Die Jazzpolizei

Liebe Leser,

wenn sich außer mir keiner traut – einer muss ja investigativen Journalismus betreiben! Auch wenn das Wühlen in den Tiefen des Musikbetriebs möglicherweise für einen Schreiber mit ernsthaften Konsequenzen (die mir allerdings gerade nicht einfallen) verbunden sein mag.

Es gibt kaum eine Organisation, vor der man ähnlichen Respekt hat und von der man zugleich aber so wenig weiß, wie die Jazzpolizei. Hartnäckig hält sich in meinem Kopf das Bild von muskelbepackten Schlägern, die einen der letzten Jazzclubs zertrümmern, wenn auf der Bühne Drei- statt Vierklänge oder – noch schlimmer – gar ein kompletter Popsong gereicht wird. Solcherlei Vorstellung ist wohl weit verbreitet unter uns Musikern. Immerhin, es gibt ja kaum noch Live-Jazz-Clubs, was ja als Beweis meiner These angeführt werden könnte. Aber: Genaues weiß man nicht!

Bei den Recherchen und Gesprächen mit Freunden und Musikerkollegen kamen jedoch einige interessante Fakten zu Tage:

  • “Jazzpolizei” ist zunächst (also das Erste, was google findet) der Name eines Berliner Jazz-Trios, die unglücklicherweise (die Kollegen hatten die Idee vor mir!) diesen genialen Namen schon seit 2000 tragen – und ihn wahrscheinlich nie mehr ablegen.
  • Jeder Musiker, der auch nur im entferntesten irgendwas mit Jazz zu tun hat, und sei es nur, dass er sporadisch Vierklänge verwendet, hat Angst vor der Jazzpolizei.
  • Es gibt kein einziges bekennendes Mitglied der Jazzpolizei, man weiß aber, dass es generell “die Anderen” sind [SH]. Wahrscheinlich sind es die Typen, die nur kurz bei den Konzerten vorbeischauen, das Gesicht verziehen und zügig verschwinden. Bestimmt sind es die! Ich bin’s jedenfalls nicht!
  • Es gibt viele Artikel mit Bezug auf die Jazzpolizei, allerdings keinen von ihr. In dem Magazin “Jazzthetik” zeichnet zwar bisweilen ein Autor mit “Polizeioberinspektor”, welchen ich allerdings als lausigen Trittbrettfahrer einstufe…
  • Wynton Marsalis ist nicht Mitglied der Jazzpolizei. Möglicherweise aber Sympathisant.
  • Die Jazzpolizei ist Exekutive und Legislative zugleich. Sie ist für ihre drakonischen Strafen berüchtigt, welche aber bis dato noch nie verhängt wurden.
  • Man darf jeden noch so kruden Stilmix veröffentlichen, wenn es zu dem guten Zweck dient, “die Jazzpolizei zu ärgern”.
  • Falsches oder langweiliges Musizieren ist kein Fall für die Jazzpolizei, das unbefugte Nutzen des Genrebegriffs “Jazz” dagegen schon.
  • Die Denunziation eines Musikers bei der Jazzpolizei wird oft befürchtet, jedoch nie durchgeführt. Wahrscheinlich deshalb, weil man dort niemand persönlich kennt (siehe oben).
  • Wir kennen die Bestimmungen und Regeln der Jazzpolizei nicht genau, haben aber erhebliche Bedenken, dagegen zu verstoßen.

Ich darf zusammenfassen:

Wir wissen nicht wer oder was die Jazzpolizei ist. Ich bin’s jedenfalls nicht, ehrlich. Wir wissen auch nicht, was sie macht, und schon gar nicht, warum. Aber – sicher ist sicher – ich halte mich besser mal an die Regeln, die ich mir ausgedacht habe, falls es die Jazzpolizei doch gibt. Mal will ja keinen Ärger haben, oder? Und wenn ich mal wieder Country-Licks über Bossa Nova spiele, habe ich zumindest ein schlechtes Gewissen…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

4 Kommentare zu „Die Jazzpolizei

  1. Lieber Gige

    als streng geheim bestellter und vereidigter (selbstverständlich anonymer) Repräsentant der JP darf ich an dieser Stelle vielleicht einiges erläutern und richtigstellen:

    1. Wir wissen, wo Du wohnst.

    2. Viele Mythen bzgl. der JP ranken sich um die Verwendung des Begriffes „Jazz“. Nur wenigen ist jedoch bewusst, dass die JP sich nach einer kürzlichen Satzungsänderung für eine möglichst liberale Verwendung von „Jazz“ einsetzt.

    Zur Erläuterung: Uns erscheint die Ausweitung des Jazzbegriffs auf Musik von Sting, Gregory Porter, Kenny G etc. zu halbherzig. Gerade das deutsche Publikum muss hier noch nachlegen und endlich z.B. den Einfluss von AC Jobim auf die Oberkrainer (1-3, 1-3…) anerkennen. Auch fehlt es schon lange an einer Würdigung Florian Silbereisens als legitimer Erbe von Chet Baker.

    3. In diesem Zusammenhang vielleicht auch interessant: Seit der besagten Satzungsänderung verwendet die JP für die Musik, die früher als „Jazz“ bezeichnet wurde, nun den Begriff „Gedudel, das ausser uns wirklich kein Schwein hören will“, kurz G,DAUWKSHW.

    4. Für die Praxis der Massregelapplikation bedeutet dies, dass künftig die Bezeichnung „Jazz“ freigegeben ist und keinerlei Sanktionen mehr unterliegt. Bei einer missbräuchlichen Verwendung der Bezeichnung G,DAUWKSHW wird es jedoch weiter bei unaussprechlichen Konsequenzen bleiben.

    Gefällt 1 Person

  2. Waaas? Gregory Porters Mucke soll jetzt auf einmal Jazz sein? Das geht zu weit! Was kommt als nächstes? Gehören bald solche Schlagertussen wie Ella Fitzgerald und Billie Holiday auch noch zum Jazz? Am Ende gar solche volkstümelnden Bierzeltbläser wie Miles Davis und sein Kumpel „Pausbacke“ Gillespie? O tempora, o mores.

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    1. Sehr geehrte(r) TAFKAS,

      wir haben Ihre Anzeige überprüft und freuen uns Ihnen mitteilen zu können, dass die o.g. Künstler zweifelsohne dem G,DAUWKSHW zuzuordnen sind (also mit Ausnahme von Gregory Porter, der ist eindeutig Jazz). Es konnte kein Nachweis erbracht werden, dass irgendjemand (ausser uns) deren Musik noch freiwillig hört. Es besteht somit kein Anlass zur Beunruhigung.

      Für Rückfragen stehen wir gerne zur Verfügung und verbleiben

      mit freundlichen Grüssen
      die JP

      Gefällt 1 Person

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