Pearls Before Swine

Liebe Leser,

klar, ich bin ein arroganter Sack! Wem meine Musik nicht gefällt, der hat ja schon per se keine Ahnung und überhaupt. Aber ich habe mich – ehrlich jetzt – gebessert. Es tut meistens nicht mehr weh, wenn mir Leute wohlmeinend auf die Schulter klopfen und mir mitteilen “Scho schäi, aber hald ned su meins!” Auf Hochdeutsch: Klang ganz nett, ist allerdings nicht mein Musikgeschmack. Am Freitag aber tat’s mal wieder weh. Zumindest ein bisschen…

Ich war wie im Vorjahr zum sogenannten “AbendRoth” als Künstler geladen, eine lange Einkaufsnacht mit einem bunten Rahmenprogramm unterschiedlichster Darbietungen, darunter auch diverse musikalische. Als Vertreter des unterhaltsamen Mainstream-Jazz trat ich an. Da meine Leib- und Magen-Saxophonistin Katja Heinrich lieber ihren … äh … runden Geburtstag feiern wollte (was eine lumpige Ausrede – die treulose Tomate), konnte ich den Regensburger Gitarristen Helmut Kagerer, den ich wie viele andere hervorragende Musiker auf den Erlanger Jazzworkshops kennengelernt hatte, zu einem Ausflug in die mittelfränkische Kreisstadt Roth bewegen. Helmut ist seit vielen Jahren eine echte Nummer auf dem internationalen Jazzgitarristen-Parkett und hat bis dato mit unzähligen Größen der Zunft auf Augenhöhe gespielt, unter vielen anderen mit Larry Coryell und Attila Zoller, um wenigstens etwas Namedropping an dieser Stelle zu betreiben. Nun also mal ein Job mit mir, was wirklich eine Ehre bedeutet.

Der Masterplan für unser Gitarrenduo waren zwei 1-Stunden-Sets an zwei Lokationen des AbendRoth, gefolgt von einem Ausklang in einer ortsansässigen Bar in der Nähe von Lokation 1. Nun muss ich allerdings betonen, dass das Organisationsteam der Stadt Roth alles richtig gemacht hat. Die Gage war ordentlich und alle offenen Fragen bezüglich Anreise, Parken und Ortswechsel wurden im Vorfeld zufriedenstellend beantwortet. Als wir (was bei der derzeitigen Verkehrs- und Baustellensituation nicht selbstverständlich ist) pünktlich am Spielort eintrafen, wurden wir umgehend von Mitarbeitern der Stadt Roth empfangen, eingewiesen und mit Getränke- bzw. Essensgutscheinen versorgt. Auch der Wirt des Bistros, in dem wir den Abend ausklingen lassen wollten, empfing uns freundlich mit einem kräftigen Kaffee und einem kleinen Bier zur Einstimmung auf den kommenden Abend.

Selbst das Wetter war gnädig und die letzten Strahlen der untergehenden Herbstsonne verhinderten das umgehende Einfrieren der Finger. Soweit also alles gut.

Ansonsten war das anfangs etwas spärliche Publikum von unserer hochklassigen Darbietung offensichtlich nur im Innersten begeistert. Gezeigt haben es die traditionell zurückhaltenden Rother zumindest ausgesprochen dürftig. Tröstlich, dass das am Marktplatz vor sich hin spielende Mädchenduett (E-Piano/Gesang) auch nicht besser einschlug, wenngleich deren Repertoire etwa 60 Jahre moderner war als das unsrige. Auch das vagierende männliche Duo aus Gitarre/Gesang und Cajón konnte das Publikum nur selten zu verhaltenem Applaus hinreißen. Wie wir nahmen es auch die Kollegen sportlich.

Heftig war allerdings der Absacker. Die gastgebende Kneipe war bei unserer Ankunft gegen 22 Uhr gut besetzt und von biertrinkenden Rock- und Bluesfans bevölkert, die sich mit ohrenbetäubender Lautstärke anbrüllten. Das war im Prinzip ganz und gar unnötig, denn die Grundlautstärke durch die Musik war nicht einmal übertrieben hoch, wurde aber im allgemeinen Konsens eben so praktiziert. Obwohl wir unsere 60er AERs fast bis zum Anschlag aufdrehten, waren wir in dieser Dezibel-Hölle kaum zu vernehmen. Dabei meinten es die Anwesenden nicht einmal böse, es interessierte sie einfach nicht, zumindest die überwiegende Anzahl. Helmut bewies dabei übrigens wahrlich Größe, denn er spielte ein brillantes Solo nach dem anderen (das ist jetzt extrapoliert, denn bisweilen konnte ich ihn – gerade mal einen Meter entfernt – tatsächlich nicht hören) und war bis zum (sehr späten!) Ende keine Sekunde unmotiviert und übellaunig. Ein Traum für jeden Sideman, ernsthaft.

Gegen Mitternacht hatten wir das akustische Gefecht entweder gewonnen oder die Leute waren einfach zu betrunken, um weiterhin aufeinander einzubrüllen. Man bat uns, etwas leiser zu spielen. Echt jetzt?

Neben den bereits erwähnten (allerdings wenigen) Fans gab es natürlich wieder diejenigen Zeitgenossen, die uns kameradschaftlich, aber bestimmt erklärten, dass sie – gegen unsere vorherige Ankündigung – am ganzen Abend (wir spielten immerhin von etwa 22:00 bis 0:30) KEINEN EINZIGEN Blues von uns gehört hätten. “Georgia On My Mind”, “Cry Me A River” und diverse andere, die wir erst ein paar Minuten vorher intoniert hatten, zählten nicht. Und wer würde einem kräftigen zertifizierten Blues-Spezialisten schon widersprechen, wenn dieser bereits seit 10 Stunden intensiv getankt hat. Wir jedenfalls nicht.

Als die beste aller Ehefrauen in den frühen 1990er Jahren in Köln studierte und ich in dieser Zeit mit ihr gemeinsam das Kölner Nachtleben unsicher machte, habe ich die allerorts teils spontan, teils geplante Livemusik in vielen Lokalen sehr genossen. Vielleicht trügt mich die Erinnerung und außer uns hat das schon damals keinen interessiert, aber ich denke, die Leute haben den teilweise exquisiten Musikern mehr Anerkennung entgegen gebracht, als das heute der Fall ist.

Beim Verfassen dieser Zeilen ist mir übrigens aufgefallen, dass ich mit einem sehr ähnlichen Lamento diesen Blog vor ein paar Jahren eröffnet hatte. Manche Dinge ändern sich eben nicht. Zumindest nicht so schnell.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Ein Kommentar zu „Pearls Before Swine

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