Lady Day and the Sparrow of Paris

Zwei große Sängerinnen haben dieses Jahr ihren 100. Geburtstag. Allerdings ist es angesichts ihrer beider Biografien definitiv auszuschließen, dass sie diesen Tag jemals hätten tatsächlich erleben können (Alkohol, Drogen, Krankheit). Elinore Harris wurde am 07.04.1915 in Philadelphia geboren und sollte im Laufe ihres kurzen Lebens als Billie Holiday zu einer der größten Jazz-Interpretinnen aller Zeiten werden. Nur etwa ein halbes Jahr später, am 19.12.1915 erblickte Édith Giovanna Gassion in Paris das Licht der Welt, die als Édith Piaf mit ihrer unvergleichlichen Stimme weltberühmt wurde. Trotz der etwa 6000 km Entfernung zwischen Paris und New York zeigen die Biografien der Damen erstaunliche Ähnlichkeiten: Beide kamen aus zerrütteten Familien und wuchsen unter schwierigsten Verhältnissen in bitterer Armut auf. Während Billie Holidays mutmaßlicher Vater niemals mit ihrer Mutter unter einem Dach wohnte, wurde Édith Piaf kurz nach ihrer Geburt von der Mutter verlassen. Beide verbrachten ihre jungen Jahre im Bordell oder zumindest in der Nähe eines solchen, weil entweder die Mutter dort arbeitete (Holiday) oder die Großmutter eins leitete (Piaf). Möglicherweise nicht das beste Umfeld für ein junges Mädchen. Aber was weiß ich schon…

Im Jahre 1947, beide Sängerinnen hatten inzwischen in ihrer jeweiligen Heimat den Durchbruch geschafft, begab sich Édith Piaf auf eine USA-Tournee, die sie umgehend zuerst nach New York führte. Und hier muss sich dann zwischen den Auftritten der Französin die Gelegenheit zu einem Treffen der beiden Sängerinnen ergeben haben. Das Zeitfenster ist sehr klein, denn bereits am 16. Mai 1947 wurde Billie Holiday wegen Drogenbesitzes verhaftet, verurteilt und etwa acht Monate lang eingesperrt. Obwohl sich Holiday und Piaf im wahrsten Sinne nicht viel zu sagen hatten (Holiday sprach allenfalls ein paar Brocken französisch und Piaf war eine Französin, die traditionell eben nur französisch spricht), hatten sie jeweils durchaus großen Respekt vor der Kunst der anderen und so wurde eine spontane Aufnahmesession mit kleinster Besetzung (Gitarre und Klavier) durch den Musikproduzenten Herb Abramson realisiert, welcher 1946 “Jubilee Records” gegründet hatte und für jeden namhaften Künstler in seinem Label äußerst dankbar war.

Man einigte sich auf sechs Songs, die – ungeprobt – innerhalb eines Tages in New York auf Platte gezogen wurden. Billie Holiday wählte Everything Happens for the Best, Tell Me More and More and Then Some sowie Don’t Explain aus, Édith Piaf steuerte Y a pas d’printemps,  Monsieur Saint-Pierre und Il riait bei.

Aufgrund von ausufernden Rechtsstreitigkeiten bezüglich der Veröffentlichung und weil sich sowohl Holiday wie auch Piaf schon bald mit den sehr einfach produzierten Songs in Zeiten der Bigband- und Orchesterproduktionen nicht mehr wohl fühlten, wurden diese sensationellen Aufnahmen fast 70 Jahre der Weltöffentlichkeit vorenthalten. Aber nun, zum 100. Geburtstag von Édith Piaf (passend, dass auch Billie Hoilday 2015 ihren 100. gefeiert hätte) hat das Sony-Label Col endlich die Session unter dem etwas banalen Titel “Lady Day and the Sparrow of Paris” veröffentlicht.

Alle Songs von Billie Holiday wurden durch Klavier, die Chansons von Édith Piaf durch Gitarre begleitet. Wahrscheinlich war der Mann an der Gitarre auch ihr Tourbegleiter aus Frankreich, doch leider sind die Begleitmusiker nicht im dürftigen Booklet aufgeführt. Zu einem zweistimmigen Arragement konnte es aufgrund der sehr begrenzten Aufnahmezeit nicht kommen, so dass die meisten der zweiten Stimmen oder Chöre wohl improvisiert sein mögen. Doch bei Tell Me More and More and Then Some übernimmt Piaf mutig den B-Teil der zweiten Strophe und trotz des heftigen französischen Akzents und der sicherlich nicht klassisch swingenden Interpretation eines Blues schmettert sie so herzzerreißend ins Mikrofon, dass einem die Lautsprecher um die Ohren fliegen und das Wasser in die Augen steigt. Auch hervorzuheben ist die gesummte Gospelbegleitung von Billie Holiday zum Piaf-Titel Monsieur Saint-Pierre. Nur durch eine dünne Maccaferri-Gitarre begleitet, machen die beiden Sängerinnen bei dieser Nummer einen Sound, der sich auch mit der Orchesterbegleitung der französischen Studioaufnahme messen kann!

An der CD mit den unvergesslichen Aufnahmen dieser bedeutenden Interpretinnen ist nur kleiner Makel: Sie existiert nicht. Leider hat sich die Geschichte nicht zugetragen. Nicht so, nicht ähnlich, überhaupt nicht. Die kleinen Frauen mit den großen Stimmen haben sich wahrscheinlich nicht in New York getroffen. Denn als Piaf tatsächlich im Herbst 1947 in der Stadt gesungen hat, saß Billie Holiday wegen Drogenbesitzes im Alderson Federal Prison Camp in West Virginia, aus dem sie erst im März 1948 wieder entlassen wurde. Sollte es aber einen Musikerhimmel geben, dann ist die Scheibe “Lady Day and the Sparrow of Paris” längst eingespielt.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

 

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