gitarre.blog

Liebe Leser,

seit nunmehr einigen Jahren habe ich alles Musiktheoretische und den Gitarristen-Fetisch-Kram aus diesem zu meinem Zweit-Blog Avanti Dilettanti bei Google ausgelagert. Ich will meine ohnehin überschaubare Leserschaft bei WordPress nicht auch noch damit langweilen. Dank der mächtigen Suchmaschine und ihrer globalen Vernetzung war dort die Anzahl der Besucher zwar größer als hier (ja, noch größer), aber Feedback oder gar Interaktion ebenso spärlich.

Nun bin ich aber im großen weiten Web auf Stefan Kornherrs schönen

gitarre.blog

gestoßen. Hach ist das schön! Ein optisch ansprechender Blog mit gut strukturierter Oberfläche und höchst interessanten Beiträgen. Sogar die Comics sind gut. Und tolle Podcasts gibt es auch noch. Die vorgestellten Künstler und Projekte sind allesamt hochklassig und auf internationalem Niveau.

Zwar liegt das Hauptaugenmerk von Stefan Kornherr auf der stets akustischen und zumeist klassischen Gitarre, doch auch der Fingerstyle kommt nicht zu kurz. Obwohl es auch Beiträge zur Bossa Nova gibt, ist allerdings der Jazz meines Erachtens etwas unterrepräsentiert. Das macht aber so rein gar nix, denn das ist ja nun mein eigentliches Metier! Durch eine kleine Spende in den virtuellen Gitarrenkoffer kam ich mit dem Blogherrn© ins Gespräch und wir schrieben uns einige Male. Nun, um es kurz zu machen: Ich werde meine Aktivität auf Avanti Dilettanti zugunsten von regelmäßigen Gastbeiträgen bei gitarre.blog einstellen. Ein erster kleiner Artikel von mir ist dort bereits zu lesen. Ein echtes Interview gibt es baldigst!

So denn, lasst uns ohne großes Tamtam Avanti Dilettanti begraben. Es lebe gitarre.blog! Und ganz nebenbei: Eindimensionale Text-Blogs wie hier der meinige bei WordPress, so ohne Video und Podcast, liest eh kaum noch jemand. Seufz.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Reverse Engineering

Liebe Leser,

wenn ich mir die Mühe gemacht habe, einen populären Jazzstandard als Fingerstyle-Solo-Tune zu arrangieren, so bin ich zumeist gezwungen, dies dann im Nachhinein schriftlich festzuhalten. Ab – sagen wir mal – 200 aufbereiteten Songs beginnt auch das beste Gedächtnis bisweilen zu streiken. Insbesondere, wenn man aufgrund einer Pandemie monatelang sein Repertoire nur noch spielt, „um nicht einzurosten“. Als sehr hilfreiches Tool hat sich hierzu die Software Guitar Pro erwiesen, deren aktuelle Version 7.5 bei Europas größtem Musikhaus, dessen Name nicht genannt werden muss, für schlappe 65,- € zu haben ist.

In Guitar Pro kann man die Töne sowohl in Noten- wie auch in Tabulaturzeilen direkt eingeben (auch per Midi, was ich aber nicht nutze), so dass ich zumeist mein Head-Arrangement direkt eintippen kann, ohne dafür die Gitarre überhaupt in die Hand nehmen zu müssen. Der Song kann jederzeit über die Soundkarte abgespielt werden, so dass das Arbeitsergebnis stets überprüfbar ist.

Wenn man ein Arrangement sozusagen „in Erz gießt“, sollte man es bei dieser Gelegenheit gleich einmal gegen das Realbook überprüfen. Dabei offenbart sich bisweilen Erstaunliches. Manchen Ton oder manche Notenlänge hatte ich mir offensichtlich bei der Erarbeitung des jeweiligen Songs nicht richtig gemerkt oder eben falsch antrainiert. Die Grifffolge, welche mir eben noch äußerst plausibel erschien, habe ich offenbar bei jedem Live-Gig „hingebogen“, denn die Finger wollen während des (Probe-)Spiels gar nicht an die Positionen, die ich in Guitar Pro notiert hatte.

Andererseits entdeckt man auch Hürden im Sheet, die man offenbar lange Zeiten einfach vermieden hatte. Ok, ganz ehrlich, wenn man sich wegen einer vorgezogenen Achtel die Finger verbiegen muss, modifiziere ich großzügig die Melodie. Ich gehe auf die 60 zu, ich darf das. Insbesondere, wenn es wie üblich ein Solo-Arrangement ist. Dennoch korrigiere ich natürlich Fehler und Ungenauigkeiten und passe die Akkord- bzw. Basslinien entsprechend an. Obwohl ich den jeweiligen Song bisweilen schon jahrelang im Repertoire habe, dauert dann so ein Update auf der Gitarre schon mal ein (oder mehrere) Dutzend Durchgänge, bis der Standard wieder sitzt.

Letztendlich erzeugt die Eingabe in Guitar Pro zum Einen ein bleibendes Zeugnis der eigenen Arbeit (ist aber wesentlich entspannter als das Kritzeln mit Federkiel auf Papierfetzen), zum Anderen eine frisch überarbeitete Version (und natürlich ein Leadsheet) eines Liedes, welches man ab diesem Zeitpunkt wieder live darbieten kann.

Das Schöne ist nämlich, dass man in Guitar Pro nicht nur Gespieltes eingeben, sondern auch Eingegebenes spielen kann!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gedanken zum Jahresbeginn

Liebe Leser,

natürlich habe ich wieder viel zu lange mit Arbeit und so ’nem Kram herumgetrödelt, dass dieser Beitrag zur Begrüßung des neuen Jahres schon fast zum Ende des Karnevals erscheint. Da selbiger – wie so vieles – ausfallen wird, ist auch diese Angabe irrelevant. Wie immer entschuldige ich mich in aller Form für … naja, alles eben. Nun aber der Text: 

So, endlich ist 2020 Geschichte. Wir haben jetzt 2021 und alles wird besser. Hatte ich mir so gedacht. Ja, Pustekuchen. Wir hocken im verschärften Lockdown und freuen uns, wenn die Impfquote der Bevölkerung im Promillebereich ansteigt. Langsam aber sicher geht mir Corona auf die Nerven. Soeben habe ich eine Nachricht von Rainer Glas erhalten, dass der 40. Internationale Jazzworkshop Erlangen auch im Jahr 2021 nicht stattfinden kann. Die Nachricht wird auch bei der Wiederholung (siehe diesen Beitrag von 2020 >>>) nicht besser.

Die Pläne, die ich mit Beginn der Pandemie für 2020 gemacht hatte („Ab Herbst können wir dann…“) sind jetzt offenbar auch für 2021 obsolet. Weia, das nervt gewaltig!

Und dann noch die Bekannten (echte Freunde sind es zumeist nicht), die in der Krise eine Herausforderung oder gar Chance sehen. Träumer, die in Kurzarbeit kreativ werden oder in „systemrelevanten“ Berufen (womit natürlich nicht die tatsächlich systemrelevanten und hart schuftenden Helden im Gesundheitswesen etc. gemeint sind!) arbeiten, wo man außer der obligatorischen Maske nichts von der Pandemie bemerkt. Herrje, ich hab’s gerafft! Online-Konzerte streamen, Unterricht per Skype, Harmonielehre-Kurse über das Web und so weiter und so fort. Jaja, schon klar. Ich mach ja schon!

Am besten ist der Tipp, viele Videos für YouTube zu produzieren, so wegen Influencer oder Content-Creator und all den Schissl. Das ist eine entsetzliche Arbeit – seit Tagen schneide ich an einem 3-Minuten-Video herum – und bringt dem (nicht mehr ganz taufrischen) Live-Musiker genau gar nichts. Um es frei heraus zu sagen (entschuldigt den rüden Ton, Ihr Blog-Leser seid explizit ausgenommen und ohnehin meine Treuesten!): Steckt Euch sämtliche gutgemeinten Rat-, Optimierungs-, Vor- und sonstigen Schläge an den Hut. Naja, ging doch, war nicht zu rüde. Also: Was ich tun müsste, weiß ich. Nur nicht wann. Und ich weiß auch nicht, wie man das alles bezahlen soll.

Ein passabler Weg, darbende (eine zugegebenermaßen angesichts meines Leibesumfangs etwas fragwürdige Formulierung) Künstler zu unterstützen, ist es, deren Erzeugnisse bzw. Merch (= Merchandising-Kram – die Abkürzung wird inzwischen sogar von der Rechtschreibprüfung toleriert) zu kaufen. Und es gibt ja allerhand:

Man kann sich die „Harmonielehre für Gitarre“ von Helmut Kagerer & Gige Brunner (siehe dieser Beitrag >>>) bestellen, oder eine der schönen (neuen) CDs „dreipunktnull“ (siehe dieser Beitrag >>>) bzw. „Bossa Nova“ (siehe dieser Beitrag >>>). 

Bestellung per Mail an jazz@gige.de oder auf allen legalen Kommunikationswegen zu mir. Oder das:

Ganz heißes Zeug. Für Gitarristen. Feine Fingerstyle-Arrangements populärer Standards aus Jazz und Bossa Nova. Derzeit lieferbare Hefte (als PDF):

La Mer, Se é Tarde Me Perdoa, Out of Nowhere (und in den nächsten Tagen Lobo Bobo und On a Slow Boat to China). Jedes PDF enthält ein Fingerstyle-Arrangement des kompletten Songs in kombinierter Notation und Tabulatur sowie eventuell ein paar Anmerkungen und kostet 5 Euro. 

Bestellung per Mail an jazz@gige.de oder auf allen legalen Kommunikationswegen zu mir. Zudem auch direkt über den Verlag unter www.hm5-publishing.de (wo ich die PDFs baldigst auf der Website einstellen bzw. bewerben werde, versprochen!).

All diese schönen Sachen werde ich impertinent bei YouTube bewerben und zudem den jeweiligen Beitrag durch einen gewieften Titel als Clickbait nutzen. Ja, so clever bin ich drauf! Ihr findet meinen Kanal in Youtube >>> unter dem knackigen gige2009. Seufz…

Zu guter Letzt wird es im März (hoffe ich) einen Online-Kurs zum Thema Harmonielehre bei der vhs Schwabach geben, für den ich das oben genannte Buch in handliche Happen zerteilt habe, die sich zum Einen in vier Lektionen und zum Anderen ohne explizite Gitarrenkenntnisse genießen lassen. Ankündigung und Ausschreibung erfolgt zeitnah. 

So wurde meine wütende Abrechnung mit dem ganzen Volk der Krisengewinnler, Optimierer und Consulter (welche ich schon in meinen Angestellten-Zeiten nicht ausstehen konnte) nun doch zu einer Werbeveranstaltung in eigener Sache. Aber wie sagte schon Brecht so schön: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Harmonielehre für Gitarre 2020

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Und muss umgehend gestehen, dass ich diese Wendung hier im Blog schon fast inflationär benutze. Nein, diesmal nicht schon wieder eine CD aufgenommen. Ich habe eine Harmonielehre für Gitarre geschrieben. So sehr ich auch hinter dem 2015 bei PPV Medien erschienenen gleichnamigen Buch (Co-Autor Thomas Dütsch) stehe, es gab einige Sachen zu korrigieren und ich erwarb viele musiktheoretische Erkenntnisse, von denen wir zur Entstehungszeit des 2015er Buchs einfach nichts wussten. Obwohl sich dieses (Früh-)Werk immer noch ganz ordentlich verkauft, wollte der Verlag keine völlig überarbeite 3. Auflage herausgeben.

Dann eben nicht. Und ich setzte mich hin und begann, die Harmonielehre immer weiter zu korrigieren, zu verbessern und schließlich völlig neu zu schreiben. Im Jahr 2018 lernte ich den bekannten Jazzgitarristen Helmut Kagerer kennen und schätzen. Wir spielten einen Gig zusammen und verstanden uns prächtig, musikalisch wie auch persönlich. Und dann kam für Helmut eine mehr als einjährige Leidenszeit in Form einer schmerzhaften Sehnenscheidenentzündung, die jegliches Live-Spiel verhinderte. Die war dann Anfang des Jahres 2020 gottseidank endlich ausgeheilt. Und dann kam Corona…

Konnten wir in den Sehnenscheidenentzündungszeiten (warum Google diesen völlig plausiblen Begriff markiert, bleibt unklar) wenigstens noch Korrekturen und Lektoratsarbeiten gemeinsam bei einem Bier diskutieren und im Buch vorgeschlagene Wendungen gleich einer praktischen Prüfung unterwerfen, war dies nach nach Ausbruch der Corona-Pandemie nicht mehr möglich. Aber da war die gesamte Schreibarbeit erledigt und wir konnten uns Texte zur Korrektur hin und her mailen. Ist zwar langweiliger, tut’s aber in diesen Zeiten auch. 

Durch einen Zufall stieß ich Ende 2019 auf den Spurbuchverlag, der eigentlich und ursprünglich Jugend- bzw. Pfadfinderliteratur verlegte und noch verlegt. Der Verlagsleiter, immerhin selbst Hobby-Gitarrist, mit Profi-Musikern im familiären Umfeld) besah sich das Manuskript und befand es für gut. Im Mai 2020 äußerte er ernstes Interesse an diesem Buch und kurze Zeit später ging es an die allgemein beliebten Produktionsvorbereitungen (Lektorat – Korrektur – Satz – Korrekturabzug – und wieder von vorne), welche aber – das sollte nicht unerwähnt bleiben – stets produktiv und immer freundlich abgewickelt wurden. Und Drucken können sie auch, die Unterfranken, wie ich heute angesichts der gelieferten Belegexemplare feststellen durfte. Das Buch ist sehr schön geworden!

Warum solltet Ihr nun also diese Harmonielehre kaufen (oder zumindest allen ambitionierten Gitarristen in Eurem Bekanntenkreis zu Weihnachten schenken)? 

Nun, die Struktur und der didaktische Ansatz sind wie bei der Harmonielehre von 2015 (weil beide einfach gut sind). Nach der Herleitung der Akkordtypen aus der Durtonleiter kommen wir von der Begleitung zum Solo, also zum Single-Note-Spiel. Von vier Tönen (Arpeggien) steigern wir uns sozusagen Ton für Ton über Pentatonik und Bluesskala bis hin zu den Kirchentonarten und Molltonleitern. Mit Stufen- und Funktionstheorie analysieren wir dann einige Standards. Diese aus dem 2015er Buch bekannte Struktur behalten wir bei, weil sie, wie gesagt, gut ist. Aber im Detail hat sich allerhand getan:

Eine der am häufigsten von uns Gitarristen eingesetzte Skala ist die Bluestonleiter. Da aber bis zu drei Bluenotes postuliert werden, ist die Definition, welche Töne denn nun zu einer „richtigen“ Bluesskala gehören, heftig umstritten. Dieses Mysterium wird einleuchtend und praxistauglich geklärt.

Meine persönliche Auswahl an Skalen für ein Solo ist etwas (höflich formuliert) hausbacken. Helmut hat mir bei so mancher Gelegenheit eine Mixolydische oder Harmonisch-Moll-Skala mit dem Hinweis „Das spielt seit 50 Jahren keiner mehr an dieser Stelle“ ausgeredet. Für die Insider: Ja, ich spiele inzwischen auch Alteriert und Halbton-Ganzton. Nicht zu oft, aber immerhin…

Helmuts Erfahrung nach über 40 Jahren als internationaler Jazzgitarrist und fast 30 Jahren Dozent an der Musikhochschule sind wirklich tiefschürfende Erkenntnisse beim Umgang mit verminderten Akkorden und bei der Analyse von Jazzstandards zu verdanken. Ich hätte nicht gedacht, dass ich nach so vielen Jahren Erfahrung bei einem abgedroschenen (aber nichtsdestotrotz schönen) Standard wie „The Girl from Ipanema“ noch so viel dazulernen kann. Um es mit Gerhard Polt (aus „Der Leasingvertrag“) zu sagen: Doch, das geht!

Als Sahnehäubchen gibt es einige nette Cartoons aus meiner Feder! Also:

Da das schönste Buch leider nur dann erfolgreich sein kann, wenn es sich ordentlich verkauft, habt Ihr hier das ultimative Weihnachtsgeschenk für all Eure Gitarren-affinen Musikerfreunde. Die Harmonielehre für Gitarre von Gige Brunner & Helmut Kagerer kostet 22,80 € und Ihr könnt sie bei mir (jazz@gige.de) oder beim Spurbuchverlag bestellen. Versandkosten fallen nicht an! Auf denn, lasst uns (gemäß dem Untertitel)

Endlich weniger falsch spielen!

Ob ich Euch das garantieren kann? Selbstverständlich nicht. Aber ich glaube ernsthaft, dass die Beschäftigung mit Harmonielehre das eigene Spiel immens verbessert!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

dreipunktnull

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Ich habe eine CD aufgenommen. So mit Musik drauf. Also alte Jazzstandards solo mit Gitarre eingespielt, garantiert ohne Gesang. Jüngere unter der Leserschaft mögen sich nun fragen, was eigentlich genau so eine “CD” ist. Dieser etwas abgedroschene Witz wird schnell bedeutsam, wenn sogar die treuesten Fans beim Erwerb dieser Scheibe betonen, dass sie sich jetzt erst einmal auf die Suche nach einem geeigneten Abspielgerät machen müssten, um meine neueste Produktion tatsächlich anzuhören.

Ein ganz treuer Fan hat mich bei der Bestellung gebeten, doch ein paar Worte im Blog über die Scheibe zu schreiben. Dies freut mich doppelt, da ich zum Einen eine weitere CD unters Volk bringen konnte und zum Anderen tatsächlich hin und wieder jemand Beiträge auf diesem Blog liest.

Nun also – dreipunktnull. Schon seit der Veröffentlichung meiner ersten Solo-CD “Jazz” im Jahr 2012, bei der ich für ein Erstlingswerk wirklich vieles richtig, aber leider auch so manches nicht so doll gemacht habe, trage ich mich mit der Idee einer weiteren Veröffentlichung mit schönen Jazzstandards im Fingerstyle. 2015 erschien dann die etwas andere „Gige & Friends – Best of Van Heusen“, auf welcher ausschließlich Stücke von van Heusen zumeist in Duo-Besetzung dargeboten werden. 2019 war nun die Zeit für einen weiteren Tonträger, den die Welt wahrscheinlich wieder einmal nicht braucht. Insbesondere heutzutage, da wir jeden gespielten Ton online veröffentlichen und unentgeltlich (in den sozialen Medien) oder zumindest günstig per Streamingdienst zur Verfügung stellen. 

Nun, den Inhalt dieser CD gibt es nicht (legal) zum Downloaden oder Streamen. Der größte Anteil meines geneigten Publikums besitzt im Auto und oft auch noch zu Hause einen CD-Player mit zugehöriger HiFi-Anlage. 

Wie schon auf meiner ersten CD “Jazz” aus dem Jahr 2012 habe ich einige gut abgehangene Standards des Great American Songbooks nebst selteneren Stücken solo im Fingerstyle eingespielt, wiederum auf durchaus betagten Instrumenten. Den Anspruch, die Songs mit ihrem jeweiligen zeitgenössischen Gitarrensound zu versehen, habe ich inzwischen aufgegeben. Wenn Gott gewollt hätte, dass wir die Archtops ausschließlich akustisch spielen, warum hat er uns dann den Tonabnehmer und den Verstärker geschenkt?

Die Aufnahmen im Picking-Style à la Chet Atkins wurden mit einer No-Name-Gitarre aus den 1940er Jahren, die allerdings mit einem alten Framus-Pickup versehen ist, aufgenommen, die Balladen und einige Swing-Stücke mit einer Gibson L-5 1934 reissue, wobei ich mich hierbei eher an meine aktuelle Laune denn an eine feste Regel gehalten habe.

Beide Gitarren sind über einen AER Compact 60 gespielt, welcher von Clemens Bröse im Übungsraum unseres Jazztetts per DI und Mikro abgenommen wurde. Er hat mit größter Geduld und Bedachtheit an einem Tag alle wohlklingenden Takes der ausgesuchten Standards (und noch einige mehr) aufgenommen, mit denen ich anschließend zum Mixen ins Studio ging.

Den Mix und das Mastering erledigte wie seit über 30 Jahren Oskar Schrems im Tonstudio Success in Fürth. Im Gegensatz zu den 2012er Aufnahmen stand bei diesem Mix nicht der akustische Klang der Gitarre im Vordergrund, sondern der Sound des jeweiligen Songs. Oskar hat keine meiner bisweilen ausgefallenen Ideen im Vornherein abgelehnt und sie allesamt mit seiner Erfahrung und hochwertigster Technik wunderbar umgesetzt.

Die Songs auf dreipunktnull sind natürlich aus meinem Live-Repertoire und überwiegend Swing-Nummern bzw. Balladen aus den 1920er bis 1950er Jahren, wie immer mit ein paar Ausreißern.

Folgende Nummern findet Ihr auf der CD, in der Reihenfolge dieser Beschreibung::

S‘ Wonderful! aus dem Jahr 1927 von George Gershwin ist eine flotte Swingnummer zum Einstieg, gefolgt von After You‘ve Gone (1918) von Creamer & Layton. Ich liebe diesen Song! Er war bereits vor 100 Jahren (!!!) ein Nummer-1-Hit und hat nichts von seinem Charme eingebüßt. Und weil er sowohl als tragische Ballade wie auch als Medium-Swing taugt, spiele ich ihn auf dreipunktnull auch in beiden Versionen. Attila Zoller schrieb The Birds and the Bees im Jahre 1971. Ein tolles Stück, welches viel zu selten gespielt wird. Helmut Kagerer hat mich seine Version gelehrt, die mir so gefiel, dass ich sie sofort auf CD bannen musste. Jedes mit durchsetzungsfähigen Bläsern bestückte Ensemble spielt Caravan von Duke Ellington (1936). Als Stück für Solo-Gitarre ist es eher selten zu finden, in meinem aufregenden Arrangement schon gar nicht. Eine Zierde dieser CD! Der Gitarrist Joe Bawelino zeigte mir den wunderschönen Troublant Bolero von Django Reinhardt, erstmals 1948 erschienen. Für diese Nummer gibt es kein Sheet, keine Notation, ich habe es mir tatsächlich von Joe abgeguckt. Umso mehr freut mich die meines Erachtens sehr gelungene Einspielung. Es geht in sehr gemäßigtem Tempo weiter mit Cry Me a River aus dem Jahr 1953 von Arthur Hamilton, welches von Douce Ambiance (1943), einem weiteren Django-Reinhardt-Song abgelöst wird. Auch diese Komposition ist bis dato eher selten solo aufgenommen worden. Es folgt I’m Confessin’ That I Love You (1930, Ellis Reynolds) eine flotte Ballade (oder ein langsamer Swing), gefolgt von dem Heiligen Gral der Fingerstyler I Got Rhythm. Das Gershwin-Tune aus dem Jahr 1930 ist natürlich von jedem Jazzgitarristen schon einmal aufgenommen worden, weshalb ich für meine Version sicher keinen Innovationspreis gewinnen werde. Dennoch ein heftig swingender Fingerstyle-Klassiker! Das 1944 von Karl Suesddorf geschriebene Moonlight in Vermont ist eine wunderschöne, schon fast etwas klebrige Ballade. Das Intro habe ich von Joe Bawelino geklaut, zumindest von der Idee her. Out Of Nowhere von Johnny Green (1931) bietet einen swingenden, melodischen Song, bei dem als technische Finesse tatsächlich Vierteltriolen in der Melodie zur straiten Viertelbegleitung im Bass gespielt werden, was eine 2:3 Rhythmik innerhalb einer (Zupf-)Hand bedeutet. Beyond The Sea aus dem Jahr 1943 von Charles Trenet ist vielen als La mer bekannt und ein immergrüner Hit. Jeder hat „Findet Nemo“ gesehen! Softly as in a Morning Sunrise (1929) von Sigmund Romberg ist ein Medium-Swing mit einer groovenden Basslinie. Schon 1954 schrieb der geniale Jazzgitarrist Johnny Smith über die Akkorde von Softly as in a Morning Sunrise das ikonische Walk, Don’t Run, welches ich im zweiten Chorus zitiere. Der Swing Secret Love (Sammy Fain, 1953) und das tragische What Are You Doing the Rest of Your Life von Michel Jean Legrand aus dem Jahr 1969 schließen die CD ab.

Wenn Ihr, liebe Leser, auch zu meinen lieben Hörern werden wollt, dann bestellt Euch eine der edlen Silberscheiben bei mir (ganz einfach per Mail an info@gige.de) und lasst Euch von den Gitarrenklängen verzaubern. Ups, das klang jetzt etwas zu sehr nach Ricky King…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Schlechtes Timing

Liebe Leser,

so, getan. Mist! Ich habe den erst seit ein paar Monaten geplanten und auch angekündigten CD-Release meines neuen Werkes “dreipunktnull” abgesagt. Ich hatte die CD (über die demnächst an dieser Stelle berichtet wird) fertig, einen schönen Veranstaltungsort, alle verfügbaren Familienmitglieder für diverse Aufgaben wie Catering oder CD-Verkauf in den Startlöchern stehen, eine brillante Mitmusikerin (für etwas Abwechslung zum Gitarrenklang) und eine erkleckliche Anzahl an Besuchern oder Zuhörern, die ihr Erscheinen angekündigt hatten. Das war schön! Fünf Jahre nach dem letzten CD-Release mal wieder eine Veranstaltung mit Gästen, die nicht ein paar kühle Biere zum Schweinebraten bei angenehmer Beschallung genießen wollten, sondern tatsächlich meine Musik hören. Und die vielleicht sogar noch die eine oder andere CD erworben hätten.

Doch die Zeichen standen schlecht. Der Coronavirus hatte mit der unübersehbaren Drohung einer Pandemie schon seit einigen Wochen Zeit sämtliche Livemusik-Planungen getrübt, aber ich dachte halt wie so oft “wird schon vorbei gehen”. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. 

Nun, es kam anders. Nach sukzessiven Absagen zuerst großer, dann mittlerer Veranstaltungen und der heutigen Rede der Kanzlerin mit der Bitte, doch die Zahl der sozialen (physischen) Kontakte in der nächsten Zeit drastisch einzuschränken, war es an der Zeit, eine Veranstaltung abzusagen, die sicherlich unter den beschriebenen Bedingungen nur sehr eingeschränkt hätte genossen werden können. Ich glaube, das war jetzt Futur 2 oder so. Naja, Ihr versteht, was ich meine.

Bin ich beim Gitarrenspiel mit meinem Timing im Großen und Ganzen zufrieden, so ist es bezüglich meiner gesamten “Karriere” in letzter Zeit eher mangelhaft. Ich habe viele Jahrzehnte geübt, um mit den Musikern zu spielen, mit denen ich das seit nicht allzu langer Zeit tun darf. Aber entweder fangen diese sich dann langwierige orthopädische Beeinträchtigungen ein, die überlange Spielpausen erzwingen, oder eine Pandemie lässt in der Primetime die Veranstaltungen ausfallen.

Bis Ostern hatte ich sieben gute Gigs oder Jobs im Kalender. Fünf wurden bis dato abgesagt, die verbleibenden zwei werden es sicherlich. Wie Rainder Glas seinen von mir so geliebten Jazzworkshop in Erlangen durchführen will, ist derzeit auch ein Mirakel. Und für unsereins gibt es kein Kurzarbeitergeld oder sonstige Unterstützung. Ist eben so. Hätten wir mal was Vernünftiges gelernt.

In der “Zeit” durfte ich wieder die Geringschätzung Vieler für die Sorgen der Kulturschaffenden in solchen Zeiten kennen lernen. Man könne ja die ganzen Veranstaltungen in den Herbst schieben, da entstünden kaum Verluste. Das ist natürlich Bullshit, denn der Herbst 2020 ist seit über einem Jahr nahezu durchgehend ausgebucht. Wer soll denn da was schieben? Es kommen magere Zeiten für den Live-Jazz!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Wie der Song wirklich geht

Liebe Leser,

eine Anekdote aus den 1970ern: Zu meiner ersten Schüler- bzw. Kellerband kam ich im Jahr 1977. Ich hatte die E-Gitarre meines Bruders (Telecaster-Nachbau von Hoyer) samt Kunstlederhülle (Gigbags gab es damals noch nicht) in der Hand sowie das ausgediente Küchenradio unserer Familie unter dem Arm und reiste mit dem öffentlichen Nahverkehr an. Das ist zwar nostalgisch und ziemlich retro, aber nicht die eigentliche Geschichte.

Nach äußerst kurzem Beschnuppern (ich war der einzige Bewerber auf weiter Flur) war ich Bandmitglied und man stellte mir das Repertoire vor. Das meiste habe ich heute vergessen, aber “Proud Mary” und “Bad Moon Rising” von CCR und “Samba Pa Ti” von Santana blieb mir in Erinnerung. Vor allem, da ich diese Songs umgehend mitspielte, obwohl ich sie zu diesem Zeitpunkt niemals gehört und kein Sheet oder dergleichen jemals gesehen hatte. Sie wurden mir von den Bandkollegen “gezeigt” oder “beschrieben”. Ernsthaft. Und trotz meines umfassenden Nicht-Wissens und 15 Jahre vor ernsthaftem und echtem Gitarrenunterricht spielte ich die Songs, auch live vor Publikum. Ich reimte mir halt zusammen, wie sie gehen könnten. Nun, oft hat es dem Publikum nicht wirklich gefallen, aber es waren die 70er, hey!

Anfang der 1990er Jahre diente ich 24 Monate in einer Tanzkapelle, meinetwegen auch als TOP40-Band zu bezeichnen. Hier waren die angesagten Hits schon von Kassette abzuhören. Ich hatte einen Philips-Player, bei dem die Bandgeschwindigkeit regelbar war, so dass man den abgespielten Song zumindest ungefähr der Gitarrenstimmung anpassen konnte. Die oben genannten CCR-Songs (die wir natürlich auch spielten) hörte ich mir nicht ab. Die kannte ich ja schon.

Noch heute stimme ich in meiner Tanzband auf Zuruf fröhlich “Proud Mary” an und habe es mir bis zum heutigen Tag nicht wirklich erarbeitet. Klar kann man zu jeder Zeit an jedem Ort einen Song kurz vor dem Gig bei Youtube oder sonstwo schnell zur Auffrischung des Gedächtnisses anhören, aber ich tu es nicht, zumindest nicht bei “Proud Mary”. Denn das kenne ich ja lange genug.

Nun sind die von mir so geschätzten Jazzstandards ja im Realbook bzw. in Sheets festgehalten, so dass hier keine Diskussion aufkommt, wie ein Song wirklich “geht”, oder? Doch dem ist nicht so. Erst vor kurzem (Frühjahr 2019) spielte ich in einer Jazzcombo unter Leitung eines international renommierten Musikers den Standard “Corcovado” von Antônio Carlos Jobim. Ich kenne den Song gut, habe ihn vielfach live gespielt und für von mir verfasste Beiträge auch schon des öfteren funktionsharmonisch analysiert.

Am Ende des Sheets sind zwei Takte notiert, die nur beim allerletzten Durchgang gespielt werden, dann eben, wenn der Song tatsächlich zu Ende ist. Dachte ich. Andrey wollte diese zwei Takte aber nach jedem Durchgang gespielt haben. Da wurde gar nicht diskutiert, “wie der Song eigentlich geht”. Und da Andrey bei weitem mehr Erfahrung mit Ensembles jeglicher Art hat als ich, zudem zu diesem Zeitpunkt der Chef auf der Baustelle war, verzichtete ich auf jede Art von Belehrung und zog meine Schlüsse:

Eine immer und überall gültige Definition, “wie ein Song geht” gibt es nicht! Wer das behauptet, kennt eben offensichtlich zu wenige Versionen.

Zumeist wird eine bestimmte Interpretation eines Künstlers oder das Sheet des Komponisten als Referenz verwendet, aber es ist sinnvoll, sich auch bei noch so abgedroschenen Titeln über das aktuell angesagte Arrangement zu verständigen. Wobei dies eigentlich eine Bringschuld des Bandleaders ist.

Sogar in das absolute Allgemeinplätzchen “Country Roads” hat der Komponist in die Originalversion zwei “Warte-Viertel” in die Strophe eingebaut, die bei der Überlieferung an den Lagerfeuern dieser Erde in den letzten 50 Jahren nicht zu selten weggelassen worden sind.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Bathmophobie

Liebe Leser,

Bathmophobie ist die Angst vor Stufen (oder vor steilen Abhängen, was aber im aktuellen Zusammenhang wesentlich unpassender ist). Der Titel ist der übliche Clickbait, gab mir aber wieder einmal Gelegenheit, mein Repertoire an unnötigen Fremdwörtern zu erweitern. Es geht in diesem Beitrag um Musik, genauer um mein Bedürfnis, Erkenntnisse aus der Funktionsharmonik, an denen ich jahrelang gebrütet habe, Musikerkollegen mitzuteilen. Nicht zu selten passiert dann das:

Ok, ich gestehe: Ich gebe den Erklärbär nicht zu ungern. Wenn ich etwas mal verstanden habe, oder zumindest annehme, dass ich es verstanden hätte, kann ich nicht umhin, dies in der Sache Interessierten mitzuteilen. In vielen Bereichen – hier sei exemplarisch Politik und insbesondere Wirtschaft angeführt – bin ich wahrlich kein Fachmann und lasse ich mich gerne von anderen Menschen informieren und eventuell belehren. Auch in der Musik und dort speziell bei meinem Steckenpferd Funktionsharmonik bin ich stets für Neues offen und sauge Informationen und Tipps von den Profis und Musikhochschuldozenten (das ist als Wortkombination wirklich doof zu lesen) in mich auf. 

Viele Erkenntnisse der letzten 10 Jahre konnte ich zumeist solo auf dem Instrument oder beim Zusammenspiel mit anderen Musikern direkt anwenden und in gute Musik umsetzen. Insbesondere die Routine im Umgang mit den Stufen einer Durtonleiter hat mir beim Erlernen und auch beim Spielen unzähliger Jazz- aber auch Pop-Standards erheblichen Nutzen gebracht. Wenn man die Struktur eines Songs versteht, ist es kein großer Schritt mehr, diesen gut oder zumindest ordentlich zu intonieren.

Nun hatte ich das Vergnügen, vor kurzem nach langer Zeit mal wieder mit zwei Freunden zu musizieren, mit denen ich in den 1980ern in einer richtigen Schülerband zusammen spielte. Ok, ich war schon erwachsen (zumindest nominell), der komplette Rest der Band noch minderjährig, der Terminus “Schülerband” gilt trotzdem.

Insbesondere meine beiden Mitstreiter der neulichen Session sind seitdem immer bei der Musik geblieben, OM hauptberuflich, DT zwar nur in der Freizeit, aber stets engagiert. Beide waren und sind hervorragende Musiker, spielen ausgezeichnet Gitarre, können singen und auch noch schöne Stücke komponieren.

Nachdem wir einige Blues- und Acoustic-Rock-Nummern gespielt hatten – es klang ganz allerliebst – stellte uns DT noch einen neuen Song aus seiner Feder vor, einen hübschen Swing mit eingängiger Melodie. Die Begleitung bestand im Prinzip aus einer ständig wiederholten 1625 (sprich “eins-sechs-zwo-fünf”, einer im Jazz sehr häufig verwendeten Akkordverbindung) mit kleinen Variationen, zumeist nicht zu komplexe Umkehrungen. Nach einmaligem passiven Anhören der kompletten Form (das wird gerne von übereifrigen Kollegen vergessen) und einer Rückfrage konnte ich den Song wunderbar mitspielen und so dem Kollegen Zeit und Konzentration für seinen Gesang und eventuelle solistische Einlagen verschaffen.

Unser Dritter im Bunde – der mit Abstand beste Gitarrist in der Runde – mühte sich sichtlich mit der immergleichen, aber durchaus langen Form und wurde zunehmend ungehalten, weil er mich so heiter mitspielen sah bzw. hörte. Der Abbruch der eben noch fröhlichen und heiteren Runde war nur durch eine Pause und die schnelle Reichung von Pizza und Bier zu verhindern. Was in aller Welt war meinem Freund so in die Nase gestiegen?

Das Problem ist unsere höchst unterschiedliche Herangehensweise an einen neuen Song, wobei hierbei ein “besser” oder “schlechter” nicht zu entscheiden ist. Ich persönlich höre mir in Ruhe mindestens einen Chorus bzw. eine Strophe plus Refrain des mir unbekannten Songs an und versuche mir vor allem die Form und – zumindest im Groben – die Changes oder wenigstens die harmonischen Pointen einzuprägen. Kann ich das beim ersten Mal nicht, fordere ich den Kollegen zu einem weiteren Vorspiel auf. Dabei bleibt die Gitarre unbenutzt im Eck oder auf dem Schoß.

Oft gelingt es mir in kürzester Zeit, dann auch noch ein Stufengerüst des Songs im Kopf zu basteln, so dass ich ab dem dritten Durchgang schon ziemlich ordentlich mitspielen kann. Solcherlei Analytik geht natürlich auf Kosten einer eventuellen Epiphanie und erfordert wenig Kreativität, eher viel Routine. Mein Spiel wird korrekt sein, aber nicht hervorragend und ich werde wenig Innovatives zum Song beitragen. Aber ich erlerne ihn wirklich schnell.

OM dagegen ist ein unheimlich gefühlsbetonter Musiker. Es ist auch nicht so, dass er das System der Vierklänge einer Durtonleiter nicht erfassen könnte, er WILL es partout nicht anwenden. Denn obwohl er auch im x-ten Durchgang in der Form ins Straucheln gerät, wird er am Ende Unerhörtes schaffen. Er wird ein wirklich geiles Solo spielen oder eine harmonisch abgefahrene Begleitung entwickeln, die mir selbst niemals eingefallen wäre, weil man sie eben nicht aus einer Schublade des harmonischen Baukastens ziehen kann. Vielleicht ist sie auch nach der Theorie “falsch”, aber das sind ja im akademischen Sinn auch alle Blue-Notes. Es klingt auf jeden Fall geil. Und wer geil klingt, hat recht, oder?

Ich habe mich in den ersten Fassungen dieses Beitrags immer wieder darüber echauffiert, dass einige meiner Musikerkollegen ein Befassen mit der Funktions- oder wenigstens mit der Stufentheorie so vehement ablehnen. Daher auch der knackige Titel. Inzwischen allerdings bin ich zu der Einsicht gelangt, dass es für Manche einfach besser ist, nach ihrem Bauchgefühl zu spielen, unbelastet von irgendwelchen Das-tut-man-nicht-Beschränkungen der Musiktheorie.

Wollen wir versöhnlich zum Abschluss festhalten, dass es beides geben darf, ja muss: Musiker, die Songs auschecken und dann zügig einsteigen können und solche, die sich durch trial-and-error empor irren, wie es mein Lieblingsphysiker Lesch so schön formuliert, dabei aber noch nicht (so oft) gehörte Klänge erschaffen. Immer allerdings gilt: Dem Mitmusiker zuzuhören ist von Vorteil!

Aber das ist eine andere Geschichte und wurde letzte Woche erzählt.

Euer

Gige 

Die wo zuhören tun

Liebe Leser,

seit wirklich vielen Jahren spiele ich in unterschiedlichsten Besetzungen zusammen mit anderen Musikern. Ja, echt jetzt. Wie Ihr wisst, gerne auch solo (dann muss man die Milliarden nicht teilen!), aber mindestens ebenso gerne im Ensemble. Doch es gibt Unterschiede!

Die Qualität einer entstehenden Musik hat nämlich nur in Maßen mit den eigenen musikalischen Fertigkeiten und denen des jeweiligen Partners (oder der Partner) zu tun. Denn die allerwichtigste Fähigkeit beim Musizieren ist – Tusch, ta-taa – das Zuhören! Ein gerne geäußertes Allgemeinplätzchen, das jedoch essentiell ist.

Das Nicht-Zuhören ist besonders unter Einsteigern verbreitet, da diese zumeist mit ihrem eigenen Part zuviel oder zumindest genug zu tun haben, als dass sie sich auf ihre Mitmusiker konzentrieren könnten. Bei Fortgeschrittenen wird die Sache schwieriger. Es wird nicht zu selten unbeirrbar das gespielt, was die Eingebung oder auch das Sheet gerade vorschreibt… und das muss ganz und gar nicht dem entsprechen, was der Rest des Ensembles gerade intoniert.

Die Profi-Kollegen haben natürlich mit der Form oder irgendwelchen harmonischen Finessen keine Schwierigkeiten, hier ist es das eventuell fehlende Gespür für den GEMEINSAMEN Wohlklang, der ja nicht zwingend proportional zur Fertigkeit des einzelnen Solisten steigt. Zu deutsch: Zwischendurch mal auf den Partner hören hat noch keinem Song geschadet!

Zurück in die Bezirksliga:

Beendet der Kollege dann gerade den Durchgang, während der Rest der Band gerade erst in die Zielgerade einläuft, dann hat der überraschte Blick schon etwas Autistisches. Wie kann es sein, dass ihr jetzt erst in Takt xy seid? Dabei wäre Abhilfe so einfach! Gerade in Combos mit mehr als zwei Musikern darf gelten: Es MUSS nicht permanent gespielt werden. Das Ensemble wird nicht stoppen, wenn eines der Mitglieder mal für ein, zwei Takte nichts spielt und in dieser Zeit dem Spiel der Kollegen lauscht. Doch dies ist den Betroffenen einfach nicht zu vermitteln!

Ich weiß nicht mehr, von wem genau die Anekdote erzählt wird, war es Gary Burton oder Jim Hall, auf jeden Fall einer aus der Reihe der Jazz-Titanen. Der Meister ließ sich im Rahmen irgendeiner Masterclass vom Ensemble vorspielen. Im anschließenden Review besprach er mit den einzelnen Musikern nicht etwa deren Soli, sondern die der jeweils anderen Mitmusiker. Es stellte sich heraus, dass die überwiegende Anzahl der Protagonisten zumeist nicht die geringste Ahnung hatte, was die Anderen gespielt hatten. Verständlicherweise wurde solcherlei Ignoranz vom Meister heftig gerügt, da gemeinsamer Wohlklang eben nur durch eine Ensembleleistung und nicht durch die Summation einzelner Glanztaten erreicht wird.

Als alter Solo-Interpret erliege ich selbst hin und wieder der Verführung, zum Einen dauernd zu spielen und zum Anderen auch das eigene Spiel als fehlerfrei und somit als Referenz für den Rest der Band anzusehen. Aber hier bekam ich von den Profi-Kollegen bisweilen heftig den Kopf gewaschen, so dass ich mir beides langsam abgewöhnt habe.

Umso mehr geht es mir auf den Senkel, wenn eine Forderung nach “mehr Luft” und Zurückhaltung während der Soli der Kollegen permanent missachtet wird, insbesondere wenn der Kollege dann zudem noch die Form schmeißt.

Mit Menschen zu musizieren, die aufmerksam der gemeinsam erzeugten Musik lauschen und alle persönlichen Eigenheiten und jegliches Imponiergehabe dem großen Ziel, nämlich gute Musik zu machen, unterordnen, ist ein echter Genuss, auch für die Zuhörer. Gut, das waren jetzt vielleicht ein paar Nebensätze zu viel, aber ich denke,es ist klar: 

Es macht Spaß mit denen zu spielen, die wo zuhören tun!

Bei denen, die wo das nicht machen tun, ist eigentlich Hopfen und Malz verloren, so wie bei dem Grammatik der letzten zwei beiden Sätze ist… oder sind.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Ich spreche leider nicht jazzisch

Liebe Leser,

mit Profi-Kollegen arbeiten zu dürfen, ist ein Segen. Allerdings wird einem dabei so manches klar. Nun halte ich mich ja offenkundig für einen nicht unbegabten Gitarristen, ja sogar ordentlichen Musiker. Aber – ich spreche nicht jazzisch! Was hier etwas wie eine heitere Glosse klingen mag, hat einen durchaus ernsten Hintergrund: Ich vermag zwar die Standards des Great American Songbooks ordentlich zu Gehör bringen, so dass es für einen Großteil der Zuhörerschaft im weitesten Sinne „schön“ klingen mag, doch ich spreche dabei nicht (oder zumindest nur rudimentär) die Sprache des Jazz. Ein paar Brocken, genug um die anderen Touristen zu täuschen.

Zur Erläuterung: Die „Sprache“ einer Musikrichtung hat nichts mit „richtig“ oder „falsch“ zu tun, auch nicht primär mit den einzelnen Tönen. Ein Stück von Joe Pass klingt nach Jazz, eines von B.B. King nach Blues, eines von Jimi Hendrix nach Rock. Natürlich war jeder dieser herausragenden Musiker in der Lage, einen Song oder gar eine Platte anderer Genres sehr gut zu spielen, aber ihr jeweilig eigentliches Idiom war es nicht.

Die Erkenntnis, eine Sprache, die man sehr schätzt, nicht zu beherrschen, ist durchaus frustrierend! Nun habe ich eben im Gespräch und auch im Spiel mit meinen Profi-Kollegen in Hinblick auf das Erlernen des Jazzisch stets dieselbe Antwort erhalten.  Alle  haben über Jahrzehnte die Soli der großen Vorbilder gehört und – noch viel wichtiger – nachgespielt. Und das von mir so hochgeschätzte funktionsharmonische Verständnis kam  hinterher. Mag man solches mit dem Unterschied zwischen amerikanischen und europäischen Jazzern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vergleichen. Mit allen Einschränkungen, unter denen solche Vergleiche stets hinken:

Musiker wie Louis Armstrong oder auch Charlie Parker sind in ihren Genres (New-Orleans-Jazz, Swing, Bebop) aufgewachsen und haben am Anfang der Karriere die Songs ihrer Vorbilder gehört und gespielt, immer und immer wieder gespielt.

Anders war es bei Nachkommen europäischer, oft jüdischer, Emigranten, die im Amerika des beginnenden 20. Jahrhunderts Fuß zu fassen versuchten. Sie brachten zwar wie ihre oben genannten Kollegen jede Menge Talent mit, hatten jedoch eine ganz andere musikalische Vorbildung. Die Melodien sind wunderschön, aber eben eher europäischer denn ur-amerikanischer Abstammung. Der Sound des Jazz (oder bisweilen eben auch nicht) schleicht sich durch die jeweilige Interpretation des Songs ein.

Bei uns Jazz-Musikern trennen sich die Spreu vom Weizen zu Beginn der musikalischen Laufbahn. Denn die Stunden in der Jugend, die man mit seiner Lieblingsmusik verbracht hat, prägen doch erheblich. Ich kriege den Folk-Picker definitiv nicht mehr aus mir heraus, obwohl ich seit etwa 20 Jahren überwiegend Jazzgitarre spiele. Und beim nächsten Gig bewundere ich dann wieder das anscheinend unerschöpfliche Arsenal an gekonnten Bebop-Phrasen, mit denen mein Mitmusiker seine Soli würzt. Aber zumeist übt der- oder diejenige sein/ihr Handwerk schon viele Jahre professionell aus und hat womöglich auch noch einige Semester Jazz auf dem Buckel. Solcherlei ist mit Engagement am Feierabend, eventuell noch abgelenkt durch außer-jazzige Musikprojekte, im fortgeschrittenen Alter nicht mehr aufzuholen.

Wir Spätberufenen stürzen uns dann in die Harmonielehre, um wenigstens theoretisch zu begreifen, was man über die mannigfaltigen Standards spielen kann oder sollte. Doch viel zu oft verlieren wir uns im Tonmaterial und weniger in der Phrasierung, wobei letzere meines Erachtens wesentlich entscheidender für gutes Jazzisch ist. Ich denke, man sollte als mittelbegabter Jazzer in den 50ern seinen Frieden mit der Situation machen. Keinesfalls aber mit dem Dazulernen-Wollen aufhören! In der Praxis bedeutet dies, an den Generaltugenden (Akkorde, Skalen, Timing, Repertoire) permanent zu arbeiten und sich ab und zu von den Meistern eine kleine Wendung abzuschauen.

Viele bedeutende Musiker haben ihre musikalischen Wurzeln nicht verleugnet oder sich sozusagen „weggeschminkt“ sondern ganz selbstverständlich in ihre Musik eingebaut. Und bei so manchem Pop- oder Rock-Song kann auch der ausgefuchsteste Jazzgitarrist bisweilen noch etwas dazu lernen. Von daher, liebe Spätzünder: Lasst uns versuchen, ein paar Brocken Jazzisch zu sprechen, ohne aber dabei unsere Muttersprache zu vergessen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige