Auf dem Nachttisch – Der goldene Handschuh

Liebe Leser,

ah, ich bin durch damit. Gestern habe ich die letzte Seite des aktuellen Werkes von Heinz Strunk “Der goldene Handschuh” gelesen.Und nun? Nun suche ICH nach Worten um Euch von diesem Buch zu berichten.

Wie schon mehrfach gesagt bin ich ein großer Fan des Mathias Halfpape aka Heinz Strunk. Das Buch „Fleisch ist mein Gemüse“ ist ein echter Knaller. Und weil mir dieses Werk sowohl als gedrucktes wie auch als Hörbuch so gut gefallen hatte, besorgte ich mir umgehend die Bücher „Fleckenteufel“ und „Junge rettet Freund aus Teich“. Beide zusätzlich wiederum auch als Hörbuch, denn diese vom Autor selbst gelesenen Tonstücke sind wahrlich einzigartig! Sofern man sich auf Strunks Sprachfehler (er nuschelt etwas), seinen norddeutschen Dialekt und seine durchaus gewöhnungsbedürftige Tonregie einlassen möchte. Ich möchte.

Die drei genannten Werke verbindet vor allem ihr autobiografischen Anteil, was der Autor übrigens auch unumwunden zugibt. Für Männer, welche zu Beginn der 1960er Jahre geboren wurden, sind die Schilderungen von Heinz Strunk aus den 1970ern und 1980ern eine echte Offenbarung. Kaum zu ertragen, so wahr ist es. Und im Gegensatz zu vielen anderen hält er immer drauf, schildert jeden noch so verbotenen oder perversen Gedanken seines Protagonisten, der in alle drei genannten Büchern stets ein Ich-Erzähler ist.

Eine Freundin stellte treffend fest, dass es sich beim gesamten Werk von Heinz Strunk prinzipiell um Jungs-Bücher handle. Dem kann ich zustimmen. Nur ein Mann, der wie der Autor nicht von Geburt an zu den PrivIlegierten seiner Geschlechtsgenossen zählte, kann die oft so treffend geschilderten Erlebnisse der Pubertät, Jugend und frühen Erwachsenenzeit nachempfinden und mit wohligem Schaudern genießen, dass diese Zeiten nun endlich (hoffentlich) vorbei sind. Weibliche Leser können sich zumeist nicht einmal annähernd vorstellen, was in den Köpfen von uns Männern vorgeht (wenn da mal was vorgeht) und bleiben folglich zumeist vom Verständnis der Handlung ausgeschlossen. Von daher – Jungs-Bücher eben.

Und nun hat Heinz Strunk diese Gedankenwelt eines sympathischen Losers, mit dem sich wohl viele treue Leser insgesamt oder zumindest in der ein oder anderen Szene immer wieder identifizieren konnten, in den Kopf eines höchst unsympathischen Losers verpflanzt, nämlich den des realen Mehrfachmörders Fritz Honka, mit dem sich sicherlich keiner der Leser identifizieren möchte. Obszöne Sprache, perverse sexuelle Begierden und umfassender zerstörerischer Alkoholmissbrauch machen bei einem primitiven Monstrum weit weniger Spaß als bei einem von Akne geplagten Jugendlichen. Viel weniger, oder offen gesagt: Gar keinen.

Das Feuilleton war umgehend vom rüden Ton der Erzählung begeistert und der “Goldene Handschuh” wurde mit Literaturpreisen überhäuft. “Eine neue Ästhetik – mir sagt das was!” (Asterix, Der Kupferkessel) Klar, die hatten ja vorher noch keinen Strunk gelesen. Ich aber habe nun zum wiederholten Male die immergleichen Gedankenfetzen und Satzfragmente konsumiert, die ich aus den vorherigen Büchern schon kannte und war von daher weit weniger beeindruckt als die offiziellen Rezensenten der Presse. Ich halte den “Goldenen Handschuh” (interessante Frage am Rande für die Germanisten unter meiner Blog-Leserschaft: Darf man einen zitierten Buchtitel grammatikalisch dem umgebenden Satz anpassen? Ich glaube: Doch, man darf) für ein ordentliches Buch von Heinz Strunk, gut recherchiert und geschrieben. Aber es ist nicht “sein literarischer Durchbruch”, es ist ein weiteres Buch seiner persönlichen Vergangenheitsbewältigung, nur dass er es (also die ganze private Malesse) diesmal einem bzw. mehreren anderen untergeschoben hat.

Vielleicht hat mich am vorliegenden Buch am meisten gestört, dass bis dato der in allen Büchern vorgetragene Hass des Zu-Kurz-Gekommenen auf die Welt, die Dinge, Mitmenschen und überhaupt alles immer mit einem feinen Unterton von Selbstironie und Galgenhumor versetzt war, was auch die peinlichsten und schlimmsten Schilderungen noch in irgendeiner Form erträglich machte, dies aber im “Goldenen Handschuh” gänzlich fehlt. Geblieben ist nur der Hass, und zwar allen drei Protagonisten.

Mein Fazit: Für den Strunk-Einsteiger durchaus geeignet, für den Strunk-Kenner eher nicht.

Doch gehet hin (zum lokalen Buchhandel), kaufet und leset selbst und tuet kund, ob Ihr meine Einschätzung teilet. Ok, jetzt mag es mal gut sein mit den ganzen “et”. Immerhin hat der Erfolg des Buches dem Autor endgültig die finanzielle Existenzangst genommen, wie er kürzlich in einem Interview mitteilte. Und das ist doch eine unterstützenswerte Sache, oder?

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Ein Kommentar zu „Auf dem Nachttisch – Der goldene Handschuh

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s