert also eine stärkere Reglementierung aus Egoismus und Selbstüberschätzung. Ein befreundeter Fahrlehrer brachte es schon vor vielen Jahren etwas überspitzt auf den Punkt:

Wenn die Menschen nicht so egoistisch und dumm wären, hätten wir heute kein einziges Verkehrszeichen!

Das kann man durchaus auf viele Bereiche des Lebens übertragen, eben auch auf einen Jazzworkshop.

Zum Schluss noch eine düstere Gruselgeschichte: Seit vielen Jahren halten sich Gerüchte, dass ab Januar vermummte Schlägerbanden durch den Großraum Erlangen ziehen, um zu später Stunde an uneinsehbaren Orten untalentierte Schlagzeuger zu shanghaien und sie auf den Jazzworkshop verschleppen. Das ist anscheinend kein Gerücht sondern die reine Wahrheit! Anders kann die Aussage eines schlagwerkbedienenden Kursteilnehmers “Eigentlich mag ich gar keinen Jazz” nicht erklärt werden. Jener Geselle, der nach eigenen Angaben in etwa einem halben Dutzend Rockbands seit Jahrzehnten seinen Dienst tut, verblüffte die Bläsersektion seiner Combo, die angesichts des vertrackten Satzes um die Reduzierung des Tempos bei einem Übungsdurchlauf bat, mit der fachkundigen Aussage: “Tempo 100, Tempo 110, Tempo 120 – ist eh alles dasselbe!”

Wer sich derart aufopferungsvoll um die rhythmischen Belange seiner Combo kümmert und dabei noch nicht einmal den Jazz mag, kann nur gegen seinen Willen auf dem Workshop sein. Fußketten oder Ähnliches sind mir allerdings nicht aufgefallen.

Dennoch war der Jazzworkshop 2017 insgesamt ein tolles Ereignis und definitiv ein Höhepunkt in meinem musikalischen Jahr. Insbesondere von den Dozenten Romy Camerun und Helmut Kagerer gab es für mich eine Menge zu lernen (von den anderen erfahrungsgemäß auch, nur deren Stunden habe ich dieses Jahr nicht besucht) und ich freue mich auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr!

Wie immer waren die allermeisten Kursteilnehmer sehr nette Menschen und gute Musiker. Die Mutantenquote (Vollpfosten/100 Teilnehmer) lag nur bei etwa 3 Prozent, was weit unter dem üblichen Schnitt in unserer Bevölkerung liegt!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Inside Jazz VI – Das ist doch keine Musik!

Liebe Leser,

den Satz “Das ist doch keine Musik!” kriege ich von durchaus versierten Musikerkollegen zu hören. Aber nicht ob irgendwelcher unzureichenden Live-Darbietungen meinerseits – es geht um Geschriebenes. Wie so viele Jazzer schnappe ich mir bisweilen einen Standard – am liebsten einen, der mir gefällt – und analysiere ihn funktionsharmonisch. Das bedeutet, ich setze die vor über 120 Jahren durch Hugo Riemann formulierten Regeln der Funktionstheorie zur Analyse von Werken aus dem Great American Songbook ein, um zu verstehen, wie der jeweilige Song funktioniert. Im wesentlichen habe ich das auf dem Jazzworkshop in Erlangen erlernt, den Rest habe ich mir unter Zuhilfenahme einschlägiger Literatur durch ständige Beschäftigung mit der Materie selbst beigebracht.

Das betreffende Sheet sieht danach zumeist noch viel schlimmer aus, als es durch unzähliges Kopieren verursacht schon vorher ausgesehen hatte. Jeder Takt ist mit Stufenbezeichnungen und Skalenvorschlägen bekritzelt und so manche alternative Begleitung ziert den Rand. Insbesondere die Kollegen aus dem Rock und Blues halten solcherlei Tätigkeit für eine bürokratische Verkopfung des ursprünglichen Musizierens aus dem Bauch. Der Anblick eines vollgeschriebenen Sheets ruft bei den ohnehin papierscheuen Rock- und Bluesmusikern eben häufig das zitierte “Das ist doch keine Musik!” hervor. Klassiker haben ganz andere Probleme mit den Noten und die Schlager- und Technofuzzies verstehen schon gar nicht, worum es geht.

Natürlich ist ein Stück beschmierter Zellstoff keine Musik und das Abspulen von festgelegten Tonleitern auch nicht. Dass einige unserer Jazzkollegen glauben, sich zu streng an irgendwelche vorgefertigte Regeln (“spiel alteriert über Septakkorde”) halten zu müssen, hat uns allen diesen schlechten Ruf eingebracht. Zumeist sind es unerfahrene, unmusikalische oder verbohrte Zeitgenossen, die anderen vorschreiben wollen, was über welchen Akkord zu spielen sei.

Die Funktionsanalyse selbst ist – um mit meiner Lieblingsserie “Dr. House” zu sprechen – nur ein (nicht das einzige) Mittel zur Diagnose, nicht zur Therapie. Mit dem Unterschied, dass die Diagnose oft nicht eindeutig ausfällt, was die Sache noch spannender macht. Lest beispielsweise meinen Artikel zur “Rückung, wo ein immergrünes Thema aus der Jazzharmonik aufgegriffen wird, welches man eben so oder anders sehen kann. Da gibt es dann kein “richtig” oder “falsch”, sondern eben zwei Möglichkeiten der Interpretation.

Die Analyse eines Jazzstandards kann als triste Spielanleitung missbraucht werden, muss aber nicht. Vielmehr dient sie dazu, die Ideen des oft genialen Komponisten nachvollziehen zu können und dessen Werk mit eigenen Gedanken zu interpretieren bzw. darüber zu improvisieren. Und für den Einsteiger bietet dies zumindest mal eine grobe “Landkarte”, dass er sich beim Solo nicht völlig “verfährt”. Metaphern aus dem Straßenverkehr werden auch in der Musik gerne herangezogen…

Die Erkenntnis, wie ein Komponist in einem Jazzstandard seinen Ausflug in andere Tonarten elegant beendet und mit einer überraschenden Wendung wieder in die die Basistonart zurückkehrt, bereitet Freude. Zudem bin ich der festen Überzeugung, dass einen das Wissen um harmonische Zusammenhänge auch in der Praxis besser spielen lässt. Habe ich beispielsweise das Prinzip einer “vermollten Subdominante” verinnerlicht, kann ich über eine solche auch gut spielen, wenn sie mir von einem Musikerkollegen in einer Eigenkomposition präsentiert wird. Ist übrigens kein Jazzerkram, sondern auch von Elvis Presley (u.a. in “Love me tender”) oder den Beatles häufig eingesetzt.

Es ist nicht verwerflich, zu erkunden, warum eine Musik gut klingt. Wenn also Menschen, die ihre musikalische Erfüllung in dem immergleichen Abspulen einer – zugegebenermaßen gut klingenden – Bluesskala über drei Akkorde finden, am Aufspüren einer Doppelmollsubdominate (ist mein härtester Begriff aus der Funktionstheorie – nehmt das, Ihr Warmduscher!) keine Freude haben, ist das zwar nachvollziehbar, aber deren Problem und nicht meins.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Inside Guitar – der Winter 16/17

Liebe Leser,

seit über 40 Jahren bin ich Gitarrenbesitzer, mir kann keiner was erzählen über diese königlichen Zupfinstrumente. Mit dieser bescheidenen Selbsteinschätzung lag ich mal wieder – wie so oft – daneben.

Lagerten wir unsere Instrumente und das restliche Equipment in den 1970ern noch ungeschützt in feuchten Kellerlöchern, die uns auf allen Geräten eine feine Patina aus Schimmel und sonstigem Widerlichen bescherten, so ist heutzutage jede noch so popelige Gitarre im feuerfesten und erdbebensicheren Flightcase gelagert oder steht im gut beheizten und trockenen Wohnzimmer. Feuchtigkeit war der Feind des Zupfinstruments und auf jeden Fall zu vermeiden, stimmt’s? Das hielt ich bei meinen Gitarren die letzten 30 Jahre so und es gab keine Komplikationen. Never change a running system!

Zwischen den hier im Blog schon teilweise gepriesenen Archtops spiele ich bisweilen eine Maccaferri-Gitarre von Gitane mit kleinem Schallloch:

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So ein Modell – natürlich von Selmer, nicht aus chinesischer Massenfertigung – hat Django Reinhardt gespielt. Die von Mario Maccaferri Anfang der 1930er Jahre entwickelten Gitarren sind durch ihre spezielle Konstruktion recht laut (wenn man sie heftig mit dem Plektrum malträtiert) und waren von daher für einen Gitarristen wie Django, der sich in prä-elektrischen Zeiten unverstärkt stets gegen eine Horde rücksichtslos vor sich hinschraddelnder Rhythmusgitarristen durchsetzen musste, die idealen Instrumente. Die mangelnde Detailkenntnis um die besonderen Konstruktionsmerkmale von Maccaferri-Gitarren hat mir übrigens kürzlich einen Schaden an der Gitarre und Euch eine heitere Anekdote beschert, die ich allerdings ein andermal erzählen werde. Versprochen.

Wenn irgendwo auf einer Feier oder in der Kneipe ein bisschen akustisch zu musizieren ist, dann muss meine Maccaferri ran. Der oben abgebildete Schnappschuss ist aus dem Jahr 2013 bei einer Dienstagssession in meiner damaligen Stammkneipe. Ach, selige Zeiten. Die Gitane hat auf jeden Fall schon einen Streifen mitgemacht und ist hart im Nehmen.

Vor ein paar Tagen nahm ich sie nach längerer Zeit mal wieder aus dem Koffer und klimperte ein paar Takte. Und – oha – sie schnarrte gar schröcklich und war etwa ab dem 9. oder 10. Bund überhaupt nicht mehr zu bespielen, da die Saiten heftig an den Bundstäben jenseits des 12. Bundes anschlugen. Ein Blick entlang am Hals genügte, um festzustellen, dass selbiger sich böse verzogen hatte. Nun gibt es ja wie bei den meisten modernen Gitarren zur Einstellung der Hals- bzw. Griffbrettkrümmung den Spannstab, einen im Hals versenkten Gewindestab, mit dem man unter Verwendung eines  Innensechskantschlüssels die Halsspannung und damit auch dessen Krümmung einstellen kann. Im Uhrzeigersinn (UZS) drehen erhöht die Spannung, verringert also im Prinzip den Abstand Griffbrett-Saite, gegen den UZS drehen verringert die Spannung und erhöht somit den Saitenabstand. Im Prinzip. Eine Vierteldrehung ist schon meist genug um einen Effekt zu erzielen. Im Prinzip. Ich ließ eine halbe Drehung nach. Die Gitarre schnarrte weiterhin und die Krümmung des Halses sah inzwischen schon etwas sonderbar – warum fällt mir an dieser Stelle der Bogen des Odysseus ein? – aus, worauf ich mit der Dreherei am Halsspannstab aufhörte. Auch mein ultimativer Kniff, das Unterlegen kleiner Hartholzfurnierstreifen unter den Steg, was normalerweise ebenfalls die Saitenlage nach oben korrigiert, fruchtete nicht. Mist! Totale Niederlage. Ich würde die Maccaferri zum Händler meines Vertrauens bringen müssen, der neben gut sortierten Verkaufsräumen auch eine kompetente Werkstatt mit fest installierten Gitarrenbaumeister bietet.

Da ich noch ein anderes Instrument zu BTM-Guitars (darf ich an dieser Stelle ruhig benennen – die Jungs haben es drauf und ich bin seit etwa dreißig Jahren zufriedener Kunde) bringen und keine zwei Koffer schleppen wollte, blieb die Maccaferri zunächst noch zu Hause. Ich klagte nach der Notaufnahme der anderen Gitarre Matt, einem der beiden Besitzer, mein Leid mit der Gitane. Und er hatte eine erschreckend banale Erklärung für die ganze Malesse: Der Winter 2016/2017 war besonders trocken. Haha, der berühmte extra-trockene Winter 16/17…

Gut, dass extrem trockene Luft auf Dauer einer Gitarre mehr schadet, als etwas zu viel Luftfeuchtigkeit war mir inzwischen bekannt. Das können übrigens auch Millionen von indonesischen oder vietnamesischen Gitarristen bestätigen. Aber in den letzten 20 Jahren – und so lange habe ich die Gitane mindestens – ist mir solcherlei in keinem Winter passiert. Stimmt, sagte Matt, ihm auch nicht. Aber dieses Jahr sei es eben anders, auch bei seinen eigenen Instrumenten. Es würde sich auch nicht immer zwangsläufig der Hals verziehen, es senke sich bisweilen auch die Decke. Ein Problem, das mechanisch ja gar nicht aus der Welt geschafft werden könne. Ja, stimmt, und DAS wäre ja nun wirklich ärgerlich.

Die Abhilfe und somit die Reparatur sei aber ganz einfach: Sorge für etwas Feuchtigkeit! Nicht völlig überzeugt – ehrlich gesagt glaubte ich noch nie an die ganzen Zu-Trocken-Anekdoten – kaufte ich für kleines Geld einen weiteren (ich hatte schon mal so ein Ding, es aber eher halbherzig und daher nur selten eingesetzt) Feuchtigkeitsspender speziell für Gitarren, eine Art gelochter Schlauch, welcher mit wasserspeicherndem Material gefüllt ist, den man in das Schall- oder F-Loch der betreffenden Gitarre steckt und etwa alle drei Tage für ein paar Minuten zum Vollsaugen in ein Wasserbad legt. Zu Hause also Koffer auf, Befeuchter in die Gitarre, Koffer zu, zwei Tage warten.

Der Effekt der Behandlung war bereits nach zwei Tagen verblüffend! Alle offensichtlich hydrophilen Holzbestandteile der Gitarre hatten sich wieder in ihre angestammten Positionen zurückbegeben, so dass ich auch umgehend meine Manipulation am Spannstab rückgängig machte, also wieder eine halbe Drehung im UZS nachzog. Die Gitarre ist wieder leicht bespielbar und rasselt nicht mehr, als es Maccaferris in dieser Preisklasse ohnehin zu tun pflegen. Zauberei!

Ich rechne es Matt hoch an, dass er mich nicht die Gitarre in die Werkstatt bringen ließ, um mir für die Behandlung mit etwas Feuchtigkeit einen erklecklichen Geldbetrag abzunehmen. Man lernt eben nie aus. Und kommt mir jetzt nicht mit dem “Das-kann-man-aber-als-langjähriger-Gitarrist-wissen”-Quark, wer soll denn sowas angesichts des kammergetrockneten und dick lackierten Holzes aus chinesischen Kunststofffabriken ahnen? Holz ist eben immer noch ein Naturprodukt.

Als Fazit bleibe die Erkenntnis, dass auch langjährige Erfahrung nicht vor Ungemach schützt. Und dass die Maccaferri zwar anscheinend unversehrt durch den Trockenwinter 16/17 gekommen ist, sich aber dennoch einen Schaden eingefangen hat, weil ich wieder einmal etwas desinformiert war, hatte ich schon erwähnt.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Blattspiel

Liebe Leser,

ich kann es nicht wirklich, viele können es: Blattspiel. Die Fertigkeit, schwarze Punkte auf zumeist weißem Papier mit dem Instrument in Musik verwandeln zu können. Zauberei! Bei so mancher Gelegenheit habe ich meine Kollegen bewundert, denen vom Bandleader ein Arrangement oder eine mehrseitige Partitur auf den Notenständer geknallt wurde, welches bzw. welche diese dann ohne Probe nach dem Einzählen stehenden Fußes spielten, während ich noch in der Jackentasche nach meiner Lesebrille angelte um dann mit irrem Blick auf die Blätter zumindest im Ansatz zu verstehen, wie das Stück funktioniert. Gib mir 10 Minuten, dann halte ich durchaus mit. Aber eben nicht vom Blatt.

Der aufmunternde Schulterklopfer meiner blattspielenden Kollegen und der Hinweis, die Übung mache es eben, hilft nicht wirklich. Denn sobald ich eine kleine Passage vom Sheet bzw. Notenblatt spiele (ja, in sehr moderatem Tempo kriege ich das hin), kann ich sie nach dem dritten Durchgang zumeist schon auswendig spielen, nach dem zehnten sicher. Und dann ist der Blick auf das Notenblatt je eine unnötige Anstrengung und dient nicht mehr der Übung. Das ist definitiv ein Luxusproblem, denn viele Blattspieler möchten mit mir tauschen, also besser auswendig lernen, dafür schlechter vom Blatt spielen. Ich will mich ja gar nicht beschweren. Nebenbei – wenn mich manchmal jemand fragt, woher es denn käme, dass ich so viele Stücke auswendig spielen könne, verrate ich meinen tollen Trick: Ich übe die Songs nicht einmal oder zweimal, sondern hundertmal. Und dann bleibt auch meistens was im Gedächtnis hängen. Super, was?

Der große Joe Pass hat in einem Interview erzählt, dass er als Autodidakt, der stets nur durch Abhören und Ausprobieren sein virtuoses Spiel entwickelt hatte, in fortgeschrittenem Alter das Spiel vom Blatt (widerwillig) erlernte, weil er ein paar Studiojobs ergattern wollte. Was ihm dann auch gelang.

Es gibt also keinen Grund, nicht zu versuchen, ebenfalls die Fähigkeit des Blattspiels zu erlernen, oder? Und dennoch drücke ich mich seit vielen Jahren davor. Da ich von jeher weitaus mehr Mühe für die argumentative Begründung aufwende, eine Sache nicht zu tun, als sie einfach zu machen, stieß ich bei solcherlei Grübelei (gilt das als Binnenreim?) auf den entscheidenden Grund, diese Sache wieder mal NICHT anzupacken:

Der schlechte oder auch mittelmäßige Blattspieler macht bei der Darbietung nämlich erheblich mehr Fehler als der Auswendigspieler! Das liegt daran, dass der Blattspieler das Rad quasi jedes Mal neu erfinden muss, während der Auswendiglerner das Stück schon mehrmals bewusst gespielt und viele Klippen und Widrigkeiten schon umschifft hat. Ok, zu viele Metaphern, aber einleuchtend, oder? Die oben erwähnten Kollegen haben mir gegenüber tatsächlich einen Startvorteil. Aber im dritten Durchgang der Probe spielen sie immer noch die notierten Linien, während ich schon längst die Form des Songs verinnerlicht und harmonische Finessen ausgecheckt habe.

Ich halte fest: Um einen mittelschweren Song ordentlich vom Blatt zum Besten geben zu können, müsste man also nicht nur ordentlich, sondern ausgezeichnet nach Noten spielen können. Und um das zu lernen, liebe Leser, fühle ich mich inzwischen zu alt. Im Rücken zwickt es auch schon.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Gedanken zum Jahresende

Liebe Leser,

Gedanken zum Jahresende am 10.01.2017? Naja, etwas spät. Aber immerhin – es ist Dienstag. Seht Ihr, genau hier liegt das Problem! Ich bin einfach zu langsam! Hätte mal mit 10 Fingern tippen lernen sollen, aber in den 1970ern und 1980ern war das mega-out. Daher ist jedes aktuelle Thema obsolet, bis ich es endlich mit meiner Zwei-Finger-Suchsystem-Technik in einen meiner Rechner gehackt habe.

So gibt es an dieser Stelle keinen Rückblick auf 2016, welches für mich persönlich durchaus einschneidende Erlebnisse bot, was die treuen Leser dieses Blogs ja mitbekommen haben (die anderen mögen in den Archiven stöbern) und auch keine tiefschürfenden Gedanken zum noch einigermaßen frischen neuen Jahr 2017. Bleibt gesund. Soviel dazu.

Wenn man das Bloggen nur zum Zeitvertreib und nicht zum Broterwerb bzw. zur Lifestyleprodukt- oder Lesestoffbeschaffung betreibt, geht nun mal letzteres vor (also der Broterwerb) und der Blog leidet unter Schwindsucht und Nahrungsmangel. Demzufolge büßt er auch Leserschaft ein. Unter den Blogs, die ich regelmäßig besuche oder auch nur sporadisch abchecke, sind viele, die mit derselben Malesse kämpfen. Denn geht es zu sehr um die Anzahl von Klicks oder gar Followern, verkrampft sich die Schreibe und es werden übermäßig viele, dafür ggf. kürzere Artikel rausgehauen. Einer meiner Mitstreiter verfasst täglich so viele Artikel, dass während meiner kurzen Bedenkzeit, ob mich das aktuelle Thema interessiert, schon weitere Benachrichtigungen über neue Artikel eintreffen, so dass ich letztendlich alles ungesehen lösche. Das kann nicht der Sinn der Sache sein!

Lobend erwähnen möchte ich Sebastian Flotho (Seppolog) und Manuel Höttges (Dampfbloque), zwei unbeirrbare Streiter für irrelevante Texte in ausgezeichnetem Deutsch. Auch wenn beide ihre Blogs professionell betreiben, machen sie es nicht für schnöden Mammon. Eher für kleines Geld, was ich aber nicht belegen kann. Sehr sympathisch also. Ebenso in meiner regelmäßigen Leseliste geblieben ist Alice Wunder mit Meinedrogenpolitik (ob Mann oder Frau, wer weiß es genau…? Der Name des Blogs ist Programm) und Ede Peter mit seinem inzwischen Textschmiede bezeichneten Blog. Was Ede bisweilen an Humor in seinen Texten (keine Beurteilung der Person, nur des Geschriebenen!) gegenüber den anderen drei Bloggern abgeht, macht er durch Engagement und kompromisslose Ehrlichkeit wett. Und nicht zu vergessen Aaron Püttmann mit Pilotstories – tolle Geschichten, Informatives und schöne Fotos aus dem Cockpit!

So, das war’s dann aber auch mit den Blogs. Versteht mich nicht falsch, bei geschätzt etwa 10.000 Blogschen (Menschen die bloggen) wird es wohl noch einige geben, deren Lektüre sich lohnen mag. Allerdings auch viele, wo dies nicht der Fall ist. Jung, gut aussehend, abgeschlossenes Studium (irgendwas mit Medien), frisch Mama oder Papa geworden, hochwertige Kamera besorgt und der 1000. Unterwegs-mit-Jonas-, Voll-im-Alltag-mit-Sofia- oder Unsere-coole-Patchworkfamilie-Blog geht online. Herrje, der kleine Leon hat einen extragroßen Haufen gemacht – ja, fein! Geht mir sowas von am selbigen vorbei!

Ich bin auf Facebook Mitglied in der Gruppe “Ich blogge – wer liest’s?”, welche vom umtriebigen Seppo (siehe oben) zur Gaudi ins Leben gerufen wurde, ob des unbändigen Selbstdarstellungsdrang der Blogschen (da nehme ich mich nicht aus!) allerdings inzwischen an die 1500 Mitglieder hat. Die natürlich alle schreiben, aber eher selten lesen. Und weil ich ein verantwortungsvolles und fürsorgliches Gruppenmitglied bin, stöbere ich bisweilen durch die angepriesenen Blogs und verteile sporadisch ein “Gefällt mir”. Womit die Frage, wer das alles liest, beantwortet wäre (ich!) und die Gruppe ihre Daseinsberechtigung verliert.

Bei einer dieser Touren stieß ich gestern wieder auf einen jener Blogs, die mich dazu bewegen, hier trotz der bisweilen äußerst mauen Resonanz doch weiterhin zu schreiben. Denn da gibt es (neben unzähligen anderen ähnlichen) eine M., eine selbstbewusste junge Dame, die der Welt ihre erste Woche im neuen Jahr nicht vorenthalten mag. Der Wochenrückblick auf die erste Woche im neuen Jahr. “Ich hoffe es gefällt Euch.” ist der fromme Wunsch zum Beitrag, nicht etwa das bescheidenere aber realistischere “Ich hoffe, es interessiert irgend jemand.” Nach der erschütternden Mitteilung, man sei auf dem Standesamt gewesen, da man im Juli (2017?) heiraten möchte, kommt nach endlosem Text das Geständnis, dass ansonsten in der Woche nichts Aufregendes passiert sei. Ach komm’ – das ist alles? Sieben Tage Nichts, illustriert mit den üblichen Food-Porn- und Lifestyle-Bildern, hochaufgelöst und detailvergrößert? Es ist eine grauenhafte Unsitte unserer Zeit, Nichtigkeiten optisch aufzublasen. Sicherlich, im Internet ist genügend Platz für alle und keiner zwingt mich, derartiges zu lesen. Dennoch, ein schales Gefühl bleibt…

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Na also, geht doch! Die Essenz eines überwiegend inhaltslosen Beitrags mit einem Foto illustriert. Mit aktuellen Effekten, cool!

Im Ernst, liebe Leser, wenn mir nichts einfällt oder ich anderweitig zu tun habe, gibt es auch keinen Blogbeitrag, Dienstag hin oder her.

Ich darf allerdings auf einige neue Beiträge unter

gigeonline.blogspot.de

hinweisen, wo ich mir für diverse Beiträge zur Harmonielehre wirklich den A… aufreiße. Ja, viel Jazz, igitt. Aber durchaus lehrreich und für Gitarristen und sonstige Musiker brauchbar, glaubt mir!

Auf diesen Seiten hier bei WordPress findet Ihr wie gewohnt meine Kommentare zu den unterschiedlichsten Themen, keine Wochenrückblicke mit Bildern meines Daseins als dynamischer Performer. Manchmal darf auch gelacht werden. Um diesem Blog zu folgen, muss man sich bei WordPress registrieren, was nebenbei kostenlos ist und gar nicht weh tut.

Ich wünsche Euch allen ein gesundes 2017! Bleibt mir gewogen und kommentiert meine Beiträge. Soll für gutes Wetter zuträglicher sein, als immer schön den Teller leer zu essen. Und versaut einem nicht die Figur!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Alte Gitarren – neue Gitarren

Liebe Leser,

was kann es für einen Gitarristen Schöneres geben, als eine Vintage-Höfner-Archtop? Oder eine alte Gibson, Epiphone, Framus, Neubauer, Hoyer, Hopf und wie sie alle heißen? Um es vorweg zu nehmen: Eine neue Gitarre!

Dass diese Aussage für viele Gitarrenbesitzer und Musiker – insbesondere diejenigen mit den umfangreichen Sammlungen – einen Affront darstellen mag, ist mir bewusst. Aber ich treffe diese Feststellung nicht, um Euch zu ärgern oder Eure Instrumente madig zu machen, sondern weil es zu oft einfach wahr ist. Dieser Beitrag mag nun für Interessierte als Fortsetzung des Artikels “Gute, schlechte und letzte Gitarren” herhalten, welcher ja mit einem Cliffhanger endete. Ganz am Anfang meiner ach so beeindruckenden Karriere, vor über 40 Jahren, war ich gerade stolzer Besitzer einer akustischen Westerngitarre und hatte gottseidank in der Vorstadt einen etwas älteren Freund, der mich neben der Herstellung von filterlosen Selbstgedrehten auch ein paar Griffe und Techniken auf der Gitarre lehrte. Dank an dieser Stelle an Franz! Also für die Griffe. Und er hatte eine richtige Gitarre, eine selbst im Jahr 1975 schon etwas betagte Neubauer, eine Archtop des gleichnamigen ortsansässigen Bubenreuther Gitarrenbauers. Möglicherweise hat ebendieses Instrument meine bis zum heutigen Tag andauernde Affinität zu den Jazz- oder Schlaggitarren ausgelöst.

Diese Gitarre überließ Franz mir bisweilen zum Spielen, zumindest bei sich zu Hause. Obwohl ein solches Instrument für mich der Heilige Gral ob seiner Bespielbarkeit und Lautstärke bzw. klanglichen Durchsetzungsfähigkeit war, wurde die Neubauer nicht geschont. Sie war bei jeder Gelegenheit dabei, selbst als Begleiterin bei den unzähligen Zeltlagern unserer Katholischen Jungen Gemeinde (KJG – gibt es die eigentlich noch?).

Auf einem solchen Zeltlager ist auch folgende historische Aufnahme – etwa im Jahre 1975 – entstanden, die den Autor dieser Zeilen mit der besagten Neubauer zeigt:

My beautiful picture

Und nun – wie bereits erwähnt fast 40 Jahre später – durfte ich die Neubauer wieder in den Händen halten.

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Was soll ich sagen – der Lack ist ab (ja, ich weiß, bei mir auch…), wie es so schön heißt. Und das nicht nur im übertragenen Sinne. Nun hat das Teil ja wie bereits erwähnt durchaus einen Streifen mitgemacht, so dass das Instrument sicherlich genug spirituelle Energie in sich aufgesaugt hat, nur … wenn man an solcherlei nicht glauben mag, bleibt, was es ist: Ein sehr altes Instrument mit gewaltiger Anzahl an “Betriebsstunden”, das mindestens eine Generalüberholung nötig hat. Noch immer mag ich heimlich dem Gedanken anhängen, dass eine alte Gitarre auch in irgendeiner Weise die Musik seiner Zeit in sich trägt. Aber nüchtern betrachtet ist dies wohl esoterischer Quark. Immer wieder habe ich hoch betagte (ich mag dieses Wort) Gitarren erworben, um auf ihnen den Klang der 1930er und 1940er Jahre aufleben zu lassen, doch den Blues habe ich nur wegen technischer und orthopädischer Probleme bekommen, nicht durch die erhoffte Inspiration. So musste ich eine hochgelobte Gibson L50 und eine Kay-Archtop, beide etwa 1935 gebaut, anderen Kollegen zum fairen Preis überlassen, da ich mit den Gitarren einfach nicht klar kam.

Ich will es nicht bestreiten: Gerade Gibson hat zwischen 1930 und 1960 eine gewaltige Anzahl von hervorragenden Instrumenten gebaut, von denen einige noch heute phantastisch klingen und gut zu spielen sind, aber diese sind zum Einen rar, zum Anderen kaum bezahlbar. Und bei den Modellen der deutschen Gitarrenbauer bzw. Gitarrenhersteller, die in den 1950er und 1960er Jahren ihre große Zeit hatten, wechseln Licht und Schatten. Ich spielte (und spiele teilweise noch) Archtops von Framus, Höfner, Arnold Hoyer, Neubauer und Musima. Natürlich ist dies nur ein kleines Exzerpt der legendären Herstellerriege und nur ein Promille der Modelle auf dem Markt, aber immerhin. Höfner machte übrigens den besten Eindruck, Framus den schlechtesten. Aber was weiß ich schon…

Interessant war auch ein kleines Experiment, bei dem ich zusammen mit einem befreundeten Musikerkollegen einige Gibson-Archtops aus den 1940er und 1950er Jahren gegen gleiche oder zumindest ähnliche Modelle, die nach 1990 gebaut wurden, im direkten und unmittelbaren Vergleich spielen konnte. Wir versuchten, so objektiv wie nur irgend möglich zu sein (mit verbundenen Augen spielen etc.), dennoch – die “neuen” Gitarren schnitten am Ende in allen Kriterien (Klang, Bespielbarkeit, Stimmfestigkeit und mehr) immer besser ab, als ihre betagten Kollegen.

Es scheint also so, dass sich die Suche nach der “allerletzten Gitarre” unter den Relikten der Goldenen Ära der Archtops eher schwierig und kostenintensiv gestaltet. Man könnte sich aber – und hier schon zum zweiten Mal der Cliffhanger – seine Allerletzte bauen lassen…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Des Wahnsinns fette Beute

Liebe Leser,

Einbrüche überall. Das ist eine schlimme Entwicklung, weil außer dem materiellen Schaden auch noch ein erheblicher psychischer bleibt, da man sich ab diesem Ereignis im eigenen Heim nicht mehr sicher fühlt. Zudem wird beim gewaltsamen Eindringen in Autos, Wohnungen oder Häuser meistens noch zusätzliche Zerstörung angerichtet. Also wirklich eine böse Sache. Einbrüche sind den Medien überwiegend nicht einmal eine Meldung wert, da sie einfach zu häufig stattfinden. Nur bisweilen schafft es ein Einbruch in die News. So wie jener, über den ich heute berichten möchte.

Bei Michael Wendler wurde eingebrochen. Bereits an dieser Stelle Fragen über Fragen: Wer ist Michael Wendler? Warum ist ein Einbruch bei demselben eine Erwähnung in diesem ansonsten so seriösen Blog wert? Und wer war noch gleich Michael Wendler?

Aus Wikipedia: Michael Wendler (* 22. Juni 1972 in Dinslaken; bürgerlich Michael Norberg, geb. Skowronek) ist ein deutscher Sänger und Songschreiber.

[Klammer: Wikipedia ruft übrigens wie immer zum Jahresende zur Spende auf, was traditionell kaum einen der zahlreichen Leser dieser Enzyklopädie interessiert. Das ist traurig, denn kaum eine Website wird mehr besucht (2014: Platz 5 in Deutschland mit 143.000.000 Aufrufen – fast so viele wie dieser Blog). Ich bin der festen Überzeugung, dass kein Referat in irgendeiner Schule heute gänzlich ohne Informationen aus Wikipedia erstellt wird, und sei es auch nur, um einen Überblick zum jeweiligen Thema zu bekommen. Ich habe daher tatsächlich ein paar Kröten überwiesen, so dass dieses trotz aller bekannten Schwächen grandiose und nützliche Nachschlagewerk weiter existieren kann. Wisst Ihr auch nicht, was Ihr mit Eurem Geld anfangen sollt? Dann spendet Wikipedia! Klammer zu.]

Daneben kann man auch die Information nachlesen, dass M. Wendler nie eine musikalische Ausbildung genoss und seine Songideen seinem Produzenten ins Ohr summt, welcher dann die Hits daraus produziert (und damit seiner Berufsbezeichnung genügt).

Aus Gründen der Recherche habe ich mir mal in Youtube einige Songs angehört und in zwei Liveauftritte geklickt (welche wie erwartet aus Playbackdarbietungen nebst Tänzerinnen im Hintergrund bestehen), so dass ich aus meiner zunächst unbegründeten Abneigung gegen M. W. prompt eine begründete entwickelt habe.

Nun ist mir dieser Sänger und Songwriter (mit allen schmähenden Adjektiven muss man gegenüber diesem erwiesenermaßen streitlustigen Prozesshansel vorsichtig sein) schon aufgrund des Genres “Malle-Schlager” et al, in dem er sich tummelt, herzlich egal. Aber die Nachricht, dass bei in seinem ehemaligen Zuhause in Dinslaken (die Familie Wendler/Norberg wohnt inzwischen in Florida) eingebrochen wurde, hat doch mein Interesse geweckt. Denn sowohl die Beute wie auch deren Verbleib lässt aufhorchen!

1,5 Tonnen (1500 Kilo!) originalverpackte CDs/DVDs (mit Wendler-Musik, sonst wäre es ja witzlos) wurden nämlich in einem Altkleidercontainer des Kolpingwerks in Dortmund gefunden. Und erst nachdem ihm dies nach Florida gemeldet wurde, ließ der Sänger verlautbaren, in seinem alten Heim in Dinslaken wäre eingebrochen worden. Sein Anwalt würde eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch und Diebstahl vorbereiten. Was nebenbei auch interessant ist, denn mir fällt gerade kein Grund ein, warum man dies nicht selbst durch eine Meldung bei der Polizei erledigen sollte. Dafür gibt es im Internet leicht verständliche Formulare.

Nun zu den cleveren Einbrechern. Man verschafft sich also Zugang zum Anwesen des Herrn Wendler und klaut nicht etwa irgendwelche Wertsachen, deren Anzahl in dem verlassenen Heim zugegebenermaßen wahrscheinlich überschaubar ist, sondern verlädt immerhin etwa 15000 Ton- und Videoträger in ein geeignetes Fahrzeug, transportiert sie mehr als 60 km von Dinslaken nach Dortmund, um dann diese gewaltige Menge in einem Altkleidercontainer zu entsorgen? Wie ich es drehe und wendlere (das Wortspiel sei mir gegönnt), mir fällt kein Grund für die ganze Aktion ein, schon gar kein vernünftiger.

Das offensichtlichste ist auf den ersten Blick eine versuchte Manipulation der Charts, also vom Ansatz her der Ankauf eigener CDs, um damit die Verkaufszahlen und somit die Platzierung in den Hitparaden nach oben zu treiben. Aber – und da muss ich dem Herrn Wendler wenigstens zum Teil Recht geben – “das System der Branche sei so ausgeklügelt, dass man es nicht manipulieren könne.” Ich habe es mal im Netz und speziell bei GfK-Entertainment nachgelesen: Es wird der Umsatz der jeweiligen Künstler anhand der Verkaufszahlen von 2800 ausgewerteten Händlern zur Chartplatzierung herangezogen. Das System ist nicht unbedingt gerecht, da Umsatz und verkaufte Stückzahl durch diverse Kniffe (z. B. Verkauf von Boxen) bisweilen heftig auseinanderklaffen, aber zumindest nicht durch die Entsorgung Tausender Tonträger manipulierbar.

Möglicherweise war das Ganze auch nur eine Aktion, das Lager mit den unverkäuflichen Tonträgern aufräumen, die dann in der dilettantischen Ausführung aus dem Ruder gelaufen ist. Etwa in der Art “Mir ist egal, wo ihr das Zeug hinschafft – Hauptsache weg!” Dass derlei viel eleganter geht, bewies unser ehemaliger Bandleader mit den verbliebenen Tonträgern unserer Rockband aus den 1990er Jahren. Nach dem dritten Wohnungswechsel waren die Dinger einfach verschwunden und sind bis dato auch nicht an unzulässigen Orten wieder aufgetaucht.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige