Der Geschichtenerzähler

Liebe Leser,

ich räume derzeit meinen Blog auf. Naja, das trifft es nicht wirklich. Eigentlich schaue ich mir meine Ordner mit den Texten durch, aus denen ich irgendwann mal einen Blogbeitrag machen wollte. Über die Corona-Misere werde ich dann nächste Woche wieder klagen. Ich stieß also beim Stöbern auf ebendieses inzwischen wohl mehr als fünf Jahre alte Textfragment (welches ich jetzt ohne das geringste schlechte Gewissen korrigiert, aktualisiert und ergänzt habe):

Manchmal schaue ich tatsächlich Fernsehen. Also so richtig live vor der Glotze und nicht auf im Nachhinein auf Youtube oder sonstwo. Das nennt man inzwischen (2021) „lineares Fernsehen“ und es ist total „out“ oder „lame“. Da lief am 18.11.2015 (!) in der ARD der interessante Film “Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit” mit dem von mir sehr geschätzten Tobias Moretti. Wie immer hatte ich mir vorab einige Kritiken zu dieser Fernsehproduktion durchgelesen. Das soll man ja eigentlich nicht machen, aber ich kann’s einfach nicht lassen!

Ich gehe zwar mit den notorischen Nörglern von FAZ und WELT konform, dass der Verzicht auf so manchen kitschigen Postkartenhintergrund dem Film ganz gut gestanden hätte, fand aber im Gegensatz zu manchen Zeitungskritiken die schauspielerischen Leistungen durchwegs gut, die von Moretti wieder mal hervorragend. Am Ende des Films, welcher in den späten 1950ern endet, teilt Luis Trenker seiner Ehefrau mit, dass er eine neue Beschäftigung anstatt des Filmens gefunden habe, nämlich das Geschichtenerzählen. Und wie dann Tobias Moretti den Trenker vor der Kamera mimt, wie er in den frühen 1960ern sein Publikum unterhält, dann ist das erste Sahne! Jede Geste und jedes Wort wie von Trenker persönlich.

Luis Trenker? Das wird vielen – insbesondere den jüngeren – Lesern nichts sagen. Daher jetzt eine kleine Klammer:

Luis Trenker, geboren als Alois Franz Trenker (* 4. Oktober 1892 in St. Ulrich in Gröden, Tirol, Österreich-Ungarn; † 12. April 1990 in Bozen, Südtirol, Italien), war ein Bergsteiger, Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller. 

Er diente als sogenannter Einjährig-Freiwilliger in der österreichisch-ungarischen Armee im Ersten Weltkrieg zunächst in Galizien, im Sperrfort Verle bei Trient und schließlich in den Dolomiten. Nach dem Krieg nahm er sein Architekturstudium wieder auf und arbeitete danach als Architekt in Bozen.

1921 kam der nebenberufliche Bergführer Trenker quasi zufällig zum Film, weil er – vom Regisseur Arnold Fanck ursprünglich als Helfer engagiert – den kletterunkundigen Hauptdarsteller des Bergfilms Berg des Schicksals kurzerhand ersetzen durfte. In dem Fanck-Film Der heilige Berg (1926) war er bereits als Schauspieler etabliert und spielte dort an der Seite der jungen Tänzerin Leni Riefenstahl, die später die Regisseurin der Nationalsozialisten werden sollte.

Trenker gab sein Architekturbüro auf, lebte ausschließlich als Regisseur und Schauspieler und übersiedelte 1927 nach Berlin. Bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein produzierte er Berg- und Abenteuerfilme, die sowohl beim italienischen Mussolini- wie auch beim deutschen Hitler-Regime sehr gut ankamen, so dass der Südtiroler lange Zeit ein gutes Auskommen hatte und hohes Ansehen genoß.

Aufgrund seines Zögerns und langen Lavierens in der schwierigen Optionsfrage (die Südtiroler bzw. die Ladiner hatten sich zwischen einem Anschluss ans Deutsche Reich, was mit Umsiedlung verbunden war, oder mit der Zugehörigkeit zum faschistischen Italien zu entscheiden) fiel Trenker bei der NS-Führung dann im Frühjahr 1940 in Ungnade. Er wurde mit einem Berufsverbot belegt und siedelte von Berlin zunächst nach Rom, später nach Südtirol um. Die meisten Historiker schätzen das Verhalten Trenkers während des Nationalsozialismus/Faschismus weder als rebellisch noch als kollaborativ ein, sondern einfach als opportunistisch. Man musste halt sehen, wo man bleibt…

Nach dem Krieg, beim Versuch, sich über Wasser zu halten, entwickelte er Geschäftsmodelle, die bei Lesern meiner Generation, die den Film Schtonk! aus dem Jahre 1992 und auch die zugrunde liegende Spiegel-Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher im Jahr 1983 noch gut im Gedächtnis haben, Erinnerungen wecken: Zunächst verkaufte er frisch gefertigte Schnitzereien (in diesen Zeiten gab es im Grödnertal unzählige Holzschnitzer) als Antiquitäten, nachdem er sie mit Schrot beschossen, mit dem Lötkolben versengt oder zeitweise in der Erde vergraben hatte.

1946 versuchte er das Manuskript von Tagebüchern der Eva Braun in Europa und den USA zu verkaufen, was ihm auch einige Male gelang. Erst 1948 wurde diese Unternehmung von der Familie Braun mit Leni Riefenstahl (!) als Nebenklägerin durch eine einstweilige Verfügung des Landgerichts München I gestoppt. Die Urheberschaft an den Tagebüchern, welche real natürlich ebensowenig wie diejenigen von Hitler existierten, wurde nie endgültig geklärt. Man geht aber von Luis Trenker aus, auch wenn er dies später mehrfach dementierte.

In den 1950er Jahren begann Trenker dann, wieder Filme zu drehen, und war damit auch bis in die 1960er Jahre durchaus erfolgreich. 1959 lief im Bayerischen Rundfunk die Sendung Luis Trenker erzählt an, welche ich in den 1960er und 1970er Jahren im Fernsehen und jetzt 50 Jahre später wieder in YouTube gesehen habe.

Quelle: Wikipedia, gekürzt nach bestem Wissen und Gewissen

Klammer zu.

Ich musste mir natürlich sofort (also Anfang 2016 und eben jetzt Anfang 2021) einige Originalsendungen der Reihe “Luis Trenker erzählt” bei Youtube anschauen, die dort dankbarerweise eingestellt wurden. Und ich muss gestehen, der Mann hatte es wirklich drauf!

Fernsehen der 1960er Jahre, welches der junge Mensch sich heutzutage nicht mehr vorstellen kann! Da sitzt einer in seinem rustikalen Wohnzimmer (in der „Stube“) oder in einem als Stube hergerichteten Fernsehstudio und erzählt Geschichten aus seinem Leben. Ohne Skript, ohne Notizzettel, ohne Teleprompter, die Kamera hält drauf, geschnitten wird nicht. Und die Erzählungen sind, wie sogar die beste meiner Töchter, die wirklich in einer modernen und hochdigitalisierten Welt aufgewachsen ist, zugegeben hat, durchaus unterhaltsam und packend. Luis Trenker läßt in seinen Geschichten eine Zeit lebendig werden, die schon zum Zeitpunkt der Aufnahme 50, heute sogar 100 Jahre zurückliegt. Obwohl sich seine Erzählungen von eher harmlosen Bergsteigeranekdoten bis hin zu durchaus tragischen Schilderungen aus dem Ersten Weltkrieg oder dem Amerika zu Zeiten der Wirtschaftskrise spannen, sind Fremdschäm-Momente überraschend selten. Zumeist findet er intuitiv den richtigen Ton. Immerhin ist er in Österreich-Ungarn unter der Regentschaft des Kaisers Franz Joseph I. (ja genau, der Franz von der Sisi) geboren, da war eine auch nur annähernd politisch korrekte Ausdrucksweise (oder auch eine gewaltfreie Kindererziehung – da darf nach einer „gerechten“ Watschn, die der kleine Luis von einem Bauern gefangen hatte, schon mal das Trommelfell geplatzt sein…) noch lange nicht in Sicht. 

Mag auch einiges geschönt, gebogen oder verharmlost sein – die Erzählungen des Luis Trenker sind echte Perlen des deutschsprachigen Fernsehens und – nie langweilig! Herausragend sind seine Schilderungen des Ersten Weltkriegs, welchen er die ganzen vier Jahre als Soldat mitgemacht hatte. Trotz der oft eingestreuten heiteren Anekdoten geht dieser Bericht eines Zeitzeugen einer längst vergangenen Ära doch an die Nieren.

Luis Trenker war ein hervorragender Bergsteiger und Skifahrer, ein innovativer Regisseur und wahrscheinlich der Autor der Tagebücher von Eva Braun. Am besten war er aber meiner Meinung nach als Geschichtenerzähler. Es ist übrigens auch mit Hilfe des allwissenden Internets nicht möglich, ein Gesamtverzeichnis der immerhin von 1959 bis 1973 aufgezeichneten „Luis Trenker erzählt“-Folgen zu finden. Vielleicht stelle ich mich ja auch wieder mal nur dusselig an…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Do ut des

Liebe Leser,

Web, Facebook, YouTube, Twitter, Pinterest, Instagram, TikTok? Alles klar! Ich fühle mich zwar zu alt für den Scheiß, aber was bleibt schon in diesen pandemischen Zeiten? Alle meine lukrativen Live-Gigs (die nicht so lukrativen natürlich auch) werden immer wieder aufs Neue verschoben, langjährige Comic-Kunden stellen ihre Publikationen ein und die Firmen, für die ich dankbarerweise Arbeit in der Buchhaltung oder im Sekretariat verrichte, fahren auftrags- und damit umsatzmäßig seit nunmehr über 12 Monaten Corona zumindest mit angezogener Handbremse. Es gilt also, online neue Märkte und damit Umsatz oder gar Gewinn zu generieren. Gut, dass ich da als Erster drauf gekommen bin.

Seit Anfang des Jahres habe ich meinen YouTube-Kanal wiederbelebt (sucht nach gige2009 oder klickt hier >>>), ab 2015 pflege ich meine Präsenzen bei Facebook („Hahaha, wer nutzt denn noch Facebook?“) und diesen Blog. Ok, und meine Webpräsenz www.gige.de sowie meine Seite bei Patreon >>>. Aber mehr geht einfach nicht. 

Bis auf den Sonderfall Patreon erbringen alle Sites, Kanäle und Präsenzen in ihrer derzeitigen Verbreitung keinerlei Umsatz, sie dienen rein zur Unterhaltung meines Publikums und generieren allenfalls sekundär etwas Geschäft, wenn jemand einen Tonträger oder eine Publikation bestellt. Oder mich für eine Veranstaltung bucht (was ja bekanntlich seit einem Jahr nicht mehr passiert).

Nun ist so, dass man sowohl für sein Publikum wie auch für die ungnädigen Algorithmen unablässig Content zu produzieren hat, welcher auch in irgendeiner Form konsumiert und am besten auch noch bewertet werden muss. Da man – wie oben bereits erwähnt – nur einer von tausenden ist, muss es das Netzwerk erledigen, die treuen Freunde, Fans und Follower. Und hier wird es anstrengend.

Viele meiner Facebook- und sonstigen digitalen Freunde sind natürlich ebenso Musiker und veröffentlichen jede Menge eigenen Content. Und so haben sie ebenfalls den Wunsch, ihre Videos, Tonaufnahmen und Texte möglichst bekannt zu machen. Nun ist es für mich eine Sache der Fairness, dass ich die Beiträge meiner Kollegen like, selbst wenn der eine oder andere nicht hundertprozentig nach meinem Geschmack ist. Musiker ernähren Musiker, ein alter Hut. Zudem kostet ein Like oder ein kurzer netter Kommentar ja nix. Außer Zeit. Und so muss ich eben täglich zwischen 30 und 60 Minuten derselben opfern und lese Beiträge anderer Blogger, denen ich folge, weil sie mir folgen, gucke mir Clips meiner Mitmusiker auf Facebook und YouTube an, wobei ich nicht mit „Gefällt mir“ spare und bestelle hin und wieder eine CD eines Freundes oder musikalischen Leidensgenossen.

Das ist Dir alles zuviel und zu aufwändig? Gut, dann lass es bleiben. Beklag Dich jedoch nicht, wenn die anderen Kinder dann nicht mehr mit Dir spielen wollen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – Ranking aller Pixar Filme

Liebe Leser,

in Pandemie-Zeiten wird ja noch mehr geguckt als ohnehin schon. Und so hat sich unsere Familie zu Weihnachten 2020 neben den schon fast zum Standard gehörenden Netflix und Amazon Prime auch noch ein Disney+ Abo gegönnt. Und? Für Restaurant-, Konzert- oder Biergartenbesuche kann man das Geld ja nicht ausgeben, also – was soll’s? Das war vom Timing her zudem ziemlich gut, denn kurz nach Heiligabend wurde der neueste Pixar-Animationsfilm Soul bei Disney+ uraufgeführt und als Pixar-Fans der ersten Stunde wollten wir allesamt diese Premiere nicht verpassen.

Eine Rezension über Soul hätte ich ohnehin geschrieben, aber beim Review im Kreise der ohnehin sehr cineastischen Familie kam zum wiederholten Male die Diskussion über die Einordnung des jeweils letzten (aktuellen) Pixar-Films in das bis dato bestehende Gesamtwerk auf, gefolgt von dem Versuch eines Rankings aller (abendfüllenden) Pixar-Filme nach ihrer… sagen wir: Qualität. Eine sehr subjektive Sache, klar. Zudem haben dies schon vor mir einige Menschen getan. Aber ich konnte nie in allen Bewertungen übereinstimmen, so dass ich mich entschloss, der Welt ein weiteres Ranking zu schenken, auf welches sie sicherlich auch nicht gewartet hat.

Die Zusammenstellung aller Pixar-Filme samt ihrer Veröffentlichungsjahre ist keine große Sache. Da hilft Wikipedia immens. Und da ich die meisten dieser Filme jeweils bestimmt ein halbes Dutzend Mal gesehen habe, würde wohl ein Ranking keine große Sache sein. Dachte ich mir so.

Die TOP5 und die schlechtesten Filme aus dem Hause Pixar sind schnell gerankt, über die genauen Positionen in der Liste mag man trefflich streiten. Aber im Mittelfeld wird es tricky. Filme, die ich als wirklich berührend und toll empfand, mussten sich angesichts der Konkurrenz aus dem eigenen Haus mit einem Platz im Mittelfeld begnügen. Insbesondere die beiden Produktionen Soul (2020) und Alles steht Kopf (2015) hatte ich so aus dem Bauch heraus als Top-Filme von Pixar gespeichert. Aber die Messlatte hängt hoch. Im direkten Vergleich mit den anderen Filmen stieß mir dann doch die eine oder andere Länge etwas auf und sie landeten unerwartet nur auf Platz 10 und 11.

Hier nun erst einmal mein subjektives Ranking, von gut nach schlecht, dann ein paar Anmerkungen:

1 2007 Ratatouille

2 2008 WALL·E – Der Letzte räumt die Erde auf

3 2017 Coco – Lebendiger als das Leben!

4 2004 Die Unglaublichen – The Incredibles

5 2003 Findet Nemo

6 2009 Oben

7 2010 Toy Story 3

8 2001 Die Monster AG

9 2013 Die Monster Uni

10 2020 Soul

12 2015 Alles steht Kopf

11 2018 Die Unglaublichen 2

13 2006 Cars

14 1999 Toy Story 2

15 1995 Toy Story

16 1998 Das große Krabbeln

17 2019 A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando

18 2017 Cars 3: Evolution

19 2020 Onward: Keine halben Sachen

20 2015 Arlo & Spot

21 2012 Merida – Legende der Highlands

22 2016 Findet Dorie

23 2011 Cars 2

Bei den Anmerkungen zu obigem Ranking muss ich natürlich auf den Inhalt des jeweiligen Films eingehen, was zu — SPOILERN — führt. Ich habe Euch also hiermit gewarnt!

Beim Schreiben der nun folgenden Erläuterungen erschien mir die Einführung einer Untergruppierung sinnvoll. Ich war mir zwar über die Einstufung einer tiefer stehenden Gruppe als „nicht ganz so gut wie die darüber“ ziemlich schnell klar, nicht aber über das Ranking innerhalb dieser jeweiligen Gruppe. 

Ob ich Ratatouille oder WALL·E als Nummer 1 ansehe, ist eine knappe Sache. Beide Filme sind echte Meisterwerke, die ich immer wieder aufs Neue genießen kann. Meiner Meinung nach das Beste, was Pixar bis dato geschaffen hat. 

In der Gruppe mit Coco, Die Unglaublichen, Findet Nemo und Oben hat mich Coco am meisten beeindruckt, insbesondere nach einigen Dürrejahren von Pixar. Dass es in Coco neben den üblichen Themen wie Familie, Tradition und Loyalität auch um mitreißende Musik geht, mag mich beeinflusst haben. Wer weiß das schon? Die Unglaublichen ist ein spannender und sehr witziger Action-Animationsfilm („der beste Superhelden-Film“) im schicken Sixties-Style und Findet Nemo ein spannender Familien-Abenteuerfilm mit den witzigsten Sidekicks im ganzen Pixar-Universum. Mehr Disput gibt es über die Einordnung von Oben.

Die erste Viertelstunde, in der das Leben des zum Einsetzen der Haupthandlung greisen Mr. Fredricksen Revue passiert, ist ohne ein gesprochenes Wort seitens des Hauptdarstellers dennoch ein Meisterwerk und herzzerreißend. Der Übergang in einen Abenteuerfilm im Folgenden kann dieses absolute Top-Niveau nicht halten, ist aber immer noch spannend, rührend und dank der knuddeligen tierischen Akteure Oberklasse. Nebenbei: Dug ist der süßeste Hund überhaupt! Viele Rezensenten ranken Oben hinter anderen Pixar-Filmen. Ich aber liebe diesen Film und setze ihn an Nummer 6!

In der Gruppe mit Toy Story 3 und den beiden Monster-Filmen zeigt sich, dass bisweilen auch eine Fortsetzung an das Original heranreichen kann oder es sogar übertrifft. Die Schlussszene von Toy Story 3 ist (ja, natürlich ist das Kalkül) ein wirklich tiefer Moment und lässt nur die abgebrühtesten Rezensenten kalt. Auch ansonsten ist dieser Streifen der Beste der immerhin vierteiligen Reihe. 

Obwohl die Monster AG inzwischen tatsächlich 20 Jahre auf dem Buckel hat, ist es ein sehr witziger Film mit einer wirklich innovativen Idee. Ob man das gelungene Prequel Die Monster Uni jetzt etwas stärker oder etwas schwächer wertet, ist marginal. Wir haben in der Diskussion im Familienkreis festgestellt, dass wir wohl die meisten Gags und Zitate, mit denen wir im Alltag gerne um uns werfen, aus der Monster Uni entnommen haben. Die müssen daher wohl allerhand richtig gemacht haben.

Die Plätze 10 bis 12 sind sehr interessant. Alle drei dort platzierten Filme wurden unglaublich gehypt und auch von der Kritik hoch gelobt. Und dennoch finden sie sich gerade im Mittelfeld des Pixar-Gesamtwerks. Was ist da los?

Dem 2020er Pixar-Film Soul, welcher aufgrund der Pandemie gar nicht erst in den Kinos gezeigt wurde, sondern im Dezember 2020 auf Disney+ seine Premiere hatte, fieberte ich schon nach dem Release der ersten Trailer und Teaser entgegen. Dies war sicherlich auch ein Grund (nicht der einzige) für unser Disney+ Abonnement. Die Story war schon recht früh bekannt (Musiker bekommt endlich die Chance auf den Gig seines Lebens, verunfallt aber vorher tödlich, findet sich auch im Jenseits nicht mit dieser Ungerechtigkeit ab und… den Rest verrate ich nicht) und ich war auch gleich angefixt. Die Animationstechnik von Soul ist superb! Fotorealistische Szenarien, ein toller Soundtrack und sehr knuddelige Darsteller, ob menschlich, tierisch oder transzendent. Und ich gebe zu, dass gerade die Szenen, die sich um die Vorstellung des Protagonisten von „Musik als Berufung“ drehen und sein Hadern mit seinem realen Leben als Musiklehrer und verkanntes Genie, wirklich stark sind. Doch zwischendurch (mit allerhand Slapstick, Bodyswitch und ausgetauschten Weisheiten) schleichen sich auch einige Längen ein. Zudem frage ich mich bisweilen (das gilt übrigens auch für Alles steht Kopf), ob ich zu doof bin, die philosophischen Dialoge zu verstehen, oder diese eben wirklich nicht so gehaltvoll sind, wie sie klingen. Summa summarum gefallen mir die weiter vorne platzierten Filme einfach besser.

Im besagten Alles steht Kopf finden sich neben wirklich klugen und sehr witzigen Innensichten der Protagonistin (und menschlichen Psyche) sowie einigen berührenden Momenten eben auch wieder allerhand Leerlauf und auch ein paar Logik-Löcher. Guter Film, aber eben keiner der besten.

Die Unglaublichen 2 ist ein echtes Sequel. Pixar hat sich für diese Fortsetzung ganze 14 Jahre Zeit gelassen und allerhand Fan-Service betrieben. Technisch perfekt und auch ordentlich spannend sind viele Gags eben doch aus dem 2004er Film übernommen oder doch zumindest inspiriert. Zudem ist der Antagonist „Syndrom“ aus dem ersten Teil um Klassen stärker als derjenige der Fortsetzung.

Ich mag Cars und der Culture-Clash zwischen dem weltbekannten NASCAR-Rennauto und den hinterwäldlerischen Autos irgendwo im Grand Canyon (?) macht Spaß, aber es ist eine sehr amerikanische Welt, die dort gezeigt und gefeiert wird. Mich interessieren im echten Leben weder NASCAR-Rennen noch Autos allgemein sonderlich.

Die Plätze 14 bis 16 sind mit guten Filmen besetzt, welche allesamt eine gute, witzige und spannende Story haben. Aber mehr als 20 Jahre (alle drei Filme sind aus den 1990ern und waren stilbildend!) sind in der Welt der Animationsfilme eine lange Zeit.

Nun kommen wir zu den Plätzen, auf denen sich Filme finden, welche zwar nicht wirklich schlecht sind (davon gibt es zugegebenermaßen wenige bei Pixar), die aber keinen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Meine Tochter hat beispielsweise die Aufgabe gestellt, den Inhalt von Toy Story 4 kurz zusammenzufassen. Es ist mir nicht gelungen, was gegen eine gute Story spricht! Auch Cars 3 und Onward sind keine schlechten Filme, aber eben deutlich schwächer, als die vorher aufgeführten.

In der letzten Gruppe geht es mit zwei Filmen los, die man anschauen kann, aber nicht muss. Arlo & Spot ist ein Kinderfilm mit oft erhobenem pädagogischen Zeigefinger und Merida… ach ja. Es ist schwer zu sagen, was mir genau nicht gefällt, aber etwa ab der Hälfte des Films ist mir das Schicksal der Protagonisten schlichtweg egal. Das ist kein gutes Zeichen…

Auf Platz 22 ist mit Findet Dorie ein Film gelandet, an dem mich neben seinem viel zu häufig überdrehten Plot vor allem stört, dass er die Gier der Produzenten, wirklich jeden möglichen Dollar aus der Findet-Nemo-Story rauszuquetschen, nicht einmal ein wenig versucht zu kaschieren. Ich darf das als den „Bibi und Tina-Effekt“ bezeichnen. Man nehme ein paar Trigger-Begriffe für heranwachsende Mädchen (hier: Zaubern, Pferde, Jungs, Internat…) und verbinde dies mit wirklich hanebüchenen Storys, fertig ist die Gelddruckmaschine. Eben das hat man mit den liebenswerten Protagonisten aus Findet Nemo für das Sequel Findet Dorie getan. Alle halbgar in einen Topf und schnell umgerührt. Nebenbei ist das bei den fischlichen Protagonisten keine schöne Metapher. Dennoch: Unangenehmer Nachklapp mit eindeutig gieriger Absicht!

Cars 2. Das Ende! Ich habe Cars 2 genau einmal gesehen, war von der völlig konfusen Handlung überfordert, habe den Agenten-Twist nicht verstanden und die Story längst vergessen. Ich kenne keine Person (die dem Kindergartenalter entwachsen ist), die diesen Film mag. Das mag daran liegen, dass er eben wirklich schlecht ist.

Das, liebe Leser, war mein persönliches, subjektives Ranking aller abendfüllenden Pixar-Filme. Wie seht Ihr das? Schreibt mir gerne Eure Meinung in die Kommentare. Am schönsten wäre diese Diskussion bei einigen Bierchen nach einem Kinobesuch. Es sieht allerdings in nächster Zeit weder nach Kino, noch nach Bierchen in der Kneipe aus.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Patreon

Liebe Leser,

Corona, Lockdown, Lockerung, erneuter Lockdown, 7-Tage-Inzidenz, Mutation, Impfung, Impfstoff-Engpass… na, nervt’s? Also mich schon!

Es tut mir leid, dass seit nunmehr 11 Monaten wirklich jeder Blogbeitrag ein Lamento über die Widrigkeiten dieser Pandemie ist. Aber das Virus ist ja auch noch da und schert sich einen Dreck um meine Befindlichkeiten. Jede (meines Erachtens verfrühte) Lockerung des Lockdowns mag Bildungseinrichtungen und bestimmten Wirtschafts-Sparten vielleicht etwas helfen, ein vernünftiger und damit auch für Veranstalter und Künstler lukrativer Live-Betrieb liegt noch in weiter Ferne. Es gilt also, etwas zu tun. Verzweifeln und Hinwerfen wäre natürlich eine Möglichkeit, ist aber verpönt. Von daher…

Es galt, eine Möglichkeit zu finden, der – zugegeben überschaubaren – Schar meiner Fans zumindest etwas Musik oder Unterhaltung zukommen zu lassen und dies dennoch nicht gänzlich für lau zu tun. Und diese Möglichkeit gibt es tatsächlich.

Ich werde meine Gigs und damit die treue Gefolgschaft meiner Fans (oder zumindest Sympathisanten) zumindest temporär ins Netz verlagern. Hierfür habe ich meinen inzwischen etwas verstaubten Kanal bei YouTube wieder aufpoliert 

Achtung, super-kreativer Name: gige2009 >>>

und mir eine Seite auf der renommierten Plattform patreon.com eingerichtet, die es ermöglicht, den Live-Musiker Gige zu unterstützen. 

https://www.patreon.com/gige_jazz

Unterstützer (sogenannte Patreons) erhalten für ihren monatlichen Beitrag Benefits, die von meiner tiefen Dankbarkeit bis zur monatlichen Unterrichtseinheit per Skype reichen.

Schaut Euch auf der Seite um und lest die Angebote der verschiedenen Unterstützer-Levels durch. Ich bin mir sicher, da ist für Euch was dabei! Werdet mein Unterstützer auf Patreon – ich würde mich sehr freuen. 

Natürlich schlage ich mich derzeit durch den ganzen Technik-Schissl (an der USt beiße ich beispielsweise gerade noch, aber ich werde das klären!), doch das kriege ich trotz fortgeschrittenem Alter in den nächsten Tagen gebacken! Und dann werde ich exklusiven Content auf die Seite füllen. Ich will meinen Unterstützern ja auch regelmäßig Neues bieten!

Natürlich ist die Unterstützung bei Patreon monatlich kündbar, so dass Ihr mir Euer sauer verdientes Geld lieber wieder anlässlich von Auftritten zukommen lassen könnt, wenn diese Pandemie jemals vorüber ist.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gedanken zum Jahresbeginn

Liebe Leser,

natürlich habe ich wieder viel zu lange mit Arbeit und so ’nem Kram herumgetrödelt, dass dieser Beitrag zur Begrüßung des neuen Jahres schon fast zum Ende des Karnevals erscheint. Da selbiger – wie so vieles – ausfallen wird, ist auch diese Angabe irrelevant. Wie immer entschuldige ich mich in aller Form für … naja, alles eben. Nun aber der Text: 

So, endlich ist 2020 Geschichte. Wir haben jetzt 2021 und alles wird besser. Hatte ich mir so gedacht. Ja, Pustekuchen. Wir hocken im verschärften Lockdown und freuen uns, wenn die Impfquote der Bevölkerung im Promillebereich ansteigt. Langsam aber sicher geht mir Corona auf die Nerven. Soeben habe ich eine Nachricht von Rainer Glas erhalten, dass der 40. Internationale Jazzworkshop Erlangen auch im Jahr 2021 nicht stattfinden kann. Die Nachricht wird auch bei der Wiederholung (siehe diesen Beitrag von 2020 >>>) nicht besser.

Die Pläne, die ich mit Beginn der Pandemie für 2020 gemacht hatte („Ab Herbst können wir dann…“) sind jetzt offenbar auch für 2021 obsolet. Weia, das nervt gewaltig!

Und dann noch die Bekannten (echte Freunde sind es zumeist nicht), die in der Krise eine Herausforderung oder gar Chance sehen. Träumer, die in Kurzarbeit kreativ werden oder in „systemrelevanten“ Berufen (womit natürlich nicht die tatsächlich systemrelevanten und hart schuftenden Helden im Gesundheitswesen etc. gemeint sind!) arbeiten, wo man außer der obligatorischen Maske nichts von der Pandemie bemerkt. Herrje, ich hab’s gerafft! Online-Konzerte streamen, Unterricht per Skype, Harmonielehre-Kurse über das Web und so weiter und so fort. Jaja, schon klar. Ich mach ja schon!

Am besten ist der Tipp, viele Videos für YouTube zu produzieren, so wegen Influencer oder Content-Creator und all den Schissl. Das ist eine entsetzliche Arbeit – seit Tagen schneide ich an einem 3-Minuten-Video herum – und bringt dem (nicht mehr ganz taufrischen) Live-Musiker genau gar nichts. Um es frei heraus zu sagen (entschuldigt den rüden Ton, Ihr Blog-Leser seid explizit ausgenommen und ohnehin meine Treuesten!): Steckt Euch sämtliche gutgemeinten Rat-, Optimierungs-, Vor- und sonstigen Schläge an den Hut. Naja, ging doch, war nicht zu rüde. Also: Was ich tun müsste, weiß ich. Nur nicht wann. Und ich weiß auch nicht, wie man das alles bezahlen soll.

Ein passabler Weg, darbende (eine zugegebenermaßen angesichts meines Leibesumfangs etwas fragwürdige Formulierung) Künstler zu unterstützen, ist es, deren Erzeugnisse bzw. Merch (= Merchandising-Kram – die Abkürzung wird inzwischen sogar von der Rechtschreibprüfung toleriert) zu kaufen. Und es gibt ja allerhand:

Man kann sich die „Harmonielehre für Gitarre“ von Helmut Kagerer & Gige Brunner (siehe dieser Beitrag >>>) bestellen, oder eine der schönen (neuen) CDs „dreipunktnull“ (siehe dieser Beitrag >>>) bzw. „Bossa Nova“ (siehe dieser Beitrag >>>). 

Bestellung per Mail an jazz@gige.de oder auf allen legalen Kommunikationswegen zu mir. Oder das:

Ganz heißes Zeug. Für Gitarristen. Feine Fingerstyle-Arrangements populärer Standards aus Jazz und Bossa Nova. Derzeit lieferbare Hefte (als PDF):

La Mer, Se é Tarde Me Perdoa, Out of Nowhere (und in den nächsten Tagen Lobo Bobo und On a Slow Boat to China). Jedes PDF enthält ein Fingerstyle-Arrangement des kompletten Songs in kombinierter Notation und Tabulatur sowie eventuell ein paar Anmerkungen und kostet 5 Euro. 

Bestellung per Mail an jazz@gige.de oder auf allen legalen Kommunikationswegen zu mir. Zudem auch direkt über den Verlag unter www.hm5-publishing.de (wo ich die PDFs baldigst auf der Website einstellen bzw. bewerben werde, versprochen!).

All diese schönen Sachen werde ich impertinent bei YouTube bewerben und zudem den jeweiligen Beitrag durch einen gewieften Titel als Clickbait nutzen. Ja, so clever bin ich drauf! Ihr findet meinen Kanal in Youtube >>> unter dem knackigen gige2009. Seufz…

Zu guter Letzt wird es im März (hoffe ich) einen Online-Kurs zum Thema Harmonielehre bei der vhs Schwabach geben, für den ich das oben genannte Buch in handliche Happen zerteilt habe, die sich zum Einen in vier Lektionen und zum Anderen ohne explizite Gitarrenkenntnisse genießen lassen. Ankündigung und Ausschreibung erfolgt zeitnah. 

So wurde meine wütende Abrechnung mit dem ganzen Volk der Krisengewinnler, Optimierer und Consulter (welche ich schon in meinen Angestellten-Zeiten nicht ausstehen konnte) nun doch zu einer Werbeveranstaltung in eigener Sache. Aber wie sagte schon Brecht so schön: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Bonfá’s Geheimnis

Liebe Leser,

ich wünsche Euch allen ein frohes und vor allem gesundes Jahr 2021! Wir sitzen weiterhin im Lockdown. Da kommt man auch mal wieder zum Gitarre-Spielen. Aber offensichtlich nicht dazu, pünktlich am Dienstag einen kleinen Blogbeitrag zu schreiben. Doofes Corona! 

Dieser Artikel ist eine überarbeitete Zweitveröffentlichung und erschien vor etwa einer Woche in meinem Musik-(Nerd-)Blog Avanti Dilettanti >>>

Nun habe ich aber sofort von zwei fachkundigen Kollegen ein paar Korrekturen erhalten, die ich jetzt natürlich in diesen Beitrag eingearbeitet habe.

Dieser Artikel (ich wiederhole mich, sorry) dürfte auch unter dem Titel „In the shed“ stehen, was auf deutsch soviel bedeutet, wie „Aus dem Übungsraum“ (wörtlich: Im Schuppen). Damit geben viele Musiker einer Öffentlichkeit preis, woran sie gerade arbeiten. Bei mir sind dies zur Zeit [das von Google vorgeschlagene „zurzeit“ halte ich nach wie vor für falsch – es sieht auch behämmert aus] die Songs „Pernambuco“, und „Sambolero“ vom Meister Luiz Bonfá.

Beide Songs erschienen 1959 auf der LP „Luiz Bonfá – Solo In Rio“ und sind echte Knaller! Obwohl ich mir die Aufnahmen schon mindestens einige Dutzend Male angehört hatte, war mir der Vortrag dieses Ausnahmegitarristen immer ein Mysterium. Ich habe schon allerhand Jazz- und Bossa-Nova-Standards im Fingerstyle erlernt und auch vor Publikum gespielt, aber Bonfás Solo-Arrangements, welche nicht zu selten aus Viertel- (oder Halbe-Noten-)Bass, perkussiven Offbeats und einer (bisweilen mehrstimmigen) Melodie bestehen, sind wirklich harter Stoff!

Neben den Originalaufnahmen, von denen nur bei „Sambolero“ etwas Videomaterial von Bonfá’s Zupf-Technik verfügbar ist, zog ich mir allerhand Videos von begabten Gitarristen rein, die „Pernambuco“ covern oder sogar als Lern- bzw. Lehrvideo anbieten. Und die Kollegen spielten zumeist wirklich beeindruckende Versionen des Songs, mit Daumen-Techniken, an denen ich beim Nachahmungsversuch wirklich zu beißen hatte. Oft nahe dran, aber irgendwie…

Also habe ich mir die oben erwähnte Video-Aufnahme von „Sambolero“ noch einmal genauer angesehen. Bonfá spielt dort und in vielen seiner Fingerstyle-Songs einen permanenten Rhythmus, der von ihm folgendermaßen realisiert wird:

Als Zupf-Finger dienen Zeige-, Mittel- und Ringfinger, egal, ob einzeln oder zu dritt. Er hat – wer hätte das gedacht? – einen sehr präzisen Anschlag mit dem Daumen auf die 1 und 3 und entwickelt mit seinen Zupffingern auf die Offbeats einen ordentlichen perkussiven „Snap“, zumeist mit dem Handballen der rechten Hand zur Dämpfung auf den Saiten, was einen beeindruckenden Sound erzeugt. Das alles ist jedoch kein Hexenwerk und für jeden intermediate oder advanced Gitarristen schnell nachzuahmen.

Doch dann legt der Meister noch zusätzlich eine flotte Melodie über die Begleitung, während die Rhythmusbatterie aus Daumen und Zeigefinger munter weiter rattert. Und jetzt wird es knifflig. Ich habe mir „Pernambuco“ wirklich oft aufmerksam angehört, später auch mit einigen durchaus erfahrenen Musikern, um herauszukriegen, ob Luiz Bonfá diesen Song tatsächlich alleine eingespielt hat, ohne die Zuhilfenahme von Overdubs oder gar einem Begleitmusiker. Doch, hat er. Aber die akustische Trennung zwischen Begleitung und Melodie in seinem Spiel ist wirklich sensationell! Zumal der Song 1959 mit sicherlich noch unzureichender Studiotechnik aufgenommen wurde.

Ich habe einige Stunden damit verbracht, sein Spiel zu imitieren und auf meine eigene Gitarre zu übertragen. Vergebens. Es klingt ganz gut, aber mindestens ein Element seines Arrangements (von „Pernambuco“), bestehend aus Bass, perkussiver Offbeat, Viertelbegleitung mit um 1/16 vorgezogener 2 und Melodie, ging stets verloren. Hexenwerk!

Die Lösung dieses Problems gelang mir durch die Erkenntnis, dass ich es im fortgeschrittenen Alter zwar nicht mehr schaffen werde, meine drei Zupffinger mit der nötigen rhythmischen Unabhängigkeit voneinander zu trainieren, ich aber durch mein langjähriges Folk- und Jazz-Fingerstyle-Spiel in der Lage bin, Bonfá’s Stil wenn schon nicht zu kopieren, so doch immerhin ordentlich zu faken. Und das funktioniert so:

Ich spiele die komplette oben abgebildete Figur mit dem Daumen, verzichte aber aus Faulheit auf die Achtelpausen:

Der Wechselbass fällt mir wesentlich leichter als die Achtel-Wechsel mit Daumen und Zeigefinger, selbst wenn jeder zweite Schlag gedämpft werden muss, damit das Ganze nicht zu sehr nach Country klingt. Kriege ich das technisch ordentlich umgesetzt, so dass es wie bei Bonfá klingt? Nein, natürlich nicht. Aber wichtiger als die mechanische Realisierung an der Gitarre war mir die Entschlüsselung der famosen Technik des Meisters. 

Ein Hoch auf Luiz Bonfá, der schon vor mehr als 60 Jahren aus seiner Konzertgitarre einen Sound geholt hatte, für den es normalerweise zwei Instrumente braucht.

Sollte ich jemals wieder ein paar Tage Zeit haben (sarkastisches Lachen), dann werde ich Euch meine Bonfá-Fake-Technik in einem Video auf meinem YouTube-Kanal vorstellen. Natürlich noch lieber bei einem Livekonzert, wenn es solcherlei irgendwann wieder geben sollte. 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Gedanken zum Jahresende 2020

Liebe Leser,

es ist eine schöne Tradition, dass ich zum Ende des laufenden Jahres einige Zeilen in diesem Blog schreibe. Aber dieses Jahr ist das nicht schön! 2020 war, mit Verlaub gesagt, beschissen! Nach gutem Start mit schönen und lukrativen Gigs im Januar und Februar hat es mir die Laune ab März (die CD-Präsentation „dreipunktnull“ am 14.03. war mein erster Termin, der gecancelt werden musste) gehörig verhagelt. Corona hat jegliche musikalische Ambitionen im Jahr 2020 gekillt. Gut, es sind zwei Tonträger und ein Buch mit meinem Namen darauf erschienen, was sich ja nach einem respektablen Output anhört. Aber wenn man ausschließlich reale Produkte herstellt, die sich eben nicht in digitaler Form erwerben lassen, hat man offensichtlich auf das falsche Pferd gesetzt. Die gute Nachricht: Die Sachen verderben ja nicht…

Nebenbei hat wieder eine Zeitschrift, für die ich zusammen mit Sven Heißler schon viele Comics produziert habe, ihr Erscheinen eingestellt. Na, Ihr wisst ja, schlimmer geht immer.

Nun bin ich natürlich nicht undankbar, dass meine Familie und mein engster Freundeskreis von einer Corona-Erkrankung verschont geblieben sind, doch dies ist zum größten Teil Glück, zum kleineren Teil Vorsicht, aber sicher nicht der allgemeinen Disziplin unserer Bevölkerung geschuldet. Nach nunmehr 10 Monaten Pandemie im Wechsel zwischen Lockdown und Lockerung trifft man immer noch zu viele Zeitgenossen, die offenbar in zwei Realitäten parallel leben! In der einen, in der es aufgrund steigender Infektionszahlen, dauerhafter Überlastung des Gesundheitswesens und einer doch bedeutenden Anzahl von Todesfällen vernünftigerweise gewisse Einschränkungen im Alltag gibt, sowie in der anderen Realität, in der das Coronavirus immer noch in Wuhan, oder vielleicht noch ein bissl im fernen Österreich wütet. Da ist es cool, bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die Maske zu verzichten und seinen Mitmenschen auf die Pelle zu rücken. Es ist unfassbar!

Ganz abgesehen von der üblichen Meute an Aluhut-tragenden Covidioten und Kwerdenkern ist auch der Umgang mit den von den Einschränkungen von Anfang an und dauerhaft Betroffenen, also den Künstlern, Hoteliers, Gastronomen und Veranstaltungs-Leuten, unsäglich. Jede „unbürokratische“ „Soforthilfe“ ist geradezu kafkaesk bürokratisch und niemals zügig. Man hat alleine in Nürnberg gegen knapp 50 Künstler Ermittlungen wegen Betrugsverdacht eingeleitet, weil sie in völliger Unkenntnis tagesaktueller Regelungen im April zwei Anträge auf Soforthilfe gestellt hatten (von denen übrigens der jeweils zweite durchgehend abgelehnt worden war). Die Regelungen zu den angebotenen Hilfen, welche auf der Website der bayerischen Staatsregierungen nachzulesen waren, wurden mehrmals geändert (wirklich!), so dass man sich am besten beim Beantragen einer Hilfe einen Screenshot gemacht hätte… 

Die Vorgabe, dass eine Soforthilfe nur für geschäftliche Liquidität, aber nicht zur Bestreitung des Lebensunterhalts verwendet werden dürfe, ist ein echter Burner. Wäre doch bei Kurzarbeitergeld ebenso sinnvoll, oder?

Zum Dank für das Betteln wird man von den in ihrer Kurzarbeit gebetteten Angestellten in vielen Foren (Web wie Print) heftig angegangen, weil man „keine Rücklagen gebildet hat“, weil man „eben flexibel sein muss“, weil man „etwas Anständiges hätte lernen sollen“ und anderes Kroppzeuch. Dass inzwischen auch so solide Berufszweige wie Karnevalisten und Feuerwerksverkäufer nach Staatshilfe schreien, wird akzeptiert, da diese offensichtlich systemrelevant sind, während Musik, Theater und Film ja aus der Steckdose kommt. Ach, drauf gesch…

Nun sieht es ja trotz aller Fortschritte in Sachen Impfung etc. danach aus, als würde uns das Virus noch einige Monate begleiten. Es scheint, dass die (von mir) vorgeschlagene organisatorische Lösung für den Live-Gig-Stau Verschieben, verschieben! eben doch nicht funktioniert. Wir bleiben also weiterhin bei Ebbe in der Kasse krampfhaft kreativ! Was also tun?

Ein Buch habe ich 2020 geschrieben und veröffentlicht, zwei Tonträger ebenfalls. Möglicherweise hatte ich das schon erwähnt. Habt Ihr die Sachen noch nicht? Dann umgehend bestellen! Eine sehr direkte Hilfsmaßnahme in Corona-Zeiten! Weitere Publikationen werden 2021 folgen, verlegt entweder beim eigenen Verlag HM5 publishing UG oder beim Spurbuchverlag. Oder bei beiden.

Live-Konzerte sind auf absehbare Zeit kaum realisierbar. Ich werde also etwas Neues probieren. Wenn der berüchtigte Technik-Gige einige Grundlagen erlernt hat (ich bin dabei!), wird mein YouTube-Kanal mit mannigfachen Gitarren-Videos überflutet. Diese Videos sind die Teaser für weiterführende Video-Kurse, Streams, Veranstaltungen mit Gast (bevorzugt in der realen Welt, sobald man dies wieder gefahrlos tun kann), Bücher, Tonträger und so weiter. Wer mich dabei unterstützen möchte, den bitte ich um ein Patronat bei patreon.com, wo ich mich unter

https://www.patreon.com/gige_jazz

eingenistet habe. An den Benefits, die ein Förderer genießen wird, arbeite ich im Moment noch, aber die offizielle Eröffnung dieser Aktion werde ich noch gebührend an- und verkünden. Ihr müsst jetzt also noch kein Patron werden. Nicht mehr in diesem Jahr.

Liebe Leser, vielen Dank für Eure Besuche auf dieser Website, für Eure Kommentare und Eure Likes. Ein paar Abonnenten mehr wäre nett, aber das ist nicht so wichtig (By the way: Einem Blog bei WordPress zu folgen kostet nix, auch die Mitgliedschaft in WordPress ist mit keinerlei Kosten verbunden). Jetzt rutscht gut raus aus diesem vermaledeiten Jahr und kommt wohlbehalten in 2021 an! Ich wünsche Euch allen ein frohes und gesundes neues Jahr, in dem wir uns hoffentlich nicht nur auf dem Bildschirm, sondern auch in der realen Welt wieder sehen und hören können.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – Fleckenteufel

Liebe Leser,

in der unerwartet (Ihr wisst schon: Corona … zweiter Lockdown … warum habe ich da eigentlich keine Zeit? Seltsam, aber so ist es …) hektischen Vorweihnachtszeit schaffe ich meine Ich-veröffentliche-dienstags-einen-Beitrag-Vorgabe nicht. Zudem möchte ich den erfolgreichen Beitrag Harmonielehre für Gitarre 2020 auch nicht vom Spitzenplatz des Blogs verdrängen. Ja, ich weiß, dies kann man in WordPress konfigurieren, dennoch. Zudem kann ich so auch an dieser Stelle auf mein Gige-Weihnachts-Bundle hinweisen, welches aus den Komponenten Buch Harmonielehre für Gitarre, CD dreipunktnull plus CD Gige plays Bossa Nova besteht und gerade mal 40,00 € kostet, wobei ich den Versand auch noch drauf lege. Pünktlich zu Heiligabend wird womöglich etwas knapp (ich denke, die Zusteller haben schon Mitte letzter Woche kapituliert), aber die Sachen verderben ja nicht.

Zum Thema:

Heute mal wieder eine Rezension. Gelesen und vor allem gehört habe ich Fleckenteufel von Heinz Strunk (bürgerlich Mathias Halfpape). Als bekennender Strunkianer ist dies nichts, was besonderer Erwähnung würdig wäre, doch hier geht es um die zweite, überarbeitete Auflage des Büchleins von 2018. Nun verhielt es sich so:

Im Jahr 2008 veröffentlichte Charlotte Roche ihren berühmt-berüchtigten Erstlingsroman Feuchtgebiete, welcher tatsächlich im selben Jahr auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste aufstieg, welchen ich aber bis dato nicht gelesen habe. Der rührige Rowohlt-Verlag wollte offensichtlich auf der Erfolgswelle mitschwimmen und veranlasste den eindeutig für tabulose Fremdschämschilderungen zuständigen Haus-Autor Heinz Strunk, sein zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichtes Werk Fleckenteufel diesbezüglich aufzupeppen. Ich bin mir sicher, dass Fleckenteufel zunächst ein weiterer halb-autobiografischer Roman mit Jugenderinnerungen des Autors von Fleisch ist mein Gemüse war, der nun eben um allerhand unappetitliche Details der Verdauung und Anatomie des jugendlichen Protagonisten ergänzt wurde, „weil das jetzt gerade angesagt ist!“ Oder so ähnlich. Ich kaufte mir das Buch samt Hörbuch, damals letzteres allerdings für das iPhone.

Zunächst der Inhalt: Der 16jährige Thorsten Bruhn fährt in den Sommerferien des Jahres 1977 auf eine evangelische Kirchenfreizeit nach Scharbeutz an der Ostsee, zusammen mit einem Rudel Gleichaltriger beiderlei Geschlechts und einigen Erwachsenen. Geleitet wird das Ferienlager von Pastor, Diakon und Gemeindehelfer der heimatlichen Kirchengemeinde. Strunk schildert die (zumeist trivial scheinenden) Begebenheiten und Ereignisse während der Freizeit, aus der Sicht des Sechzehnjährigen als Ich-Erzähler.

Das alles klingt unspektakulär und so bleibt es auch. Aber wie bei vielen Büchern von Heinz Strunk verbindet mich die persönliche Erfahrung (ich bin zudem fast Altersgenosse) mit den geschilderten Geschehnissen. Ich selbst war zwischen den 1970er und 1980er Jahren auf vielen Jugendfreizeiten bzw. Zeltlagern und kann bestätigen, dass diese tatsächlich für eine jugendliche Seele bzw. den Pubertierenden durchaus prägenden Einfluß haben können. Da Heinz Strunk dies auch in anderen Werken erwähnt, darf man seine Schilderungen also zumindest teil-autobiografisch werten.

Seine Beschreibung des Verlaufs der christlichen Freizeit, über die Anreise, die stete Bemühungen des Erzählers, in der Gruppe sozialen Anschluss und eben auch seinen Platz zu finden (was tatsächlich unter Jugendlichen in solchen Situationen essentiell ist), die unzähligen, zumeist kompetitiven Freizeitbeschäftigungen und dabei die oft ziemlich emotionale und eben pubertäre Gedankenwelt eines Sechzehnjährigen sind sehr präzise geschildert und erzeugen im Leser, der eine ähnliche Jugend erlebt hat, jede Menge Flashbacks und Bilder. Hat der damals Tagebuch geführt? Die fast minutiöse Beschreibung eines „Disco-Abends“ auf der Freizeit, vor allem die wirklich treffende Schilderung der Stimmungsdynamik (gibt es sowas? Naja, Ihr wisst schon, was ich meine) aus der Sicht eines jungen Menschen, der gerne bei der Party mitmachen möchte, aber stets den richtigen Moment zwischen cool-daneben-sitzen und sich-ins-Getümmel-werfen-und-mitfeiern verpasst und deshalb in einer dunklen Ecke des Raumes bis fast zum Ende der Veranstaltung alleine sitzen bleibt, ist meines Erachtens ein echtes Meisterwerk! Das kann so nur einer schildern, der derlei schon am eigenen Leib erfahren hat.

Auch die Archetypen aller Reiseteilnehmer, insbesondere der Jugendlichen, sind hervorragend getroffen. Für Harald, Andreas, Susanne oder Tiedemann erscheint in meinem Kopf umgehend das süddeutsche Pendant aus meinen 1970er Freizeiten.

Solcherlei Schreibe ist wirklich eine der ganz großen Stärken Heinz Strunks, die allerdings zumeist nur einer männlichen Leserschaft zugute kommt. Alle Werke von ihm sind – wie schon in einem anderen Beitrag angemerkt – Jungs-Bücher.

Strunk-Romane konsumiere ich am liebsten als Hörbuch. Ich weiß, er hat einen Sprachfehler und verhaspelt sich auch hin und wieder. Aber er lässt diese Fehler einfach im Take und lacht bisweilen über einen besonders verhunzten Aufnahme-Teil („Schön gesungen!“). Und ich stehe eben auf diese Art zu Lesen im trockenen Hamburger Idiom.

Nun fand ich die Erstausgabe des Hörbuchs von „Fleckenteufel“ sehr gut und habe es mir bestimmt ein gutes Dutzend Male auf meinem iPhone angehört. Heinz Strunk ist kein Stimm-Imitator und verfügt nur über einige wenige Stimm-Charaktere, aber die genügen, um die Hörbücher zu genießen, wenn man seinen Stil eben mag. Was mir von vornherein nicht gefallen hatte, waren die expliziten Passagen über dysfunktionale oder auch funktionierende Verdauung und den Zustand von Geschlechts- und sonstigen Körperteilen. Bereits von Anfang an hatte ich das Gefühl, diese Abschnitte seien nur in den Text geschrieben worden, um im Sinne der erwähnten Feuchtgebiete zu „schocken“. Sie bringen auch weder die Geschichte noch sonst irgendetwas voran und wirken genau so, wie es wohl tatsächlich gewesen ist: Dazugeschrieben.

Die Jahre gingen ins Land, der technische Vorsprung der iPhones gegenüber der Android-Konkurrenz verschwand zusehends und ich legte mir vor einigen Jahren mein erstes Nicht-iPhone zu. Damit waren allerdings auch meine schönen Hörbücher auf iTunes gefangen und es hätte allerhand Arbeit bedurft, sie auf mein aktuelles Smartphone zu konvertieren. Ich kaufte mir daher Fleckenteufel erneut.

Hörbücher höre ich auf langen Autofahrten oder zu später Stunde vor dem beziehungsweise zum Einschlafen. So auch die Neuausgabe des Fleckenteufel. Und dass es eine solche ist, und zwar gehörig überarbeitet, fiel mir schon in den ersten Minuten auf. Heinz Strunk hat die Ekel-Passagen allesamt gestrichen, was das gesamte Buch entscheidend aufwertet. Wie bereits erwähnt, waren besagte Passagen zum Einen wirklich eklig, sie wirkten aufgesetzt und im Gesamtzusammenhang eher störend als der Story dienlich. Da ja nach solchen Streichungen allerhand Übergänge korrigiert und Abschnitte neu formuliert werden müssen, war Heinz Strunk auch gezwungen, das komplette Hörbuch neu zu lesen und aufzunehmen. Und hier hat er (meine einzige Kritik an der Neuauflage) nicht immer alle Charaktere so treffend erwischt, wie in der Originalaufnahme. Wahrscheinlich wird dieser Kritikpunkt zunehmend hinfällig, je mehr die Erinnerung an die erste Version verblasst, aber meinen Lieblingssatz, eine Lebensweisheit, die ein übergeduldiger und stets zu laut sprechender Vater seinem Dreijährigen an der Supermarktkasse in Scharbeutz mitteilt „Ja, Konstantin, das wollen alle. Alle wollen gerne Clown sein!“ (Thorsten Bruhn – in Gedanken: „Konstantin! […] Hör nicht auf Deinen Vater! Er hat hiermit – und wahrscheinlich mit allem anderen auch – Unrecht! Keiner will Clown sein. Clowns sind das Allerletzte!“) hat er nicht mehr so unglaublich treffsicher eingesprochen. 

Diese kleine Szene, die sich beim Warten an besagter Supermarktkasse ereignet, während die Helden versuchen, zwei Flaschen Apfelkorn (definitiv ein Geschenk der 1970er an die Jugend!) unauffällig als Minderjährige für eine abendliche Orgie zu kaufen, ist ein gutes Beispiel für Strunks große Kunst in der Beschreibung kleiner, eigentlich unbedeutender Begebenheiten. Da sitzt das Timing und der Ton stimmt! 

Fleckenteufel in der 2018er Neubearbeitung bekommt von mir eine klare Lese- und noch klarere Hör-Empfehlung. Vielleicht nehme ich wirklich mal wieder meinen iTunes-Account in Betrieb und höre mir den oben zitierten Dialog nochmals in der Originalfassung an. Nur so zum Spaß… 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Harmonielehre für Gitarre 2020

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Und muss umgehend gestehen, dass ich diese Wendung hier im Blog schon fast inflationär benutze. Nein, diesmal nicht schon wieder eine CD aufgenommen. Ich habe eine Harmonielehre für Gitarre geschrieben. So sehr ich auch hinter dem 2015 bei PPV Medien erschienenen gleichnamigen Buch (Co-Autor Thomas Dütsch) stehe, es gab einige Sachen zu korrigieren und ich erwarb viele musiktheoretische Erkenntnisse, von denen wir zur Entstehungszeit des 2015er Buchs einfach nichts wussten. Obwohl sich dieses (Früh-)Werk immer noch ganz ordentlich verkauft, wollte der Verlag keine völlig überarbeite 3. Auflage herausgeben.

Dann eben nicht. Und ich setzte mich hin und begann, die Harmonielehre immer weiter zu korrigieren, zu verbessern und schließlich völlig neu zu schreiben. Im Jahr 2018 lernte ich den bekannten Jazzgitarristen Helmut Kagerer kennen und schätzen. Wir spielten einen Gig zusammen und verstanden uns prächtig, musikalisch wie auch persönlich. Und dann kam für Helmut eine mehr als einjährige Leidenszeit in Form einer schmerzhaften Sehnenscheidenentzündung, die jegliches Live-Spiel verhinderte. Die war dann Anfang des Jahres 2020 gottseidank endlich ausgeheilt. Und dann kam Corona…

Konnten wir in den Sehnenscheidenentzündungszeiten (warum Google diesen völlig plausiblen Begriff markiert, bleibt unklar) wenigstens noch Korrekturen und Lektoratsarbeiten gemeinsam bei einem Bier diskutieren und im Buch vorgeschlagene Wendungen gleich einer praktischen Prüfung unterwerfen, war dies nach nach Ausbruch der Corona-Pandemie nicht mehr möglich. Aber da war die gesamte Schreibarbeit erledigt und wir konnten uns Texte zur Korrektur hin und her mailen. Ist zwar langweiliger, tut’s aber in diesen Zeiten auch. 

Durch einen Zufall stieß ich Ende 2019 auf den Spurbuchverlag, der eigentlich und ursprünglich Jugend- bzw. Pfadfinderliteratur verlegte und noch verlegt. Der Verlagsleiter, immerhin selbst Hobby-Gitarrist, mit Profi-Musikern im familiären Umfeld) besah sich das Manuskript und befand es für gut. Im Mai 2020 äußerte er ernstes Interesse an diesem Buch und kurze Zeit später ging es an die allgemein beliebten Produktionsvorbereitungen (Lektorat – Korrektur – Satz – Korrekturabzug – und wieder von vorne), welche aber – das sollte nicht unerwähnt bleiben – stets produktiv und immer freundlich abgewickelt wurden. Und Drucken können sie auch, die Unterfranken, wie ich heute angesichts der gelieferten Belegexemplare feststellen durfte. Das Buch ist sehr schön geworden!

Warum solltet Ihr nun also diese Harmonielehre kaufen (oder zumindest allen ambitionierten Gitarristen in Eurem Bekanntenkreis zu Weihnachten schenken)? 

Nun, die Struktur und der didaktische Ansatz sind wie bei der Harmonielehre von 2015 (weil beide einfach gut sind). Nach der Herleitung der Akkordtypen aus der Durtonleiter kommen wir von der Begleitung zum Solo, also zum Single-Note-Spiel. Von vier Tönen (Arpeggien) steigern wir uns sozusagen Ton für Ton über Pentatonik und Bluesskala bis hin zu den Kirchentonarten und Molltonleitern. Mit Stufen- und Funktionstheorie analysieren wir dann einige Standards. Diese aus dem 2015er Buch bekannte Struktur behalten wir bei, weil sie, wie gesagt, gut ist. Aber im Detail hat sich allerhand getan:

Eine der am häufigsten von uns Gitarristen eingesetzte Skala ist die Bluestonleiter. Da aber bis zu drei Bluenotes postuliert werden, ist die Definition, welche Töne denn nun zu einer „richtigen“ Bluesskala gehören, heftig umstritten. Dieses Mysterium wird einleuchtend und praxistauglich geklärt.

Meine persönliche Auswahl an Skalen für ein Solo ist etwas (höflich formuliert) hausbacken. Helmut hat mir bei so mancher Gelegenheit eine Mixolydische oder Harmonisch-Moll-Skala mit dem Hinweis „Das spielt seit 50 Jahren keiner mehr an dieser Stelle“ ausgeredet. Für die Insider: Ja, ich spiele inzwischen auch Alteriert und Halbton-Ganzton. Nicht zu oft, aber immerhin…

Helmuts Erfahrung nach über 40 Jahren als internationaler Jazzgitarrist und fast 30 Jahren Dozent an der Musikhochschule sind wirklich tiefschürfende Erkenntnisse beim Umgang mit verminderten Akkorden und bei der Analyse von Jazzstandards zu verdanken. Ich hätte nicht gedacht, dass ich nach so vielen Jahren Erfahrung bei einem abgedroschenen (aber nichtsdestotrotz schönen) Standard wie „The Girl from Ipanema“ noch so viel dazulernen kann. Um es mit Gerhard Polt (aus „Der Leasingvertrag“) zu sagen: Doch, das geht!

Als Sahnehäubchen gibt es einige nette Cartoons aus meiner Feder! Also:

Da das schönste Buch leider nur dann erfolgreich sein kann, wenn es sich ordentlich verkauft, habt Ihr hier das ultimative Weihnachtsgeschenk für all Eure Gitarren-affinen Musikerfreunde. Die Harmonielehre für Gitarre von Gige Brunner & Helmut Kagerer kostet 22,80 € und Ihr könnt sie bei mir (jazz@gige.de) oder beim Spurbuchverlag bestellen. Versandkosten fallen nicht an! Auf denn, lasst uns (gemäß dem Untertitel)

Endlich weniger falsch spielen!

Ob ich Euch das garantieren kann? Selbstverständlich nicht. Aber ich glaube ernsthaft, dass die Beschäftigung mit Harmonielehre das eigene Spiel immens verbessert!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – Das Damengambit

Liebe Leser,

statt der Rezension gedruckter Worte wieder einmal die von bewegten Bildern, genauer gesagt einer Netflix-Serie. Angesehen habe ich „Das Damengambit“, eine siebenteilige Miniserie aus dem aktuellen Jahr 2020. Worum geht’s?

Die kleine Elizabeth „Beth“ Harmon verliert bei einem Autounfall ihre Mutter und wächst in einem Waisenhaus in Kentucky Mitte der 1950er Jahre auf. Im Zuge der damals offenbar tatsächlich verbreiteten systematischen Dauergabe von Beruhigungsmitteln an die jungen Heiminsassen wird sie zeitlebens tablettenabhängig. Als Achtjährige lernt sie von dem grummeligen (harte Schale, weicher Kern) Hausmeister Mr. Shaibel im Keller des Heimes die Grundzüge des Schachspiels. Sie ist überaus talentiert und bemerkt zudem, dass sie auf Droge Zugvarianten wie im Zeitraffer an der Zimmerdecke visualisieren kann, um komplizierte Varianten zu berechnen. Diese Fähigkeit wird sie während ihrer ganzen Schach-Karriere einsetzen.

Nachdem sie als Vierzehnjährige von einem Ehepaar adoptiert wird, erkennt ihre bald vom Ehemann verlassene Adoptivmutter die finanzielle Chance, die eine erfolgreiche Schachkarriere ihrer Stieftochter mit sich bringt. Sie schickt Beth auf alle lukrativen Turniere und Meisterschaften, die sie buchen kann. Und Beth Harmon wird der Star der (absolut männerdominierten) Schachwelt der 1960er Jahre. Am Ende des Karriereweges wartet der russische Groß- und Weltmeister Borgov…

Mehr zu verraten wäre grobe Spoilerei und ich finde, um das an dieser Stelle vorwegzunehmen, „Das Damengambit“ sollte man sich ansehen. Die Serie ist spannend und liebevoll gemacht und auch (oder vielleicht gerade) für Nicht-Schachspieler geeignet.

Sind die Hauptfiguren wie Beth Harmon, Großmeister Borgov und alle amerikanischen Kollegen und Meister auch fiktive Charaktere, so ist die schachliche Weltkarte der ausklingenden 1950er und beginnenden 1960er Jahre durchaus korrekt gezeichnet. Politisch wie auch schachlich herrschte der Kalte Krieg und seit der ersten Regentschaft des dreimaligen Schachweltmeisters Michail Botwinnik 1948 war das Schach bis 1990 fest in sowjetischer Hand, nur kurz unterbrochen vom Aufstieg des legendären Bobby Fischer. Die Namen der historischen UDSSR-Großmeister werden auch immer wieder zitiert, so dass man hier durchaus ordentlich recherchiert hat.

Wenn man annehmen mag, dass sich zumindest die schachliche Karriere der Beth Harmon am realen Bobby Fischer orientiert, ist wohl der ehemalige Weltmeister (1969-1972) Boris Spasski das Vorbild für den oben erwähnten Großmeister Borgov in der Serie. Ach übrigens, in einer durchaus nicht unbedeutenden Rolle als Landesmeister von Ohio (?) ist der Schauspieler Harry Melling zu sehen, dessen Gesicht mir von Anfang an bekannt vorkam. Es handelt sich um den (inzwischen erwachsenen, schlanken und durchaus gut im Geschäft stehenden) Schauspieler von Dudley Dursley, Harry Potters missgünstigen Cousin aus den Harry-Potter-Verfilmungen. Ich habe nachgelesen, dass er dort schon im Teil 7 einen Fettanzug tragen musste, da er für die Rolle des dicken Dudley zu dieser Zeit schon viel zu schlank war. Wichtige Zusatzinformation!

Die Beratung durch einen der besten Schachspieler aller Zeiten, Garri Kasparow, hat der Serie insofern gut getan, dass alle Stellungen auf den Schachbrettern realen Meisterpartien entnommen sind und wirklich alle Schauspieler ordentlich die Figuren ziehen können. Gerade der Bewegungsablauf „Zug ausführen – mit der Zughand die Uhr drücken – Zug notieren“ sieht stets völlig realistisch aus. Ich kann mir vorstellen, dass insbesondere die häufig gezeigten (da spektakulären) Blitzpartien (jeder Spieler hat nur fünf Minuten Zeitkontingent für die ganze Partie zur Verfügung) den nicht-schachspielenden Schauspielern (eine schöne Wortkombination!) allerhand abverlangt haben. In vielen Filmen wird hier derbe geschlampt, nicht so in „Damengambit“. Jeder, der (wie ich keinesfalls, also ehrlich) einige Zeit in einem Schachclub oder einem Schachcafe (welche es nicht mehr gibt, schnüff) verbracht hat, wird dies bestätigen.

Wie bereits erwähnt, ist der Werdegang der Beth Harmon in schachlicher wie persönlicher Hinsicht eindrucksvoll, spannend und auch plausibel geschildert. Das Kolorit der USA der 1950er und 1960er Jahre ist ganz wunderbar anzuschauen und die Stimmung in den Turniersälen von lokalen (traditionell trist) oder auch internationalen (traditionell pompös) Schachturnieren ist sehr gut eingefangen.

Ein bisschen Kritik muss allerdings erlaubt sein. Die Dialoge bei der Stellungsanalyse von Schachpartien oder auch die (vorgeblich fachkundigen) Kommentare zu Stellungen sind eindeutig auf ein weniger schachkundiges Publikum zugeschnitten. „Eine Stellung wie eine Festung, mit den Läufern als Bewachern an den Flanken“ oder so ähnlich, enthält für den echten Spieler keinerlei Information, klingt aber irgendwie interessant. Oder die bedeutungsschwangere, geflüsterte Ankündigung eines „Matt in drei Zügen“ – Unsinn! In Meisterpartien geben die Spieler auf, wenn sich die Stellung strategisch verloren ist und nur der Möglichkeit einer mehrzügigen Mattkombination droht. Mit einem Matt in drei Zügen kann man keinen fortgeschrittenen Spieler beeindrucken. Die Schach-Konversationen haben in der Serie oft wirklich nur Anfängerniveau und wurden mit Sicherheit ohne die Beratung durch Garri Kasparow geschrieben.

Außerdem geben fast alle Spieler, die Beth Harmon im Laufe ihrer Karriere „umnietet“, äußerst höflich und als Gentleman auf. Es wäre schön, wenn es so wäre, aber fast alle starken Schachspieler sind schlechte Verlierer und halten zumeist nur wortlos die Uhr an, wenn sie aufgeben wollen. Als höchsten Ausdruck ihres Respekts geben sie vielleicht kurz (und kraftlos) die Hand zur Aufgabe. Da bastelt die Serie eine heile Welt, die es nie gegeben hat.

Ein weiteres Ärgernis (und damit will ich es mit dem Genörgel gut sein lassen) ist die Figur des Benny Watts (gespielt von Thomas Brodie-Sangster). Er ist in der Serie amtierender US-Meister im Schach, läuft nur mit Hut und Ledermantel herum, macht einen auf dicke Hose und trägt (zur Verteidigung gegen wen auch immer) stets ein Messer am Gürtel. Wie so oft darf ich mich da der Meinung meines Lieblings-Großmeisters Jan Gustafsson anschließen: Ich verstehe die Figur nicht, weder seine Intentionen noch seinen Anspruch und finde auch in der Schachgeschichte kein reales Vorbild für diesen Typen. Ich kaufe dem Schauspieler die Figur und der Figur ihre Existenz nicht ab. Also, Benny Watts, f**k off!

Abgesehen von diesen Punkten ist „Das Damengambit“ eine spannende Serie und die Hauptdarstellerin reißt mit ihrer Präsenz und ihrem intensiven (Schau-)Spiel vor wirklich toller Ausstattung alles wieder raus, so dass ich summa summarum eine glatte Anschau-Empfehlung aussprechen kann!

Wie auch in anderen Genres ist es eben nicht einfach (siehe meine Anmerkungen zu den Musik-Filmen >>>), einen Mittelweg zwischen Unterhaltung eines möglichst großen Publikums und der Befriedigung der jeweiligen Nerds zu finden! 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige