Es ist alles gesagt

Liebe Leser,

vorgestern Abend war ich zu Gast auf dem Gitarrenfestival in Hersbruck. Ja, aufmerksame Leser haben es bemerkt, es ist schon wieder Mittwoch…

Wie in den vergangenen Jahren geben sich hochklassige Vertreter der Gitarrenkunst in Hersbruck ein Stelldichein. Mein Freund und Musikerkollege AM hatte Karten besorgt – unpräzise: “spendiert” muss es lauten! Dankeschön! – und es gab an diesem Montagabend “Gipsy Swing – Crossover”, eine nicht nur auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftige Mischung. Zu hören war das “Joscho Stephan Trio” und das Duo “Hands on Strings”, welche sich die beiden Sets des Abends teilten, wobei das Joscho Stephan Trio den Abend eröffnete und beschloss. Durch diese Konstellation kam das durchaus fähige Duo in den zweifelhaften Genuss, sowohl NACH wie auch VOR Joscho Stephan zu spielen, eine Konstellation, die jeder vernünftige Gitarrist zu vermeiden sucht. Nun denn, ich werde dennoch zuerst über “Hands on Strings” schreiben:

Die beiden Gitarristen Thomas Fellow und Stephan Bormann schlossen sich Anfang des Jahrtausends zum Duo “Hands on Strings” zusammen. Beides hervorragende Instrumentalisten und Musiker produzieren sie durch den Zusammenklang von Follows Konzertgitarre mit dem regelmäßig wechselnden Instrument seines Duopartners Bormann einen mächtigen Sound, der streckenweise nach “Earl Klugh meets Pat Metheny” klingt, aber durchaus eigenständig. Obwohl sie – insbesondere Fellow – einen druckvollen und groovenden Bass intonieren können, wenn sie populäre Songs zitieren, ist es am schönsten, wenn sie ihre lyrische Seite herausstellen. das arg strapazierte, dennoch wunderschöne “Fragile” von Sting sei lobend erwähnt. Von launigen Ansagen aufgelockert und der Pause unterbrochen lieferten “Hands on Strings” eine feine Stunde hochklassiger Gitarrenkunst ab. Warum sich im meines Erachtens durchaus lockeren Zeitplan des Abends keine drei Minuten für die vehement geforderte Zugabe unterbringen ließen, bleibt ein Rätsel.

Nach dem auf diese Weise etwas rüde beendeten Gig der zwei Dresdner kam er zum zweiten Mal an diesem Abend auf die Bühne, der große Joscho Stephan. In der ursprünglichsten Trio-Besetzung, mit Vater Günter Stephan an der Daumen-betriebenen Rhythmusgitarre und dem Kontrabassisten Volker Kamp.

Volker Kamp aus Duisburg spielt seit einigen Jahren Kontrabass im Trio der beiden Mönchengladbacher Stephans und ist ein hart swingender Virtuose, dem der Meister bisweilen ein Solo überlässt.

Günter Stephan ist der inzwischen knapp 70jährige Vater von Joscho und von Beginn an mit auf Tour. Er spielt eine ausgezeichnete, rhythmisch präzise Gipsy-Rhythmusgitarre und NIEMALS ein Solo. Wie bereits auf meinem letzten Besuch bei einem Konzert von Joscho Stephan im Jahr 2013 hatte ich auch diesmal Gelegenheit, einige Worte mit dem Familienoberhaupt zu wechseln, der trotz Hunderten von bejubelten Konzerten ein bescheidener und sympathischer Gesprächspartner geblieben und immer für einen kleinen Plausch zu haben ist. Von dem Heer der leider viel zu oft namenlosen hervorragenden Gipsy-Rhythmus-Gitarristen unterscheidet er sich in zwei Dingen: Zum Einen spielt er niemals mit Plektrum, sondern schlägt die Saiten ausschließlich mit dem Daumen der rechten Hand an. Dies verhindert zwar manch rhythmische Kapriole, ergibt aber einen weichen, dennoch sehr “tighten” Sound. Wobei ihm der Daumen selbst ob der permanenten Beanspruchung wohl keine Probleme bereitet, eher die rechte Schulter. Durchaus vorstellbar bei der Schlagfrequenz, die bei einem Joscho Stephan Konzertabend zu leisten ist.

Und zum Anderen spielt er live immer nur eine seiner beiden Hoyer-Maccaferris (wirklich seltene Exemplare), obwohl doch der Shooting-Star der Maccaferri-Baumeister Jürgen Volkert aus Lauf dem Sohn regelmäßig wunderschöne Instrumente liefert.

Nun zum Meister selbst. War er schon vor fünf Jahren ein herausragender Gitarrist mit der Vorliebe für den Stil Django Reinhardts, der in diesem Genre noch Musiker wie Stochelo Rosenberg oder zumindest Bireli Lagrene neben sich duldete, so ist er zumindest aus technischer Sicht inzwischen ganz oben angekommen. Besser kann ein Mensch nicht Gitarre spielen! Der halb scherzhaft geäußerte Wunsch des die Veranstaltung anmoderierenden Klassik-Gitarristen Johannes Tonio Kreusch, den man sicher nicht zu den “Patzern” zählen kann, dass er “gerne mal einen Fehler im Spiel von Joscho hören würde”, blieb auch an diesem Abend unerfüllt.

Das Problem für einen Gitarristen wie mich hierbei ist, dass man wegen der geradezu außerirdischen Technik und Musikalität von Joscho schon angesichts der eigenen Unzulänglichkeit Bedenken hat, irgendwelche kritische Anmerkungen zu schreiben. Dasselbe Problem hat man übrigens auch mit dem Fingerstyle-Spezialisten Tommy Emmanuel. Das Gute an Joscho Stephan ist, dass er wirklich jeden nur erdenklichen Song in atemberaubender Geschwindigkeit spielen und für seine Soli aus einem offensichtlich gewaltigen Repertoire an abgefahrenen Phrasen und Licks schöpfen kann.

Das Problem dabei ist, dass er dies tatsächlich auch immer tut. Joscho Stephan macht formal alles richtig. Er spielt “für die Galerie”, also spektakulär, so dass auch ein stil- oder fachfremdes Publikum die Klasse des Meisters erkennen kann (mein Sänger SH hatte mir als durchaus hilfreichen Ratschlag schon vor 25 Jahren mit auf den Weg gegeben, dass Musikalität und eventuelle Virtuosität nicht nur besessen, sondern auch dargestellt werden müsse), er moderiert sparsam, aber freundlich und witzig-verschmitzt durch das straffe Programm und er zitiert in seinen Soli jede Menge bekannter Songs und Hits.

Und so stellt sich nach der letzten Zugabe (es waren zwei, für eine dritte hatte dann das überwiegend im Seniorenalter befindliche Publikum doch keine Geduld mehr) tatsächlich etwas ein Gefühl von Sättigung ein. Es ist alles gesagt! Was soll da noch kommen? Joscho Stephan hat jeden nur erdenklichen Ton gespielt, jede rasante Phrase gebracht und jeden Zitat-Kalauer (Stairway to Heaven…) gedroschen. Danach kommt nichts mehr.

Das schönste Lied des Abends war für mich übrigens nicht wie für viele die bluesige Version von Django Reinhardts “Nuages” (da kann man über die Interpretation geschmacklich geteilter Meinung sein), sondern das sparsame, aber wunderschöne „Bei dir war es immer so schön“ von Theo Mackeben. Und da bewies Joscho Stephan, dass er eben tatsächlich ein begnadeter Gitarrist und Musiker von Weltklasse ist und nicht nur ein Zirkusartist mit herausragender Technik.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Ein Kommentar zu „Es ist alles gesagt

  1. schönen Dank für die informative Konzertkritik – ich glaube das Problem ist einfach, dass man als freischaffender Gitarrist nur überleben kann, wenn man möglichst wenig von der Erwartung des Publikums abweicht. Ich zweifle keinen Moment daran, dass ein Ausnahmemusiker wie JS im stillen Kämmerlein viele interessante und originelle Sachen abseits der Traditionspfade macht. Aber insbesondere das Gitarrenpublikum ist meist doch sehr konservativ und geht gerne zu virtuosen „klingt wie…“ Aufführungen (mit ganz vielen Zitaten). Und wer will schon das Risiko eingehen, den Lebensunterhalt durch Experimente zu gefährden?

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s