Abgeschossen

Liebe Leser,

wenn Ihr nun diesen Text lest, dann ist es schon die dritte oder gar vierte Version. Immer wieder verwarf ich Passagen oder auch den ganzen Text, weil ich es einfach nicht vernünftig erzählen kann. Mann, bin ich sauer! Kurz gesagt habe ich noch immer gehörige Wut im Bauch, weil unsere Band abgeschossen wurde. Abgeschossen von einem Menschen, der sich in seiner begrenzten Wahrnehmung offensichtlich nicht vorstellen kann, dass die eigenen nicht vorhandenen musikalischen Fähigkeiten den anderen Mitgliedern eines Ensembles gehörig schaden können. Wovon spricht der Mann?

Wie bereits hier im Blog ausführlich geschildert, war ich nach langer Zwangspause (Corona, Ihr erinnert Euch?) über Ostern endlich mal wieder auf dem Internationalen Jazzworkshop in Erlangen. Und dort werden zu Beginn unter Leitung der einzelnen Dozenten Combos gebildet, die dann beim großen Abschlusskonzert einige Songs vor großem Publikum darbieten. Das habe ich in der Vergangenheit schon mehr als ein Dutzend mal mitgemacht und dabei allerlei erlebt. Ich halte mich also – auch dank meiner langjährigen Bühnenerfahrung – für nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen, zumindest auf der Bühne dieses Abschlusskonzerts.

Wie in vielen Jahren zuvor war ich Gitarrist in der Band von Romy Camerun. Und wir waren eine starke Band, die Romys stets anspruchsvolles Programm gut zu Gehör bringen hätten können, wenn da nicht, ja wenn da nicht diese Pianistin gewesen wäre. C. aus H. ist eine seltsame Person. Als Gott die Unmusikalität verteilte, hat sie offensichtlich mehrmals „Hier!“ geschrien, denn davon hat sie eine Menge abbekommen. C. war als Pianistin zum Workshop angereist. Das muss man schon wissen, denn aufgrund ihrer Befähigung auf dem altehrwürdigen Instrument wäre man da nicht drauf gekommen. Wir hatten ab der ersten gemeinsamen Probe Spaß. Nicht nur, dass C. die Vierklänge das Jazz nur rudimentär kannte, sie hatte auch keinerlei Timing oder ähnlichen unnützen Kram. Sie konterte unsere skeptischen Blicke nach einer mal wieder gänzlich verbotenen Performance mit geistreichen Bemerkungen in Richtung ihrer Rhythmusgruppe wie „Also, Richard hat jetzt aber nicht auf die 3+ eingesetzt!“ Angesichts ihres völligen Unvermögens, auch nur hin und wieder eine Time zu erwischen, blieb uns allen bei solchen Sprüchen regelmäßig die Spucke weg.

Nun meinte sie solcherlei wahrscheinlich nicht einmal böse, sie hatte tatsächlich nicht die geringste Ahnung von Musik, verpackt in eine immer eine Spur zu besserwisserische Art. Raue Schale mit hartem Kern, arrogantes Auftreten, dazu eine Prise Autismus. Na, wird schon schiefgehen… was es dann auch tat.

Während Romy den Rest der Band zu immer neuen Höchstleistungen trieb (wir waren bis auf eine weitere Ausnahme – die allerdings ein nettes Wesen hatte – auch ein ziemlich guter Haufen), mäanderte C. irgendwas auf ihren Keyboards. Wir hörten schon gar nicht mehr hin und freuten uns, wenn Romy, die nicht nur eine Weltklasse-Sängerin, sondern auch eine ausgezeichnete Pianistin ist, hin und wieder am zweiten Keyboard unterstützte. Und nach einer kurzen Woche, in der wir alle es tagtäglich aufs Neue verpassten, C. dahin zu schicken, wo sie hingehörte, also keinesfalls in eine Combo, kam der Tag des Abschlusskonzerts. Kleine Lades-Halle, großer Bahnhof, volles Haus, eine mächtige PA und C. am großen Steinway-Flügel!

Es kam, wie es kommen musste. Erster Song „I Didn’t Know What Time It Was“, gesungen von B., einer guten und erfahrenen Sängerin. Natürlich war der Songtitel für C. Programm. Sie setzte wirklich jeden einzelnen unserer Kicks auf die 4+, welche der Rest der Band äußerst präzise intonierte, daneben, wirklich jeden einzelnen. Im Solo (Scat/Gitarre) schmiss C. dann noch die Form (wobei das anhand der grotesken Akkorde, die ihre Hände in die Tasten hauten, gar nicht klar war – es hätte auch nur eine Anreihung falscher Akkorde sein können) und schoss B. und mich aus dem Song. Irgendwie hat jemand dann den letzten Chorus kommuniziert und wir brachten das Schiff kurz vor dem Untergang in den Hafen. B. war am Boden zerstört und C. hatte sich schon zu diesem Zeitpunkt Teeren und Federn verdient.

Als nächstes zerstörte C. das eigentlich nicht zu anspruchsvolle „Poinciana“, welches wir in moderatem Tempo als Bossa Nova spielen wollten. Die Sängerin K. (auch nicht gerade mit Musikalität gesegnet) schaffte tatsächlich den Einsatz, was den Rest der Band, die diesbezüglich allerlei Kummer gewohnt war, durchaus erfreute. Mitten in meine kurzen Solo (wann auch sonst) erschallten vom Steinway Akkorde, welche nicht zum aktuellen Abschnitt des Songs passten. C. hatte zwei Viertel verschmissen und spielte nun ihre eigene Form. Mein Solo löste sich im Nichts auf, wir brachten auch dieses Lied irgendwie zu Ende. Unsere Sängerin M. zog den Jackpot, da Romy beim folgenden „Summer Soft“ von Stevie Wonder die Tasten übernahm und wir – wer hätte es gedacht – diesen Song ganz großartig über die Bühne brachten.

Letzte Nummer, ein weiterer Song des großen Stevie Wonder; „Don’t You Worry About a Thing“ Am Gesang KB, eine hervorragende Sängerin, die mehr als einen Abend damit verbrachte, sich dieses Lied wirklich umfassend zu erarbeiten, insbesondere da unser Arrangement einige Fallstricke beinhaltete, die aber geil klangen – sofern man die Stellen richtig spielte. C. nahm den Titel erneut wörtlich und kümmerte sich wiederum um gar nichts. Nach dem holprigen Latin-Intro, welches nur durch Romys beherztes Mitklatschen einigermaßen in der Time blieb, zog C. noch einmal alle Register. Jeder, wirklich jeder, Kick, den Stimme, Bass, Schlagzeug und Gitarre präzise und knallhart spielten, wurde gefolgt von einem hinterhergehunzten „Pling“ aus der Richtung des Steinway. Das Lächeln gefror uns Übrigen auf den Lippen und jeder rechnete für sich durch, ob ein Jazz-affiner Richter bei Totschlag in diesem speziellen Fall wohl eine Bewährungsstrafe verhängen würde. Irgendwann war auch dieser Song zu Ende. Wahrscheinlich hat C. auch den allerletzten Kick daneben gesetzt, aber beschwören kann ich das nicht. Ich eilte nach kurzer gemeinsamer Verbeugung mit meinen geschundenen Bandkolleg:innen von der Bühne.

Bei der Suche nach den richtigen Worten für ein Resümee der gänzlich verbotenen Performance von C. und überhaupt ihres Verhaltens auf dem Jazzworkshop stieß ich auf meinen eigenen Text aus dem Jahr 2017, welchen ich – kein Witz – tatsächlich für eben dieselbe C. aus H. verfasst hatte, wenn ich auch vor fünf Jahren nicht mit ihr in einer Combo „dienen“ musste:

Neben vielen Talenten finden sich leider auch alljährlich ein paar Fälle, denen beim besten Willen nicht zu helfen ist. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es in irgendeiner Form auch nur die geringste Form der Einsicht gäbe. Oder wenigstens eine realistische Selbsteinschätzung. Es gibt nämlich gegen falsches Spiel ein patentes Rezept: Finger weg vom Instrument! Nun hat sich aber offensichtlich  in unserer schönen Zeit der Gedanke verbreitet, dass durch die Zahlung eines überschaubaren Geldbetrags jeder unmusikalische Trottel ein Anrecht darauf hätte, mit seinem stümperhaften Spiel in einem Jazzensemble zu glänzen, auch wenn er selbst nicht die geringste Ahnung von Musik hat. Da ja bekanntlich immer die Anderen schuld sind, nimmt man bei Songs, die trotz ihres überschaubaren Schwierigkeitsgrades definitiv die eigenen musikalischen Fähigkeiten überfordern, nicht etwa höflich die Finger von den Tasten, nein, die Welt hat sich um unseren verhinderten Musikus (das Maskulinum steht hier nur zur Vereinfachung des Satzbaus) zu drehen. Wenn schon die Einwürfe vom Klavier zur falschen Zeit, mit den falschen Tönen und selbstverständlich ohne jegliche Form (welche den organisatorischen Ablauf eines Liedes beschreibt, z. B. Strophe-Refrain-Strophe usw. oder z. B. AABA im Jazz) kommen, muss durch die Lautstärke und Eindringlichkeit des Geklimpers zumindest auch der Rest der Band aus dem Song fliegen. Totale Vernichtung. Und dann noch beschweren, wenn es keinem gefällt. Solch impertinenter Egoismus ist mir in den früheren Kursen nicht aufgefallen.

Zitat Ende. Wow! Ich unterschreibe jedes Wort noch heute. Toll formuliert, mein lieber Gige, muss ich schon sagen!

Ein Freund und ehemaliger Mitmusiker von mir war 2022 als Pianist auch erstmalig auf dem Workshop. Eigentlich ein guter Musiker und mit flinken Fingern gesegnet, hatte er auf dem Abschlusskonzert einen totalen Blackout. Zumeist war er einfach „lost“ und saß mit steinernem Gesicht am Steinway. Mir ist das auch schon passiert. Da ziehen sich die 20 Minuten ins Unendliche! Aber er hat NICHT irgendwas gespielt, er hat NICHT den Rest der Band aus dem jeweiligen Song geschubst. Er hat sich von daher sozial und in gewissem Sinne professionell verhalten. 

Anders C. In ihrer verdrehten Wahrnehmung hat sie die komplette Band abgeschossen, dabei in dem irrwitzigen Glauben, sie hätte im Großen und Ganzen eigentlich alles richtig gemacht. Als ich mit B. und J. nach unserem Auftritt im Foyer stand und wir unsere Wunden leckten, ich B. noch von der sofortigen Abreise und J. von einer spontanen Gewalttat abhalten konnte, gesellte sich C. zu uns und entschuldigte sich für ihr „etwas ungenaues Spiel“. Dass war derart absurd, dass wir in stiller Übereinkunft auf die eigentlich fällige Hinrichtung verzichteten. C. hat tatsächlich eine Wahrnehmungsstörung. Obwohl sie eine öffentliche Standpauke samt Vom-Hof-jagen-und-mit-Speiseresten-bewerfen verdient gehabt hätte, brachten wir als anständige Menschen solcherlei einfach nicht übers Herz. 

Aber, und das verspreche ich an dieser Stelle feierlich, ich werde NIE WIEDER C. gemeinsam in einer Combo mit mir zulassen und bei Rainer Glas auf ein lebenslanges Jazzworkshop-Verbot für C. aus H. drängen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

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Gedanken zum Jahresende 2021

Liebe Leser,

ah, Dezember! Es ist die Zeit, bei einer schönen Tasse Tee am fröhlich prasselnden Kamin gemütlich seine Gedanken zum fast verflossenen Jahr 2021 in besinnliche und aufmunternde Worte zu gießen. 

Könnt Ihr vergessen! Ich hasse Tee und unser schöner Kamin wurde aufgrund von irgendwelchen Bestimmungen vor zwei Jahren vom Bezirksschornsteinfeger auf ewig stillgelegt. Es gibt auch keine aufmunternden Worte – wir werden alle jämmerlich vor die Hunde gehen! So sieht’s aus!

Es folgt ein wirklich längerer Text, welcher auch nicht in Kurzform vorgelesen auf meinem (nebenbei hervorragenden) YouTube-Kanal zu finden ist – Ihr werdet ihn wohl oder übel lesen müssen, wenn Ihr nicht ohne entscheidenden Erkenntnisgewinn sterben wollt. „Das wäre doch was! Warum machst du nicht so tolle Podcasts, die man nebenbei anhören kann?“ Ach – halt die Klappe! Nun denn:

Noch immer hat Corona die Welt im Griff und was bis dato in Deutschland an Kultur noch nicht geplättet wurde, ist am Dahinsiechen. Seit nunmehr fast zwei Jahren fährt der komplette Kulturbetrieb im Not-Modus. Im letzten Beitrag anlässlich des dahinscheidenden Jahres 2020 hatte ich noch Flausen im Kopf, dass verschobene Livetermine nun endlich 2021 nachgeholt werden könnten, es gäbe ja inzwischen wirksame Impfungen und ausgefeilte Regelungen. Aber Pustekuchen, nichts wurde nachgeholt. Im Gegenteil, die meisten Kultureinrichtungen hangeln sich in Notbesetzung von Lockdown zu Lockdown oder haben inzwischen hingeschmissen. Und die Leute, das Publikum? Von dem prophezeiten Hunger nach Kultur ist bei vielen nichts geblieben, sie haben es sich zwischen einem halben Dutzend Streaming-Anbietern bequem gemacht und verlassen ihr Heim nur noch selten. Seit Ausbruch der Pandemie habe ich KEINE EINZIGE Tanzveranstaltung mit dem TOP-Trio mehr gespielt. Alle Bälle wurden 2020 auf 2021 und von dort in eine unbestimmte Zukunft verschoben. Ein einziger Ball hätte im November 2021 stattfinden sollen. Dieser wurde dann abgesagt, weil sich zu wenige Leute angemeldet hatten. Die Tänzer haben sich die Bälle abgewöhnt!

Die einzige Kneipe, die bis zum Februar 2020 noch wöchentlich einen Musiker für Livemusik bezahlt haben, hat seit nunmehr 22 Monaten keine Livemusik mehr veranstaltet, wenn sie denn überhaupt zwischendurch geöffnet hatte.

Stadt-, Brauerei- und sonstige Feste, Musik-Workshops, Weihnachtsmärkte im Jahr 2021? Fehlanzeige. Das Internet ist inzwischen (wie vermutet) voll von den Ergüssen der verhinderten Livemusiker. Ich nehme mich da nicht aus. Tuck & Patti sammeln immer noch mit dem Kaffeebecher (den habe ich erfunden, weil es dramatischer klingt) Spenden bei wöchentlichen Livestreams. Es ist ein Jammer! Und noch immer erhalte ich gutgemeinte und immerhin kostenfreie Ratschläge von guten Freunden, was dem bekannten Künstler A oder der berühmten Sängerin B wieder Tolles eingefallen ist, um ein paar Kröten in die Kasse zu kriegen. Eine Idee ist bei der zweiten Umsetzung schon nicht mehr neu und die Anzahl an guten Ideen, wie man statt vor Publikum in den sozialen Medien Geld verdienen kann, endlich. [„Begrenzt“ wäre ein verständlicheres Wort und zudem eindeutiger gewesen, aber auch nicht so schön!] So auch zum zweiten Corona-Advent der Aufruf: Verschont mich mit guten Ideen! Außer, sie sind wirklich gut.

Und dann gibt es noch den immer wieder geäußerten Hinweis auf die großzügigen und unbürokratischen Corona-Hilfen für Kulturschaffende. Das ist natürlich richtig. Nebenbei ist das korrekte und gesetzeskonforme Ausfüllen von Anträgen zur Corona-Hilfe inzwischen ein Bachelor-Studiengang an der Uni Potsdam, Regelstudienzeit 6 Semester…

Die Krux an der Sache ist: Kümmert man sich rechtzeitig um einen finanziellen Ausgleich für die Einnahmeausfälle, z. B. indem man nicht-künstlerische Tätigkeiten ausführt, so wie ich dies notgedrungen seit Frühling 2020 tue, fällt man zumeist automatisch aus der Gruppe der Förderungswürdigen. Nebenbei auch aus der KSK, wie wiederum ich seit 2020. Da für die meisten Künstler-Hilfsprogramme allerdings eine Mitgliedschaft in der KSK Voraussetzung ist, schließt sich hier der (Teufels-)Kreis.

Dennoch kann der treue Fan natürlich etwas tun. Er kann die Dinge, die ich seit nunmehr 22 Monaten produziert habe, käuflich erwerben. So er oder sie selbige schon besitzt, dann gerne als beliebte Geschenke zum Weihnachtsfest per Wiederholungskauf. Derzeit im Angebot die 2020er (ein guter Jahrgang!) Scheiben „dreipunktnull“ oder „Bossa Nova“ oder das 2021er (Südhang, Spätlese) Meisterwerk von Bawelino & Brunner „Guitar Moments“.

Nicht im Angebot (da Buchpreisbindung) aber nichtsdestotrotz ein tolles Geschenk ist die „Harmonielehre für Gitarre“ von Helmut Kagerer und mir. Warum soll ein sechsjähriges Nachwuchstalent sich nicht schon in frühen Jahren ein Verständnis für Stufentheorie und Funktionsharmonik aneignen?

Stets kostenfrei sind mein Blog (also der hier) und mein YouTube-Kanal

https://www.youtube.com/user/gige2009

Musikalische Fachartikel von mir, Song-Arrangements oder auch nette Podcasts (davon einer mit mir!) findet Ihr beim engagierten Stefan Kornherr unter

https://gitarre.blog/

Stefan freut sich übrigens immer über kleine Beiträge, welche ihn beim Betrieb des sehr schönen und hochkarätig besetzten Blogs helfen. Da steht ein (virtueller) Gitarrenkoffer, der ganz charmant zum Spenden einlädt. 

Und wer schon alles von mir gekauft, verschenkt, erneut gekauft und verschenkt usw. hat, der kann eingetragener Fan bei Patreon werden:

https://www.patreon.com/gige_jazz

An dieser Stelle ein herzlicher Dank an meine treuen Unterstützer bei (und teilweise auch neben) Patreon und an diejenigen Veranstalter, die trotz wirklich widriger Umstände und heftigen Beschränkungen im Jahr 2021 ein paar schöne Gigs ermöglicht haben: Dank an die Cafebar StilleWasser, den Bunitreff, den Kreuzwirtskeller, Gerhard Förtsch und den Noris-Folkclub!

Liebe Leser, vielen Dank für Eure Besuche auf dieser Website, für Eure Kommentare und Eure Likes. Ein paar Abonnenten mehr wäre nett, aber das ist nicht so wichtig (By the way: Einem Blog bei WordPress zu folgen kostet nix, auch die Mitgliedschaft in WordPress ist mit keinerlei Kosten verbunden). Jetzt rutscht gut raus aus diesem vermaledeiten Jahr und kommt wohlbehalten in 2022 an! Ich wünsche Euch allen schöne Weihnachten sowie ein frohes und gesundes neues Jahr, in dem wir uns hoffentlich nicht nur auf dem Bildschirm, sondern auch in der realen Welt wieder sehen und hören können.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

gitarre.blog

Liebe Leser,

seit nunmehr einigen Jahren habe ich alles Musiktheoretische und den Gitarristen-Fetisch-Kram aus diesem zu meinem Zweit-Blog Avanti Dilettanti bei Google ausgelagert. Ich will meine ohnehin überschaubare Leserschaft bei WordPress nicht auch noch damit langweilen. Dank der mächtigen Suchmaschine und ihrer globalen Vernetzung war dort die Anzahl der Besucher zwar größer als hier (ja, noch größer), aber Feedback oder gar Interaktion ebenso spärlich.

Nun bin ich aber im großen weiten Web auf Stefan Kornherrs schönen

gitarre.blog

gestoßen. Hach ist das schön! Ein optisch ansprechender Blog mit gut strukturierter Oberfläche und höchst interessanten Beiträgen. Sogar die Comics sind gut. Und tolle Podcasts gibt es auch noch. Die vorgestellten Künstler und Projekte sind allesamt hochklassig und auf internationalem Niveau.

Zwar liegt das Hauptaugenmerk von Stefan Kornherr auf der stets akustischen und zumeist klassischen Gitarre, doch auch der Fingerstyle kommt nicht zu kurz. Obwohl es auch Beiträge zur Bossa Nova gibt, ist allerdings der Jazz meines Erachtens etwas unterrepräsentiert. Das macht aber so rein gar nix, denn das ist ja nun mein eigentliches Metier! Durch eine kleine Spende in den virtuellen Gitarrenkoffer kam ich mit dem Blogherrn© ins Gespräch und wir schrieben uns einige Male. Nun, um es kurz zu machen: Ich werde meine Aktivität auf Avanti Dilettanti zugunsten von regelmäßigen Gastbeiträgen bei gitarre.blog einstellen. Ein erster kleiner Artikel von mir ist dort bereits zu lesen. Ein echtes Interview gibt es baldigst!

So denn, lasst uns ohne großes Tamtam Avanti Dilettanti begraben. Es lebe gitarre.blog! Und ganz nebenbei: Eindimensionale Text-Blogs wie hier der meinige bei WordPress, so ohne Video und Podcast, liest eh kaum noch jemand. Seufz.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Auf dem Nachttisch – Guitar Moments

Liebe Leser,

in den heutigen Zeiten ist ein CD-Release eine triste Sache, also zumindest bis dato. Vielleicht kann man ja im Herbst mit 2G oder 3G Regel bei Veranstaltungen was machen. Wir werden sehen. Zudem ist der Gesamtausstoß der Branche ja seit Beginn der Pandemie immens, so dass man mit einem weiteren Tonträger aus dem Genre Jazz sicher nicht auf irgendwelchen Top-Listen erscheinen wird. Dennoch. Die Gelegenheit, mit einem Joe Bawelino, der auf eine illustre und mehr als 60-jährige Karriere zurückblicken kann, ein paar Songs auf Datenträger zu brennen hat man nicht zu oft im Leben. Nach einer Aufnahmesession bei Clemens Bröse (vielen Dank!), Mixing und Mastering im Tonstudio Success bei Oskar Schrems (vielen Dank!), allerhand Layout und Gefrickel am Artwork, hat mir HOFA-Media wie schon diverse Male vorher schnell und komplikationsfrei einen Karton mit vielen schönen CDs geliefert!

Nun sind Gitarren-Duos gerade im Jazz nichts Besonderes, die gibt es wie Sand am Meer. Doch ich erlaube mir, die Kombination aus einem ungemein wendigen (dieses Attribut trifft es besonders schön) und kreativen Bebop-Gitarristen mit einem erfahrenen Fingerstyler als durchaus selten und auch bemerkenswert zu bezeichnen. Wir hauen schon einen gewaltigen Sound aus unseren Gitarren, was wir auch schon mehrfach live unter Beweis gestellt haben.

Alle Songs auf der CD sind Teil meines Solo-Repertoires und zumeist auch schon auf Tonträger veröffentlicht, eben solo im Fingerstyle. Doch die Zusammenarbeit mit Joe Bawelino hebt das Niveau auf ein höheres Level. Er schöpft für seine Soli aus einem schier unerschöpflichen Vorrat an Ideen und seine Technik ist ohnehin superb. Und ich? Naja, ich spiele ohnehin zumeist großartig… 😉

Eingespielt (und dann tatsächlich veröffentlicht) haben wir

Secret Love von Sammy Fain aus dem Jahr 1953, einen flotten Swing-Klassiker mit schöner Hookline. 

Es folgt das unsterbliche Body and Soul (1930, Jerry Green), welches wir nach einem schönen Intro von Joe als Bossa Nova darbieten. 

Luiz Bonfá schrieb 1959 für den Film Orfeu Negro den gleichnamigen Song, dessen englischer Titel Black Orpheus bei uns etwas verbreiteter ist. So mancher Gitarristenkollege hat angesichts meiner Fingerstyle-Interpretation dieses Klassikers das Mitspielen verweigert. Ernsthaft. Joe Bawelino kennt solche Berührungsängste nicht. Er reichert mein opulentes Spiel des Themas sogar noch mit einer wirklich fantastischen Begleitung an und gibt im langen Solo wirklich alles! 

Der berühmte Schnuckenack Reinhardt schrieb etwa im Jahr 1960 den Song Me Hum Mato (aus dem Romanes übersetzt „Ich bin besoffen“ – was ein schöner Titel!), obligatorischer Bestandteil des Repertoires jeder Sinti-Jazz-Formation mit Geige, natürlich auch des Romeo-Franz-Ensembles, bei welchem Joe seit vielen Jahren die Solo-Gitarre spielt. Ich habe mich ausnahmsweise zu einem Chorus Solo überreden lassen. 

Keine CD ohne Gershwin-Titel! Wir spielen eine flotte Version von Oh, Lady Be Good (1924). 

Alle Ikonen der Jazzgitarre haben ihre Version des 1944er Hits Moonlight in Vermont von Karl Suessdorf aufgenommen. Auch Joe zählt diese Ballade zu seinen Lieblingsstücken, welche ich nur zu gerne auf unserer Scheibe begleite.

Schon seit vielen Jahren spiele ich You Don‘t Know What Love Is (1941 von Gene De Paul geschrieben), zumeist als Blues, aber auch gerne als Bossa Nova. Das hier vorliegende Arrangement ist allerdings von Joe Bawelino (von einer früheren Aufnahme seines Quintetts) und mein absoluter Favorit. Kurz und knackig!

Auf meiner hochgelobten CD dreipunktnull ist meine Solo-Version von Caravan (von Duke Ellington 1936 geschrieben), von der ich dachte, sie sei nicht zu toppen (Spaß!). Aber Joe treibt mit seinem energischen Spiel die Karawane nochmals heftig voran.

On the Sunny Side of the Street (1930, Jimmy McHugh) ist ein gut gelaunter Swing-Klassiker, welchen wir ebenso gut gelaunt interpretieren.

Zum Ausklang geben wir noch eine schöne Version des Antonio-Carlos-Jobim-Klassikers aus dem Jahr 1967 Wave, ein Bossa Nova zum Abschied.

Für einen (einzigen) Tag im Aufnahmeraum haben wir meines Erachtens eine durchaus beeindruckende Scheibe produziert. Und der stolze (und musikalisch kompetente) Besitzer JL der Guitar Moments hat mir geschrieben, „sie ist nie langweilig und macht Spaß beim Hören“. Na, das ist doch ein schönes Kompliment eines Musikerkollegen.

Wer von Euch Interesse an der tollen CD Guitar Moments von Bawelino & Brunner hat, schreibe mir auf den üblichen Kommunikationswegen und ich werde die CD umgehend verschicken. Sie kostet nur 10 € plus 2 € Versand. So viel gute Musik für so wenig Geld!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Sommer Session Oberhaid 2021

Liebe Leser,

ein Lichtblick in düsteren Zeiten! Herrje, ich verwende seit nunmehr 16 Monaten die immergleichen Floskeln, sorry! Am letzten Samstag, 10.07.2021 fand an geheimer Stelle im schönen Oberfranken wieder die legendäre Sommer Session Oberhaid statt. Gut, der Ort ist nicht geheim, aber exakte Lokation ist nicht öffentlich bekannt. Denn wie schon im Vorjahr konnte das üblicherweise wirklich gewaltige Open-Air nicht mit Publikum vor Ort stattfinden, sondern wurde coronabedingt als Live-Stream in YouTube und Facebook übertragen.

Das musikalische Zentrum bildet hierbei die Truppe aus Musikern alter und aktueller Bands rund um den Sänger, Gitarristen, Mundharmonikaspieler, Schlagzeuger und Mundtrompetenspieler Gerhard Förtsch (der Mann, der die Sommer Session gegründet hatte, der das ganze Projekt jedes Jahr auf die Beine stellt, der den Veranstaltungsort zumindest für die Stream-Sessions stellt, der Sponsoren wirbt, der zusammen mit seiner Frau Erika für das leibliche Wohl aller Anwesenden sorgt, der moderiert und auch noch einige Songs mitspielt… was habe ich noch vergessen? Er ist halt das Herz der Session!), den Sänger und Gitarristen Philipp Arnold, den Keyboarder und Sänger Marc Dotterweich, den Bassisten Robert Wild und den Schlagzeuger Jürgen Stahl. Diese fünf gestandenen Musiker beherrschen allesamt ihre Instrumente hervorragend. Phillip „Fips“ Arnold muss ich aber besonders hervorheben, weil er wirklich herausragend gut Gitarre spielt und dies ist eben mein Metier. Seit vielen Jahren mischt der Produzent und Komponist Stefan Krug den Sound sowohl am Pult des Open-Airs wie auch in den letzten zwei Jahren im Regieraum des Livstreams.

Die Session-Band ist mit fünf Musikern (Gitarre, Gitarre, Keyboard, Bass, Schlagzeug) komplett besetzt und liefert das Rahmenprogramm zur Session, welche in normalen Jahren schon mal gute sechs Stunden dauert, wobei hier jede Menge Gäste solo, mit dem eigenen Ensemble oder eben zusammen mit der Session-Band auftreten. Dieses Jahr waren als musikalische Gäste geladen: Die Band Palacity, der Gitarrist Wolfgang Rosenbusch, Leoni Rosenbusch, Eva Arnold, Simon Arnold, Sophie Dirkea, Alexis Madokpon mit Percussionspartner, Pieter und Beate Roux sowie meine Wenigkeit im Duo mit dem Gitarristen Joe Bawelino.

Aus dem Vorjahr war mir der Freitag vor dem eigentlichen Sessiontag in bester Erinnerung, weil es zum Einen eine große Freude ist, die ganzen Musikerkollegen endlich mal wieder in Persona zu treffen und man sich zum Anderen so in lockerer Atmosphäre mit der doch recht opulenten Video- und Audiotechnik vertraut machen kann. Zudem kann dann der Mixer schon mal die ganzen Einstellungen speichern und muss nicht während des Streamens groß nachregeln.

Aber – es wäre auch nach einem Jahr Pandemie zu einfach gewesen – am letzten Freitag wurde offensichtlich das komplette Frankenland von Wolkenbrüchen überschwemmt, so dass der Soundcheck buchstäblich ins Wasser fiel. Aber am Samstag hatte Petrus ein Einsehen (oder Gerhard Förtsch hat da wirklich einen heißen Draht in den Himmel), wir hatten ab Vormittag bis spät in den Abend gutes und vor allem trockenes Wetter!

Zusammen mit Joe Bawelino kam ich am frühen Samstagnachmittag in Oberhaid an und war zwar nicht überrascht (ich kannte ja den gewaltigen Aufbau aus dem Vorjahr (wie hier >>> nachzulesen ist), aber doch wieder geradezu überwältigt vom Aufwand und auch von der durchgehend professionellen Arbeit, den das junge Team um Thomas Förtsch (den Sohn des Sessiongründers) leistete. Wie schon in all den Jahren zuvor fällt da selbst in der etwas hektischen Zeit kurz vor Beginn der Session bzw. eben vor Beginn des Streams nie ein unfreundliches Wort, obwohl es für die Sound-, Licht- und Videotechniker wirklich nicht einfach ist, es zwei Dutzend Musikern recht zu machen.

Ach ja, musiziert wurde auch! Gereicht wurde Indie-Rock (Palacity), Rock, Blues, Folk und Pop (Session Band und Dust Bowl, mit den Gästen Wolfgang Rosenbusch (git), Leoni Rosenbusch (voc), Eva Arnold (voc), Simon Arnold (dr) und Sophie Dirkea (voc)), African Music (Alexis Madokpon), Oper und Musical (Pieter und Beate Roux) sowie Sinti-Swing (Bawelino & Brunner). Und alle haben sich mächtig ins Zeug gelegt und wunderbar gespielt bzw. gesungen. Wer Samstag nicht live dabei war, kann den Stream hier >>> nochmals gucken.

Wie die Auswertungen ergaben, haben sich wieder mehrere Tausend Menschen den Stream auf Youtube und Facebook angesehen. Es gab mehr als eine Garten- oder Grillparty, auf der die Session gesehen oder zumindest gehört wurde. Ich habe heute schon von mehreren Seiten Grüße und auch Fotos erhalten (ein Public-Viewing fand im großen Kreis im Schwäbischen statt – Grüße nach Backnang!), wo Freunde und Fans den gelungenen Stream lobten.

Ja, und der Gerhard! Da ist es am einfachsten, ich zitiere meinen eigenen Beitrag aus dem Jahr 2020, denn er stimmt auch für die Session 2021: Gerhard Förtsch führte witzig, locker und stets charmant durch den Abend, wobei er Moderation, Organisation und auch seine musikalischen Beiträge virtuos im wahrsten Sinne des Wortes „über die Bühne“ brachte. Eine gewaltige Leistung! Gerhards gute Laune ist übrigens ansteckend! Wir haben zu später Stunde resümiert, dass in all den Jahren (es sind mehr als 20, von denen ich nur die letzten 10 mitbekommen habe) noch kein böses Wort zwischen den Teilnehmern, Musikern und dem Team gefallen ist. Das ist der Hammer!

Und mit der Erfahrung des letzten Jahres im Rücken konnte Gerhard Förtsch auch den Abend trotz des ganzen Stress selbst genießen. Wenn Ihr Euch seine musikalisch immer gelungenen Performances anschaut, denke ich, man sieht ihm das an!

Auch mein Schlusswort kopiere ich gerne an dieser Stelle: So war die Sommer Session Oberhaid 2021 auch in (leider immer noch) finsteren Corona-Zeiten ein echtes Highlight. Auch wenn wir natürlich alle hoffen, im nächsten Jahr wieder vor leibhaftigem Publikum spielen zu können, war die diesjährige Session wieder ein echter Knüller. Zappt mal rein, vielleicht springt der Funke auch von der Konserve über. Hier nochmals der Link zu YouTube >>>

Wie sieht es 2022 aus? Mal wieder vor 1000 leibhaftigen und durchgeimpften Zuhörern? Wäre auch mal wieder schön!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Reverse Engineering

Liebe Leser,

wenn ich mir die Mühe gemacht habe, einen populären Jazzstandard als Fingerstyle-Solo-Tune zu arrangieren, so bin ich zumeist gezwungen, dies dann im Nachhinein schriftlich festzuhalten. Ab – sagen wir mal – 200 aufbereiteten Songs beginnt auch das beste Gedächtnis bisweilen zu streiken. Insbesondere, wenn man aufgrund einer Pandemie monatelang sein Repertoire nur noch spielt, „um nicht einzurosten“. Als sehr hilfreiches Tool hat sich hierzu die Software Guitar Pro erwiesen, deren aktuelle Version 7.5 bei Europas größtem Musikhaus, dessen Name nicht genannt werden muss, für schlappe 65,- € zu haben ist.

In Guitar Pro kann man die Töne sowohl in Noten- wie auch in Tabulaturzeilen direkt eingeben (auch per Midi, was ich aber nicht nutze), so dass ich zumeist mein Head-Arrangement direkt eintippen kann, ohne dafür die Gitarre überhaupt in die Hand nehmen zu müssen. Der Song kann jederzeit über die Soundkarte abgespielt werden, so dass das Arbeitsergebnis stets überprüfbar ist.

Wenn man ein Arrangement sozusagen „in Erz gießt“, sollte man es bei dieser Gelegenheit gleich einmal gegen das Realbook überprüfen. Dabei offenbart sich bisweilen Erstaunliches. Manchen Ton oder manche Notenlänge hatte ich mir offensichtlich bei der Erarbeitung des jeweiligen Songs nicht richtig gemerkt oder eben falsch antrainiert. Die Grifffolge, welche mir eben noch äußerst plausibel erschien, habe ich offenbar bei jedem Live-Gig „hingebogen“, denn die Finger wollen während des (Probe-)Spiels gar nicht an die Positionen, die ich in Guitar Pro notiert hatte.

Andererseits entdeckt man auch Hürden im Sheet, die man offenbar lange Zeiten einfach vermieden hatte. Ok, ganz ehrlich, wenn man sich wegen einer vorgezogenen Achtel die Finger verbiegen muss, modifiziere ich großzügig die Melodie. Ich gehe auf die 60 zu, ich darf das. Insbesondere, wenn es wie üblich ein Solo-Arrangement ist. Dennoch korrigiere ich natürlich Fehler und Ungenauigkeiten und passe die Akkord- bzw. Basslinien entsprechend an. Obwohl ich den jeweiligen Song bisweilen schon jahrelang im Repertoire habe, dauert dann so ein Update auf der Gitarre schon mal ein (oder mehrere) Dutzend Durchgänge, bis der Standard wieder sitzt.

Letztendlich erzeugt die Eingabe in Guitar Pro zum Einen ein bleibendes Zeugnis der eigenen Arbeit (ist aber wesentlich entspannter als das Kritzeln mit Federkiel auf Papierfetzen), zum Anderen eine frisch überarbeitete Version (und natürlich ein Leadsheet) eines Liedes, welches man ab diesem Zeitpunkt wieder live darbieten kann.

Das Schöne ist nämlich, dass man in Guitar Pro nicht nur Gespieltes eingeben, sondern auch Eingegebenes spielen kann!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gedanken zum Jahresende 2020

Liebe Leser,

es ist eine schöne Tradition, dass ich zum Ende des laufenden Jahres einige Zeilen in diesem Blog schreibe. Aber dieses Jahr ist das nicht schön! 2020 war, mit Verlaub gesagt, beschissen! Nach gutem Start mit schönen und lukrativen Gigs im Januar und Februar hat es mir die Laune ab März (die CD-Präsentation „dreipunktnull“ am 14.03. war mein erster Termin, der gecancelt werden musste) gehörig verhagelt. Corona hat jegliche musikalische Ambitionen im Jahr 2020 gekillt. Gut, es sind zwei Tonträger und ein Buch mit meinem Namen darauf erschienen, was sich ja nach einem respektablen Output anhört. Aber wenn man ausschließlich reale Produkte herstellt, die sich eben nicht in digitaler Form erwerben lassen, hat man offensichtlich auf das falsche Pferd gesetzt. Die gute Nachricht: Die Sachen verderben ja nicht…

Nebenbei hat wieder eine Zeitschrift, für die ich zusammen mit Sven Heißler schon viele Comics produziert habe, ihr Erscheinen eingestellt. Na, Ihr wisst ja, schlimmer geht immer.

Nun bin ich natürlich nicht undankbar, dass meine Familie und mein engster Freundeskreis von einer Corona-Erkrankung verschont geblieben sind, doch dies ist zum größten Teil Glück, zum kleineren Teil Vorsicht, aber sicher nicht der allgemeinen Disziplin unserer Bevölkerung geschuldet. Nach nunmehr 10 Monaten Pandemie im Wechsel zwischen Lockdown und Lockerung trifft man immer noch zu viele Zeitgenossen, die offenbar in zwei Realitäten parallel leben! In der einen, in der es aufgrund steigender Infektionszahlen, dauerhafter Überlastung des Gesundheitswesens und einer doch bedeutenden Anzahl von Todesfällen vernünftigerweise gewisse Einschränkungen im Alltag gibt, sowie in der anderen Realität, in der das Coronavirus immer noch in Wuhan, oder vielleicht noch ein bissl im fernen Österreich wütet. Da ist es cool, bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die Maske zu verzichten und seinen Mitmenschen auf die Pelle zu rücken. Es ist unfassbar!

Ganz abgesehen von der üblichen Meute an Aluhut-tragenden Covidioten und Kwerdenkern ist auch der Umgang mit den von den Einschränkungen von Anfang an und dauerhaft Betroffenen, also den Künstlern, Hoteliers, Gastronomen und Veranstaltungs-Leuten, unsäglich. Jede „unbürokratische“ „Soforthilfe“ ist geradezu kafkaesk bürokratisch und niemals zügig. Man hat alleine in Nürnberg gegen knapp 50 Künstler Ermittlungen wegen Betrugsverdacht eingeleitet, weil sie in völliger Unkenntnis tagesaktueller Regelungen im April zwei Anträge auf Soforthilfe gestellt hatten (von denen übrigens der jeweils zweite durchgehend abgelehnt worden war). Die Regelungen zu den angebotenen Hilfen, welche auf der Website der bayerischen Staatsregierungen nachzulesen waren, wurden mehrmals geändert (wirklich!), so dass man sich am besten beim Beantragen einer Hilfe einen Screenshot gemacht hätte… 

Die Vorgabe, dass eine Soforthilfe nur für geschäftliche Liquidität, aber nicht zur Bestreitung des Lebensunterhalts verwendet werden dürfe, ist ein echter Burner. Wäre doch bei Kurzarbeitergeld ebenso sinnvoll, oder?

Zum Dank für das Betteln wird man von den in ihrer Kurzarbeit gebetteten Angestellten in vielen Foren (Web wie Print) heftig angegangen, weil man „keine Rücklagen gebildet hat“, weil man „eben flexibel sein muss“, weil man „etwas Anständiges hätte lernen sollen“ und anderes Kroppzeuch. Dass inzwischen auch so solide Berufszweige wie Karnevalisten und Feuerwerksverkäufer nach Staatshilfe schreien, wird akzeptiert, da diese offensichtlich systemrelevant sind, während Musik, Theater und Film ja aus der Steckdose kommt. Ach, drauf gesch…

Nun sieht es ja trotz aller Fortschritte in Sachen Impfung etc. danach aus, als würde uns das Virus noch einige Monate begleiten. Es scheint, dass die (von mir) vorgeschlagene organisatorische Lösung für den Live-Gig-Stau Verschieben, verschieben! eben doch nicht funktioniert. Wir bleiben also weiterhin bei Ebbe in der Kasse krampfhaft kreativ! Was also tun?

Ein Buch habe ich 2020 geschrieben und veröffentlicht, zwei Tonträger ebenfalls. Möglicherweise hatte ich das schon erwähnt. Habt Ihr die Sachen noch nicht? Dann umgehend bestellen! Eine sehr direkte Hilfsmaßnahme in Corona-Zeiten! Weitere Publikationen werden 2021 folgen, verlegt entweder beim eigenen Verlag HM5 publishing UG oder beim Spurbuchverlag. Oder bei beiden.

Live-Konzerte sind auf absehbare Zeit kaum realisierbar. Ich werde also etwas Neues probieren. Wenn der berüchtigte Technik-Gige einige Grundlagen erlernt hat (ich bin dabei!), wird mein YouTube-Kanal mit mannigfachen Gitarren-Videos überflutet. Diese Videos sind die Teaser für weiterführende Video-Kurse, Streams, Veranstaltungen mit Gast (bevorzugt in der realen Welt, sobald man dies wieder gefahrlos tun kann), Bücher, Tonträger und so weiter. Wer mich dabei unterstützen möchte, den bitte ich um ein Patronat bei patreon.com, wo ich mich unter

https://www.patreon.com/gige_jazz

eingenistet habe. An den Benefits, die ein Förderer genießen wird, arbeite ich im Moment noch, aber die offizielle Eröffnung dieser Aktion werde ich noch gebührend an- und verkünden. Ihr müsst jetzt also noch kein Patron werden. Nicht mehr in diesem Jahr.

Liebe Leser, vielen Dank für Eure Besuche auf dieser Website, für Eure Kommentare und Eure Likes. Ein paar Abonnenten mehr wäre nett, aber das ist nicht so wichtig (By the way: Einem Blog bei WordPress zu folgen kostet nix, auch die Mitgliedschaft in WordPress ist mit keinerlei Kosten verbunden). Jetzt rutscht gut raus aus diesem vermaledeiten Jahr und kommt wohlbehalten in 2021 an! Ich wünsche Euch allen ein frohes und gesundes neues Jahr, in dem wir uns hoffentlich nicht nur auf dem Bildschirm, sondern auch in der realen Welt wieder sehen und hören können.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gige plays Bossa Nova

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Ich habe eine CD aufgenommen. So mit Musik drauf. Aufmerksame Leser mögen bemerkt haben, dass ich bis hier den Text des Beitrags vom 07.07.2020 kopiert habe. Denn auch damals hatte ich einen Tonträger von mir besprochen. Ebendies möchte ich auch heute machen.

Mit Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 blieb für uns Live-Musiker nur der Weg von der Bühne zurück ins heimische Wohn- bzw. Übungszimmer. Wie ich bereits in diesem Beitrag >>> geschrieben hatte, kaufte ich mir aus Frustration über den Lockdown eine klassische Gitarre (nun ja, korrekterweise ist es eine Flamenco-Gitarre, aber wer wird es wohl so genau nehmen wollen?) und begann das darauf zu spielen, was ich zum Einen schon kannte und zum Anderen auch gemäß Überlieferung für eine Nylon-Gitarre obligatorisch ist: Bossa Nova!

Natürlich sind mir im Laufe der letzten Jahre eine Menge Bossas über den Weg beziehungsweise über das Griffbrett gelaufen: Die Standards Blue Bossa und Recordame (welche nicht von einem Brasilianer komponiert wurden) und natürlich das wichtigste Jobim-Zeugs Girl from Ipanema, Desafinado, Corcovado und noch einige mehr. Allerdings betrachtete ich die Vertreter der Bossa Nova eher als Komponisten im Grunde stets identisch klingender Fahrstuhlmusik. Ich begann, mir etwas Hintergrundwissen drauf zu schaffen.

Nach etwas Recherche bei der nahezu allwissenden Wikipedia und in Youtube (dort ist nichts deutschsprachiges und wenig englischsprachiges zu finden, immerhin ein paar schöne Dokus der BBC) stieß ich auf ein (gedrucktes) Buch, in welchem tatsächlich alles drin steht: Bossa Nova – The Sound of Ipanema. Eine Geschichte der brasilianischen Musik, von Ruy Castro. Ein tolles Buch mit unglaublich vielen Namen und Unmengen an Informationen, dabei noch in wirklich witzigem Ton geschrieben und offensichtlich gut ins Deutsche übertragen. Ganz sicher wird eine Besprechung in diesem Blog folgen. Im zweiten Lockdown habe ich jetzt ja Zeit…

Ich lernte viele Protagonistinnen der Bossa Nova kennen und stellte schon nach den ersten Seiten fest… ich habe wirklich keine Ahnung! 

Es gibt unterschiedliche Ansätze, mit derlei Unkenntnis umzugehen. Ich habe Freunde und Musikerkollegen, die lassen einfach die Finger von jeglicher Musik, von der sie nicht eingehend alles verfügbare Material studiert haben. Und weil das gerade im fortgeschrittenen Alter kaum realisierbar ist, bleibt es beim Finger-davon-lassen. Andere werfen sich mit Feuereifer auf das Material und recherchieren bis zum St. Nimmerleinstag, ohne dabei jemals einen Ton zu spielen – aus Respekt vor der Musik. In beiden Versionen kommt nix Anhörbares für den Rest der Welt dabei raus.

Ich hatte solche Berührungsängste nie. Man darf Blues spielen, ohne aus dem Süden der USA zu stammen, man darf Gipsy-Swing spielen, ohne in irgendeiner Weise mit Django Reinhardt verwandt zu sein, man darf als Bayer Irish- und sonstigen Folk von den Inseln spielen und natürlich auch Bossa Nova, selbst wenn man nicht in Brasilien geboren wurde. Wirklich alle Musiker, die aus einer solchen privilegierten Gruppe stammen und mit denen ich das Vergnügen hatte, in den letzten Jahren ihre jeweilige Musik zu spielen, sahen das extrem locker und freuten sich immer, wenn ihre Musik mit Engagement und Herzblut gespielt wurde, auch wenn sich bisweilen technische oder kulturelle Unzulänglichkeiten offenbarten. Die deutschen Meisterspieler, legitimiert durch einen Auslandsaufenthalt oder jahrelangen Unterricht, sind da wesentlich strenger. So gibt es neben der der Jazz- auch eine Gipsy-Swing-, Irish-Folk- und Bossa-Nova-Polizei. Ganz sicher!

Mir war dies, wie bereits erwähnt, einerlei und ich gewann meinen Mitmusiker Clemens Bröse erneut für eine Aufnahmesession im bandeigenen Übungsraum, wie wir es schon bei dreipunktnull durchgezogen hatten. Dies war bereits am 28. Mai 2020. Ihr seht schon, ich blogge wirklich selten. Und wieder nahm Clemens mit erstaunlicher Geduld einen Take nach dem anderen auf, wobei kein einziges Mal irgendeine Äußerung von Ungeduld oder sonstigem über seine Lippen kam. Allerdings waren auch nur insgesamt acht Songs geplant, es würde also eine wirklich kurze CD werden. Und ich habe auch ziemlich ordentlich gespielt, so dass nach nur einem Aufnahmetag genug Material für die CD vorhanden war.

Das technische Setting war wirklich schlicht, aber klanglich überzeugend: Zwei Beringer-Mikrophone und eine Spanische Gitarre, das war es im Prinzip schon. Natürlich hat Clemens nebenbei beim Aufnehmen einige Stunden hochwertiges Videomaterial produziert, welches ein video-affinerer Musiker, als ich es bin, sicherlich zu einigen knackigen Werbevideos für die neue CD umgearbeitet und geschnitten hätte, doch es fehlte mir trotz monatelanger Auftrittssperre hierfür die Zeit. Kaum zu glauben, oder?

Den Mix und das Mastering des Rohmaterials erledigte, wie schon bei allen meinen Solo-CDs zuvor, Oskar Schrems im Tonstudio Success, wie immer schnell und in exzellenter Qualität!

Eingespielt habe ich

Triste (Antônio Carlos Jobim). Ein schöner Bossa vom Meister-Komponisten der Bossa Nova schlechthin. Ein harmonisch komplexer Song mit dennoch eingängiger Melodie.

Batacuda (Luiz Bonfá). Ich finde meine Interpretation des Fingerstyle-Vorzeigestücks von Meister Bonfá gelungen, muss aber offen gestehen, dass ich an die wirklich superbe Technik des Vorbilds nicht herankomme. Dennoch ein flotter Samba (?)… oder halt eine südamerikanische Picking-Nummer. Luiz Bonfá hat um die jeweilige Stilistik seiner Songs nie ein Gewese gemacht.

Só Danço Samba (Antônio Carlos Jobim). Ein getragener Samba mit pfiffiger Rhythmik in der Melodie. Im Ensemble eine nicht zu komplizierte Sache, als Fingerstyle-Stück bei weitem nicht so trivial.

Se É Tarde, Me Perdoa (João Gilberto). Eine Komposition von Gilberto ohne den charakteristischen Gesang? Doch, das geht! Aus dem Portugiesischen übersetzt lautet der Titel in etwa „Sorry, dass ich schon wieder zu spät komme“, was sich wohl durch das Leben des großen João Gilberto gezogen hat. Und weil wir alle so gut Portugiesisch sprechen, hat sich hier tatsächlich ein kleiner Schreibfehler in die (digitalen) Titelangaben auf der CD eingeschlichen. Wer ihn findet, erhält einen Fleißpunkt! 

Summer Samba (Marcos Valle). Der auch unter „So Nice“ bekannte Titel ist der Gold-Song des Marcos Valle. Eine wunderbar entspannte Samba. Auf mein Fingerstyle-Arrangement des zum Teil ziemlich vertrackten Songs bin ich stolz. 

Chega de Saudade (Antônio Carlos Jobim). Diese Jobim-Komposition war der erste Titel, der mit dem Label „Bossa Nova“ versehen wurde und ist neben Girl from Ipanema dessen zweite Hymne. Naja, wahrscheinlich gibt es noch ein Dutzend weitere… Die Form ist gefühlt unendlich lang, weshalb ich auf eine explizite Improvisation verzichtet habe.

Samba de Orfeu (Luiz Bonfá). Ein von Bonfá bereits 1956 wiederum für den Film „Orfeu Negro“ geschriebener Titel. Wie Batacuda eine echte Herausforderung auch für erfahrene Gitarristen.

The Girl from Ipanema (Antônio Carlos Jobim). Die Hymne der Bossa Nova (siehe oben). Sie wurde unzählige Male gecovert und ist bereits in einer ihrer ersten Aufnahmen ikonisch. Dennoch hier eine Version von mir. Und weil es schon Richtung Ende der Aufnahmesession ging und meine treue St. Pauli Gitarre noch ungespielt im Eck des Raumes stand, spielte ich Jobims Hit ausnahmsweise mit der unverstärkten Jazzgitarre ein. 

Wie schon bei dreipunktnull hatte ich eine schicke Release-Party geplant. Diese ist, wie schon die vorherige, der allseits beliebten Corona-Pandemie zum Opfer gefallen. So gab es nur eine kleine Ankündigung auf Facebook und mit dem zugehörigen Blogbeitrag habe ich mir offensichtlich ja auch etwas Zeit gelassen.

Diese CD gibt es (schon wieder) nur als reale Silberscheibe, nicht als Download und nicht bei Spotify. Lieber beschränkt sich der Käuferkreis auf ein paar Hundert Menschen (die letzten, die noch irgendwo einen CD-Player zum Abspielen besitzen), als dass ich mich in die millionste Playlist von irgendwelchen desinteressierten Dauerstreamern einreihen lasse, denen es egal ist, was in die Ohrstöpsel tröpfelt. Klinge ich verbittert? Pardon!

Wer gerne eine CD haben möchte, schreibe mich unter jazz@gige.de an. Ich schicke ihr bzw. ihm gerne eine zu, worauf sie oder er mir 10 Euro überweisen möge. Wenn es zwei Euro mehr sind, werde ich diesen Betrag sofort sinnlos für Porto und Verpackung verprassen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

dreipunktnull

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Ich habe eine CD aufgenommen. So mit Musik drauf. Also alte Jazzstandards solo mit Gitarre eingespielt, garantiert ohne Gesang. Jüngere unter der Leserschaft mögen sich nun fragen, was eigentlich genau so eine “CD” ist. Dieser etwas abgedroschene Witz wird schnell bedeutsam, wenn sogar die treuesten Fans beim Erwerb dieser Scheibe betonen, dass sie sich jetzt erst einmal auf die Suche nach einem geeigneten Abspielgerät machen müssten, um meine neueste Produktion tatsächlich anzuhören.

Ein ganz treuer Fan hat mich bei der Bestellung gebeten, doch ein paar Worte im Blog über die Scheibe zu schreiben. Dies freut mich doppelt, da ich zum Einen eine weitere CD unters Volk bringen konnte und zum Anderen tatsächlich hin und wieder jemand Beiträge auf diesem Blog liest.

Nun also – dreipunktnull. Schon seit der Veröffentlichung meiner ersten Solo-CD “Jazz” im Jahr 2012, bei der ich für ein Erstlingswerk wirklich vieles richtig, aber leider auch so manches nicht so doll gemacht habe, trage ich mich mit der Idee einer weiteren Veröffentlichung mit schönen Jazzstandards im Fingerstyle. 2015 erschien dann die etwas andere „Gige & Friends – Best of Van Heusen“, auf welcher ausschließlich Stücke von van Heusen zumeist in Duo-Besetzung dargeboten werden. 2019 war nun die Zeit für einen weiteren Tonträger, den die Welt wahrscheinlich wieder einmal nicht braucht. Insbesondere heutzutage, da wir jeden gespielten Ton online veröffentlichen und unentgeltlich (in den sozialen Medien) oder zumindest günstig per Streamingdienst zur Verfügung stellen. 

Nun, den Inhalt dieser CD gibt es nicht (legal) zum Downloaden oder Streamen. Der größte Anteil meines geneigten Publikums besitzt im Auto und oft auch noch zu Hause einen CD-Player mit zugehöriger HiFi-Anlage. 

Wie schon auf meiner ersten CD “Jazz” aus dem Jahr 2012 habe ich einige gut abgehangene Standards des Great American Songbooks nebst selteneren Stücken solo im Fingerstyle eingespielt, wiederum auf durchaus betagten Instrumenten. Den Anspruch, die Songs mit ihrem jeweiligen zeitgenössischen Gitarrensound zu versehen, habe ich inzwischen aufgegeben. Wenn Gott gewollt hätte, dass wir die Archtops ausschließlich akustisch spielen, warum hat er uns dann den Tonabnehmer und den Verstärker geschenkt?

Die Aufnahmen im Picking-Style à la Chet Atkins wurden mit einer No-Name-Gitarre aus den 1940er Jahren, die allerdings mit einem alten Framus-Pickup versehen ist, aufgenommen, die Balladen und einige Swing-Stücke mit einer Gibson L-5 1934 reissue, wobei ich mich hierbei eher an meine aktuelle Laune denn an eine feste Regel gehalten habe.

Beide Gitarren sind über einen AER Compact 60 gespielt, welcher von Clemens Bröse im Übungsraum unseres Jazztetts per DI und Mikro abgenommen wurde. Er hat mit größter Geduld und Bedachtheit an einem Tag alle wohlklingenden Takes der ausgesuchten Standards (und noch einige mehr) aufgenommen, mit denen ich anschließend zum Mixen ins Studio ging.

Den Mix und das Mastering erledigte wie seit über 30 Jahren Oskar Schrems im Tonstudio Success in Fürth. Im Gegensatz zu den 2012er Aufnahmen stand bei diesem Mix nicht der akustische Klang der Gitarre im Vordergrund, sondern der Sound des jeweiligen Songs. Oskar hat keine meiner bisweilen ausgefallenen Ideen im Vornherein abgelehnt und sie allesamt mit seiner Erfahrung und hochwertigster Technik wunderbar umgesetzt.

Die Songs auf dreipunktnull sind natürlich aus meinem Live-Repertoire und überwiegend Swing-Nummern bzw. Balladen aus den 1920er bis 1950er Jahren, wie immer mit ein paar Ausreißern.

Folgende Nummern findet Ihr auf der CD, in der Reihenfolge dieser Beschreibung::

S‘ Wonderful! aus dem Jahr 1927 von George Gershwin ist eine flotte Swingnummer zum Einstieg, gefolgt von After You‘ve Gone (1918) von Creamer & Layton. Ich liebe diesen Song! Er war bereits vor 100 Jahren (!!!) ein Nummer-1-Hit und hat nichts von seinem Charme eingebüßt. Und weil er sowohl als tragische Ballade wie auch als Medium-Swing taugt, spiele ich ihn auf dreipunktnull auch in beiden Versionen. Attila Zoller schrieb The Birds and the Bees im Jahre 1971. Ein tolles Stück, welches viel zu selten gespielt wird. Helmut Kagerer hat mich seine Version gelehrt, die mir so gefiel, dass ich sie sofort auf CD bannen musste. Jedes mit durchsetzungsfähigen Bläsern bestückte Ensemble spielt Caravan von Duke Ellington (1936). Als Stück für Solo-Gitarre ist es eher selten zu finden, in meinem aufregenden Arrangement schon gar nicht. Eine Zierde dieser CD! Der Gitarrist Joe Bawelino zeigte mir den wunderschönen Troublant Bolero von Django Reinhardt, erstmals 1948 erschienen. Für diese Nummer gibt es kein Sheet, keine Notation, ich habe es mir tatsächlich von Joe abgeguckt. Umso mehr freut mich die meines Erachtens sehr gelungene Einspielung. Es geht in sehr gemäßigtem Tempo weiter mit Cry Me a River aus dem Jahr 1953 von Arthur Hamilton, welches von Douce Ambiance (1943), einem weiteren Django-Reinhardt-Song abgelöst wird. Auch diese Komposition ist bis dato eher selten solo aufgenommen worden. Es folgt I’m Confessin’ That I Love You (1930, Ellis Reynolds) eine flotte Ballade (oder ein langsamer Swing), gefolgt von dem Heiligen Gral der Fingerstyler I Got Rhythm. Das Gershwin-Tune aus dem Jahr 1930 ist natürlich von jedem Jazzgitarristen schon einmal aufgenommen worden, weshalb ich für meine Version sicher keinen Innovationspreis gewinnen werde. Dennoch ein heftig swingender Fingerstyle-Klassiker! Das 1944 von Karl Suesddorf geschriebene Moonlight in Vermont ist eine wunderschöne, schon fast etwas klebrige Ballade. Das Intro habe ich von Joe Bawelino geklaut, zumindest von der Idee her. Out Of Nowhere von Johnny Green (1931) bietet einen swingenden, melodischen Song, bei dem als technische Finesse tatsächlich Vierteltriolen in der Melodie zur straiten Viertelbegleitung im Bass gespielt werden, was eine 2:3 Rhythmik innerhalb einer (Zupf-)Hand bedeutet. Beyond The Sea aus dem Jahr 1943 von Charles Trenet ist vielen als La mer bekannt und ein immergrüner Hit. Jeder hat „Findet Nemo“ gesehen! Softly as in a Morning Sunrise (1929) von Sigmund Romberg ist ein Medium-Swing mit einer groovenden Basslinie. Schon 1954 schrieb der geniale Jazzgitarrist Johnny Smith über die Akkorde von Softly as in a Morning Sunrise das ikonische Walk, Don’t Run, welches ich im zweiten Chorus zitiere. Der Swing Secret Love (Sammy Fain, 1953) und das tragische What Are You Doing the Rest of Your Life von Michel Jean Legrand aus dem Jahr 1969 schließen die CD ab.

Wenn Ihr, liebe Leser, auch zu meinen lieben Hörern werden wollt, dann bestellt Euch eine der edlen Silberscheiben bei mir (ganz einfach per Mail an info@gige.de) und lasst Euch von den Gitarrenklängen verzaubern. Ups, das klang jetzt etwas zu sehr nach Ricky King…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gibson L-4 1935?

Liebe Leser,

gut, wir bleiben beim Thema. Gibson L-4. Nach den Beiträgen über ein 1928er und ein 1949er Modell heute einer über eine Gibson L-4 Baujahr 1935. Keine Sorge, nun gehen mir aber die L-4 aus, nächstes Mal schreibe ich über eine andere Modellreihe. Ehrlich!

Aber dies ist eine spezielle Geschichte. Und ich darf nicht einmal mit Sicherheit verneinen, dass ich mit diesem Beitrag eine Themaverfehlung begehe. Klingt kompliziert. Nun denn, von Anfang an:

Im Jahr 2011 besuchte meine Freund und Musikerkollege ME die Metropole New York. Hm, seltsamerweise ist ME nahezu bei allen Stories über Gibson-Archtops beteiligt. Eventuell huldigte er zumindest zeitweise dem selben Fetisch wie ich. Natürlich konnte er sich einen Besuch bei Sam Ash, einer bedeutende Musik-Handelskette mit immerhin fast 50 Stores über die ganze USA verteilt, nicht verkneifen. ME und ich waren damals auf der Suche nach der Archtop-Gitarre, die den Sound der alten Meister wie Eddie Lang, Carl Kress oder Dick McDonough wieder aufleben ließe. Wie an anderer Stelle beschrieben, ist das gar nicht so einfach, aber das nur am Rande. ME schickte mir diese äußerst hochwertigen und scharfen Fotos:

Möglicherweise stand ME zu dieser Zeit auch noch am Anfang seiner Karriere als Fotograf, vielleicht waren die iPhones zu dieser Zeit noch nicht so weit oder eventuell sind einige Pixel bei der Übertragung über den Atlantik verloren gegangen. ME versicherte mir per Mail, dass es sich um eine L-4, Baujahr 1935 mit nicht unerheblicher akustischer Lautstärke handle. Ein interessantes Instrument, wahrscheinlich genau dasjenige, welches ich seinerzeit so dringend suchte. Allerdings keine F-Löcher. Schade.

Ich trat mit Sam Ash New York in Kontakt und verhandelte über den großen Teich wegen einer Erwerbung der L-4. Zur damaligen Zeit (also vor PayPal) wurde so ein Kauf über Kreditkarte abgewickelt, was bei einem transatlantischen Geschäft durchaus einigen Schriftverkehr wegen Rückversicherung und Verifizierung erfordert. Beim damaligen Umrechnungskurs Euro-Dollar von etwa 1:1,36 galt als Faustformel, dass man den angegebenen Preis in Dollar in etwa 1:1 auf Euro übertragen konnte, wenn man Steuer und Versand nach Deutschland hinzu rechnete.

Die Lieferung sollte per UPS erfolgen – in Deutschland nicht eben für reibungslose Abwicklung berühmt. Nach mehreren erfolglosen Zustellversuchen (was anscheinend eher der Normalfall als die Ausnahme ist) machte ich mich auf den Weg ans andere Ende der Stadt, um das inzwischen heiß ersehnte Instrument in Empfang zu nehmen. In einem unwirtlichen Industriegebiet in den Außenbezirken konnte ich nach Passieren mehrerer Schleusen und Übergabe eines ansehnlichen Geldbetrags (die erwähnten Steuern und Lieferkosten) dann endlich das unförmige Paket auf einer wackeligen Bank vor dem UPS-Center öffnen. 

Nun, die Gitarre war ziemlich klein. Etwas Holz mit Sunburst-Lackierung, angeordnet um ein riesiges Schallloch. Salopp gesprochen. Allerdings war das Instrument in gutem Zustand, was angesichts seines Alters von über 70 Jahren durchaus bemerkenswert ist. Und ich musste feststellen, dass die Mitarbeiter von Sam Ash alle Saiten korrekterweise entspannt hatten, da die Gitarre ansonsten bei der langen Reise per Flugzeug durch die immer wieder schwankenden Druckverhältnisse im Frachtraum des Fliegers wohl Schaden genommen hätte. Ich stimmte kurz und klimperte ein paar Töne, was die hinter ihrer Glasscheibe dösenden UPS-Mitarbeiter immerhin kurzzeitig aus ihrer Lethargie weckte.

Die Gitarre fuhr mit nach Hause und sollte Teil meiner Live-Instrumente werden. Ich zog frische Thomastik-Saiten auf und setzte die L-4 bei allen möglichen und unmöglichen Live-Auftritten ein. Da ich sie nicht elektrifizieren wollte, entweder rein akustisch oder gelegentlich über ein AKG 1000 verstärkt. Und ich habe mich mit (natürlich von ME geborgtem) Aufnahme-Equipment hingesetzt und (m)eine erste Solo-CD eingespielt. Bei einer Vorführung der Gitarre für meinen Paderborner Gitarrenkollegen OM fiel der berüchtigte Satz “Hübsch, aber klingt wie eine Gießkanne”, welcher mir zunächst schlaflose Nächte bereitete und eigentlich das Ende meiner Beziehung zur L-4 einläutete. Denn im Herzen musste ich OM zustimmen. Von allen historischen Gibson-Archtops, die überhaupt in einen akustischen Wettstreit gehen dürfen (was Gitarren wie ES-150 oder ES-175 wegen ihrer laminierten Decken ausschließt) und die ich in meinem Leben spielen durfte (diverse L-4, diverse L-5, L-7, Solid Formed (was ein Sch… name) etc.), klang die hier thematisierte L-4 meines Erachtens am … nun, sagen wir: wenigsten gut. Sie war zwar lauter als die in diesem Blog schon vorgestellte L-4 aus dem Jahr 1949, der Sound war aber eher “stumpfer” und keinesfalls so brillant. Und dann die Geschichte mit dem Halsprofil. 

Im Prinzip gibt es zwei (oder drei…) unterschiedliche Halsprofile, selbstverständlich mit allen Abstufungen dazwischen: Das U- (bisweilen auch C- oder D-) und das V-Profil, wobei schon der jeweilige Buchstabe das Prinzip verdeutlicht:

Jeder Gitarrist hat andere persönliche Vorlieben und es ist natürlich eine Sache des Geschmacks und der Gewöhnung. Die L-4 hatte ein ausgeprägtes V-Profil. Doch die etwas spitzere Auflage für den Daumen bereitet mir auf Dauer Schmerzen, und zwar nicht etwa in der Greifhand, sondern in den Sehnen des Unterarms. Daran konnte ich mich auch in den drei Jahren, in denen ich die Gitarre gespielt habe, nicht gewöhnen.

L-4 oder L-50?

Bis heute ist nicht eindeutig zu klären, ob es sich bei diesem Instrument tatsächlich um eine L-4 handelt, oder – das ist inzwischen meine Ansicht – um eine L-50. Leider gibt es kein umfassendes Gibson-Archtop-Museum, so dass man auf die Bilder bei unzähligen Auktionen oder kleinen Online-Sammlungen angewiesen ist. Zudem sind die Modelle mit Schallloch seltener als die mit F-Löchern. Bei den Recherchen bin ich zumeist auf Bilder und Artikel gestoßen, die exakt diese Gitarre als L-50 auswiesen. Als ich allerdings einen anderen Gitarristen, der sein Instrument auf der Facebookseite “Friends of the Archtop Guitar” präsentierte, diesbezüglich anfragte, wurde der richtig pampig – es sei garantiert eine L-4. Nun ja, offensichtlich ist dies so klar nicht.

Nichtsdestotrotz – die L-50 sollte mich verlassen und Platz für eine andere Gibson machen, von der mit Sicherheit auch noch berichtet wird. Doch auch dies war nicht so einfach. Denn eigentlich hätte mir Sam Ash die Gitarre gar nicht über den großen Teich schicken dürfen, zumindest nicht ohne weiteren, noch viel größeren Papierkram. Denn Gibson hat in den 1930er Jahren für seine Griffbretter zumeist Brazilian Rosewood, zu deutsch: Rio-Palisander, verbaut, ein Holz, das seit 1992 streng geschützt ist. Ausfuhren von verbautem Holz aus den USA sind verboten. Für antike Instrumente gibt es verständlicherweise Ausnahmen, aber dies muss der Verkäufer (oder auch der neue Besitzer) korrekt nachweisen.

Ich beruhigte mein ökologisches Gewissen mit der festen Überzeugung, dass eine 1935 gebaute Gitarre sicherlich unter den Antiquitäten-Passus der Handelsbeschränkung fallen müsse. Zudem ist es ja gar nicht sicher, dass exakt in dieser L-50 tatsächlich Rio-Palisander verbaut wurde, oder? Dies allerdings war schon wieder eine Fehleinschätzung meinerseits, denn Rio-Palisander kann auch 80 Jahre nach der Aufarbeitung identifiziert werden, und zwar… am Geruch! Schabt man nämlich (mit einem ganz feinen Schmirgelpapier oder sogar mit dem Fingernagel) etwas am Griffbrett, so entsteht umgehend ein leichter, aber nicht über-riechbarer Geruch nach Vanille. Den konnte nicht einmal meine nicht zu feine Nase ignorieren. Gut, dann eben doch das Antiquitäten-Argument…

Die L-50 fand nach einiger Zeit einen Abnehmer (der es offensichtlich mit den Restriktionen beim internationalen Holzschutz auch nicht so genau nahm) und ich zahlte meinen üblichen Wiederverkaufs-Verlust (siehe meinen Beitrag → “Hans im Glück”) als Lehrgeld. Natürlich habe ich aus dieser Episode wieder für’s Leben gelernt… und mein Verhalten danach nicht geändert.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige