Auf dem Nachttisch: Unterleuten

juli_zeh_unter_leuten_roman

Liebe Leser,

ich habe tatsächlich mal wieder ein Buch gelesen. Ein gedrucktes, mit Hardcover-Einband, Lesebändchen [Zeichenband] und all dem Papierkram, der heutzutage eine zunehmend verschwindende Bedeutung hat. Ok, Opa erzählt wieder vom Krieg, ist ja gut. In der Tradition meines literarischen Helden Kurt Tucholsky, von dem ich tatsächlich ALLES gelesen habe, was legal zu erwerben ist, führe ich auf diesem Blog die Reihe “Auf dem Nachttisch” ein, in der unregelmäßig Bücher oder auch Artikel, Blogs etc. besprochen werden. Alles was man eben lesen kann. Dass ich gar keinen physikalischen Nachttisch besitze, mag an dieser Stelle unrelevant (korrekt: irrelevant, mir gefällt aber das mit dem un-) sein, denn der Fenstersims im Badezimmer oder die Smartphone-Ablage neben der Schlafstatt gilt im Jahr 2016 durchaus als Nachttisch.

Nun also das Buch. Gelesen habe ich “Unterleuten” von Juli Zeh, erschienen 2016 bei Luchterhand. Auf das Werk bin ich durch einen Leseauszug im Radio (Deutschlandradio oder HR, ich weiß nicht mehr, irgend ein Öffentlich-Rechtlicher) gestoßen, der mich ob seiner gut geschilderten Charakterschilderung einiger Protagonisten sofort angesprochen hatte. Ich ging also zum Buchhändler um die Ecke und hielt wenig später den immerhin etwa 640 Seiten dicken Wälzer in Händen. Und begann zu lesen. Ich bin genau das Gegenteil eines “Buchverschlingers” und so gab es viele, viele Unterbrechungen, wofür das Buch aber nichts kann. Deshalb kommt diese Rezension auch so spät. Aber seit gestern bin ich durch! Ta-Taa!  Zur Einstimmung hier der Klappentext:

Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf Unterleuten irgendwo in Brandenburg. Als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist …

Der Plot ist überschaubar und auch von eventuell wenig geübten Lesern schnell zu überblicken. Und er würde auch in mir kaum die Euphorie wecken, welche ich jetzt nach dem Lesen für das Werk empfinde. Dorf in Brandenburg, Vorwendezeit, Nachwendezeit, Großstädter auf dem Land, Ossis, Wessis, Windpark, Geld, finsteres Geheimnis… jaja, schon klar.

Was Juli Zeh aber herausragend schildert, so dass ich “bei der Stange” blieb und trotz der anfangs etwas verwirrenden Perspektivewechsel den Band eben nicht halbgelesen zur Seite gelegt habe, sind die Charakter, Biografien und sozialen Verstrickungen der einzelnen Protagonisten und dann die daraus resultierenden Verhaltensweisen und Handlungen. Und das, Frau Zeh, ist meines Erachtens allererste Sahne! Denn die einzelnen (Arche-)Typen kenne ich im realen Leben persönlich, allesamt. Sei es der ansässige Grundbesitzer, dessen Lebensaufgabe es ist, den Hof und das Land seiner Vorfahren durch die Zeiten der sozialistischen Enteignung, der folgenden Wende und das neue Jahrtausend zu bringen, den ewiggestrigen DDR-Anhänger, den mit dem Erstgenannten eine schwierige Vergangenheit verbindet, die zugereiste rücksichtslose Pferdehalterin mit gewaltigen Zukunftsplänen, ihr nerdiger Lebensabschnittsgefährte, die Jung-Mutter mit beachtlichen psychischen Problemen … um nur einige wenige zu nennen. Da jedes Kapitel aus der Sicht eines der handlungstragenden Hauptakteure geschildert ist, hat Juli Zeh ausreichend Zeit, jeden Charakter ausgiebigst zu beleuchten. Dies ist ihr wirklich hervorragend gelungen und wirkt an keiner Stelle aufgesetzt oder zugunsten des Plots überzogen. Ein wichtiger und für die Handlung essentieller Fakt ist auch, dass keine der agierenden Personen sozial oder familiär völlig isoliert dasteht. Das jeweilige Verhältnis mag zwar schon ruiniert oder zumindest heftig ramponiert sein, es ist aber vorhanden. So werden Konflikte nicht um ihrer selbst willen, sondern stets FÜR jemanden ausgetragen (wobei dieser davon meist nichts ahnt und solches gar nicht will), auch wenn dies gerade am Anfang des Romans nicht offensichtlich ist. Meines Erachtens macht dieser Hintergrund die Geschehnisse erst glaubhaft und plausibel. Der Leser muss sich oft eingestehen, dass er (mit dem nach und nach erworbenen Hintergrundwissen) in den kritischen Situationen wohl auch nicht anders gehandelt hätte, als der jeweilige Protagonist. Das hat viel vom echten Leben und wenig von Bullerbü, was ich in diesem Fall als Kompliment meine.

Ebenso imponiert mir die Fachkenntnis, mit der die beruflichen oder auch häuslichen Tätigkeiten der Hauptpersonen geschildert werden. Juli Zeh hat ganz genau hingeschaut und wohl auch viel recherchiert. Ob es um Land-, Holz- und Energiewirtschaft, um Abwasserbeseitigung auf dem Land, Altbaurenovierung, Pferdehaltung, Grundstücksspekulation, Softwareentwicklung, Katzenhaltung, Kindererziehung oder irgend ein anderes Thema handelt, das die Bewohner des (fiktiven) Unterleuten umtreibt – nie hat man den Eindruck, hier schreibt die Autorin über Dinge, von denen sie nichts versteht. Das hat mich sehr beeindruckt!

Die Rahmenhandlung wird bereits im Klappentext (siehe oben) korrekt beschrieben, so dass ich hier auf eine Inhaltsbeschreibung verzichte. Ein klein bisschen hat mich das Finale enttäuscht, aber das ist definitiv Geschmacksache, so dass ich gerne bei meiner (völlig subjektiven) uneingeschränkten Kauf- und Leseempfehlung bleibe. Ende der Rezension, 5 Sterne. Gehet hin, kauft und lest!

Aber halt, noch nicht gehen! Ich hab da noch was. Denn man kann übrigens auch schon vor Kauf des Buches in Unterleuten vorbeischauen (danach natürlich auch), was man sich nicht entgehen lassen sollte:

www.unterleuten.de

Und DAS ist wirklich erstaunlich! Mich hat schon immer fasziniert, wenn eine ausgedachte Geschichte durch allerhand (natürlich ebenfalls gefakte) Belege zu etwas gemacht wird, bei dem die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Aber der Aufwand durch die Autorin und den Verlag, das erfundene Unterleuten samt seiner ebenso erfundenen Bewohner zumindest im Web zum Leben zu erwecken, ist wirklich immens! Außer einer Vorstellung des Dorfes (mit den einzelnen Häusern im Flurplan anklickbar) gibt es noch eine Einführung und Kurzbiografie zu jedem (relevanten) Dorfbewohner. Die angegebenen Links zu Websites der im Buch erwähnten Organisationen oder Unternehmen sind dann tatsächlich aktiv und führen zu liebevoll gestalteten Internetseiten mit einigem Content. So hat der Vogelschutzbund Unterleuten einen funktionierenden Onlineshop, in dem T-Shirts des Vogelschutzbunds verkauft werden. Ich habe mich nicht getraut, den Kauf final abzuwickeln, aber ich denke, man wird die angebotenen Shirts wohl tatsächlich erhalten. Auch die Facebookseiten der jüngeren Dorfbewohnerinnen sind in Facebook vorhanden und sogar mit ein paar Einträgen in der Timeline bestückt. Wow!

Absoluter Oberhammer ist allerdings, dass Juli Zeh eine ihrer Protagonistinnen (aus dem Buch Unterleuten) ihr Leben streng nach dem Erfolgsrezept des (erfundenen und heftig unsymphatischen) Unternehmensberaters und Coaches Manfred Gortz (welcher selbstverständlich eine schicke funktionierende Website http://www.manfred-gortz.de besitzt) ausrichtet. Alle Ideen für ihre oft egoistischen und rücksichtslosen Handlungen bezieht sie aus dem Buch “Dein Erfolg” von ebendiesem Manfred Gortz. Und auch hier wollte ich gerne ein “erfunden” zum Buch schreiben, aber Juli Zeh hat dieses Buch tatsächlich (natürlich unter dem Pseudonym Manfred Gortz) geschrieben und es ist im Buchhandel erhältlich. Nebenbei mit einem durchaus eindrucksvollen Amazon-Verkaufsrang. Ein Buch mit immerhin etwas mehr als 100 Seiten zu schreiben, um daraus in einem anderen Buch zu zitieren zu können – das nenne ich mal Engagement!

Ich könnte mir natürlich vorstellen, dass Juli Zeh ob der wahrscheinlich sehr aufwändigen Recherche für “Unterleuten” und der langwierigen Schreibarbeit einfach mal Bock hatte, “die Sau rauszulassen” und dem schmierigen (imaginären) Erfolgscoach Gortz ein Buch hinzuschreiben, das seiner und wahrscheinlich der ganzen verdorbenen Branche würdig ist. Und sich dann durch die (realen) Verkäufe den Spaß noch etwas versilbern zu lassen.  

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

4 Kommentare zu „Auf dem Nachttisch: Unterleuten

    1. Liebe(r) Alice Wunder,
      ähem, was ist das denn für eine Rezension des werten Bloggerkollegen? Frau Zeh lügt? Wie jetzt? Immer? Oder nur im Buch? Und wo dort?
      Man kann wirklich vieles über „Unterleuten“ schreiben. Man kann die Schreibe und die Story mögen oder auch nicht, es kann einem auch gepflegt am selbigen vorbeigehen (wie mir von einem Leser dieses Blogs mitgeteilt wurde), aber ein lapidares „Frau Zeh lügt“ ist sicherlich kein ernstzunehmender Kommentar.

      Gefällt 2 Personen

      1. gegenvernunft hat dazu noch ein wenig mehr gesagt. Der simple Vorwurf war auch mir zu knapp, aber nicht unbegründet, wie in den Kommentaren diskutiert wird. Hier der Artikel: https://strategiengegenvernunft.wordpress.com/2016/08/08/juli-zeh-luegt/
        Ich kenne nur „Adler und Engel“. Von diesem bescheidenen Wissen folge ich der Kritik, als daß die Autorin auch in diesem Werk dazu neigte, ihre Charaktere zu überfrachten. Mir kamen sie ein wenig vor, wie wenn Donald Duck versucht, alleine ein Klavier in den siebten Stock zu schleppen. Tapfer, aber überfordert.

        Gefällt mir

  1. Ok, habe mir mal die Diskussion beim Kollegen gegenvernunft durchgelesen. Kann man so sehen, geht aber nicht mit meiner Wahrnehmung konform. Ich finde die Figuren auch nicht überfrachtet (wie in Deinem Kommentar angemerkt). Was machen die schon groß? Die eine schaukelt ihr Baby, der andere zählt Kampfläufer, der Dritte sitzt im Wald etc. Das bläht sich wegen der geschilderten Biografien auf, die aber m. E. nicht ZU konstruiert wirken.
    Ich will hier aber keinesfalls in irgendeiner Weise bekehren. Das Gute ist doch, dass jeder seine eigene Sicht auf das Buch hat und man ohne Gram seine Ansichten äußern kann. Zudem freue ich mich immer über aktive Blogleser!

    Gefällt 1 Person

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