Patreon

Liebe Leser,

Corona, Lockdown, Lockerung, erneuter Lockdown, 7-Tage-Inzidenz, Mutation, Impfung, Impfstoff-Engpass… na, nervt’s? Also mich schon!

Es tut mir leid, dass seit nunmehr 11 Monaten wirklich jeder Blogbeitrag ein Lamento über die Widrigkeiten dieser Pandemie ist. Aber das Virus ist ja auch noch da und schert sich einen Dreck um meine Befindlichkeiten. Jede (meines Erachtens verfrühte) Lockerung des Lockdowns mag Bildungseinrichtungen und bestimmten Wirtschafts-Sparten vielleicht etwas helfen, ein vernünftiger und damit auch für Veranstalter und Künstler lukrativer Live-Betrieb liegt noch in weiter Ferne. Es gilt also, etwas zu tun. Verzweifeln und Hinwerfen wäre natürlich eine Möglichkeit, ist aber verpönt. Von daher…

Es galt, eine Möglichkeit zu finden, der – zugegeben überschaubaren – Schar meiner Fans zumindest etwas Musik oder Unterhaltung zukommen zu lassen und dies dennoch nicht gänzlich für lau zu tun. Und diese Möglichkeit gibt es tatsächlich.

Ich werde meine Gigs und damit die treue Gefolgschaft meiner Fans (oder zumindest Sympathisanten) zumindest temporär ins Netz verlagern. Hierfür habe ich meinen inzwischen etwas verstaubten Kanal bei YouTube wieder aufpoliert 

Achtung, super-kreativer Name: gige2009 >>>

und mir eine Seite auf der renommierten Plattform patreon.com eingerichtet, die es ermöglicht, den Live-Musiker Gige zu unterstützen. 

https://www.patreon.com/gige_jazz

Unterstützer (sogenannte Patreons) erhalten für ihren monatlichen Beitrag Benefits, die von meiner tiefen Dankbarkeit bis zur monatlichen Unterrichtseinheit per Skype reichen.

Schaut Euch auf der Seite um und lest die Angebote der verschiedenen Unterstützer-Levels durch. Ich bin mir sicher, da ist für Euch was dabei! Werdet mein Unterstützer auf Patreon – ich würde mich sehr freuen. 

Natürlich schlage ich mich derzeit durch den ganzen Technik-Schissl (an der USt beiße ich beispielsweise gerade noch, aber ich werde das klären!), doch das kriege ich trotz fortgeschrittenem Alter in den nächsten Tagen gebacken! Und dann werde ich exklusiven Content auf die Seite füllen. Ich will meinen Unterstützern ja auch regelmäßig Neues bieten!

Natürlich ist die Unterstützung bei Patreon monatlich kündbar, so dass Ihr mir Euer sauer verdientes Geld lieber wieder anlässlich von Auftritten zukommen lassen könnt, wenn diese Pandemie jemals vorüber ist.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gedanken zum Jahresbeginn

Liebe Leser,

natürlich habe ich wieder viel zu lange mit Arbeit und so ’nem Kram herumgetrödelt, dass dieser Beitrag zur Begrüßung des neuen Jahres schon fast zum Ende des Karnevals erscheint. Da selbiger – wie so vieles – ausfallen wird, ist auch diese Angabe irrelevant. Wie immer entschuldige ich mich in aller Form für … naja, alles eben. Nun aber der Text: 

So, endlich ist 2020 Geschichte. Wir haben jetzt 2021 und alles wird besser. Hatte ich mir so gedacht. Ja, Pustekuchen. Wir hocken im verschärften Lockdown und freuen uns, wenn die Impfquote der Bevölkerung im Promillebereich ansteigt. Langsam aber sicher geht mir Corona auf die Nerven. Soeben habe ich eine Nachricht von Rainer Glas erhalten, dass der 40. Internationale Jazzworkshop Erlangen auch im Jahr 2021 nicht stattfinden kann. Die Nachricht wird auch bei der Wiederholung (siehe diesen Beitrag von 2020 >>>) nicht besser.

Die Pläne, die ich mit Beginn der Pandemie für 2020 gemacht hatte („Ab Herbst können wir dann…“) sind jetzt offenbar auch für 2021 obsolet. Weia, das nervt gewaltig!

Und dann noch die Bekannten (echte Freunde sind es zumeist nicht), die in der Krise eine Herausforderung oder gar Chance sehen. Träumer, die in Kurzarbeit kreativ werden oder in „systemrelevanten“ Berufen (womit natürlich nicht die tatsächlich systemrelevanten und hart schuftenden Helden im Gesundheitswesen etc. gemeint sind!) arbeiten, wo man außer der obligatorischen Maske nichts von der Pandemie bemerkt. Herrje, ich hab’s gerafft! Online-Konzerte streamen, Unterricht per Skype, Harmonielehre-Kurse über das Web und so weiter und so fort. Jaja, schon klar. Ich mach ja schon!

Am besten ist der Tipp, viele Videos für YouTube zu produzieren, so wegen Influencer oder Content-Creator und all den Schissl. Das ist eine entsetzliche Arbeit – seit Tagen schneide ich an einem 3-Minuten-Video herum – und bringt dem (nicht mehr ganz taufrischen) Live-Musiker genau gar nichts. Um es frei heraus zu sagen (entschuldigt den rüden Ton, Ihr Blog-Leser seid explizit ausgenommen und ohnehin meine Treuesten!): Steckt Euch sämtliche gutgemeinten Rat-, Optimierungs-, Vor- und sonstigen Schläge an den Hut. Naja, ging doch, war nicht zu rüde. Also: Was ich tun müsste, weiß ich. Nur nicht wann. Und ich weiß auch nicht, wie man das alles bezahlen soll.

Ein passabler Weg, darbende (eine zugegebenermaßen angesichts meines Leibesumfangs etwas fragwürdige Formulierung) Künstler zu unterstützen, ist es, deren Erzeugnisse bzw. Merch (= Merchandising-Kram – die Abkürzung wird inzwischen sogar von der Rechtschreibprüfung toleriert) zu kaufen. Und es gibt ja allerhand:

Man kann sich die „Harmonielehre für Gitarre“ von Helmut Kagerer & Gige Brunner (siehe dieser Beitrag >>>) bestellen, oder eine der schönen (neuen) CDs „dreipunktnull“ (siehe dieser Beitrag >>>) bzw. „Bossa Nova“ (siehe dieser Beitrag >>>). 

Bestellung per Mail an jazz@gige.de oder auf allen legalen Kommunikationswegen zu mir. Oder das:

Ganz heißes Zeug. Für Gitarristen. Feine Fingerstyle-Arrangements populärer Standards aus Jazz und Bossa Nova. Derzeit lieferbare Hefte (als PDF):

La Mer, Se é Tarde Me Perdoa, Out of Nowhere (und in den nächsten Tagen Lobo Bobo und On a Slow Boat to China). Jedes PDF enthält ein Fingerstyle-Arrangement des kompletten Songs in kombinierter Notation und Tabulatur sowie eventuell ein paar Anmerkungen und kostet 5 Euro. 

Bestellung per Mail an jazz@gige.de oder auf allen legalen Kommunikationswegen zu mir. Zudem auch direkt über den Verlag unter www.hm5-publishing.de (wo ich die PDFs baldigst auf der Website einstellen bzw. bewerben werde, versprochen!).

All diese schönen Sachen werde ich impertinent bei YouTube bewerben und zudem den jeweiligen Beitrag durch einen gewieften Titel als Clickbait nutzen. Ja, so clever bin ich drauf! Ihr findet meinen Kanal in Youtube >>> unter dem knackigen gige2009. Seufz…

Zu guter Letzt wird es im März (hoffe ich) einen Online-Kurs zum Thema Harmonielehre bei der vhs Schwabach geben, für den ich das oben genannte Buch in handliche Happen zerteilt habe, die sich zum Einen in vier Lektionen und zum Anderen ohne explizite Gitarrenkenntnisse genießen lassen. Ankündigung und Ausschreibung erfolgt zeitnah. 

So wurde meine wütende Abrechnung mit dem ganzen Volk der Krisengewinnler, Optimierer und Consulter (welche ich schon in meinen Angestellten-Zeiten nicht ausstehen konnte) nun doch zu einer Werbeveranstaltung in eigener Sache. Aber wie sagte schon Brecht so schön: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Saufen gegen Corona

Liebe Leser,

seit Mitte März hat sich aufgrund der Corona-Pandemie mein musikalisches Leben und Schaffen fast vollständig in mein Arbeitszimmer bzw. ins Internet verlagert. Und es scheint nicht besser weiter zu gehen! Ein zweiter Lockdown ist für November verkündet, was ich zwar als vernünftiger Bürger befürworte, als Live-Musiker allerdings bitter bedauere. Ein von Vielen ersehnter Impfstoff wird wohl frühestens Anfang 2021 – falls überhaupt – zur Verfügung stehen (und dann wahrscheinlich von den üblichen Verdächtigen als „Zwangsimpfung“ abgelehnt), uns also dieses Jahr sicher nicht mehr helfen.

Mir sind seit dem ersten Lockdown Dutzende von Gigs flöten gegangen, darunter viele kleine, wo es hauptsächlich um Ruhm und Ehre geht, allerdings auch einige wirklich lukrative. Und der nächste Lockdown steht an. Denn schlimmer geht immer.

Einige wenige rührige Veranstalter (siehe diesen Beitrag >>>) und Gastronomen hatten sich die Mühe gemacht, trotz persönlicher Sorgen und finanzieller Engpässe zumindest hin und wieder mit all den Auflagen Live-Konzerte zu veranstalten, sogar im späten Herbst, wo ein Sitzen im Freien beim besten Willen keinem mehr zugemutet werden kann. Insbesondere mein Lieblings-Cafe im Südosten Nürnbergs hat mich trotz Corona mindestens einmal im Monat zu einem Abend mit Livemusik als Künstler eingeladen. Solange bis zum Spätsommer viele Gäste im vorgeschriebenen Abstand auf dem Bürgersteig vor dem Cafe einen Platz fanden, hat das für uns beide (also den Wirt und mich) recht gut funktioniert. Beim letzten Mal am 22.10. allerdings nicht so besonders.

Zwar waren alle wenigen Tische, die im korrektem Corona-Abstand gestellt sind, tatsächlich reserviert und auch von mindestens einem Pärchen besetzt, aber diese Gäste (fast ausschließlich Neukunden bzw. -Fans, was ja an und für sich prima ist) haben kaum etwas verzehrt. Der Künstler-Hut war zwar ordentlich gefüllt, nicht so aber die Kasse des Wirts. Wenn an zwei Tischen, welche wiederum jeweils mit zwei Personen besetzt sind, insgesamt um die 20 Euro am GANZEN ABEND umgesetzt werden, kann sich selbst jeder (Betriebs)Wirtschafts-Laie ausrechnen, dass das so nicht funktionieren wird. 

Dass ein Gast einen ganzen Abend lang an einem Getränk nuckelt, ist mir zuletzt in den 1970er Jahren aufgefallen, als wir als Mofa-Gang zu zehnt in unserer Vorstadtkneipe stundenlang ein (1) kleines Bier belagert hatten. Zur Abhilfe Eintritt zu erheben, ist nicht im Sinne des Erfinders, denn der Wirt Micha möchte keine Konzerte veranstalten, sondern seinen Gästen ein gehobenes Gastronomieerlebnis bieten. Das klingt jetzt etwas gestelzt, trifft aber den Punkt. Der Gast soll bei gepflegter Live-Musik in gemütlicher Atmosphäre einen schönen Abend mit seinen Freunden oder den übrigen Gästen verleben und dabei natürlich die leckeren Angebote der Gaststätte bzw. des Cafes genießen. Wenn er dann noch einen kleinen (oder mittleren) Obolus für den Künstler da lässt, entsteht eine Win-Win-Win-Situation.

In Nürnberg und Umgebung gibt es nicht zu viele Gaststätten, die ihren Gästen derlei regelmäßig bieten, wobei von diesen die meisten schon im März die Live-Saison abgebrochen und bis dato nicht mehr aufgenommen haben. Als Versuch wollte Micha für die nächste Veranstaltung erstmalig einen Mindestverzehr festlegen, was ich für richtig halte. Wahrscheinlich kostet mich das einiges an Spenden, aber wenn für das Cafe gar nichts übrig bleibt und sogar noch der allmächtigen GEMA ein Betrag gezahlt werden muß, dann würde ich es als Wirt lieber sein lassen. Und dann bleibt mir als Musiker… richtig, gar nichts.

Doch gottseidank haben wir ab November 2020 wieder einen Lockdown (was an diesem – wie bisweilen kolportiert – „light“ sein soll, konnte weder den Gastronomen noch den Kulturschaffenden vermittelt werden), wodurch die oben erwähnten Gäste noch mehr sparen können, da das Cafe schließen muss.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Risiken

Liebe Leser,

als ambulanter Jazz-Gitarrist war und bin ich (hoffentlich bald wieder) des Öfteren mit dem Auto zu diversen Veranstaltungsorten unterwegs. Und wie einst in meinen Zeiten als Nixdorf-Servicetechniker hatte es sich bewährt, ein paar Dinge permanent im Gepäckraum des Wagens zu deponieren. Statt wie einst einen kleinen Werkzeugkoffer und einige unabdingbare Ersatzteile für die nachrichtentechnischen Geräte, die ich wartete, sind es nun ein kleiner Transistor-Verstärker, ein Mikrofon, einige Stative und diverser Kabelkram, den ich mitführe. 

Weil mein Auto keinen Kofferraum im klassischen Sinn, sondern einen von außen einsehbaren Gepäckraum hat und mein AER-Alpha trotz seines biblischen Alters Begehrlichkeiten weckt, drappiere ich selbigen zumeist unter einer alten Decke, die mir schon in vielen Vorgängern meines aktuellen Autos dafür und für eine schnelle Unterlage diente, wenn man – zum Beispiel wegen einer Panne – auf blanker Straße unter sein Auto kriechen musste.

Ein wirklicher Schutz gegen einen insbesondere spontanen Aufbruch ist das natürlich nicht, aber besser als nichts. Doch nun habe durch Unachtsamkeit den Bogen überspannt. Ich habe nämlich eine komplette Packung Klopapier, die ich schon vor zwei Wochen ganz regulär im Supermarkt erworben hatte, für jedermann sichtbar im Auto herumgefahren. Und auch noch den Wagen auf öffentlichen Parkplätzen unbewacht herumstehen lassen!

Wer konnte denn ahnen, dass eine Rolle (nicht Packung) dreilagiges Toilettenpapier auf dem Schwarzmarkt gegen eine Stange (nicht Päckchen) Zigaretten getauscht wird! Es wird gemunkelt, dass Seniorengangs in finsteren Kellerlaboren mehrlagige Klopapiere aufrollen und dann in lockerer Wicklung als einlagiges Klopapier auf den Markt werfen, zu Wucherpreisen.

Als mir mein Fauxpas auffiel, habe ich das wertvolle Wirtschaftsgut unter meiner Decke versteckt und den zur Zeit geradezu wertlosen AER offen präsentiert. 

Natürlich würde beides zusammen unter die Decke passen, aber dann wäre ja die Schlusspointe dahin…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Pearls Before Swine

Liebe Leser,

klar, ich bin ein arroganter Sack! Wem meine Musik nicht gefällt, der hat ja schon per se keine Ahnung und überhaupt. Aber ich habe mich – ehrlich jetzt – gebessert. Es tut meistens nicht mehr weh, wenn mir Leute wohlmeinend auf die Schulter klopfen und mir mitteilen “Scho schäi, aber hald ned su meins!” Auf Hochdeutsch: Klang ganz nett, ist allerdings nicht mein Musikgeschmack. Am Freitag aber tat’s mal wieder weh. Zumindest ein bisschen…

Ich war wie im Vorjahr zum sogenannten “AbendRoth” als Künstler geladen, eine lange Einkaufsnacht mit einem bunten Rahmenprogramm unterschiedlichster Darbietungen, darunter auch diverse musikalische. Als Vertreter des unterhaltsamen Mainstream-Jazz trat ich an. Da meine Leib- und Magen-Saxophonistin Katja Heinrich lieber ihren … äh … runden Geburtstag feiern wollte (was eine lumpige Ausrede – die treulose Tomate), konnte ich den Regensburger Gitarristen Helmut Kagerer, den ich wie viele andere hervorragende Musiker auf den Erlanger Jazzworkshops kennengelernt hatte, zu einem Ausflug in die mittelfränkische Kreisstadt Roth bewegen. Helmut ist seit vielen Jahren eine echte Nummer auf dem internationalen Jazzgitarristen-Parkett und hat bis dato mit unzähligen Größen der Zunft auf Augenhöhe gespielt, unter vielen anderen mit Larry Coryell und Attila Zoller, um wenigstens etwas Namedropping an dieser Stelle zu betreiben. Nun also mal ein Job mit mir, was wirklich eine Ehre bedeutet.

Der Masterplan für unser Gitarrenduo waren zwei 1-Stunden-Sets an zwei Lokationen des AbendRoth, gefolgt von einem Ausklang in einer ortsansässigen Bar in der Nähe von Lokation 1. Nun muss ich allerdings betonen, dass das Organisationsteam der Stadt Roth alles richtig gemacht hat. Die Gage war ordentlich und alle offenen Fragen bezüglich Anreise, Parken und Ortswechsel wurden im Vorfeld zufriedenstellend beantwortet. Als wir (was bei der derzeitigen Verkehrs- und Baustellensituation nicht selbstverständlich ist) pünktlich am Spielort eintrafen, wurden wir umgehend von Mitarbeitern der Stadt Roth empfangen, eingewiesen und mit Getränke- bzw. Essensgutscheinen versorgt. Auch der Wirt des Bistros, in dem wir den Abend ausklingen lassen wollten, empfing uns freundlich mit einem kräftigen Kaffee und einem kleinen Bier zur Einstimmung auf den kommenden Abend.

Selbst das Wetter war gnädig und die letzten Strahlen der untergehenden Herbstsonne verhinderten das umgehende Einfrieren der Finger. Soweit also alles gut.

Ansonsten war das anfangs etwas spärliche Publikum von unserer hochklassigen Darbietung offensichtlich nur im Innersten begeistert. Gezeigt haben es die traditionell zurückhaltenden Rother zumindest ausgesprochen dürftig. Tröstlich, dass das am Marktplatz vor sich hin spielende Mädchenduett (E-Piano/Gesang) auch nicht besser einschlug, wenngleich deren Repertoire etwa 60 Jahre moderner war als das unsrige. Auch das vagierende männliche Duo aus Gitarre/Gesang und Cajón konnte das Publikum nur selten zu verhaltenem Applaus hinreißen. Wie wir nahmen es auch die Kollegen sportlich.

Heftig war allerdings der Absacker. Die gastgebende Kneipe war bei unserer Ankunft gegen 22 Uhr gut besetzt und von biertrinkenden Rock- und Bluesfans bevölkert, die sich mit ohrenbetäubender Lautstärke anbrüllten. Das war im Prinzip ganz und gar unnötig, denn die Grundlautstärke durch die Musik war nicht einmal übertrieben hoch, wurde aber im allgemeinen Konsens eben so praktiziert. Obwohl wir unsere 60er AERs fast bis zum Anschlag aufdrehten, waren wir in dieser Dezibel-Hölle kaum zu vernehmen. Dabei meinten es die Anwesenden nicht einmal böse, es interessierte sie einfach nicht, zumindest die überwiegende Anzahl. Helmut bewies dabei übrigens wahrlich Größe, denn er spielte ein brillantes Solo nach dem anderen (das ist jetzt extrapoliert, denn bisweilen konnte ich ihn – gerade mal einen Meter entfernt – tatsächlich nicht hören) und war bis zum (sehr späten!) Ende keine Sekunde unmotiviert und übellaunig. Ein Traum für jeden Sideman, ernsthaft.

Gegen Mitternacht hatten wir das akustische Gefecht entweder gewonnen oder die Leute waren einfach zu betrunken, um weiterhin aufeinander einzubrüllen. Man bat uns, etwas leiser zu spielen. Echt jetzt?

Neben den bereits erwähnten (allerdings wenigen) Fans gab es natürlich wieder diejenigen Zeitgenossen, die uns kameradschaftlich, aber bestimmt erklärten, dass sie – gegen unsere vorherige Ankündigung – am ganzen Abend (wir spielten immerhin von etwa 22:00 bis 0:30) KEINEN EINZIGEN Blues von uns gehört hätten. “Georgia On My Mind”, “Cry Me A River” und diverse andere, die wir erst ein paar Minuten vorher intoniert hatten, zählten nicht. Und wer würde einem kräftigen zertifizierten Blues-Spezialisten schon widersprechen, wenn dieser bereits seit 10 Stunden intensiv getankt hat. Wir jedenfalls nicht.

Als die beste aller Ehefrauen in den frühen 1990er Jahren in Köln studierte und ich in dieser Zeit mit ihr gemeinsam das Kölner Nachtleben unsicher machte, habe ich die allerorts teils spontan, teils geplante Livemusik in vielen Lokalen sehr genossen. Vielleicht trügt mich die Erinnerung und außer uns hat das schon damals keinen interessiert, aber ich denke, die Leute haben den teilweise exquisiten Musikern mehr Anerkennung entgegen gebracht, als das heute der Fall ist.

Beim Verfassen dieser Zeilen ist mir übrigens aufgefallen, dass ich mit einem sehr ähnlichen Lamento diesen Blog vor ein paar Jahren eröffnet hatte. Manche Dinge ändern sich eben nicht. Zumindest nicht so schnell.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Multitasking

Liebe Leser,

ach ja, lange nichts mehr von Euch gehört. Ich hoffe, es geht Euch allen gut! Moment – Ihr habt ja nichts von mir gehört. Danke der Nachfrage, es geht mir gut. Andererseits, wenn es nichts zu maulen gäbe…

Am Wochenende hatte ich wieder einmal gespielt. Gitarre, nicht Fußball, falls hierbei Unklarheit bestand. Und es war ganz allerliebst. Ein 50. Geburtstag, bei dem man mich auf Empfehlung samt meiner Saxophonistin zur Beschallung bis zum Beginn des Tanzvergnügens, welches etwa ab 22 Uhr angesetzt war, engagiert hatte. Für eine ordentliche Gage, bei sehr kurzer Anfahrt und geringem Aufbauaufwand (eine gar nette Wortschöpfung). Allerdings war meine erprobte Gesellin anderweitig an diesem Abend verplant, was sie mir aber etwas zu spät mitteilte, nämlich als ich den besagten Job schon fest als Duo zugesagt hatte. Da der Kunde ja eben nur ein Duo Gitarre-Saxophon und somit neben mir keine bestimmte Person gebucht hatte und Marc, ein erfahrener Musikerkollege aus der Nachbarstadt Erlangen, wieder einmal bereit war, auszuhelfen, erachtete ich es nicht für notwendig, diese Substitution dem Geburtstagskind mitzuteilen. Allerdings war auch Marc in Terminschwierigkeiten und kündigte von vorneherein an, die Feier gegen 19 Uhr zu verlassen. Da wir ja schon ab etwa 15 Uhr zu spielen hatten, hielt ich auch das für kein Thema, um den Kunden damit zu beunruhigen. Etwa vier Stunden Anwesenheit von uns zwei Hochkarätern sollte die komplette Gage ja durchaus rechtfertigen.

Etwas kritisch wurde die Angelegenheit, als der Kunde zwei Tage vor seiner Feier bei mir anrief, um nochmal kurz den Ablauf durchzugehen. Gemäß der neuesten Planung sollte nun unsere dezente, aber stets geschmackvolle musikalische Untermalung erst um 16:30 Uhr starten, dafür aber bis 21:30 gehen, was in Summe ja wieder in etwa den vereinbarten vier Stunden entspräche. Gut, es sind fünf Stunden, nicht vier, aber so genau wollte ich dann auch nicht rechnen. Wobei ich mich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im Geringsten daran erinnern konnte, was wir tatsächlich bei unserem ersten Telefonat ausgemacht hatten. Marc würde aber definitiv um 19 Uhr verschwinden, was mir nun zweieinhalb Stunden Sologitarre bescheren würde. Es half nichts, die Wahrheit über meine nicht gänzlich gelungene Ersatzplanung musste mitgeteilt werden.

Dies führte zu äußerst unangenehmen längeren Gesprächspausen am Telefon, die mich zusehends zum Schwitzen brachten. Ich entschuldigte mich für meine Informationspolitik und stimmte sofort zu, als der Kunde vorschlug, die Gage um ein Viertel zu kürzen.

Am Samstag war ich überpünktlich beim Aufbau, Marc kam zeitgleich an und wir haben durchaus ordentlich abgeliefert (Heinz Strunk). Das Geburtstagskind und die gesamte Zuhörerschaft waren begeistert oder zumindest -eindruckt (ich glaube, die Konstruktion funktioniert mit diesen beiden Verben nicht wirklich) und unsere Gage wurde sogar noch etwas nach erhöht. Einwandfrei!

Eine kleine Anekdote – welche auch den Aufhänger dieses Beitrags bildet – soll aber erzählt werden: Bereits innerhalb des zweiten Sets kam eine resolute Dame mittleren Alters zu uns, um mir (Marc kann ja in solchen Situationen in sein Horn blasen, so dass er eindeutig nicht in der Lage ist, zeitgleich zu sprechen) die Modalitäten eines baldigst folgenden Gesellschaftsspiels zu erläutern – selbstverständlich WÄHREND ich meine Finger für eine schnelle Version von “The Days Of Wine And Roses” verrenkte.

Mir ist übrigens aufgefallen, dass wirklich jeder Auftraggeber oder Veranstalter einer Musikveranstaltung grundsätzlich jede Unterbrechung der Musik SOFORT und nicht etwa NACH einem Song realisieren muss. Obwohl unsere Stücke kaum mehr als drei Minuten dauern, was nach etwa einer Stunde Spiel offensichtlich hätte sein müssen, kann das Ende des Stückes keinesfalls abgewartet werden, sondern die Gestalten auf der Bühne sollen sich bitteschön umgehend einen gefälligen und nicht zu abrupten Schluss mitten im Chorus einfallen lassen. Eine kalte Vorspeise kann eben innerhalb von Sekunden verderben, wenn das Buffet nicht zeitgleich mit dem Auftragen der letzten Platte eröffnet wird. Oder so ähnlich.

Die erwähnte Dame wollte allerdings nicht unseren Vortrag unterbrechen, sie wollte nur einige Dinge in Ruhe mit mir absprechen, praktischerweise, während ich gerade auf der Bühne stand. Meinen hervorgepressten Einwand, ich könne mich jetzt wirklich nicht konzentrieren (was nicht ganz der Wahrheit entsprach, aber ich fühlte in dieser Situation einen Erziehungsauftrag), quittierte sie mit hochgezogenen Augenbrauen und einem bösen Blick. Sie beschwerte sich ob meiner Unverschämtheit beim Gastgeber, welcher allerdings auf eine Rüge verzichtete.

Dies ist beileibe kein Einzelfall. Da ich in meiner Tanzkapelle nur Gitarre spiele und mich nicht am Satzgesang beteilige (warum auch immer…), bin ich für konversationsfreudige Menschen ein willkommenes Opfer. Da wird schon mal unwirsch vom Bühnenrand aus herangewunken um mir eine Programmänderung oder einen Musikwunsch mitzuteilen. Den logischen Schluss, dass die Gitarrentöne aus den Lautsprechern tatsächlich von dem Typen mit der Gitarre im selben Moment erzeugt werden, ziehen die Allerwenigsten. Der Höhepunkt in einer wirklich langen Kette solcher Vorkommnisse war es, als eine redselige Tanzlehrerin unseren Bandleader in eine Diskussion verwickeln wollte, während er den (durchaus tragenden) Bass spielte und zugleich die dritte Stimme eines Evergreens ins Mikrofon sang. Unfassbar!

Spiele ich solo vor einer überschaubaren Anzahl von Zuhörern, hör ich bei solcherlei Ansprache mit dem Spielen auf und quittiere das unvermeidliche, peinlich berührte “Sie hätten jetzt aber nicht aufhören müssen!” mit dem knappen “Offensichtlich doch. Was gibt es denn?”. Das hilft zumeist, solche Unterbrechungen für den Rest des Abends zu vermeiden.

An diesem Samstag trat zwischen meinen Einlagen auch noch der ortsansässige Gospelchor auf und sang dem Geburtstagskind mehrere Ständchen. Doch keiner der anwesenden Gäste wäre selbst während der drögen und nicht besonders anspruchsvollen Darbietung von “Oh Happy Day” auf die Idee gekommen, eines der Chormitglieder anzusprechen. Das macht man nur mit Musikern, denen man zutraut, neben hochkomplizierten Gitarrenpassagen locker ein Schwätzchen zu halten.

Permanent-Optimisten dürften demnach solcherlei Gedankenlosigkeit und Ignoranz als Kompliment an ihre musikalische Fertigkeit ansehen. Ich finde es einfach… äh… gedankenlos und ignorant.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige