Zauberei

Liebe Leser,

ich habe schon seit längerem keinen Beitrag mehr hier im Blog geschrieben. Sorry, aber es war wirklich viel zu tun, insbesondere zu spielen. Was nach der langen Corona-Pause (von der uns ja im Herbst vielleicht eine neue bevorsteht) auch wieder nötig war. Ich machte also, zumeist mit meinem genialen Duopartner Joe Bawelino, die Bühnen Süddeutschlands unsicher. Dies stets vor mindestens wohlwollendem, meistens begeistertem Publikum. Das war natürlich Balsam für die geschundene Musikerseele. 

Nicht zu selten stellt man mir die Frage, wie lange man denn (zusammen) spielen müsse, um auf das Level der aktuellen Darbietung zu kommen oder eben, woher es kommt, dass man so schön (gemeint ist „gut“) spielt. Am schönsten wäre es, wenn man sagen dürfte: Durch Zauberei! Allerdings kommt man heutzutage damit nicht weit. Die Leute sind gut informiert und glauben halt nicht mehr an sowas. Aber – die Wahrheit ist viel langweiliger. Ich spiele zwar mit Joe erst seit knapp vier Jahren zusammen, aber wir kommen zusammen auf annähernd 120 Jahre gitarristischer Erfahrung. Da muss man dann nicht noch wochenlang proben, um traditionellen Jazz ordentlich zu Gehör zu bringen.

Um einen Standard vom Sheet bis zur Aufführungsreife zu bringen (ob dann solo oder im Duett ist egal), muss ich ihn an die 100 Mal spielen, wahrscheinlich eher 200 Male. Da steckt also nur wenig Talent drin, dafür umso mehr Arbeit.

Ebenso ist meine oft gelobte schnelle Auffassungsgabe eher ein Beweis für diszipliniertes Zuhören (wird stets gewaltig unterschätzt) und eine gut trainierte Mustererkennung, als für irgendeine besondere Begabung. Es ist verständlich, dass Menschen, die keine Zeit oder auch keine Lust hätten, sich derart fanatisch in ein Instrument „zu beißen“, wie ich und die anderen Spinner es taten und noch tun, lieber an ein Jazz- oder Gitarren-Gen glauben mögen, als an ein vorhersehbares Ergebnis harter Arbeit. Klar, ohne ein bestimmtes Maß an Musikalität geht es nicht, aber dieser Anteil ist geringer, als gemeinhin vermutet wird.

Schon der legendäre Charlie Parker antwortete auf die Frage, wie es denn käme, dass er so genial spiele, mit dem denkwürdigen Satz: „Das muss daran liegen, dass ich seit vielen Jahren tagtäglich mindestens acht Stunden in dieses Horn blase.“ Ah, Zauberei!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Abgeschossen

Liebe Leser,

wenn Ihr nun diesen Text lest, dann ist es schon die dritte oder gar vierte Version. Immer wieder verwarf ich Passagen oder auch den ganzen Text, weil ich es einfach nicht vernünftig erzählen kann. Mann, bin ich sauer! Kurz gesagt habe ich noch immer gehörige Wut im Bauch, weil unsere Band abgeschossen wurde. Abgeschossen von einem Menschen, der sich in seiner begrenzten Wahrnehmung offensichtlich nicht vorstellen kann, dass die eigenen nicht vorhandenen musikalischen Fähigkeiten den anderen Mitgliedern eines Ensembles gehörig schaden können. Wovon spricht der Mann?

Wie bereits hier im Blog ausführlich geschildert, war ich nach langer Zwangspause (Corona, Ihr erinnert Euch?) über Ostern endlich mal wieder auf dem Internationalen Jazzworkshop in Erlangen. Und dort werden zu Beginn unter Leitung der einzelnen Dozenten Combos gebildet, die dann beim großen Abschlusskonzert einige Songs vor großem Publikum darbieten. Das habe ich in der Vergangenheit schon mehr als ein Dutzend mal mitgemacht und dabei allerlei erlebt. Ich halte mich also – auch dank meiner langjährigen Bühnenerfahrung – für nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen, zumindest auf der Bühne dieses Abschlusskonzerts.

Wie in vielen Jahren zuvor war ich Gitarrist in der Band von Romy Camerun. Und wir waren eine starke Band, die Romys stets anspruchsvolles Programm gut zu Gehör bringen hätten können, wenn da nicht, ja wenn da nicht diese Pianistin gewesen wäre. C. aus H. ist eine seltsame Person. Als Gott die Unmusikalität verteilte, hat sie offensichtlich mehrmals „Hier!“ geschrien, denn davon hat sie eine Menge abbekommen. C. war als Pianistin zum Workshop angereist. Das muss man schon wissen, denn aufgrund ihrer Befähigung auf dem altehrwürdigen Instrument wäre man da nicht drauf gekommen. Wir hatten ab der ersten gemeinsamen Probe Spaß. Nicht nur, dass C. die Vierklänge das Jazz nur rudimentär kannte, sie hatte auch keinerlei Timing oder ähnlichen unnützen Kram. Sie konterte unsere skeptischen Blicke nach einer mal wieder gänzlich verbotenen Performance mit geistreichen Bemerkungen in Richtung ihrer Rhythmusgruppe wie „Also, Richard hat jetzt aber nicht auf die 3+ eingesetzt!“ Angesichts ihres völligen Unvermögens, auch nur hin und wieder eine Time zu erwischen, blieb uns allen bei solchen Sprüchen regelmäßig die Spucke weg.

Nun meinte sie solcherlei wahrscheinlich nicht einmal böse, sie hatte tatsächlich nicht die geringste Ahnung von Musik, verpackt in eine immer eine Spur zu besserwisserische Art. Raue Schale mit hartem Kern, arrogantes Auftreten, dazu eine Prise Autismus. Na, wird schon schiefgehen… was es dann auch tat.

Während Romy den Rest der Band zu immer neuen Höchstleistungen trieb (wir waren bis auf eine weitere Ausnahme – die allerdings ein nettes Wesen hatte – auch ein ziemlich guter Haufen), mäanderte C. irgendwas auf ihren Keyboards. Wir hörten schon gar nicht mehr hin und freuten uns, wenn Romy, die nicht nur eine Weltklasse-Sängerin, sondern auch eine ausgezeichnete Pianistin ist, hin und wieder am zweiten Keyboard unterstützte. Und nach einer kurzen Woche, in der wir alle es tagtäglich aufs Neue verpassten, C. dahin zu schicken, wo sie hingehörte, also keinesfalls in eine Combo, kam der Tag des Abschlusskonzerts. Kleine Lades-Halle, großer Bahnhof, volles Haus, eine mächtige PA und C. am großen Steinway-Flügel!

Es kam, wie es kommen musste. Erster Song „I Didn’t Know What Time It Was“, gesungen von B., einer guten und erfahrenen Sängerin. Natürlich war der Songtitel für C. Programm. Sie setzte wirklich jeden einzelnen unserer Kicks auf die 4+, welche der Rest der Band äußerst präzise intonierte, daneben, wirklich jeden einzelnen. Im Solo (Scat/Gitarre) schmiss C. dann noch die Form (wobei das anhand der grotesken Akkorde, die ihre Hände in die Tasten hauten, gar nicht klar war – es hätte auch nur eine Anreihung falscher Akkorde sein können) und schoss B. und mich aus dem Song. Irgendwie hat jemand dann den letzten Chorus kommuniziert und wir brachten das Schiff kurz vor dem Untergang in den Hafen. B. war am Boden zerstört und C. hatte sich schon zu diesem Zeitpunkt Teeren und Federn verdient.

Als nächstes zerstörte C. das eigentlich nicht zu anspruchsvolle „Poinciana“, welches wir in moderatem Tempo als Bossa Nova spielen wollten. Die Sängerin K. (auch nicht gerade mit Musikalität gesegnet) schaffte tatsächlich den Einsatz, was den Rest der Band, die diesbezüglich allerlei Kummer gewohnt war, durchaus erfreute. Mitten in meine kurzen Solo (wann auch sonst) erschallten vom Steinway Akkorde, welche nicht zum aktuellen Abschnitt des Songs passten. C. hatte zwei Viertel verschmissen und spielte nun ihre eigene Form. Mein Solo löste sich im Nichts auf, wir brachten auch dieses Lied irgendwie zu Ende. Unsere Sängerin M. zog den Jackpot, da Romy beim folgenden „Summer Soft“ von Stevie Wonder die Tasten übernahm und wir – wer hätte es gedacht – diesen Song ganz großartig über die Bühne brachten.

Letzte Nummer, ein weiterer Song des großen Stevie Wonder; „Don’t You Worry About a Thing“ Am Gesang KB, eine hervorragende Sängerin, die mehr als einen Abend damit verbrachte, sich dieses Lied wirklich umfassend zu erarbeiten, insbesondere da unser Arrangement einige Fallstricke beinhaltete, die aber geil klangen – sofern man die Stellen richtig spielte. C. nahm den Titel erneut wörtlich und kümmerte sich wiederum um gar nichts. Nach dem holprigen Latin-Intro, welches nur durch Romys beherztes Mitklatschen einigermaßen in der Time blieb, zog C. noch einmal alle Register. Jeder, wirklich jeder, Kick, den Stimme, Bass, Schlagzeug und Gitarre präzise und knallhart spielten, wurde gefolgt von einem hinterhergehunzten „Pling“ aus der Richtung des Steinway. Das Lächeln gefror uns Übrigen auf den Lippen und jeder rechnete für sich durch, ob ein Jazz-affiner Richter bei Totschlag in diesem speziellen Fall wohl eine Bewährungsstrafe verhängen würde. Irgendwann war auch dieser Song zu Ende. Wahrscheinlich hat C. auch den allerletzten Kick daneben gesetzt, aber beschwören kann ich das nicht. Ich eilte nach kurzer gemeinsamer Verbeugung mit meinen geschundenen Bandkolleg:innen von der Bühne.

Bei der Suche nach den richtigen Worten für ein Resümee der gänzlich verbotenen Performance von C. und überhaupt ihres Verhaltens auf dem Jazzworkshop stieß ich auf meinen eigenen Text aus dem Jahr 2017, welchen ich – kein Witz – tatsächlich für eben dieselbe C. aus H. verfasst hatte, wenn ich auch vor fünf Jahren nicht mit ihr in einer Combo „dienen“ musste:

Neben vielen Talenten finden sich leider auch alljährlich ein paar Fälle, denen beim besten Willen nicht zu helfen ist. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es in irgendeiner Form auch nur die geringste Form der Einsicht gäbe. Oder wenigstens eine realistische Selbsteinschätzung. Es gibt nämlich gegen falsches Spiel ein patentes Rezept: Finger weg vom Instrument! Nun hat sich aber offensichtlich  in unserer schönen Zeit der Gedanke verbreitet, dass durch die Zahlung eines überschaubaren Geldbetrags jeder unmusikalische Trottel ein Anrecht darauf hätte, mit seinem stümperhaften Spiel in einem Jazzensemble zu glänzen, auch wenn er selbst nicht die geringste Ahnung von Musik hat. Da ja bekanntlich immer die Anderen schuld sind, nimmt man bei Songs, die trotz ihres überschaubaren Schwierigkeitsgrades definitiv die eigenen musikalischen Fähigkeiten überfordern, nicht etwa höflich die Finger von den Tasten, nein, die Welt hat sich um unseren verhinderten Musikus (das Maskulinum steht hier nur zur Vereinfachung des Satzbaus) zu drehen. Wenn schon die Einwürfe vom Klavier zur falschen Zeit, mit den falschen Tönen und selbstverständlich ohne jegliche Form (welche den organisatorischen Ablauf eines Liedes beschreibt, z. B. Strophe-Refrain-Strophe usw. oder z. B. AABA im Jazz) kommen, muss durch die Lautstärke und Eindringlichkeit des Geklimpers zumindest auch der Rest der Band aus dem Song fliegen. Totale Vernichtung. Und dann noch beschweren, wenn es keinem gefällt. Solch impertinenter Egoismus ist mir in den früheren Kursen nicht aufgefallen.

Zitat Ende. Wow! Ich unterschreibe jedes Wort noch heute. Toll formuliert, mein lieber Gige, muss ich schon sagen!

Ein Freund und ehemaliger Mitmusiker von mir war 2022 als Pianist auch erstmalig auf dem Workshop. Eigentlich ein guter Musiker und mit flinken Fingern gesegnet, hatte er auf dem Abschlusskonzert einen totalen Blackout. Zumeist war er einfach „lost“ und saß mit steinernem Gesicht am Steinway. Mir ist das auch schon passiert. Da ziehen sich die 20 Minuten ins Unendliche! Aber er hat NICHT irgendwas gespielt, er hat NICHT den Rest der Band aus dem jeweiligen Song geschubst. Er hat sich von daher sozial und in gewissem Sinne professionell verhalten. 

Anders C. In ihrer verdrehten Wahrnehmung hat sie die komplette Band abgeschossen, dabei in dem irrwitzigen Glauben, sie hätte im Großen und Ganzen eigentlich alles richtig gemacht. Als ich mit B. und J. nach unserem Auftritt im Foyer stand und wir unsere Wunden leckten, ich B. noch von der sofortigen Abreise und J. von einer spontanen Gewalttat abhalten konnte, gesellte sich C. zu uns und entschuldigte sich für ihr „etwas ungenaues Spiel“. Dass war derart absurd, dass wir in stiller Übereinkunft auf die eigentlich fällige Hinrichtung verzichteten. C. hat tatsächlich eine Wahrnehmungsstörung. Obwohl sie eine öffentliche Standpauke samt Vom-Hof-jagen-und-mit-Speiseresten-bewerfen verdient gehabt hätte, brachten wir als anständige Menschen solcherlei einfach nicht übers Herz. 

Aber, und das verspreche ich an dieser Stelle feierlich, ich werde NIE WIEDER C. gemeinsam in einer Combo mit mir zulassen und bei Rainer Glas auf ein lebenslanges Jazzworkshop-Verbot für C. aus H. drängen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Inside Jazz – Jazzworkshop Erlangen 2022

Liebe Leser,

natürlich kommt dieser Beitrag eine Woche zu spät. Angesichts meiner ohnehin dürftigen Beitragsdichte in diesem Blog seid Ihr ja Kummer gewöhnt, oder? Zur Sache:

Yeah, ich war da! Nach nunmehr drei langen Jahren Abstand hat der 40. Internationale Jazz Workshop in Erlangen nun (endlich, endlich!) über Ostern (Samstag 16. April bis Sonntag 24. April 2022) tatsächlich stattgefunden. Nach den Absagen 2020 (siehe hier >>>) und 2021 hatte der Workshop-Gründer und -Veranstalter Rainer Glas verständlicherweise angesichts einer drohenden dritten Absage schon die Schnauze gestrichen voll. Ich glaube, wenn der Workshop dieses Jahr wieder abgesagt worden wäre, hätte er hingeschmissen. Aber die Pandemie zog sich netterweise zumindest von ihrer Gefahr für mehrfach Geimpfte temporär etwas zurück und die allgegenwärtigen Lockerungen ermöglichten das durchaus beeindruckende 40. Jubiläum, eben mit zwei Jahren Verspätung.

Leider erforderte die dennoch allgegenwärtige und allein vom gesunden Menschenverstand gebotene Rücksicht auf die ja noch längst nicht besiegte Pandemie einige Änderungen der allgemeinen Workshop-Organisation, so dass einige liebgewonnene Rituale aktuell praktikablen Lösungen weichen mussten. Das beliebte Prozedere der Anmeldung zum Kurs (bei dem man bei rechtzeitiger Ankunft wirklich ausreichend Zeit hatte, seine lang vermissten Musikerkollegen und Freunde zu begrüßen) wurde einige Stunden nach vorne verlegt und die kurze Vollversammlung zum Kursbeginn wegen mangelnder Abstandsmöglichkeiten gestrichen. Dennoch war die Wiedersehensfreude nach der langen Zwangspause geradezu unbeschreiblich. Brigitte, Ursula, Jörg, Malte, Martin, Johannes… zwei Dutzend weitere. Mann, hatte ich Euch vermisst! Die Anmeldeformalitäten wurden durch Elke, der Partnerin von Rainer Glas, in Sekunden erledigt und der 40. Internationale Jazzworkshop Erlangen konnte beginnen! Traditionell mit einem leckeren Cappuccino aus dem Bistro der VHS, welches auch unter neuer Leitung (der allseits sehr beliebte Wirt ist leider 2020 verstorben) alle Wünsche der Kursteilnehmer erfüllen konnte.

Als Dozenten traten 2022 an:

Romy Camerun (Gesang), Bernhard Pichl (Klavier), Andrey Lobanov (Trompete), Jürgen Neudert (Posaune), Tony Lakatos, Rick Margitza und Hubert Winter (Saxophon), Patrick Scales (E-Bass), Rainer Glas (Fredless- und Kontrabass), als Ersatz für den leider erneut wegen Krankheit pausierenden Helmut Kagerer (schlechtes Timing, Helmut!) erstmalig dabei der Straubinger Gitarrist Andreas Dombert (Gitarre), Harald Rüschenbaum und – auch zum ersten Mal dabei – Carola Grey (Drums) sowie (erstmalig) Alberto Diaz (Salsa-Band).

Wiederum Corona-bedingt musste der bewährte Tagesablauf des Workshops angepasst werden. So fielen der morgendliche „Spaß für alle“ unter der Leitung des genialen Harald Rüschenbaum und die „Rhythm-Grooves“ sowie der Chor am Nachmittag aus, zum Einen mangels Angebot ausreichend großer Kursräume und zum Anderen der Tatsache geschuldet, dass die Dozenten ihre jeweiligen Kurse auf zwei kleinere Gruppen aufteilen mussten. Immerhin konnten gegen 13:30 Uhr die Kurse Harmonielehre I (Rainer Glas) und II (Bernhard Pichl) stattfinden, bei denen es aufgrund des großen Zuspruchs dann allerdings mit den obligatorischen 1,5 m Abstand zwischen den Teilnehmern dann auch etwas knapp wurde. Anmerkung: Seit vielen Jahren hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Rainers Harmonielehre-Kurs eher der für Einsteiger, der von Bernhard eher der für Fortgeschrittene sei. Nun, das kann man so und so sehen. Das Konzept der vier Erzeugerskalen (Melodisch-Moll, -Dur, Harmonisch-Moll, -Dur), welches Rainer erklärt, ist mindestens so tricky wie der Einstieg in die Stufen- und Funktionstheorie, welchen Bernhard lehrt.

Nach dem Instrumentalunterricht und der (selbstverständlich freiwilligen) Harmonielehre-Stunde geht es ab 15 Uhr in die jeweilige Combo. Nach 2018 war ich dieses Mal in alter Tradition wieder in der Combo von Romy Camerun, was wie all die Jahre zuvor ein im besten Sinne des Wortes unvergessliches Erlebnis war. Über unsere Performance beim Abschlusskonzert wird in einem separaten Beitrag noch zu sprechen sein.

Während die Einen nach ihrer jeweiligen Comboprobe noch zu Alberto Diaz in die Salsa-Band eilen, um dort unter der fachkundigen Anleitung des kubanischen Klaviervirtuosen einige (wer hätte es gedacht?) Salsas einzustudieren, genießen die Anderen ihr erstes Feierabendbier im lauschigen Innenhof der VHS. Und die ganz Eifrigen (ich, ich!) eröffnen schon um kurz nach 17 Uhr die Session im Cafe International, weil es um diese Zeit noch möglich ist, ein paar Nummern auch in ungewöhnlichen Besetzungen zu spielen, die vielleicht noch nicht so gut sitzen. Der einzige Wermutstropfen an dieser Location ist, dass die VHS und damit auch das Cafe um 21 Uhr schließt. Die Sessions im E-Werk dauerten oft bis nach Mitternacht und wurden auch von nicht zu wenigen Nicht-Kursteilnehmern besucht. Aber wie schon in den Vorjahren stand die Kellerbühne in der Workshopwoche eben nicht zur Verfügung, deshalb sei an dieser Stelle Schluss mit dem hadern, die VHS ist ja wirklich schön.

Am Freitag fand in der Kleinen Lades-Halle das Dozentenkonzert statt. Wieder einmal zeigten uns die Dozent:innen, was eine Harke ist. Natürlich haben alle fantastisch abgeliefert (bis auf Andreas Dombert, der an dem Abend leider nicht teilnehmen konnte, da er schon vor seinem Einspringen als Dozent anderweitig gebucht war), aber besonders hervorzuheben war das schöne Duett Camerun-Lakatos über den Standard „My Romance“. Beidseitige Impro mit Gesang und Saxophon von zwei Ausnahmemusikern – erste Sahne! Von Andreys Trompete und Carolas Drums klingeln mir zwar immer noch etwas die Ohren, aber das muss halt so. Ein toller Abend!

Am Samstag dann schließlich der Höhepunkt des Workshops, das Abschlusskonzert der Teilnehmer, wiederum in der Kleinen Lades-Halle. Traditionell eröffnet Harald Rüschenbaums Bigband gegen 17 Uhr das gewaltige Konzert, welches bis Mitternacht, also etwa sieben Stunden dauert. Wie in all den Jahren zuvor hatte es der Meister auch dieses Jahr wieder geschafft, den inhomogenen Haufen von Musikern in nur einer knappen Woche zu einem Klangkörper zu formen, bei dem das Zuhören wirklich Spaß machte. Hexenwerk!

Die nachfolgenden Combos lieferten durchwegs gute, bisweilen hervorragende Performances ab, wobei sich das Tempo gegen Ende zunehmend steigerte, da die letzten drei Bands die von Carola Grey (World-Music und Fusion), Alberto Diaz (Salsa) und Patrick Scales (Funk) waren. Über unseren Auftritt (Combo von Romy Camerun, Jazz & Soul) wird wie erwähnt noch gesondert berichtet. Erfahrene Kursteilnehmer nutzen den Abend des Abschlusskonzertes schon für die Verabschiedung, da viele Teilnehmer und auch Dozenten noch in der Nacht oder früh am Sonntagmorgen in ihre jeweilige Heimat zurückfahren müssen und es zu später Stunde am Samstagabend in Erlangen kaum möglich ist, sich in Ruhe in einer netten Kneipe zusammenzusetzen und den Workshop gemächlich ausklingen zu lassen. Daher lieber noch einen kleinen Drink und Plausch im Foyer der Lades-Halle. Das hat sich bewährt.

Zum Abschlusskonzert bekam Rainer Glas dann endlich seine wohlverdiente Geburtstagstorte (super-Idee, Brigitte, herzlichen Dank), welche ihm kurz nach der Eröffnung des Abschlusskonzerts einigermaßen feierlich überreicht wurde. Man kann ihm für sein jahrzehntelanges Engagement und seine unermüdliche Arbeit für diesen Workshop nicht genug danken. Viele Profimusiker haben sich auf dem Internationalen Jazzworkshop in Erlangen ihre ersten Sporen verdient bzw. danach ein Musikstudium oder ähnliches begonnen. Auch mein musikalisches Netzwerk besteht zum größten Teil aus Menschen, welche ich in Erlangen kennenlernen durfte. Rainer, bleib gesund und uns noch möglichst lange erhalten!

Alles in allem war es nach langer Pause wieder mal eine grandiose Woche, in der wir Teilnehmer jede Menge Jazz und auch Inspiration getankt haben, welche uns jetzt ein Jahr lang über Wasser halten soll, bis es an Ostern 2023 hoffentlich wieder heißt: Auf nach Erlangen! 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – M*A*S*H

Liebe Leser,

da ja die Live-Saison (mit angezogener Handbremse) erst ab März beginnt, werden immer noch in der Republik die Archive der Streaminganbieter von Vielen auf der Suche nach Ablenkung vom tristen Pandemiealltag durchwühlt. Ich bin auch so ein Wühler. Und bei ebendiesem Wühlen stieß ich (neben vielem anderen) bei Disney+ auf die Serie M*A*S*H von 1972. Ich glaube mich zu erinnern, den Film MASH (auf welchem die Serie basiert) von Robert Altman aus dem Jahr 1970 irgendwann in meiner Jugend im Kino gesehen zu haben. Zumindest habe ich den jungen Donald Sutherland als Captain „Hawkeye“ Pierce noch als „echt coolen Typ“ abgespeichert. Aber die Serie? Mag sein, dass ich in den 1990ern die ein oder andere Folge im linearen Nachtprogramm bei Prosieben gesehen hatte, aber bleibenden Eindruck hat dies nicht hinterlassen. Nur so aus Interesse begann ich, die erste Staffel jetzt auf Disney+ zu schauen.

Und was soll ich sagen, Alda (siehe unten), die Serie ist – um es mit einem wirklich angestaubten Begriff aus dem alten Preußen zu beschreiben – ganz famos! Hat die erste Staffel noch viele Elemente einer Militärklamotte bzw. eine Comedy-Sitcom (inklusive eingespielter Lacher, zu denen es bei Disney+ leider keine Originalton-Alternative gibt), so ändert sich der Ton (also die Grundtendenz der Serie, leider nicht der (Audio-)Ton mit den Lachern aus der Konserve) zunehmend im Laufe der Zeit. Der Begriff Dramedy-Sitcom trifft hier spätestens ab Staffel 3 eher zu. Nach dem Verzehr der ersten beiden Staffeln habe ich mir (ebenfalls auf Disney+) den Altman-Film nochmals angesehen. Und mit etwa 40 Jahren Abstand hat sich meine Einschätzung MASH vs. M*A*S*H komplett gedreht. Während der Altman-Film eine meinetwegen subversive, aber aus heutiger Sicht zutiefst misogyne und homophobe, zudem zumeist alberne Militärklamotte ist, wandelt sich M*A*S*H nach wenigen Folgen zu einer zwar noch comedyhaften, aber zunehmend tiefsinnigen Serie mit markanten und gut ausgearbeiteten Charakteren, die im Gedächtnis bleiben. Neben den guten Skripts verdankt M*A*S*H dies vor allem seinen herausragenden Schauspielern, insbesondere Alan Alda (siehe oben – der Kalauer musste sein), Wayne Rogers, McLean Stevenson (in seiner Rolle als Lieutenant Colonel Henry Blake mein persönlicher Favorit!), Loretta Swit, Mike Farrell und nicht zuletzt Gary Burghoff. Aber auch der Rest der Stammbesetzung und die unzähligen Neben- und Gastdarsteller leisten fantastische Arbeit. 

Ich habe inzwischen eine nicht unerhebliche Menge an Comedy- aber auch Dramedy-Serien gesehen, insbesondere natürlich auch solche, die mit Krankenhäusern oder auch Ärzten zu tun haben. Bei meinen persönlichen Favoriten wie „Scrubs“ oder „Dr. House“ erkenne ich nicht zu selten Parallelen, sei es in der Handlung oder in den Charakteren, die ihren Ursprung ganz offensichtlich in M*A*S*H haben.

[Eine kleine Anmerkung zur Serie „Scrubs“, für die sich ein eigener Beitrag lohnen würde. Aber Ihr wisst ja, ich komme eh zu nix… Als meine Lieblings-Serie bei Amazon-Prime zum Streamen bereit gestellt wurde, hatte ich mich sehr gefreut, da es nun möglich war, ohne großes DVD-Herauskramen und Kabel-Umstecken schnell mal zwischendurch eine oder mehrere Folgen zu genießen. Ich begann umgehend mit Staffel 1. Doch irgendwie fühlten sich die Folgen bei weitem nicht mehr so witzig oder auch dramatisch an, wie ich sie in Erinnerung hatte. Bis es mir auffiel (ich habe das später auch noch im allwissenden Netz verifiziert): Die Musik stimmt nicht! Amazon hat wohl die Rechte an Bild und Ton von „Scrubs“ erworben, offenbar aber eben die für den (sehr gute und ikonischen) Soundtrack. Statt dessen setzt man an den markanten Stellen irgendein belangloses Pop-Gedudel. Und das funktioniert für mich überhaupt nicht. Dann lasse ich es lieber und krame die alten DVDs wieder heraus. Klammer zu.]

Statt „Scrubs“ also wieder rein in M*A*S*H. Der für den Kinofilm von Johnny Mandel (“ The Shadow of Your Smile“) geschriebene Song „Suicide Is Painless“ dient auch der Serie als jeweiliges Intro pro Episode. Auch die ansonsten (zumindest in den ersten Staffeln) eingesetzte Musik, wurde von Mandel geschrieben. Das hört man übrigens, der Soundtrack ist (jedenfalls bis Staffel 4, weiter bin ich noch nicht) fantastisch!

Wer also von Euch, liebe Leser, wie ich in den 1990ern eben nicht die einzelnen Folgen von M*A*S*H gesehen hat und über ein Disney+ Abo verfügt, dem lege ich diese tolle (wenn auch bereits 50 Jahre alte) Serie ans Herz. Achtung, sie hat meines Erachtens hohes Suchtpotential! Wikipedia weiß: „Die M*A*S*H-Schlussfolge vom 28. Februar 1983 hatte mit 77 % die bis heute höchste Einschaltquote einer Fernsehserie in den Staaten. Im Schnitt sahen diese Folge etwa 106 Millionen Zuschauer (insgesamt 121 Millionen).“ Ich verstehe zwar nicht, was hier „im Schnitt“ bzw. „insgesamt“ bedeutet, aber in jedem Fall mehr als 100 Millionen Zuschauer. Das ist doch mal eine Hausnummer!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – Facing Ali

Liebe Leser,

ich schreibe wirklich zu wenig in diesem Blog. Sorry. Es ist verblüffend, wie wenig Zeit bleibt, obwohl man pandemiebedingt nur äußerst selten auf die Bühne kommt. Aber nun zu etwas ganz anderem…

Am 17.01.1942 wurde Muhammad Ali in  Louisville, Kentucky als Cassius Clay geboren. Er hätte also gestern seinen 80. Geburtstag gefeiert, wenn er nicht 2016 gestorben >>> wäre. Ali war eine Ikone meiner Kindheit und Jugend. War ich 1971 beim wirklich legendären „Kampf des Jahrhunderts“ noch zu klein, um diese epische Ringschlacht (welche übrigens tatsächlich der damals amtierende Weltmeister Smokin‘ Joe Frazier gewann) live in den frühen Morgenstunden anzuschauen, habe ich seit dem ebenso legendären „Rumble in the Jungle“, bei dem sich Ali den WM-Gürtel gegen den 1974 wirklich übermächtigen George Foreman zurückholte, keinen Kampf des „Größten“ bis zu seinem endgültigen, auch Parkinson-bedingten, Rücktritt verpasst. Mit Ausnahme seines letzten Gefechts 1981 gegen Trevor Berbick auf den Bahamas. Diese grausame Demontage der einst so strahlenden Legende wollte ich mir dann doch nicht antun.

Natürlich habe ich inzwischen dank der großen Videoplattform, deren Name nicht genannt werden muss, inzwischen alle nur erdenklichen Biografien, Dokumentationen über und natürlich auch alle Kämpfe von Muhammad Ali gesehen, manchmal geschnitten und kommentiert, meist jedoch, falls verfügbar, in voller Länge. Da ich auch die Karrieren und die Lebens(ver)läufe seiner einstigen Rivalen, insbesondere die von Joe Frazier, George Foreman, Ken Norton und Larry Holmes recherchiert und verfolgt habe, fühlte ich mich bezüglich der Protagonisten der Goldenen Ära des Schwergewichts durchaus gut informiert.

Als nun anlässlich des 80. Geburtstags von Ali die Öffentlich-Rechtlichen ihre Mediatheken mit neuen und alten Dokumentationen luden, habe ich die 4 x 2-Stunden Dokumentation „Muhammad Ali“ in der Arte-Mediathek mit dem wohligen Gefühl genossen, die meisten Fakten eben bereits zu kennen und mein Wissen mit der Chipstüte in der Hand ohne größere Aufmerksamkeit vertiefen zu können.

Und weil das so schön war und Kindheitserinnerungen weckte, sah ich mir im Folgenden auch noch die zweite Dokumentation der Nacht »Facing Ali« von Pete McCormack an, eine Uraufführung im deutschen Fernsehen. Und die ist wirklich sensationell! Der „Spiegel“ schreibt:

Sich Ali wirklich zu nähern, das haben vielleicht nur diejenigen geschafft, die ihm auch körperlich am nächsten kamen: seine Gegner. Die Geschichte Alis ist auch immer die Geschichte seiner Kontrahenten, Joe Frazier, Foreman, Ken Norton, Leon Spinks, Larry Holmes. Die von ihm verprügelt wurden, oder die ihn selbst verprügelten wie Holmes in jenem Fight 1981, in dem Ali nur noch Mitleid erregte.

[Kleine Anmerkung: Der Holmes-Kampf war 1980, 1981 fand Alis tatsächlich letzter Kampf gegen Trevor Berbick statt, siehe oben. Schämt Euch, Ihr Patzer vom Spiegel!]

Dennoch, das Aufgebot an ehemaligen Gegnern von Ali ist gewaltig, namentlich die Weltmeister Joe Frazier (+2011), Ken Norton (+2013), George Foreman, Larry Holmes, Leon Spinks (+2021) und Ernie Terrell (+2014) sowie die Weltranglistenboxer Ron Lyle (+2011), Earnie Shavers, Henry Cooper (+2011) und George Chuvalo. Die bedeutendsten Schwergewichtsboxer von 1965 bis 1985 in einer einzigen Sendung! Jeder dieser herausragenden Kämpfer wird kurz vorgestellt (samt seiner zumeist erschütternden Biografie) und spricht dann über seine Kämpfe gegen und sein Verhältnis mit Muhammad Ali. Wenn auch viele dieser Boxer in ihren letzten Jahren unter Dementia Pugilistica oder anderen durch permanente Schläge hervorgerufenen Krankheiten litten oder noch leiden, sind sie in diesem Beitrag noch allesamt sprachlich und geistig auf der Höhe. Und ihre Erzählungen werden nicht von einem eifrigen Interviewer gesteuert und sind auch nicht geschnitten. Ali hat neben seinen Schlägen im Ring immer auch verbal heftig ausgeteilt, bisweilen unter der Gürtellinie, was insbesondere Joe Frazier sein Leben lang verfolgte (ich bin übrigens seit einigen Jahren glühender Smokin‘-Joe-Fan – was ein faszinierender Kämpfer!) und mit Sicherheit zu mehr als einer Depression bei dem tapferen Mann aus Philadelphia geführt hat. So kommen in den Schilderungen von Alis Rivalen auch durchaus unbequeme Wahrheiten oder zumindest Sichtweisen auf den Tisch, seien es zu kurze Counts (Ali-Foreman 1974), ungerechte Punktrichter (Ali-Norton III 1976) oder vorzeitige Abbrüche (Ali-Lyle 1975) u. v. m.

Und dennoch: Alle (mit Ausnahme des muffigen Ernie Terrell) tragen Ali diese Dinge nicht nach und reflektieren offen und ehrlich, dass sie allesamt ihre eigenen Karrieren der Existenz eines Muhammad Ali verdanken. Nicht nur Ken Norton dankt Ali dafür, dass er ihm die Chance auf ein besseres Leben durch die Kämpfe geschenkt hat. Alle (auch Joe Frazier und Ernie Terrell) haben für den zum Zeitpunkt der Aufzeichnung schon schwerst erkrankten Ali nur beste Wünsche und lobende Worte. Es ist eine zutiefst bewegende Verbeugung seiner ehemaligen Rivalen vor dem „Größten“.

Zwei kleine Nörgeleien zum Schluss. Auf den Boxer Sir Henry Cooper hätte man meines Erachtens verzichten können, da er zwar zweimal mit Ali im Ring stand, aber – schon aufgrund seiner Herkunft aus Großbritannien – kein persönliches Verhältnis zu diesem aufgebaut hatte und somit eher aus dem Kreis der mit Ali auch durch ihre Lebenslinien verbundenen Rivalen herausfällt. 

Und schließlich ist die deutsche Synchronisation, die auch versucht, Wortgefechte z. B. zwischen Ali und Frazier schmissig simultan zu übersetzen, oft nicht gelungen und zum Beispiel im Fall von Leon Spinks einfach respektlos. Leider gibt es keine Originalversion in der Mediathek.

Nichtsdestotrotz ist „Facing Ali“ eine der besten Dokumentationen, die ich bis dato über Muhammad Ali gesehen habe, insbesondere, weil es auch einen Blick auf seine großartigen Rivalen ermöglicht, die Alis strahlende Karriere erst ermöglicht haben. Beispielhaft für diesen Zusammenhang zwischen Ali und seinen Gegnern im Ring stellt Ken Norton völlig zutreffend fest: Ali holte das Beste aus Frazier heraus und Frazier das Beste aus Ali.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gedanken zum Jahresende 2021

Liebe Leser,

ah, Dezember! Es ist die Zeit, bei einer schönen Tasse Tee am fröhlich prasselnden Kamin gemütlich seine Gedanken zum fast verflossenen Jahr 2021 in besinnliche und aufmunternde Worte zu gießen. 

Könnt Ihr vergessen! Ich hasse Tee und unser schöner Kamin wurde aufgrund von irgendwelchen Bestimmungen vor zwei Jahren vom Bezirksschornsteinfeger auf ewig stillgelegt. Es gibt auch keine aufmunternden Worte – wir werden alle jämmerlich vor die Hunde gehen! So sieht’s aus!

Es folgt ein wirklich längerer Text, welcher auch nicht in Kurzform vorgelesen auf meinem (nebenbei hervorragenden) YouTube-Kanal zu finden ist – Ihr werdet ihn wohl oder übel lesen müssen, wenn Ihr nicht ohne entscheidenden Erkenntnisgewinn sterben wollt. „Das wäre doch was! Warum machst du nicht so tolle Podcasts, die man nebenbei anhören kann?“ Ach – halt die Klappe! Nun denn:

Noch immer hat Corona die Welt im Griff und was bis dato in Deutschland an Kultur noch nicht geplättet wurde, ist am Dahinsiechen. Seit nunmehr fast zwei Jahren fährt der komplette Kulturbetrieb im Not-Modus. Im letzten Beitrag anlässlich des dahinscheidenden Jahres 2020 hatte ich noch Flausen im Kopf, dass verschobene Livetermine nun endlich 2021 nachgeholt werden könnten, es gäbe ja inzwischen wirksame Impfungen und ausgefeilte Regelungen. Aber Pustekuchen, nichts wurde nachgeholt. Im Gegenteil, die meisten Kultureinrichtungen hangeln sich in Notbesetzung von Lockdown zu Lockdown oder haben inzwischen hingeschmissen. Und die Leute, das Publikum? Von dem prophezeiten Hunger nach Kultur ist bei vielen nichts geblieben, sie haben es sich zwischen einem halben Dutzend Streaming-Anbietern bequem gemacht und verlassen ihr Heim nur noch selten. Seit Ausbruch der Pandemie habe ich KEINE EINZIGE Tanzveranstaltung mit dem TOP-Trio mehr gespielt. Alle Bälle wurden 2020 auf 2021 und von dort in eine unbestimmte Zukunft verschoben. Ein einziger Ball hätte im November 2021 stattfinden sollen. Dieser wurde dann abgesagt, weil sich zu wenige Leute angemeldet hatten. Die Tänzer haben sich die Bälle abgewöhnt!

Die einzige Kneipe, die bis zum Februar 2020 noch wöchentlich einen Musiker für Livemusik bezahlt haben, hat seit nunmehr 22 Monaten keine Livemusik mehr veranstaltet, wenn sie denn überhaupt zwischendurch geöffnet hatte.

Stadt-, Brauerei- und sonstige Feste, Musik-Workshops, Weihnachtsmärkte im Jahr 2021? Fehlanzeige. Das Internet ist inzwischen (wie vermutet) voll von den Ergüssen der verhinderten Livemusiker. Ich nehme mich da nicht aus. Tuck & Patti sammeln immer noch mit dem Kaffeebecher (den habe ich erfunden, weil es dramatischer klingt) Spenden bei wöchentlichen Livestreams. Es ist ein Jammer! Und noch immer erhalte ich gutgemeinte und immerhin kostenfreie Ratschläge von guten Freunden, was dem bekannten Künstler A oder der berühmten Sängerin B wieder Tolles eingefallen ist, um ein paar Kröten in die Kasse zu kriegen. Eine Idee ist bei der zweiten Umsetzung schon nicht mehr neu und die Anzahl an guten Ideen, wie man statt vor Publikum in den sozialen Medien Geld verdienen kann, endlich. [„Begrenzt“ wäre ein verständlicheres Wort und zudem eindeutiger gewesen, aber auch nicht so schön!] So auch zum zweiten Corona-Advent der Aufruf: Verschont mich mit guten Ideen! Außer, sie sind wirklich gut.

Und dann gibt es noch den immer wieder geäußerten Hinweis auf die großzügigen und unbürokratischen Corona-Hilfen für Kulturschaffende. Das ist natürlich richtig. Nebenbei ist das korrekte und gesetzeskonforme Ausfüllen von Anträgen zur Corona-Hilfe inzwischen ein Bachelor-Studiengang an der Uni Potsdam, Regelstudienzeit 6 Semester…

Die Krux an der Sache ist: Kümmert man sich rechtzeitig um einen finanziellen Ausgleich für die Einnahmeausfälle, z. B. indem man nicht-künstlerische Tätigkeiten ausführt, so wie ich dies notgedrungen seit Frühling 2020 tue, fällt man zumeist automatisch aus der Gruppe der Förderungswürdigen. Nebenbei auch aus der KSK, wie wiederum ich seit 2020. Da für die meisten Künstler-Hilfsprogramme allerdings eine Mitgliedschaft in der KSK Voraussetzung ist, schließt sich hier der (Teufels-)Kreis.

Dennoch kann der treue Fan natürlich etwas tun. Er kann die Dinge, die ich seit nunmehr 22 Monaten produziert habe, käuflich erwerben. So er oder sie selbige schon besitzt, dann gerne als beliebte Geschenke zum Weihnachtsfest per Wiederholungskauf. Derzeit im Angebot die 2020er (ein guter Jahrgang!) Scheiben „dreipunktnull“ oder „Bossa Nova“ oder das 2021er (Südhang, Spätlese) Meisterwerk von Bawelino & Brunner „Guitar Moments“.

Nicht im Angebot (da Buchpreisbindung) aber nichtsdestotrotz ein tolles Geschenk ist die „Harmonielehre für Gitarre“ von Helmut Kagerer und mir. Warum soll ein sechsjähriges Nachwuchstalent sich nicht schon in frühen Jahren ein Verständnis für Stufentheorie und Funktionsharmonik aneignen?

Stets kostenfrei sind mein Blog (also der hier) und mein YouTube-Kanal

https://www.youtube.com/user/gige2009

Musikalische Fachartikel von mir, Song-Arrangements oder auch nette Podcasts (davon einer mit mir!) findet Ihr beim engagierten Stefan Kornherr unter

https://gitarre.blog/

Stefan freut sich übrigens immer über kleine Beiträge, welche ihn beim Betrieb des sehr schönen und hochkarätig besetzten Blogs helfen. Da steht ein (virtueller) Gitarrenkoffer, der ganz charmant zum Spenden einlädt. 

Und wer schon alles von mir gekauft, verschenkt, erneut gekauft und verschenkt usw. hat, der kann eingetragener Fan bei Patreon werden:

https://www.patreon.com/gige_jazz

An dieser Stelle ein herzlicher Dank an meine treuen Unterstützer bei (und teilweise auch neben) Patreon und an diejenigen Veranstalter, die trotz wirklich widriger Umstände und heftigen Beschränkungen im Jahr 2021 ein paar schöne Gigs ermöglicht haben: Dank an die Cafebar StilleWasser, den Bunitreff, den Kreuzwirtskeller, Gerhard Förtsch und den Noris-Folkclub!

Liebe Leser, vielen Dank für Eure Besuche auf dieser Website, für Eure Kommentare und Eure Likes. Ein paar Abonnenten mehr wäre nett, aber das ist nicht so wichtig (By the way: Einem Blog bei WordPress zu folgen kostet nix, auch die Mitgliedschaft in WordPress ist mit keinerlei Kosten verbunden). Jetzt rutscht gut raus aus diesem vermaledeiten Jahr und kommt wohlbehalten in 2022 an! Ich wünsche Euch allen schöne Weihnachten sowie ein frohes und gesundes neues Jahr, in dem wir uns hoffentlich nicht nur auf dem Bildschirm, sondern auch in der realen Welt wieder sehen und hören können.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Haltung bewahren?

Liebe Leser,

es ist soweit, „endlich wird er mal politisch in seinem faden Blog“ werden sich angesichts des wieder einmal fantastischen Titels einige denken… aber nein, das werde ich nicht. Versprochen ist versprochen. Obwohl ich natürlich zur geradezu omnipräsenten Corona-Krise meine Meinung habe – und übrigens auch einen Termin für den Impf-Booster. Nein, in diesem Beitrag geht es darum, dass man eine jahrzehntelang praktizierte (offensichtlich sub-optimale) Haltung beim Gitarrespielen (ach, darum geht’s mal wieder…) letztendlich doch anpassen muss.

Nun verhält es sich so, dass klassische Gitarrist:innen die Instrumente auf dem linken Oberschenkel platzieren (und mit dem rechten abstützen), wobei sie dabei zumeist entweder das Bein mittels eines Fußbänkchen hochstellen oder die Gitarre mit einem Hilfsmittel etwas erhöhen. Oder auch ganz ohne Hilfsmittel, siehe Abbildungen links und Mitte.

Allerdings gilt die „klassische“ Haltung bei allen Nicht-Klassikern traditionell als „uncool“. Selbst die Bossa-Nova-Gitarristen mit klassischer Ausbildung wie zum Beispiel Luiz Bonfa oder Laurindo Almeida, welche zeitlebens Spanische Gitarren (also mit Nylonsaiten) spielten, platzierten ihr Instrument auf dem rechten Oberschenkel.

Da ich mit ebendieser Haltung und auch mit den anderen schlechten Angewohnheiten wie Losspielen ohne vorheriges Aufwärmen nun fast 50 Jahre ohne Komplikationen durchgekommen bin, hat sich eine gewisse Lässigkeit im Umgang mit solcherlei Kleinkram bei mir eingeschlichen. 

Nun begann vor etwa sechs Wochen (es war wohl nach dem letzten größeren Gig mit Joe Bawelino) mein linker Daumen zu schmerzen. Erst nur ein leichtes Ziehen, steigerte sich der Schmerz in den folgenden Wochen zunehmend. Zwei zwischenzeitliche Gigs, welche ich dann schon mit Stützmanschette am linken Gelenk spielte, waren der orthopädischen Gesamtsituation sicher nicht zuträglich. Nun halten bzw. hielten aber einige Jazzgitarristen (Joe Pass, Kenny Burrell, Joe Bawelino…) ihre Gitarren schon fast im 45-Grad-Winkel zur Horizontalen (übrigens auch zur Vertikalen), was ja prinzipiell ungefähr dem bei der klassischen Haltung entspricht. Wobei hier der Gurt die Stütze übernimmt, so dass sich die Frage nach dem richtigen Oberschenkel zur Lagerung gar nicht stellt. Das habe ich dann gleich mal ausprobiert.

Was soll ich sagen? Es funktioniert! Der Schmerz verzieht sich zusehends und kommt auch nach längeren Übungseinheiten nicht zurück. Also zumindest bis jetzt. Drei Dinge lassen sich daraus ableiten: 

1. Es ist nie zu spät, dazuzulernen 

2. Komplexe Probleme haben bisweilen triviale Ursachen 

3. Offensichtlich sind nicht zu wenige Gitarristen gestorben, bevor ihre Sehnen und Gelenke begannen, Schwierigkeiten zu machen

Mein alter Freund OM aus dem schönen Ostwestfalen hat mich als ebenso erfahrener Gitarrist allerdings darauf hingewiesen, dass auch eine klassische Haltung orthopädische Probleme bedingen kann (irgendwas mit „eingeschlafener Schulter“ oder so). Nun ja, wenn es wieder knapp 50 Jahre lang funktioniert, soll es mir Recht sein!

Dass ich allerdings seit einigen Tagen wegen Schmerzen am rechten Daumen (irgendwas am Nagelbett) keinen Daumenpick tragen kann, buche ich jetzt mal als Ironie des Schicksals…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

gitarre.blog

Liebe Leser,

seit nunmehr einigen Jahren habe ich alles Musiktheoretische und den Gitarristen-Fetisch-Kram aus diesem zu meinem Zweit-Blog Avanti Dilettanti bei Google ausgelagert. Ich will meine ohnehin überschaubare Leserschaft bei WordPress nicht auch noch damit langweilen. Dank der mächtigen Suchmaschine und ihrer globalen Vernetzung war dort die Anzahl der Besucher zwar größer als hier (ja, noch größer), aber Feedback oder gar Interaktion ebenso spärlich.

Nun bin ich aber im großen weiten Web auf Stefan Kornherrs schönen

gitarre.blog

gestoßen. Hach ist das schön! Ein optisch ansprechender Blog mit gut strukturierter Oberfläche und höchst interessanten Beiträgen. Sogar die Comics sind gut. Und tolle Podcasts gibt es auch noch. Die vorgestellten Künstler und Projekte sind allesamt hochklassig und auf internationalem Niveau.

Zwar liegt das Hauptaugenmerk von Stefan Kornherr auf der stets akustischen und zumeist klassischen Gitarre, doch auch der Fingerstyle kommt nicht zu kurz. Obwohl es auch Beiträge zur Bossa Nova gibt, ist allerdings der Jazz meines Erachtens etwas unterrepräsentiert. Das macht aber so rein gar nix, denn das ist ja nun mein eigentliches Metier! Durch eine kleine Spende in den virtuellen Gitarrenkoffer kam ich mit dem Blogherrn© ins Gespräch und wir schrieben uns einige Male. Nun, um es kurz zu machen: Ich werde meine Aktivität auf Avanti Dilettanti zugunsten von regelmäßigen Gastbeiträgen bei gitarre.blog einstellen. Ein erster kleiner Artikel von mir ist dort bereits zu lesen. Ein echtes Interview gibt es baldigst!

So denn, lasst uns ohne großes Tamtam Avanti Dilettanti begraben. Es lebe gitarre.blog! Und ganz nebenbei: Eindimensionale Text-Blogs wie hier der meinige bei WordPress, so ohne Video und Podcast, liest eh kaum noch jemand. Seufz.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Das tapfere Schneiderlein II

Liebe Leser,

in meinem Beitrag vom 03.08.2021 (hier >>>) habe ich Helge Schneider für seinen Konzertabbruch beim Strandkorb-Open-Air in Augsburg kritisiert. Und ich will es offen sagen: Ich rudere zurück!

Inzwischen hat er in vielen Medien dazu Stellung genommen, sich gegen die Vereinnahmung durch Kwer- und sonstige Nicht-Denker verwahrt und schriftlich sowie auch live im Gespräch seine Beweggründe für den besagten Abbruch erklärt. So auch in der Sendung „Die Woche“ bei Sandra Maischberger, nachzusehen hier >>>. Und dort hat Helge Schneider völlig sachlich, ohne seine übliche Ironie und den bisweilen nervigen Klamauk, den Verlauf des Konzerts und eben den Abbruch geschildert. Anstrengend war in dieser Sendung übrigens nicht Helge Schneider, sondern die etwas auf Krawall gebürstete Moderatorin, die Helge Schneider nicht zu selten das Wort bzw. den Satz abschnitt um ein vermeintlich provokante Frage oder eine (ebenso vermeintlich) witzige Pointe zu setzen. Helge Schneider ging wirklich professionell und höflich mit Frau Maischberger um, die mich früher übrigens nicht so genervt hat. Vielleicht liegt das an meinem fortgeschrittenen Alter? Nun zu seiner Sicht der Dinge beim Konzert in Augsburg:

Sehr gestört hatte ihn die etwa sechs Meter hohe Bühne, welche in weitem Abstand (mit Straße und Zäunen zur Abtrennung) vor den mit 2 m Abstand platzierten Strandkörben stand. Den Vorwurf (auch aus meiner Feder), er hätte das Konzept des Veranstalters ja bereits gekannt, konterte HS übrigens durchaus plausibel mit: „Ja mein Agent schon. Aber ich les das doch nicht immer alles.“ Wer macht das schon?

Zwischen den Absperrungen wuselten unablässig Kellner mit Plastiktüten hin und her, welche HS allerdings nicht als solche erkannte und die sich auch nach mehrmaliger Ansprache von der Bühne herab nicht als solche zu erkennen gaben. Helge Schneider hielt sie allesamt für verspätete Konzertbesucher, was ihn dann zunehmends mehr erzürnte. Über all das Geschilderte kann man mein Argument des letzten Beitrags anbringen, dass ein Profi derlei schon mal für die Dauer eines (eventuell etwas kürzeren als üblich) Konzerts ertragen kann. Dann allerdings fügte er noch die Schilderung vom Verhalten zweier Security-Leute hinzu, welche mich dann doch dazu gebracht hat, meine Einschätzung zum Konzertabbruch zu überdenken. Die beiden hätten sich vor der Bühne rauchend angeregt unterhalten, an der Darbietung völlig desinteressiert und stets mit dem Rücken zum Künstler. Und DAS ist mir vor einigen Jahren auch schon bei einem Gig widerfahren. Mitten zwischen den interessiert lauschenden Gästen ein Assi-Pärchen, welches seinen Beziehungsstreit lautstark und mit dem Rücken zu mir austrug. Das hat mich derart genervt, dass ich das Set abgebrochen habe und erst weiterspielte, als der Wirt die beiden aus der Kneipe entfernt hatte. Rücken zum Künstler geht gar nicht! Ich glaube, es gibt kaum etwas nervigeres als solche Menschen.

Natürlich sind das unterbezahlte Aushilfs-Sheriffs, die nur ihren Job machen und natürlich werden die kein gesteigertes Interesse an gutem Jazz und mittelguten Kalauern haben. Aber der permanente Blick auf den Rücken von Anwesenden macht dich als Künstler wirklich mürbe. Was soll man in diesem Fall auch tun? Die werden für das Rumstehen bezahlt und nicht dafür, dass ihnen die Darbietung gefällt. Und die Höflichkeit, zumindest hin und wieder dem Künstler durch kurzes Zunicken, einen kleinen Beifall oder zumindest den sporadischen Blick in Richtung Bühne etwas Aufmerksamkeit zu schenken, besitzen solche Leute eben nicht. 

Seine Aussage im Moment des Abbruchs, das System sei sch… war eindeutig auf das Konzept des Veranstalters und nicht auf die aktuellen Corona-Maßnahmen bezogen, so dass die ganze Mischpoke der Kwerdenker sich keine Hoffnung auf die Vereinnahmung seiner Person machen dürften. Also Helge, sorry, ich rudere zurück. Ich hätte (und habe) auch abgebrochen.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – Guitar Moments

Liebe Leser,

in den heutigen Zeiten ist ein CD-Release eine triste Sache, also zumindest bis dato. Vielleicht kann man ja im Herbst mit 2G oder 3G Regel bei Veranstaltungen was machen. Wir werden sehen. Zudem ist der Gesamtausstoß der Branche ja seit Beginn der Pandemie immens, so dass man mit einem weiteren Tonträger aus dem Genre Jazz sicher nicht auf irgendwelchen Top-Listen erscheinen wird. Dennoch. Die Gelegenheit, mit einem Joe Bawelino, der auf eine illustre und mehr als 60-jährige Karriere zurückblicken kann, ein paar Songs auf Datenträger zu brennen hat man nicht zu oft im Leben. Nach einer Aufnahmesession bei Clemens Bröse (vielen Dank!), Mixing und Mastering im Tonstudio Success bei Oskar Schrems (vielen Dank!), allerhand Layout und Gefrickel am Artwork, hat mir HOFA-Media wie schon diverse Male vorher schnell und komplikationsfrei einen Karton mit vielen schönen CDs geliefert!

Nun sind Gitarren-Duos gerade im Jazz nichts Besonderes, die gibt es wie Sand am Meer. Doch ich erlaube mir, die Kombination aus einem ungemein wendigen (dieses Attribut trifft es besonders schön) und kreativen Bebop-Gitarristen mit einem erfahrenen Fingerstyler als durchaus selten und auch bemerkenswert zu bezeichnen. Wir hauen schon einen gewaltigen Sound aus unseren Gitarren, was wir auch schon mehrfach live unter Beweis gestellt haben.

Alle Songs auf der CD sind Teil meines Solo-Repertoires und zumeist auch schon auf Tonträger veröffentlicht, eben solo im Fingerstyle. Doch die Zusammenarbeit mit Joe Bawelino hebt das Niveau auf ein höheres Level. Er schöpft für seine Soli aus einem schier unerschöpflichen Vorrat an Ideen und seine Technik ist ohnehin superb. Und ich? Naja, ich spiele ohnehin zumeist großartig… 😉

Eingespielt (und dann tatsächlich veröffentlicht) haben wir

Secret Love von Sammy Fain aus dem Jahr 1953, einen flotten Swing-Klassiker mit schöner Hookline. 

Es folgt das unsterbliche Body and Soul (1930, Jerry Green), welches wir nach einem schönen Intro von Joe als Bossa Nova darbieten. 

Luiz Bonfá schrieb 1959 für den Film Orfeu Negro den gleichnamigen Song, dessen englischer Titel Black Orpheus bei uns etwas verbreiteter ist. So mancher Gitarristenkollege hat angesichts meiner Fingerstyle-Interpretation dieses Klassikers das Mitspielen verweigert. Ernsthaft. Joe Bawelino kennt solche Berührungsängste nicht. Er reichert mein opulentes Spiel des Themas sogar noch mit einer wirklich fantastischen Begleitung an und gibt im langen Solo wirklich alles! 

Der berühmte Schnuckenack Reinhardt schrieb etwa im Jahr 1960 den Song Me Hum Mato (aus dem Romanes übersetzt „Ich bin besoffen“ – was ein schöner Titel!), obligatorischer Bestandteil des Repertoires jeder Sinti-Jazz-Formation mit Geige, natürlich auch des Romeo-Franz-Ensembles, bei welchem Joe seit vielen Jahren die Solo-Gitarre spielt. Ich habe mich ausnahmsweise zu einem Chorus Solo überreden lassen. 

Keine CD ohne Gershwin-Titel! Wir spielen eine flotte Version von Oh, Lady Be Good (1924). 

Alle Ikonen der Jazzgitarre haben ihre Version des 1944er Hits Moonlight in Vermont von Karl Suessdorf aufgenommen. Auch Joe zählt diese Ballade zu seinen Lieblingsstücken, welche ich nur zu gerne auf unserer Scheibe begleite.

Schon seit vielen Jahren spiele ich You Don‘t Know What Love Is (1941 von Gene De Paul geschrieben), zumeist als Blues, aber auch gerne als Bossa Nova. Das hier vorliegende Arrangement ist allerdings von Joe Bawelino (von einer früheren Aufnahme seines Quintetts) und mein absoluter Favorit. Kurz und knackig!

Auf meiner hochgelobten CD dreipunktnull ist meine Solo-Version von Caravan (von Duke Ellington 1936 geschrieben), von der ich dachte, sie sei nicht zu toppen (Spaß!). Aber Joe treibt mit seinem energischen Spiel die Karawane nochmals heftig voran.

On the Sunny Side of the Street (1930, Jimmy McHugh) ist ein gut gelaunter Swing-Klassiker, welchen wir ebenso gut gelaunt interpretieren.

Zum Ausklang geben wir noch eine schöne Version des Antonio-Carlos-Jobim-Klassikers aus dem Jahr 1967 Wave, ein Bossa Nova zum Abschied.

Für einen (einzigen) Tag im Aufnahmeraum haben wir meines Erachtens eine durchaus beeindruckende Scheibe produziert. Und der stolze (und musikalisch kompetente) Besitzer JL der Guitar Moments hat mir geschrieben, „sie ist nie langweilig und macht Spaß beim Hören“. Na, das ist doch ein schönes Kompliment eines Musikerkollegen.

Wer von Euch Interesse an der tollen CD Guitar Moments von Bawelino & Brunner hat, schreibe mir auf den üblichen Kommunikationswegen und ich werde die CD umgehend verschicken. Sie kostet nur 10 € plus 2 € Versand. So viel gute Musik für so wenig Geld!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige