Abgeschossen

Liebe Leser,

wenn Ihr nun diesen Text lest, dann ist es schon die dritte oder gar vierte Version. Immer wieder verwarf ich Passagen oder auch den ganzen Text, weil ich es einfach nicht vernünftig erzählen kann. Mann, bin ich sauer! Kurz gesagt habe ich noch immer gehörige Wut im Bauch, weil unsere Band abgeschossen wurde. Abgeschossen von einem Menschen, der sich in seiner begrenzten Wahrnehmung offensichtlich nicht vorstellen kann, dass die eigenen nicht vorhandenen musikalischen Fähigkeiten den anderen Mitgliedern eines Ensembles gehörig schaden können. Wovon spricht der Mann?

Wie bereits hier im Blog ausführlich geschildert, war ich nach langer Zwangspause (Corona, Ihr erinnert Euch?) über Ostern endlich mal wieder auf dem Internationalen Jazzworkshop in Erlangen. Und dort werden zu Beginn unter Leitung der einzelnen Dozenten Combos gebildet, die dann beim großen Abschlusskonzert einige Songs vor großem Publikum darbieten. Das habe ich in der Vergangenheit schon mehr als ein Dutzend mal mitgemacht und dabei allerlei erlebt. Ich halte mich also – auch dank meiner langjährigen Bühnenerfahrung – für nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen, zumindest auf der Bühne dieses Abschlusskonzerts.

Wie in vielen Jahren zuvor war ich Gitarrist in der Band von Romy Camerun. Und wir waren eine starke Band, die Romys stets anspruchsvolles Programm gut zu Gehör bringen hätten können, wenn da nicht, ja wenn da nicht diese Pianistin gewesen wäre. C. aus H. ist eine seltsame Person. Als Gott die Unmusikalität verteilte, hat sie offensichtlich mehrmals „Hier!“ geschrien, denn davon hat sie eine Menge abbekommen. C. war als Pianistin zum Workshop angereist. Das muss man schon wissen, denn aufgrund ihrer Befähigung auf dem altehrwürdigen Instrument wäre man da nicht drauf gekommen. Wir hatten ab der ersten gemeinsamen Probe Spaß. Nicht nur, dass C. die Vierklänge das Jazz nur rudimentär kannte, sie hatte auch keinerlei Timing oder ähnlichen unnützen Kram. Sie konterte unsere skeptischen Blicke nach einer mal wieder gänzlich verbotenen Performance mit geistreichen Bemerkungen in Richtung ihrer Rhythmusgruppe wie „Also, Richard hat jetzt aber nicht auf die 3+ eingesetzt!“ Angesichts ihres völligen Unvermögens, auch nur hin und wieder eine Time zu erwischen, blieb uns allen bei solchen Sprüchen regelmäßig die Spucke weg.

Nun meinte sie solcherlei wahrscheinlich nicht einmal böse, sie hatte tatsächlich nicht die geringste Ahnung von Musik, verpackt in eine immer eine Spur zu besserwisserische Art. Raue Schale mit hartem Kern, arrogantes Auftreten, dazu eine Prise Autismus. Na, wird schon schiefgehen… was es dann auch tat.

Während Romy den Rest der Band zu immer neuen Höchstleistungen trieb (wir waren bis auf eine weitere Ausnahme – die allerdings ein nettes Wesen hatte – auch ein ziemlich guter Haufen), mäanderte C. irgendwas auf ihren Keyboards. Wir hörten schon gar nicht mehr hin und freuten uns, wenn Romy, die nicht nur eine Weltklasse-Sängerin, sondern auch eine ausgezeichnete Pianistin ist, hin und wieder am zweiten Keyboard unterstützte. Und nach einer kurzen Woche, in der wir alle es tagtäglich aufs Neue verpassten, C. dahin zu schicken, wo sie hingehörte, also keinesfalls in eine Combo, kam der Tag des Abschlusskonzerts. Kleine Lades-Halle, großer Bahnhof, volles Haus, eine mächtige PA und C. am großen Steinway-Flügel!

Es kam, wie es kommen musste. Erster Song „I Didn’t Know What Time It Was“, gesungen von B., einer guten und erfahrenen Sängerin. Natürlich war der Songtitel für C. Programm. Sie setzte wirklich jeden einzelnen unserer Kicks auf die 4+, welche der Rest der Band äußerst präzise intonierte, daneben, wirklich jeden einzelnen. Im Solo (Scat/Gitarre) schmiss C. dann noch die Form (wobei das anhand der grotesken Akkorde, die ihre Hände in die Tasten hauten, gar nicht klar war – es hätte auch nur eine Anreihung falscher Akkorde sein können) und schoss B. und mich aus dem Song. Irgendwie hat jemand dann den letzten Chorus kommuniziert und wir brachten das Schiff kurz vor dem Untergang in den Hafen. B. war am Boden zerstört und C. hatte sich schon zu diesem Zeitpunkt Teeren und Federn verdient.

Als nächstes zerstörte C. das eigentlich nicht zu anspruchsvolle „Poinciana“, welches wir in moderatem Tempo als Bossa Nova spielen wollten. Die Sängerin K. (auch nicht gerade mit Musikalität gesegnet) schaffte tatsächlich den Einsatz, was den Rest der Band, die diesbezüglich allerlei Kummer gewohnt war, durchaus erfreute. Mitten in meine kurzen Solo (wann auch sonst) erschallten vom Steinway Akkorde, welche nicht zum aktuellen Abschnitt des Songs passten. C. hatte zwei Viertel verschmissen und spielte nun ihre eigene Form. Mein Solo löste sich im Nichts auf, wir brachten auch dieses Lied irgendwie zu Ende. Unsere Sängerin M. zog den Jackpot, da Romy beim folgenden „Summer Soft“ von Stevie Wonder die Tasten übernahm und wir – wer hätte es gedacht – diesen Song ganz großartig über die Bühne brachten.

Letzte Nummer, ein weiterer Song des großen Stevie Wonder; „Don’t You Worry About a Thing“ Am Gesang KB, eine hervorragende Sängerin, die mehr als einen Abend damit verbrachte, sich dieses Lied wirklich umfassend zu erarbeiten, insbesondere da unser Arrangement einige Fallstricke beinhaltete, die aber geil klangen – sofern man die Stellen richtig spielte. C. nahm den Titel erneut wörtlich und kümmerte sich wiederum um gar nichts. Nach dem holprigen Latin-Intro, welches nur durch Romys beherztes Mitklatschen einigermaßen in der Time blieb, zog C. noch einmal alle Register. Jeder, wirklich jeder, Kick, den Stimme, Bass, Schlagzeug und Gitarre präzise und knallhart spielten, wurde gefolgt von einem hinterhergehunzten „Pling“ aus der Richtung des Steinway. Das Lächeln gefror uns Übrigen auf den Lippen und jeder rechnete für sich durch, ob ein Jazz-affiner Richter bei Totschlag in diesem speziellen Fall wohl eine Bewährungsstrafe verhängen würde. Irgendwann war auch dieser Song zu Ende. Wahrscheinlich hat C. auch den allerletzten Kick daneben gesetzt, aber beschwören kann ich das nicht. Ich eilte nach kurzer gemeinsamer Verbeugung mit meinen geschundenen Bandkolleg:innen von der Bühne.

Bei der Suche nach den richtigen Worten für ein Resümee der gänzlich verbotenen Performance von C. und überhaupt ihres Verhaltens auf dem Jazzworkshop stieß ich auf meinen eigenen Text aus dem Jahr 2017, welchen ich – kein Witz – tatsächlich für eben dieselbe C. aus H. verfasst hatte, wenn ich auch vor fünf Jahren nicht mit ihr in einer Combo „dienen“ musste:

Neben vielen Talenten finden sich leider auch alljährlich ein paar Fälle, denen beim besten Willen nicht zu helfen ist. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es in irgendeiner Form auch nur die geringste Form der Einsicht gäbe. Oder wenigstens eine realistische Selbsteinschätzung. Es gibt nämlich gegen falsches Spiel ein patentes Rezept: Finger weg vom Instrument! Nun hat sich aber offensichtlich  in unserer schönen Zeit der Gedanke verbreitet, dass durch die Zahlung eines überschaubaren Geldbetrags jeder unmusikalische Trottel ein Anrecht darauf hätte, mit seinem stümperhaften Spiel in einem Jazzensemble zu glänzen, auch wenn er selbst nicht die geringste Ahnung von Musik hat. Da ja bekanntlich immer die Anderen schuld sind, nimmt man bei Songs, die trotz ihres überschaubaren Schwierigkeitsgrades definitiv die eigenen musikalischen Fähigkeiten überfordern, nicht etwa höflich die Finger von den Tasten, nein, die Welt hat sich um unseren verhinderten Musikus (das Maskulinum steht hier nur zur Vereinfachung des Satzbaus) zu drehen. Wenn schon die Einwürfe vom Klavier zur falschen Zeit, mit den falschen Tönen und selbstverständlich ohne jegliche Form (welche den organisatorischen Ablauf eines Liedes beschreibt, z. B. Strophe-Refrain-Strophe usw. oder z. B. AABA im Jazz) kommen, muss durch die Lautstärke und Eindringlichkeit des Geklimpers zumindest auch der Rest der Band aus dem Song fliegen. Totale Vernichtung. Und dann noch beschweren, wenn es keinem gefällt. Solch impertinenter Egoismus ist mir in den früheren Kursen nicht aufgefallen.

Zitat Ende. Wow! Ich unterschreibe jedes Wort noch heute. Toll formuliert, mein lieber Gige, muss ich schon sagen!

Ein Freund und ehemaliger Mitmusiker von mir war 2022 als Pianist auch erstmalig auf dem Workshop. Eigentlich ein guter Musiker und mit flinken Fingern gesegnet, hatte er auf dem Abschlusskonzert einen totalen Blackout. Zumeist war er einfach „lost“ und saß mit steinernem Gesicht am Steinway. Mir ist das auch schon passiert. Da ziehen sich die 20 Minuten ins Unendliche! Aber er hat NICHT irgendwas gespielt, er hat NICHT den Rest der Band aus dem jeweiligen Song geschubst. Er hat sich von daher sozial und in gewissem Sinne professionell verhalten. 

Anders C. In ihrer verdrehten Wahrnehmung hat sie die komplette Band abgeschossen, dabei in dem irrwitzigen Glauben, sie hätte im Großen und Ganzen eigentlich alles richtig gemacht. Als ich mit B. und J. nach unserem Auftritt im Foyer stand und wir unsere Wunden leckten, ich B. noch von der sofortigen Abreise und J. von einer spontanen Gewalttat abhalten konnte, gesellte sich C. zu uns und entschuldigte sich für ihr „etwas ungenaues Spiel“. Dass war derart absurd, dass wir in stiller Übereinkunft auf die eigentlich fällige Hinrichtung verzichteten. C. hat tatsächlich eine Wahrnehmungsstörung. Obwohl sie eine öffentliche Standpauke samt Vom-Hof-jagen-und-mit-Speiseresten-bewerfen verdient gehabt hätte, brachten wir als anständige Menschen solcherlei einfach nicht übers Herz. 

Aber, und das verspreche ich an dieser Stelle feierlich, ich werde NIE WIEDER C. gemeinsam in einer Combo mit mir zulassen und bei Rainer Glas auf ein lebenslanges Jazzworkshop-Verbot für C. aus H. drängen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Inside Jazz – Jazzworkshop Erlangen 2022

Liebe Leser,

natürlich kommt dieser Beitrag eine Woche zu spät. Angesichts meiner ohnehin dürftigen Beitragsdichte in diesem Blog seid Ihr ja Kummer gewöhnt, oder? Zur Sache:

Yeah, ich war da! Nach nunmehr drei langen Jahren Abstand hat der 40. Internationale Jazz Workshop in Erlangen nun (endlich, endlich!) über Ostern (Samstag 16. April bis Sonntag 24. April 2022) tatsächlich stattgefunden. Nach den Absagen 2020 (siehe hier >>>) und 2021 hatte der Workshop-Gründer und -Veranstalter Rainer Glas verständlicherweise angesichts einer drohenden dritten Absage schon die Schnauze gestrichen voll. Ich glaube, wenn der Workshop dieses Jahr wieder abgesagt worden wäre, hätte er hingeschmissen. Aber die Pandemie zog sich netterweise zumindest von ihrer Gefahr für mehrfach Geimpfte temporär etwas zurück und die allgegenwärtigen Lockerungen ermöglichten das durchaus beeindruckende 40. Jubiläum, eben mit zwei Jahren Verspätung.

Leider erforderte die dennoch allgegenwärtige und allein vom gesunden Menschenverstand gebotene Rücksicht auf die ja noch längst nicht besiegte Pandemie einige Änderungen der allgemeinen Workshop-Organisation, so dass einige liebgewonnene Rituale aktuell praktikablen Lösungen weichen mussten. Das beliebte Prozedere der Anmeldung zum Kurs (bei dem man bei rechtzeitiger Ankunft wirklich ausreichend Zeit hatte, seine lang vermissten Musikerkollegen und Freunde zu begrüßen) wurde einige Stunden nach vorne verlegt und die kurze Vollversammlung zum Kursbeginn wegen mangelnder Abstandsmöglichkeiten gestrichen. Dennoch war die Wiedersehensfreude nach der langen Zwangspause geradezu unbeschreiblich. Brigitte, Ursula, Jörg, Malte, Martin, Johannes… zwei Dutzend weitere. Mann, hatte ich Euch vermisst! Die Anmeldeformalitäten wurden durch Elke, der Partnerin von Rainer Glas, in Sekunden erledigt und der 40. Internationale Jazzworkshop Erlangen konnte beginnen! Traditionell mit einem leckeren Cappuccino aus dem Bistro der VHS, welches auch unter neuer Leitung (der allseits sehr beliebte Wirt ist leider 2020 verstorben) alle Wünsche der Kursteilnehmer erfüllen konnte.

Als Dozenten traten 2022 an:

Romy Camerun (Gesang), Bernhard Pichl (Klavier), Andrey Lobanov (Trompete), Jürgen Neudert (Posaune), Tony Lakatos, Rick Margitza und Hubert Winter (Saxophon), Patrick Scales (E-Bass), Rainer Glas (Fredless- und Kontrabass), als Ersatz für den leider erneut wegen Krankheit pausierenden Helmut Kagerer (schlechtes Timing, Helmut!) erstmalig dabei der Straubinger Gitarrist Andreas Dombert (Gitarre), Harald Rüschenbaum und – auch zum ersten Mal dabei – Carola Grey (Drums) sowie (erstmalig) Alberto Diaz (Salsa-Band).

Wiederum Corona-bedingt musste der bewährte Tagesablauf des Workshops angepasst werden. So fielen der morgendliche „Spaß für alle“ unter der Leitung des genialen Harald Rüschenbaum und die „Rhythm-Grooves“ sowie der Chor am Nachmittag aus, zum Einen mangels Angebot ausreichend großer Kursräume und zum Anderen der Tatsache geschuldet, dass die Dozenten ihre jeweiligen Kurse auf zwei kleinere Gruppen aufteilen mussten. Immerhin konnten gegen 13:30 Uhr die Kurse Harmonielehre I (Rainer Glas) und II (Bernhard Pichl) stattfinden, bei denen es aufgrund des großen Zuspruchs dann allerdings mit den obligatorischen 1,5 m Abstand zwischen den Teilnehmern dann auch etwas knapp wurde. Anmerkung: Seit vielen Jahren hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Rainers Harmonielehre-Kurs eher der für Einsteiger, der von Bernhard eher der für Fortgeschrittene sei. Nun, das kann man so und so sehen. Das Konzept der vier Erzeugerskalen (Melodisch-Moll, -Dur, Harmonisch-Moll, -Dur), welches Rainer erklärt, ist mindestens so tricky wie der Einstieg in die Stufen- und Funktionstheorie, welchen Bernhard lehrt.

Nach dem Instrumentalunterricht und der (selbstverständlich freiwilligen) Harmonielehre-Stunde geht es ab 15 Uhr in die jeweilige Combo. Nach 2018 war ich dieses Mal in alter Tradition wieder in der Combo von Romy Camerun, was wie all die Jahre zuvor ein im besten Sinne des Wortes unvergessliches Erlebnis war. Über unsere Performance beim Abschlusskonzert wird in einem separaten Beitrag noch zu sprechen sein.

Während die Einen nach ihrer jeweiligen Comboprobe noch zu Alberto Diaz in die Salsa-Band eilen, um dort unter der fachkundigen Anleitung des kubanischen Klaviervirtuosen einige (wer hätte es gedacht?) Salsas einzustudieren, genießen die Anderen ihr erstes Feierabendbier im lauschigen Innenhof der VHS. Und die ganz Eifrigen (ich, ich!) eröffnen schon um kurz nach 17 Uhr die Session im Cafe International, weil es um diese Zeit noch möglich ist, ein paar Nummern auch in ungewöhnlichen Besetzungen zu spielen, die vielleicht noch nicht so gut sitzen. Der einzige Wermutstropfen an dieser Location ist, dass die VHS und damit auch das Cafe um 21 Uhr schließt. Die Sessions im E-Werk dauerten oft bis nach Mitternacht und wurden auch von nicht zu wenigen Nicht-Kursteilnehmern besucht. Aber wie schon in den Vorjahren stand die Kellerbühne in der Workshopwoche eben nicht zur Verfügung, deshalb sei an dieser Stelle Schluss mit dem hadern, die VHS ist ja wirklich schön.

Am Freitag fand in der Kleinen Lades-Halle das Dozentenkonzert statt. Wieder einmal zeigten uns die Dozent:innen, was eine Harke ist. Natürlich haben alle fantastisch abgeliefert (bis auf Andreas Dombert, der an dem Abend leider nicht teilnehmen konnte, da er schon vor seinem Einspringen als Dozent anderweitig gebucht war), aber besonders hervorzuheben war das schöne Duett Camerun-Lakatos über den Standard „My Romance“. Beidseitige Impro mit Gesang und Saxophon von zwei Ausnahmemusikern – erste Sahne! Von Andreys Trompete und Carolas Drums klingeln mir zwar immer noch etwas die Ohren, aber das muss halt so. Ein toller Abend!

Am Samstag dann schließlich der Höhepunkt des Workshops, das Abschlusskonzert der Teilnehmer, wiederum in der Kleinen Lades-Halle. Traditionell eröffnet Harald Rüschenbaums Bigband gegen 17 Uhr das gewaltige Konzert, welches bis Mitternacht, also etwa sieben Stunden dauert. Wie in all den Jahren zuvor hatte es der Meister auch dieses Jahr wieder geschafft, den inhomogenen Haufen von Musikern in nur einer knappen Woche zu einem Klangkörper zu formen, bei dem das Zuhören wirklich Spaß machte. Hexenwerk!

Die nachfolgenden Combos lieferten durchwegs gute, bisweilen hervorragende Performances ab, wobei sich das Tempo gegen Ende zunehmend steigerte, da die letzten drei Bands die von Carola Grey (World-Music und Fusion), Alberto Diaz (Salsa) und Patrick Scales (Funk) waren. Über unseren Auftritt (Combo von Romy Camerun, Jazz & Soul) wird wie erwähnt noch gesondert berichtet. Erfahrene Kursteilnehmer nutzen den Abend des Abschlusskonzertes schon für die Verabschiedung, da viele Teilnehmer und auch Dozenten noch in der Nacht oder früh am Sonntagmorgen in ihre jeweilige Heimat zurückfahren müssen und es zu später Stunde am Samstagabend in Erlangen kaum möglich ist, sich in Ruhe in einer netten Kneipe zusammenzusetzen und den Workshop gemächlich ausklingen zu lassen. Daher lieber noch einen kleinen Drink und Plausch im Foyer der Lades-Halle. Das hat sich bewährt.

Zum Abschlusskonzert bekam Rainer Glas dann endlich seine wohlverdiente Geburtstagstorte (super-Idee, Brigitte, herzlichen Dank), welche ihm kurz nach der Eröffnung des Abschlusskonzerts einigermaßen feierlich überreicht wurde. Man kann ihm für sein jahrzehntelanges Engagement und seine unermüdliche Arbeit für diesen Workshop nicht genug danken. Viele Profimusiker haben sich auf dem Internationalen Jazzworkshop in Erlangen ihre ersten Sporen verdient bzw. danach ein Musikstudium oder ähnliches begonnen. Auch mein musikalisches Netzwerk besteht zum größten Teil aus Menschen, welche ich in Erlangen kennenlernen durfte. Rainer, bleib gesund und uns noch möglichst lange erhalten!

Alles in allem war es nach langer Pause wieder mal eine grandiose Woche, in der wir Teilnehmer jede Menge Jazz und auch Inspiration getankt haben, welche uns jetzt ein Jahr lang über Wasser halten soll, bis es an Ostern 2023 hoffentlich wieder heißt: Auf nach Erlangen! 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Haltung bewahren?

Liebe Leser,

es ist soweit, „endlich wird er mal politisch in seinem faden Blog“ werden sich angesichts des wieder einmal fantastischen Titels einige denken… aber nein, das werde ich nicht. Versprochen ist versprochen. Obwohl ich natürlich zur geradezu omnipräsenten Corona-Krise meine Meinung habe – und übrigens auch einen Termin für den Impf-Booster. Nein, in diesem Beitrag geht es darum, dass man eine jahrzehntelang praktizierte (offensichtlich sub-optimale) Haltung beim Gitarrespielen (ach, darum geht’s mal wieder…) letztendlich doch anpassen muss.

Nun verhält es sich so, dass klassische Gitarrist:innen die Instrumente auf dem linken Oberschenkel platzieren (und mit dem rechten abstützen), wobei sie dabei zumeist entweder das Bein mittels eines Fußbänkchen hochstellen oder die Gitarre mit einem Hilfsmittel etwas erhöhen. Oder auch ganz ohne Hilfsmittel, siehe Abbildungen links und Mitte.

Allerdings gilt die „klassische“ Haltung bei allen Nicht-Klassikern traditionell als „uncool“. Selbst die Bossa-Nova-Gitarristen mit klassischer Ausbildung wie zum Beispiel Luiz Bonfa oder Laurindo Almeida, welche zeitlebens Spanische Gitarren (also mit Nylonsaiten) spielten, platzierten ihr Instrument auf dem rechten Oberschenkel.

Da ich mit ebendieser Haltung und auch mit den anderen schlechten Angewohnheiten wie Losspielen ohne vorheriges Aufwärmen nun fast 50 Jahre ohne Komplikationen durchgekommen bin, hat sich eine gewisse Lässigkeit im Umgang mit solcherlei Kleinkram bei mir eingeschlichen. 

Nun begann vor etwa sechs Wochen (es war wohl nach dem letzten größeren Gig mit Joe Bawelino) mein linker Daumen zu schmerzen. Erst nur ein leichtes Ziehen, steigerte sich der Schmerz in den folgenden Wochen zunehmend. Zwei zwischenzeitliche Gigs, welche ich dann schon mit Stützmanschette am linken Gelenk spielte, waren der orthopädischen Gesamtsituation sicher nicht zuträglich. Nun halten bzw. hielten aber einige Jazzgitarristen (Joe Pass, Kenny Burrell, Joe Bawelino…) ihre Gitarren schon fast im 45-Grad-Winkel zur Horizontalen (übrigens auch zur Vertikalen), was ja prinzipiell ungefähr dem bei der klassischen Haltung entspricht. Wobei hier der Gurt die Stütze übernimmt, so dass sich die Frage nach dem richtigen Oberschenkel zur Lagerung gar nicht stellt. Das habe ich dann gleich mal ausprobiert.

Was soll ich sagen? Es funktioniert! Der Schmerz verzieht sich zusehends und kommt auch nach längeren Übungseinheiten nicht zurück. Also zumindest bis jetzt. Drei Dinge lassen sich daraus ableiten: 

1. Es ist nie zu spät, dazuzulernen 

2. Komplexe Probleme haben bisweilen triviale Ursachen 

3. Offensichtlich sind nicht zu wenige Gitarristen gestorben, bevor ihre Sehnen und Gelenke begannen, Schwierigkeiten zu machen

Mein alter Freund OM aus dem schönen Ostwestfalen hat mich als ebenso erfahrener Gitarrist allerdings darauf hingewiesen, dass auch eine klassische Haltung orthopädische Probleme bedingen kann (irgendwas mit „eingeschlafener Schulter“ oder so). Nun ja, wenn es wieder knapp 50 Jahre lang funktioniert, soll es mir Recht sein!

Dass ich allerdings seit einigen Tagen wegen Schmerzen am rechten Daumen (irgendwas am Nagelbett) keinen Daumenpick tragen kann, buche ich jetzt mal als Ironie des Schicksals…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

gitarre.blog

Liebe Leser,

seit nunmehr einigen Jahren habe ich alles Musiktheoretische und den Gitarristen-Fetisch-Kram aus diesem zu meinem Zweit-Blog Avanti Dilettanti bei Google ausgelagert. Ich will meine ohnehin überschaubare Leserschaft bei WordPress nicht auch noch damit langweilen. Dank der mächtigen Suchmaschine und ihrer globalen Vernetzung war dort die Anzahl der Besucher zwar größer als hier (ja, noch größer), aber Feedback oder gar Interaktion ebenso spärlich.

Nun bin ich aber im großen weiten Web auf Stefan Kornherrs schönen

gitarre.blog

gestoßen. Hach ist das schön! Ein optisch ansprechender Blog mit gut strukturierter Oberfläche und höchst interessanten Beiträgen. Sogar die Comics sind gut. Und tolle Podcasts gibt es auch noch. Die vorgestellten Künstler und Projekte sind allesamt hochklassig und auf internationalem Niveau.

Zwar liegt das Hauptaugenmerk von Stefan Kornherr auf der stets akustischen und zumeist klassischen Gitarre, doch auch der Fingerstyle kommt nicht zu kurz. Obwohl es auch Beiträge zur Bossa Nova gibt, ist allerdings der Jazz meines Erachtens etwas unterrepräsentiert. Das macht aber so rein gar nix, denn das ist ja nun mein eigentliches Metier! Durch eine kleine Spende in den virtuellen Gitarrenkoffer kam ich mit dem Blogherrn© ins Gespräch und wir schrieben uns einige Male. Nun, um es kurz zu machen: Ich werde meine Aktivität auf Avanti Dilettanti zugunsten von regelmäßigen Gastbeiträgen bei gitarre.blog einstellen. Ein erster kleiner Artikel von mir ist dort bereits zu lesen. Ein echtes Interview gibt es baldigst!

So denn, lasst uns ohne großes Tamtam Avanti Dilettanti begraben. Es lebe gitarre.blog! Und ganz nebenbei: Eindimensionale Text-Blogs wie hier der meinige bei WordPress, so ohne Video und Podcast, liest eh kaum noch jemand. Seufz.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Das tapfere Schneiderlein II

Liebe Leser,

in meinem Beitrag vom 03.08.2021 (hier >>>) habe ich Helge Schneider für seinen Konzertabbruch beim Strandkorb-Open-Air in Augsburg kritisiert. Und ich will es offen sagen: Ich rudere zurück!

Inzwischen hat er in vielen Medien dazu Stellung genommen, sich gegen die Vereinnahmung durch Kwer- und sonstige Nicht-Denker verwahrt und schriftlich sowie auch live im Gespräch seine Beweggründe für den besagten Abbruch erklärt. So auch in der Sendung „Die Woche“ bei Sandra Maischberger, nachzusehen hier >>>. Und dort hat Helge Schneider völlig sachlich, ohne seine übliche Ironie und den bisweilen nervigen Klamauk, den Verlauf des Konzerts und eben den Abbruch geschildert. Anstrengend war in dieser Sendung übrigens nicht Helge Schneider, sondern die etwas auf Krawall gebürstete Moderatorin, die Helge Schneider nicht zu selten das Wort bzw. den Satz abschnitt um ein vermeintlich provokante Frage oder eine (ebenso vermeintlich) witzige Pointe zu setzen. Helge Schneider ging wirklich professionell und höflich mit Frau Maischberger um, die mich früher übrigens nicht so genervt hat. Vielleicht liegt das an meinem fortgeschrittenen Alter? Nun zu seiner Sicht der Dinge beim Konzert in Augsburg:

Sehr gestört hatte ihn die etwa sechs Meter hohe Bühne, welche in weitem Abstand (mit Straße und Zäunen zur Abtrennung) vor den mit 2 m Abstand platzierten Strandkörben stand. Den Vorwurf (auch aus meiner Feder), er hätte das Konzept des Veranstalters ja bereits gekannt, konterte HS übrigens durchaus plausibel mit: „Ja mein Agent schon. Aber ich les das doch nicht immer alles.“ Wer macht das schon?

Zwischen den Absperrungen wuselten unablässig Kellner mit Plastiktüten hin und her, welche HS allerdings nicht als solche erkannte und die sich auch nach mehrmaliger Ansprache von der Bühne herab nicht als solche zu erkennen gaben. Helge Schneider hielt sie allesamt für verspätete Konzertbesucher, was ihn dann zunehmends mehr erzürnte. Über all das Geschilderte kann man mein Argument des letzten Beitrags anbringen, dass ein Profi derlei schon mal für die Dauer eines (eventuell etwas kürzeren als üblich) Konzerts ertragen kann. Dann allerdings fügte er noch die Schilderung vom Verhalten zweier Security-Leute hinzu, welche mich dann doch dazu gebracht hat, meine Einschätzung zum Konzertabbruch zu überdenken. Die beiden hätten sich vor der Bühne rauchend angeregt unterhalten, an der Darbietung völlig desinteressiert und stets mit dem Rücken zum Künstler. Und DAS ist mir vor einigen Jahren auch schon bei einem Gig widerfahren. Mitten zwischen den interessiert lauschenden Gästen ein Assi-Pärchen, welches seinen Beziehungsstreit lautstark und mit dem Rücken zu mir austrug. Das hat mich derart genervt, dass ich das Set abgebrochen habe und erst weiterspielte, als der Wirt die beiden aus der Kneipe entfernt hatte. Rücken zum Künstler geht gar nicht! Ich glaube, es gibt kaum etwas nervigeres als solche Menschen.

Natürlich sind das unterbezahlte Aushilfs-Sheriffs, die nur ihren Job machen und natürlich werden die kein gesteigertes Interesse an gutem Jazz und mittelguten Kalauern haben. Aber der permanente Blick auf den Rücken von Anwesenden macht dich als Künstler wirklich mürbe. Was soll man in diesem Fall auch tun? Die werden für das Rumstehen bezahlt und nicht dafür, dass ihnen die Darbietung gefällt. Und die Höflichkeit, zumindest hin und wieder dem Künstler durch kurzes Zunicken, einen kleinen Beifall oder zumindest den sporadischen Blick in Richtung Bühne etwas Aufmerksamkeit zu schenken, besitzen solche Leute eben nicht. 

Seine Aussage im Moment des Abbruchs, das System sei sch… war eindeutig auf das Konzept des Veranstalters und nicht auf die aktuellen Corona-Maßnahmen bezogen, so dass die ganze Mischpoke der Kwerdenker sich keine Hoffnung auf die Vereinnahmung seiner Person machen dürften. Also Helge, sorry, ich rudere zurück. Ich hätte (und habe) auch abgebrochen.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Als Höfner eine L-5 baute

Liebe Leser,

meine Meinung zur Lage der Nation in Corona-Zeiten habe ich an dieser Stelle nun wirklich oft genug kundgetan. Harren wir des nächsten Lockdowns und reden zwischendurch mal von angenehmeren Dingen. Wie wäre es mit Gitarren?

Das ist eine (meine!) Höfner AZ Standard, wobei das AZ für den berühmten Gitarristen Attila Zoller steht, für den Höfner dieses Instrument gebaut hatte. Die ganzen Experten sprechen davon, dass nur etwa 80-90 solcher Gitarren das Werk in Bubenreuth zwischen den Jahren 1982 und 1991 verlassen hätten… nun ja, meine hat die Seriennummer 96. Dann waren es vielleicht doch an die 100.

Der Erwerb dieser Gitarre war eher unspektakulär. Ich ging etwa 1990/1991 in den Gitarrenladen meines Vertrauens und testete einige Jazzgitarren an. Ich war seit ein paar Monaten „in Behandlung“ (ich hatte Unterricht) bei dem Nürnberger Gitarristen Roli Müller, der mir die ersten Jazzstandards zeigte und auch so eine Höfner spielte, wie sie da vor mir an der Wand hing. Und weil Roli so unglaublich gut auf dieser Gitarre klang (und noch klingt), kaufte ich mir eben dasselbe Modell. Ich hinterließ so um die 2400 DM und war stolzer Höfner-AZ-Standard-Besitzer.

Die Geschichte hätte beinahe ganz anderen Verlauf genommen, denn wenige Tage nach dem Erwerb begann sich das Binding an einer Stelle (siehe unten) zu lösen. Vielleicht war es in diesem Bereich nicht ordentlich verleimt.

Das darf bei einem Instrument der Oberklasse (zumindest aus Sicht des damaligen Höfner-Angebots) nicht passieren. Matt von BTM-Guitars schickte die Gitarre umgehend an Höfner zurück, mit der Aufforderung, diese zu reparieren. Er bot mir aber auch an, eventuell ein anderes Instrument aus dem reichhaltigen Angebot stattdessen mitzunehmen. So spielte ich die damals vorrätigen Gitarren, blieb kurz bei einer Gibson Lucille (eine populäre Gibson ES-335-Variante) hängen, entschied mich aber dann doch, die paar Tage auf die Rückkehr der AZ zu warten. Das war eine meiner besseren Ideen.

Als ich die Gitarre etwa eine Woche später wieder erhielt, war die betreffende Stelle repariert, und zwar so gut, dass wirklich nicht die geringste Spur zu erkennen ist und ich mich heute daher auch nicht mehr daran erinnere, wo genau sich das Binding gelöst hatte. So muss das!

Die AZ wuchs mir sofort ans Herz und ist inzwischen seit etwa 30 Jahren eines meiner Hauptinstrumente. Ich spielte sie sehr bald bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten. Und ich kam und komme mit dieser Gitarre einfach hervorragend zurecht.

Inzwischen habe ich doch schon eine große Anzahl an Jazzgitarren gespielt und kann Vergleiche anstellen. Man merkt deutlich, dass Höfner zusammen mit Attila Zoller versucht hat, ein Gegenstück zur bis heute geradezu allmächtigen Gibson L-5 zu erschaffen. Und obwohl ich wirklich ein großer L-5-Fanboy bin – sie sind wirklich nah heran gekommen!

Die Höfner AZ Standard hat eine massive Fichtendecke. Der Boden und die Zargen sind ebenfalls massiv aus Ahorn gefertigt. Im Gegensatz zum anderen Attila-Zoller-Modell Framus AZ10 (von der ich bis dato nur eine Wiederauflage aus dem Jahr 2012 in der Hand hatte, welches mich überhaupt nicht begeisterte), besitzt die Höfner einen runden (venezianischen) Cutaway. Den spitzen nennt man übrigens florentinisch. Auch der Tonabnehmer wurde in Zusammenarbeit mit Attila Zoller von der Firma Shadow entwickelt und heißt dementsprechend Zoller-Pickup. Er ist nicht auf die Decke geschraubt (was ich ohnehin nicht so gerne mag, siehe unten), sondern am Griffbrett „schwebend“ (engl. floating) montiert. Ich habe ihn auf zwei meiner Gitarren installiert. Er hält von seinem Klang locker mit der  Konkurrenz aus USA mit.

Der Body hat mit 16 Zoll „Bauch“-Breite für mich persönlich das ideale Maß, nicht zu klein und nicht zu groß. Ich besitze zwei Gitarren mit 17″ Korpus – das ist schon manchmal etwas sperrig.

Das Griffbrett ist aus Palisander gefertigt, ebenso das handgeschnitzte Schlagbrett. Das erwähnte Binding (der Kunststoff-Schutz an allen Kanten) ist aufwändig und tatsächlich auch in den F-Löchern vorhanden. Das ist nun allerdings Geschmackssache und aus rein optischen Gründen so. Was genau soll denn da geschützt werden?

Was mir bis heute nicht so gefällt, sind die direkt in die Decke gebohrten Potis zur Lautstärke- und Klangregelung. Viele Gitarrenbauer (zum Beispiel der Augsburger Stefan Sonntag) platzieren die Potis auf dem Schlagbrett, so dass die Decke möglichst frei schwingen kann. Das ist bei Einsatz eines Floating-Pickup eigentlich auch konsequent.

Dieses hochwertige Instrument ist in den letzten 30 Jahren im Ranking der Jazzgitarren hoch gestiegen und wird inzwischen weit über dem damaligen Preis gehandelt. Mir ist dieser Sachverhalt erst in den letzten Jahren wirklich bewusst geworden. Bis dahin hatte ich die AZ eher als Gebrauchsgitarre für den Tanzmusik-Gig zwischendurch (neben der obligatorischen E-Gitarre) eingesetzt. Inzwischen behandle ich die Dame etwas respektvoller…

Die Höfner AZ Standard ist eine hochwertige Archtop mit einem warmen, holzigen (was als Kompliment gemeint ist) elektrischen Sound. Sie ist unglaublich „touchy“ und läßt auch mehrstündige Jazzsessions zu. Der etwas triste akustische Sound gibt einen halben Punkt Abzug in der B-Note. Ansonsten: Eine Traumgitarre!

Da war ich nun seit Jahrzehnten auf der Suche nach „meiner“ L-5 und hatte den nahezu vollwertigen Ersatz schon die ganze Zeit neben mir stehen… Sachen gibt’s!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Das tapfere Schneiderlein

Liebe Leser,

der Konzertabbruch des allseits geschätzten Multiinstrumentalisten Helge Schneider beim Strandkorb-Open-Air in Augsburg liegt nun schon einige Tage zurück (23.07.2021). Dennoch gebe ich heute auch noch meinen Senf dazu ab. Und hier möchte ich an dieser Stelle wie der Kopf des äußerst unterhaltsamen Kanals „Moviepilot“ Yves Arievich betonen (und das gilt stets für alle meine Beiträge): Dies ist nur meine persönliche Meinung! Ihr habt eine andere? Kein Problem, schreibt es mir in die Kommentare. Wir können alle Freunde bleiben! Zur Sache:

Ich selbst bin und war nie ein besonderer Helge-Schneider-Fan. Er ist nicht uncool, aber von vielen überschätzt. Insbesondere diese Multiinstrumentalisten-Sache. Klar, er spielt Klavier und Orgel auf professionellem Niveau, aber alles andere ist zumeist nur eben Spaß am Herumdudeln. Was ich an ihm bewundere, ist, dass er seit Jahrzehnten sein Ding durchzieht, sich dabei einen Scheiß um den aktuellen Zeitgeist schert und unverdrossen den Jazz auf die Bühne bringt. Was ich an ihm nicht so mag, ist, dass er an eigentlich gelungenen Formaten schnell den Spaß verliert und selbige dann hinschmeißt. So geschehen zum Beispiel mit „Helge hat Zeit“ im Jahr 2012/2013. Und eigentlich ließ er es sich in den beiden Sendungen, die er dann durchgezogen hatte, heftig heraushängen, dass er weder vor dem Aufwand, welchen der WDR betrieben hatte, noch vor seinen jeweiligen Gästen wirklich Respekt hatte. Sei’s drum.

Nun ist der Helge allerdings auch ein Mensch wie wir alle und braucht es, das Geld. Gemäß Wikipedia hat Helge Schneider sechs Kinder mit vier Frauen. Ich denke mal, das kostet. Und so hat er für eine Reihe von sogenannten Strandkorb-Konzerten zugesagt, von denen er zumindest das erste noch absolviert hatte. Letzteres meine ich mitbekommen zu haben, man findet inzwischen kaum Spuren bereits vergangener Konzerte. Sprechen wir über Augsburg.

Nun kann ich mir aus eigener Erfahrung sehr gut vorstellen, dass einem Improvisations-As (das muss man ihm lassen) wie Helge Schneider ein permanentes emsiges Gewusel vor der Bühne bzw. zwischen den Strandkörben auf die Nerven geht. Der Veranstalter bot den Gästen wohl eine Bewirtung am Platz nach Bestellung per App. Ich habe schon allerhand Bedienungspersonal auf den unterschiedlichsten Veranstaltungen kennengelernt und weiß, dass diese Menschen auch nur versuchen, ihren zumeist schlecht bezahlten Job zu erledigen. Die jeweilige Darbietung auf der Bühne geht ihnen in den allermeisten Fällen am Allerwertesten vorbei. Solltest Du, lieber Leser, aus der Branche stammen und dies anders sehen, mögest Du gerne die Ausnahme sein. Mein persönlicher Feind ist ja der Milchaufschäumer. Die Lautstärke meines jeweiligen Songs und der akustische Aufwand zur Herstellung der aktuell bestellten Getränke sind generell indirekt proportional.

Das ist unschön, aber nicht generell zu ändern. Wenn es besonders stört, muss man eine Pause einlegen und den Sachverhalt mit dem Veranstalter bzw. Wirt klären. Wobei hier das Wort eines Helge Schneiders sicher mehr Gewicht hat, als beispielsweise meines. Bei besonders renitentem Personal half bisweilen die dem Chef vorgetragene Rechnung, wieviel man auf der jeweiligen Veranstaltung noch an Speisen und Getränken umsetzen kann, wenn sich die Band von jetzt auf gleich verabschiedet. Nebenbei sei noch festzuhalten, dass zur Zeit ja auch die Veranstalter sehr kreativ sein müssen, um überhaupt irgendeine Veranstaltung durchziehen zu können. Da erweist sich schon einmal die ein oder andere Idee im Nachhinein als nicht so gelungen (permanente Bewirtung am Platz oder so), aber solches weiß man erst hinterher. Dass besondere Umstände (die unselige Corona-Pandemie) auch besondere Maßnahmen erfordern, hätte der wirklich bühnenerfahrene Schneider wissen können.

Nicht besonders professionell finde ich es allerdings, wenn man nach einer Stunde Konzert feststellt, dass einen die Bedingungen jetzt doch zu sehr nerven und dann abbricht. Die Reaktionen des Augsburger Publikums waren hierbei gespalten. Die eine Hälfte sieht das offensichtlich so wie ich, die andere Hälfte haben Verständnis für den Meister, loben sogar sein Verhalten als „Statement“. Ok, die bejubeln es auch, wenn Helge eine Portion Pommes (rot-weiß) auf der Bühne verzehrt…

Ich sehe das so: Man spielt halt die vertraglich festgelegte Dauer, wegen mir auf Sparflamme, und macht sich dann zügig vom Acker. Das hat jeder Live-Musiker bestimmt schon mehr als einmal gemacht. Aber man bringt es zu Ende. Um es wie so oft mit Heinz Strunk zu sagen: Man liefert ab! Wenn Helge Schneider das nicht nötig hat, ist es gut für ihn. Ich kenne haufenweise gute Musiker, die hätten es nötig, kriegen aber die Jobs nicht.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Sommer Session Oberhaid 2021

Liebe Leser,

ein Lichtblick in düsteren Zeiten! Herrje, ich verwende seit nunmehr 16 Monaten die immergleichen Floskeln, sorry! Am letzten Samstag, 10.07.2021 fand an geheimer Stelle im schönen Oberfranken wieder die legendäre Sommer Session Oberhaid statt. Gut, der Ort ist nicht geheim, aber exakte Lokation ist nicht öffentlich bekannt. Denn wie schon im Vorjahr konnte das üblicherweise wirklich gewaltige Open-Air nicht mit Publikum vor Ort stattfinden, sondern wurde coronabedingt als Live-Stream in YouTube und Facebook übertragen.

Das musikalische Zentrum bildet hierbei die Truppe aus Musikern alter und aktueller Bands rund um den Sänger, Gitarristen, Mundharmonikaspieler, Schlagzeuger und Mundtrompetenspieler Gerhard Förtsch (der Mann, der die Sommer Session gegründet hatte, der das ganze Projekt jedes Jahr auf die Beine stellt, der den Veranstaltungsort zumindest für die Stream-Sessions stellt, der Sponsoren wirbt, der zusammen mit seiner Frau Erika für das leibliche Wohl aller Anwesenden sorgt, der moderiert und auch noch einige Songs mitspielt… was habe ich noch vergessen? Er ist halt das Herz der Session!), den Sänger und Gitarristen Philipp Arnold, den Keyboarder und Sänger Marc Dotterweich, den Bassisten Robert Wild und den Schlagzeuger Jürgen Stahl. Diese fünf gestandenen Musiker beherrschen allesamt ihre Instrumente hervorragend. Phillip „Fips“ Arnold muss ich aber besonders hervorheben, weil er wirklich herausragend gut Gitarre spielt und dies ist eben mein Metier. Seit vielen Jahren mischt der Produzent und Komponist Stefan Krug den Sound sowohl am Pult des Open-Airs wie auch in den letzten zwei Jahren im Regieraum des Livstreams.

Die Session-Band ist mit fünf Musikern (Gitarre, Gitarre, Keyboard, Bass, Schlagzeug) komplett besetzt und liefert das Rahmenprogramm zur Session, welche in normalen Jahren schon mal gute sechs Stunden dauert, wobei hier jede Menge Gäste solo, mit dem eigenen Ensemble oder eben zusammen mit der Session-Band auftreten. Dieses Jahr waren als musikalische Gäste geladen: Die Band Palacity, der Gitarrist Wolfgang Rosenbusch, Leoni Rosenbusch, Eva Arnold, Simon Arnold, Sophie Dirkea, Alexis Madokpon mit Percussionspartner, Pieter und Beate Roux sowie meine Wenigkeit im Duo mit dem Gitarristen Joe Bawelino.

Aus dem Vorjahr war mir der Freitag vor dem eigentlichen Sessiontag in bester Erinnerung, weil es zum Einen eine große Freude ist, die ganzen Musikerkollegen endlich mal wieder in Persona zu treffen und man sich zum Anderen so in lockerer Atmosphäre mit der doch recht opulenten Video- und Audiotechnik vertraut machen kann. Zudem kann dann der Mixer schon mal die ganzen Einstellungen speichern und muss nicht während des Streamens groß nachregeln.

Aber – es wäre auch nach einem Jahr Pandemie zu einfach gewesen – am letzten Freitag wurde offensichtlich das komplette Frankenland von Wolkenbrüchen überschwemmt, so dass der Soundcheck buchstäblich ins Wasser fiel. Aber am Samstag hatte Petrus ein Einsehen (oder Gerhard Förtsch hat da wirklich einen heißen Draht in den Himmel), wir hatten ab Vormittag bis spät in den Abend gutes und vor allem trockenes Wetter!

Zusammen mit Joe Bawelino kam ich am frühen Samstagnachmittag in Oberhaid an und war zwar nicht überrascht (ich kannte ja den gewaltigen Aufbau aus dem Vorjahr (wie hier >>> nachzulesen ist), aber doch wieder geradezu überwältigt vom Aufwand und auch von der durchgehend professionellen Arbeit, den das junge Team um Thomas Förtsch (den Sohn des Sessiongründers) leistete. Wie schon in all den Jahren zuvor fällt da selbst in der etwas hektischen Zeit kurz vor Beginn der Session bzw. eben vor Beginn des Streams nie ein unfreundliches Wort, obwohl es für die Sound-, Licht- und Videotechniker wirklich nicht einfach ist, es zwei Dutzend Musikern recht zu machen.

Ach ja, musiziert wurde auch! Gereicht wurde Indie-Rock (Palacity), Rock, Blues, Folk und Pop (Session Band und Dust Bowl, mit den Gästen Wolfgang Rosenbusch (git), Leoni Rosenbusch (voc), Eva Arnold (voc), Simon Arnold (dr) und Sophie Dirkea (voc)), African Music (Alexis Madokpon), Oper und Musical (Pieter und Beate Roux) sowie Sinti-Swing (Bawelino & Brunner). Und alle haben sich mächtig ins Zeug gelegt und wunderbar gespielt bzw. gesungen. Wer Samstag nicht live dabei war, kann den Stream hier >>> nochmals gucken.

Wie die Auswertungen ergaben, haben sich wieder mehrere Tausend Menschen den Stream auf Youtube und Facebook angesehen. Es gab mehr als eine Garten- oder Grillparty, auf der die Session gesehen oder zumindest gehört wurde. Ich habe heute schon von mehreren Seiten Grüße und auch Fotos erhalten (ein Public-Viewing fand im großen Kreis im Schwäbischen statt – Grüße nach Backnang!), wo Freunde und Fans den gelungenen Stream lobten.

Ja, und der Gerhard! Da ist es am einfachsten, ich zitiere meinen eigenen Beitrag aus dem Jahr 2020, denn er stimmt auch für die Session 2021: Gerhard Förtsch führte witzig, locker und stets charmant durch den Abend, wobei er Moderation, Organisation und auch seine musikalischen Beiträge virtuos im wahrsten Sinne des Wortes „über die Bühne“ brachte. Eine gewaltige Leistung! Gerhards gute Laune ist übrigens ansteckend! Wir haben zu später Stunde resümiert, dass in all den Jahren (es sind mehr als 20, von denen ich nur die letzten 10 mitbekommen habe) noch kein böses Wort zwischen den Teilnehmern, Musikern und dem Team gefallen ist. Das ist der Hammer!

Und mit der Erfahrung des letzten Jahres im Rücken konnte Gerhard Förtsch auch den Abend trotz des ganzen Stress selbst genießen. Wenn Ihr Euch seine musikalisch immer gelungenen Performances anschaut, denke ich, man sieht ihm das an!

Auch mein Schlusswort kopiere ich gerne an dieser Stelle: So war die Sommer Session Oberhaid 2021 auch in (leider immer noch) finsteren Corona-Zeiten ein echtes Highlight. Auch wenn wir natürlich alle hoffen, im nächsten Jahr wieder vor leibhaftigem Publikum spielen zu können, war die diesjährige Session wieder ein echter Knüller. Zappt mal rein, vielleicht springt der Funke auch von der Konserve über. Hier nochmals der Link zu YouTube >>>

Wie sieht es 2022 aus? Mal wieder vor 1000 leibhaftigen und durchgeimpften Zuhörern? Wäre auch mal wieder schön!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Reverse Engineering

Liebe Leser,

wenn ich mir die Mühe gemacht habe, einen populären Jazzstandard als Fingerstyle-Solo-Tune zu arrangieren, so bin ich zumeist gezwungen, dies dann im Nachhinein schriftlich festzuhalten. Ab – sagen wir mal – 200 aufbereiteten Songs beginnt auch das beste Gedächtnis bisweilen zu streiken. Insbesondere, wenn man aufgrund einer Pandemie monatelang sein Repertoire nur noch spielt, „um nicht einzurosten“. Als sehr hilfreiches Tool hat sich hierzu die Software Guitar Pro erwiesen, deren aktuelle Version 7.5 bei Europas größtem Musikhaus, dessen Name nicht genannt werden muss, für schlappe 65,- € zu haben ist.

In Guitar Pro kann man die Töne sowohl in Noten- wie auch in Tabulaturzeilen direkt eingeben (auch per Midi, was ich aber nicht nutze), so dass ich zumeist mein Head-Arrangement direkt eintippen kann, ohne dafür die Gitarre überhaupt in die Hand nehmen zu müssen. Der Song kann jederzeit über die Soundkarte abgespielt werden, so dass das Arbeitsergebnis stets überprüfbar ist.

Wenn man ein Arrangement sozusagen „in Erz gießt“, sollte man es bei dieser Gelegenheit gleich einmal gegen das Realbook überprüfen. Dabei offenbart sich bisweilen Erstaunliches. Manchen Ton oder manche Notenlänge hatte ich mir offensichtlich bei der Erarbeitung des jeweiligen Songs nicht richtig gemerkt oder eben falsch antrainiert. Die Grifffolge, welche mir eben noch äußerst plausibel erschien, habe ich offenbar bei jedem Live-Gig „hingebogen“, denn die Finger wollen während des (Probe-)Spiels gar nicht an die Positionen, die ich in Guitar Pro notiert hatte.

Andererseits entdeckt man auch Hürden im Sheet, die man offenbar lange Zeiten einfach vermieden hatte. Ok, ganz ehrlich, wenn man sich wegen einer vorgezogenen Achtel die Finger verbiegen muss, modifiziere ich großzügig die Melodie. Ich gehe auf die 60 zu, ich darf das. Insbesondere, wenn es wie üblich ein Solo-Arrangement ist. Dennoch korrigiere ich natürlich Fehler und Ungenauigkeiten und passe die Akkord- bzw. Basslinien entsprechend an. Obwohl ich den jeweiligen Song bisweilen schon jahrelang im Repertoire habe, dauert dann so ein Update auf der Gitarre schon mal ein (oder mehrere) Dutzend Durchgänge, bis der Standard wieder sitzt.

Letztendlich erzeugt die Eingabe in Guitar Pro zum Einen ein bleibendes Zeugnis der eigenen Arbeit (ist aber wesentlich entspannter als das Kritzeln mit Federkiel auf Papierfetzen), zum Anderen eine frisch überarbeitete Version (und natürlich ein Leadsheet) eines Liedes, welches man ab diesem Zeitpunkt wieder live darbieten kann.

Das Schöne ist nämlich, dass man in Guitar Pro nicht nur Gespieltes eingeben, sondern auch Eingegebenes spielen kann!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Die Verschulung des Jazz

Liebe Leser,

auf Zeit-online habe ich soeben einen Artikel über die Sendung zur Verleihung des Deutschen Jazzpreises gelesen. Diese Veranstaltung, im Artikel übrigens mit gloriosen Sätzen wie „Nun, keine Sorge. Bei der fernsehgerechten Übertragung der erstmaligen Verleihung des Deutschen Jazzpreises verhindert eine unsichtbare Regie, dass viel Jazz gespielt wird“ kernig zurechtgestutzt, ist aber gar nicht Inhalt dieses Beitrags, Wobei man sich wie der Autor Ulrich Stock schon fragen darf, warum von der 1.000.000 € der Kulturstaatsministerin Grütters nur summa summarum 310.000 an die jeweiligen Preisgewinner ausgeschüttet werden (10.000 pro Person). Das nenn ich mal einen schlechten Wirkungsgrad! 

Ich möchte auf die Kommentare der Leser eingehen, insbesondere auf den folgenden, den ich hier abdrucke, bevor der ganze Artikel hinter der Bezahlschranke verschwindet:

Ein Jazzpreis widerspricht total dem Verständnis des Jazz. Jazz ist per Definition nicht definiert. Auch lässt sich Jazz nicht er-lernen sondern nur er-leben. Schulen und Lehrer können nur Handwerkszeug vermitteln, aber nicht das, was gelebte Kunst ausdrückt. Doch seit der Verschulung des Jazz muss man halt auch Noten geben, bewerten, Preise verleihen. Damit zieht man die Gewinner wie gezähmte Preisochsen mit einem goldenen Ring durch die Nase über den Marktplatz, oder gefaketen „Jazzclub“.

Zunächst ist festzuhalten, dass irgendwelche Auszeichnungen solange prinzipiell doof sind, wie man sie selbst nicht erhält. 

In Sachen „Erlernen vs. Erleben“ gebe ich zu, dass ich mir eine ähnliche Ansicht auch viele Jahre zu eigen gemacht hatte. Aber mit zunehmender Altersweisheit und auch Live-Erfahrung im Genre habe ich meine Meinung revidiert. Eine Verschulung schadet nicht. Weder dem Jazz noch anderer Musik. Natürlich klingen einige Songs meiner studierten bzw. studierenden Kollegen etwas akademisch und verkopft, aber genau das ist es, was den Jazz oder überhaupt die Musik weiterbringt. Den Mainstream spielen doch schon wir alten Säcke, warum sollten sich die jungen Cats da mit dazu auf den Markt werfen?

Das vehemente Argumentieren gegen ein Studium von Jazz (oder auch Rock) kommt nahezu immer von denjenigen, die ein solches aus diversen Gründen nicht absolvieren konnten oder wollten. Zumeist wird dann eine mangelnde Authentizität der Künstler:innen beklagt. Aber das ist erstens Ansichtssache, kommt zweitens bei den „Er-lebten“ genauso vor und verwächst sich drittens mit zunehmender Bühnenerfahrung.

Wenn die „gelebte Kunst“ die Lebensrealität der meisten Jazzer meint, dann bin ich mir sicher, dass sich die Mehrheit von uns – insbesondere in diesen bescheuerten Coronazeiten – für 10.000 € schon ganz gerne für eine halbe Stunde durch einen gefakten Jazzclub ziehen lassen würden.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige