Die wo zuhören tun

Liebe Leser,

seit wirklich vielen Jahren spiele ich in unterschiedlichsten Besetzungen zusammen mit anderen Musikern. Ja, echt jetzt. Wie Ihr wisst, gerne auch solo (dann muss man die Milliarden nicht teilen!), aber mindestens ebenso gerne im Ensemble. Doch es gibt Unterschiede!

Die Qualität einer entstehenden Musik hat nämlich nur in Maßen mit den eigenen musikalischen Fertigkeiten und denen des jeweiligen Partners (oder der Partner) zu tun. Denn die allerwichtigste Fähigkeit beim Musizieren ist – Tusch, ta-taa – das Zuhören! Ein gerne geäußertes Allgemeinplätzchen, das jedoch essentiell ist.

Das Nicht-Zuhören ist besonders unter Einsteigern verbreitet, da diese zumeist mit ihrem eigenen Part zuviel oder zumindest genug zu tun haben, als dass sie sich auf ihre Mitmusiker konzentrieren könnten. Bei Fortgeschrittenen wird die Sache schwieriger. Es wird nicht zu selten unbeirrbar das gespielt, was die Eingebung oder auch das Sheet gerade vorschreibt… und das muss ganz und gar nicht dem entsprechen, was der Rest des Ensembles gerade intoniert.

Die Profi-Kollegen haben natürlich mit der Form oder irgendwelchen harmonischen Finessen keine Schwierigkeiten, hier ist es das eventuell fehlende Gespür für den GEMEINSAMEN Wohlklang, der ja nicht zwingend proportional zur Fertigkeit des einzelnen Solisten steigt. Zu deutsch: Zwischendurch mal auf den Partner hören hat noch keinem Song geschadet!

Zurück in die Bezirksliga:

Beendet der Kollege dann gerade den Durchgang, während der Rest der Band gerade erst in die Zielgerade einläuft, dann hat der überraschte Blick schon etwas Autistisches. Wie kann es sein, dass ihr jetzt erst in Takt xy seid? Dabei wäre Abhilfe so einfach! Gerade in Combos mit mehr als zwei Musikern darf gelten: Es MUSS nicht permanent gespielt werden. Das Ensemble wird nicht stoppen, wenn eines der Mitglieder mal für ein, zwei Takte nichts spielt und in dieser Zeit dem Spiel der Kollegen lauscht. Doch dies ist den Betroffenen einfach nicht zu vermitteln!

Ich weiß nicht mehr, von wem genau die Anekdote erzählt wird, war es Gary Burton oder Jim Hall, auf jeden Fall einer aus der Reihe der Jazz-Titanen. Der Meister ließ sich im Rahmen irgendeiner Masterclass vom Ensemble vorspielen. Im anschließenden Review besprach er mit den einzelnen Musikern nicht etwa deren Soli, sondern die der jeweils anderen Mitmusiker. Es stellte sich heraus, dass die überwiegende Anzahl der Protagonisten zumeist nicht die geringste Ahnung hatte, was die Anderen gespielt hatten. Verständlicherweise wurde solcherlei Ignoranz vom Meister heftig gerügt, da gemeinsamer Wohlklang eben nur durch eine Ensembleleistung und nicht durch die Summation einzelner Glanztaten erreicht wird.

Als alter Solo-Interpret erliege ich selbst hin und wieder der Verführung, zum Einen dauernd zu spielen und zum Anderen auch das eigene Spiel als fehlerfrei und somit als Referenz für den Rest der Band anzusehen. Aber hier bekam ich von den Profi-Kollegen bisweilen heftig den Kopf gewaschen, so dass ich mir beides langsam abgewöhnt habe.

Umso mehr geht es mir auf den Senkel, wenn eine Forderung nach “mehr Luft” und Zurückhaltung während der Soli der Kollegen permanent missachtet wird, insbesondere wenn der Kollege dann zudem noch die Form schmeißt.

Mit Menschen zu musizieren, die aufmerksam der gemeinsam erzeugten Musik lauschen und alle persönlichen Eigenheiten und jegliches Imponiergehabe dem großen Ziel, nämlich gute Musik zu machen, unterordnen, ist ein echter Genuss, auch für die Zuhörer. Gut, das waren jetzt vielleicht ein paar Nebensätze zu viel, aber ich denke,es ist klar: 

Es macht Spaß mit denen zu spielen, die wo zuhören tun!

Bei denen, die wo das nicht machen tun, ist eigentlich Hopfen und Malz verloren, so wie bei dem Grammatik der letzten zwei beiden Sätze ist… oder sind.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

2 Kommentare zu „Die wo zuhören tun

  1. Wie immer alles wahr und richtig gesprochen (also bis wo aufna dem Krammatik). Beim Lesen ist mir dann der Gedanke gekommen, dass Zuhören auch beim Solo (i.S.v. allein) Spielen doch wohl sehr wichtig ist. Ich glaube dass mir das Solo-Werk von Frisell wohl deshalb so am Herzen liegt, weil man bei dem tatsächlich merkt, wie er sich selbst zuhört und er Freude an seinen eigenen spontanen Ideen hat.

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