Mal andere Saiten aufziehen!

Liebe Leser,

das hatte ich mir schon seit langem vorgenommen. Hier nun ein Beitrag über die für uns Gitarristen doch so wichtigen Metall-Drähte, auch Saiten genannt. Eigentlich sollte dies ein Artikel über die Geschichte und auch die Klangeigenschaften von Gitarrensaiten werden, doch ich habe mich in Kindheits- und Jugenderinnerungen verzettelt. Nun, dann eben die historische und technische Abhandlung nächste Woche…

Hätte sich die folgende Geschichte im Jahre 2018 zugetragen und nicht im Jahre 1974, würde ein aufgewecktes Kind unserer Zeit sicherlich erst mal ein Youtube-Video zum Thema anschauen und sich so allerhand Unbill ersparen. Aber wir hatten ja nix in damals…

Ich hatte in besagtem Jahr 1974 von den zur Heiligen Kommunion eingeheimsten Geldgeschenken meine erste Gitarre erworben. Dieses wunderschöne Instrument für zu dieser Zeit durchaus stattliche 200 D-Mark:

Git-Scharf.png

Auf Anraten meines erfahrenen Bruders erstand ich eine Westerngitarre (ich wusste zwar damals noch nicht, was das bedeutete, aber auf jeden Fall “mit Stahlsaiten, Stahleinlage im Hals und höhenverstellbarem Steg”) und eben keine Konzertgitarre, was den Verkäufer (wahrscheinlich war es der Inhaber) im Musikhaus “Scharf” nicht sonderlich erfreute. Widerwillig verkaufte er mir unter allerlei Schmähungen die oben abgebildete Gitarre. Nun, er wird ohnehin in der Hölle braten, so dass ich mich über den wahrlich unwürdigen Kaufvorgang an dieser Stelle nicht weiter auslassen will.

Ich trug also stolz meine erste Gitarre nach Hause und stellte fest, dass ich sie a) nicht spielen und b) nicht einmal stimmen konnte. Wir befinden uns etwa 10 Jahre vor der Markteinführung tauglicher und bezahlbarer Stimmgeräte. Die Gitarre wurde daher zumeist ohne Referenz “in sich” gestimmt, durch Vergleich benachbarter Saiten. Insider wissen schon, was gemeint ist. Dreht man allerdings aufgrund völlig ungeschulter Ohren dabei etwas zu lang an den Mechaniken, wird auch die beste Saite reißen, wenn sie mehr als drei oder vier Töne zu hoch gestimmt wird. Peng! Ich stand also etwa eine Stunde nach Erwerb meines Instruments (und dem Verlust sämtlicher Ersparnisse!) vor der Aufgabe, eine Saite zu wechseln. Da das ganze Ausmaß des nun Folgenden nur zu verstehen ist, wenn man einige Komponenten einer Gitarre kennt, seien sie hier für die etwas unerfahreneren Leser abgebildet:

Scharf-mit-Komponenten

Von außen zu erkennen ist die genaue Arretierung einer Saite bei der Westerngitarre (im Gegensatz zur Konzertgitarre oder auch zur Archtop) allerdings nicht, man sieht nur sechs Kugelköpfe der sogenannten “Endpins”.

cof

Ich kannte aber damals weder die Bezeichnung, noch ihre Funktion. Klar war nur, dass die Saite, sollte sie aus dem Korpus durch die Decke nach außen kommen, natürlich von innen nach außen gesteckt werden musste. Und der einzige Weg in das Innere einer Gitarre – ohne selbige zu zerstören – führt durch das Schalloch, soviel stand fest!

Die Erkenntnis, dass ich auch mit meiner damals noch jugendlich schlanken Hand aber keinesfalls an den noch intakten Saiten vorbei (oder zwischendurch) in den Korpus greifen konnte, so dass ich wohl alle Saiten entfernen müsste, ließ mir ob der bevorstehenden Aufgabe sicherlich einige Tränen in die Augen schießen. Immerhin war ich so schlau, sie nur an den Mechaniken zu lösen, so dass ich sie nicht auch noch alle wieder neu einfädeln musste. Dass einfaches Entspannen um einige Umdrehungen völlig genügt hätte, war mir natürlich nicht klar und spielte in dem ganzen Desaster auch schon keine Rolle mehr.

Heftig im Korpus suchend konnte ich nach gefühlten Stunden endlich die richtige, also die gerissene Saite lokalisieren und zog das verbleibende Ende erst in den Korpus zurück und dann aus der Gitarre. Mit eingeklemmtem Endpin war das allerdings nicht zu machen. Also drückte ich zunächst von innen, zog mit Fingern, dann mit Zange, von außen und konnte den stramm sitzenden Plastikkeil nach nur einer halben Stunde aus dem Steg ziehen. Ich glaube nicht, dass ich die Decke durch die Anwendung von Zange und Schraubendreher ernsthaft beschädigt habe…

Nun galt es, die neue Saite durch das Schallloch ein- und dann durch das betreffende Loch im Steg wieder nach außen zu führen. Es war eine elende Fummelei! Nachdem dies gelungen war, knotete ich das Saitenende am passenden Pin der zugehörigen Mechanik fest – mir war natürlich weder die korrekte Arretierung noch die richtige Wickelrichtung bekannt – und drehte wieder am Knöpfchen. Diesmal etwas vorsichtiger. Sodann hängte ich die restlichen Saiten wieder ein und versuchte die Gitarre erneut zu stimmen. Es scheint wohl gegen Ende des Tages gelungen zu sein, denn eine weitere Katastrophe ist mir von diesem Tag nicht mehr im Gedächtnis.

Um nun wieder auf die eingangs erwähnte Uninformiertheit von uns Gitarrennovizen der 1970er Jahre zurückzukommen: Natürlich müssen Saiten nicht durch das Schallloch von innen durch den Steg geführt werden. Hier eine Risszeichnung einer üblichen Stegkonstruktion:

Saitenhalterei

Die Bohrung für eine Saite ist groß genug, um auch das Ballend (ein kleiner Ring am Saitenende) aufzunehmen. Durch die Umlenkung der Zugkraft muss der Endpin nur ordentlich (nicht zu fest) klemmen und hält dann das Saitenende in der eingezeichneten Position. Um eine Saite auszuwechseln, genügt es also, die Saite zu entspannen, den Endpin herauszuziehen und dann die Saite aus der Bohrung zu entnehmen. Die neue Saite wird dann von oben in das Loch geschoben und durch Eindrücken des Endpins fixiert. Dauert eine Minute… falls man weiß, wie es geht!

Ich bin beim nächsten Saitenwechsel darauf gekommen, weil die auszutauschende Saite nach Entfernung des Endpins quasi von allein aus dem Loch sprang, woraus ich folgerte, dass selbiges offenbar etwas größer als das Ballend der Saite war und somit die neue Saite auch von der anderen Richtung (also von außen) durchpassen müsste. Und bei dieser Gelegenheit durfte ich dann zum ersten Mal in meinem Leben den – ernsthaft – fast magischen Moment kennenlernen, wenn man sein Instrument mit funkelnagelneuen Saiten spielt.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

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