Auf eine Zigarette mit Eddie Lang

Letzte Nacht bin ich gestorben. Natürlich nur im Traum, aber immerhin. Das war sehr furchterregend, aber in diesem Moment auch nicht zu ändern, so dass es galt, das Beste daraus zu machen. Und weil ich anscheinend die meiste Zeit auf unserem Planeten ein anständiger Kerl war, ging es auch direkt in den Himmel. Das Fegefeuer ist wohl die Erfindung irgendeines Konzils, denn ich habe keins bemerkt. Allerdings war alles – wie so oft im Leben und anscheinend auch danach – wieder mal nicht so einfach. Vor dem Zugang zum Musikerhimmel, welcher leicht zu finden war, da in der durchaus frequentierten Erstaufnahmeeinrichtung schon deutlich ausgeschildert, stand nämlich so eine Art Türsteherengel. Ohne Flügel, dafür gut gekleidet aber offensichtlich nicht halb so gut gelaunt. Er musterte mich kurz und schickte mich mit einer knappen Handbewegung einige Meter weiter zu einem Tor, das mit “Audition” beschriftet war. Ich trat ein und fand mich inmitten einer größeren Menschenmenge, also genauer gesagt “Verstorbenenmenge”, von der jeder Einzelne allen Anschein nach seine musikalischen Fähigkeiten vor einer Art Kommission unter Beweis zu stellen hatte, um danach ggf. Aufnahme im Musikerhimmel zu finden. Da man ja nichts mitnehmen kann, hängt man körper- und instrumentenlos einfach so im Raum rum. Immerhin entfällt so das unerträgliche Backstage-Warmspielen und das dröge gemeinsame Einsingen. Da wir offensichtlich alle Konkurrenten um eine begrenzte Zahl – warum eigentlich? – an Plätzen im Himmel waren, beäugten wir uns gegenseitig misstrauisch und unterhielten uns auch nicht miteinander. Alles Loser, das war jetzt schon klar!

Nach einer Ewigkeit (könnte in diesem Fall tatsächlich zutreffen) kam ich an die Reihe. Mir gegenüber saßen fünf Wesen, die gar nicht himmlisch, sondern sehr irdisch aussahen. Zwei Frauen, zwei Männer und eine androgyne Person – ah, nahezu paritätisch besetzt! – in fader Businesskleidung musterten mich kurz und gaben mir dann mit Gesten zu verstehen, ich möge anfangen. Natürlich darf man seine Instrumente nicht in den Himmel mitnehmen, so dass ist statt auf meiner vertrauten ‘Sonntag’ auf irgendeiner Himmelsarchtop mein Ständchen darzubringen hatte. Ich entschied mich für “There will never be another you”, das ich meines Erachtens zu Lebzeiten recht beeindruckend wiedergeben konnte. Leider zog ich wie immer das Tempo etwas zu heftig an und geriet bei der Schlusswiederholung, die ich im eigenen Arrangement mit wirklich vielen Akkorden vollgestopft hatte, prompt ins Straucheln. Die einzelnen Kommissionsmitglieder verzogen keine Miene. Meine gestammelten Entschuldigungen wurden wiederum mit einer knappen Geste abgewürgt und man händigte mir ein DIN A4 Dokument aus, welches ich doch bitte vor der Tür lesen sollte. Ein Security-Typ erschien aus dem Nichts, führte mich zum Ausgang und ich fand mich auf einer Art Straße vor dem Musikerhimmel wieder, ein paar Schritte entfernt vom Eingang mit dem unfreundlichen Engel.

Ich faltete den Zettel auf und las: Lieber namenloser Wald- und Wiesenmucker! Leider war Deine Vorstellung für die Aufnahme in den Musikerhimmel ungenügend. Du kannst nach dem Verstreichen von drei Zyklen (= eine halbe Ewigkeit) erneut vorspielen. Mit freundlichen Grüßen, Musikerhimmelaufnahmekomitee. Dieses Schreiben wurde maschinell erstellt und ist ohne Unterschrift gültig.

Aus dem Musikerhimmel war inzwischen ein Mann getreten, der sich vor dem Eingang eine Zigarette anzündete. Außer dem muffigen Engel war kein Ex-Lebewesen zu sehen. Straßenverkehr gab es auch nicht. Hm, den Typ hatte ich doch schon mal gesehen. Da der Schmacht offensichtlich auch im Jenseits nicht verschwindet, pirschte ich mich an den Rauchenden heran und bat höflich um eine Zigarette. Man kann ja nichts mitnehmen und irgendeinen Kiosk habe ich seit meinem Tod nicht gesehen. Und womit bezahlt man dann eigentlich?  Der junge Mann mit der gegelten Scheitelfrisur lächelte, gab mir eine filterlose Zigarette und auch Feuer. “Na, frisch angekommen?” “Ja” sagte ich und fügte hinzu: “Gige Brunner mein Name. Und Sie sind…?” “Wir duzen uns hier oben, wenn Du damit kein Problem hast. Salvatore. Salvatore Massaro.” “Ich hab’s gewusst – Sie sind… äh, du bist Eddie Lang!” Er lächelte und nickte leicht. “Oh, ich bin ein Riesen-Fan! Und ich hab gerade etwas Zeit…” Er sah auf den Zettel in meiner Hand und wusste Bescheid. “Darf ich dir ein paar Fragen stellen?” “Ok, wenn es nicht zu lange dauert.” Eddie blickte auf seine schon halb aufgerauchte Zigarette. “Ich hab gleich noch einen Gig.” “Ich beeile mich!” versicherte ich. “Erste Frage: Warum gehst du zum Rauchen vor den Himmel? Herrscht dort Rauchverbot? Aus Angst vor tödlichem Lungenkrebs?” Er lachte, hatte den Gag aber von anderen Neuankömmlingen wahrscheinlich schon öfter gehört. “Irgendeinen der Kollegen nervt es immer. Bing, Ella oder auch einige andere hatten es ja nie so mit der Raucherei. Und Sarah wirst du hier draußen öfter finden. Die lässt sich aber nicht so gerne ansprechen.” Mir wurde schwummrig. Bing Crosby, Ella Fitzgerald und Sarah Vaughan – geht’s auch ein bissl kleiner? Weiter:

“Was mich während meiner ganzen Zeit als Gitarrist bewegt hat ist, wie du damals in dem Lärm der Orchester lautstärkemäßig durchgekommen bist. Ich hatte auch so eine L5, allerdings einen Nachbau aus den 1990ern. Wirklich ein schönes Instrument, aber nicht wirklich laut.”

Er lachte. “Ja, die Legende von den ‘lauten’ Gitarren! Gibson L5 hin oder her. Ich sag dir was: Ich war immer zu leise! Frankie [Trumbauer] oder Bix [Beiderbecke] haben mich im wahrsten Sinn des Wortes aus der Band geblasen. Wenn du Glück hast, kannst du manchmal ein bisschen Rhythmusgitarre im Hintergrund hören. Musst aber fette Plektren und dicke Saiten haben.”

“Es sind aber durchaus vernehmliche Soli von dir aufgezeichnet worden, auch mit Band!”

“Ja, weil ich direkt vorm Mikro stand. Frag mal Django, da kann er ein Lied von singen! Wenn er singen könnte, haha. Das mit der elektrischen Verstärkung ist ein echter Segen!” Seine Zigarette, an der er gierig zog, war schon fast gänzlich aufgeraucht und eine zweite würde er wohl nicht qualmen. Ich beeilte mich:

“Wie war das mit Lonnie Johnson? Kann man sagen, dass er von dir das konzertante Spiel und du von ihm den Blues gelernt hast?”

“Gelernt, gelernt.” Er verdrehte die Augen. Das hatte er wohl auch schon des öfteren gehört. “Lonnie ist ein echt netter Kerl und ein großartiger Musiker mit flinken Fingern. Wir spielen ja immer noch miteinander, übrigens jetzt gleich mal wieder. Wer sich in den 1920ern als Berufsmusiker durchschlagen musste, kam ohne Blues ohnehin nicht weiter. Ich habe mir also von Lonnie ein paar Blueslicks abgeschaut und dafür hat er sich von mir das Arrangieren für Duette zeigen lassen. Da haben es die Blueser ja nicht so mit…”

“Für euer Duo war dein plötzlicher Tod ja ein echter Karrierekiller…” Den fand er offenbar nicht besonders witzig.

“Hör mal, war nett mit dir zu plaudern, aber ich muss jetzt wieder rein. Wie gesagt, Gig mit Lonnie. Und der scharrt bestimmt schon mit den Hufen. Heute haben wir außerdem Bill am Klavier und Jaco am Kontrabass. Coole Besetzung und kein Gebläse!” Er schnippte die aufgerauchte Zigarette weg.

“Bill… Evans und Jaco Pastorius?” Mann, was eine Band! “Darf ich mit dir rein? Das würde ich zu gern hören!” Dass ich eigentlich auch gerne mal eine Runde mit diesen Giganten jammen wollte, wagte ich gar nicht zu äußern. Hier im Himmel sollte so was doch möglich sein. Hatte ich mir zumindest gedacht.

Er nahm mir mein Audition-Zertifikat aus der Hand und überflog es kurz. “Hm.” Pause. “Naja. Drei Zyklen bis zum nächsten Vorspielen. Da hast du aber auf der Erde einiges angestellt.” Meine Gesichtszüge müssen derart entgleist sein, dass er sich beeilte, mich etwas zu beruhigen: “20.000.000.000 Erdenjahre, also etwa dreimal die Zeit zwischen Urknall n und Urknall n+1 klingt zunächst wie eine Ewigkeit, aber du wirst sehen, das geht auch vorbei. Und im zweiten Zyklus bekommt man dann auch ein vernünftiges Instrument zum Üben. Mach’s gut, wir sehen uns. Allerdings nicht so bald.” Er wandte sich zum Gehen.

“Den Himmel habe ich mir aber anders vorgestellt!” rief ich ihm hinterher. Er hielt am Eingang kurz inne, sah mich nochmal an und meinte: “Was denkst du eigentlich, wo du gelandet bist?”

Allein blieb ich auf der Straße. Mit der Aussicht, einige Milliarden Jahre auf zweitklassigen Instrumenten üben zu müssen, um irgendwann in den Musikerhimmel zu gelangen, trottete ich los, irgendwohin. Das hat man nun vom Katholizismus. Fegefeuer ist scheiße!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Ein Kommentar zu „Auf eine Zigarette mit Eddie Lang

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