Alles hat ein Ende

Liebe Leser,

nein, mit dem Titel dieses Beitrags meine ich nicht diesen Blog, obwohl meine kreative Textproduktionen auch nur einen sehr überschaubaren Leserkreis erreichen. Es geht um das – zugegebenermaßen vorhersehbare – Aus der Computermesse CeBIT. Nun ist es so, dass es im Jahr 2018 einfach keinen mehr hinter dem Ofen hervor lockt, technische Gimmicks auf imposanten Messeständen zu präsentieren, zumal sich die meisten Innovationen im Bereich der Software ereignen, welche man bequem von zuhause auf dem 55” Bildschirm betrachten kann. Aber die ersten Jahre, die ich noch als aktiver Messe-Mitarbeiter für die Firmen Nixdorf bzw. Siemens miterlebt habe, waren definitiv ein Erlebnis und für mich als IT- und Messe-Neuling ein echter Kulturschock!

Anmerkung: Jetzt kommt eine Menge Text, aber auf diesen modernen Dingern kann man ja flott scrollen, falls Euch unterwegs langweilig wird.

Die detaillierte Geschichte der CeBIT ist bei der ansonsten zumeist gut informierten Wikipedia erst ab dem Jahr 1994 niedergeschrieben. Hier fehlen allerdings einige wirklich wichtige Jahre der damals wohl bedeutendsten Computermesse der Welt, die im betreffenden Artikel nur angerissen werden. Auch im Nachruf auf die CeBIT bei Zeit-online finden sich nur Anekdoten der (Zeit-)Mitarbeiter und Redakteure aus den späten 1990ern und dem 21. Jahrhundert. Aber da war die große Party schon vorbei. Für die Geschichten aus den späten 1980ern und frühen 1990ern sind all die Berichterstatter offenbar deutlich zu jung. Ich helfe gerne.

Mit dem frisch gedruckten Gesellenbrief als Informationselektroniker in der Tasche war ich gerade einmal ein paar Wochen als vollwertiger Nixdorf-Techniker im Außendienst unterwegs, als ich im Februar 1989 zu meinem damaligen Gruppenleiter zitiert wurde, der mich auf Anfrage seines Paderborner Kollegen für fünf Wochen zur CeBIT nach Hannover abordnete. Genaueres würde ich vom Messeverantwortlichen MW (eine echte Lichtgestalt in unserer Firma) vor Ort erfahren. Ich reiste also kurze Zeit später mit meinem weißen Nixdorf-Kadett 1.7 D (was man sich so alles merken kann) zum Messegelände nach Hannover. Außer dem wirklich beschaulichen Nürnberger Messezentrum hatte ich bis dato noch kein Messegelände gesehen. Und mir fielen nach Ankunft in der Niedersächsischen Landeshauptstadt fast die Augen aus dem Kopf!

Salopp gesagt passte unser komplettes mickriges Nürnberger Messezentrum (zumindest das damalige) in die Halle 1 des Hannoverschen. Und die Hallen dort waren seinerzeit immerhin bis 22 (oder sogar 24) durchnummeriert, wobei nicht alle Hallen so groß wie die 1 waren. In der Aufbauphase wurden selbstverständlich entlegene Hallen, also alle anderen, mit dem Auto angefahren, so dass schon einen Monat vor Messebeginn ein heiteres Treiben auf dem Gelände herrschte.

Der Aufwand, den Computerfirmen und IT-Firmen in dieser Zeit für die CeBIT betrieben, ist kaum vorstellbar. Ein paar Zahlen aus dem Gedächtnis, ohne Gewähr, Stand etwa 1987: In den Tagen als Nixdorf mit etwa 30.000 Mitarbeitern 4 Milliarden DM Umsatz machte und dabei 400 Millionen DM Gewinn erzielte, betrug die Kriegskasse für die CeBIT ca. 30 Millionen DM. Es arbeiteten auf der Messe – und das ist wirklich irre – etwa 1500 Mitarbeiter! Eintausendfünfhundert! Allein aus unserer Firma! Wir verteilten uns auf drei große Stände in Halle 1 bzw. 17 und diverse kleinere Stände in den anderen Hallen, teilweise auch bei anderen Firmen, sowie auf die Katakomben unter den Hallen und die sogenannten Trelement-Waben auf dem Dach der Halle 17.

Ungefähr vier Wochen vor Messebeginn begab sich unsere Meute aus etwa zwei Dutzend Technikern in eigens von Nixdorf angeschafften Bundeswehr-Jacken in die besagten Katakomben und verschwand dann buchstäblich im Keller. Als Nachrichtentechniker waren wir dafür zuständig, dass sowohl unsere Nixdorf-Stände wie auch einige andere unserer Kunden mit Telefonen ausgestattet wurden und die drahtlosen Piepser (Pager, Funkmeldeempfänger) für die Technik-Hotline und Einsatztechniker auf dem gesamten Gelände funktionierten. Schnurloses Telefonieren oder gar Handys mit mobiler Telefonie gab es zu dieser Zeit noch nicht. Die Nachrichtentechnik war früher eine Sparte der EDV, die inzwischen völlig in den IT-Netzwerken aufgegangen und somit als eigenständiger Bereich längst Geschichte ist. Aber Ende der 80er war komfortables Telefonieren noch eine große Sache und alle namhaften Computerhersteller bauten auch Telefonanlagen.

An jedem Schreibtisch auf jedem Messestand und auch an allen sonstigen möglichen und unmöglichen Orten war ein Festnetztelefon zu installieren, so dass wir an der Verkabelung des halben Messegeländes durchaus ein paar Wochen zu tun hatten. Insgesamt betrieben wir auf der CeBIT 1989 acht oder neun Telefonanlagen mit etwa 3000 Teilnehmern, also Telefonen.

Waren die ersten zwei Wochen der Aufbauphase alljährlich noch sehr behäbig – hier waren die Elektriker noch nicht soweit, dort hatten die Messebauer noch nicht mal den Doppelboden installiert, wieder an anderer Stelle waren wichtige Teile nicht verfügbar – so änderte sich dies in den letzten Tagen vor Messebeginn radikal. Wir vom Aufbauteam haben stets die letzte Nacht vor der Eröffnung durchgearbeitet, manchmal auch zwei Tage und Nächte. Aber hey, wir waren jung und konnten das Geld wirklich brauchen.

Jeder namhafte Hersteller leistete sich in dieser Zeit einen ebenso namhaften Designer, der ihm die Stände gestaltete. Und es ist mehr als einmal passiert, das ebendieser am Abend vor der Messe über die Stände spazierte und dem Chef empfahl, mal eben alle PCs von links nach rechts und die Hardware auf der rechten Seite dementsprechend auf die linke umzustellen. Meine Kollegen und ich haben das dann in der Nacht realisiert und waren pünktlich 10 Minuten vor Messeeröffnung damit fertig. Fix und fertig.

Und wenn ein Kollege aus dem Vertrieb seine CTI-Lösung (Computer-Telephony-Integration – also durch den Rechner gesteuerte Telefonie, was zum Beispiel in Call-Centern noch heute praktiziert wird und seit jeher die Technik vor nicht ganz triviale Probleme stellt) nicht zum Laufen brachte und der Eröffnungszeitpunkt mit großen Schritten näher kam, dann hat man diesen Kollegen natürlich solange unterstützt, bis das Ding endlich (zumindest vorläufig) funktionierte. Dass dabei ein neu freigegebenes Windows 3.11 auf einem 386er-PC (Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie langsam die Rechner einst waren) keine wirkliche Hilfe ist und zumeist die Probleme erst verursachte, dürfte offensichtlich sein.

Am großen Tag ab 10 Uhr wurden die vertrauten (und inzwischen schmutzigen) Bundeswehrparkas abgelegt und wir schlüpften in unsere Messe-Anzüge (die wir allerdings aus eigener Tasche anschaffen mussten), und zwar wir alle, ausnahmslos. Farbauswahl Dunkelblau, Dunkelgrau oder Schwarz. Jeder Nixdorf-Mitarbeiter auf der CeBIT hatte jederzeit ab Messestart einen Anzug und Krawatte zu tragen, auch jeder Techniker in Bereitschaft oder in der Einsatzzentrale in den Katakomben. Dennoch begann mit der eigentlichen Messe für uns Techniker die Zeit der gut bezahlten Langeweile tagsüber und der rauschenden Feste allabendlich.

Wir lungerten im Techniker-Trelement auf der Halle 17 herum, schliefen zum ersten Mal nach ein paar Tagen wieder ein paar Stunden, schauten (zumeist grottenschlechte) Videos und stromerten über die Messe. Wir waren mit Piepsern ausgestattet, so dass wir gegebenenfalls technische Defekte (“Bier in Telefon”, “Kaffee in Tastatur” und dergleichen) beheben konnten. Doch es waren Kleinigkeiten, den harten Teil der Messe hatten wir überstanden.

Während der gesamten Messe waren wir bei sogenannten “Messemuttis” einquartiert, womit Menschen bezeichnet wurden, die einen Teil ihres Wohnraums für Messe-Mitarbeiter oder -gäste zur Verfügung stellten. Die fünfköpfige Familie, bei der ich und noch vier weitere Kollegen zu dieser Zeit einquartiert waren, lebte in einem geräumigen Haus in einem Vorort von Hannover. Ich war in dem Kinderzimmer der etwa achtjährigen Tochter untergebracht, das wie jedes andere Zimmer des Hauses selbstverständlich mit einem Aschenbecher ausgestattet war. Mein Gott, wir haben den armen Leuten völlig unverfroren alle Zimmer inklusive des Wohnzimmers, in dem wir Frühstück erhielten, derart zugequalmt – man mag sich das gar nicht mehr vorstellen. Aber die Mieteinnahmen während der CeBIT samt Aufbauphase und der folgenden Industriemesse haben vielen Leuten in Hannover erst ein vernünftiges Einkommen ermöglicht, so dass es wohl eine Win-Win-Situation war. In meinen 10 Jahren in Hannover hat sich niemals eine Messemutti über uns/mich beschwert, im Gegenteil.

Trieben wir Kollegen uns in der Aufbauzeit eher in den gediegenen Kneipen (manchmal auch in etwas anrüchigeren Etablissements) von Hannover herum, so begann mit der Eröffnung der CeBIT dann die durchgehende Party-Time. Dass die Feiern auf den Ständen (und auch in allen Hallen der Stadt) bisweilen von ihrer Größe und ihrer Teilnehmerzahl etwas aus dem Ruder liefen, hatte auch unserer ehemaliger Chef Heinz Nixdorf am eigenen Leibe erfahren müssen. Als er nämlich auf der CeBIT 1986 beim Tanzen einen Herzinfarkt erlitt, wurde er in der tobenden Menge nicht gleich bemerkt – die Legende geht um, man habe ihn für einen Betrunkenen gehalten – und es verging möglicherweise zu viel Zeit bis zur Einleitung lebensrettender Sofortmaßnahmen. Heinz Nixdorf starb an eben jenem Abend, am 17. März 1986.

Die Partys waren durchgeknallt. Immer mehrere Hundert Teilnehmer, Livebands, Showstars, Catering, und Getränke bis zum Abwinken. Ich denke, wir sind keine Nacht vor 3:00 ins Bett gekommen und haben viel zu viel geraucht und gesoffen. Allerdings um 8:00 hieß es wieder, geschniegelt und gebügelt am Stand oder zumindest im Trelement anzutreten.

Der Abbau nach dem Ende der CeBIT war übrigens höchst unspektakulär und ging vor allem – rasend schnell. In drei Tagen war die künstliche Stadt aus Pressspan und Kunststoff abgebaut, die noch heilen (und nicht gestohlenen) Geräte waren verstaut und wir kehrten wieder in unseren Alltag als Techniker zurück.

1989 betrug mein Bruttolohn für den Monat März erst- und einmalig über 10.000 DM. Zusammen mit dem fast ebenso hohen Gehalt des Monats April war das ein enormer Zuverdienst in diesem Jahr. Bereits ab Februar waren die Betriebsräte gehalten, bei der Zahl der (zumeist im Nachhinein) zu genehmigenden Überstunden nicht ganz genau hinzusehen, was auch so geschah.

Die Zeit als Techniker auf der CeBIT war eine wilde, aufregende, lustige, anstrengende und überwiegend harmonische. Die Kontakte und auch Freundschaften, die ich mit den zumeist erfahreneren und oft höherrangigen Kollegen knüpfen konnte, kamen mir fast bis zum Ende meiner Karriere in der Nachrichtentechnik zugute. Wenn man wochenlang mit Menschen auf engem Raum unter Zeitdruck zusammenarbeitet, schweißt das durchaus zusammen.

Eine kleine Anekdote – es mag im Jahr 1990 oder 1991 gewesen sein – sei noch berichtet. Es war im Countdown etwa eine Woche vor Messebeginn, als mein Kollege RM, der in diesem Moment den Vermittlungsplatz (also den zentralen Apparat) unserer Messestand-Telefonanlage besetzte, einen Anruf annahm und unvermittelt in Rage geriet. “Um Gottes Willen!! Was sollen wir denn damit? Nein, Sie bringen das AUF KEINEN FALL hierher!” “Was ist denn los?” Unser Mann war völlig aufgelöst: “Die haben da einen Sprengstoff-Fund und wollen den zu uns in die Zentrale bringen!!” Sprengstoff! Nicht auszudenken. Und warum um alles in der Welt wollte die Hannoversche Polizei den unbedingt zu uns bringen? Weil wir die größte Telefonzentrale auf der Messe hatten? Die vermeintliche Terrorgefahr löste sich wenig später auf, als ein Beamter kurz darauf mitteilte, es handle sich um einen Sprengstoff-Hund, nicht um einen Sprengstoff-Fund. Ein unscheinbares H (welches gerne in der Aussprache unterschlagen wird) hatte kurzzeitig für erheblichen Aufruhr gesorgt.

In späteren Jahren (1994 bis 1999) war ich dann als Vertriebsmitarbeiter für den sogenannten “Wiederverkauf” der Siemens AG auf der CeBIT. Wir verkauften Siemens-Telefonanlagen an den Geschäftskundenvertrieb der Deutschen Telekom, welcher dann unsere Anlagen mit dem eigenen Adler (Logo) versahen und ihrerseits an die Kundschaft weiterverkaufte. Aber eine knappe Anreise vor oder gar eine Ankunft während der laufenden Messe ist nicht zu vergleichen mit einem knapp fünfwöchigen Einsatz. Ich stand 10 Stunden am Tag an unseren Exponaten und quasselte mir den Mund fusselig, dann noch einige Stunden auf wichtigen Vertriebsveranstaltungen, schüttete mit meinen Kunden zu später Stunde noch eine Unmenge Alkoholika in mich hinein und das etwa 10 Tage lang, ohne Pause. Unter der Knute eines strengen, aber ungerechten Werk-Direktors, der in der Hölle braten möge und der uns wirklich böse schikaniert hat. Selbst in den verwinkelten Straßenzügen der CeBIT ist es nicht einfach, seinem Oberchef acht Tage lang aus dem Weg zu gehen. Am liebsten hätte ich vorzeitig hingeschmissen. Aber ich brauchte ja das Geld…

Die Magie meiner ersten CeBIT war dahin und wollte sich auch nicht mehr einstellen. Um es mit B.B. King zu sagen: The Thrill is Gone. 1999 hatte ich meinen letzten Standdienst und wechselte dann zu einer Abteilung, die nicht auf der CeBIT präsent war.

Zehn Jahre CeBIT war bei Nixdorf und auch bei Siemens so etwas wie ein abgeleisteter Wehrdienst. “Hamm Se jedient?” “Jawoll!” – Ich denke, rein vom Auftragseingang oder vom Firmengewinn her hat sich die CeBIT für die Computerhersteller bei dem gewaltigen Aufwand nicht gelohnt. Aber es galt sich, einem internationalen Wettbewerb zu stellen, und das vor einem Millionenpublikum. Viele technische Innovationen wurden in kurzer Zeit realisiert, um sie auf der CeBIT zu präsentieren. Eine missglückte Präsentation wurde von der Konkurrenz gnadenlos ausgeschlachtet und konnte dem betroffenen Hersteller einige Aufträge kosten. Hatten wir von einer nicht funktionierenden Lösung eines Mitbewerbers erfahren, schickten wir unsere Kunden natürlich dort vorbei, so dass er sich von der Qualität unseres Produkts im direkten Vergleich überzeugen konnte. Entfernten wir im Gegenzug einen Flop nicht rechtzeitig vom Stand, erging es uns ebenso.

In Zeiten einer globalen Vernetzung mit ultraschnellem Internet gibt es kaum mehr einen Veranlassung, Hard- oder Software-Lösungen persönlich in Augenschein zu nehmen und dafür jede Menge ökologischen und ökonomischen Schaden zu verursachen. Seit Beginn des Jahrtausends hat sich diese Einsicht bei immer mehr Ausstellern und auch Besuchern durchgesetzt, so dass die CeBIT im Juni (wer macht denn sowas?) 2018 nach 33 Jahren die letzte war. Für meinen persönlichen Berufsweg war die CeBIT eine wichtige Etappe und ich möchte die Zeit nicht missen. Für meine Kinder und deren Generation sind es nur Erinnerungen an die “gute alte Zeit” mit seltsamen Gestalten und überholter Technik. Wozu einen übellaunigen Kunden am Messestand empfangen, wenn man mit ihm auch skypen kann? Und was genau ist eigentlich ein 386er?

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

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