Bob der Bassmeister

Für einen Blog, in dem es hauptsächlich um Musik, insbesondere um Jazz gehen soll, schreibe ich verdammt oft Nachrufe. Aber was soll’s – es macht ja keiner sonst und es sterben einfach zu viele.

Vor einigen Tagen nahm ich bei der Probe einen E-Bass (ja, bisweilen tun es auch vier statt sechs Saiten) zur Hand, der in einer finsteren Ecke des Übungsraums ein geradezu kümmerliches Dasein führt. Ein “Aria Pro II Thor Sound” aus den frühen 1980ern, in Japan gebaut. Für Enthusiasten empfiehlt sich hier eine Suche nach Bildern bei google – interessanterweise sehen die gefundenen Instrumente alle unterschiedlich aus. So richtig konsequent scheinen die japanischen Modellbezeichnungen wohl nicht zu sein. Bereits nach wenigen Tönen im so typischen Aria-Sound – durch ein permanentes Knurren und latentes Knarzen gekennzeichnet – musste ich an Bob denken. Der Bass hatte ihm gehört und war durch Zahlung eines überschaubaren Geldbetrags an seinen Erben in meinem Besitz übergegangen. Die meisten Instrumente seiner Hinterlassenschaft waren von eher minderer Qualität und wurden für kleines Geld bei ebay versteigert. Aber dieser Bass lässt die wilden Spätsiebziger und Frühachziger im Geiste wieder auferstehen. Möglicherweise liegt es auch daran, dass der Instrumentenkoffer mit Patschuli-Öl getränkt ist und so den typischen Geruch dieser Zeit in die Gegenwart transportiert.

Nun ist es fast drei Jahre her, dass Bob der Bassmeister von uns gegangen ist. Ein nicht mal 60 Jahre langes Leben mit einigen Höhen und leider vielen Tiefen ging zu Ende. Und kein Schwein hat einen vernünftigen Nachruf verfasst. Warum nun also so spät einen solchen über einen Menschen, den nur wenige von Euch kannten und an den heute sicher noch weniger denken? Weil es nicht schön ist, wenn ein anständiger Mensch vergessen wird. Er hatte viel versucht und ist oft gescheitert. Ganz normal also, nichts Besonderes. Und dennoch…

Bob, der natürlich auch einen Nachnamen hatte, welcher an dieser Stelle aber nichts zur Sache tut, wurde 1955 geboren und ist am 18.09.2013 verstorben. Die letzten Wochen seines Lebens waren eine rechte Quälerei für ihn. Gerne würde ich sagen: Er ist im Kreise seiner Lieben sanft entschlafen. In der Realität waren es wie so oft aber leider nicht die Lieben (von denen er nicht allzuviele hatte), sondern die lebenserhaltenden Geräte und das triste Krankenhausmobiliar unseres Klinikums. Und “sanft” war’s wahrscheinlich auch nicht. Ich war an diesem Tag wie so oft zuvor wieder mal nicht zu Besuch. Ich habe mich am Ende jeden Tag aufs Neue davor gedrückt, ihn im Krankenhaus zu besuchen. So gab es also keinen persönlichen Abschied.

Bob wuchs in den wilden 1960ern und 1970ern auf und absolvierte eine Lehre zum Schriftsetzer. Damals galt der zumeist locker vorgetragene Spruch “Die Setzer und die Drucker, das sind die größten Schlucker”, ein durchaus fragwürdiger Superlativ, mit dem sich die Branche rühmte. Zudem wurde dieser Spitzenplatz nicht nur von den traditionell hart trinkenden Repräsentanten des Baugewerbes bezweifelt. Überhaupt hat man in diesen Jahren grundsätzlich bei der Arbeit immer und überall gesoffen, zumeist Bier, wie es sich eben bei uns in Bayern gehörte. Ich komme auf diese unselige Tradition später noch zurück.

In unserer Reihenhaussiedlung waren in jedem zweiten Keller flugs eingerichtete Übungsräume zu finden, in welchen zum Leidwesen von Eltern und Nachbarn Rock und Blues von den jeweiligen Bands des Blocks geprobt wurde. Die geburtenstarken Jahrgänge und der Livemusikboom der frühen 1970er ließen so auf engstem Raum eine Unzahl hoffnungsvoller Nachwuchsbands aus dem Boden schießen, mit so klangvollen Namen wie H2SO4, Holterdipolter oder Sächwerk, eine fränkische Bezeichnung für “Sägewerk”. In unserer Siedlung wuchs eine Generation von Musikern auf, die zum Teil über die Region hinaus bekannt und auch heute noch aktiv sind.

Jeder Jugendliche dieser Jahre wollte Gitarre oder Schlagzeug spielen, nur wenige ein Tasteninstrument und der Bass war demjenigen vorbehalten, der als dritter Gitarrist zu einer Band stieß. Bob war der Dritte, wurde somit Basser. Allerdings ein richtig guter Blues- und Rockbassist. Durch seine Musikalität und sein Rhythmusgefühl wurde er schnell ein fester Bestandteil der Nürnberger Rockszene und ebenso fester Bassist der bereits erwähnten Sächwerk, einer Coverband im besten Sinne, die alle Festsäle der Region zum Kochen brachte. Leider begann schon gegen Ende der 1970er Jahre der allgegenwärtige Bierkonsum (und sicherlich auch härteres Zeug) die berufliche wie auch musikalische Karriere zu beeinträchtigen. Schleichend aber unaufhaltsam wurde Bob zum Alkoholiker. Diese Diagnose stelle ich an dieser Stelle nicht im Sinne einer üblen Nachrede, sondern sie stammt von ihm selbst.

Mike Rüttinger, ein Bandkollege aus H2SO4-Zeiten holte Bob neben Bernd Dümler (Klavier) und Yogo Pausch (Schlagzeug) im Jahr 1980 in ein neues und – im wahrsten Sinne des Wortes – unerhörtes Musikprojekt. Marie Deutschland hieß die Band um die Sängerin Heidemarie (Heidi oder eben Marie) Rüttinger und es wurde komplett ausarrangierte Rockmusik mit deutschen Texten gereicht. Die Texte und Melodien stammten aus der Feder von Heidi und wurden von der ganzen Band zu einem für damalige Zeiten in Deutschland wirklich einmaligen Musikprogramm geschmiedet. Ich hatte die Ehre, einer der zahlreichen Proben im damaligen Wohnhaus des Ehepaars Rüttinger in der Oberpfalz beizuwohnen und war schlichtweg überwältigt. Ernsthaft. Und obwohl mir alle anwesenden Musiker versicherten, dass es mit Schlagzeug – Yogo war an diesem Abend verhindert – noch besser klänge, war ich umgehend ein glühender Fan. Trotz verspielter Arrangements und Tempo-, Rhythmus- und sonstigen Wechseln klang die Musik immer lebendig, interessant, auch mystisch, verträumt und… weiß der Deibel, ich habe nicht genügend Adjektive zur Hand. Zudem groovte es heftig, selbst wenn – was tatsächlich vorkam – ein 5/4 gespielt wurde. Die charismatische Heidi mit ihrer fantastischen Stimme tat ein übriges, so dass ich ab dieser Probe als neutraler Zeitzeuge wegen Befangenheit ausscheide.

Die Premiere von Marie Deutschland fand 1981 (?) im ausverkauften Festsaal des “Komm” (heute: Künstlerhaus) in Nürnberg statt und war ein Triumph. Aus Gründen, die ich nicht kenne, wurde bald darauf der quirlige Yogo Pausch gegen den solideren Olders Frenzel (Schlagzeuger der legendären Ihre Kinder) getauscht, was aber der Beliebtheit der Band keinen Abbruch tat. So fanden in den Jahren 1981 und 1982 einige vielbeachtete Auftritte auf Festivals und wiederum im Komm statt. Zudem nahm Marie Deutschland im Studio ein Demo-Tape auf, mit acht ihrer schönsten Nummern. Gottseidank wurden von dem Masterband einige Kopien auf Kassette gezogen, so dass diese Musik nicht für uns verloren ist. Denn bald darauf endete die noch so junge Erfolgsgeschichte von Marie Deutschland, zumindest für Bob, Bernd und Olders. Als Höhepunkt darf ich den Playback-Auftritt der Band im Jahr 1982 im Bayerischen Fernsehen nennen, als die Musiker auf eine Wiese nahe der deutsch-deutschen Grenze bei der Performance des Songs Mit weißen Flügeln (nicht der stärkste Song der Band, passte aber zur düsteren Zonenrandlandschaft und hatte den bereits erwähnten 5/4) gefilmt wurden, was dann tatsächlich kurz darauf im Vorabendprogramm gesendet wurde. Bob mit Bass auf Hunderttausenden von Bildschirmen!

In Wikipedia ist notiert: “Nach einigen Auftritten in den Jahren 1981/1982 löste sich die Band auf und Heidemarie und Michael Rüttinger versuchten ihr Glück alleine.” Nun, hierzu gibt es von den verschiedenen Protagonisten durchaus differierende Schilderungen. Insbesondere die Formulierung “… löste sich die Band auf…” ist wohl etwas unpräzise. Als sicher darf gelten, dass die Plattenfirma EMI an einer begabten Band aus der fränkischen Provinz wenig Interesse hatte, wohl aber an der Sängerin mit den meterlangen Haaren, die man im Zuge der Neuen Deutschen Welle als “Rockhexe” oder so ähnlich zu vermarkten gedachte. Die Songs wurden dann in irgendeinem Riesenstudio mit professionellen Musikern für zwei LPs eingespielt und auch in diversen Musikshows (Bananas, Formel Eins) promotet. Ich persönlich habe die Langspielplatten von Marie Deutschland nie gemocht, da man durch glatte und seelenlose (Über-)Produktion die Musik all ihrer Magie beraubt hatte. Witzigerweise ist auch die junge Generation (Heidis Sohn Roman hat im Jahr 2006 altes und neues Songmaterial mit seiner Mutter und befreundeten Musikern neu eingespielt, arrangiert und produziert) in dieselbe Falle getappt. Auch die neuen Produktionen aus den Jahren 2006 bis 2008 sind technisch hervorragend, aber wiederum mit zu viel technischem Schnickschnack überproduziert.

Mit dem Ende des Projekts Marie Deutschland fiel Bob in ein tiefes Loch und ertränkte seinen Kummer in noch mehr Alkohol. In den Jahren 1983 bis 1985 hatte ich die Gelegenheit, in einigen Bandprojekten mit Bob zu spielen, was bisweilen tatsächlich in guter Musik mündete. Doch allzu oft endeten Übungsabende im Streit, weil entweder wir Mitmusiker seinen Ansprüchen nicht gerecht werden konnten, oder er selbst zu betrunken war, um noch vernünftig spielen zu können. Allerdings hat er mich nach jeder Probe ziemlich ‘breit’ mit dem Auto nach Hause gebracht. Ein Wunder, dass nie etwas passiert ist. 1986 verließ ich die Reihenhaussiedlung und damit auch meinen Nachbarn Bob.

Als ich 1996 zurück in die Vorstadt kam, war Bob noch da. Inzwischen war seine Mutter gestorben und er lebte allein in seinem Elternhaus, wo er eine Einmann-Werbeagentur betrieb, mit der er sein Auskommen bestritt. Und – Bob war “trocken”.Er hatte sich sozusagen am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen und mit der Trinkerei aufgehört. Wie immer ging er auch im Umgang mit der Alkoholkrankheit, zu der er sich offen bekannte, seinen ganz eigenen Weg. Gegen alle Mahnungen und Warnungen von Ärzten, Fachleuten und Alkoholiker-Selbsthilfegruppen trank er regelmäßig alkoholfreies Bier und bisweilen auch Radler. Solcherlei hat schon viele trockene Alkoholiker in der Strudel zurückgezogen. Bob aber hat dies bis zu seinem Tod konsequent durchgezogen und war meines Wissens kein einziges Mal mehr betrunken. Er hat auch nie die Dosis oder Alkoholstärke seiner Bierersatzgetränke gesteigert. Ich ziehe heute noch meinen Hut vor dieser Willensstärke!

Der nüchterne Bob war ein intelligenter und netter Geselle, mit dem ich seit 1996 oft zusammengearbeitet (Grafik, Design, Layout, Satz etc.) habe und der mich viel über Typografie und Layout gelehrt hat. Im Jahr 2001 haben wir gemeinsam ein Buch über die populäre Illustrationssoftware Corel Draw verfasst und veröffentlicht. Auch in verschiedenen Bandprojekten hatte ich die Gelegenheit, nun endlich auf Augenhöhe mit Bob dem Bassmeister (ein schöner Spitzname, von ‘Bob dem Baumeister’ vom Kind unseres Sängers sehr passend auf den ‘Onkel Bob’ übertragen) zu musizieren. Allerdings hatte der jahrelange Alkoholkonsum zwar nicht die Musikalität, aber auf jeden Fall das Langzeitgedächtnis von Bob geschädigt, so dass viele Proben und auch Live-Gigs unter leichten Merkschwächen unseres Bassisten litten. Er hatte es immer noch drauf, nur beim Abruf seiner Fertigkeiten haperte es manchmal.

Im Jahr 2011 wurde im Rahmen der Behandlung eines leichten Herzinfarkts ein inoperabler Tumor in Bobs Magen entdeckt. Zwei Jahre und zwei furchtbare Chemos später gab der kleine Mann den großen Kampf am 18.09.2013 auf und starb. Bei der Trauerfeier sangen SH und ich unserem Bandkollegen noch ein letztes Ständchen, wobei wir uns zwischen allen Tränen noch die kleine Frozzelei in Richtung Musikerhimmel nicht verkneifen konnten, dass Bob gerade bei ebendiesem Song ja zu Lebzeiten immer wieder gerne mal den Einsatz verpatzt hatte und nun wohl von oben ein erstauntes “Ach so geht der Song” gemurmelt hat. Das haben wir natürlich erst nach der Trauerfeier zusammengesponnen und es hat uns an diesem Scheißtag etwas aufgeheitert. Bob hat sicherlich mitgeschmunzelt.  

Bob der Bassmeister bleibe in Erinnerung als ein Mann, der so oft den richtigen Ton zur richtigen Zeit gespielt und seinen vielen Mitmusikern und Zuhörern damit oft Freude bereitet hat. Und da ich ja wirklich spät mit diesem Nachruf dran bin, spielt Bob in der Zwischenzeit schon mindestens in drei Bands – eine Blues-, eine Rock- und eine Country-Band – im Musikerhimmel, welche bekanntlich stets gut gebucht sind und vom Publikum gefeiert werden.

R I P

Im Andenken

Gige

 

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