Auf dem Nachttisch – I Got Rhythm

Liebe Leser,

diese Woche muss ich den Spaßverderber spielen. Ich rezensiere ein Werk, das sowohl von der Idee her wie auch vom Inhalt mit besten Absichten und großer Mühe gefertigt wurde, mich in jeder Hinsicht interessiert hat und mir dann letztendlich doch nicht gefiel. Schade.

Es geht um die Graphic Novel “I Got Rhythm” von Caroline Gille (Konzept und Texte) und Nils Schröder (Zeichnungen), Untertitel: “Das Leben der Jazzlegende Coco Schumann”. Das Buch ist 2014 im be.bra verlag (die Kleinschreibung ist vorgegeben) erschienen und kostet 19,95 Euro.

Coco Schumann war (er ist erst 2018 im Alter von 93 Jahren verstorben) ein Jazzgitarrist, der bereits in der Vorkriegsjahren in Deutschland Swing spielte. Er ist aufgrund seiner jüdischen Abstammung im Jahr 1943 in das KZ Theresienstadt, 1944 nach Auschwitz und 1945 nach Dachau verbracht worden, wo er tatsächlich beim sogenannten “Todesmarsch” Richtung Innsbruck von den Amerikanern befreit wurde. Bis zu seiner Befreiung hat ihn die Musik und die damit einhergehende Freundschaft mit Jazzkollegen mehrfach das Leben gerettet. Er war in Theresienstadt Mitglied der Band “Ghetto-Swingers”. Ein unglaubliche und zutiefst bewegende Biografie. Coco Schumann betonte zeitlebens: Ich bin ein Musiker, der im KZ gesessen hat. Kein KZ-ler, der Musik macht!

Ich habe mir viele der Aufnahmen von ihm angehört und muss allerdings feststellen, dass er sicherlich ein sehr guter Gitarrist war, allerdings nicht deswegen eine Jazzlegende. Dies ist leider doch eher seiner Biografie geschuldet.

Eine Graphic Novel ist eine tolle Sache und ein irre aufwändiges Projekt, weswegen es auch von SH und mir eine solche nicht gibt, obwohl da allerhand Ideen im Raum stünden. Vor einigen Jahren bekam ich den grandiosen Band “South Bronx, Dropsie Avenue” des Zeichners Will Eisner geschenkt – seitdem hängt die Messlatte hoch.

Nun also nicht Will Eisner, sondern Gille & Schröder. Ich beginne mit den Texten. Im Bild 3 des Prologs, als der nicht näher spezifizierte Interviewer bzw. der Zuhörer des Protagonisten Coco Schumann einem Konzert des Coco-Schumann-Quartetts im Berlin des Jahres 2012 lauscht, kommt es zu folgendem grandiosen Dialog:

Gast: Großartiger Abend, vielen Dank! Aber sagen Sie mal, wie hat das mit Ihnen und der Musik eigentlich angefangen?

Schumann: Das ist eine lange Geschichte…

Sicher, im Sinne einer Biografie muss man zügig zu Potte kommen, aber auf diese Weise? Niemals! Im Verlauf des Bandes werden oft kleinste Begebenheiten in bester Graphic-Novel-Bildregie über mehrere Bilder durchaus interessant erzählt und das Team lässt sich dabei Zeit. Aber dieser Einstieg ist völlig daneben und hat mein Lesevergnügen spontan getrübt. Ansonsten ist der Erzählstil von Caroline Gille ok und bietet die nötige Abwechslung der Tempi und eine ordentliche Dynamik. Die etwas lexikale Abarbeitung der Biografie prädestiniert das Werk für einen Einsatz im schulischen Umfeld. Das mag jeder werten, wie er will.

Die Zeichnungen/Bilder von Nils Schröder… ach…

Der Mann hat Grafik-Design studiert und inzwischen sogar promoviert und hat die Technik sicher drauf. Was ich an Zeichnungen auf seiner Website gesehen habe, ist sehr gut. Aber hier gefällt mir seine Arbeit nicht. Ich finde die Farbpaletten zum Teil gruselig (grelle Gelb-, Orange- und Rot-Töne), die Technik (Aquarell plus Plaka oder Tempera) gewöhnungsbedürftig (und stets leicht amateurhaft anmutend) und die Darstellung der Gesichter zum Teil unpassend. Stilisierte comichafte Fast-Knollennasen für KZ-Schergen oder ausgemergelte Insassen, dazu noch im Stil eines Schülerzeitungscomics finde ich geschmacklich leicht daneben.

Die Darstellung der Figuren oder auch der Lokationen wechselt zwischen technisch anspruchsvollen und beeindruckenden Aquarellen zu nahezu dilettantisch ausgemalten Blei- oder Filzstiftzeichnungen. Mag sein, dass das heutzutage ein anerkannter Stil für Graphic Novels ist, aber… ganz ehrlich? Ich mag das gar nicht.

So habe ich die 19,95 Euro schon etwas bereut, nachdem ich das immerhin 160 Seiten starke Buch nach einmaligem Durchlesen auf den Stapel gelegt hatte und erst wegen dieser Rezension mal wieder in Auszügen gelesen habe.

Vielleicht überzeugt mich SH tatsächlich, eine seiner Geschichten in gezeichnete Bilder zu gießen. Wie es mir persönlich nicht gefällt (meine rein persönliche Einschätzung, andere Rezensenten vergeben regelmäßig volle Punktzahl für “I Got Rhythm”), weiß ich jetzt schon mal. Jetzt muss ich es ja nur noch besser machen…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Ein Kommentar zu „Auf dem Nachttisch – I Got Rhythm

  1. Sehr schöner Blogbeitrag!
    Schade, dass so eine interessante Geschichte so wenig ansprechend umgesetzt wird…
    Gerade die Farbwahl hat mich auch sehr gestört…
    Gute Rezension…!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s