Reverse Engineering

Liebe Leser,

wenn ich mir die Mühe gemacht habe, einen populären Jazzstandard als Fingerstyle-Solo-Tune zu arrangieren, so bin ich zumeist gezwungen, dies dann im Nachhinein schriftlich festzuhalten. Ab – sagen wir mal – 200 aufbereiteten Songs beginnt auch das beste Gedächtnis bisweilen zu streiken. Insbesondere, wenn man aufgrund einer Pandemie monatelang sein Repertoire nur noch spielt, „um nicht einzurosten“. Als sehr hilfreiches Tool hat sich hierzu die Software Guitar Pro erwiesen, deren aktuelle Version 7.5 bei Europas größtem Musikhaus, dessen Name nicht genannt werden muss, für schlappe 65,- € zu haben ist.

In Guitar Pro kann man die Töne sowohl in Noten- wie auch in Tabulaturzeilen direkt eingeben (auch per Midi, was ich aber nicht nutze), so dass ich zumeist mein Head-Arrangement direkt eintippen kann, ohne dafür die Gitarre überhaupt in die Hand nehmen zu müssen. Der Song kann jederzeit über die Soundkarte abgespielt werden, so dass das Arbeitsergebnis stets überprüfbar ist.

Wenn man ein Arrangement sozusagen „in Erz gießt“, sollte man es bei dieser Gelegenheit gleich einmal gegen das Realbook überprüfen. Dabei offenbart sich bisweilen Erstaunliches. Manchen Ton oder manche Notenlänge hatte ich mir offensichtlich bei der Erarbeitung des jeweiligen Songs nicht richtig gemerkt oder eben falsch antrainiert. Die Grifffolge, welche mir eben noch äußerst plausibel erschien, habe ich offenbar bei jedem Live-Gig „hingebogen“, denn die Finger wollen während des (Probe-)Spiels gar nicht an die Positionen, die ich in Guitar Pro notiert hatte.

Andererseits entdeckt man auch Hürden im Sheet, die man offenbar lange Zeiten einfach vermieden hatte. Ok, ganz ehrlich, wenn man sich wegen einer vorgezogenen Achtel die Finger verbiegen muss, modifiziere ich großzügig die Melodie. Ich gehe auf die 60 zu, ich darf das. Insbesondere, wenn es wie üblich ein Solo-Arrangement ist. Dennoch korrigiere ich natürlich Fehler und Ungenauigkeiten und passe die Akkord- bzw. Basslinien entsprechend an. Obwohl ich den jeweiligen Song bisweilen schon jahrelang im Repertoire habe, dauert dann so ein Update auf der Gitarre schon mal ein (oder mehrere) Dutzend Durchgänge, bis der Standard wieder sitzt.

Letztendlich erzeugt die Eingabe in Guitar Pro zum Einen ein bleibendes Zeugnis der eigenen Arbeit (ist aber wesentlich entspannter als das Kritzeln mit Federkiel auf Papierfetzen), zum Anderen eine frisch überarbeitete Version (und natürlich ein Leadsheet) eines Liedes, welches man ab diesem Zeitpunkt wieder live darbieten kann.

Das Schöne ist nämlich, dass man in Guitar Pro nicht nur Gespieltes eingeben, sondern auch Eingegebenes spielen kann!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gedanken zum Jahresende 2020

Liebe Leser,

es ist eine schöne Tradition, dass ich zum Ende des laufenden Jahres einige Zeilen in diesem Blog schreibe. Aber dieses Jahr ist das nicht schön! 2020 war, mit Verlaub gesagt, beschissen! Nach gutem Start mit schönen und lukrativen Gigs im Januar und Februar hat es mir die Laune ab März (die CD-Präsentation „dreipunktnull“ am 14.03. war mein erster Termin, der gecancelt werden musste) gehörig verhagelt. Corona hat jegliche musikalische Ambitionen im Jahr 2020 gekillt. Gut, es sind zwei Tonträger und ein Buch mit meinem Namen darauf erschienen, was sich ja nach einem respektablen Output anhört. Aber wenn man ausschließlich reale Produkte herstellt, die sich eben nicht in digitaler Form erwerben lassen, hat man offensichtlich auf das falsche Pferd gesetzt. Die gute Nachricht: Die Sachen verderben ja nicht…

Nebenbei hat wieder eine Zeitschrift, für die ich zusammen mit Sven Heißler schon viele Comics produziert habe, ihr Erscheinen eingestellt. Na, Ihr wisst ja, schlimmer geht immer.

Nun bin ich natürlich nicht undankbar, dass meine Familie und mein engster Freundeskreis von einer Corona-Erkrankung verschont geblieben sind, doch dies ist zum größten Teil Glück, zum kleineren Teil Vorsicht, aber sicher nicht der allgemeinen Disziplin unserer Bevölkerung geschuldet. Nach nunmehr 10 Monaten Pandemie im Wechsel zwischen Lockdown und Lockerung trifft man immer noch zu viele Zeitgenossen, die offenbar in zwei Realitäten parallel leben! In der einen, in der es aufgrund steigender Infektionszahlen, dauerhafter Überlastung des Gesundheitswesens und einer doch bedeutenden Anzahl von Todesfällen vernünftigerweise gewisse Einschränkungen im Alltag gibt, sowie in der anderen Realität, in der das Coronavirus immer noch in Wuhan, oder vielleicht noch ein bissl im fernen Österreich wütet. Da ist es cool, bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die Maske zu verzichten und seinen Mitmenschen auf die Pelle zu rücken. Es ist unfassbar!

Ganz abgesehen von der üblichen Meute an Aluhut-tragenden Covidioten und Kwerdenkern ist auch der Umgang mit den von den Einschränkungen von Anfang an und dauerhaft Betroffenen, also den Künstlern, Hoteliers, Gastronomen und Veranstaltungs-Leuten, unsäglich. Jede „unbürokratische“ „Soforthilfe“ ist geradezu kafkaesk bürokratisch und niemals zügig. Man hat alleine in Nürnberg gegen knapp 50 Künstler Ermittlungen wegen Betrugsverdacht eingeleitet, weil sie in völliger Unkenntnis tagesaktueller Regelungen im April zwei Anträge auf Soforthilfe gestellt hatten (von denen übrigens der jeweils zweite durchgehend abgelehnt worden war). Die Regelungen zu den angebotenen Hilfen, welche auf der Website der bayerischen Staatsregierungen nachzulesen waren, wurden mehrmals geändert (wirklich!), so dass man sich am besten beim Beantragen einer Hilfe einen Screenshot gemacht hätte… 

Die Vorgabe, dass eine Soforthilfe nur für geschäftliche Liquidität, aber nicht zur Bestreitung des Lebensunterhalts verwendet werden dürfe, ist ein echter Burner. Wäre doch bei Kurzarbeitergeld ebenso sinnvoll, oder?

Zum Dank für das Betteln wird man von den in ihrer Kurzarbeit gebetteten Angestellten in vielen Foren (Web wie Print) heftig angegangen, weil man „keine Rücklagen gebildet hat“, weil man „eben flexibel sein muss“, weil man „etwas Anständiges hätte lernen sollen“ und anderes Kroppzeuch. Dass inzwischen auch so solide Berufszweige wie Karnevalisten und Feuerwerksverkäufer nach Staatshilfe schreien, wird akzeptiert, da diese offensichtlich systemrelevant sind, während Musik, Theater und Film ja aus der Steckdose kommt. Ach, drauf gesch…

Nun sieht es ja trotz aller Fortschritte in Sachen Impfung etc. danach aus, als würde uns das Virus noch einige Monate begleiten. Es scheint, dass die (von mir) vorgeschlagene organisatorische Lösung für den Live-Gig-Stau Verschieben, verschieben! eben doch nicht funktioniert. Wir bleiben also weiterhin bei Ebbe in der Kasse krampfhaft kreativ! Was also tun?

Ein Buch habe ich 2020 geschrieben und veröffentlicht, zwei Tonträger ebenfalls. Möglicherweise hatte ich das schon erwähnt. Habt Ihr die Sachen noch nicht? Dann umgehend bestellen! Eine sehr direkte Hilfsmaßnahme in Corona-Zeiten! Weitere Publikationen werden 2021 folgen, verlegt entweder beim eigenen Verlag HM5 publishing UG oder beim Spurbuchverlag. Oder bei beiden.

Live-Konzerte sind auf absehbare Zeit kaum realisierbar. Ich werde also etwas Neues probieren. Wenn der berüchtigte Technik-Gige einige Grundlagen erlernt hat (ich bin dabei!), wird mein YouTube-Kanal mit mannigfachen Gitarren-Videos überflutet. Diese Videos sind die Teaser für weiterführende Video-Kurse, Streams, Veranstaltungen mit Gast (bevorzugt in der realen Welt, sobald man dies wieder gefahrlos tun kann), Bücher, Tonträger und so weiter. Wer mich dabei unterstützen möchte, den bitte ich um ein Patronat bei patreon.com, wo ich mich unter

https://www.patreon.com/gige_jazz

eingenistet habe. An den Benefits, die ein Förderer genießen wird, arbeite ich im Moment noch, aber die offizielle Eröffnung dieser Aktion werde ich noch gebührend an- und verkünden. Ihr müsst jetzt also noch kein Patron werden. Nicht mehr in diesem Jahr.

Liebe Leser, vielen Dank für Eure Besuche auf dieser Website, für Eure Kommentare und Eure Likes. Ein paar Abonnenten mehr wäre nett, aber das ist nicht so wichtig (By the way: Einem Blog bei WordPress zu folgen kostet nix, auch die Mitgliedschaft in WordPress ist mit keinerlei Kosten verbunden). Jetzt rutscht gut raus aus diesem vermaledeiten Jahr und kommt wohlbehalten in 2021 an! Ich wünsche Euch allen ein frohes und gesundes neues Jahr, in dem wir uns hoffentlich nicht nur auf dem Bildschirm, sondern auch in der realen Welt wieder sehen und hören können.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gige plays Bossa Nova

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Ich habe eine CD aufgenommen. So mit Musik drauf. Aufmerksame Leser mögen bemerkt haben, dass ich bis hier den Text des Beitrags vom 07.07.2020 kopiert habe. Denn auch damals hatte ich einen Tonträger von mir besprochen. Ebendies möchte ich auch heute machen.

Mit Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 blieb für uns Live-Musiker nur der Weg von der Bühne zurück ins heimische Wohn- bzw. Übungszimmer. Wie ich bereits in diesem Beitrag >>> geschrieben hatte, kaufte ich mir aus Frustration über den Lockdown eine klassische Gitarre (nun ja, korrekterweise ist es eine Flamenco-Gitarre, aber wer wird es wohl so genau nehmen wollen?) und begann das darauf zu spielen, was ich zum Einen schon kannte und zum Anderen auch gemäß Überlieferung für eine Nylon-Gitarre obligatorisch ist: Bossa Nova!

Natürlich sind mir im Laufe der letzten Jahre eine Menge Bossas über den Weg beziehungsweise über das Griffbrett gelaufen: Die Standards Blue Bossa und Recordame (welche nicht von einem Brasilianer komponiert wurden) und natürlich das wichtigste Jobim-Zeugs Girl from Ipanema, Desafinado, Corcovado und noch einige mehr. Allerdings betrachtete ich die Vertreter der Bossa Nova eher als Komponisten im Grunde stets identisch klingender Fahrstuhlmusik. Ich begann, mir etwas Hintergrundwissen drauf zu schaffen.

Nach etwas Recherche bei der nahezu allwissenden Wikipedia und in Youtube (dort ist nichts deutschsprachiges und wenig englischsprachiges zu finden, immerhin ein paar schöne Dokus der BBC) stieß ich auf ein (gedrucktes) Buch, in welchem tatsächlich alles drin steht: Bossa Nova – The Sound of Ipanema. Eine Geschichte der brasilianischen Musik, von Ruy Castro. Ein tolles Buch mit unglaublich vielen Namen und Unmengen an Informationen, dabei noch in wirklich witzigem Ton geschrieben und offensichtlich gut ins Deutsche übertragen. Ganz sicher wird eine Besprechung in diesem Blog folgen. Im zweiten Lockdown habe ich jetzt ja Zeit…

Ich lernte viele Protagonistinnen der Bossa Nova kennen und stellte schon nach den ersten Seiten fest… ich habe wirklich keine Ahnung! 

Es gibt unterschiedliche Ansätze, mit derlei Unkenntnis umzugehen. Ich habe Freunde und Musikerkollegen, die lassen einfach die Finger von jeglicher Musik, von der sie nicht eingehend alles verfügbare Material studiert haben. Und weil das gerade im fortgeschrittenen Alter kaum realisierbar ist, bleibt es beim Finger-davon-lassen. Andere werfen sich mit Feuereifer auf das Material und recherchieren bis zum St. Nimmerleinstag, ohne dabei jemals einen Ton zu spielen – aus Respekt vor der Musik. In beiden Versionen kommt nix Anhörbares für den Rest der Welt dabei raus.

Ich hatte solche Berührungsängste nie. Man darf Blues spielen, ohne aus dem Süden der USA zu stammen, man darf Gipsy-Swing spielen, ohne in irgendeiner Weise mit Django Reinhardt verwandt zu sein, man darf als Bayer Irish- und sonstigen Folk von den Inseln spielen und natürlich auch Bossa Nova, selbst wenn man nicht in Brasilien geboren wurde. Wirklich alle Musiker, die aus einer solchen privilegierten Gruppe stammen und mit denen ich das Vergnügen hatte, in den letzten Jahren ihre jeweilige Musik zu spielen, sahen das extrem locker und freuten sich immer, wenn ihre Musik mit Engagement und Herzblut gespielt wurde, auch wenn sich bisweilen technische oder kulturelle Unzulänglichkeiten offenbarten. Die deutschen Meisterspieler, legitimiert durch einen Auslandsaufenthalt oder jahrelangen Unterricht, sind da wesentlich strenger. So gibt es neben der der Jazz- auch eine Gipsy-Swing-, Irish-Folk- und Bossa-Nova-Polizei. Ganz sicher!

Mir war dies, wie bereits erwähnt, einerlei und ich gewann meinen Mitmusiker Clemens Bröse erneut für eine Aufnahmesession im bandeigenen Übungsraum, wie wir es schon bei dreipunktnull durchgezogen hatten. Dies war bereits am 28. Mai 2020. Ihr seht schon, ich blogge wirklich selten. Und wieder nahm Clemens mit erstaunlicher Geduld einen Take nach dem anderen auf, wobei kein einziges Mal irgendeine Äußerung von Ungeduld oder sonstigem über seine Lippen kam. Allerdings waren auch nur insgesamt acht Songs geplant, es würde also eine wirklich kurze CD werden. Und ich habe auch ziemlich ordentlich gespielt, so dass nach nur einem Aufnahmetag genug Material für die CD vorhanden war.

Das technische Setting war wirklich schlicht, aber klanglich überzeugend: Zwei Beringer-Mikrophone und eine Spanische Gitarre, das war es im Prinzip schon. Natürlich hat Clemens nebenbei beim Aufnehmen einige Stunden hochwertiges Videomaterial produziert, welches ein video-affinerer Musiker, als ich es bin, sicherlich zu einigen knackigen Werbevideos für die neue CD umgearbeitet und geschnitten hätte, doch es fehlte mir trotz monatelanger Auftrittssperre hierfür die Zeit. Kaum zu glauben, oder?

Den Mix und das Mastering des Rohmaterials erledigte, wie schon bei allen meinen Solo-CDs zuvor, Oskar Schrems im Tonstudio Success, wie immer schnell und in exzellenter Qualität!

Eingespielt habe ich

Triste (Antônio Carlos Jobim). Ein schöner Bossa vom Meister-Komponisten der Bossa Nova schlechthin. Ein harmonisch komplexer Song mit dennoch eingängiger Melodie.

Batacuda (Luiz Bonfá). Ich finde meine Interpretation des Fingerstyle-Vorzeigestücks von Meister Bonfá gelungen, muss aber offen gestehen, dass ich an die wirklich superbe Technik des Vorbilds nicht herankomme. Dennoch ein flotter Samba (?)… oder halt eine südamerikanische Picking-Nummer. Luiz Bonfá hat um die jeweilige Stilistik seiner Songs nie ein Gewese gemacht.

Só Danço Samba (Antônio Carlos Jobim). Ein getragener Samba mit pfiffiger Rhythmik in der Melodie. Im Ensemble eine nicht zu komplizierte Sache, als Fingerstyle-Stück bei weitem nicht so trivial.

Se É Tarde, Me Perdoa (João Gilberto). Eine Komposition von Gilberto ohne den charakteristischen Gesang? Doch, das geht! Aus dem Portugiesischen übersetzt lautet der Titel in etwa „Sorry, dass ich schon wieder zu spät komme“, was sich wohl durch das Leben des großen João Gilberto gezogen hat. Und weil wir alle so gut Portugiesisch sprechen, hat sich hier tatsächlich ein kleiner Schreibfehler in die (digitalen) Titelangaben auf der CD eingeschlichen. Wer ihn findet, erhält einen Fleißpunkt! 

Summer Samba (Marcos Valle). Der auch unter „So Nice“ bekannte Titel ist der Gold-Song des Marcos Valle. Eine wunderbar entspannte Samba. Auf mein Fingerstyle-Arrangement des zum Teil ziemlich vertrackten Songs bin ich stolz. 

Chega de Saudade (Antônio Carlos Jobim). Diese Jobim-Komposition war der erste Titel, der mit dem Label „Bossa Nova“ versehen wurde und ist neben Girl from Ipanema dessen zweite Hymne. Naja, wahrscheinlich gibt es noch ein Dutzend weitere… Die Form ist gefühlt unendlich lang, weshalb ich auf eine explizite Improvisation verzichtet habe.

Samba de Orfeu (Luiz Bonfá). Ein von Bonfá bereits 1956 wiederum für den Film „Orfeu Negro“ geschriebener Titel. Wie Batacuda eine echte Herausforderung auch für erfahrene Gitarristen.

The Girl from Ipanema (Antônio Carlos Jobim). Die Hymne der Bossa Nova (siehe oben). Sie wurde unzählige Male gecovert und ist bereits in einer ihrer ersten Aufnahmen ikonisch. Dennoch hier eine Version von mir. Und weil es schon Richtung Ende der Aufnahmesession ging und meine treue St. Pauli Gitarre noch ungespielt im Eck des Raumes stand, spielte ich Jobims Hit ausnahmsweise mit der unverstärkten Jazzgitarre ein. 

Wie schon bei dreipunktnull hatte ich eine schicke Release-Party geplant. Diese ist, wie schon die vorherige, der allseits beliebten Corona-Pandemie zum Opfer gefallen. So gab es nur eine kleine Ankündigung auf Facebook und mit dem zugehörigen Blogbeitrag habe ich mir offensichtlich ja auch etwas Zeit gelassen.

Diese CD gibt es (schon wieder) nur als reale Silberscheibe, nicht als Download und nicht bei Spotify. Lieber beschränkt sich der Käuferkreis auf ein paar Hundert Menschen (die letzten, die noch irgendwo einen CD-Player zum Abspielen besitzen), als dass ich mich in die millionste Playlist von irgendwelchen desinteressierten Dauerstreamern einreihen lasse, denen es egal ist, was in die Ohrstöpsel tröpfelt. Klinge ich verbittert? Pardon!

Wer gerne eine CD haben möchte, schreibe mich unter jazz@gige.de an. Ich schicke ihr bzw. ihm gerne eine zu, worauf sie oder er mir 10 Euro überweisen möge. Wenn es zwei Euro mehr sind, werde ich diesen Betrag sofort sinnlos für Porto und Verpackung verprassen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

dreipunktnull

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Ich habe eine CD aufgenommen. So mit Musik drauf. Also alte Jazzstandards solo mit Gitarre eingespielt, garantiert ohne Gesang. Jüngere unter der Leserschaft mögen sich nun fragen, was eigentlich genau so eine “CD” ist. Dieser etwas abgedroschene Witz wird schnell bedeutsam, wenn sogar die treuesten Fans beim Erwerb dieser Scheibe betonen, dass sie sich jetzt erst einmal auf die Suche nach einem geeigneten Abspielgerät machen müssten, um meine neueste Produktion tatsächlich anzuhören.

Ein ganz treuer Fan hat mich bei der Bestellung gebeten, doch ein paar Worte im Blog über die Scheibe zu schreiben. Dies freut mich doppelt, da ich zum Einen eine weitere CD unters Volk bringen konnte und zum Anderen tatsächlich hin und wieder jemand Beiträge auf diesem Blog liest.

Nun also – dreipunktnull. Schon seit der Veröffentlichung meiner ersten Solo-CD “Jazz” im Jahr 2012, bei der ich für ein Erstlingswerk wirklich vieles richtig, aber leider auch so manches nicht so doll gemacht habe, trage ich mich mit der Idee einer weiteren Veröffentlichung mit schönen Jazzstandards im Fingerstyle. 2015 erschien dann die etwas andere „Gige & Friends – Best of Van Heusen“, auf welcher ausschließlich Stücke von van Heusen zumeist in Duo-Besetzung dargeboten werden. 2019 war nun die Zeit für einen weiteren Tonträger, den die Welt wahrscheinlich wieder einmal nicht braucht. Insbesondere heutzutage, da wir jeden gespielten Ton online veröffentlichen und unentgeltlich (in den sozialen Medien) oder zumindest günstig per Streamingdienst zur Verfügung stellen. 

Nun, den Inhalt dieser CD gibt es nicht (legal) zum Downloaden oder Streamen. Der größte Anteil meines geneigten Publikums besitzt im Auto und oft auch noch zu Hause einen CD-Player mit zugehöriger HiFi-Anlage. 

Wie schon auf meiner ersten CD “Jazz” aus dem Jahr 2012 habe ich einige gut abgehangene Standards des Great American Songbooks nebst selteneren Stücken solo im Fingerstyle eingespielt, wiederum auf durchaus betagten Instrumenten. Den Anspruch, die Songs mit ihrem jeweiligen zeitgenössischen Gitarrensound zu versehen, habe ich inzwischen aufgegeben. Wenn Gott gewollt hätte, dass wir die Archtops ausschließlich akustisch spielen, warum hat er uns dann den Tonabnehmer und den Verstärker geschenkt?

Die Aufnahmen im Picking-Style à la Chet Atkins wurden mit einer No-Name-Gitarre aus den 1940er Jahren, die allerdings mit einem alten Framus-Pickup versehen ist, aufgenommen, die Balladen und einige Swing-Stücke mit einer Gibson L-5 1934 reissue, wobei ich mich hierbei eher an meine aktuelle Laune denn an eine feste Regel gehalten habe.

Beide Gitarren sind über einen AER Compact 60 gespielt, welcher von Clemens Bröse im Übungsraum unseres Jazztetts per DI und Mikro abgenommen wurde. Er hat mit größter Geduld und Bedachtheit an einem Tag alle wohlklingenden Takes der ausgesuchten Standards (und noch einige mehr) aufgenommen, mit denen ich anschließend zum Mixen ins Studio ging.

Den Mix und das Mastering erledigte wie seit über 30 Jahren Oskar Schrems im Tonstudio Success in Fürth. Im Gegensatz zu den 2012er Aufnahmen stand bei diesem Mix nicht der akustische Klang der Gitarre im Vordergrund, sondern der Sound des jeweiligen Songs. Oskar hat keine meiner bisweilen ausgefallenen Ideen im Vornherein abgelehnt und sie allesamt mit seiner Erfahrung und hochwertigster Technik wunderbar umgesetzt.

Die Songs auf dreipunktnull sind natürlich aus meinem Live-Repertoire und überwiegend Swing-Nummern bzw. Balladen aus den 1920er bis 1950er Jahren, wie immer mit ein paar Ausreißern.

Folgende Nummern findet Ihr auf der CD, in der Reihenfolge dieser Beschreibung::

S‘ Wonderful! aus dem Jahr 1927 von George Gershwin ist eine flotte Swingnummer zum Einstieg, gefolgt von After You‘ve Gone (1918) von Creamer & Layton. Ich liebe diesen Song! Er war bereits vor 100 Jahren (!!!) ein Nummer-1-Hit und hat nichts von seinem Charme eingebüßt. Und weil er sowohl als tragische Ballade wie auch als Medium-Swing taugt, spiele ich ihn auf dreipunktnull auch in beiden Versionen. Attila Zoller schrieb The Birds and the Bees im Jahre 1971. Ein tolles Stück, welches viel zu selten gespielt wird. Helmut Kagerer hat mich seine Version gelehrt, die mir so gefiel, dass ich sie sofort auf CD bannen musste. Jedes mit durchsetzungsfähigen Bläsern bestückte Ensemble spielt Caravan von Duke Ellington (1936). Als Stück für Solo-Gitarre ist es eher selten zu finden, in meinem aufregenden Arrangement schon gar nicht. Eine Zierde dieser CD! Der Gitarrist Joe Bawelino zeigte mir den wunderschönen Troublant Bolero von Django Reinhardt, erstmals 1948 erschienen. Für diese Nummer gibt es kein Sheet, keine Notation, ich habe es mir tatsächlich von Joe abgeguckt. Umso mehr freut mich die meines Erachtens sehr gelungene Einspielung. Es geht in sehr gemäßigtem Tempo weiter mit Cry Me a River aus dem Jahr 1953 von Arthur Hamilton, welches von Douce Ambiance (1943), einem weiteren Django-Reinhardt-Song abgelöst wird. Auch diese Komposition ist bis dato eher selten solo aufgenommen worden. Es folgt I’m Confessin’ That I Love You (1930, Ellis Reynolds) eine flotte Ballade (oder ein langsamer Swing), gefolgt von dem Heiligen Gral der Fingerstyler I Got Rhythm. Das Gershwin-Tune aus dem Jahr 1930 ist natürlich von jedem Jazzgitarristen schon einmal aufgenommen worden, weshalb ich für meine Version sicher keinen Innovationspreis gewinnen werde. Dennoch ein heftig swingender Fingerstyle-Klassiker! Das 1944 von Karl Suesddorf geschriebene Moonlight in Vermont ist eine wunderschöne, schon fast etwas klebrige Ballade. Das Intro habe ich von Joe Bawelino geklaut, zumindest von der Idee her. Out Of Nowhere von Johnny Green (1931) bietet einen swingenden, melodischen Song, bei dem als technische Finesse tatsächlich Vierteltriolen in der Melodie zur straiten Viertelbegleitung im Bass gespielt werden, was eine 2:3 Rhythmik innerhalb einer (Zupf-)Hand bedeutet. Beyond The Sea aus dem Jahr 1943 von Charles Trenet ist vielen als La mer bekannt und ein immergrüner Hit. Jeder hat „Findet Nemo“ gesehen! Softly as in a Morning Sunrise (1929) von Sigmund Romberg ist ein Medium-Swing mit einer groovenden Basslinie. Schon 1954 schrieb der geniale Jazzgitarrist Johnny Smith über die Akkorde von Softly as in a Morning Sunrise das ikonische Walk, Don’t Run, welches ich im zweiten Chorus zitiere. Der Swing Secret Love (Sammy Fain, 1953) und das tragische What Are You Doing the Rest of Your Life von Michel Jean Legrand aus dem Jahr 1969 schließen die CD ab.

Wenn Ihr, liebe Leser, auch zu meinen lieben Hörern werden wollt, dann bestellt Euch eine der edlen Silberscheiben bei mir (ganz einfach per Mail an info@gige.de) und lasst Euch von den Gitarrenklängen verzaubern. Ups, das klang jetzt etwas zu sehr nach Ricky King…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gibson L-4 1935?

Liebe Leser,

gut, wir bleiben beim Thema. Gibson L-4. Nach den Beiträgen über ein 1928er und ein 1949er Modell heute einer über eine Gibson L-4 Baujahr 1935. Keine Sorge, nun gehen mir aber die L-4 aus, nächstes Mal schreibe ich über eine andere Modellreihe. Ehrlich!

Aber dies ist eine spezielle Geschichte. Und ich darf nicht einmal mit Sicherheit verneinen, dass ich mit diesem Beitrag eine Themaverfehlung begehe. Klingt kompliziert. Nun denn, von Anfang an:

Im Jahr 2011 besuchte meine Freund und Musikerkollege ME die Metropole New York. Hm, seltsamerweise ist ME nahezu bei allen Stories über Gibson-Archtops beteiligt. Eventuell huldigte er zumindest zeitweise dem selben Fetisch wie ich. Natürlich konnte er sich einen Besuch bei Sam Ash, einer bedeutende Musik-Handelskette mit immerhin fast 50 Stores über die ganze USA verteilt, nicht verkneifen. ME und ich waren damals auf der Suche nach der Archtop-Gitarre, die den Sound der alten Meister wie Eddie Lang, Carl Kress oder Dick McDonough wieder aufleben ließe. Wie an anderer Stelle beschrieben, ist das gar nicht so einfach, aber das nur am Rande. ME schickte mir diese äußerst hochwertigen und scharfen Fotos:

Möglicherweise stand ME zu dieser Zeit auch noch am Anfang seiner Karriere als Fotograf, vielleicht waren die iPhones zu dieser Zeit noch nicht so weit oder eventuell sind einige Pixel bei der Übertragung über den Atlantik verloren gegangen. ME versicherte mir per Mail, dass es sich um eine L-4, Baujahr 1935 mit nicht unerheblicher akustischer Lautstärke handle. Ein interessantes Instrument, wahrscheinlich genau dasjenige, welches ich seinerzeit so dringend suchte. Allerdings keine F-Löcher. Schade.

Ich trat mit Sam Ash New York in Kontakt und verhandelte über den großen Teich wegen einer Erwerbung der L-4. Zur damaligen Zeit (also vor PayPal) wurde so ein Kauf über Kreditkarte abgewickelt, was bei einem transatlantischen Geschäft durchaus einigen Schriftverkehr wegen Rückversicherung und Verifizierung erfordert. Beim damaligen Umrechnungskurs Euro-Dollar von etwa 1:1,36 galt als Faustformel, dass man den angegebenen Preis in Dollar in etwa 1:1 auf Euro übertragen konnte, wenn man Steuer und Versand nach Deutschland hinzu rechnete.

Die Lieferung sollte per UPS erfolgen – in Deutschland nicht eben für reibungslose Abwicklung berühmt. Nach mehreren erfolglosen Zustellversuchen (was anscheinend eher der Normalfall als die Ausnahme ist) machte ich mich auf den Weg ans andere Ende der Stadt, um das inzwischen heiß ersehnte Instrument in Empfang zu nehmen. In einem unwirtlichen Industriegebiet in den Außenbezirken konnte ich nach Passieren mehrerer Schleusen und Übergabe eines ansehnlichen Geldbetrags (die erwähnten Steuern und Lieferkosten) dann endlich das unförmige Paket auf einer wackeligen Bank vor dem UPS-Center öffnen. 

Nun, die Gitarre war ziemlich klein. Etwas Holz mit Sunburst-Lackierung, angeordnet um ein riesiges Schallloch. Salopp gesprochen. Allerdings war das Instrument in gutem Zustand, was angesichts seines Alters von über 70 Jahren durchaus bemerkenswert ist. Und ich musste feststellen, dass die Mitarbeiter von Sam Ash alle Saiten korrekterweise entspannt hatten, da die Gitarre ansonsten bei der langen Reise per Flugzeug durch die immer wieder schwankenden Druckverhältnisse im Frachtraum des Fliegers wohl Schaden genommen hätte. Ich stimmte kurz und klimperte ein paar Töne, was die hinter ihrer Glasscheibe dösenden UPS-Mitarbeiter immerhin kurzzeitig aus ihrer Lethargie weckte.

Die Gitarre fuhr mit nach Hause und sollte Teil meiner Live-Instrumente werden. Ich zog frische Thomastik-Saiten auf und setzte die L-4 bei allen möglichen und unmöglichen Live-Auftritten ein. Da ich sie nicht elektrifizieren wollte, entweder rein akustisch oder gelegentlich über ein AKG 1000 verstärkt. Und ich habe mich mit (natürlich von ME geborgtem) Aufnahme-Equipment hingesetzt und (m)eine erste Solo-CD eingespielt. Bei einer Vorführung der Gitarre für meinen Paderborner Gitarrenkollegen OM fiel der berüchtigte Satz “Hübsch, aber klingt wie eine Gießkanne”, welcher mir zunächst schlaflose Nächte bereitete und eigentlich das Ende meiner Beziehung zur L-4 einläutete. Denn im Herzen musste ich OM zustimmen. Von allen historischen Gibson-Archtops, die überhaupt in einen akustischen Wettstreit gehen dürfen (was Gitarren wie ES-150 oder ES-175 wegen ihrer laminierten Decken ausschließt) und die ich in meinem Leben spielen durfte (diverse L-4, diverse L-5, L-7, Solid Formed (was ein Sch… name) etc.), klang die hier thematisierte L-4 meines Erachtens am … nun, sagen wir: wenigsten gut. Sie war zwar lauter als die in diesem Blog schon vorgestellte L-4 aus dem Jahr 1949, der Sound war aber eher “stumpfer” und keinesfalls so brillant. Und dann die Geschichte mit dem Halsprofil. 

Im Prinzip gibt es zwei (oder drei…) unterschiedliche Halsprofile, selbstverständlich mit allen Abstufungen dazwischen: Das U- (bisweilen auch C- oder D-) und das V-Profil, wobei schon der jeweilige Buchstabe das Prinzip verdeutlicht:

Jeder Gitarrist hat andere persönliche Vorlieben und es ist natürlich eine Sache des Geschmacks und der Gewöhnung. Die L-4 hatte ein ausgeprägtes V-Profil. Doch die etwas spitzere Auflage für den Daumen bereitet mir auf Dauer Schmerzen, und zwar nicht etwa in der Greifhand, sondern in den Sehnen des Unterarms. Daran konnte ich mich auch in den drei Jahren, in denen ich die Gitarre gespielt habe, nicht gewöhnen.

L-4 oder L-50?

Bis heute ist nicht eindeutig zu klären, ob es sich bei diesem Instrument tatsächlich um eine L-4 handelt, oder – das ist inzwischen meine Ansicht – um eine L-50. Leider gibt es kein umfassendes Gibson-Archtop-Museum, so dass man auf die Bilder bei unzähligen Auktionen oder kleinen Online-Sammlungen angewiesen ist. Zudem sind die Modelle mit Schallloch seltener als die mit F-Löchern. Bei den Recherchen bin ich zumeist auf Bilder und Artikel gestoßen, die exakt diese Gitarre als L-50 auswiesen. Als ich allerdings einen anderen Gitarristen, der sein Instrument auf der Facebookseite “Friends of the Archtop Guitar” präsentierte, diesbezüglich anfragte, wurde der richtig pampig – es sei garantiert eine L-4. Nun ja, offensichtlich ist dies so klar nicht.

Nichtsdestotrotz – die L-50 sollte mich verlassen und Platz für eine andere Gibson machen, von der mit Sicherheit auch noch berichtet wird. Doch auch dies war nicht so einfach. Denn eigentlich hätte mir Sam Ash die Gitarre gar nicht über den großen Teich schicken dürfen, zumindest nicht ohne weiteren, noch viel größeren Papierkram. Denn Gibson hat in den 1930er Jahren für seine Griffbretter zumeist Brazilian Rosewood, zu deutsch: Rio-Palisander, verbaut, ein Holz, das seit 1992 streng geschützt ist. Ausfuhren von verbautem Holz aus den USA sind verboten. Für antike Instrumente gibt es verständlicherweise Ausnahmen, aber dies muss der Verkäufer (oder auch der neue Besitzer) korrekt nachweisen.

Ich beruhigte mein ökologisches Gewissen mit der festen Überzeugung, dass eine 1935 gebaute Gitarre sicherlich unter den Antiquitäten-Passus der Handelsbeschränkung fallen müsse. Zudem ist es ja gar nicht sicher, dass exakt in dieser L-50 tatsächlich Rio-Palisander verbaut wurde, oder? Dies allerdings war schon wieder eine Fehleinschätzung meinerseits, denn Rio-Palisander kann auch 80 Jahre nach der Aufarbeitung identifiziert werden, und zwar… am Geruch! Schabt man nämlich (mit einem ganz feinen Schmirgelpapier oder sogar mit dem Fingernagel) etwas am Griffbrett, so entsteht umgehend ein leichter, aber nicht über-riechbarer Geruch nach Vanille. Den konnte nicht einmal meine nicht zu feine Nase ignorieren. Gut, dann eben doch das Antiquitäten-Argument…

Die L-50 fand nach einiger Zeit einen Abnehmer (der es offensichtlich mit den Restriktionen beim internationalen Holzschutz auch nicht so genau nahm) und ich zahlte meinen üblichen Wiederverkaufs-Verlust (siehe meinen Beitrag → “Hans im Glück”) als Lehrgeld. Natürlich habe ich aus dieser Episode wieder für’s Leben gelernt… und mein Verhalten danach nicht geändert.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gute Vorsätze

Liebe Leser,

das Jahr 2018 neigt sich dem Ende zu. Zeit für einen kleinen persönlichen Jahresrückblick und – wie sollte es anders sein – für einen kleinen Ausblick nach 2019.

Noch nie in meiner “Karriere” als Live-Musiker habe ich so oft gespielt wie in diesem Jahr. Ich hatte den Kalender durchgezählt (aber die Summe natürlich nicht notiert und jetzt bin ich zu träge, es nochmal zu machen), es waren etwas mehr als 50 Gigs vor Publikum. Neben den Auftritten im Ensemble (als Gitarrist bei der klassischen Gala-Band TOP-Trio und als Bassist im Jazztett Autumn Left) und den vielen Solo-Jobs an der Gitarre durfte ich mit hervorragenden Musikern im Duo spielen, als da wären Katja Heinrich (Saxophon), Johannes Schmidt (Trompete), Helmut Kagerer (Gitarre), Martin Beigel (Gitarre), Ray Räbel (Gitarre/Gesang), Sven Heißler (Gitarre/Gesang) sowie nicht zuletzt Kathrin Brunner (Gesang). Vielen Dank an Euch alle – das hatte viel Schönes! Sollte ich jemand vergessen haben, liegt dies an meiner unzureichenden Buchhaltung, nicht am jeweiligen Musiker. So sehr ich auch den Solo-Vortrag schätze und auch in den letzten Jahren kultiviert habe, im Duett oder gar im Ensemble entsteht natürlich eher Neues und Unerhörtes. Ich möchte also gerne im Jahr 2019 erneut mit Euch auf der Bühne stehen oder sitzen. Von daher bleibt gesund oder werdet dies bitte wieder (mein Freund, Du weißt, dass ich DICH meine) und meldet Euch bei mir – wir ziehen dann wieder was Feines an Land.

Der naheliegende Gedanke “das kann immer so weitergehen” trifft es aber doch nicht. Klar, es war schon interessant, wie es sich anfühlt, an einem Wochenende drei Gigs zu spielen und ich hatte ausgiebig Gelegenheit, mein Repertoire einzuüben und auch meinen Stil vor Publikum zu testen. Und Spaß gemacht hat es auch noch, von den Milliarden an Gage mal ganz abgesehen. Aber ich muss das im nächsten Jahr nicht nochmals an allen Orten tun, die ich dieses Jahr besucht habe.Es gibt Lokationen, die eignen sich hervorragend für die Art von Musik, wie ich sie spiele, aber auch welche, wo ich nach zwei Versuchen feststellen  musste, dass dort nicht die Menschen verkehren, die man mit Fingerstyle-Jazz hinter dem Ofen hervorlockt.

Ich werde also – wenn nicht Dringlicheres anliegt oder Unvorhersehbares dazwischen kommt – im nächsten Jahr wahrscheinlich weniger SPIELEN, dafür mehr SCHREIBEN. Mindestens drei musikalische Bücher/Hefte und noch das ein oder andere kleine sonstige Bändchen (wird noch nicht verraten) harren der Veröffentlichung. Wenn es mein aktueller Verlag nicht stemmen mag, kommen diese wie immer bahnbrechenden Werke eben im Eigenverlag heraus. Die hm5-publishing-UG (bei der ich immerhin Geschäftsführer bin) wird 2019 erst mal so richtig loslegen! Mein Musikerkollege und Geschäftspartner ME platzt schon vor Ideen. Hoffe ich zumindest…

Obwohl Bloggen ja inzwischen ziemlich out sein dürfte, werde ich weiterhin Worte in Form kurzer Beiträge in den WordPress-Eimer füllen und Euch an dieser Stelle zum Verzehr reichen. Nicht zu häufig, aber immerhin bisweilen kommen neue Follower dazu, so dass ich diese Arbeit nicht ganz umsonst (nun ja, schon ohne Einkommen, aber nicht völlig sinnlos) verrichte. Im Jahresrückblick von 2016 hatte ich Euch einige Blogs zur Lektüre empfohlen. Bis heute sind davon gerade mal drei übrig geblieben: Der Neu-Münsteraner (Ex-Düsseldorfer) Seppo mit seinem professionellen Seppolog, Alice Wunder.mit der heiter bis wolkigen meinedrogenpolitik und portfuzzle mit dem bisweilen leicht hyperaktiven Blog radiohoerer. Ein neuer Blog in meinem Sicht- und Lesekreis ist Sapadi. Dort findet Ihr viele, manchmal etwas kurze, Buchrezensionen. Und angeblich Beiträge über Küchengeräte (was mein heimlicher Fetisch wäre, juchz), die aber bis dato nicht zu finden sind.

Wiederbelebt oder zumindest heftig entstaubt habe ich meinen Zweit-Blog Avanti Dilettanti

https://gigeonline.blogspot.com/

zu dessen Besuch ich Euch wieder einmal einladen darf. Viele Fragmente aus der Musiktheorie und -praxis, die zukünftig Einzug in eines der angesprochenen Bücher halten werden, sind dort als kleiner Beitrag veröffentlicht (oder werden dies) und müssen sich einer kritischen Leserschaft stellen. Das Fach-Geschwafel der ersten Beiträge hat allerdings doch einen gehörigen Teil der potentiellen Leserschaft verschreckt. Gut, auf das Fachsimpeln möchte ich nicht verzichten, aber auch nicht auf den größten Teil der Leserschaft. Ich werde also die Beiträge aufteilen in Kategorien, wobei hier sicher noch allerhand “Verträgliches” folgen wird. Idealerweise kristallisiert sich dann die eine oder andere Erkenntnis aus dem Beitrag mit zugehörigen Kommentaren. Schön wär’s ja…

Ich wünsche meiner gesamten Leserschaft eine schöne, einigermaßen besinnliche (natürlich nur, falls gewünscht) Adventszeit. Vor Weihnachten und Silvester werdet Ihr wohl nochmal von mir lesen. Bis dahin auf zu Avanti Dilettanti. Kommentieren oder Folgen tut nicht weh, versprochen! Und Ihr dürft Euch sogar Themen wünschen. Wenn ich es irgendwie gebacken kriege, schreibe ich darüber – zumeist sogar Sinnvolles.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Der Kunstpfeifer

Liebe Leser,

am letzten Wochenende hatte ich wieder einmal versucht, meine Gitarrenkunst unters Volk zu tragen. Diesmal jwd in einem netten Cafe am Ende der Welt. Geplant war lockerer Bar- bzw. Lounge-Betrieb mit dezenter Livemusik, also eigentlich genau mein Ding.

Nun ist meine Generation – und eben diese ist nun mal mein Hauptpublikum – in H. im Landkreis jwd offenbar nur schwer hinter dem Ofen hervor zu locken, was ich in diesem Fall durchaus wörtlich meine, denn es war sehr kalt in dieser Nacht. Ein kleines Häuflein fand sich jedoch ein, so dass ich etwa ab 20 Uhr für stets heitere, doch niemals triviale musikalische Begleitung des Abends sorgte. Ein Quartett setzte sich in die Sesselgruppe direkt vor mich. Anhand des ziemlich leeren Barbereichs war es nicht notwendig, mir derart auf die Pelle zu rücken. Zudem hat der Blick auf den Rücken eines Zuhörers für den Musiker immer etwas Frustrierendes, selbst wenn er nur zur Untermalung angestellt wurde (also der Musiker, nicht der Zuhörer).

Der Mann, um den es in diesem Beitrag gehen soll, war ein Mitglied dieser heiteren Truppe und immerhin mir zugewandt. Und hatte offensichtlich schon ein paar Stütz-Bier intus. Bereits beim ersten Song spitzte er die Lippen und pfiff… ja, “mit” kann man in diesem Fall wohl schlecht sagen. Um zum wiederholten Male (allerdings sehr frei) mit “Fleisch ist mein Gemüse” zu sprechen: Aus seinem Mund quoll ein nicht endender Strom aus Tönen, wobei er sich längst von trivialen Dingen wie Harmonie, Rhythmus und Form verabschiedet hatte. Natürlich nur, solange ich Gitarre spielte. Zwischen den Songs applaudierte er artig und hielt mit seiner Meinung, dass ihm der Vortrag durchaus gefalle, auch nicht hinterm Berg.

Üblicherweise bringt mich ein aufgekratzter Betrunkener durchaus aus der Ruhe, aber solange der Betreffende nicht aggressiv ist und ohnehin nur ein sehr überschaubares Auditorium zu unterhalten ist, kann ich das verkraften. Ob des mauen Zuspruchs insgesamt war mir ohnehin alles ziemlich egal.

Da ich den Mann nicht ruhig kriegen würde, konnte ich genausogut eine musikalische Feldstudie starten. Ich sortierte also mein Programm etwas um und spielte einen Gassenhauer nach dem anderen. La Mer, Georgia on my Mind, La Vie en Rose, Perfidia, Gershwin-Zeug – Sachen die man, wenn auch unbewusst, alle schon oft gehört hat. Es musste doch möglich sein, dass dieser Kunstpfeifer in einem Akt spontaner Erkenntnis zumindest einen, EINEN EINZIGEN Ton an der richtigen Stelle von sich gibt. Auch rein statistisch mit den 12 Tönen des abendländischen Tonraums ein eher wahrscheinliches Ereignis. Aber es gelang nicht, kein einziges Mal.

Wenn er nicht gestorben ist, dann sitzt der Kunstpfeifer aus H. noch heute in seinem Sessel und quetscht große Mengen unzusammenhängender Töne aus seinen Lippen. Aber bezeugen kann ich das nur bis etwa 22 Uhr, dann war es genug und ich trollte mich mit einem Sack voller Dukaten Richtung Heimat.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Drähte, die die Welt bedeuten

Liebe Leser,

nun also die versprochene Abhandlung über der Gitarristen liebste Drähte, die Saiten. Wie immer mehr anekdotisch als wissenschaftlich, aber das ist in diesem Blog ja üblich und von der Leserschaft gewünscht. Da ich meinem überwiegend fachkundigen Publikum jedoch nicht unvorbereitet gegenübertreten wollte, habe ich ein wenig recherchiert. Doch, echt jetzt! Dabei konnte ich erfahren, dass es bereits seit Jahrtausenden Saiten gibt, die zunächst aus Pflanzenfasern und Tiersehnen, später aus Rosshaar, Seide und Tierdärmen gefertigt wurden. Heute nimmt man überwiegend Nylon und Carbon (und eben Metall, aber dazu gleich mehr). Auf den sehr interessanten Internetseiten (nein, nicht “Internetsaiten”) von Gitarre & Bass fand ich die nette Information, dass der berühmte Geiger Niccolò Paganini (1782-1840) der wohl erste tradierte Endorser eines Saitenherstellers war, nämlich der Offenbacher Fabrik Pirazzi, die ihre Saiten unter dem Label “Pirastro” verkaufte. Wow, vor mehr als 200 Jahren…

Da ich selbst allerdings von Anfang an Stahlsaiten spielte und noch spiele, treibt mich natürlich die Frage um, seit wann der Mensch in der Lage ist, Draht in einer Qualität zu ziehen, so dass er eine Alternative zu den besprochenen Saiten aus Planzenfasern, Tierdärmen und Kunststofffasern darstellt. Auch hier gibt der oben erwähnte Artikel Auskunft: Ab dem 14. Jahrhundert ist es durch die “Drahtzieher” möglich, Metall in saitentaugliche Form zu ziehen.

Die ersten Saitenfabriken Deutschlands entstanden Mitte des 18. Jahrhunderts in Markneukirchen im Vogtland. Schon damals schickte man wissensdurstige Gesellen zu den  italienischen und französischen Herstellern um deren Technik zu studieren (und wahrscheinlich auch zu kopieren). Eine Saitenmacherinnung wurde bereits im Jahr 1777 gegründet.

Zunächst wurden im Vogtland nur Darmsaiten hergestellt, nach 1800 begann man dann, Darm- und Seidensaiten mit Silberdraht zu umwickeln, um die Spielbarkeit, die Haltbarkeit und den Klang der tiefen Saiten zu verbessern. Ab wann man begann, auch Kerne aus Metall wiederum mit Draht zu umwickeln, habe ich auf die Schnelle nicht herausfinden können. Eben etwas später…

Markneukirchen ist mir als Sitz des Unternehmens Musima (Musikinstrumentenbau Markneukirchen) bekannt. Der VEB Musima Markneukirchen fertigte von 1952 bis 1990 im Vogtland (in der damaligen DDR) flächendeckend unzählige Musikinstrumente, unter anderem natürlich auch Schlaggitarren. Von denen ich – wer hätte das gedacht – ein günstiges Modell besitze. Wie so vieles ist auch Musima nach der Wende umgehend den Bach herunter (oder sagt man “hinunter”?) gegangen, so dass inzwischen in Markneukirchen weder Instrumente noch Saiten gefertigt werden.

Die Entscheidung eines Gitarristen, welche Art von Saiten er verwendet – Nylon oder Stahl, um etwas verallgemeinernd die generellen Wahlmöglichkeiten zu beschreiben – ist gar nicht so einfach zu begründen. Für Einsteiger mag die Regel gelten, dass zwar Stahlsaiten zunächst die noch ungeübten Fingerkuppen malträtieren, aber “on the long run” bei geeignetem Instrument sogar etwas leichter zu bedienen sind als die traditionell etwas höher über dem Griffbrett liegenden Nylonsaiten. 

Abgesehen davon dürfen Konzertgitarren ausschließlich mit Darm- oder Kunststoffsaiten gespielt werden. Macht hier keine Versuche, das kann den (nicht für Stahlsaiten ausgelegten) Hals kosten!

So prägt die Wahl der ersten Gitarre oft das Verhältnis zu den zwei Saitentypen.

Das Schlüsselerlebnis – abgesehen von dem Saitenwechsel am ersten Tag meiner Gitarristenkarriere, welchen ich in einem vorangegangenen Blogbeitrag beschrieben hatte – in Sachen neue Saiten war wohl der Saitenwechsel aus KLANGLICHEN Gründen, den ich bei meiner treuen Westerngitarre so etwa im Jahr 1976 oder 1977 vollzog, also mindestens zwei Jahre nach dem Erwerb der Gitarre.

Ich schätze, die verbleibenden Metallreste auf der Gitarre, die man nun wirklich nicht mehr “Saiten” nennen durfte, sind mir geradezu unter den Fingern weggefault, so dass ich wieder mal mein kärgliches Taschengeld zusammenkratzte und mich auf den Weg ins Musikgeschäft machte, um mir tatsächlich einen GANZEN Satz Saiten zu kaufen. Da ich damals wirklich überhaupt keine Ahnung hatte, kaufte ich mir auf Empfehlung des Verkäufers einen Satz 12er D’Addario, wahrscheinlich Nickel, da zu dieser Zeit Phosphor-Bronze noch eher ungebräuchlich war.

Kleiner Einschub zur Saitenstärke: Die Stärkeangabe des ganzen Satzes leitet sich aus der Angabe für die hohe (dünne) E-Saite her. Mit 12er ist somit ein Satz Saiten mit den einzelnen Stärken 012, 016, 024, 032, 042, 053, jeweils Zoll. Die hohe E-Saite hat in diesem Beispiel also einen Durchmesser von 0,012 Zoll, etwa 0,3 mm. Üblicherweise ist die Stärke der übrigen Saiten durch die der hohen E-Saite vorgegeben, manche Gitarristen oder auch Hersteller (Thomastik) mischen hier aber (sie nehmen z.B. die Basssaiten aus dünneren Sätzen), je nach individuellem Geschmack.

Trotz der traumatischen Erlebnisse beim ersten Saitenwechsel scheine ich den zweiten, umfassenden, unfallfrei vollzogen zu haben, denn ich konnte die ersten Akkorde auf frisch aufgezogenen D’Addario-Saiten intonieren. Und ganz ehrlich – meine Gitarrenkollegen werden mir zustimmen – das macht süchtig. Die schmalbrüstige Gitarre mit laminierter Decke klang so brillant, wie ich es bis dato nur auf den Schallplatten eines Leo Kottke oder Werner Lämmerhirt gehört hatte! Wahnsinn! Ein Satz neue Saiten kann den Klang eines Zupfinstruments um Klassen verbessern. Noch heute gönne ich mir dieses (zugegebenermaßen kurze) euphorische Gefühl und höre einer meiner Gitarren beim Klingen zu, wenn ich sie gerade frisch besaitet habe.

In den vergangenen 45 Jahren habe ich so einige Hersteller und Stärken ausprobiert und mich schließlich seit einiger Zeit auf folgende Saiten festgelegt (für die Nerds und Gitarristen unter Euch):

  • Auf den Jazzgitarren, die mit einem Gewindestab zur Stabilisierung und Justage des Halses versehen sind, spiele ich 13er Saiten des österreichischen Hersteller Thomastik, zumeist geschliffen (“flat wound”), bisweilen ungeschliffen (“round wound”). Thomastik sind sowohl für den elektrischen wie auch für den akustischen Einsatz der Gitarre geeignet und daher für einen Grenzgänger wie mich prädestiniert. Leider sind sie relativ teuer, um die 14 Euro pro Satz.
  • Auf den älteren Schlaggitarren, insbesondere aus deutscher Produktion, welche keine Metallprofile oder Gewindestäbe im Hals besitzen, spiele ich 11er Thomastik, zumeist geschliffen oder – als treuer Fan – 11er D’Addario Chromes, geschliffen. Die Chromes sind günstiger, klingen allerdings akustisch schlechter als die Saiten von Thomastik.
  • Auf den E-Gitarren spiele ich 9er (da bin ich ein Weichei!) GHS oder irgendwas, was der Händler meines Vertrauens im Angebot hat. Bei all dem verbauten Technikkram und benutzten Verstärkern klingen die Saiten auf den Brettern ohnehin allesamt sehr ähnlich.
  • Bei den Maccaferri-Modellen (Gipsy-Gitarren) bleibe ich D’Daddario treu. Die 11er EJ83M Gypsy Jazz Saiten, die mir der große Joscho Stephan persönlich empfohlen hat, sind hervorragend für das sehr perkussive Spiel im Gipsy-Sound geeignet. Weil mein Dealer gerade keine D’Addario hatte, wich ich temporär auf Savarez Argentine-Saiten aus (“die spielen jetzt alle”). Ok, die tun es auch.
  • Auf meinen Westerngitarren verwende ich 12er Martin-Saiten, welche im Gegensatz zu den Gitarren aus selbigem Haus wirklich erschwinglich sind. Da ich selten Westerngitarre spiele, bin ich hier auch nicht markentreu.

So, nun wäre dieses Geheimnis auch gelüftet. Gut beleumdete Saiten der Hersteller Elixir (die mit der Nano-Beschichtung, die niemals altern) und Pyramid (welche prinzipiell von älteren Damen in Handarbeit einzeln an der Drehbank gefertigt werden und das auch noch “ums Eck”, in Bubenreuth bei Erlangen) haben bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Ich werde aber wohl den Bubenreuthern nochmal eine Chance geben, mich zu beeindrucken. Einfach, weil die Werbevideos mit den älteren Damen im Kittel an den Drehbänken so anrührend sind. Und ich stehe auf solide Handwerkskunst!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Pearls Before Swine

Liebe Leser,

klar, ich bin ein arroganter Sack! Wem meine Musik nicht gefällt, der hat ja schon per se keine Ahnung und überhaupt. Aber ich habe mich – ehrlich jetzt – gebessert. Es tut meistens nicht mehr weh, wenn mir Leute wohlmeinend auf die Schulter klopfen und mir mitteilen “Scho schäi, aber hald ned su meins!” Auf Hochdeutsch: Klang ganz nett, ist allerdings nicht mein Musikgeschmack. Am Freitag aber tat’s mal wieder weh. Zumindest ein bisschen…

Ich war wie im Vorjahr zum sogenannten “AbendRoth” als Künstler geladen, eine lange Einkaufsnacht mit einem bunten Rahmenprogramm unterschiedlichster Darbietungen, darunter auch diverse musikalische. Als Vertreter des unterhaltsamen Mainstream-Jazz trat ich an. Da meine Leib- und Magen-Saxophonistin Katja Heinrich lieber ihren … äh … runden Geburtstag feiern wollte (was eine lumpige Ausrede – die treulose Tomate), konnte ich den Regensburger Gitarristen Helmut Kagerer, den ich wie viele andere hervorragende Musiker auf den Erlanger Jazzworkshops kennengelernt hatte, zu einem Ausflug in die mittelfränkische Kreisstadt Roth bewegen. Helmut ist seit vielen Jahren eine echte Nummer auf dem internationalen Jazzgitarristen-Parkett und hat bis dato mit unzähligen Größen der Zunft auf Augenhöhe gespielt, unter vielen anderen mit Larry Coryell und Attila Zoller, um wenigstens etwas Namedropping an dieser Stelle zu betreiben. Nun also mal ein Job mit mir, was wirklich eine Ehre bedeutet.

Der Masterplan für unser Gitarrenduo waren zwei 1-Stunden-Sets an zwei Lokationen des AbendRoth, gefolgt von einem Ausklang in einer ortsansässigen Bar in der Nähe von Lokation 1. Nun muss ich allerdings betonen, dass das Organisationsteam der Stadt Roth alles richtig gemacht hat. Die Gage war ordentlich und alle offenen Fragen bezüglich Anreise, Parken und Ortswechsel wurden im Vorfeld zufriedenstellend beantwortet. Als wir (was bei der derzeitigen Verkehrs- und Baustellensituation nicht selbstverständlich ist) pünktlich am Spielort eintrafen, wurden wir umgehend von Mitarbeitern der Stadt Roth empfangen, eingewiesen und mit Getränke- bzw. Essensgutscheinen versorgt. Auch der Wirt des Bistros, in dem wir den Abend ausklingen lassen wollten, empfing uns freundlich mit einem kräftigen Kaffee und einem kleinen Bier zur Einstimmung auf den kommenden Abend.

Selbst das Wetter war gnädig und die letzten Strahlen der untergehenden Herbstsonne verhinderten das umgehende Einfrieren der Finger. Soweit also alles gut.

Ansonsten war das anfangs etwas spärliche Publikum von unserer hochklassigen Darbietung offensichtlich nur im Innersten begeistert. Gezeigt haben es die traditionell zurückhaltenden Rother zumindest ausgesprochen dürftig. Tröstlich, dass das am Marktplatz vor sich hin spielende Mädchenduett (E-Piano/Gesang) auch nicht besser einschlug, wenngleich deren Repertoire etwa 60 Jahre moderner war als das unsrige. Auch das vagierende männliche Duo aus Gitarre/Gesang und Cajón konnte das Publikum nur selten zu verhaltenem Applaus hinreißen. Wie wir nahmen es auch die Kollegen sportlich.

Heftig war allerdings der Absacker. Die gastgebende Kneipe war bei unserer Ankunft gegen 22 Uhr gut besetzt und von biertrinkenden Rock- und Bluesfans bevölkert, die sich mit ohrenbetäubender Lautstärke anbrüllten. Das war im Prinzip ganz und gar unnötig, denn die Grundlautstärke durch die Musik war nicht einmal übertrieben hoch, wurde aber im allgemeinen Konsens eben so praktiziert. Obwohl wir unsere 60er AERs fast bis zum Anschlag aufdrehten, waren wir in dieser Dezibel-Hölle kaum zu vernehmen. Dabei meinten es die Anwesenden nicht einmal böse, es interessierte sie einfach nicht, zumindest die überwiegende Anzahl. Helmut bewies dabei übrigens wahrlich Größe, denn er spielte ein brillantes Solo nach dem anderen (das ist jetzt extrapoliert, denn bisweilen konnte ich ihn – gerade mal einen Meter entfernt – tatsächlich nicht hören) und war bis zum (sehr späten!) Ende keine Sekunde unmotiviert und übellaunig. Ein Traum für jeden Sideman, ernsthaft.

Gegen Mitternacht hatten wir das akustische Gefecht entweder gewonnen oder die Leute waren einfach zu betrunken, um weiterhin aufeinander einzubrüllen. Man bat uns, etwas leiser zu spielen. Echt jetzt?

Neben den bereits erwähnten (allerdings wenigen) Fans gab es natürlich wieder diejenigen Zeitgenossen, die uns kameradschaftlich, aber bestimmt erklärten, dass sie – gegen unsere vorherige Ankündigung – am ganzen Abend (wir spielten immerhin von etwa 22:00 bis 0:30) KEINEN EINZIGEN Blues von uns gehört hätten. “Georgia On My Mind”, “Cry Me A River” und diverse andere, die wir erst ein paar Minuten vorher intoniert hatten, zählten nicht. Und wer würde einem kräftigen zertifizierten Blues-Spezialisten schon widersprechen, wenn dieser bereits seit 10 Stunden intensiv getankt hat. Wir jedenfalls nicht.

Als die beste aller Ehefrauen in den frühen 1990er Jahren in Köln studierte und ich in dieser Zeit mit ihr gemeinsam das Kölner Nachtleben unsicher machte, habe ich die allerorts teils spontan, teils geplante Livemusik in vielen Lokalen sehr genossen. Vielleicht trügt mich die Erinnerung und außer uns hat das schon damals keinen interessiert, aber ich denke, die Leute haben den teilweise exquisiten Musikern mehr Anerkennung entgegen gebracht, als das heute der Fall ist.

Beim Verfassen dieser Zeilen ist mir übrigens aufgefallen, dass ich mit einem sehr ähnlichen Lamento diesen Blog vor ein paar Jahren eröffnet hatte. Manche Dinge ändern sich eben nicht. Zumindest nicht so schnell.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige