gitarre.blog

Liebe Leser,

seit nunmehr einigen Jahren habe ich alles Musiktheoretische und den Gitarristen-Fetisch-Kram aus diesem zu meinem Zweit-Blog Avanti Dilettanti bei Google ausgelagert. Ich will meine ohnehin überschaubare Leserschaft bei WordPress nicht auch noch damit langweilen. Dank der mächtigen Suchmaschine und ihrer globalen Vernetzung war dort die Anzahl der Besucher zwar größer als hier (ja, noch größer), aber Feedback oder gar Interaktion ebenso spärlich.

Nun bin ich aber im großen weiten Web auf Stefan Kornherrs schönen

gitarre.blog

gestoßen. Hach ist das schön! Ein optisch ansprechender Blog mit gut strukturierter Oberfläche und höchst interessanten Beiträgen. Sogar die Comics sind gut. Und tolle Podcasts gibt es auch noch. Die vorgestellten Künstler und Projekte sind allesamt hochklassig und auf internationalem Niveau.

Zwar liegt das Hauptaugenmerk von Stefan Kornherr auf der stets akustischen und zumeist klassischen Gitarre, doch auch der Fingerstyle kommt nicht zu kurz. Obwohl es auch Beiträge zur Bossa Nova gibt, ist allerdings der Jazz meines Erachtens etwas unterrepräsentiert. Das macht aber so rein gar nix, denn das ist ja nun mein eigentliches Metier! Durch eine kleine Spende in den virtuellen Gitarrenkoffer kam ich mit dem Blogherrn© ins Gespräch und wir schrieben uns einige Male. Nun, um es kurz zu machen: Ich werde meine Aktivität auf Avanti Dilettanti zugunsten von regelmäßigen Gastbeiträgen bei gitarre.blog einstellen. Ein erster kleiner Artikel von mir ist dort bereits zu lesen. Ein echtes Interview gibt es baldigst!

So denn, lasst uns ohne großes Tamtam Avanti Dilettanti begraben. Es lebe gitarre.blog! Und ganz nebenbei: Eindimensionale Text-Blogs wie hier der meinige bei WordPress, so ohne Video und Podcast, liest eh kaum noch jemand. Seufz.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Das tapfere Schneiderlein II

Liebe Leser,

in meinem Beitrag vom 03.08.2021 (hier >>>) habe ich Helge Schneider für seinen Konzertabbruch beim Strandkorb-Open-Air in Augsburg kritisiert. Und ich will es offen sagen: Ich rudere zurück!

Inzwischen hat er in vielen Medien dazu Stellung genommen, sich gegen die Vereinnahmung durch Kwer- und sonstige Nicht-Denker verwahrt und schriftlich sowie auch live im Gespräch seine Beweggründe für den besagten Abbruch erklärt. So auch in der Sendung „Die Woche“ bei Sandra Maischberger, nachzusehen hier >>>. Und dort hat Helge Schneider völlig sachlich, ohne seine übliche Ironie und den bisweilen nervigen Klamauk, den Verlauf des Konzerts und eben den Abbruch geschildert. Anstrengend war in dieser Sendung übrigens nicht Helge Schneider, sondern die etwas auf Krawall gebürstete Moderatorin, die Helge Schneider nicht zu selten das Wort bzw. den Satz abschnitt um ein vermeintlich provokante Frage oder eine (ebenso vermeintlich) witzige Pointe zu setzen. Helge Schneider ging wirklich professionell und höflich mit Frau Maischberger um, die mich früher übrigens nicht so genervt hat. Vielleicht liegt das an meinem fortgeschrittenen Alter? Nun zu seiner Sicht der Dinge beim Konzert in Augsburg:

Sehr gestört hatte ihn die etwa sechs Meter hohe Bühne, welche in weitem Abstand (mit Straße und Zäunen zur Abtrennung) vor den mit 2 m Abstand platzierten Strandkörben stand. Den Vorwurf (auch aus meiner Feder), er hätte das Konzept des Veranstalters ja bereits gekannt, konterte HS übrigens durchaus plausibel mit: „Ja mein Agent schon. Aber ich les das doch nicht immer alles.“ Wer macht das schon?

Zwischen den Absperrungen wuselten unablässig Kellner mit Plastiktüten hin und her, welche HS allerdings nicht als solche erkannte und die sich auch nach mehrmaliger Ansprache von der Bühne herab nicht als solche zu erkennen gaben. Helge Schneider hielt sie allesamt für verspätete Konzertbesucher, was ihn dann zunehmends mehr erzürnte. Über all das Geschilderte kann man mein Argument des letzten Beitrags anbringen, dass ein Profi derlei schon mal für die Dauer eines (eventuell etwas kürzeren als üblich) Konzerts ertragen kann. Dann allerdings fügte er noch die Schilderung vom Verhalten zweier Security-Leute hinzu, welche mich dann doch dazu gebracht hat, meine Einschätzung zum Konzertabbruch zu überdenken. Die beiden hätten sich vor der Bühne rauchend angeregt unterhalten, an der Darbietung völlig desinteressiert und stets mit dem Rücken zum Künstler. Und DAS ist mir vor einigen Jahren auch schon bei einem Gig widerfahren. Mitten zwischen den interessiert lauschenden Gästen ein Assi-Pärchen, welches seinen Beziehungsstreit lautstark und mit dem Rücken zu mir austrug. Das hat mich derart genervt, dass ich das Set abgebrochen habe und erst weiterspielte, als der Wirt die beiden aus der Kneipe entfernt hatte. Rücken zum Künstler geht gar nicht! Ich glaube, es gibt kaum etwas nervigeres als solche Menschen.

Natürlich sind das unterbezahlte Aushilfs-Sheriffs, die nur ihren Job machen und natürlich werden die kein gesteigertes Interesse an gutem Jazz und mittelguten Kalauern haben. Aber der permanente Blick auf den Rücken von Anwesenden macht dich als Künstler wirklich mürbe. Was soll man in diesem Fall auch tun? Die werden für das Rumstehen bezahlt und nicht dafür, dass ihnen die Darbietung gefällt. Und die Höflichkeit, zumindest hin und wieder dem Künstler durch kurzes Zunicken, einen kleinen Beifall oder zumindest den sporadischen Blick in Richtung Bühne etwas Aufmerksamkeit zu schenken, besitzen solche Leute eben nicht. 

Seine Aussage im Moment des Abbruchs, das System sei sch… war eindeutig auf das Konzept des Veranstalters und nicht auf die aktuellen Corona-Maßnahmen bezogen, so dass die ganze Mischpoke der Kwerdenker sich keine Hoffnung auf die Vereinnahmung seiner Person machen dürften. Also Helge, sorry, ich rudere zurück. Ich hätte (und habe) auch abgebrochen.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – Guitar Moments

Liebe Leser,

in den heutigen Zeiten ist ein CD-Release eine triste Sache, also zumindest bis dato. Vielleicht kann man ja im Herbst mit 2G oder 3G Regel bei Veranstaltungen was machen. Wir werden sehen. Zudem ist der Gesamtausstoß der Branche ja seit Beginn der Pandemie immens, so dass man mit einem weiteren Tonträger aus dem Genre Jazz sicher nicht auf irgendwelchen Top-Listen erscheinen wird. Dennoch. Die Gelegenheit, mit einem Joe Bawelino, der auf eine illustre und mehr als 60-jährige Karriere zurückblicken kann, ein paar Songs auf Datenträger zu brennen hat man nicht zu oft im Leben. Nach einer Aufnahmesession bei Clemens Bröse (vielen Dank!), Mixing und Mastering im Tonstudio Success bei Oskar Schrems (vielen Dank!), allerhand Layout und Gefrickel am Artwork, hat mir HOFA-Media wie schon diverse Male vorher schnell und komplikationsfrei einen Karton mit vielen schönen CDs geliefert!

Nun sind Gitarren-Duos gerade im Jazz nichts Besonderes, die gibt es wie Sand am Meer. Doch ich erlaube mir, die Kombination aus einem ungemein wendigen (dieses Attribut trifft es besonders schön) und kreativen Bebop-Gitarristen mit einem erfahrenen Fingerstyler als durchaus selten und auch bemerkenswert zu bezeichnen. Wir hauen schon einen gewaltigen Sound aus unseren Gitarren, was wir auch schon mehrfach live unter Beweis gestellt haben.

Alle Songs auf der CD sind Teil meines Solo-Repertoires und zumeist auch schon auf Tonträger veröffentlicht, eben solo im Fingerstyle. Doch die Zusammenarbeit mit Joe Bawelino hebt das Niveau auf ein höheres Level. Er schöpft für seine Soli aus einem schier unerschöpflichen Vorrat an Ideen und seine Technik ist ohnehin superb. Und ich? Naja, ich spiele ohnehin zumeist großartig… 😉

Eingespielt (und dann tatsächlich veröffentlicht) haben wir

Secret Love von Sammy Fain aus dem Jahr 1953, einen flotten Swing-Klassiker mit schöner Hookline. 

Es folgt das unsterbliche Body and Soul (1930, Jerry Green), welches wir nach einem schönen Intro von Joe als Bossa Nova darbieten. 

Luiz Bonfá schrieb 1959 für den Film Orfeu Negro den gleichnamigen Song, dessen englischer Titel Black Orpheus bei uns etwas verbreiteter ist. So mancher Gitarristenkollege hat angesichts meiner Fingerstyle-Interpretation dieses Klassikers das Mitspielen verweigert. Ernsthaft. Joe Bawelino kennt solche Berührungsängste nicht. Er reichert mein opulentes Spiel des Themas sogar noch mit einer wirklich fantastischen Begleitung an und gibt im langen Solo wirklich alles! 

Der berühmte Schnuckenack Reinhardt schrieb etwa im Jahr 1960 den Song Me Hum Mato (aus dem Romanes übersetzt „Ich bin besoffen“ – was ein schöner Titel!), obligatorischer Bestandteil des Repertoires jeder Sinti-Jazz-Formation mit Geige, natürlich auch des Romeo-Franz-Ensembles, bei welchem Joe seit vielen Jahren die Solo-Gitarre spielt. Ich habe mich ausnahmsweise zu einem Chorus Solo überreden lassen. 

Keine CD ohne Gershwin-Titel! Wir spielen eine flotte Version von Oh, Lady Be Good (1924). 

Alle Ikonen der Jazzgitarre haben ihre Version des 1944er Hits Moonlight in Vermont von Karl Suessdorf aufgenommen. Auch Joe zählt diese Ballade zu seinen Lieblingsstücken, welche ich nur zu gerne auf unserer Scheibe begleite.

Schon seit vielen Jahren spiele ich You Don‘t Know What Love Is (1941 von Gene De Paul geschrieben), zumeist als Blues, aber auch gerne als Bossa Nova. Das hier vorliegende Arrangement ist allerdings von Joe Bawelino (von einer früheren Aufnahme seines Quintetts) und mein absoluter Favorit. Kurz und knackig!

Auf meiner hochgelobten CD dreipunktnull ist meine Solo-Version von Caravan (von Duke Ellington 1936 geschrieben), von der ich dachte, sie sei nicht zu toppen (Spaß!). Aber Joe treibt mit seinem energischen Spiel die Karawane nochmals heftig voran.

On the Sunny Side of the Street (1930, Jimmy McHugh) ist ein gut gelaunter Swing-Klassiker, welchen wir ebenso gut gelaunt interpretieren.

Zum Ausklang geben wir noch eine schöne Version des Antonio-Carlos-Jobim-Klassikers aus dem Jahr 1967 Wave, ein Bossa Nova zum Abschied.

Für einen (einzigen) Tag im Aufnahmeraum haben wir meines Erachtens eine durchaus beeindruckende Scheibe produziert. Und der stolze (und musikalisch kompetente) Besitzer JL der Guitar Moments hat mir geschrieben, „sie ist nie langweilig und macht Spaß beim Hören“. Na, das ist doch ein schönes Kompliment eines Musikerkollegen.

Wer von Euch Interesse an der tollen CD Guitar Moments von Bawelino & Brunner hat, schreibe mir auf den üblichen Kommunikationswegen und ich werde die CD umgehend verschicken. Sie kostet nur 10 € plus 2 € Versand. So viel gute Musik für so wenig Geld!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Als Höfner eine L-5 baute

Liebe Leser,

meine Meinung zur Lage der Nation in Corona-Zeiten habe ich an dieser Stelle nun wirklich oft genug kundgetan. Harren wir des nächsten Lockdowns und reden zwischendurch mal von angenehmeren Dingen. Wie wäre es mit Gitarren?

Das ist eine (meine!) Höfner AZ Standard, wobei das AZ für den berühmten Gitarristen Attila Zoller steht, für den Höfner dieses Instrument gebaut hatte. Die ganzen Experten sprechen davon, dass nur etwa 80-90 solcher Gitarren das Werk in Bubenreuth zwischen den Jahren 1982 und 1991 verlassen hätten… nun ja, meine hat die Seriennummer 96. Dann waren es vielleicht doch an die 100.

Der Erwerb dieser Gitarre war eher unspektakulär. Ich ging etwa 1990/1991 in den Gitarrenladen meines Vertrauens und testete einige Jazzgitarren an. Ich war seit ein paar Monaten „in Behandlung“ (ich hatte Unterricht) bei dem Nürnberger Gitarristen Roli Müller, der mir die ersten Jazzstandards zeigte und auch so eine Höfner spielte, wie sie da vor mir an der Wand hing. Und weil Roli so unglaublich gut auf dieser Gitarre klang (und noch klingt), kaufte ich mir eben dasselbe Modell. Ich hinterließ so um die 2400 DM und war stolzer Höfner-AZ-Standard-Besitzer.

Die Geschichte hätte beinahe ganz anderen Verlauf genommen, denn wenige Tage nach dem Erwerb begann sich das Binding an einer Stelle (siehe unten) zu lösen. Vielleicht war es in diesem Bereich nicht ordentlich verleimt.

Das darf bei einem Instrument der Oberklasse (zumindest aus Sicht des damaligen Höfner-Angebots) nicht passieren. Matt von BTM-Guitars schickte die Gitarre umgehend an Höfner zurück, mit der Aufforderung, diese zu reparieren. Er bot mir aber auch an, eventuell ein anderes Instrument aus dem reichhaltigen Angebot stattdessen mitzunehmen. So spielte ich die damals vorrätigen Gitarren, blieb kurz bei einer Gibson Lucille (eine populäre Gibson ES-335-Variante) hängen, entschied mich aber dann doch, die paar Tage auf die Rückkehr der AZ zu warten. Das war eine meiner besseren Ideen.

Als ich die Gitarre etwa eine Woche später wieder erhielt, war die betreffende Stelle repariert, und zwar so gut, dass wirklich nicht die geringste Spur zu erkennen ist und ich mich heute daher auch nicht mehr daran erinnere, wo genau sich das Binding gelöst hatte. So muss das!

Die AZ wuchs mir sofort ans Herz und ist inzwischen seit etwa 30 Jahren eines meiner Hauptinstrumente. Ich spielte sie sehr bald bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten. Und ich kam und komme mit dieser Gitarre einfach hervorragend zurecht.

Inzwischen habe ich doch schon eine große Anzahl an Jazzgitarren gespielt und kann Vergleiche anstellen. Man merkt deutlich, dass Höfner zusammen mit Attila Zoller versucht hat, ein Gegenstück zur bis heute geradezu allmächtigen Gibson L-5 zu erschaffen. Und obwohl ich wirklich ein großer L-5-Fanboy bin – sie sind wirklich nah heran gekommen!

Die Höfner AZ Standard hat eine massive Fichtendecke. Der Boden und die Zargen sind ebenfalls massiv aus Ahorn gefertigt. Im Gegensatz zum anderen Attila-Zoller-Modell Framus AZ10 (von der ich bis dato nur eine Wiederauflage aus dem Jahr 2012 in der Hand hatte, welches mich überhaupt nicht begeisterte), besitzt die Höfner einen runden (venezianischen) Cutaway. Den spitzen nennt man übrigens florentinisch. Auch der Tonabnehmer wurde in Zusammenarbeit mit Attila Zoller von der Firma Shadow entwickelt und heißt dementsprechend Zoller-Pickup. Er ist nicht auf die Decke geschraubt (was ich ohnehin nicht so gerne mag, siehe unten), sondern am Griffbrett „schwebend“ (engl. floating) montiert. Ich habe ihn auf zwei meiner Gitarren installiert. Er hält von seinem Klang locker mit der  Konkurrenz aus USA mit.

Der Body hat mit 16 Zoll „Bauch“-Breite für mich persönlich das ideale Maß, nicht zu klein und nicht zu groß. Ich besitze zwei Gitarren mit 17″ Korpus – das ist schon manchmal etwas sperrig.

Das Griffbrett ist aus Palisander gefertigt, ebenso das handgeschnitzte Schlagbrett. Das erwähnte Binding (der Kunststoff-Schutz an allen Kanten) ist aufwändig und tatsächlich auch in den F-Löchern vorhanden. Das ist nun allerdings Geschmackssache und aus rein optischen Gründen so. Was genau soll denn da geschützt werden?

Was mir bis heute nicht so gefällt, sind die direkt in die Decke gebohrten Potis zur Lautstärke- und Klangregelung. Viele Gitarrenbauer (zum Beispiel der Augsburger Stefan Sonntag) platzieren die Potis auf dem Schlagbrett, so dass die Decke möglichst frei schwingen kann. Das ist bei Einsatz eines Floating-Pickup eigentlich auch konsequent.

Dieses hochwertige Instrument ist in den letzten 30 Jahren im Ranking der Jazzgitarren hoch gestiegen und wird inzwischen weit über dem damaligen Preis gehandelt. Mir ist dieser Sachverhalt erst in den letzten Jahren wirklich bewusst geworden. Bis dahin hatte ich die AZ eher als Gebrauchsgitarre für den Tanzmusik-Gig zwischendurch (neben der obligatorischen E-Gitarre) eingesetzt. Inzwischen behandle ich die Dame etwas respektvoller…

Die Höfner AZ Standard ist eine hochwertige Archtop mit einem warmen, holzigen (was als Kompliment gemeint ist) elektrischen Sound. Sie ist unglaublich „touchy“ und läßt auch mehrstündige Jazzsessions zu. Der etwas triste akustische Sound gibt einen halben Punkt Abzug in der B-Note. Ansonsten: Eine Traumgitarre!

Da war ich nun seit Jahrzehnten auf der Suche nach „meiner“ L-5 und hatte den nahezu vollwertigen Ersatz schon die ganze Zeit neben mir stehen… Sachen gibt’s!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Das tapfere Schneiderlein

Liebe Leser,

der Konzertabbruch des allseits geschätzten Multiinstrumentalisten Helge Schneider beim Strandkorb-Open-Air in Augsburg liegt nun schon einige Tage zurück (23.07.2021). Dennoch gebe ich heute auch noch meinen Senf dazu ab. Und hier möchte ich an dieser Stelle wie der Kopf des äußerst unterhaltsamen Kanals „Moviepilot“ Yves Arievich betonen (und das gilt stets für alle meine Beiträge): Dies ist nur meine persönliche Meinung! Ihr habt eine andere? Kein Problem, schreibt es mir in die Kommentare. Wir können alle Freunde bleiben! Zur Sache:

Ich selbst bin und war nie ein besonderer Helge-Schneider-Fan. Er ist nicht uncool, aber von vielen überschätzt. Insbesondere diese Multiinstrumentalisten-Sache. Klar, er spielt Klavier und Orgel auf professionellem Niveau, aber alles andere ist zumeist nur eben Spaß am Herumdudeln. Was ich an ihm bewundere, ist, dass er seit Jahrzehnten sein Ding durchzieht, sich dabei einen Scheiß um den aktuellen Zeitgeist schert und unverdrossen den Jazz auf die Bühne bringt. Was ich an ihm nicht so mag, ist, dass er an eigentlich gelungenen Formaten schnell den Spaß verliert und selbige dann hinschmeißt. So geschehen zum Beispiel mit „Helge hat Zeit“ im Jahr 2012/2013. Und eigentlich ließ er es sich in den beiden Sendungen, die er dann durchgezogen hatte, heftig heraushängen, dass er weder vor dem Aufwand, welchen der WDR betrieben hatte, noch vor seinen jeweiligen Gästen wirklich Respekt hatte. Sei’s drum.

Nun ist der Helge allerdings auch ein Mensch wie wir alle und braucht es, das Geld. Gemäß Wikipedia hat Helge Schneider sechs Kinder mit vier Frauen. Ich denke mal, das kostet. Und so hat er für eine Reihe von sogenannten Strandkorb-Konzerten zugesagt, von denen er zumindest das erste noch absolviert hatte. Letzteres meine ich mitbekommen zu haben, man findet inzwischen kaum Spuren bereits vergangener Konzerte. Sprechen wir über Augsburg.

Nun kann ich mir aus eigener Erfahrung sehr gut vorstellen, dass einem Improvisations-As (das muss man ihm lassen) wie Helge Schneider ein permanentes emsiges Gewusel vor der Bühne bzw. zwischen den Strandkörben auf die Nerven geht. Der Veranstalter bot den Gästen wohl eine Bewirtung am Platz nach Bestellung per App. Ich habe schon allerhand Bedienungspersonal auf den unterschiedlichsten Veranstaltungen kennengelernt und weiß, dass diese Menschen auch nur versuchen, ihren zumeist schlecht bezahlten Job zu erledigen. Die jeweilige Darbietung auf der Bühne geht ihnen in den allermeisten Fällen am Allerwertesten vorbei. Solltest Du, lieber Leser, aus der Branche stammen und dies anders sehen, mögest Du gerne die Ausnahme sein. Mein persönlicher Feind ist ja der Milchaufschäumer. Die Lautstärke meines jeweiligen Songs und der akustische Aufwand zur Herstellung der aktuell bestellten Getränke sind generell indirekt proportional.

Das ist unschön, aber nicht generell zu ändern. Wenn es besonders stört, muss man eine Pause einlegen und den Sachverhalt mit dem Veranstalter bzw. Wirt klären. Wobei hier das Wort eines Helge Schneiders sicher mehr Gewicht hat, als beispielsweise meines. Bei besonders renitentem Personal half bisweilen die dem Chef vorgetragene Rechnung, wieviel man auf der jeweiligen Veranstaltung noch an Speisen und Getränken umsetzen kann, wenn sich die Band von jetzt auf gleich verabschiedet. Nebenbei sei noch festzuhalten, dass zur Zeit ja auch die Veranstalter sehr kreativ sein müssen, um überhaupt irgendeine Veranstaltung durchziehen zu können. Da erweist sich schon einmal die ein oder andere Idee im Nachhinein als nicht so gelungen (permanente Bewirtung am Platz oder so), aber solches weiß man erst hinterher. Dass besondere Umstände (die unselige Corona-Pandemie) auch besondere Maßnahmen erfordern, hätte der wirklich bühnenerfahrene Schneider wissen können.

Nicht besonders professionell finde ich es allerdings, wenn man nach einer Stunde Konzert feststellt, dass einen die Bedingungen jetzt doch zu sehr nerven und dann abbricht. Die Reaktionen des Augsburger Publikums waren hierbei gespalten. Die eine Hälfte sieht das offensichtlich so wie ich, die andere Hälfte haben Verständnis für den Meister, loben sogar sein Verhalten als „Statement“. Ok, die bejubeln es auch, wenn Helge eine Portion Pommes (rot-weiß) auf der Bühne verzehrt…

Ich sehe das so: Man spielt halt die vertraglich festgelegte Dauer, wegen mir auf Sparflamme, und macht sich dann zügig vom Acker. Das hat jeder Live-Musiker bestimmt schon mehr als einmal gemacht. Aber man bringt es zu Ende. Um es wie so oft mit Heinz Strunk zu sagen: Man liefert ab! Wenn Helge Schneider das nicht nötig hat, ist es gut für ihn. Ich kenne haufenweise gute Musiker, die hätten es nötig, kriegen aber die Jobs nicht.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Ein Juli macht noch keinen Sommer

Liebe Leser,

ich wollte es lassen. Aber irgendwie kriegen wir die vermaledeite Seuche nicht vom Tisch, geschweige denn aus dem Land. Also gibt es wieder Berichte aus Corona-Land von der Livemusiker-Front.

Aktuell im Juli gab es tatsächlich allerhand Live-Gigs. Die Leute sind ebenso wie die Musiker hungrig, wenn nicht gar gierig nach Live-Veranstaltungen und insbesondere nach Livemusik. Doch besitzt man für die Anzahl möglicher Auftritte im Juli einfach zu wenige Inkarnationen und es sieht im August schon wieder ganz anders aus, nämlich mau.

In den letzten zwei Wochen konnte ich erstmals in diesem Jahr wieder vor etwas Live-Publikum auftreten und es war ein tolles Gefühl! Doch wie schon erwähnt ist im August Urlaubszeit und anschließend wieder die große Ungewissheit und damit der Terminkalender leer. Bei einem Gespräch mit dem derzeitigen Programmchef des legendären Kreuzwirtskellers (dem Nachfolger des leider viel zu früh verstorbenen Martin Kapfenberger, siehe hier >>>) nach dem tollen Gig am 24.07.2021 mit „Ray Räbel & Friends“ wurde mir für das Duo „Bawelino & Brunner“ ein Gig im KWK zugesichert, wenn, ja wenn das GGG-System (= Einlass für Geimpfte, Genesene und Getestete) einen Betrieb der Innengastronomie ohne die 1,5 m Abstand möglich machen würde. Falls so eine oder eine ähnliche Regelung in Bayern nicht kommt, müsste der KWK auch 2021 wieder in der kalten Jahreszeit (also seiner eigentlichen Hauptsaison) schließen. Viele kleinere Kneipen und Bars ebenso.

Und hier packt mich wieder einmal die Wut auf die Leute! Auf die Leute, die sich aus manchmal begründeten, oft jedoch fadenscheinigen oder gar abstrusen Gründen nicht impfen lassen wollen und jeden Test wegen Eingriff in ihre Privatsphäre (oder sonst irgendeiner bescheuerten Begründung) ablehnen, insbesondere, wenn sie selbigen zukünftig aus der eigenen Tasche bezahlen müssten.

Man versucht doch, es wirklich allen recht zu machen. Lasst Euch impfen! Wollt Ihr nicht (weil >>> hier irgendwas einsetzen >>>)? Dann lasst Euch regelmäßig testen! Wollt Ihr nicht (weil >>> hier irgendwas einsetzen >>>)? Dann bleibt eben zuhause. DAS aber wiederum passt diesen Menschen dann auch nicht, denn sie möchten ja dabei sein… Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. So läuft das zur Zeit!

Deshalb werde ich den nun schon fast vergangenen Juli wohl als den einzigen Monat des Jahres 2021 feiern, in dem für Live-Musiker ein fast normales Leben zu führen war. Ab Herbst werden wir alle dann im vierten Lockdown wieder kurze Clips auf YouTube veröffentlichen, weil ein zu großer Prozentsatz der Bevölkerung einfach nicht mitspielen will. Danke für nichts, Ihr Pfeifen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Sommer Session Oberhaid 2021

Liebe Leser,

ein Lichtblick in düsteren Zeiten! Herrje, ich verwende seit nunmehr 16 Monaten die immergleichen Floskeln, sorry! Am letzten Samstag, 10.07.2021 fand an geheimer Stelle im schönen Oberfranken wieder die legendäre Sommer Session Oberhaid statt. Gut, der Ort ist nicht geheim, aber exakte Lokation ist nicht öffentlich bekannt. Denn wie schon im Vorjahr konnte das üblicherweise wirklich gewaltige Open-Air nicht mit Publikum vor Ort stattfinden, sondern wurde coronabedingt als Live-Stream in YouTube und Facebook übertragen.

Das musikalische Zentrum bildet hierbei die Truppe aus Musikern alter und aktueller Bands rund um den Sänger, Gitarristen, Mundharmonikaspieler, Schlagzeuger und Mundtrompetenspieler Gerhard Förtsch (der Mann, der die Sommer Session gegründet hatte, der das ganze Projekt jedes Jahr auf die Beine stellt, der den Veranstaltungsort zumindest für die Stream-Sessions stellt, der Sponsoren wirbt, der zusammen mit seiner Frau Erika für das leibliche Wohl aller Anwesenden sorgt, der moderiert und auch noch einige Songs mitspielt… was habe ich noch vergessen? Er ist halt das Herz der Session!), den Sänger und Gitarristen Philipp Arnold, den Keyboarder und Sänger Marc Dotterweich, den Bassisten Robert Wild und den Schlagzeuger Jürgen Stahl. Diese fünf gestandenen Musiker beherrschen allesamt ihre Instrumente hervorragend. Phillip „Fips“ Arnold muss ich aber besonders hervorheben, weil er wirklich herausragend gut Gitarre spielt und dies ist eben mein Metier. Seit vielen Jahren mischt der Produzent und Komponist Stefan Krug den Sound sowohl am Pult des Open-Airs wie auch in den letzten zwei Jahren im Regieraum des Livstreams.

Die Session-Band ist mit fünf Musikern (Gitarre, Gitarre, Keyboard, Bass, Schlagzeug) komplett besetzt und liefert das Rahmenprogramm zur Session, welche in normalen Jahren schon mal gute sechs Stunden dauert, wobei hier jede Menge Gäste solo, mit dem eigenen Ensemble oder eben zusammen mit der Session-Band auftreten. Dieses Jahr waren als musikalische Gäste geladen: Die Band Palacity, der Gitarrist Wolfgang Rosenbusch, Leoni Rosenbusch, Eva Arnold, Simon Arnold, Sophie Dirkea, Alexis Madokpon mit Percussionspartner, Pieter und Beate Roux sowie meine Wenigkeit im Duo mit dem Gitarristen Joe Bawelino.

Aus dem Vorjahr war mir der Freitag vor dem eigentlichen Sessiontag in bester Erinnerung, weil es zum Einen eine große Freude ist, die ganzen Musikerkollegen endlich mal wieder in Persona zu treffen und man sich zum Anderen so in lockerer Atmosphäre mit der doch recht opulenten Video- und Audiotechnik vertraut machen kann. Zudem kann dann der Mixer schon mal die ganzen Einstellungen speichern und muss nicht während des Streamens groß nachregeln.

Aber – es wäre auch nach einem Jahr Pandemie zu einfach gewesen – am letzten Freitag wurde offensichtlich das komplette Frankenland von Wolkenbrüchen überschwemmt, so dass der Soundcheck buchstäblich ins Wasser fiel. Aber am Samstag hatte Petrus ein Einsehen (oder Gerhard Förtsch hat da wirklich einen heißen Draht in den Himmel), wir hatten ab Vormittag bis spät in den Abend gutes und vor allem trockenes Wetter!

Zusammen mit Joe Bawelino kam ich am frühen Samstagnachmittag in Oberhaid an und war zwar nicht überrascht (ich kannte ja den gewaltigen Aufbau aus dem Vorjahr (wie hier >>> nachzulesen ist), aber doch wieder geradezu überwältigt vom Aufwand und auch von der durchgehend professionellen Arbeit, den das junge Team um Thomas Förtsch (den Sohn des Sessiongründers) leistete. Wie schon in all den Jahren zuvor fällt da selbst in der etwas hektischen Zeit kurz vor Beginn der Session bzw. eben vor Beginn des Streams nie ein unfreundliches Wort, obwohl es für die Sound-, Licht- und Videotechniker wirklich nicht einfach ist, es zwei Dutzend Musikern recht zu machen.

Ach ja, musiziert wurde auch! Gereicht wurde Indie-Rock (Palacity), Rock, Blues, Folk und Pop (Session Band und Dust Bowl, mit den Gästen Wolfgang Rosenbusch (git), Leoni Rosenbusch (voc), Eva Arnold (voc), Simon Arnold (dr) und Sophie Dirkea (voc)), African Music (Alexis Madokpon), Oper und Musical (Pieter und Beate Roux) sowie Sinti-Swing (Bawelino & Brunner). Und alle haben sich mächtig ins Zeug gelegt und wunderbar gespielt bzw. gesungen. Wer Samstag nicht live dabei war, kann den Stream hier >>> nochmals gucken.

Wie die Auswertungen ergaben, haben sich wieder mehrere Tausend Menschen den Stream auf Youtube und Facebook angesehen. Es gab mehr als eine Garten- oder Grillparty, auf der die Session gesehen oder zumindest gehört wurde. Ich habe heute schon von mehreren Seiten Grüße und auch Fotos erhalten (ein Public-Viewing fand im großen Kreis im Schwäbischen statt – Grüße nach Backnang!), wo Freunde und Fans den gelungenen Stream lobten.

Ja, und der Gerhard! Da ist es am einfachsten, ich zitiere meinen eigenen Beitrag aus dem Jahr 2020, denn er stimmt auch für die Session 2021: Gerhard Förtsch führte witzig, locker und stets charmant durch den Abend, wobei er Moderation, Organisation und auch seine musikalischen Beiträge virtuos im wahrsten Sinne des Wortes „über die Bühne“ brachte. Eine gewaltige Leistung! Gerhards gute Laune ist übrigens ansteckend! Wir haben zu später Stunde resümiert, dass in all den Jahren (es sind mehr als 20, von denen ich nur die letzten 10 mitbekommen habe) noch kein böses Wort zwischen den Teilnehmern, Musikern und dem Team gefallen ist. Das ist der Hammer!

Und mit der Erfahrung des letzten Jahres im Rücken konnte Gerhard Förtsch auch den Abend trotz des ganzen Stress selbst genießen. Wenn Ihr Euch seine musikalisch immer gelungenen Performances anschaut, denke ich, man sieht ihm das an!

Auch mein Schlusswort kopiere ich gerne an dieser Stelle: So war die Sommer Session Oberhaid 2021 auch in (leider immer noch) finsteren Corona-Zeiten ein echtes Highlight. Auch wenn wir natürlich alle hoffen, im nächsten Jahr wieder vor leibhaftigem Publikum spielen zu können, war die diesjährige Session wieder ein echter Knüller. Zappt mal rein, vielleicht springt der Funke auch von der Konserve über. Hier nochmals der Link zu YouTube >>>

Wie sieht es 2022 aus? Mal wieder vor 1000 leibhaftigen und durchgeimpften Zuhörern? Wäre auch mal wieder schön!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Auf dem Nachttisch – Bossa Nova von Ruy Castro

Liebe Leser,

seit etwa einem Jahr bin ich – wie hier im Blog schon mehrfach erwähnt – der Bossa Nova ernsthaft verfallen. Und wie so oft reicht es nicht, sich ein paar Aufnahmen anzuhören und ein Songbook durchzuarbeiten. Insbesondere, wenn Letzteres so schlecht ist, wie dieses >>>. Da krieg ich mich gar nicht mehr ein!

Wenn man sich etwas intensiver mit der Musik und dem Phänomen der Bossa Nova befasst, stellt man schnell fest, dass dies weit mehr als eine kurzfristige musikalische Modeerscheinung oder gar ein (gottseidank kurzlebiger) Tanz ist.

Nun hat mir der Buchhändler meines Vertrauens LK bei buch2003 >>> ein Buch (ja, so richtig aus Papier) empfohlen und verkauft, das ich an dieser Stelle gerne bespreche: Bossa Nova, The Sound of Ipanema, von Ruy Castro. Dieses Buch ist ein echter Knaller!

Auf knapp 400 Seiten (wobei die letzten 50 für eine Auswahldiskografie, ein Literaturverzeichnis und einen gepflegten Index verwendet werden) schildert Ruy Castro den Werdegang der wichtigsten Protagonisten der Bossa Nova, insbesondere den von João Gilberto, Antônio Carlos Jobim und Vinícius de Moraes. Wobei auch die unzähligen anderen Mitstreiter in diesem wirklich umfassenden Buch nicht zu kurz kommen.

Dabei sind die Geschichten und Anekdoten, die sich um die oben erwähnten und eine unendliche Zahl anderer Helden der Bossa Nova ranken, stets ungemein unterhaltsam erzählt, mit einer immensen Anzahl an Beteiligten samt wiederum deren jeweilige Hintergrundgeschichten. Zum Beispiel ist Kapitel 3, welches die Jahre João Gilbertos ab 1950 in Rio beschreibt, so prall gefüllt mit Personen, Ereignissen, Hintergrundinformationen zu diesen Ereignissen und skurrilen Anekdoten, dass einem nahezu der Kopf platzt. Allerdings war ich schnell vom schmissigen und temporeichen Stil Ruy Castros überzeugt. Man hat den Eindruck, dass er bei wirklich allen wichtigen Initiationsereignissen der Bossa Nova entweder als Augen- und Ohrenzeuge dabei war oder mindestens eine oder gar mehrere Video- und Audioaufnahmegeräte am jeweiligen Ort des Geschehens installiert hatte. Ich glaube ihm jedes Wort!

Auch das (oder „die“ weil „die Enzyklopädie“?) von mir hochgeschätzte Wikipedia nennt bei nahezu allen Artikeln zum Thema Bossa Nova dieses Buch als Quelle, oft als einzige. 

Das Buch umspannt die Jahre 1949 bis 1967 und endet (vor dem höchst informativen Epilog) mit den Sätzen:

Die Bossa Nova fühlte sich zu Hause nicht mehr wohl, sie nahm ihren Hocker und ihre Gitarre und schlich sich davon.

Zum Glück wusste sie, wohin sie gehen konnte: hinaus in die Welt.

Grandiose Worte zum Abschluss eines meines Erachtens ebenso grandiosen Buches!

So bleibt mir zum Schluss nur eine klare Kaufempfehlung! Bossa Nova, The Sound of Ipanema, Ruy Castro, erschienen im Hannibal Verlag, 391 Seiten. Die gebundene Ausgabe kostet 29,99 €. Wegen der schönen Schwarzweiß-Fotos ziehe ich diese der Taschenbuchausgabe vor, auch wenn man da ein paar Euros sparen würde.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Reverse Engineering

Liebe Leser,

wenn ich mir die Mühe gemacht habe, einen populären Jazzstandard als Fingerstyle-Solo-Tune zu arrangieren, so bin ich zumeist gezwungen, dies dann im Nachhinein schriftlich festzuhalten. Ab – sagen wir mal – 200 aufbereiteten Songs beginnt auch das beste Gedächtnis bisweilen zu streiken. Insbesondere, wenn man aufgrund einer Pandemie monatelang sein Repertoire nur noch spielt, „um nicht einzurosten“. Als sehr hilfreiches Tool hat sich hierzu die Software Guitar Pro erwiesen, deren aktuelle Version 7.5 bei Europas größtem Musikhaus, dessen Name nicht genannt werden muss, für schlappe 65,- € zu haben ist.

In Guitar Pro kann man die Töne sowohl in Noten- wie auch in Tabulaturzeilen direkt eingeben (auch per Midi, was ich aber nicht nutze), so dass ich zumeist mein Head-Arrangement direkt eintippen kann, ohne dafür die Gitarre überhaupt in die Hand nehmen zu müssen. Der Song kann jederzeit über die Soundkarte abgespielt werden, so dass das Arbeitsergebnis stets überprüfbar ist.

Wenn man ein Arrangement sozusagen „in Erz gießt“, sollte man es bei dieser Gelegenheit gleich einmal gegen das Realbook überprüfen. Dabei offenbart sich bisweilen Erstaunliches. Manchen Ton oder manche Notenlänge hatte ich mir offensichtlich bei der Erarbeitung des jeweiligen Songs nicht richtig gemerkt oder eben falsch antrainiert. Die Grifffolge, welche mir eben noch äußerst plausibel erschien, habe ich offenbar bei jedem Live-Gig „hingebogen“, denn die Finger wollen während des (Probe-)Spiels gar nicht an die Positionen, die ich in Guitar Pro notiert hatte.

Andererseits entdeckt man auch Hürden im Sheet, die man offenbar lange Zeiten einfach vermieden hatte. Ok, ganz ehrlich, wenn man sich wegen einer vorgezogenen Achtel die Finger verbiegen muss, modifiziere ich großzügig die Melodie. Ich gehe auf die 60 zu, ich darf das. Insbesondere, wenn es wie üblich ein Solo-Arrangement ist. Dennoch korrigiere ich natürlich Fehler und Ungenauigkeiten und passe die Akkord- bzw. Basslinien entsprechend an. Obwohl ich den jeweiligen Song bisweilen schon jahrelang im Repertoire habe, dauert dann so ein Update auf der Gitarre schon mal ein (oder mehrere) Dutzend Durchgänge, bis der Standard wieder sitzt.

Letztendlich erzeugt die Eingabe in Guitar Pro zum Einen ein bleibendes Zeugnis der eigenen Arbeit (ist aber wesentlich entspannter als das Kritzeln mit Federkiel auf Papierfetzen), zum Anderen eine frisch überarbeitete Version (und natürlich ein Leadsheet) eines Liedes, welches man ab diesem Zeitpunkt wieder live darbieten kann.

Das Schöne ist nämlich, dass man in Guitar Pro nicht nur Gespieltes eingeben, sondern auch Eingegebenes spielen kann!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Die Verschulung des Jazz

Liebe Leser,

auf Zeit-online habe ich soeben einen Artikel über die Sendung zur Verleihung des Deutschen Jazzpreises gelesen. Diese Veranstaltung, im Artikel übrigens mit gloriosen Sätzen wie „Nun, keine Sorge. Bei der fernsehgerechten Übertragung der erstmaligen Verleihung des Deutschen Jazzpreises verhindert eine unsichtbare Regie, dass viel Jazz gespielt wird“ kernig zurechtgestutzt, ist aber gar nicht Inhalt dieses Beitrags, Wobei man sich wie der Autor Ulrich Stock schon fragen darf, warum von der 1.000.000 € der Kulturstaatsministerin Grütters nur summa summarum 310.000 an die jeweiligen Preisgewinner ausgeschüttet werden (10.000 pro Person). Das nenn ich mal einen schlechten Wirkungsgrad! 

Ich möchte auf die Kommentare der Leser eingehen, insbesondere auf den folgenden, den ich hier abdrucke, bevor der ganze Artikel hinter der Bezahlschranke verschwindet:

Ein Jazzpreis widerspricht total dem Verständnis des Jazz. Jazz ist per Definition nicht definiert. Auch lässt sich Jazz nicht er-lernen sondern nur er-leben. Schulen und Lehrer können nur Handwerkszeug vermitteln, aber nicht das, was gelebte Kunst ausdrückt. Doch seit der Verschulung des Jazz muss man halt auch Noten geben, bewerten, Preise verleihen. Damit zieht man die Gewinner wie gezähmte Preisochsen mit einem goldenen Ring durch die Nase über den Marktplatz, oder gefaketen „Jazzclub“.

Zunächst ist festzuhalten, dass irgendwelche Auszeichnungen solange prinzipiell doof sind, wie man sie selbst nicht erhält. 

In Sachen „Erlernen vs. Erleben“ gebe ich zu, dass ich mir eine ähnliche Ansicht auch viele Jahre zu eigen gemacht hatte. Aber mit zunehmender Altersweisheit und auch Live-Erfahrung im Genre habe ich meine Meinung revidiert. Eine Verschulung schadet nicht. Weder dem Jazz noch anderer Musik. Natürlich klingen einige Songs meiner studierten bzw. studierenden Kollegen etwas akademisch und verkopft, aber genau das ist es, was den Jazz oder überhaupt die Musik weiterbringt. Den Mainstream spielen doch schon wir alten Säcke, warum sollten sich die jungen Cats da mit dazu auf den Markt werfen?

Das vehemente Argumentieren gegen ein Studium von Jazz (oder auch Rock) kommt nahezu immer von denjenigen, die ein solches aus diversen Gründen nicht absolvieren konnten oder wollten. Zumeist wird dann eine mangelnde Authentizität der Künstler:innen beklagt. Aber das ist erstens Ansichtssache, kommt zweitens bei den „Er-lebten“ genauso vor und verwächst sich drittens mit zunehmender Bühnenerfahrung.

Wenn die „gelebte Kunst“ die Lebensrealität der meisten Jazzer meint, dann bin ich mir sicher, dass sich die Mehrheit von uns – insbesondere in diesen bescheuerten Coronazeiten – für 10.000 € schon ganz gerne für eine halbe Stunde durch einen gefakten Jazzclub ziehen lassen würden.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige