Auf dem Nachttisch – Eine Kulturgeschichte des Wolfs

Liebe Leser,

dass ich hin und wieder ein Buch lese, ist bekannt. Dass ich bisweilen eins schreibe, möglicherweise auch. Doch diesmal spielte ich nur eine Nebenrolle, ich war beim vorliegenden Werk Lektor und Setzer. Aber natürlich auch begeisterter Leser!

“Eine Kulturgeschichte des Wolfs” von Rainer G. Schöller, welches jetzt im Oktober 2017 als 10. Band der “Reihe Ökologie” bei Rombach, Freiburg erschienen ist, hat 683 Seiten, 39 Abbildungen, fast 2000 Fußnoten und ein Literaturverzeichnis, das sich über 33 dichtbedruckte Seiten erstreckt… also echt ein dickes Buch!

KdW_Schoeller

Eine Kulturgeschichte? Das klingt trocken und nach seitenlangen tristen Abhandlungen zu verstaubten Themen. Weit gefehlt! Naja, zumindest sind die seitenlangen Abhandlungen nicht trist.

Zunächst einmal ist der Beutegreifer Wolf derzeit in aller Munde und nahezu täglich in den Gazetten, da er sich erdreistet, nach mühseliger Ausrottung einfach wieder in Deutschland aufzutauchen und möglicherweise sogar sesshaft zu werden. Und es ist verblüffend, wie präzise alle von Betroffenen für die Vertreibung des Wolfs hervorgebrachten Argumente vorhergesagt und die oft enthaltenen Vorurteile identifiziert werden können, wenn man die “Kulturgeschichte des Wolfs” gelesen hat. Die oft geradezu pathologische Abneigung gegen den Beutegreifer ist nämlich nur selten wissenschaftlich begründet, zumeist aber das Resultat jahrhundertelanger Indoktrination. Um es festzuhalten: Der Wolf ist nicht harmlos und keinesfalls ein Haus- oder gar Kuscheltier! Aber die meisten kolportierten – aus anthropozentrischer Sicht zumeist negativen – Eigenschaften des Tiers, von denen wir zu wissen glauben, sind Sagen und Legenden, die uns seit Kindesbeinen (“Rotkäppchen und der böse (!) Wolf”) eingeimpft wurden und die einer wissenschaftlichen Verifizierung nicht standhalten.

[Anmerkung: Keine Ahnung, warum die Rechtschreibprüfung bei “Tiers” zuckt, bei “Tieres” dagegen nicht. Gemäß Duden und anderen Nachschlagewerken sind beide Schreibweisen zulässig und “Tieres” klingt immer so angestaubt. Siehe auch: Eine Kulturgeschichte des Wolfs. Waren längere Verhandlungen mit Verlag und Herausgeber… es klingt aber einfach besser. Anmerkung Ende, Klammer zu.]

Interessanterweise fand jetzt am 02.10.2017 in München eine Demonstration von Almbauern und Schäfern aus Bayern, Südtirol und Österreich unter dem Motto “Weidetiere statt Wolfsreviere” statt, wo sich “besorgte” Tierhalter für einen besseren Schutz ihrer Tiere vor dem Wolf einsetzten. Ich möchte die teilweise berechtigten Sorgen dieser Menschen nicht verunglimpfen, aber ein Déjà-vu hatte ich beim Lesen dieser Nachricht durchaus.

In der “Kulturgeschichte des Wolfs” erklärt Dr. Rainer Schöller nämlich sehr genau und mannigfach belegt, woher die ungeheure Angst und der geradezu pathologische Hass auf dem Beutegreifer kommt, welche in keiner Relation zu der realen Bedrohung stehen (was – um es nochmal zu betonen – nicht die Gefährlichkeit des Tieres herunterspielen soll). Aber die in München gezeigten Reflexe der Menschen auf das Auftauchen des Wolfs sind eben nicht neu, sie sind jahrhundertealt. Ebenso die umgehend erhobene Forderung nach Abschuss der Tiere.

Daher darf ich den Zeitpunkt des Erscheinens dieses Buches als überaus gelungen ansehen. Ein unaufgeregtes sachliches Buch in einer aufgeregten unsachlichen Zeit. Der deutsche Sprachraum hat – auch wenn das etwas pathetisch klingen mag – auf dieses Werk gewartet!

Neben vielen interessanten Erkenntnissen belegt der Autor, dass der Werwolfglaube, welcher in Europa bei unzähligen Prozessen vielen Menschen das Leben kostete, weil sie von missliebigen Zeitgenossen denunziert wurden, nicht indigen in der Bevölkerung des deutschen Sprachraums verankert war, sondern erst in der Renaissance (also ganz grob ab 1500) von der Kirche aus der Antike übernommen und wieder aufgefrischt wurde. Mit der Aufnahme der Dämonologie als Disziplin der Theologie wurden nun die teils abstrusen Geschichten um die Verwandlung von Mensch zu Wolf sozusagen offiziell als real bewertet und dienten Richtern und Geistlichen zur Rechtfertigung von mannigfachen Todesurteilen. Das betreffende Kapitel im Buch heißt übrigens treffend: “Der Wolfsmensch: Eine antike Phantasie mit fatalen Folgen”

Stück für Stück demontiert der promovierte Historiker Rainer G. Schöller Märchen, Sagen und Legenden, die dem Tier den Ruf als blutrünstiges Monster und hinterlistigen Mörder eingebracht haben, wobei er keinesfalls den Standpunkt eines naiven Naturromantikers einnimmt, sondern den des sachlichen Wissenschaftlers, der unzählige Belege ausgewertet hat und aus diesen seine Folgerungen zieht.

Schon immer, also auch in seinen früheren Werken, schildert er dabei das Alltagsleben der Vergangenheit aus der Sicht der sogenannten einfachen Leute (Bauern, Hirten und Handwerker) und nicht ein weiteres Mal aus feudaler Sicht und dies durchgehend in verständlicher, wohl formulierter Sprache. Um einige Fachtermini kommt man in einer wissenschaftlichen Arbeit nicht herum, aber derlei ist heutzutage schnell zu recherchieren bzw. übersetzen.

Wenn auch “Eine Kulturgeschichte des Wolfs” ob der gigantischen Stoffmenge kein Werk ist, das man so eben schnell einmal von vorne bis hinten durchliest, so ist es auf jeden Fall ein Nachschlagewerk, das jeder gelesen haben sollte, der in der allgegenwärtigen Diskussion um die Wiederansiedlung des Beutegreifers Wolf sachkundig seine Stimme erheben möchte. Und sicherlich wird der “Schöller” (ich darf hier den Nachnamen des Autors als feststehend für das besprochene Buch postulieren) für viele zukünftigen wissenschaftlichen Abhandlungen als Referenz oder zumindest Quelle dienen.

“Eine Kulturgeschichte des Wolfs“ von Rainer G. Schöller ist bei Rombach, Freiburg i.Br. erschienen, überall im Buchhandel erhältlich und kostet 48,00 Euro.

Wem der Verkaufspreis etwas hoch erscheint, möge bedenken: Für dieses Buch hat der Autor jahrzehntelang (kein Witz!) in Dutzenden Bibliotheken, entlegenen Archiven und bei diversen Organisationen oder Vereinen recherchiert, jahrelang Belege kopiert (bisweilen abgeschrieben), sortiert, eingeordnet und bewertet, den eigentlichen Text geschrieben, sich dann fast vier Jahre lang mit einem besserwisserischen Lektor (mit mir!) herumgeschlagen und schließlich auch noch mit dem Herausgeber und dem Verlagslektorat!

Ein unvorstellbar aufwändiges Projekt, definitiv das Vermächtnis des Autors, hat also endlich mit der Erscheinung des Buches seinen Abschluss gefunden. Und der oft flapsig dahin gesagte Satz “Dass ich das noch erleben darf” ist angesichts der Krankheitsgeschichten sowohl des Autors wie auch des Lektors keine leere Floskel, soviel sei an dieser Stelle verraten, ohne Euch mit Details zu langweilen.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

4 Kommentare zu „Auf dem Nachttisch – Eine Kulturgeschichte des Wolfs

  1. Ich bin auf jeden Fall für die konsequente Ausrottung und Niewiederansiedlung von dem Genetiv in unserer Sprache, weil der eine zu große Bedrohung darstellt für das Selbstbewusstsein von allen Leuten, die gerne von sich glauben, sie könnten unsere Sprache, ohne einen Lektor hinzuziehen zu müssen.

    Gefällt 2 Personen

    1. Das war zwar off-topic, aber ich schließe mich bezüglich von dem Genetiv [sic] der Meinung von dem Kommentator Alice Wunder an.
      Ups… mal nachgelesen: „Genetiv“ ist zwar veraltet, aber zulässig… sorry!

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