Auf dem Nachttisch – Fitzek „Der Insasse“

Liebe Leser,

nun ja, “auf dem Nachttisch” ist für die folgende Rezension eher unpassend, denn ich möchte ein Hörbuch besprechen, welches ich ausschließlich während diverser Autofahrten gehört habe. Doch dafür lohnt hier im Blog keine eigene Rubrik. Zur Sache:

Geschenkt bekommen habe ich das Hörbuch “Der Insasse” von Sebastian Fitzek, 6 Audio-CDs, 420 Minuten, gesprochen von Simon Jäger. Das Hörbuch ist 2018 bei Argon erschienen und kostet 19,95 €.

Der Insasse

Ich bin auf den langen Autofahrten eher ein Freund leichter Kost, was mich inzwischen zu einem ausgewiesenen Kenner der Kerkeling-Hörbücher “Ich bin dann mal weg”, “Amore und so’n Quatsch” und “Der Junge muss an die frische Luft” (keine so leichte Kost, aber auch nicht so gut) macht, sowie einiger Strunk-Hörbücher. Nun also erstmals Fitzek.

Die kurze inhaltliche Beschreibung werde ich von Denis Scheck, dem ARD-Bücherwurm, übernehmen. Er kommentiert durchaus treffend (in der ARD-Mediathek nachzusehen):

Auch der neue Fitzek bietet wieder pure sich an Gewalt aufgeilende Prosa. Was mich an diesem Buch über einen Kindermörder und den Vater eines Opfers, der sich in die geschlossene Psychiatrie einweisen lässt, um an den Täter heranzukommen, neben den unerträglichen Gewaltszenen anwidert,  ist seine Sprache – dieselbe Sprache, die das sogenannte „gesunde Volksempfinden“ und seine politischen Repräsentanten sprechen. Was will uns Sebastian Fitzek sagen mit Sätzen wie, Zitat: „Aber da man in Deutschland in einem Rechtsstaat lebte, war bereits die Androhung von Folter strafbar. Selbst einem Monster gegenüber.“ Wäre es besser, nicht in einem Rechtsstaat zu leben? Wäre es besser, wenn Folter legal wäre? Dies ist kein Roman, dies ist eine Kloake.

Ich habe wirklich einige Zeit hin und her überlegt, wie ich meine Eindrücke zu diesem Roman/Hörbuch in Worte fassen soll. Und da es H. Scheck so gut trifft, habe ich ihm die Formulierung überlassen.

Etwa nach der zweiten oder dritten CD hat mich die beschriebene “sich an Gewalt aufgeilende Prosa” derart abgestoßen, dass ich das Weiterhören drangeben wollte. Allerdings – das gebe ich zu – wollte ich wissen, wie es mit dem Hauptprotagonisten weitergeht, auch wenn mir sein Schicksal trotz aller im Buch viel zu ausführlich geschilderten Umstände nicht sonderlich nahe ging. Ein Kritikpunkt, den auch andere Rezensenten so formulierten.

Vorsicht! Im nächsten Absatz stehen einige Dinge, die klugen Lesern (zu welchen ich Euch alle zähle) Hinweise zum Twist der ganzen Geschichte geben könnten. Wer also diesen Fitzek selbst beurteilen möchte, überspringe den nächsten Absatz, welchen ich deswegen auch kleiner schreiben werde.

Das Stöbern in den Rezensionen bei Amazon erwies sich übrigens als böser Fehler, denn ein Rezensent konnte es nicht lassen und erwähnte einen Film, in dem ein ähnlicher Twist wie im vorliegenden Buch vorkommt. Betrachtet man die Szenerie des “Insassen”, ist es nicht allzu schwer, den Streifen zu identifizieren, selbst wenn er nicht wie in der besagten Rezension namentlich erwähnt würde. Und dieses Wissen verdirbt einem dann das letzte bisschen Spannung.

Ende der Spoilerei, weiter im Text:

Mit in Romanen geschilderter Grausamkeit habe ich immer dann ein Problem, wenn in mir der Verdacht aufkeimt, dass der Autor brutale, abstoßende und geächtete Taten sozusagen seinen Romanfiguren “auf den Leib schreibt”, womit man leicht die Verantwortung abschiebt und niederste Triebe der Leserschaft bedienen kann. Ein Mechanismus, der auch in Strunks “Der Goldene Handschuh” mein Missfallen erregte. Wobei Sebastian Fitzek dies im vorliegenden Buch locker toppt.

Als gegen Ende des Romans das Rätsel gelöst (in meinem Fall das Wissen bestätigt) wurde, wäre dies ein guter Moment gewesen, das Buch mit einer kleinen Pointe zu beenden, sozusagen als versöhnlichen Abschluss. Doch nein, über unzählige Minuten wurde jeder der ausgelegten Handlungsstränge breit erklärt zu einem Ende gebracht. Ich hatte mehr als einmal das Bedürfnis, einige Absätze zu überspringen (also vorzuspulen), weil ein unablässiges “Schon gut, ich hab’s kapiert” in meinem Kopf dröhnte.

Was bleibt also von einem Roman, wenn man die Darstellungen unerträglich findet, den Twist erahnt und der Autor zudem einfach nicht zum Ende kommen will?

Ein äußerst schaler Geschmack.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Inside Jazz – Jazzworkshop Erlangen 2019

Liebe Leser,

die schönste Woche des Jahres ging wieder mal viel zu schnell vorbei – der 39. Internationale Jazzworkshop Erlangen ist Geschichte. Mit einem über das übliche hinausgehende Delay möchte ich Euch heute ausführlich (ja, Pech, da müsst Ihr durch) von meiner jährlichen Jazz-Betankung berichten.

Inzwischen sind sogar zwei Wochen vergangen, aber dafür ist es ein wirklich langer Text geworden.

Wie in den letzten drei Jahren (vorher waren wir im Frankenhof, der aber noch immer höchst aufwendig renoviert wird) versammelten sich im Innenhof und Cafe des Egloffsteinschen Palais (1718 erbaut, genutzt von der VHS Erlangen) über 100 Jazzbegeisterte aus ganz Deutschland und den umliegenden Nachbarstaaten, um mit einer Schar wirklich hochkarätiger Dozenten eine Woche lang zu musizieren und natürlich auch von diesen zu lernen. Dieses Jahr traten an:

Tony Lakatos, Rick Margitza, Hubert Winter (Saxophon), Andrej Lobanov (Trompete), Romy Camerun (Gesang), Bernhard Pichl (Klavier), Joe Bawelino (Gitarre, als Ersatz für den wegen Sehnenscheidenentzündung kurzfristig ausgefallenen Helmut Kagerer), Rainer Glas (Kontra- und Fretless-Bass), Patrick Scales (E-Bass) sowie Harald Rüschenbaum und Christoph Huber (beide Schlagzeug).

Eine geballte Ladung musikalischer Kompetenz und trotz der teilweise jahrzehntelangen Karrieren ungezähmter Spielfreude – von daher das Paradies auf Erden für jeden Jazzmusiker.

Obwohl ich das in den letzten Jahren sicherlich schon gemacht habe, möchte ich den Ablauf eines “normalen” Jazzworkshop-Tages kurz schildern. Pünktlich um 10 Uhr hält der Münchner Schlagzeuger und Bigband-Leiter Harald Rüschenbaum eine knappe Stunde “Spaß für alle” (aus dem früheren “Rhythmik für alle” hervorgegangen), in der dieser herausragende Musiker den Teilnehmern einen etwas anderen Blick auf die Musik verschafft und spielerisch die Sinne für musikalische Kommunikation und Interaktion schärft. Ich weiß, hingeschrieben klingt das – was ich gerne alljährlich wiederhole – nach Esoterik-Gesülze, aber das ist es nicht! Harald arbeit sein ganzes Leben lang an dem perfekten Klang, was sowohl für seine Instrumente wie auch für die von ihm geleiteten Ensembles gilt. Und er stellt seine Fähigkeiten auch permanent in seinem Spiel (zum Beispiel beim Dozentenkonzert) wie auch im Abschlusskonzert mit der stets hervorragend klingenden Teilnehmer-Bigband unter Beweis. Ich hatte das Vergnügen, zweimal auf der abendlichen Session Harald hinter mir am Schlagzeug zu haben und es war jedesmal ein Genuss, mit diesem Mann musizieren zu können. Wenn auch Christoph Huber ein Schlagzeuger ersten Ranges ist, der fantastisch grooven kann, würde ich mich dennoch stets für Harald Rüschenbaum entscheiden, wenn ich auswählen dürfte. Ihr seht schon, ich bin Fan!

Ab 11 Uhr beginnen dann gute anderthalb Stunden Instrumentalunterricht beim jeweiligen Dozenten. Da ich natürlich bei den Gitarristen angesiedelt bin, kann ich für dieses Jahr nur aus dieser Gruppe erzählen. Ich hatte aber in vorangegangenen Workshops schon einige Stunden als “Gasthörer” bei Hubert Winter, Tony Lakatos, Rainer Glas und Romy Camerun und darf Euch versichern, dass all diese Dozenten ihre Aufgabe mit Bravour meistern, wenn auch stets auf durchaus individuelle Weise.

Nun zum Gitarrenkurs des Jahres 2019. Wegen des Ausfalls von Helmut Kagerer konnte Rainer den Altmeister (was ich mit allem Respekt meine) Joe Bawelino aus München für den Jazzworkshop gewinnen. Joe ist 72 Jahre alt, Sinto und hat mit fast jedem Gitarristen gespielt, den man sich nur vorstellen kann, unter vielen anderen mit Joe Pass und Bireli Lagrene. Der Gruppenunterricht war für ihn Neuland, aber er ist ein gewaltiger Player mit unbändiger Spielfreude und dazu noch ein sehr netter Kerl. Statt harmonischer Konzepte oder technischen Tricks hat er uns jeden Tag einen neuen Song beigebracht und selbigen auch immer wieder mit allen Teilnehmern wiederholt, so dass ich in dieser Woche mein Repertoire durchaus erweitern konnte. Was mich an Joe (ebenso wie auch an Helmut Kagerer) immer wieder fasziniert, ist, dass Leute, die seit 40 oder gar 60 Jahren professionell Gitarre spielen, immer noch eine absolut ansteckende Freude an ihrem Instrument und an der Musik haben, die sie damit erzeugen. Das gilt übrigens für alle Dozenten, die in Erlangen lehren (und natürlich spielen).

Joe Bawelino hat immer Spaß an seiner L-5…

Einige Teilnehmer hatten vielleicht eher Übungsetüden oder Anleitung zum Skalenspiel erwartet, aber die Mehrheit war mit der Hauptbeschäftigung im Kurs, nämlich dem Spielen der Gitarre in immer neuen Begleitungs- oder Solo-Szenarien sehr zufrieden. Stilistisch ist Joe Bawelino ein waschechter und virtuoser Bebop-Gitarrist in der Tradition eines Joe Pass oder Johnny Smith, der aber unzähligen Gipsy-Formationen gespielt hat und noch spielt und von daher auch wirklich jeden Gipsy-Klassiker formvollendet beherrscht. Eine höchst interessante Kombination!

Am Rande sei bemerkt, dass es wesentlich schneller zum Ziel führt, wenn man sich eine vom Lehrer (oder auch in anderen Situationen von einem Mitmusiker) vorgetragene Passage oder einen kompletten Song zunächst mal in Ruhe anhört, bevor man beginnt, die Akkorde oder Lines selbst auf dem Instrument zu spielen. Oft werde ich gefragt, wie ich es schaffe, mir Songs in relativ kurzer Zeit zu verinnerlichen. Mein Spezial-Trick ist… Zuhören. Ich weiß, im Musiker-Umfeld geradezu absurd, aber so ist es tatsächlich. Man soll nicht glauben, wie hilfreich das immer wieder sein kann. Einfach Zuhören.

Der Instrumentalunterricht dauert etwa zwei Stunden, bis circa 13 Uhr, wobei auch 12:45 nicht unüblich ist. Dann kann man sich im Cafe der VHS mit stets leckerem Kaffee und einem Snack versorgen, um pünktlich um 14 Uhr eine weitere Stunde “Unterricht” zu genießen. Hierbei ist die Auswahl geradezu erdrückend und nicht leicht zu treffen. Geboten wird zeitgleich jeweils eine Stunde

  • Harmonielehre bei Rainer Glas. Er bringt hier den Zuhörern sein Konzept, welches er in dem Band “Chords & Scales” niedergeschrieben hat) der vier Erzeugerskalen (Melodisch-Dur und -Moll sowie Harmonisch-Dur und -Moll) und ihren Einsatz bei der Suche nach der “Most Ingoing Scale” näher.
  • Harmonielehre bei Bernhard Pichl. Mein persönlicher Favorit. Bernhard ist seit Jahrzehnten Dozent an der Musikhochschule Nürnberg und ein fantastischer Lehrer. “Jedes mal, wenn ich die Szene wieder sehe, entdecke ich ein neues Detail!” beschreibt in Anlehnung an den Asterix-Band “Die Odyssee” gut meine Gedanken bei dem jährlichen Abstieg in die tiefen Gründe der Funktionstheorie. Zumal in diesem Jahr nur die Grundzüge der Funktionen besprochen wurden und stattdessen in den (leider um einen Tag gekürzten) Lektionen ein Charlie-Parker-Solo wirklich detailliert analysiert wurde, was auch für einen Nicht-Solisten wie mich äußerst interessant war.
  • Chorprobe bei Romy Camerun. Romy ist eine der besten Jazz-Sängerinnen Deutschlands und zudem eine Spitzen-Lehrerin, was sie nicht nur in Erlangen, sondern auch in ihren Dozentenstellen an der Hochschule für Musik und Theater Hannover, an der Folkwang Hochschule in Essen und an der Fachhochschule Osnabrück ständig unter Beweis stellt. Chor bei Romy ist ein Erlebnis. Ich bin übrigens einer der wenigen Kursteilnehmer, auf dessen Mitwirkung alljährlich höflich verzichtet wird, da sich mein Gesang wirklich gruselig anhört…
  • “Rhythm & Grooves” mit Harald Rüschenbaum, Patrick Scales, Tony Lakatos und dem jeweiligen Gitarrendozenten, in diesem Jahr also mit Joe Bawelino. Hier gibt man Standards, die auch mal etwas anders klingen dürfen, also beispielsweise einen Swing als Latin oder dergleichen. Bisweilen erhalten auch Kursteilnehmer die Gelegenheit, einmal eine Nummer mit den Dozenten zu spielen. Die meiste Zeit aber wird staunend gelauscht, denn wann bekommt man schon eine derart hochwertige Combo quasi in der ersten Reihe sitzend zu hören.

Um 15 Uhr beginnen dann die Proben der jeweiligen Combos. Der jeweilige Bandleader (aus der Riege der Dozenten) stellt Material vor, das gespielt werden könnte, ist aber stets für Änderungen des kleinen Programms offen, sofern er dies nicht im Vorfeld angekündigt hatte (wie zum Beispiel Rick Margitza, der in diesem Jahr Kompositionen von sich spielen lassen wollte). Der von Novizen vereinzelt aber alljährlich geäußerte Kritikpunkt, die Combos sollten doch im Vorfeld eingeteilt werden, ist meines Erachtens eher einer der Stärken des Erlanger Jazzworkshops als eine seiner Schwächen. Ein Wechsel zu einer anderen Band ist nämlich innerhalb der ersten Tage überhaupt kein Problem, so dass musikalische oder auch soziale Animositäten leicht vermieden werden können.

Je nach Dozent dauert die Comboprobe zwischen 90 und 120 Minuten. Damit Musiker sowohl in einer Combo wie auch in Harald Rüschenbaums Bigband spielen kann, ist die Probe der Bigband erst für 17:30 angesetzt.

Nach der Combo- bzw. Bigbandprobe begeben sich die zu diesem Zeitpunkt noch spielfreudigen Workshopteilnehmer (und das sind mehr, als man meinen sollte) zur allabendlichen Jamsession.

So ist es an einem “normalen” Workshoptag also üblich, sich mehr als 12 Stunden intensiv mit dem Jazz zu befassen. Nochmals: Ein Traum für jeden Musiker!

Aus organisatorischen Gründen mussten im Jahr 2019 einige liebgewonnene Workshoptraditionen (hoffentlich nur einmalig) geändert werden. So konnte im “Cafe International” im Egloffsteinschen Palais nicht wie in den Vorjahren zwischen 17 und 19 Uhr eine mehr interne “Warm-Up-Session” stattfinden, bei der eher zurückhaltende Kollegen schon mal im kleinen Kreis ihr Repertoire festigen und den ein oder anderen Song auf die Schnelle live darbieten konnten. Da der langjährige Spielort in der Kellerbühne des E-Werks und auch die Heinrich-Lades-Halle 2019 nicht verfügbar waren, sollten alle Sessions und auch alle Konzerte dieses Jahr im Jazzclub “Blue Note” stattfinden, welchen Rainer Glas seit 2018 im Gewölbekeller des Bayerischen Hofs Erlangen etabliert hatte.

Ohne Einzelheiten zu kennen, war der Deal anscheinend, dass die Geschäftsführung des Bayerischen Hofs als Gegenleistung für die mietfreie Überlassung des Gewölbekellers zumindest einen ordentlichen wenn nicht gewaltigen Umsatz am Abend durch die Anwesenheit aller Kursteilnehmer erwartete. Der gesamte Plan war – wiederum meiner bescheidenen Privatmeinung nach – nicht übel, scheiterte aber in der Realität an kleinen, aber nicht unerheblichen Details. Der verbreiteten Kritik an dem Lokation selbst will ich mich nicht anschließen. Der Jazz passt sicherlich auch in einen Gewölbekeller und das gesamte Hotel- bzw. Saal-Ambiente ist nicht unpassend. Die Geschäftsführung und das Personal sind keine ausgewiesenen Jazzliebhaber, stehen der bisweilen etwas schrulligen Musikerschar jedoch durchaus aufgeschlossen gegenüber und verhielten sich – zumindest mir gegenüber – stets freundlich und zuvorkommend. Auch die Preise fand ich nicht übertrieben hoch, doch mindestens die Hälfte der Kursteilnehmer besteht aus Menschen, die sich zum Teil schon für die Kursgebühr ganz schön strecken müssen und die daher einem Mineralwasser für 5,50 € doch kritisch gegenüber stehen. Da sind wir wieder bei den angesprochenen Details. Der Geschäftsführung des Bayerischen Hofs war es nicht möglich, für diese eine Woche (die ohnehin im Business-Hotel eine Saure-Gurken-Zeit ist) zumindest für den Bereich des Blue-Note einfach mal die Preise moderat zu reduzieren. Das hätte den Umsatz und überhaupt den Zuspruch sicherlich gefördert. Das angebotene Essen war zwar mit Preisen zwischen 7 und 10 Euro bezahlbar, aber lieblos an der Theke zur Selbstabholung wie am Buffet gereicht und nicht besonders gut.

Hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Um den Service im Blue-Note zu gewährleisten, braucht es mindestens fünf Servicekräfte. Und um diese zumindest mit dem niedrigsten zulässigen Lohn bezahlen zu können, sollte – Pi mal Daumen – am Abend ein Tausender umgesetzt werden. Wenn aber nur 50 Personen an einem Getränk für jeweils 5 Euro herumnuckeln… naja, die Rechnung ist nicht allzu kompliziert.

Am Ende der Woche waren sowohl der Geschäftsführer des Bayerischen Hofs wie auch der Workshopleiter Rainer Glas frustriert, wenn auch die letzten Abende stets gut besetzt waren. Aber wie ich bereits versucht habe darzulegen, kann man hier weder Rainer (er hatte dieses Jahr keine Alternative) noch ausschließlich dem Hotel Vorwürfe machen. Mit besten Absichten das Ziel nicht erreicht.

Ich denke daher, dass nächstes Jahr sowohl die Wiederbelebung der “Warm-Up-Sessions” in der VHS wie auch die der regulären Sessions auf der Kellerbühne des E-Werks angesagt sein sollte. Das Dozentenkonzert und die Abschlusskonzerte können ja meinetwegen im Blue-Note stattfinden, falls es selbiges im nächsten Jahr noch gibt.

In diesem Jahr fanden erstmals zwei Abschlusskonzerte statt. Ich bin mit mir selbst auch zwei Wochen nach Kursende immer noch nicht eins, was ich davon halten soll. Sicher, ein Abend mit 10 oder 11 Bands zieht sich und der organisatorische Aufwand ist gewaltig. Allerdings ging dies auch die letzten 38 Jahre ganz gut.

Dieses Jahr spielten jeweils am Freitag und am Samstag sechs Bands, was die Sache natürlich viel entspannter macht. Glücklicherweise blieben fast alle Kursteilnehmer auch am Samstag in Erlangen, so dass beide Abschlusskonzerte gut besucht waren. Allerdings reduziert sich durch Konzerte ab Donnerstag die Anzahl der Sessions um eine, was ich schade finde. Zudem fehlt der finale Kick des tatsächlichen Workshop-Abschlusses. Aber wie gesagt, ich habe mir noch keine abschließende Meinung gebildet…

Die von mir erwähnten Neuerungen des Jahres 2019 wie auch die schon traditionellen Eigenheiten des Erlanger Jazzworkshops wurden (wie jedes Jahr) im großen wie auch im kleinen Kreis in biergeschwängerter Kneipenumgebung leidenschaftlich diskutiert. Interessanterweise kann man hier die Kursteilnehmer relativ schnell kategorisieren. Diejenigen, die das durchaus leicht anarchische oder zumindest kaum reglementierte Prozedere der Combo-Bildung oder auch der Jam-Session-Organisation kritisieren und am liebsten im Stil der Burghausener Workshops organisieren möchten, gehören zumeist der Fraktion der “Ich-Will-Meinen-Moment”-Teilnehmer an. Das sind Menschen, die eine Woche lang versuchen, ihren eigenen Lieblingssong, den sie möglicherweise schon jahrelang trainiert haben, wieder einmal vor einem interessierten und fachkundigen Publikum zu präsentieren, wie sie es möglicherweise schon auf einigen Workshops vorher getan haben. Ich halte dieses Ansinnen für durchaus legitim und habe Verständnis für diese Kollegen. Aber der Wunsch sollte nicht zu starr das eigene Handeln und Verhalten bestimmen, da er die Band- oder Session-Kollegen zur Staffage degradiert und wiederum deren Ziele oder Wünsche ignoriert.

Vertreter der “Ich-Will-Von-Den-Besten-Lernen”-Fraktion, zu der ich mich auch erst seit einigen Jahren zähle (man kann auch im hohen Alter noch dazulernen…) gehen mit den Freiheiten des Erlanger Workshops wesentlich lässiger um und haben dann auch mehr von dieser Woche. Obwohl ich die letzten Jahre ausschließlich in der Combo von Romy Camerun, welche ich sowohl als Mensch wie auch als Musikerin absolut schätze, die Gitarre gespielt hatte, räumte ich auf Anfrage eines Kollegen diesen Platz und “diente” erstmalig bei Andrej Lobanov. Und was soll ich sagen – ich konnte unter seiner ebenso professionellen, aber eben ganz anders gearteten Combo-Leitung wirklich eine Menge dazulernen. War eine geile Woche in Deiner Band, Andrej, vielen Dank!

Zwischen allen Stühlen (Kursteilnehmer, Dozenten-Kollegen, Vermieter von Räumlichkeiten und Leihinstrumenten, Wirte, Veranstalter, Kulturverantwortliche der Stadt Erlangen, Hotelbesitzer… naja, eben alle, die bei einem Projekt diesen Ausmaßes mitreden oder zumindest dies gerne täten) sitzt … Rainer Glas. Und soll sich von früh morgens bis spät in die Nacht um wirklich alles kümmern, vom verlegten Schlüssel über die Funktion des Kopierers bis zur Auslastung eines Hotelbetriebes und nicht zuletzt um das leibliche und musikalische Wohl jedes einzelnen Kursteilnehmers. Was er tatsächlich seit nunmehr fast 40 Jahren auch tut. Deshalb empfinde ich bisweilen die Kritik an der einen oder anderen flapsigen Äußerung in lockerer Runde als übertrieben und auch respektlos. Erst die Erlanger Workshops unter seiner Leitung haben mir den Zugang zum Jazz und die Liebe zu dieser Musik verschafft. Und durch die geballte Anwesenheit musikalischer Kompetenz vor Ort lerne ich jedes Jahr dazu, verfeinere mein Spiel und erweitere mein Wissen. Dafür bin ich Rainer Glas stets dankbar und werde seinen Workshop unterstützen, solange er noch Lust und Kraft hat, ihn zu organisieren.

Und natürlich dachte ich mir auch dieses Jahr, eventuell im Jahr 2020 einmal zu pausieren. Wenn dann aber Rainer Glas das Online-Anmeldeformular für den 40. Erlanger Jazzworkshop freigibt, dann… naja, wir werden sehen, was passiert.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Auf dem Nachttisch – Love, Death and Robots

Liebe Leser,

ok, eigentlich güldet (ein wunderschöner fränkischer Ausdruck für “gilt”) das nicht, denn eine Netflix-Serie ist kein Buch, aber so streng wollen wir das nicht sehen, oder? Beim nächsten Mal gibt es wieder eine Rezension zu Geschichten auf Papier, aber heute geht es mal um Animationsfilme.

Durch eine glückliche Fügung komme ich vom heimische Fernsehsessel aus seit geraumer Zeit an das wirklich riesige Arsenal des Streamingdienstes Netflix. Und da gibt es neben allerhand angesammelten Spielfilm- und Serienklassikern einiges zu entdecken. So auch die im Titel dieses Beitrags erwähnte Serie “Love, Death and Robots”.

Die erste Staffel von “Love, Death and Robots” besteht aus 18 Episoden von Animationsfilmen, welche in einer Länge zwischen etwa 7 bis 17 Minuten pro Clip unterschiedlichste Facetten der Themen rund um den durchaus treffenden Titel der Serie behandeln. In unterschiedlichsten Animationsstilen finden wir so ein Sammelsurium skurriler, witziger, gruseliger, brutaler und zumeist gewalttätiger Geschichten, die zum Teil bleibenden (für Erwachsene jedoch wahrscheinlich nicht dauerhaft schädlichen) Eindruck hinterlassen.

Die Technik der Animationen ist State of the Art (das bedeutet: hochwertig und – sofern es stilistisch angesagt ist – realistisch) und die Geschichten haben mehr als einmal einen Twist, den man – zumindest in den ersten Folgen – auch mit nunmehr deutlich über 50 Lenzen nicht kommen sieht. Hammer! Ich habe mir alle 18 Episoden an drei Abenden reingezogen und bin nun gespannt, ob eine eventuelle zweite Staffel das hohe Niveau der ersten halten kann. Fünf Sterne (also volle Punktzahl) für “Love, Death and Robots” von meiner Seite.

Nun habe ich im Web und auch auf YouTube von vielen jüngeren Rezensenten ähnlich Enthusiastisches gelesen, was mich letztendlich zu der Serie gebracht hat. Eines wissen die jungen Leute zumeist allerdings nicht: Das Konzept ist toll, aber keinesfalls neu. Bereits 1981 erschien zunächst in Kanada und den USA, 1982 dann in Deutschland der Zeichentrickfilm “Heavy Metal”, in dem durch eine Art “Kugel des Bösen” lose verknüpfte Episoden unterschiedlicher Zeichentricktechniken in Spielfilmlänge gezeigt wurden. Einige Geschichten waren dem Schwermetall-Magazin entnommen, andere wurden extra für den Film geschrieben. Natürlich war ich damals im Kino und von diesem nicht mit Sex und Gewalt geizenden Werk begeistert, stellte es doch nach “Fritz the Cat” (1972) und “Die Welt in 10 Millionen Jahren” (1977) einen der wenigen Zeichentrickfilme eindeutig für Erwachsene in dieser Zeit dar.

Im Jahr 2000 erschien sogar noch eine Fortsetzung, Heavy Metal: F.A.K.K.²,  welche aber meines Erachtens wesentlich schwächer als der erste Teil ist.

Ich bin mir sicher, dass der 1981er Film den Produzenten von “Love, Death and Robots” zumindest als Inspiration diente, zu ähnlich sind teilweise Stil und auch der allgemeine Gestus. Nichtsdestotrotz ist die neue Netflix-Serie für alle Fans von animierten Science-Fiction- und Fantasy-Geschichten ein Muss!

Interessant ist aus technischer Sichtweise, dass die Augen der (menschlichen) Protagonisten bei modernster Animationstechnik immer noch etwas leer und der aktuellen Szenerie entrückt scheinen, wie es in den meisten aktuellen Videospielen auch auffällt. Dies scheint für die Animationsstudios offensichtlich ein nicht unerhebliches Problem darzustellen. Dafür krachen aber die Action-Sequenzen gehörig und super-realistisch…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Wo kein Kläger…

Liebe Leser,

großer Wirbel um die Urheberrechtsrichtlinie. Spätestens, als Wikipedia für einen Tag dicht gemacht hatte, war die Brisanz der Diskussion offensichtlich. Ich darf zur Verdeutlichung einen Teil aus einem Artikel unter golem.de zitieren (hm… darf ich?):

Der geplante Artikel 13 soll kommerzielle Plattformen mit nutzergenerierten Inhalten künftig unmittelbar für Uploads ihrer Nutzer haftbar machen. Damit sollen sie dazu bewogen werden, mit allen Rechteinhabern Lizenzen abzuschließen. Zudem sollen sie ermöglichen, dass nicht lizenzierte Inhalte auf Wunsch der Rechteinhaber nicht hochgeladen werden können. Nach Ansicht von Kritikern führt aus diesem Grund kein Weg daran vorbei, sogenannte Uploadfilter aufbauen zu müssen. In der endgültigen Abstimmungsvorlage (PDF) wurde der Artikel 13 zum Artikel 17 umbenannt.

Aus Protest gegen diese Pläne haben die deutschsprachige Wikipedia und drei weitere Sprachversionen am 21. März 2019 erstmals komplett ihre Inhalte blockiert. Zudem hat erstmals eine Petition auf Campact.org die Marke von fünf Millionen Unterstützern überschritten. Für den kommenden Samstag sind europaweit Demonstrationen gegen die Richtlinie geplant.

Der Streit entzündet sich hauptsächlich an den erwähnten Uploadfiltern. Anhand der inzwischen fließenden Datenmengen ist ein händisches Prüfen aller Uploads auf Urheberrechtsverletzungen gar nicht möglich. Aus diesem Grund müsste eine präventive Verhinderung solcher Rechtsverstöße automatisiert vollzogen werden. Das leuchtet ein.

Nun hat sich eine gewaltige Front zwischen den jungen und etwa eine Generation älteren Internetnutzern aufgebaut, ich kann es passenderweise in der eigenen Familie nachvollziehen. Im Grunde geht es um die jeweilige Haltung zu geistigem Eigentum. Und da schlagen durchaus zwei Herzen in meiner Brust, da ich mich sowohl für einen Urheber wie auch für einen Interpreten (und damit einen potentiellen oder gar tatsächlichen Urheberrechtsverletzer) halte.

Gerade junge Menschen vertreten insbesondere auf Youtube ihr Recht auf die “Kultur der Remixes und Memes”, für mich allerdings ist schon eine Parodie an der Grenze des Erlaubten, wenn sie Originalmaterial verwendet. Immerhin wird eventuell eigener Erfolg (auch durchaus finanzieller) durch die Leistung Anderer ermöglicht, ohne dass selbige dafür entlohnt werden. Wobei mich am meisten stört, dass bei Vielen gerade für diesen Sachverhalt nicht einmal ein grundlegendes Verständnis besteht. “Wie, an den Künstler muss man auch noch was bezahlen? Der soll froh sein, wenn ich sein Zeugs bekannt mache!”

Mittendrin, mit reibenden Händen, stehen derzeit die Plattformbetreiber. Aber hier darf ich zur Verdeutlichung ein Bild aus der analogen Welt bemühen. Juristen unter meinen Lesern mögen mich korrigieren, aber ich sehe das folgendermaßen:

Ein Typ besitzt einen Platz, auf dem Autos geparkt werden. Unter seinen Kunden befindet sich ein Gauner, der alle Autos, welche er auf diesem Parkplatz abstellt, vorher geklaut hat. Seine Parkgebühr entrichtet er allerdings jeweils anstandslos. Der Parkplatzbetreiber verdient also Geld mit illegalem Material. Kann ihm nun auferlegt werden – es soll sich wirklich um einen riesigen Parkplatz handeln -, die Herkunft und die Eigentumsverhältnisse eines jedes einzelnen Fahrzeugs vor der Einfahrt zu überprüfen? In der Praxis wird solches zumindest nicht gemacht.

Verwertungsgesellschaften, welche sich ja per se um die Beteiligung der Künstler kümmern müssen, plädieren heftig für die Einführung solcher Kontrollmechanismen (und damit der maschinellen Filter), Webvideoproduzenten und auch eine der bedeutendsten Plattformen des WWW, Wikipedia, sehen dagegen die Möglichkeit zur umfassenden Zensur.

Was also tun?

Ich denke, in diesem Fall (Videoproduzenten/User/Youtube/Google) ist ein “weiter so” praktikabel. Denn sind Videos (oder auch andere künstlerischen Medien) erfolgreich, so dass dem Künstler durch eine unbefugte Nutzung oder Weiterverwendung materieller oder auch immaterieller Schaden entsteht, kann wie bisher eine Unterlassung oder auch ein Ausgleich gefordert werden. Sind sie nicht erfolgreich, entsteht auch kein Schaden. Die Plagiate interessieren dann schlichtweg keinen. Daher der abgedroschene Beitragstitel: Wo kein Kläger, da kein Richter. Wenn ich eine Gershwin-Interpretation auf YT hochlade, die in drei Jahren 100 Views erzielt, entsteht außer ggfs. einem ästhetischen kein weiterer Schaden. Neben vielem anderen würde auch dieses Video durch einen funktionierenden Uploadfilter aufgehalten werden, da ja Urheberrechte und eventuelle Vergütungen ungeklärt sind.

Eine pauschale Verwertungsabgabe, wie sie einige Verwertungsgesellschaften (GEMA, VG BildKunst) für ihre Mitglieder in anderen Bereichen durchgesetzt haben, ist in diesem Zusammenhang prinzipiell auch keine schlechte Idee.

Was meint Ihr, liebe Leser? Sollen wir auf YouTube & Co. wie einst beim Rauchen von “filterlos” auf “mit Filter” umsteigen? Schmeckt ja dennoch auch nicht besser…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Auf dem Nachttisch – I Got Rhythm

Liebe Leser,

diese Woche muss ich den Spaßverderber spielen. Ich rezensiere ein Werk, das sowohl von der Idee her wie auch vom Inhalt mit besten Absichten und großer Mühe gefertigt wurde, mich in jeder Hinsicht interessiert hat und mir dann letztendlich doch nicht gefiel. Schade.

Es geht um die Graphic Novel “I Got Rhythm” von Caroline Gille (Konzept und Texte) und Nils Schröder (Zeichnungen), Untertitel: “Das Leben der Jazzlegende Coco Schumann”. Das Buch ist 2014 im be.bra verlag (die Kleinschreibung ist vorgegeben) erschienen und kostet 19,95 Euro.

Coco Schumann war (er ist erst 2018 im Alter von 93 Jahren verstorben) ein Jazzgitarrist, der bereits in der Vorkriegsjahren in Deutschland Swing spielte. Er ist aufgrund seiner jüdischen Abstammung im Jahr 1943 in das KZ Theresienstadt, 1944 nach Auschwitz und 1945 nach Dachau verbracht worden, wo er tatsächlich beim sogenannten “Todesmarsch” Richtung Innsbruck von den Amerikanern befreit wurde. Bis zu seiner Befreiung hat ihn die Musik und die damit einhergehende Freundschaft mit Jazzkollegen mehrfach das Leben gerettet. Er war in Theresienstadt Mitglied der Band “Ghetto-Swingers”. Ein unglaubliche und zutiefst bewegende Biografie. Coco Schumann betonte zeitlebens: Ich bin ein Musiker, der im KZ gesessen hat. Kein KZ-ler, der Musik macht!

Ich habe mir viele der Aufnahmen von ihm angehört und muss allerdings feststellen, dass er sicherlich ein sehr guter Gitarrist war, allerdings nicht deswegen eine Jazzlegende. Dies ist leider doch eher seiner Biografie geschuldet.

Eine Graphic Novel ist eine tolle Sache und ein irre aufwändiges Projekt, weswegen es auch von SH und mir eine solche nicht gibt, obwohl da allerhand Ideen im Raum stünden. Vor einigen Jahren bekam ich den grandiosen Band “South Bronx, Dropsie Avenue” des Zeichners Will Eisner geschenkt – seitdem hängt die Messlatte hoch.

Nun also nicht Will Eisner, sondern Gille & Schröder. Ich beginne mit den Texten. Im Bild 3 des Prologs, als der nicht näher spezifizierte Interviewer bzw. der Zuhörer des Protagonisten Coco Schumann einem Konzert des Coco-Schumann-Quartetts im Berlin des Jahres 2012 lauscht, kommt es zu folgendem grandiosen Dialog:

Gast: Großartiger Abend, vielen Dank! Aber sagen Sie mal, wie hat das mit Ihnen und der Musik eigentlich angefangen?

Schumann: Das ist eine lange Geschichte…

Sicher, im Sinne einer Biografie muss man zügig zu Potte kommen, aber auf diese Weise? Niemals! Im Verlauf des Bandes werden oft kleinste Begebenheiten in bester Graphic-Novel-Bildregie über mehrere Bilder durchaus interessant erzählt und das Team lässt sich dabei Zeit. Aber dieser Einstieg ist völlig daneben und hat mein Lesevergnügen spontan getrübt. Ansonsten ist der Erzählstil von Caroline Gille ok und bietet die nötige Abwechslung der Tempi und eine ordentliche Dynamik. Die etwas lexikale Abarbeitung der Biografie prädestiniert das Werk für einen Einsatz im schulischen Umfeld. Das mag jeder werten, wie er will.

Die Zeichnungen/Bilder von Nils Schröder… ach…

Der Mann hat Grafik-Design studiert und inzwischen sogar promoviert und hat die Technik sicher drauf. Was ich an Zeichnungen auf seiner Website gesehen habe, ist sehr gut. Aber hier gefällt mir seine Arbeit nicht. Ich finde die Farbpaletten zum Teil gruselig (grelle Gelb-, Orange- und Rot-Töne), die Technik (Aquarell plus Plaka oder Tempera) gewöhnungsbedürftig (und stets leicht amateurhaft anmutend) und die Darstellung der Gesichter zum Teil unpassend. Stilisierte comichafte Fast-Knollennasen für KZ-Schergen oder ausgemergelte Insassen, dazu noch im Stil eines Schülerzeitungscomics finde ich geschmacklich leicht daneben.

Die Darstellung der Figuren oder auch der Lokationen wechselt zwischen technisch anspruchsvollen und beeindruckenden Aquarellen zu nahezu dilettantisch ausgemalten Blei- oder Filzstiftzeichnungen. Mag sein, dass das heutzutage ein anerkannter Stil für Graphic Novels ist, aber… ganz ehrlich? Ich mag das gar nicht.

So habe ich die 19,95 Euro schon etwas bereut, nachdem ich das immerhin 160 Seiten starke Buch nach einmaligem Durchlesen auf den Stapel gelegt hatte und erst wegen dieser Rezension mal wieder in Auszügen gelesen habe.

Vielleicht überzeugt mich SH tatsächlich, eine seiner Geschichten in gezeichnete Bilder zu gießen. Wie es mir persönlich nicht gefällt (meine rein persönliche Einschätzung, andere Rezensenten vergeben regelmäßig volle Punktzahl für “I Got Rhythm”), weiß ich jetzt schon mal. Jetzt muss ich es ja nur noch besser machen…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Kann passieren – aber doch nicht da

Liebe Leser,

Freitag war ich in einem nahegelegenen Pfarrsaal (wer weiß noch, was das ist?) auf einer richtigen Fete (wer weiß noch, was das ist?). In bester Tradition der wirklich wilden Partys der 1970er veranstaltet ein rühriges Team gestandener Mittfünfziger inzwischen in zweiter Generation alljährlich eine sogenannte Revival-Party, bei der zu absolut zivilen Preisen ausgiebig gegessen, getanzt und – natürlich – gesoffen wird. Der Soundtrack hierzu ist Rockmusik der 1960er und 1970er, in den letzten Jahren stets von zwei heimischen DJs serviert. Dieses Jahr trat zum ersten Mal seit langer Zeit wieder eine Liveband an. Ich war gespannt.

Beim Soundcheck am Donnerstag war ich beim Eintreffen der vier älteren Herren (ja, genau in meinem Alter, so zwischen Anfang 50 und Anfang 60) doch recht vom Equipment überrascht. Neben der obligatorischen PA und einer kleinen Backline fanden sich nämlich auf der Bühne zwei Akustikgitarren, ein E-Bass und – ich betone: in einer Rockband – ein Cajón, nicht etwa ein Riesenschlagzeug mit Double-Bassdrum. Das konnte ja heiter werden.

Doch schon nach den ersten Tönen der Band zerstreuten sich meine Bedenken. Die Jungs verstanden ihr Handwerk und der Sound war überraschend rockig (und gut dazu), was nicht zuletzt daran lag, dass zumindest der eine Gitarrist nicht vor der Verwendung eines externen Verzerrers zurückscheute (eine Tretmine aus dem Hause Marshall). Dazu ordentlicher zweistimmiger Gesang, alles ganz allerliebst.

Am Abend der Fete heizte die Band dem tanzwütigen Publikum von der ersten Minute an ein, so dass die Tanzfläche von 20 Uhr bis zum späten Ende um 2 Uhr morgens stets gut gefüllt war. Dabei servierten die Musiker viele Hits in ungewohntem Arrangement, aber stets in guter Qualität, von ausgenudelten CCR-Klassikern bis zu Perlen wie “Horse with no Name” (sehr schön!) und einem wirklich ordentlichen “Another Brick in the Wall”. Alle Sets wurden in guter Laune und mit viel Spielfreude dargeboten.

Nachdem die Band um 2 Uhr morgens endlich Feierabend machen wollte, verkündete man die letzte vehement vom noch verbliebenen Publikum geforderte Zugabe, “The House of the Rising Sun”. Ach nö, der alte Folksong, vermutlich in der unvermeidlichen Version der Animals von 1964, was der Sänger auch prompt ankündigte. Gespielt haben sie aber eine fulminante Version von “In-A-Gadda-Da-Vida” von Iron Butterfly, nicht ganze 17 Minuten, aber immerhin. Das kam überraschend und klang – der bereits erwähnten Besetzung zum Trotz – wirklich gut.

Und dann kam die zweite (und letzte) Überraschung dieses Abends. Die Band stimmte tatsächlich “The House of the Rising Sun” an… und musste abbrechen, weil sich die Musiker nicht auf eine gemeinsame Song-Interpretation bzw. -darbietung einigen konnten.

DAS hatte ich noch nie erlebt! “The House of the Rising Sun” ist der Song, den jeder im letzten Jahrtausend geborene Gitarrist als Erstes erlernen musste und auch erlernt hat. Den kann man üblicherweise völlig besoffen mit auf den Rücken gebundenen Händen spielen. Gut, Letzteres wäre schwierig, aber Ihr wisst schon, was ich meine. Und dass die Buben spielen konnte, hatten sie ja fast sechs Stunden lang unter Beweis gestellt. Diesen Totalausfall, der natürlich keinen der zu dieser Stunde ausschließlich sturzbetrunkenen Anwesenden gestört hat, konnte mir der Gitarrist auch nur mit “schon so spät” und irgendwas mit “Kapodaster” erklären – verstanden habe ich das nicht. Wie kann man nur bei ausgerechnet diesem Pipi-Song patzen, wenn man doch offensichtlich in der Lage ist, ein gewaltiges Rock-Repertoire fehlerfrei zu Gehör zu bringen?

Es bleibt das Mysterium dieser Liveband. Summa summarum aber war die Band wirklich super (den Bandnamen gibt es auf Anfrage als PM) und sie wird sicher wieder im nächsten Jahr den junggebliebenen Partygängern der 2020er Revival gehörig einheizen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Auf dem Nachttisch – Tyll

Liebe Leser,

ich weiß, das häuft sich, pardon, aber ich habe schon wieder ein Buch gelesen. Das waren also zwei in den letzten Wochen. Und jetzt kommt “drei”, glaube ich…

Diesen Satz habe ich wohl im November 2017 geschrieben. Und dann habe ich die Rezension mehr als ein Jahr liegen gelassen, so dass ich sie Euch heute gut abgehangen zum Lesen vorwerfe. Gut, das klang jetzt etwas schräg, pardon. Aber da ich die Beiträge in diesem Blog für genau keinerlei Vergütung erstelle, darf ich mir solchen Schlendrian erlauben. Das Buch ist ja nicht schlechter geworden, nur weil es schon seit über einem Jahr auf dem Markt ist, gell?

“Tyll” von Daniel Kehlmann also. Der Roman ist bei Rowohlt erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 22,95, als Taschenbuch 12 Euro.

Nun gefällt mir Kehlmanns Schreibe einfach. Klar, Deutschlehrer, Hobby- und professionelle Literaturkritiker können sich wie immer austoben (was sie bei Amazon auch tun), aber ich persönlich fand schon in dem Roman “Ruhm” seinen Erzählstil spannend (die “Vermessung der Welt” werde ich mir noch reinziehen) und genoss die einzelnen Episoden wie auch die Verbindung derselben. Ich freute mich also auf “Tyll”.

Zudem hat das Buch ein grandioses, finsteres Cover, von dem leider der zuständige Künstler nicht auf die Schnelle zu ermitteln ist, das zum Einen Lust auf die Lektüre macht, zum Anderen auch eindringlich darauf hinweist, dass es sich bei diesem Buch eher nicht um eine Sammlung von harmlosen Eulenspiegeleien handeln wird.

Und dann begann ich zu lesen. Daniel Kehlmann hat seinen Tyll, für den selbstverständlich die literarische und wahrscheinlich auch reale Gestalt des mittelalterlichen Till Eulenspiegel Pate stand, in die Frühe Neuzeit versetzt, in das vom Dreißigjährigen Krieg materiell wie geistig und moralisch völlig zerstörte Mitteleuropa. Weil Kehlmann ein hervorragender Schilderer ist, strömt der Verwesungsgeruch des untergegangenen Europa quasi aus jeder Buchseite.

Wie in “Ruhm” verwebt der Autor verschiedene Handlungsstränge mit realen Zeitgenossen und erfundenen Protagonisten durch die Person Tylls, der eben ein Teil der jeweiligen Episode ist und den roten Faden der Erzählung bildet. Bereits das erste Kapitel endet mit einem sehr unerwarteten Twist (was man ahnen kann, wenn man Kehlmann schon einmal genossen hat) und lässt einen etwas baff zurück. Aber das macht süchtig (also zumindest mich), so dass ich das immerhin 480 Seiten starke Werk doch recht zügig durchgelesen habe. Details? Aber ich bitte Euch, so was wird nicht geteasert! Selber lesen, die Taschenbuchausgabe ist bezahlbar.

Ich darf zusammenfassen: Ich persönlich war wieder einmal von einem Kehlmann-Buch beeindruckt und habe “Tyll” gerne und freiwillig in kurzer Zeit durchgelesen. Mancher mag sich an der Vermischung von historischen Tatsachen und Fiktion stören, ich habe es genossen. Und wenn auch missliebige Rezensenten die Schilderungen des Dreißigjährigen Krieges eines Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (im “Simplicissimus Teutsch“) denen von Daniel Kehlmann vorzieht, bleibe ich dabei. Er hat es (wieder einmal) gut gemacht!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige