Alte Gitarren – neue Gitarren

Liebe Leser,

was kann es für einen Gitarristen Schöneres geben, als eine Vintage-Höfner-Archtop? Oder eine alte Gibson, Epiphone, Framus, Neubauer, Hoyer, Hopf und wie sie alle heißen? Um es vorweg zu nehmen: Eine neue Gitarre!

Dass diese Aussage für viele Gitarrenbesitzer und Musiker – insbesondere diejenigen mit den umfangreichen Sammlungen – einen Affront darstellen mag, ist mir bewusst. Aber ich treffe diese Feststellung nicht, um Euch zu ärgern oder Eure Instrumente madig zu machen, sondern weil es zu oft einfach wahr ist. Dieser Beitrag mag nun für Interessierte als Fortsetzung des Artikels “Gute, schlechte und letzte Gitarren” herhalten, welcher ja mit einem Cliffhanger endete. Ganz am Anfang meiner ach so beeindruckenden Karriere, vor über 40 Jahren, war ich gerade stolzer Besitzer einer akustischen Westerngitarre und hatte gottseidank in der Vorstadt einen etwas älteren Freund, der mich neben der Herstellung von filterlosen Selbstgedrehten auch ein paar Griffe und Techniken auf der Gitarre lehrte. Dank an dieser Stelle an Franz! Also für die Griffe. Und er hatte eine richtige Gitarre, eine selbst im Jahr 1975 schon etwas betagte Neubauer, eine Archtop des gleichnamigen ortsansässigen Bubenreuther Gitarrenbauers. Möglicherweise hat ebendieses Instrument meine bis zum heutigen Tag andauernde Affinität zu den Jazz- oder Schlaggitarren ausgelöst.

Diese Gitarre überließ Franz mir bisweilen zum Spielen, zumindest bei sich zu Hause. Obwohl ein solches Instrument für mich der Heilige Gral ob seiner Bespielbarkeit und Lautstärke bzw. klanglichen Durchsetzungsfähigkeit war, wurde die Neubauer nicht geschont. Sie war bei jeder Gelegenheit dabei, selbst als Begleiterin bei den unzähligen Zeltlagern unserer Katholischen Jungen Gemeinde (KJG – gibt es die eigentlich noch?).

Auf einem solchen Zeltlager ist auch folgende historische Aufnahme – etwa im Jahre 1975 – entstanden, die den Autor dieser Zeilen mit der besagten Neubauer zeigt:

My beautiful picture

Und nun – wie bereits erwähnt fast 40 Jahre später – durfte ich die Neubauer wieder in den Händen halten.

neubauer_2016_2

Was soll ich sagen – der Lack ist ab (ja, ich weiß, bei mir auch…), wie es so schön heißt. Und das nicht nur im übertragenen Sinne. Nun hat das Teil ja wie bereits erwähnt durchaus einen Streifen mitgemacht, so dass das Instrument sicherlich genug spirituelle Energie in sich aufgesaugt hat, nur … wenn man an solcherlei nicht glauben mag, bleibt, was es ist: Ein sehr altes Instrument mit gewaltiger Anzahl an “Betriebsstunden”, das mindestens eine Generalüberholung nötig hat. Noch immer mag ich heimlich dem Gedanken anhängen, dass eine alte Gitarre auch in irgendeiner Weise die Musik seiner Zeit in sich trägt. Aber nüchtern betrachtet ist dies wohl esoterischer Quark. Immer wieder habe ich hoch betagte (ich mag dieses Wort) Gitarren erworben, um auf ihnen den Klang der 1930er und 1940er Jahre aufleben zu lassen, doch den Blues habe ich nur wegen technischer und orthopädischer Probleme bekommen, nicht durch die erhoffte Inspiration. So musste ich eine hochgelobte Gibson L50 und eine Kay-Archtop, beide etwa 1935 gebaut, anderen Kollegen zum fairen Preis überlassen, da ich mit den Gitarren einfach nicht klar kam.

Ich will es nicht bestreiten: Gerade Gibson hat zwischen 1930 und 1960 eine gewaltige Anzahl von hervorragenden Instrumenten gebaut, von denen einige noch heute phantastisch klingen und gut zu spielen sind, aber diese sind zum Einen rar, zum Anderen kaum bezahlbar. Und bei den Modellen der deutschen Gitarrenbauer bzw. Gitarrenhersteller, die in den 1950er und 1960er Jahren ihre große Zeit hatten, wechseln Licht und Schatten. Ich spielte (und spiele teilweise noch) Archtops von Framus, Höfner, Arnold Hoyer, Neubauer und Musima. Natürlich ist dies nur ein kleines Exzerpt der legendären Herstellerriege und nur ein Promille der Modelle auf dem Markt, aber immerhin. Höfner machte übrigens den besten Eindruck, Framus den schlechtesten. Aber was weiß ich schon…

Interessant war auch ein kleines Experiment, bei dem ich zusammen mit einem befreundeten Musikerkollegen einige Gibson-Archtops aus den 1940er und 1950er Jahren gegen gleiche oder zumindest ähnliche Modelle, die nach 1990 gebaut wurden, im direkten und unmittelbaren Vergleich spielen konnte. Wir versuchten, so objektiv wie nur irgend möglich zu sein (mit verbundenen Augen spielen etc.), dennoch – die “neuen” Gitarren schnitten am Ende in allen Kriterien (Klang, Bespielbarkeit, Stimmfestigkeit und mehr) immer besser ab, als ihre betagten Kollegen.

Es scheint also so, dass sich die Suche nach der “allerletzten Gitarre” unter den Relikten der Goldenen Ära der Archtops eher schwierig und kostenintensiv gestaltet. Man könnte sich aber – und hier schon zum zweiten Mal der Cliffhanger – seine Allerletzte bauen lassen…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Ein Kommentar zu „Alte Gitarren – neue Gitarren

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