Die St. Pauli Gitarre

Liebe Leser,

neulich habe ich mal wieder Gitarre in der Kneipe gespielt. Ein echter “Kneipenjob”, zu einem überschaubaren aber immerhin fixen Salär (und das auch noch in regelmäßigem Turnus). Nix zu meckern also.

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Da sowohl Publikum (zahlreich) wie auch Belegschaft (nicht ganz so zahlreich) zufrieden waren, soll also hierüber nicht berichtet werden. Interessant ist aber das Instrument des Abends, eine 1940er No-Name-Gitarre. Ich hatte sie mehr aus Spaß und Verlegenheit zum Gig eingepackt, da alle anderen Instrumente von der Qualität ihrer Besaitung nicht in dem Zustand sind, in dem ich sie gerne einem Publikum präsentiere. Wir hatten es ja erst neulich von den Drähten, die die Welt bedeuten

Nun wurde aber an diesem Abend explizit der Sound und speziell der Bass meines Spiels gelobt und dass dieser eben noch besser und prägnanter klinge, als es bei meinen anderen Gitarren der Fall wäre. Das ist angesichts des pekuniären Wertes der Gitarre erstaunlich, war mir aber auch schon während des Spielens selbst aufgefallen. Auch, dass es die (originalen) Mechaniken nicht mehr lange machen und dass es mit der Stimmfestigkeit des Instruments nach fast 80 Jahren auch nicht mehr weit her ist. Aber immerhin, geiler Sound…

stpauli

Die “St. Pauli-Gitarre” – ich weiß nicht, von welchem Hersteller sie wirklich ist, daher diese seltsame Bezeichnung – habe ich geerbt. Das Traurige an einer Erbschaft ist, dass ein Mensch sterben muss, damit der Erbfall eintritt. Im Fall der vorliegenden Gitarre war dies ein alter Schulfreund von mir, der sich fast ein Jahrzehnt mit einer besonders aggressiven Form der Multiplen Sklerose quälen musste, bis er sich selbst, zu diesem Zeitpunkt fast völlig gelähmt, im Jahr 2001 von seinen Leiden erlöste. Die Gitarre hing als Dekoelement in seinem Zimmer über dem Krankenlager. Sein Vater KD, ein waschechter Hamburger, übergab mir die “St. Pauli” als Erinnerungsstück. KD wie auch mein Schulfreund hatten die Gitarre selbst nie gespielt. Der Opa (KDs Vater) hatte sie in den späten 1990ern dem Enkel eben als Dekoration geschickt. Da sie im ehemaligen Wohnhaus der Familie in Hamburg St. Pauli erwiesenermaßen bereits in den 1940ern bei Silvesterfeiern und in Kneipen zum Einsatz kam, ist die Gitarre offenbar nicht von Framus (die Framus-Werke wurden erst 1954 eröffnet), auch wenn der vorhandene Floating-Pickup von diesem Hersteller gefertigt wurde. Anscheinend hat man ihn nachträglich montiert.

Als ich die St. Pauli als Andenken an meinen Freund erhielt, war sie in desolatem Zustand. Durch die Lagerung in dem beheizten und stets trockenen Krankenzimmer war sowohl die Decke wie auch der Boden der Gitarre mehrfach gerissen, zudem der Hals verzogen. Nach dem Ausspanen eines besonders großen Risses am Boden gab auch mein wirklich sehr engagierter und handwerklich geschickter Schulkollege MM auf, der üblicherweise keine alte Gitarre ihrem Schicksal überlässt. Doch der Schaden war zu groß. Es würde wohl für die St. Pauli auf ein Dasein als Dekorationsstück hinauslaufen.

Gitarren müssen aber meines Erachtens GESPIELT werden! Ich tappte also wie so oft in die Werkstatt meines Vertrauens und legte dem Meister mein Problem dar bzw. die Gitarre auf den Tisch. Und BD, der inzwischen seine wohlverdiente Rente genießt, legte sich quasi zum Ende seiner Karriere als Gitarrenbauer und -reparateur nochmal richtig ins Zeug! Mittels Befeuchtung durch Dampf (das geht anscheinend tatsächlich!) brachte er zunächst Decke und Boden wieder “in Form” (die Risse sind wieder geschlossen), erneuerte die Streben (das “Bracing”) der Decke, richtete das Griffbrett ab und bundierte es neu.

Als ich ein paar Wochen später wieder in die Werkstatt kam, klopfte mir der Meister auf die Schulter. “Sie ist wieder bespielbar. Und sie klingt nicht einmal schlecht!” Das war in bester britischer Manier (BD stammt aus Großbritannien) gehörig untertrieben. Die St. Pauli hatte offensichtlich wieder eine zusammenhängende Decke, ursprünglich übrigens massiv gefertigt, und ein gut abgerichtetes und neu bundiertes Griffbrett. Der akustische Klang mit nun neuer Besaitung (11er D’Addario Chromes, dicker sollte man den alten Gitarren ohne Spannstab nicht zumuten) war (und ist noch) ausgezeichnet und durchaus eigen. Ausgewogen über alle Saiten, brillant und transparent, dabei nicht zu leise.

Auch der Pickup über den flugs herbeigeschafften Röhrenverstärker klang ausgezeichnet.

Die St. Pauli ist als Instrument von eher überschaubarem materiellen aber hohem ideellen Wert ein idealer Bühnenbegleiter (bis auf das Thema der fehlenden Regelung des Pickups) und wird von mir häufig und gerne eingesetzt.

Noch eine Kleinigkeit für die Spezialisten unter den Lesern:

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Auf dem oberen Foto aus dem Jahr 2012 befindet sich ein ‘Dot’ (ein zur Orientierung auf dem Griffbrett in selbiges eingelassener Punkt aus Kunststoff) am 10. Bund, auf dem zweiten Foto von 2018 dagegen am 9. Nun sind die Einlagen auf dem Griffbrett üblicherweise an den Bünden 3, 5, 7, 9 und 12, bisweilen auch am 15, seltener am 1. In Kleinausführung befinden sich zumeist ebenso an jeweils gleicher Position Punkte an der oberen Seite des Griffbretts, so dass die Griffposition auch bei fehlender Draufsicht auf diese Weise gefunden werden kann. Nur bei Maccaferri-Gitarren mit kleinem O-Schalloch (den berühmten Django-Modellen) befindet sich ein Dot auf dem 10. statt auf dem 9. Bund. Das mag aus der Historie stammen, als viele Banjo-Spieler auf die Gitarre wechseln wollten, denn beim Banjo befindet sich stets eine Einlage am 10. Bund. Nebenbei sind ohnehin nur die Dots am 5., 7. und 12. Bund logisch, da hier jeweils ein mathematischer exakter Teil der kompletten Saitenlänge markiert ist.

Auch die St. Pauli hatte ursprünglich eine Banjo-Einteilung des Griffbretts mit eben einem Punkt am 10. Bund. Nun sagen ja die meisten Gitarristen (mich eingeschlossen), sie würden ohnehin nicht auf die Dots achten, da sie ihr Griffbrett auswendig kennen und zumeist ohne Ansicht desselben spielen würden. Das ist wahrscheinlich Wunschdenken (man schaut zwar nicht bewusst, aber offensichtlich unbewusst), denn sowohl mich wie auch einen befreundeten Profi-Gitarristen hat es beim Spiel auf der St. Pauli immer wieder kurzzeitig “aus der Bahn geworfen”, so eine Korrektur des gegriffenen Tones oder Akkords notwendig wurde. Da derlei nervt, insbesondere wenn man gerne und oft unterschiedliche Gitarren spielt, habe ich beide Dots am 10. Bund entfernen und stattdessen am gebräuchlicheren 9. setzen lassen. Und siehe da, Fehlerquote drastisch reduziert!

Und so wird die St. Pauli mich auch bei den nächsten Solo-Jobs hoffentlich wieder zuverlässig und wohlklingend unterstützen. Also gut, ich spendiere eine Runde neue Mechaniken.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

4 Kommentare zu „Die St. Pauli Gitarre

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