Inside Jazz – Jazzworkshop Erlangen 2020

Liebe Leser,

heute möchte ich Euch wie jedes Jahr vom Jazzworkshop Erlangen berichten, der stets am Karsamstag startet. Die Tatsache, dass wir noch lange nicht Ostern haben, so dass ein Resümee frühestens in fünf Wochen erfolgen könnte, ficht mich nicht an, denn der 40. Internationale Jazzworkshop Erlangen wird nicht in diesem Jahr stattfinden!

Mit der Stilllegung des gesamten öffentlichen Lebens in Mitteleuropa hat es nicht nur sämtliche Gigs, Mucke-Jobs oder CD-Releases meinerseits erwischt, sondern auch eben den schönen Workshop. Dass es mit der Nummer 40 ein zudem beeindruckendes Jubiläum geworden wäre, toppt die Tragik noch.

Uneingeweihte trösten mich gerne mit dem Vorschlag, dafür eben nächstes Jahr wieder zu gehen oder zu einem anderen Workshop im Herbst, wenn die ganze Malaise mit der Pandemie sicherlich vorbei sei. Nun stehe ich aber in regelmäßiger Kommunikation mit Musiker-Kollegen, die ich allesamt in Erlangen kennengelernt habe. Es ist eben nicht nur irgendeine ausgefallene Veranstaltung, die Woche ist für viele – hier darf ich OH zitieren – das “musikalische und soziale Lebenselixier”, welches bei Vielen für einige Monate lang zum Durchhalten reicht. Bitte schön, lacht mich aus, aber ich sehe das genauso!

Wie die anderen Kursteilnehmer und vor allem natürlich der Organisator Rainer Glas sind wir nach der unabwendbaren endgültigen Absage allesamt in eine Schockstarre gefallen. Rainer, der tatsächlich 11 Monate Arbeit (nicht durchgehend, aber sicherlich kontinuierlich) innerhalb einer Woche abschreiben konnte, ist am Boden zerstört und büßt mit Sicherheit auch noch einiges an Geld ein. Während Rainer Glas die Scherben zusammenkehrt und viele Teilnehmer (ich natürlich auch) ihre Anmeldung auf das Jahr 2021 übertragen haben, kann ich in diesem Blog ja etwas fabulieren, wie er gewesen wäre, der 40. Internationale Jazzworkshop Erlangen, hätte er denn stattgefunden…

Schließt die Augen und lasst Euch mitnehmen… Moment, das ist ja völlig bescheuert. Mein Blog ist ja kein Podcast. Also weiterlesen. Es hätte sich in etwa so abgespielt:

Um exakt 12 Uhr am Karsamstag setze ich mich ins Auto und fahre Richtung Erlangen. Die Workshop-Reisetasche ist nach Packliste bestückt und wie immer etwas zu voll, so dass Sakko und ein zweites Paar Schuhe separat transportiert werden müssen. Im Kofferraum liegen zwei frisch besaitete Gitarren, dieses Jahr fiel meine Wahl auf meine Gibson ES-150 und meine Höfner Senator, nicht meine besten Stücke, aber in unzähligen Bühnenschlachten erprobt und eben täglich tauglich (was ich jetzt nur geschrieben habe, weil die Aliteration so schön klingt). 

Der teuflische Masterplan ist es, zunächst den Theaterplatz in Erlangen anzufahren, in meinem geliebten “Hotelchen” einzuchecken, dann zum Veranstaltungsort zu fahren, das Auto dort in der Nähe dauerhaft zu parken und dann noch gute zwei Stunden im Innenhof der VHS herumzulungern um die lange vermissten Freunde und Workshopteilnehmer einzeln zu begrüßen.

Obwohl ich auch zwischen den Workshops regelmäßig nach Erlangen fahre, lassen sich die Mitarbeiter der Baubehörde immer wieder etwas einfallen, um mich mit stets neu entstandenen Baustellen und Straßensperrungen von meinem Ziel abzubringen. Google sei Dank bin ich inzwischen gut vorbereitet und kurz vor 13 Uhr auf einem etwas engen Parkplatz im Herzen der Hugenottenstadt. Ich wuchte meine Taschen und eine Gitarre in das wie immer blitzsaubere Hotelzimmer und begrüße Nora, Selina, Herrn Blau und Sir Richard (die beiden letztgenannten sind die Hotel-Hunde) und genieße einen Begrüßungs-Cappuccino und eine Filterzigarette im Hof. Ja, in dieser EINEN Woche im Jahr qualme ich mal wieder echt. Sonst kaum, ehrlich!

Mit Googles Hilfe geht es dann zügig Richtung VHS. Ich kann den Wagen ordentlich parken und begebe mich dann mit Gitarre und Amp bepackt zum Kursgebäude. Ah, mein Lieblingswirt steht hinter der Theke des “Cafe International” und bereitet mir nach netter Begrüßung und kräftigem Händeschütteln einen starken und leckeren Kaffee, zudem zu einem äußerst fairen Preis. Ich betrete bei strahlendem Sonnenschein den wunderschönen Innenhof der VHS, zünde mir gleich nochmal eine an und – der Urlaub 2020 hat begonnen!

Die offizielle Registrierung beginnt ab 15 Uhr, doch Elke (die Partnerin des Kursleiters Rainer Glas) sitzt schon am Tisch und die Anmeldung ist in Sekundenschnelle erledigt.

Ich nutze die Zeit bis zur Workshop-Eröffnung für einen Plausch mit den sukkzessive eintrudelnden Kursteilnehmern, die ich kenne oder eben jetzt kennen lerne. Ah, meine Lieblings-Kontrabassisten Ralph und Frank sind dieses Jahr wieder dabei, super! Jörg aus Berlin, ein Spitzen-E-Bassist, mit dem ich in den letzten Jahren viel gespielt und noch viel mehr getrunken habe. Der hat abgenommen, ich zu – Mist! Da ist Klaus, der hervorragende Gitarrist aus Niedersachsen, den ich schon auf meinem ersten Workshop hier kennenlernte. Offensichtlich gesund und munter! Martin trifft ein, ein sehr starker Gitarrist aus der Nähe von Erlangen, mit dem ich auch außerhalb des Workshops Kontakt pflege und bisweilen einen Gig spiele. Und Johannes, mein Lieblingstrompeter, mit dem ich auch 2019 einige Jobs gespielt habe. Hach, es ist eine wahre Freude!

Die Dozenten trudeln ein. Ein kleiner Plausch mit Tony Lakatos und Rick Margitza, ein paar derbe fränkische Floskeln mit Bernhard Pichl, ein Kaffee und eine Zigarette mit Helmut Kagerer, der nach langwierigen Schwierigkeiten mit den Sehnen endlich wieder an Bord ist, ein paar warme Worte mit dem wie immer flink umher eilenden Harald Rüschenbaum und eine lange Umarmung der wie stets etwas knapp eingetroffenen Romy Camerun. Nach etwa 50 Begrüßungen, Gesprächen und ebenso vielen Kaffees und Zigaretten (das war ein Scherz!) treibt Rainer Glas seine Herde in der Saal der VHS zur Vorstellung der Dozenten und offiziellen Eröffnung des Workshops.

Und weil ich nun tatsächlich etwas vom Schmerz übermannt werde, dass diese Dinge im Jahr 2020 nicht passieren werden, breche ich an dieser Stelle mit dem (fiktionalen) Bericht ab und sehe der Tatsache ins Auge, ein Jahr ohne den Erlanger Jazzworkshop auskommen zu müssen. 

Ein erfahrener Kursteilnehmer wie ich stellt sich über das Jahr eine kleine Wunschliste mit Dingen zusammen, die er über die Osterwoche in Erlangen erledigen möchte: 

  • Eine Stunde als Gast in Tonys Instrumentalunterricht. Ich spiele zwar nicht Saxophon, aber die Herangehensweise eines Weltklasse-Spielers an harmonische Herausforderungen ist auch für einen Gitarristen hochinteressant.
  • Den doofen Verminderten in “The Nearness of You” mit Bernhard Pichl auschecken. Bernhard blieb noch niemals eine Antwort auf solcherlei Fragen schuldig.
  • Einer Bigband-Probe mit Harald Rüschenbaum beiwohnen. Es ist unfassbar, was dieser Mann innerhalb einer knappen Woche aus einem bunt zusammengewürfelten Haufen herausholt. Dem Magier bei der Arbeit zusehen…
  • Mit Rainer Glas das Konzept des “Melodisch-Dur” diskutieren. Der Ansatz ist nicht uninteressant, wenn man etwas darüber nachdenkt und ich hatte ja einige Monate Zeit dazu.
  • Eine Stunde bei den Sängerinnen unter der Leitung von Romy Camerun (nur als nicht-singender) Gast. Romy ist eine Meisterin sowohl an der Stimme wie auch am Klavier und zudem eine begnadete Lehrerin.
  • Ein paar coole Stunden bei und mit Helmut Kagerer und vielleicht das ein oder andere Bierchen.
  • Viele Sessions mit meinen lieben Workshop-Kollegen im E-Werk und auch im “Cafe International” 
  • Und 1 x Ente im “Mekong”

Eigentlich steht noch mehr auf der Liste, aber das wird dann eventuell doch etwas langatmig. Ich denke, der Punkt ist klar. Der Workshop wird mir bitter fehlen und ich bin auch einige Tage nach der Absage noch am Boden zerstört. Schon das Aufschreiben des obigen Textes mit der Beschreibung des Workshops-Auftaktes erzeugt eine Vorfreude, die ja in nächster Zeit nicht in tatsächliche (Freude) eingewechselt werden kann. Ein Jammer.

Dass es außer uns Erlangen-Junkies in Deutschland derzeit einige Millionen Menschen gibt, die ihre Urlaubs- und sonstigen Pläne begraben müssen und dass insbesondere Musiker und Freiberufler viel mehr wegen wegbrechender Einnahmen als einem ausgefallenen Jazz-Workshop betrübt sein müssten, tröstet nicht wirklich.

So bleiben wir gemäß aktueller Verordnungen brav zu Hause und harren besserer Zeiten und eines wirkungsvollen Impfstoffes gegen Covid-19.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

2 Kommentare zu „Inside Jazz – Jazzworkshop Erlangen 2020

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