Gedanken zum Jahresende 2021

Liebe Leser,

ah, Dezember! Es ist die Zeit, bei einer schönen Tasse Tee am fröhlich prasselnden Kamin gemütlich seine Gedanken zum fast verflossenen Jahr 2021 in besinnliche und aufmunternde Worte zu gießen. 

Könnt Ihr vergessen! Ich hasse Tee und unser schöner Kamin wurde aufgrund von irgendwelchen Bestimmungen vor zwei Jahren vom Bezirksschornsteinfeger auf ewig stillgelegt. Es gibt auch keine aufmunternden Worte – wir werden alle jämmerlich vor die Hunde gehen! So sieht’s aus!

Es folgt ein wirklich längerer Text, welcher auch nicht in Kurzform vorgelesen auf meinem (nebenbei hervorragenden) YouTube-Kanal zu finden ist – Ihr werdet ihn wohl oder übel lesen müssen, wenn Ihr nicht ohne entscheidenden Erkenntnisgewinn sterben wollt. „Das wäre doch was! Warum machst du nicht so tolle Podcasts, die man nebenbei anhören kann?“ Ach – halt die Klappe! Nun denn:

Noch immer hat Corona die Welt im Griff und was bis dato in Deutschland an Kultur noch nicht geplättet wurde, ist am Dahinsiechen. Seit nunmehr fast zwei Jahren fährt der komplette Kulturbetrieb im Not-Modus. Im letzten Beitrag anlässlich des dahinscheidenden Jahres 2020 hatte ich noch Flausen im Kopf, dass verschobene Livetermine nun endlich 2021 nachgeholt werden könnten, es gäbe ja inzwischen wirksame Impfungen und ausgefeilte Regelungen. Aber Pustekuchen, nichts wurde nachgeholt. Im Gegenteil, die meisten Kultureinrichtungen hangeln sich in Notbesetzung von Lockdown zu Lockdown oder haben inzwischen hingeschmissen. Und die Leute, das Publikum? Von dem prophezeiten Hunger nach Kultur ist bei vielen nichts geblieben, sie haben es sich zwischen einem halben Dutzend Streaming-Anbietern bequem gemacht und verlassen ihr Heim nur noch selten. Seit Ausbruch der Pandemie habe ich KEINE EINZIGE Tanzveranstaltung mit dem TOP-Trio mehr gespielt. Alle Bälle wurden 2020 auf 2021 und von dort in eine unbestimmte Zukunft verschoben. Ein einziger Ball hätte im November 2021 stattfinden sollen. Dieser wurde dann abgesagt, weil sich zu wenige Leute angemeldet hatten. Die Tänzer haben sich die Bälle abgewöhnt!

Die einzige Kneipe, die bis zum Februar 2020 noch wöchentlich einen Musiker für Livemusik bezahlt haben, hat seit nunmehr 22 Monaten keine Livemusik mehr veranstaltet, wenn sie denn überhaupt zwischendurch geöffnet hatte.

Stadt-, Brauerei- und sonstige Feste, Musik-Workshops, Weihnachtsmärkte im Jahr 2021? Fehlanzeige. Das Internet ist inzwischen (wie vermutet) voll von den Ergüssen der verhinderten Livemusiker. Ich nehme mich da nicht aus. Tuck & Patti sammeln immer noch mit dem Kaffeebecher (den habe ich erfunden, weil es dramatischer klingt) Spenden bei wöchentlichen Livestreams. Es ist ein Jammer! Und noch immer erhalte ich gutgemeinte und immerhin kostenfreie Ratschläge von guten Freunden, was dem bekannten Künstler A oder der berühmten Sängerin B wieder Tolles eingefallen ist, um ein paar Kröten in die Kasse zu kriegen. Eine Idee ist bei der zweiten Umsetzung schon nicht mehr neu und die Anzahl an guten Ideen, wie man statt vor Publikum in den sozialen Medien Geld verdienen kann, endlich. [„Begrenzt“ wäre ein verständlicheres Wort und zudem eindeutiger gewesen, aber auch nicht so schön!] So auch zum zweiten Corona-Advent der Aufruf: Verschont mich mit guten Ideen! Außer, sie sind wirklich gut.

Und dann gibt es noch den immer wieder geäußerten Hinweis auf die großzügigen und unbürokratischen Corona-Hilfen für Kulturschaffende. Das ist natürlich richtig. Nebenbei ist das korrekte und gesetzeskonforme Ausfüllen von Anträgen zur Corona-Hilfe inzwischen ein Bachelor-Studiengang an der Uni Potsdam, Regelstudienzeit 6 Semester…

Die Krux an der Sache ist: Kümmert man sich rechtzeitig um einen finanziellen Ausgleich für die Einnahmeausfälle, z. B. indem man nicht-künstlerische Tätigkeiten ausführt, so wie ich dies notgedrungen seit Frühling 2020 tue, fällt man zumeist automatisch aus der Gruppe der Förderungswürdigen. Nebenbei auch aus der KSK, wie wiederum ich seit 2020. Da für die meisten Künstler-Hilfsprogramme allerdings eine Mitgliedschaft in der KSK Voraussetzung ist, schließt sich hier der (Teufels-)Kreis.

Dennoch kann der treue Fan natürlich etwas tun. Er kann die Dinge, die ich seit nunmehr 22 Monaten produziert habe, käuflich erwerben. So er oder sie selbige schon besitzt, dann gerne als beliebte Geschenke zum Weihnachtsfest per Wiederholungskauf. Derzeit im Angebot die 2020er (ein guter Jahrgang!) Scheiben „dreipunktnull“ oder „Bossa Nova“ oder das 2021er (Südhang, Spätlese) Meisterwerk von Bawelino & Brunner „Guitar Moments“.

Nicht im Angebot (da Buchpreisbindung) aber nichtsdestotrotz ein tolles Geschenk ist die „Harmonielehre für Gitarre“ von Helmut Kagerer und mir. Warum soll ein sechsjähriges Nachwuchstalent sich nicht schon in frühen Jahren ein Verständnis für Stufentheorie und Funktionsharmonik aneignen?

Stets kostenfrei sind mein Blog (also der hier) und mein YouTube-Kanal

https://www.youtube.com/user/gige2009

Musikalische Fachartikel von mir, Song-Arrangements oder auch nette Podcasts (davon einer mit mir!) findet Ihr beim engagierten Stefan Kornherr unter

https://gitarre.blog/

Stefan freut sich übrigens immer über kleine Beiträge, welche ihn beim Betrieb des sehr schönen und hochkarätig besetzten Blogs helfen. Da steht ein (virtueller) Gitarrenkoffer, der ganz charmant zum Spenden einlädt. 

Und wer schon alles von mir gekauft, verschenkt, erneut gekauft und verschenkt usw. hat, der kann eingetragener Fan bei Patreon werden:

https://www.patreon.com/gige_jazz

An dieser Stelle ein herzlicher Dank an meine treuen Unterstützer bei (und teilweise auch neben) Patreon und an diejenigen Veranstalter, die trotz wirklich widriger Umstände und heftigen Beschränkungen im Jahr 2021 ein paar schöne Gigs ermöglicht haben: Dank an die Cafebar StilleWasser, den Bunitreff, den Kreuzwirtskeller, Gerhard Förtsch und den Noris-Folkclub!

Liebe Leser, vielen Dank für Eure Besuche auf dieser Website, für Eure Kommentare und Eure Likes. Ein paar Abonnenten mehr wäre nett, aber das ist nicht so wichtig (By the way: Einem Blog bei WordPress zu folgen kostet nix, auch die Mitgliedschaft in WordPress ist mit keinerlei Kosten verbunden). Jetzt rutscht gut raus aus diesem vermaledeiten Jahr und kommt wohlbehalten in 2022 an! Ich wünsche Euch allen schöne Weihnachten sowie ein frohes und gesundes neues Jahr, in dem wir uns hoffentlich nicht nur auf dem Bildschirm, sondern auch in der realen Welt wieder sehen und hören können.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

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Das tapfere Schneiderlein II

Liebe Leser,

in meinem Beitrag vom 03.08.2021 (hier >>>) habe ich Helge Schneider für seinen Konzertabbruch beim Strandkorb-Open-Air in Augsburg kritisiert. Und ich will es offen sagen: Ich rudere zurück!

Inzwischen hat er in vielen Medien dazu Stellung genommen, sich gegen die Vereinnahmung durch Kwer- und sonstige Nicht-Denker verwahrt und schriftlich sowie auch live im Gespräch seine Beweggründe für den besagten Abbruch erklärt. So auch in der Sendung „Die Woche“ bei Sandra Maischberger, nachzusehen hier >>>. Und dort hat Helge Schneider völlig sachlich, ohne seine übliche Ironie und den bisweilen nervigen Klamauk, den Verlauf des Konzerts und eben den Abbruch geschildert. Anstrengend war in dieser Sendung übrigens nicht Helge Schneider, sondern die etwas auf Krawall gebürstete Moderatorin, die Helge Schneider nicht zu selten das Wort bzw. den Satz abschnitt um ein vermeintlich provokante Frage oder eine (ebenso vermeintlich) witzige Pointe zu setzen. Helge Schneider ging wirklich professionell und höflich mit Frau Maischberger um, die mich früher übrigens nicht so genervt hat. Vielleicht liegt das an meinem fortgeschrittenen Alter? Nun zu seiner Sicht der Dinge beim Konzert in Augsburg:

Sehr gestört hatte ihn die etwa sechs Meter hohe Bühne, welche in weitem Abstand (mit Straße und Zäunen zur Abtrennung) vor den mit 2 m Abstand platzierten Strandkörben stand. Den Vorwurf (auch aus meiner Feder), er hätte das Konzept des Veranstalters ja bereits gekannt, konterte HS übrigens durchaus plausibel mit: „Ja mein Agent schon. Aber ich les das doch nicht immer alles.“ Wer macht das schon?

Zwischen den Absperrungen wuselten unablässig Kellner mit Plastiktüten hin und her, welche HS allerdings nicht als solche erkannte und die sich auch nach mehrmaliger Ansprache von der Bühne herab nicht als solche zu erkennen gaben. Helge Schneider hielt sie allesamt für verspätete Konzertbesucher, was ihn dann zunehmends mehr erzürnte. Über all das Geschilderte kann man mein Argument des letzten Beitrags anbringen, dass ein Profi derlei schon mal für die Dauer eines (eventuell etwas kürzeren als üblich) Konzerts ertragen kann. Dann allerdings fügte er noch die Schilderung vom Verhalten zweier Security-Leute hinzu, welche mich dann doch dazu gebracht hat, meine Einschätzung zum Konzertabbruch zu überdenken. Die beiden hätten sich vor der Bühne rauchend angeregt unterhalten, an der Darbietung völlig desinteressiert und stets mit dem Rücken zum Künstler. Und DAS ist mir vor einigen Jahren auch schon bei einem Gig widerfahren. Mitten zwischen den interessiert lauschenden Gästen ein Assi-Pärchen, welches seinen Beziehungsstreit lautstark und mit dem Rücken zu mir austrug. Das hat mich derart genervt, dass ich das Set abgebrochen habe und erst weiterspielte, als der Wirt die beiden aus der Kneipe entfernt hatte. Rücken zum Künstler geht gar nicht! Ich glaube, es gibt kaum etwas nervigeres als solche Menschen.

Natürlich sind das unterbezahlte Aushilfs-Sheriffs, die nur ihren Job machen und natürlich werden die kein gesteigertes Interesse an gutem Jazz und mittelguten Kalauern haben. Aber der permanente Blick auf den Rücken von Anwesenden macht dich als Künstler wirklich mürbe. Was soll man in diesem Fall auch tun? Die werden für das Rumstehen bezahlt und nicht dafür, dass ihnen die Darbietung gefällt. Und die Höflichkeit, zumindest hin und wieder dem Künstler durch kurzes Zunicken, einen kleinen Beifall oder zumindest den sporadischen Blick in Richtung Bühne etwas Aufmerksamkeit zu schenken, besitzen solche Leute eben nicht. 

Seine Aussage im Moment des Abbruchs, das System sei sch… war eindeutig auf das Konzept des Veranstalters und nicht auf die aktuellen Corona-Maßnahmen bezogen, so dass die ganze Mischpoke der Kwerdenker sich keine Hoffnung auf die Vereinnahmung seiner Person machen dürften. Also Helge, sorry, ich rudere zurück. Ich hätte (und habe) auch abgebrochen.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Das tapfere Schneiderlein

Liebe Leser,

der Konzertabbruch des allseits geschätzten Multiinstrumentalisten Helge Schneider beim Strandkorb-Open-Air in Augsburg liegt nun schon einige Tage zurück (23.07.2021). Dennoch gebe ich heute auch noch meinen Senf dazu ab. Und hier möchte ich an dieser Stelle wie der Kopf des äußerst unterhaltsamen Kanals „Moviepilot“ Yves Arievich betonen (und das gilt stets für alle meine Beiträge): Dies ist nur meine persönliche Meinung! Ihr habt eine andere? Kein Problem, schreibt es mir in die Kommentare. Wir können alle Freunde bleiben! Zur Sache:

Ich selbst bin und war nie ein besonderer Helge-Schneider-Fan. Er ist nicht uncool, aber von vielen überschätzt. Insbesondere diese Multiinstrumentalisten-Sache. Klar, er spielt Klavier und Orgel auf professionellem Niveau, aber alles andere ist zumeist nur eben Spaß am Herumdudeln. Was ich an ihm bewundere, ist, dass er seit Jahrzehnten sein Ding durchzieht, sich dabei einen Scheiß um den aktuellen Zeitgeist schert und unverdrossen den Jazz auf die Bühne bringt. Was ich an ihm nicht so mag, ist, dass er an eigentlich gelungenen Formaten schnell den Spaß verliert und selbige dann hinschmeißt. So geschehen zum Beispiel mit „Helge hat Zeit“ im Jahr 2012/2013. Und eigentlich ließ er es sich in den beiden Sendungen, die er dann durchgezogen hatte, heftig heraushängen, dass er weder vor dem Aufwand, welchen der WDR betrieben hatte, noch vor seinen jeweiligen Gästen wirklich Respekt hatte. Sei’s drum.

Nun ist der Helge allerdings auch ein Mensch wie wir alle und braucht es, das Geld. Gemäß Wikipedia hat Helge Schneider sechs Kinder mit vier Frauen. Ich denke mal, das kostet. Und so hat er für eine Reihe von sogenannten Strandkorb-Konzerten zugesagt, von denen er zumindest das erste noch absolviert hatte. Letzteres meine ich mitbekommen zu haben, man findet inzwischen kaum Spuren bereits vergangener Konzerte. Sprechen wir über Augsburg.

Nun kann ich mir aus eigener Erfahrung sehr gut vorstellen, dass einem Improvisations-As (das muss man ihm lassen) wie Helge Schneider ein permanentes emsiges Gewusel vor der Bühne bzw. zwischen den Strandkörben auf die Nerven geht. Der Veranstalter bot den Gästen wohl eine Bewirtung am Platz nach Bestellung per App. Ich habe schon allerhand Bedienungspersonal auf den unterschiedlichsten Veranstaltungen kennengelernt und weiß, dass diese Menschen auch nur versuchen, ihren zumeist schlecht bezahlten Job zu erledigen. Die jeweilige Darbietung auf der Bühne geht ihnen in den allermeisten Fällen am Allerwertesten vorbei. Solltest Du, lieber Leser, aus der Branche stammen und dies anders sehen, mögest Du gerne die Ausnahme sein. Mein persönlicher Feind ist ja der Milchaufschäumer. Die Lautstärke meines jeweiligen Songs und der akustische Aufwand zur Herstellung der aktuell bestellten Getränke sind generell indirekt proportional.

Das ist unschön, aber nicht generell zu ändern. Wenn es besonders stört, muss man eine Pause einlegen und den Sachverhalt mit dem Veranstalter bzw. Wirt klären. Wobei hier das Wort eines Helge Schneiders sicher mehr Gewicht hat, als beispielsweise meines. Bei besonders renitentem Personal half bisweilen die dem Chef vorgetragene Rechnung, wieviel man auf der jeweiligen Veranstaltung noch an Speisen und Getränken umsetzen kann, wenn sich die Band von jetzt auf gleich verabschiedet. Nebenbei sei noch festzuhalten, dass zur Zeit ja auch die Veranstalter sehr kreativ sein müssen, um überhaupt irgendeine Veranstaltung durchziehen zu können. Da erweist sich schon einmal die ein oder andere Idee im Nachhinein als nicht so gelungen (permanente Bewirtung am Platz oder so), aber solches weiß man erst hinterher. Dass besondere Umstände (die unselige Corona-Pandemie) auch besondere Maßnahmen erfordern, hätte der wirklich bühnenerfahrene Schneider wissen können.

Nicht besonders professionell finde ich es allerdings, wenn man nach einer Stunde Konzert feststellt, dass einen die Bedingungen jetzt doch zu sehr nerven und dann abbricht. Die Reaktionen des Augsburger Publikums waren hierbei gespalten. Die eine Hälfte sieht das offensichtlich so wie ich, die andere Hälfte haben Verständnis für den Meister, loben sogar sein Verhalten als „Statement“. Ok, die bejubeln es auch, wenn Helge eine Portion Pommes (rot-weiß) auf der Bühne verzehrt…

Ich sehe das so: Man spielt halt die vertraglich festgelegte Dauer, wegen mir auf Sparflamme, und macht sich dann zügig vom Acker. Das hat jeder Live-Musiker bestimmt schon mehr als einmal gemacht. Aber man bringt es zu Ende. Um es wie so oft mit Heinz Strunk zu sagen: Man liefert ab! Wenn Helge Schneider das nicht nötig hat, ist es gut für ihn. Ich kenne haufenweise gute Musiker, die hätten es nötig, kriegen aber die Jobs nicht.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Ein Juli macht noch keinen Sommer

Liebe Leser,

ich wollte es lassen. Aber irgendwie kriegen wir die vermaledeite Seuche nicht vom Tisch, geschweige denn aus dem Land. Also gibt es wieder Berichte aus Corona-Land von der Livemusiker-Front.

Aktuell im Juli gab es tatsächlich allerhand Live-Gigs. Die Leute sind ebenso wie die Musiker hungrig, wenn nicht gar gierig nach Live-Veranstaltungen und insbesondere nach Livemusik. Doch besitzt man für die Anzahl möglicher Auftritte im Juli einfach zu wenige Inkarnationen und es sieht im August schon wieder ganz anders aus, nämlich mau.

In den letzten zwei Wochen konnte ich erstmals in diesem Jahr wieder vor etwas Live-Publikum auftreten und es war ein tolles Gefühl! Doch wie schon erwähnt ist im August Urlaubszeit und anschließend wieder die große Ungewissheit und damit der Terminkalender leer. Bei einem Gespräch mit dem derzeitigen Programmchef des legendären Kreuzwirtskellers (dem Nachfolger des leider viel zu früh verstorbenen Martin Kapfenberger, siehe hier >>>) nach dem tollen Gig am 24.07.2021 mit „Ray Räbel & Friends“ wurde mir für das Duo „Bawelino & Brunner“ ein Gig im KWK zugesichert, wenn, ja wenn das GGG-System (= Einlass für Geimpfte, Genesene und Getestete) einen Betrieb der Innengastronomie ohne die 1,5 m Abstand möglich machen würde. Falls so eine oder eine ähnliche Regelung in Bayern nicht kommt, müsste der KWK auch 2021 wieder in der kalten Jahreszeit (also seiner eigentlichen Hauptsaison) schließen. Viele kleinere Kneipen und Bars ebenso.

Und hier packt mich wieder einmal die Wut auf die Leute! Auf die Leute, die sich aus manchmal begründeten, oft jedoch fadenscheinigen oder gar abstrusen Gründen nicht impfen lassen wollen und jeden Test wegen Eingriff in ihre Privatsphäre (oder sonst irgendeiner bescheuerten Begründung) ablehnen, insbesondere, wenn sie selbigen zukünftig aus der eigenen Tasche bezahlen müssten.

Man versucht doch, es wirklich allen recht zu machen. Lasst Euch impfen! Wollt Ihr nicht (weil >>> hier irgendwas einsetzen >>>)? Dann lasst Euch regelmäßig testen! Wollt Ihr nicht (weil >>> hier irgendwas einsetzen >>>)? Dann bleibt eben zuhause. DAS aber wiederum passt diesen Menschen dann auch nicht, denn sie möchten ja dabei sein… Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. So läuft das zur Zeit!

Deshalb werde ich den nun schon fast vergangenen Juli wohl als den einzigen Monat des Jahres 2021 feiern, in dem für Live-Musiker ein fast normales Leben zu führen war. Ab Herbst werden wir alle dann im vierten Lockdown wieder kurze Clips auf YouTube veröffentlichen, weil ein zu großer Prozentsatz der Bevölkerung einfach nicht mitspielen will. Danke für nichts, Ihr Pfeifen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Patreon

Liebe Leser,

Corona, Lockdown, Lockerung, erneuter Lockdown, 7-Tage-Inzidenz, Mutation, Impfung, Impfstoff-Engpass… na, nervt’s? Also mich schon!

Es tut mir leid, dass seit nunmehr 11 Monaten wirklich jeder Blogbeitrag ein Lamento über die Widrigkeiten dieser Pandemie ist. Aber das Virus ist ja auch noch da und schert sich einen Dreck um meine Befindlichkeiten. Jede (meines Erachtens verfrühte) Lockerung des Lockdowns mag Bildungseinrichtungen und bestimmten Wirtschafts-Sparten vielleicht etwas helfen, ein vernünftiger und damit auch für Veranstalter und Künstler lukrativer Live-Betrieb liegt noch in weiter Ferne. Es gilt also, etwas zu tun. Verzweifeln und Hinwerfen wäre natürlich eine Möglichkeit, ist aber verpönt. Von daher…

Es galt, eine Möglichkeit zu finden, der – zugegeben überschaubaren – Schar meiner Fans zumindest etwas Musik oder Unterhaltung zukommen zu lassen und dies dennoch nicht gänzlich für lau zu tun. Und diese Möglichkeit gibt es tatsächlich.

Ich werde meine Gigs und damit die treue Gefolgschaft meiner Fans (oder zumindest Sympathisanten) zumindest temporär ins Netz verlagern. Hierfür habe ich meinen inzwischen etwas verstaubten Kanal bei YouTube wieder aufpoliert 

Achtung, super-kreativer Name: gige2009 >>>

und mir eine Seite auf der renommierten Plattform patreon.com eingerichtet, die es ermöglicht, den Live-Musiker Gige zu unterstützen. 

https://www.patreon.com/gige_jazz

Unterstützer (sogenannte Patreons) erhalten für ihren monatlichen Beitrag Benefits, die von meiner tiefen Dankbarkeit bis zur monatlichen Unterrichtseinheit per Skype reichen.

Schaut Euch auf der Seite um und lest die Angebote der verschiedenen Unterstützer-Levels durch. Ich bin mir sicher, da ist für Euch was dabei! Werdet mein Unterstützer auf Patreon – ich würde mich sehr freuen. 

Natürlich schlage ich mich derzeit durch den ganzen Technik-Schissl (an der USt beiße ich beispielsweise gerade noch, aber ich werde das klären!), doch das kriege ich trotz fortgeschrittenem Alter in den nächsten Tagen gebacken! Und dann werde ich exklusiven Content auf die Seite füllen. Ich will meinen Unterstützern ja auch regelmäßig Neues bieten!

Natürlich ist die Unterstützung bei Patreon monatlich kündbar, so dass Ihr mir Euer sauer verdientes Geld lieber wieder anlässlich von Auftritten zukommen lassen könnt, wenn diese Pandemie jemals vorüber ist.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gedanken zum Jahresbeginn

Liebe Leser,

natürlich habe ich wieder viel zu lange mit Arbeit und so ’nem Kram herumgetrödelt, dass dieser Beitrag zur Begrüßung des neuen Jahres schon fast zum Ende des Karnevals erscheint. Da selbiger – wie so vieles – ausfallen wird, ist auch diese Angabe irrelevant. Wie immer entschuldige ich mich in aller Form für … naja, alles eben. Nun aber der Text: 

So, endlich ist 2020 Geschichte. Wir haben jetzt 2021 und alles wird besser. Hatte ich mir so gedacht. Ja, Pustekuchen. Wir hocken im verschärften Lockdown und freuen uns, wenn die Impfquote der Bevölkerung im Promillebereich ansteigt. Langsam aber sicher geht mir Corona auf die Nerven. Soeben habe ich eine Nachricht von Rainer Glas erhalten, dass der 40. Internationale Jazzworkshop Erlangen auch im Jahr 2021 nicht stattfinden kann. Die Nachricht wird auch bei der Wiederholung (siehe diesen Beitrag von 2020 >>>) nicht besser.

Die Pläne, die ich mit Beginn der Pandemie für 2020 gemacht hatte („Ab Herbst können wir dann…“) sind jetzt offenbar auch für 2021 obsolet. Weia, das nervt gewaltig!

Und dann noch die Bekannten (echte Freunde sind es zumeist nicht), die in der Krise eine Herausforderung oder gar Chance sehen. Träumer, die in Kurzarbeit kreativ werden oder in „systemrelevanten“ Berufen (womit natürlich nicht die tatsächlich systemrelevanten und hart schuftenden Helden im Gesundheitswesen etc. gemeint sind!) arbeiten, wo man außer der obligatorischen Maske nichts von der Pandemie bemerkt. Herrje, ich hab’s gerafft! Online-Konzerte streamen, Unterricht per Skype, Harmonielehre-Kurse über das Web und so weiter und so fort. Jaja, schon klar. Ich mach ja schon!

Am besten ist der Tipp, viele Videos für YouTube zu produzieren, so wegen Influencer oder Content-Creator und all den Schissl. Das ist eine entsetzliche Arbeit – seit Tagen schneide ich an einem 3-Minuten-Video herum – und bringt dem (nicht mehr ganz taufrischen) Live-Musiker genau gar nichts. Um es frei heraus zu sagen (entschuldigt den rüden Ton, Ihr Blog-Leser seid explizit ausgenommen und ohnehin meine Treuesten!): Steckt Euch sämtliche gutgemeinten Rat-, Optimierungs-, Vor- und sonstigen Schläge an den Hut. Naja, ging doch, war nicht zu rüde. Also: Was ich tun müsste, weiß ich. Nur nicht wann. Und ich weiß auch nicht, wie man das alles bezahlen soll.

Ein passabler Weg, darbende (eine zugegebenermaßen angesichts meines Leibesumfangs etwas fragwürdige Formulierung) Künstler zu unterstützen, ist es, deren Erzeugnisse bzw. Merch (= Merchandising-Kram – die Abkürzung wird inzwischen sogar von der Rechtschreibprüfung toleriert) zu kaufen. Und es gibt ja allerhand:

Man kann sich die „Harmonielehre für Gitarre“ von Helmut Kagerer & Gige Brunner (siehe dieser Beitrag >>>) bestellen, oder eine der schönen (neuen) CDs „dreipunktnull“ (siehe dieser Beitrag >>>) bzw. „Bossa Nova“ (siehe dieser Beitrag >>>). 

Bestellung per Mail an jazz@gige.de oder auf allen legalen Kommunikationswegen zu mir. Oder das:

Ganz heißes Zeug. Für Gitarristen. Feine Fingerstyle-Arrangements populärer Standards aus Jazz und Bossa Nova. Derzeit lieferbare Hefte (als PDF):

La Mer, Se é Tarde Me Perdoa, Out of Nowhere (und in den nächsten Tagen Lobo Bobo und On a Slow Boat to China). Jedes PDF enthält ein Fingerstyle-Arrangement des kompletten Songs in kombinierter Notation und Tabulatur sowie eventuell ein paar Anmerkungen und kostet 5 Euro. 

Bestellung per Mail an jazz@gige.de oder auf allen legalen Kommunikationswegen zu mir. Zudem auch direkt über den Verlag unter www.hm5-publishing.de (wo ich die PDFs baldigst auf der Website einstellen bzw. bewerben werde, versprochen!).

All diese schönen Sachen werde ich impertinent bei YouTube bewerben und zudem den jeweiligen Beitrag durch einen gewieften Titel als Clickbait nutzen. Ja, so clever bin ich drauf! Ihr findet meinen Kanal in Youtube >>> unter dem knackigen gige2009. Seufz…

Zu guter Letzt wird es im März (hoffe ich) einen Online-Kurs zum Thema Harmonielehre bei der vhs Schwabach geben, für den ich das oben genannte Buch in handliche Happen zerteilt habe, die sich zum Einen in vier Lektionen und zum Anderen ohne explizite Gitarrenkenntnisse genießen lassen. Ankündigung und Ausschreibung erfolgt zeitnah. 

So wurde meine wütende Abrechnung mit dem ganzen Volk der Krisengewinnler, Optimierer und Consulter (welche ich schon in meinen Angestellten-Zeiten nicht ausstehen konnte) nun doch zu einer Werbeveranstaltung in eigener Sache. Aber wie sagte schon Brecht so schön: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Saufen gegen Corona

Liebe Leser,

seit Mitte März hat sich aufgrund der Corona-Pandemie mein musikalisches Leben und Schaffen fast vollständig in mein Arbeitszimmer bzw. ins Internet verlagert. Und es scheint nicht besser weiter zu gehen! Ein zweiter Lockdown ist für November verkündet, was ich zwar als vernünftiger Bürger befürworte, als Live-Musiker allerdings bitter bedauere. Ein von Vielen ersehnter Impfstoff wird wohl frühestens Anfang 2021 – falls überhaupt – zur Verfügung stehen (und dann wahrscheinlich von den üblichen Verdächtigen als „Zwangsimpfung“ abgelehnt), uns also dieses Jahr sicher nicht mehr helfen.

Mir sind seit dem ersten Lockdown Dutzende von Gigs flöten gegangen, darunter viele kleine, wo es hauptsächlich um Ruhm und Ehre geht, allerdings auch einige wirklich lukrative. Und der nächste Lockdown steht an. Denn schlimmer geht immer.

Einige wenige rührige Veranstalter (siehe diesen Beitrag >>>) und Gastronomen hatten sich die Mühe gemacht, trotz persönlicher Sorgen und finanzieller Engpässe zumindest hin und wieder mit all den Auflagen Live-Konzerte zu veranstalten, sogar im späten Herbst, wo ein Sitzen im Freien beim besten Willen keinem mehr zugemutet werden kann. Insbesondere mein Lieblings-Cafe im Südosten Nürnbergs hat mich trotz Corona mindestens einmal im Monat zu einem Abend mit Livemusik als Künstler eingeladen. Solange bis zum Spätsommer viele Gäste im vorgeschriebenen Abstand auf dem Bürgersteig vor dem Cafe einen Platz fanden, hat das für uns beide (also den Wirt und mich) recht gut funktioniert. Beim letzten Mal am 22.10. allerdings nicht so besonders.

Zwar waren alle wenigen Tische, die im korrektem Corona-Abstand gestellt sind, tatsächlich reserviert und auch von mindestens einem Pärchen besetzt, aber diese Gäste (fast ausschließlich Neukunden bzw. -Fans, was ja an und für sich prima ist) haben kaum etwas verzehrt. Der Künstler-Hut war zwar ordentlich gefüllt, nicht so aber die Kasse des Wirts. Wenn an zwei Tischen, welche wiederum jeweils mit zwei Personen besetzt sind, insgesamt um die 20 Euro am GANZEN ABEND umgesetzt werden, kann sich selbst jeder (Betriebs)Wirtschafts-Laie ausrechnen, dass das so nicht funktionieren wird. 

Dass ein Gast einen ganzen Abend lang an einem Getränk nuckelt, ist mir zuletzt in den 1970er Jahren aufgefallen, als wir als Mofa-Gang zu zehnt in unserer Vorstadtkneipe stundenlang ein (1) kleines Bier belagert hatten. Zur Abhilfe Eintritt zu erheben, ist nicht im Sinne des Erfinders, denn der Wirt Micha möchte keine Konzerte veranstalten, sondern seinen Gästen ein gehobenes Gastronomieerlebnis bieten. Das klingt jetzt etwas gestelzt, trifft aber den Punkt. Der Gast soll bei gepflegter Live-Musik in gemütlicher Atmosphäre einen schönen Abend mit seinen Freunden oder den übrigen Gästen verleben und dabei natürlich die leckeren Angebote der Gaststätte bzw. des Cafes genießen. Wenn er dann noch einen kleinen (oder mittleren) Obolus für den Künstler da lässt, entsteht eine Win-Win-Win-Situation.

In Nürnberg und Umgebung gibt es nicht zu viele Gaststätten, die ihren Gästen derlei regelmäßig bieten, wobei von diesen die meisten schon im März die Live-Saison abgebrochen und bis dato nicht mehr aufgenommen haben. Als Versuch wollte Micha für die nächste Veranstaltung erstmalig einen Mindestverzehr festlegen, was ich für richtig halte. Wahrscheinlich kostet mich das einiges an Spenden, aber wenn für das Cafe gar nichts übrig bleibt und sogar noch der allmächtigen GEMA ein Betrag gezahlt werden muß, dann würde ich es als Wirt lieber sein lassen. Und dann bleibt mir als Musiker… richtig, gar nichts.

Doch gottseidank haben wir ab November 2020 wieder einen Lockdown (was an diesem – wie bisweilen kolportiert – „light“ sein soll, konnte weder den Gastronomen noch den Kulturschaffenden vermittelt werden), wodurch die oben erwähnten Gäste noch mehr sparen können, da das Cafe schließen muss.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Risiken

Liebe Leser,

als ambulanter Jazz-Gitarrist war und bin ich (hoffentlich bald wieder) des Öfteren mit dem Auto zu diversen Veranstaltungsorten unterwegs. Und wie einst in meinen Zeiten als Nixdorf-Servicetechniker hatte es sich bewährt, ein paar Dinge permanent im Gepäckraum des Wagens zu deponieren. Statt wie einst einen kleinen Werkzeugkoffer und einige unabdingbare Ersatzteile für die nachrichtentechnischen Geräte, die ich wartete, sind es nun ein kleiner Transistor-Verstärker, ein Mikrofon, einige Stative und diverser Kabelkram, den ich mitführe. 

Weil mein Auto keinen Kofferraum im klassischen Sinn, sondern einen von außen einsehbaren Gepäckraum hat und mein AER-Alpha trotz seines biblischen Alters Begehrlichkeiten weckt, drappiere ich selbigen zumeist unter einer alten Decke, die mir schon in vielen Vorgängern meines aktuellen Autos dafür und für eine schnelle Unterlage diente, wenn man – zum Beispiel wegen einer Panne – auf blanker Straße unter sein Auto kriechen musste.

Ein wirklicher Schutz gegen einen insbesondere spontanen Aufbruch ist das natürlich nicht, aber besser als nichts. Doch nun habe durch Unachtsamkeit den Bogen überspannt. Ich habe nämlich eine komplette Packung Klopapier, die ich schon vor zwei Wochen ganz regulär im Supermarkt erworben hatte, für jedermann sichtbar im Auto herumgefahren. Und auch noch den Wagen auf öffentlichen Parkplätzen unbewacht herumstehen lassen!

Wer konnte denn ahnen, dass eine Rolle (nicht Packung) dreilagiges Toilettenpapier auf dem Schwarzmarkt gegen eine Stange (nicht Päckchen) Zigaretten getauscht wird! Es wird gemunkelt, dass Seniorengangs in finsteren Kellerlaboren mehrlagige Klopapiere aufrollen und dann in lockerer Wicklung als einlagiges Klopapier auf den Markt werfen, zu Wucherpreisen.

Als mir mein Fauxpas auffiel, habe ich das wertvolle Wirtschaftsgut unter meiner Decke versteckt und den zur Zeit geradezu wertlosen AER offen präsentiert. 

Natürlich würde beides zusammen unter die Decke passen, aber dann wäre ja die Schlusspointe dahin…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Pearls Before Swine

Liebe Leser,

klar, ich bin ein arroganter Sack! Wem meine Musik nicht gefällt, der hat ja schon per se keine Ahnung und überhaupt. Aber ich habe mich – ehrlich jetzt – gebessert. Es tut meistens nicht mehr weh, wenn mir Leute wohlmeinend auf die Schulter klopfen und mir mitteilen “Scho schäi, aber hald ned su meins!” Auf Hochdeutsch: Klang ganz nett, ist allerdings nicht mein Musikgeschmack. Am Freitag aber tat’s mal wieder weh. Zumindest ein bisschen…

Ich war wie im Vorjahr zum sogenannten “AbendRoth” als Künstler geladen, eine lange Einkaufsnacht mit einem bunten Rahmenprogramm unterschiedlichster Darbietungen, darunter auch diverse musikalische. Als Vertreter des unterhaltsamen Mainstream-Jazz trat ich an. Da meine Leib- und Magen-Saxophonistin Katja Heinrich lieber ihren … äh … runden Geburtstag feiern wollte (was eine lumpige Ausrede – die treulose Tomate), konnte ich den Regensburger Gitarristen Helmut Kagerer, den ich wie viele andere hervorragende Musiker auf den Erlanger Jazzworkshops kennengelernt hatte, zu einem Ausflug in die mittelfränkische Kreisstadt Roth bewegen. Helmut ist seit vielen Jahren eine echte Nummer auf dem internationalen Jazzgitarristen-Parkett und hat bis dato mit unzähligen Größen der Zunft auf Augenhöhe gespielt, unter vielen anderen mit Larry Coryell und Attila Zoller, um wenigstens etwas Namedropping an dieser Stelle zu betreiben. Nun also mal ein Job mit mir, was wirklich eine Ehre bedeutet.

Der Masterplan für unser Gitarrenduo waren zwei 1-Stunden-Sets an zwei Lokationen des AbendRoth, gefolgt von einem Ausklang in einer ortsansässigen Bar in der Nähe von Lokation 1. Nun muss ich allerdings betonen, dass das Organisationsteam der Stadt Roth alles richtig gemacht hat. Die Gage war ordentlich und alle offenen Fragen bezüglich Anreise, Parken und Ortswechsel wurden im Vorfeld zufriedenstellend beantwortet. Als wir (was bei der derzeitigen Verkehrs- und Baustellensituation nicht selbstverständlich ist) pünktlich am Spielort eintrafen, wurden wir umgehend von Mitarbeitern der Stadt Roth empfangen, eingewiesen und mit Getränke- bzw. Essensgutscheinen versorgt. Auch der Wirt des Bistros, in dem wir den Abend ausklingen lassen wollten, empfing uns freundlich mit einem kräftigen Kaffee und einem kleinen Bier zur Einstimmung auf den kommenden Abend.

Selbst das Wetter war gnädig und die letzten Strahlen der untergehenden Herbstsonne verhinderten das umgehende Einfrieren der Finger. Soweit also alles gut.

Ansonsten war das anfangs etwas spärliche Publikum von unserer hochklassigen Darbietung offensichtlich nur im Innersten begeistert. Gezeigt haben es die traditionell zurückhaltenden Rother zumindest ausgesprochen dürftig. Tröstlich, dass das am Marktplatz vor sich hin spielende Mädchenduett (E-Piano/Gesang) auch nicht besser einschlug, wenngleich deren Repertoire etwa 60 Jahre moderner war als das unsrige. Auch das vagierende männliche Duo aus Gitarre/Gesang und Cajón konnte das Publikum nur selten zu verhaltenem Applaus hinreißen. Wie wir nahmen es auch die Kollegen sportlich.

Heftig war allerdings der Absacker. Die gastgebende Kneipe war bei unserer Ankunft gegen 22 Uhr gut besetzt und von biertrinkenden Rock- und Bluesfans bevölkert, die sich mit ohrenbetäubender Lautstärke anbrüllten. Das war im Prinzip ganz und gar unnötig, denn die Grundlautstärke durch die Musik war nicht einmal übertrieben hoch, wurde aber im allgemeinen Konsens eben so praktiziert. Obwohl wir unsere 60er AERs fast bis zum Anschlag aufdrehten, waren wir in dieser Dezibel-Hölle kaum zu vernehmen. Dabei meinten es die Anwesenden nicht einmal böse, es interessierte sie einfach nicht, zumindest die überwiegende Anzahl. Helmut bewies dabei übrigens wahrlich Größe, denn er spielte ein brillantes Solo nach dem anderen (das ist jetzt extrapoliert, denn bisweilen konnte ich ihn – gerade mal einen Meter entfernt – tatsächlich nicht hören) und war bis zum (sehr späten!) Ende keine Sekunde unmotiviert und übellaunig. Ein Traum für jeden Sideman, ernsthaft.

Gegen Mitternacht hatten wir das akustische Gefecht entweder gewonnen oder die Leute waren einfach zu betrunken, um weiterhin aufeinander einzubrüllen. Man bat uns, etwas leiser zu spielen. Echt jetzt?

Neben den bereits erwähnten (allerdings wenigen) Fans gab es natürlich wieder diejenigen Zeitgenossen, die uns kameradschaftlich, aber bestimmt erklärten, dass sie – gegen unsere vorherige Ankündigung – am ganzen Abend (wir spielten immerhin von etwa 22:00 bis 0:30) KEINEN EINZIGEN Blues von uns gehört hätten. “Georgia On My Mind”, “Cry Me A River” und diverse andere, die wir erst ein paar Minuten vorher intoniert hatten, zählten nicht. Und wer würde einem kräftigen zertifizierten Blues-Spezialisten schon widersprechen, wenn dieser bereits seit 10 Stunden intensiv getankt hat. Wir jedenfalls nicht.

Als die beste aller Ehefrauen in den frühen 1990er Jahren in Köln studierte und ich in dieser Zeit mit ihr gemeinsam das Kölner Nachtleben unsicher machte, habe ich die allerorts teils spontan, teils geplante Livemusik in vielen Lokalen sehr genossen. Vielleicht trügt mich die Erinnerung und außer uns hat das schon damals keinen interessiert, aber ich denke, die Leute haben den teilweise exquisiten Musikern mehr Anerkennung entgegen gebracht, als das heute der Fall ist.

Beim Verfassen dieser Zeilen ist mir übrigens aufgefallen, dass ich mit einem sehr ähnlichen Lamento diesen Blog vor ein paar Jahren eröffnet hatte. Manche Dinge ändern sich eben nicht. Zumindest nicht so schnell.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Multitasking

Liebe Leser,

ach ja, lange nichts mehr von Euch gehört. Ich hoffe, es geht Euch allen gut! Moment – Ihr habt ja nichts von mir gehört. Danke der Nachfrage, es geht mir gut. Andererseits, wenn es nichts zu maulen gäbe…

Am Wochenende hatte ich wieder einmal gespielt. Gitarre, nicht Fußball, falls hierbei Unklarheit bestand. Und es war ganz allerliebst. Ein 50. Geburtstag, bei dem man mich auf Empfehlung samt meiner Saxophonistin zur Beschallung bis zum Beginn des Tanzvergnügens, welches etwa ab 22 Uhr angesetzt war, engagiert hatte. Für eine ordentliche Gage, bei sehr kurzer Anfahrt und geringem Aufbauaufwand (eine gar nette Wortschöpfung). Allerdings war meine erprobte Gesellin anderweitig an diesem Abend verplant, was sie mir aber etwas zu spät mitteilte, nämlich als ich den besagten Job schon fest als Duo zugesagt hatte. Da der Kunde ja eben nur ein Duo Gitarre-Saxophon und somit neben mir keine bestimmte Person gebucht hatte und Marc, ein erfahrener Musikerkollege aus der Nachbarstadt Erlangen, wieder einmal bereit war, auszuhelfen, erachtete ich es nicht für notwendig, diese Substitution dem Geburtstagskind mitzuteilen. Allerdings war auch Marc in Terminschwierigkeiten und kündigte von vorneherein an, die Feier gegen 19 Uhr zu verlassen. Da wir ja schon ab etwa 15 Uhr zu spielen hatten, hielt ich auch das für kein Thema, um den Kunden damit zu beunruhigen. Etwa vier Stunden Anwesenheit von uns zwei Hochkarätern sollte die komplette Gage ja durchaus rechtfertigen.

Etwas kritisch wurde die Angelegenheit, als der Kunde zwei Tage vor seiner Feier bei mir anrief, um nochmal kurz den Ablauf durchzugehen. Gemäß der neuesten Planung sollte nun unsere dezente, aber stets geschmackvolle musikalische Untermalung erst um 16:30 Uhr starten, dafür aber bis 21:30 gehen, was in Summe ja wieder in etwa den vereinbarten vier Stunden entspräche. Gut, es sind fünf Stunden, nicht vier, aber so genau wollte ich dann auch nicht rechnen. Wobei ich mich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im Geringsten daran erinnern konnte, was wir tatsächlich bei unserem ersten Telefonat ausgemacht hatten. Marc würde aber definitiv um 19 Uhr verschwinden, was mir nun zweieinhalb Stunden Sologitarre bescheren würde. Es half nichts, die Wahrheit über meine nicht gänzlich gelungene Ersatzplanung musste mitgeteilt werden.

Dies führte zu äußerst unangenehmen längeren Gesprächspausen am Telefon, die mich zusehends zum Schwitzen brachten. Ich entschuldigte mich für meine Informationspolitik und stimmte sofort zu, als der Kunde vorschlug, die Gage um ein Viertel zu kürzen.

Am Samstag war ich überpünktlich beim Aufbau, Marc kam zeitgleich an und wir haben durchaus ordentlich abgeliefert (Heinz Strunk). Das Geburtstagskind und die gesamte Zuhörerschaft waren begeistert oder zumindest -eindruckt (ich glaube, die Konstruktion funktioniert mit diesen beiden Verben nicht wirklich) und unsere Gage wurde sogar noch etwas nach erhöht. Einwandfrei!

Eine kleine Anekdote – welche auch den Aufhänger dieses Beitrags bildet – soll aber erzählt werden: Bereits innerhalb des zweiten Sets kam eine resolute Dame mittleren Alters zu uns, um mir (Marc kann ja in solchen Situationen in sein Horn blasen, so dass er eindeutig nicht in der Lage ist, zeitgleich zu sprechen) die Modalitäten eines baldigst folgenden Gesellschaftsspiels zu erläutern – selbstverständlich WÄHREND ich meine Finger für eine schnelle Version von “The Days Of Wine And Roses” verrenkte.

Mir ist übrigens aufgefallen, dass wirklich jeder Auftraggeber oder Veranstalter einer Musikveranstaltung grundsätzlich jede Unterbrechung der Musik SOFORT und nicht etwa NACH einem Song realisieren muss. Obwohl unsere Stücke kaum mehr als drei Minuten dauern, was nach etwa einer Stunde Spiel offensichtlich hätte sein müssen, kann das Ende des Stückes keinesfalls abgewartet werden, sondern die Gestalten auf der Bühne sollen sich bitteschön umgehend einen gefälligen und nicht zu abrupten Schluss mitten im Chorus einfallen lassen. Eine kalte Vorspeise kann eben innerhalb von Sekunden verderben, wenn das Buffet nicht zeitgleich mit dem Auftragen der letzten Platte eröffnet wird. Oder so ähnlich.

Die erwähnte Dame wollte allerdings nicht unseren Vortrag unterbrechen, sie wollte nur einige Dinge in Ruhe mit mir absprechen, praktischerweise, während ich gerade auf der Bühne stand. Meinen hervorgepressten Einwand, ich könne mich jetzt wirklich nicht konzentrieren (was nicht ganz der Wahrheit entsprach, aber ich fühlte in dieser Situation einen Erziehungsauftrag), quittierte sie mit hochgezogenen Augenbrauen und einem bösen Blick. Sie beschwerte sich ob meiner Unverschämtheit beim Gastgeber, welcher allerdings auf eine Rüge verzichtete.

Dies ist beileibe kein Einzelfall. Da ich in meiner Tanzkapelle nur Gitarre spiele und mich nicht am Satzgesang beteilige (warum auch immer…), bin ich für konversationsfreudige Menschen ein willkommenes Opfer. Da wird schon mal unwirsch vom Bühnenrand aus herangewunken um mir eine Programmänderung oder einen Musikwunsch mitzuteilen. Den logischen Schluss, dass die Gitarrentöne aus den Lautsprechern tatsächlich von dem Typen mit der Gitarre im selben Moment erzeugt werden, ziehen die Allerwenigsten. Der Höhepunkt in einer wirklich langen Kette solcher Vorkommnisse war es, als eine redselige Tanzlehrerin unseren Bandleader in eine Diskussion verwickeln wollte, während er den (durchaus tragenden) Bass spielte und zugleich die dritte Stimme eines Evergreens ins Mikrofon sang. Unfassbar!

Spiele ich solo vor einer überschaubaren Anzahl von Zuhörern, hör ich bei solcherlei Ansprache mit dem Spielen auf und quittiere das unvermeidliche, peinlich berührte “Sie hätten jetzt aber nicht aufhören müssen!” mit dem knappen “Offensichtlich doch. Was gibt es denn?”. Das hilft zumeist, solche Unterbrechungen für den Rest des Abends zu vermeiden.

An diesem Samstag trat zwischen meinen Einlagen auch noch der ortsansässige Gospelchor auf und sang dem Geburtstagskind mehrere Ständchen. Doch keiner der anwesenden Gäste wäre selbst während der drögen und nicht besonders anspruchsvollen Darbietung von “Oh Happy Day” auf die Idee gekommen, eines der Chormitglieder anzusprechen. Das macht man nur mit Musikern, denen man zutraut, neben hochkomplizierten Gitarrenpassagen locker ein Schwätzchen zu halten.

Permanent-Optimisten dürften demnach solcherlei Gedankenlosigkeit und Ignoranz als Kompliment an ihre musikalische Fertigkeit ansehen. Ich finde es einfach… äh… gedankenlos und ignorant.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige