Liebe Leser,

nun also die versprochene Abhandlung über der Gitarristen liebste Drähte, die Saiten. Wie immer mehr anekdotisch als wissenschaftlich, aber das ist in diesem Blog ja üblich und von der Leserschaft gewünscht. Da ich meinem überwiegend fachkundigen Publikum jedoch nicht unvorbereitet gegenübertreten wollte, habe ich ein wenig recherchiert. Doch, echt jetzt! Dabei konnte ich erfahren, dass es bereits seit Jahrtausenden Saiten gibt, die zunächst aus Pflanzenfasern und Tiersehnen, später aus Rosshaar, Seide und Tierdärmen gefertigt wurden. Heute nimmt man überwiegend Nylon und Carbon (und eben Metall, aber dazu gleich mehr). Auf den sehr interessanten Internetseiten (nein, nicht “Internetsaiten”) von Gitarre & Bass fand ich die nette Information, dass der berühmte Geiger Niccolò Paganini (1782-1840) der wohl erste tradierte Endorser eines Saitenherstellers war, nämlich der Offenbacher Fabrik Pirazzi, die ihre Saiten unter dem Label “Pirastro” verkaufte. Wow, vor mehr als 200 Jahren…

Da ich selbst allerdings von Anfang an Stahlsaiten spielte und noch spiele, treibt mich natürlich die Frage um, seit wann der Mensch in der Lage ist, Draht in einer Qualität zu ziehen, so dass er eine Alternative zu den besprochenen Saiten aus Planzenfasern, Tierdärmen und Kunststofffasern darstellt. Auch hier gibt der oben erwähnte Artikel Auskunft: Ab dem 14. Jahrhundert ist es durch die “Drahtzieher” möglich, Metall in saitentaugliche Form zu ziehen.

Die ersten Saitenfabriken Deutschlands entstanden Mitte des 18. Jahrhunderts in Markneukirchen im Vogtland. Schon damals schickte man wissensdurstige Gesellen zu den  italienischen und französischen Herstellern um deren Technik zu studieren (und wahrscheinlich auch zu kopieren). Eine Saitenmacherinnung wurde bereits im Jahr 1777 gegründet.

Zunächst wurden im Vogtland nur Darmsaiten hergestellt, nach 1800 begann man dann, Darm- und Seidensaiten mit Silberdraht zu umwickeln, um die Spielbarkeit, die Haltbarkeit und den Klang der tiefen Saiten zu verbessern. Ab wann man begann, auch Kerne aus Metall wiederum mit Draht zu umwickeln, habe ich auf die Schnelle nicht herausfinden können. Eben etwas später…

Markneukirchen ist mir als Sitz des Unternehmens Musima (Musikinstrumentenbau Markneukirchen) bekannt. Der VEB Musima Markneukirchen fertigte von 1952 bis 1990 im Vogtland (in der damaligen DDR) flächendeckend unzählige Musikinstrumente, unter anderem natürlich auch Schlaggitarren. Von denen ich – wer hätte das gedacht – ein günstiges Modell besitze. Wie so vieles ist auch Musima nach der Wende umgehend den Bach herunter (oder sagt man “hinunter”?) gegangen, so dass inzwischen in Markneukirchen weder Instrumente noch Saiten gefertigt werden.

Die Entscheidung eines Gitarristen, welche Art von Saiten er verwendet – Nylon oder Stahl, um etwas verallgemeinernd die generellen Wahlmöglichkeiten zu beschreiben – ist gar nicht so einfach zu begründen. Für Einsteiger mag die Regel gelten, dass zwar Stahlsaiten zunächst die noch ungeübten Fingerkuppen malträtieren, aber “on the long run” bei geeignetem Instrument sogar etwas leichter zu bedienen sind als die traditionell etwas höher über dem Griffbrett liegenden Nylonsaiten. 

Abgesehen davon dürfen Konzertgitarren ausschließlich mit Darm- oder Kunststoffsaiten gespielt werden. Macht hier keine Versuche, das kann den (nicht für Stahlsaiten ausgelegten) Hals kosten!

So prägt die Wahl der ersten Gitarre oft das Verhältnis zu den zwei Saitentypen.

Das Schlüsselerlebnis – abgesehen von dem Saitenwechsel am ersten Tag meiner Gitarristenkarriere, welchen ich in einem vorangegangenen Blogbeitrag beschrieben hatte – in Sachen neue Saiten war wohl der Saitenwechsel aus KLANGLICHEN Gründen, den ich bei meiner treuen Westerngitarre so etwa im Jahr 1976 oder 1977 vollzog, also mindestens zwei Jahre nach dem Erwerb der Gitarre.

Ich schätze, die verbleibenden Metallreste auf der Gitarre, die man nun wirklich nicht mehr “Saiten” nennen durfte, sind mir geradezu unter den Fingern weggefault, so dass ich wieder mal mein kärgliches Taschengeld zusammenkratzte und mich auf den Weg ins Musikgeschäft machte, um mir tatsächlich einen GANZEN Satz Saiten zu kaufen. Da ich damals wirklich überhaupt keine Ahnung hatte, kaufte ich mir auf Empfehlung des Verkäufers einen Satz 12er D’Addario, wahrscheinlich Nickel, da zu dieser Zeit Phosphor-Bronze noch eher ungebräuchlich war.

Kleiner Einschub zur Saitenstärke: Die Stärkeangabe des ganzen Satzes leitet sich aus der Angabe für die hohe (dünne) E-Saite her. Mit 12er ist somit ein Satz Saiten mit den einzelnen Stärken 012, 016, 024, 032, 042, 053, jeweils Zoll. Die hohe E-Saite hat in diesem Beispiel also einen Durchmesser von 0,012 Zoll, etwa 0,3 mm. Üblicherweise ist die Stärke der übrigen Saiten durch die der hohen E-Saite vorgegeben, manche Gitarristen oder auch Hersteller (Thomastik) mischen hier aber (sie nehmen z.B. die Basssaiten aus dünneren Sätzen), je nach individuellem Geschmack.

Trotz der traumatischen Erlebnisse beim ersten Saitenwechsel scheine ich den zweiten, umfassenden, unfallfrei vollzogen zu haben, denn ich konnte die ersten Akkorde auf frisch aufgezogenen D’Addario-Saiten intonieren. Und ganz ehrlich – meine Gitarrenkollegen werden mir zustimmen – das macht süchtig. Die schmalbrüstige Gitarre mit laminierter Decke klang so brillant, wie ich es bis dato nur auf den Schallplatten eines Leo Kottke oder Werner Lämmerhirt gehört hatte! Wahnsinn! Ein Satz neue Saiten kann den Klang eines Zupfinstruments um Klassen verbessern. Noch heute gönne ich mir dieses (zugegebenermaßen kurze) euphorische Gefühl und höre einer meiner Gitarren beim Klingen zu, wenn ich sie gerade frisch besaitet habe.

In den vergangenen 45 Jahren habe ich so einige Hersteller und Stärken ausprobiert und mich schließlich seit einiger Zeit auf folgende Saiten festgelegt (für die Nerds und Gitarristen unter Euch):

  • Auf den Jazzgitarren, die mit einem Gewindestab zur Stabilisierung und Justage des Halses versehen sind, spiele ich 13er Saiten des österreichischen Hersteller Thomastik, zumeist geschliffen (“flat wound”), bisweilen ungeschliffen (“round wound”). Thomastik sind sowohl für den elektrischen wie auch für den akustischen Einsatz der Gitarre geeignet und daher für einen Grenzgänger wie mich prädestiniert. Leider sind sie relativ teuer, um die 14 Euro pro Satz.
  • Auf den älteren Schlaggitarren, insbesondere aus deutscher Produktion, welche keine Metallprofile oder Gewindestäbe im Hals besitzen, spiele ich 11er Thomastik, zumeist geschliffen oder – als treuer Fan – 11er D’Addario Chromes, geschliffen. Die Chromes sind günstiger, klingen allerdings akustisch schlechter als die Saiten von Thomastik.
  • Auf den E-Gitarren spiele ich 9er (da bin ich ein Weichei!) GHS oder irgendwas, was der Händler meines Vertrauens im Angebot hat. Bei all dem verbauten Technikkram und benutzten Verstärkern klingen die Saiten auf den Brettern ohnehin allesamt sehr ähnlich.
  • Bei den Maccaferri-Modellen (Gipsy-Gitarren) bleibe ich D’Daddario treu. Die 11er EJ83M Gypsy Jazz Saiten, die mir der große Joscho Stephan persönlich empfohlen hat, sind hervorragend für das sehr perkussive Spiel im Gipsy-Sound geeignet. Weil mein Dealer gerade keine D’Addario hatte, wich ich temporär auf Savarez Argentine-Saiten aus (“die spielen jetzt alle”). Ok, die tun es auch.
  • Auf meinen Westerngitarren verwende ich 12er Martin-Saiten, welche im Gegensatz zu den Gitarren aus selbigem Haus wirklich erschwinglich sind. Da ich selten Westerngitarre spiele, bin ich hier auch nicht markentreu.

So, nun wäre dieses Geheimnis auch gelüftet. Gut beleumdete Saiten der Hersteller Elixir (die mit der Nano-Beschichtung, die niemals altern) und Pyramid (welche prinzipiell von älteren Damen in Handarbeit einzeln an der Drehbank gefertigt werden und das auch noch “ums Eck”, in Bubenreuth bei Erlangen) haben bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Ich werde aber wohl den Bubenreuthern nochmal eine Chance geben, mich zu beeindrucken. Einfach, weil die Werbevideos mit den älteren Damen im Kittel an den Drehbänken so anrührend sind. Und ich stehe auf solide Handwerkskunst!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Ein Kommentar zu „Drähte, die die Welt bedeuten

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