Abgeschossen

Liebe Leser,

wenn Ihr nun diesen Text lest, dann ist es schon die dritte oder gar vierte Version. Immer wieder verwarf ich Passagen oder auch den ganzen Text, weil ich es einfach nicht vernünftig erzählen kann. Mann, bin ich sauer! Kurz gesagt habe ich noch immer gehörige Wut im Bauch, weil unsere Band abgeschossen wurde. Abgeschossen von einem Menschen, der sich in seiner begrenzten Wahrnehmung offensichtlich nicht vorstellen kann, dass die eigenen nicht vorhandenen musikalischen Fähigkeiten den anderen Mitgliedern eines Ensembles gehörig schaden können. Wovon spricht der Mann?

Wie bereits hier im Blog ausführlich geschildert, war ich nach langer Zwangspause (Corona, Ihr erinnert Euch?) über Ostern endlich mal wieder auf dem Internationalen Jazzworkshop in Erlangen. Und dort werden zu Beginn unter Leitung der einzelnen Dozenten Combos gebildet, die dann beim großen Abschlusskonzert einige Songs vor großem Publikum darbieten. Das habe ich in der Vergangenheit schon mehr als ein Dutzend mal mitgemacht und dabei allerlei erlebt. Ich halte mich also – auch dank meiner langjährigen Bühnenerfahrung – für nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen, zumindest auf der Bühne dieses Abschlusskonzerts.

Wie in vielen Jahren zuvor war ich Gitarrist in der Band von Romy Camerun. Und wir waren eine starke Band, die Romys stets anspruchsvolles Programm gut zu Gehör bringen hätten können, wenn da nicht, ja wenn da nicht diese Pianistin gewesen wäre. C. aus H. ist eine seltsame Person. Als Gott die Unmusikalität verteilte, hat sie offensichtlich mehrmals „Hier!“ geschrien, denn davon hat sie eine Menge abbekommen. C. war als Pianistin zum Workshop angereist. Das muss man schon wissen, denn aufgrund ihrer Befähigung auf dem altehrwürdigen Instrument wäre man da nicht drauf gekommen. Wir hatten ab der ersten gemeinsamen Probe Spaß. Nicht nur, dass C. die Vierklänge das Jazz nur rudimentär kannte, sie hatte auch keinerlei Timing oder ähnlichen unnützen Kram. Sie konterte unsere skeptischen Blicke nach einer mal wieder gänzlich verbotenen Performance mit geistreichen Bemerkungen in Richtung ihrer Rhythmusgruppe wie „Also, Richard hat jetzt aber nicht auf die 3+ eingesetzt!“ Angesichts ihres völligen Unvermögens, auch nur hin und wieder eine Time zu erwischen, blieb uns allen bei solchen Sprüchen regelmäßig die Spucke weg.

Nun meinte sie solcherlei wahrscheinlich nicht einmal böse, sie hatte tatsächlich nicht die geringste Ahnung von Musik, verpackt in eine immer eine Spur zu besserwisserische Art. Raue Schale mit hartem Kern, arrogantes Auftreten, dazu eine Prise Autismus. Na, wird schon schiefgehen… was es dann auch tat.

Während Romy den Rest der Band zu immer neuen Höchstleistungen trieb (wir waren bis auf eine weitere Ausnahme – die allerdings ein nettes Wesen hatte – auch ein ziemlich guter Haufen), mäanderte C. irgendwas auf ihren Keyboards. Wir hörten schon gar nicht mehr hin und freuten uns, wenn Romy, die nicht nur eine Weltklasse-Sängerin, sondern auch eine ausgezeichnete Pianistin ist, hin und wieder am zweiten Keyboard unterstützte. Und nach einer kurzen Woche, in der wir alle es tagtäglich aufs Neue verpassten, C. dahin zu schicken, wo sie hingehörte, also keinesfalls in eine Combo, kam der Tag des Abschlusskonzerts. Kleine Lades-Halle, großer Bahnhof, volles Haus, eine mächtige PA und C. am großen Steinway-Flügel!

Es kam, wie es kommen musste. Erster Song „I Didn’t Know What Time It Was“, gesungen von B., einer guten und erfahrenen Sängerin. Natürlich war der Songtitel für C. Programm. Sie setzte wirklich jeden einzelnen unserer Kicks auf die 4+, welche der Rest der Band äußerst präzise intonierte, daneben, wirklich jeden einzelnen. Im Solo (Scat/Gitarre) schmiss C. dann noch die Form (wobei das anhand der grotesken Akkorde, die ihre Hände in die Tasten hauten, gar nicht klar war – es hätte auch nur eine Anreihung falscher Akkorde sein können) und schoss B. und mich aus dem Song. Irgendwie hat jemand dann den letzten Chorus kommuniziert und wir brachten das Schiff kurz vor dem Untergang in den Hafen. B. war am Boden zerstört und C. hatte sich schon zu diesem Zeitpunkt Teeren und Federn verdient.

Als nächstes zerstörte C. das eigentlich nicht zu anspruchsvolle „Poinciana“, welches wir in moderatem Tempo als Bossa Nova spielen wollten. Die Sängerin K. (auch nicht gerade mit Musikalität gesegnet) schaffte tatsächlich den Einsatz, was den Rest der Band, die diesbezüglich allerlei Kummer gewohnt war, durchaus erfreute. Mitten in meine kurzen Solo (wann auch sonst) erschallten vom Steinway Akkorde, welche nicht zum aktuellen Abschnitt des Songs passten. C. hatte zwei Viertel verschmissen und spielte nun ihre eigene Form. Mein Solo löste sich im Nichts auf, wir brachten auch dieses Lied irgendwie zu Ende. Unsere Sängerin M. zog den Jackpot, da Romy beim folgenden „Summer Soft“ von Stevie Wonder die Tasten übernahm und wir – wer hätte es gedacht – diesen Song ganz großartig über die Bühne brachten.

Letzte Nummer, ein weiterer Song des großen Stevie Wonder; „Don’t You Worry About a Thing“ Am Gesang KB, eine hervorragende Sängerin, die mehr als einen Abend damit verbrachte, sich dieses Lied wirklich umfassend zu erarbeiten, insbesondere da unser Arrangement einige Fallstricke beinhaltete, die aber geil klangen – sofern man die Stellen richtig spielte. C. nahm den Titel erneut wörtlich und kümmerte sich wiederum um gar nichts. Nach dem holprigen Latin-Intro, welches nur durch Romys beherztes Mitklatschen einigermaßen in der Time blieb, zog C. noch einmal alle Register. Jeder, wirklich jeder, Kick, den Stimme, Bass, Schlagzeug und Gitarre präzise und knallhart spielten, wurde gefolgt von einem hinterhergehunzten „Pling“ aus der Richtung des Steinway. Das Lächeln gefror uns Übrigen auf den Lippen und jeder rechnete für sich durch, ob ein Jazz-affiner Richter bei Totschlag in diesem speziellen Fall wohl eine Bewährungsstrafe verhängen würde. Irgendwann war auch dieser Song zu Ende. Wahrscheinlich hat C. auch den allerletzten Kick daneben gesetzt, aber beschwören kann ich das nicht. Ich eilte nach kurzer gemeinsamer Verbeugung mit meinen geschundenen Bandkolleg:innen von der Bühne.

Bei der Suche nach den richtigen Worten für ein Resümee der gänzlich verbotenen Performance von C. und überhaupt ihres Verhaltens auf dem Jazzworkshop stieß ich auf meinen eigenen Text aus dem Jahr 2017, welchen ich – kein Witz – tatsächlich für eben dieselbe C. aus H. verfasst hatte, wenn ich auch vor fünf Jahren nicht mit ihr in einer Combo „dienen“ musste:

Neben vielen Talenten finden sich leider auch alljährlich ein paar Fälle, denen beim besten Willen nicht zu helfen ist. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es in irgendeiner Form auch nur die geringste Form der Einsicht gäbe. Oder wenigstens eine realistische Selbsteinschätzung. Es gibt nämlich gegen falsches Spiel ein patentes Rezept: Finger weg vom Instrument! Nun hat sich aber offensichtlich  in unserer schönen Zeit der Gedanke verbreitet, dass durch die Zahlung eines überschaubaren Geldbetrags jeder unmusikalische Trottel ein Anrecht darauf hätte, mit seinem stümperhaften Spiel in einem Jazzensemble zu glänzen, auch wenn er selbst nicht die geringste Ahnung von Musik hat. Da ja bekanntlich immer die Anderen schuld sind, nimmt man bei Songs, die trotz ihres überschaubaren Schwierigkeitsgrades definitiv die eigenen musikalischen Fähigkeiten überfordern, nicht etwa höflich die Finger von den Tasten, nein, die Welt hat sich um unseren verhinderten Musikus (das Maskulinum steht hier nur zur Vereinfachung des Satzbaus) zu drehen. Wenn schon die Einwürfe vom Klavier zur falschen Zeit, mit den falschen Tönen und selbstverständlich ohne jegliche Form (welche den organisatorischen Ablauf eines Liedes beschreibt, z. B. Strophe-Refrain-Strophe usw. oder z. B. AABA im Jazz) kommen, muss durch die Lautstärke und Eindringlichkeit des Geklimpers zumindest auch der Rest der Band aus dem Song fliegen. Totale Vernichtung. Und dann noch beschweren, wenn es keinem gefällt. Solch impertinenter Egoismus ist mir in den früheren Kursen nicht aufgefallen.

Zitat Ende. Wow! Ich unterschreibe jedes Wort noch heute. Toll formuliert, mein lieber Gige, muss ich schon sagen!

Ein Freund und ehemaliger Mitmusiker von mir war 2022 als Pianist auch erstmalig auf dem Workshop. Eigentlich ein guter Musiker und mit flinken Fingern gesegnet, hatte er auf dem Abschlusskonzert einen totalen Blackout. Zumeist war er einfach „lost“ und saß mit steinernem Gesicht am Steinway. Mir ist das auch schon passiert. Da ziehen sich die 20 Minuten ins Unendliche! Aber er hat NICHT irgendwas gespielt, er hat NICHT den Rest der Band aus dem jeweiligen Song geschubst. Er hat sich von daher sozial und in gewissem Sinne professionell verhalten. 

Anders C. In ihrer verdrehten Wahrnehmung hat sie die komplette Band abgeschossen, dabei in dem irrwitzigen Glauben, sie hätte im Großen und Ganzen eigentlich alles richtig gemacht. Als ich mit B. und J. nach unserem Auftritt im Foyer stand und wir unsere Wunden leckten, ich B. noch von der sofortigen Abreise und J. von einer spontanen Gewalttat abhalten konnte, gesellte sich C. zu uns und entschuldigte sich für ihr „etwas ungenaues Spiel“. Dass war derart absurd, dass wir in stiller Übereinkunft auf die eigentlich fällige Hinrichtung verzichteten. C. hat tatsächlich eine Wahrnehmungsstörung. Obwohl sie eine öffentliche Standpauke samt Vom-Hof-jagen-und-mit-Speiseresten-bewerfen verdient gehabt hätte, brachten wir als anständige Menschen solcherlei einfach nicht übers Herz. 

Aber, und das verspreche ich an dieser Stelle feierlich, ich werde NIE WIEDER C. gemeinsam in einer Combo mit mir zulassen und bei Rainer Glas auf ein lebenslanges Jazzworkshop-Verbot für C. aus H. drängen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Sommer Session Oberhaid 2021

Liebe Leser,

ein Lichtblick in düsteren Zeiten! Herrje, ich verwende seit nunmehr 16 Monaten die immergleichen Floskeln, sorry! Am letzten Samstag, 10.07.2021 fand an geheimer Stelle im schönen Oberfranken wieder die legendäre Sommer Session Oberhaid statt. Gut, der Ort ist nicht geheim, aber exakte Lokation ist nicht öffentlich bekannt. Denn wie schon im Vorjahr konnte das üblicherweise wirklich gewaltige Open-Air nicht mit Publikum vor Ort stattfinden, sondern wurde coronabedingt als Live-Stream in YouTube und Facebook übertragen.

Das musikalische Zentrum bildet hierbei die Truppe aus Musikern alter und aktueller Bands rund um den Sänger, Gitarristen, Mundharmonikaspieler, Schlagzeuger und Mundtrompetenspieler Gerhard Förtsch (der Mann, der die Sommer Session gegründet hatte, der das ganze Projekt jedes Jahr auf die Beine stellt, der den Veranstaltungsort zumindest für die Stream-Sessions stellt, der Sponsoren wirbt, der zusammen mit seiner Frau Erika für das leibliche Wohl aller Anwesenden sorgt, der moderiert und auch noch einige Songs mitspielt… was habe ich noch vergessen? Er ist halt das Herz der Session!), den Sänger und Gitarristen Philipp Arnold, den Keyboarder und Sänger Marc Dotterweich, den Bassisten Robert Wild und den Schlagzeuger Jürgen Stahl. Diese fünf gestandenen Musiker beherrschen allesamt ihre Instrumente hervorragend. Phillip „Fips“ Arnold muss ich aber besonders hervorheben, weil er wirklich herausragend gut Gitarre spielt und dies ist eben mein Metier. Seit vielen Jahren mischt der Produzent und Komponist Stefan Krug den Sound sowohl am Pult des Open-Airs wie auch in den letzten zwei Jahren im Regieraum des Livstreams.

Die Session-Band ist mit fünf Musikern (Gitarre, Gitarre, Keyboard, Bass, Schlagzeug) komplett besetzt und liefert das Rahmenprogramm zur Session, welche in normalen Jahren schon mal gute sechs Stunden dauert, wobei hier jede Menge Gäste solo, mit dem eigenen Ensemble oder eben zusammen mit der Session-Band auftreten. Dieses Jahr waren als musikalische Gäste geladen: Die Band Palacity, der Gitarrist Wolfgang Rosenbusch, Leoni Rosenbusch, Eva Arnold, Simon Arnold, Sophie Dirkea, Alexis Madokpon mit Percussionspartner, Pieter und Beate Roux sowie meine Wenigkeit im Duo mit dem Gitarristen Joe Bawelino.

Aus dem Vorjahr war mir der Freitag vor dem eigentlichen Sessiontag in bester Erinnerung, weil es zum Einen eine große Freude ist, die ganzen Musikerkollegen endlich mal wieder in Persona zu treffen und man sich zum Anderen so in lockerer Atmosphäre mit der doch recht opulenten Video- und Audiotechnik vertraut machen kann. Zudem kann dann der Mixer schon mal die ganzen Einstellungen speichern und muss nicht während des Streamens groß nachregeln.

Aber – es wäre auch nach einem Jahr Pandemie zu einfach gewesen – am letzten Freitag wurde offensichtlich das komplette Frankenland von Wolkenbrüchen überschwemmt, so dass der Soundcheck buchstäblich ins Wasser fiel. Aber am Samstag hatte Petrus ein Einsehen (oder Gerhard Förtsch hat da wirklich einen heißen Draht in den Himmel), wir hatten ab Vormittag bis spät in den Abend gutes und vor allem trockenes Wetter!

Zusammen mit Joe Bawelino kam ich am frühen Samstagnachmittag in Oberhaid an und war zwar nicht überrascht (ich kannte ja den gewaltigen Aufbau aus dem Vorjahr (wie hier >>> nachzulesen ist), aber doch wieder geradezu überwältigt vom Aufwand und auch von der durchgehend professionellen Arbeit, den das junge Team um Thomas Förtsch (den Sohn des Sessiongründers) leistete. Wie schon in all den Jahren zuvor fällt da selbst in der etwas hektischen Zeit kurz vor Beginn der Session bzw. eben vor Beginn des Streams nie ein unfreundliches Wort, obwohl es für die Sound-, Licht- und Videotechniker wirklich nicht einfach ist, es zwei Dutzend Musikern recht zu machen.

Ach ja, musiziert wurde auch! Gereicht wurde Indie-Rock (Palacity), Rock, Blues, Folk und Pop (Session Band und Dust Bowl, mit den Gästen Wolfgang Rosenbusch (git), Leoni Rosenbusch (voc), Eva Arnold (voc), Simon Arnold (dr) und Sophie Dirkea (voc)), African Music (Alexis Madokpon), Oper und Musical (Pieter und Beate Roux) sowie Sinti-Swing (Bawelino & Brunner). Und alle haben sich mächtig ins Zeug gelegt und wunderbar gespielt bzw. gesungen. Wer Samstag nicht live dabei war, kann den Stream hier >>> nochmals gucken.

Wie die Auswertungen ergaben, haben sich wieder mehrere Tausend Menschen den Stream auf Youtube und Facebook angesehen. Es gab mehr als eine Garten- oder Grillparty, auf der die Session gesehen oder zumindest gehört wurde. Ich habe heute schon von mehreren Seiten Grüße und auch Fotos erhalten (ein Public-Viewing fand im großen Kreis im Schwäbischen statt – Grüße nach Backnang!), wo Freunde und Fans den gelungenen Stream lobten.

Ja, und der Gerhard! Da ist es am einfachsten, ich zitiere meinen eigenen Beitrag aus dem Jahr 2020, denn er stimmt auch für die Session 2021: Gerhard Förtsch führte witzig, locker und stets charmant durch den Abend, wobei er Moderation, Organisation und auch seine musikalischen Beiträge virtuos im wahrsten Sinne des Wortes „über die Bühne“ brachte. Eine gewaltige Leistung! Gerhards gute Laune ist übrigens ansteckend! Wir haben zu später Stunde resümiert, dass in all den Jahren (es sind mehr als 20, von denen ich nur die letzten 10 mitbekommen habe) noch kein böses Wort zwischen den Teilnehmern, Musikern und dem Team gefallen ist. Das ist der Hammer!

Und mit der Erfahrung des letzten Jahres im Rücken konnte Gerhard Förtsch auch den Abend trotz des ganzen Stress selbst genießen. Wenn Ihr Euch seine musikalisch immer gelungenen Performances anschaut, denke ich, man sieht ihm das an!

Auch mein Schlusswort kopiere ich gerne an dieser Stelle: So war die Sommer Session Oberhaid 2021 auch in (leider immer noch) finsteren Corona-Zeiten ein echtes Highlight. Auch wenn wir natürlich alle hoffen, im nächsten Jahr wieder vor leibhaftigem Publikum spielen zu können, war die diesjährige Session wieder ein echter Knüller. Zappt mal rein, vielleicht springt der Funke auch von der Konserve über. Hier nochmals der Link zu YouTube >>>

Wie sieht es 2022 aus? Mal wieder vor 1000 leibhaftigen und durchgeimpften Zuhörern? Wäre auch mal wieder schön!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Schlechtes Timing

Liebe Leser,

so, getan. Mist! Ich habe den erst seit ein paar Monaten geplanten und auch angekündigten CD-Release meines neuen Werkes “dreipunktnull” abgesagt. Ich hatte die CD (über die demnächst an dieser Stelle berichtet wird) fertig, einen schönen Veranstaltungsort, alle verfügbaren Familienmitglieder für diverse Aufgaben wie Catering oder CD-Verkauf in den Startlöchern stehen, eine brillante Mitmusikerin (für etwas Abwechslung zum Gitarrenklang) und eine erkleckliche Anzahl an Besuchern oder Zuhörern, die ihr Erscheinen angekündigt hatten. Das war schön! Fünf Jahre nach dem letzten CD-Release mal wieder eine Veranstaltung mit Gästen, die nicht ein paar kühle Biere zum Schweinebraten bei angenehmer Beschallung genießen wollten, sondern tatsächlich meine Musik hören. Und die vielleicht sogar noch die eine oder andere CD erworben hätten.

Doch die Zeichen standen schlecht. Der Coronavirus hatte mit der unübersehbaren Drohung einer Pandemie schon seit einigen Wochen Zeit sämtliche Livemusik-Planungen getrübt, aber ich dachte halt wie so oft “wird schon vorbei gehen”. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. 

Nun, es kam anders. Nach sukzessiven Absagen zuerst großer, dann mittlerer Veranstaltungen und der heutigen Rede der Kanzlerin mit der Bitte, doch die Zahl der sozialen (physischen) Kontakte in der nächsten Zeit drastisch einzuschränken, war es an der Zeit, eine Veranstaltung abzusagen, die sicherlich unter den beschriebenen Bedingungen nur sehr eingeschränkt hätte genossen werden können. Ich glaube, das war jetzt Futur 2 oder so. Naja, Ihr versteht, was ich meine.

Bin ich beim Gitarrenspiel mit meinem Timing im Großen und Ganzen zufrieden, so ist es bezüglich meiner gesamten “Karriere” in letzter Zeit eher mangelhaft. Ich habe viele Jahrzehnte geübt, um mit den Musikern zu spielen, mit denen ich das seit nicht allzu langer Zeit tun darf. Aber entweder fangen diese sich dann langwierige orthopädische Beeinträchtigungen ein, die überlange Spielpausen erzwingen, oder eine Pandemie lässt in der Primetime die Veranstaltungen ausfallen.

Bis Ostern hatte ich sieben gute Gigs oder Jobs im Kalender. Fünf wurden bis dato abgesagt, die verbleibenden zwei werden es sicherlich. Wie Rainder Glas seinen von mir so geliebten Jazzworkshop in Erlangen durchführen will, ist derzeit auch ein Mirakel. Und für unsereins gibt es kein Kurzarbeitergeld oder sonstige Unterstützung. Ist eben so. Hätten wir mal was Vernünftiges gelernt.

In der “Zeit” durfte ich wieder die Geringschätzung Vieler für die Sorgen der Kulturschaffenden in solchen Zeiten kennen lernen. Man könne ja die ganzen Veranstaltungen in den Herbst schieben, da entstünden kaum Verluste. Das ist natürlich Bullshit, denn der Herbst 2020 ist seit über einem Jahr nahezu durchgehend ausgebucht. Wer soll denn da was schieben? Es kommen magere Zeiten für den Live-Jazz!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Deppi

Liebe Leser,

beim Durchblättern der alten Blogbeiträge ist mir aufgefallen, dass sich insbesondere am Anfang viele Beiträge um das bisweilen mindestens schwierige Verhältnis Wirt ./. (Live-)Musiker drehten. Nun sind seit Beginn dieser meiner Aufzeichnungen schon ganze vier Jahre vergangen, aber es hat sich natürlich nichts geändert. Und da wir jetzt bereits 2019 schreiben, habe ich keine Hemmungen, Euch eine nette Anekdote zu diesem Thema aus dem Jahr 2018 zu schildern, die Protagonisten bleiben ja wie immer anonym.

In einer fränkischen Großstadt gibt es im Zentrum eine schöne Bar (da gibt es mehrere, aber ich will ja niemand anschwärzen oder so). Diese wird von einem mehrfach preisgekrönten Bartender – nennen wir ihn mal Deppi – geführt. Deppi weiß, wie man einen perfekten Moscow Mule herstellt. In Sachen Veranstaltungs-, Betriebs- und Personalorganisation sowie Betriebswirtschaft sind allerdings durchaus Defizite vorhanden.

Wir waren eine aufstrebende Jazzcombo bestehend aus fünf Senioren, die auch im überwiegend fortgeschrittenen Alter noch gerne auf die Bretter, die die Welt bedeuten, treten wollten. Ich selbst bin diesbezüglich ganz ordentlich versorgt, aber ist nicht ein dauerhafter monatlicher Job in einer Bar für ein Jazztett, welches eben genau die passende Musik spielt, das Optimum? Eine – zugegebenermaßen übel – bezahlte Probe pro Monat? Perfekt!

Mit der Marketingabteilung der Bar (eine ominöse junge Frau mit Kleinkind, deren Verbindung zum Unternehmen wir bis zum Schluss nicht zweifelsfrei klären konnten) war der erste Termin sowie auch die finanziellen Angelegenheiten besprochen (eine bescheidene Festgage und der Erlös aus dem kreisenden Hut) und so rückten wir im März (?) 2018 erstmalig samt unserem kompletten Equipment in der Bar an.

Der etwas von der Bar samt Tresen abgetrennte hintere Bereich mit einigen Sitzmöglichkeiten war durchaus für ein fünfköpfiges Ensemble geeignet  Wir bauten zügig auf und legten los. 

Der Abend war ein voller Erfolg, wir hatten einiges an Publikum mitgebracht und auch die übrigen Gäste waren offensichtlich von unserer Darbietung recht angetan, denn Deppi schlug umgehend ein wöchentliches Engagement vor. Doch wir waren trotz der Aussicht auf eine werbewirksame Wochenveranstaltung (die legendäre “bezahlte Probe”, der Heilige Gral aller Live-Musiker) vorsichtig. Denn schon bei unserem ersten Gig erkannten wir Schwächen in der internen Kommunikation unter den einzelnen Mitgliedern des Service-Teams.

Von den bis zu drei anwesenden Bartendern oder Servicekräften wusste maximal einer, dass an dem jeweiligen Abend überhaupt Livemusik stattfinden sollte. Manchmal auch keiner. “Mir hat keiner was gesagt. Und ich muss mich jetzt um meine Bar kümmern.” Werbung in den sozialen oder gar sonstigen Medien wurde nicht gemacht. Nicht beim ersten Job und auch nicht bei einem der folgenden. Die besagte Marketing-Dame war zu keinem Zeitpunkt auf keinem der üblichen Wege erreichbar und hat in dem knappen Jahr unserer “Zusammenarbeit” genau rein gar nichts getan.

Im Laufe des Jahres 2018 schafften wir es immerhin, von insgesamt neun vereinbarten Jobs sieben zu spielen. Die beiden anderen (oder waren es sogar drei?) entfielen aus fadenscheinigen oder skurrilen Gründen (“… da jetzt ‘ne Veranstaltung ausgemacht … Euch hab ich völlig vergessen”). Alle unsere Gigs waren von unserer Performance her gut bis sehr gut. Wir brachten Gastmusiker, Gäste und (zumindest immer am Anfang des Abends) gute Laune mit. Es half alles nichts. Das Auditorium war stets begeistert und reservierte für den folgenden Auftritt, doch entweder wollte Deppi das alles nicht, oder er konnte es nicht. Wahrscheinlich beides…

Wir mussten mehrmals den Beginn unseres Gigs verschieben, da im angrenzenden Konferenzraum, der nicht zu den eigentlichen Räumlichkeiten und somit in den Verantwortungsbereich der Bar gehörte, noch eine unglaublich wichtige Veranstaltung oder Sitzung stattfand. Beim ersten Mal bauten wir mucksmäuschenstill auf und harrten in aller Stille dem Ende der Veranstaltung um dann auf die Schnelle einen kurzen Soundcheck zu machen. Dass der besagte Konferenzraum allerdings schon seit 19 Uhr verwaist war, haben wir erst gegen 20:30 erfahren, weil wir selbst vorsichtig nachgesehen haben. Die anwesenden Servicekräfte der Bar hatten schlichtweg vergessen, dies nachzuprüfen oder es uns mitzuteilen. An den folgenden Terminen kümmerten wir uns gleich selbst darum und konnten fast jedesmal pünktlich anfangen, da der Nebenraum schon längst verlassen worden war. 

Im Sommer plante unser Sänger, seine Geburtstagsfeier auf einen unserer Gigs in der Bar zu legen. Auf der eigenen Geburtstagsfeier mit der Band zu spielen, ist nicht die schlechteste Idee, so einen Tag angemessen zu feiern. Der wirklich lauschige Innenhof der Bar bot das perfekte Ambiente. SS reservierte einige Tische und sagte Deppi wegen des diesmal garantiert erhöhten Service-Aufwands Bescheid. Der ignorierte den gutgemeinten Hinweis und ließ nur insgesamt zwei Servicekräfte für Innen- UND Außenbereich antreten, die trotz persönlichem Engagement den Andrang nicht zu stemmen vermochten. Dass bereits am frühen Abend keine Milch mehr zur Herstellung leckerer Latten, Cappuccini und ähnlicher Getränke zur Verfügung stand, war (im besten Wortspiel-Sinne) das Sahnehäubchen!

Beim übernächsten Job teilte uns der Tender des Abends mit, dass die Räumlichkeiten schon für ein Whiskey-Tasting mit etwa 20 Teilnehmern reserviert seien. Von der Band habe ihm “niemand was gesagt”. Ähnliches ist uns zu einem späteren Zeitpunkt dann nochmals widerfahren.

Für unser X-Mas-Special kurz vor Weihnachten 2018 luden wir noch- und letztmals allerhand Gäste, denn wir ahnten wegen der geschilderten Vor- und Ausfälle, dass sich unser regelmäßiges Engagement wohl im nächsten Jahr nicht fortsetzen würde. Um uns den Abschied nicht zu schwer zu machen, hatte Deppi an diesem Abend den hinteren Bereich der Bar – unseren gewohnten Platz – an eine Firmen-Weihnachtsfeier vergeben. Wir mussten uns in den engen Bereich vor der Theke zwischen die restlichen Gäste quetschen. Ob Deppi dies wegen seiner Verpeiltheit oder einfach aus Gier so organisiert hatte, ist nicht mehr aufzuklären. Jedenfalls haben wir die Weihnachtsfeier der braven Businessleute gestört und diese wiederum unseren Gig, da sich unaufhörlich Menschen zwischen uns und der Theke hindurchzwängen mussten, um zur Toilette oder überhaupt nach draußen zu gelangen. Es war ganz allerliebst! Und es war unser letzter Job in der Bar. 

Natürlich weiß ich und habe es auf diesen Seiten oft beschrieben, dass das Angebot an willigen Live-Musikern die Nachfrage übersteigt. Wir wollen alle nur spielen. Aber wenn es doch für den Wirt kein finanzielles Risiko und keinen organisatorischen Aufwand bedeutet, warum dann solch Ungemach? Warum kann man im Nebenraum nicht einen großen Wandkalender montieren, auf dem für das ganze Personal sichtbar geplante Veranstaltungen vermerkt sind? Warum hat nicht einer dieser jungen aufstrebenden Gastronomen auch nur den geringsten Draht zu handgemachter Musik?

Aber Deppi ist sicher wieder mit seiner organisatorisch perfekt geführten Bar bei der nächsten Umfrage des lokalen Klatschblattes unter den Top-Ten der kreativsten Bartender unserer Weltstadt. Denn den Moscow Mule hat er drauf. Immerhin.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Der Kunstpfeifer

Liebe Leser,

am letzten Wochenende hatte ich wieder einmal versucht, meine Gitarrenkunst unters Volk zu tragen. Diesmal jwd in einem netten Cafe am Ende der Welt. Geplant war lockerer Bar- bzw. Lounge-Betrieb mit dezenter Livemusik, also eigentlich genau mein Ding.

Nun ist meine Generation – und eben diese ist nun mal mein Hauptpublikum – in H. im Landkreis jwd offenbar nur schwer hinter dem Ofen hervor zu locken, was ich in diesem Fall durchaus wörtlich meine, denn es war sehr kalt in dieser Nacht. Ein kleines Häuflein fand sich jedoch ein, so dass ich etwa ab 20 Uhr für stets heitere, doch niemals triviale musikalische Begleitung des Abends sorgte. Ein Quartett setzte sich in die Sesselgruppe direkt vor mich. Anhand des ziemlich leeren Barbereichs war es nicht notwendig, mir derart auf die Pelle zu rücken. Zudem hat der Blick auf den Rücken eines Zuhörers für den Musiker immer etwas Frustrierendes, selbst wenn er nur zur Untermalung angestellt wurde (also der Musiker, nicht der Zuhörer).

Der Mann, um den es in diesem Beitrag gehen soll, war ein Mitglied dieser heiteren Truppe und immerhin mir zugewandt. Und hatte offensichtlich schon ein paar Stütz-Bier intus. Bereits beim ersten Song spitzte er die Lippen und pfiff… ja, “mit” kann man in diesem Fall wohl schlecht sagen. Um zum wiederholten Male (allerdings sehr frei) mit “Fleisch ist mein Gemüse” zu sprechen: Aus seinem Mund quoll ein nicht endender Strom aus Tönen, wobei er sich längst von trivialen Dingen wie Harmonie, Rhythmus und Form verabschiedet hatte. Natürlich nur, solange ich Gitarre spielte. Zwischen den Songs applaudierte er artig und hielt mit seiner Meinung, dass ihm der Vortrag durchaus gefalle, auch nicht hinterm Berg.

Üblicherweise bringt mich ein aufgekratzter Betrunkener durchaus aus der Ruhe, aber solange der Betreffende nicht aggressiv ist und ohnehin nur ein sehr überschaubares Auditorium zu unterhalten ist, kann ich das verkraften. Ob des mauen Zuspruchs insgesamt war mir ohnehin alles ziemlich egal.

Da ich den Mann nicht ruhig kriegen würde, konnte ich genausogut eine musikalische Feldstudie starten. Ich sortierte also mein Programm etwas um und spielte einen Gassenhauer nach dem anderen. La Mer, Georgia on my Mind, La Vie en Rose, Perfidia, Gershwin-Zeug – Sachen die man, wenn auch unbewusst, alle schon oft gehört hat. Es musste doch möglich sein, dass dieser Kunstpfeifer in einem Akt spontaner Erkenntnis zumindest einen, EINEN EINZIGEN Ton an der richtigen Stelle von sich gibt. Auch rein statistisch mit den 12 Tönen des abendländischen Tonraums ein eher wahrscheinliches Ereignis. Aber es gelang nicht, kein einziges Mal.

Wenn er nicht gestorben ist, dann sitzt der Kunstpfeifer aus H. noch heute in seinem Sessel und quetscht große Mengen unzusammenhängender Töne aus seinen Lippen. Aber bezeugen kann ich das nur bis etwa 22 Uhr, dann war es genug und ich trollte mich mit einem Sack voller Dukaten Richtung Heimat.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige