Liebe Leser,

es ist heiß. Zu heiß. Echt zu heiß! Dennoch. In tapferster Pflichterfüllung ein paar Zeilen, die ich aus meinem dehydrierten Hirn gewrungen habe:

Vielgeschmäht, werbeverseucht, datensaugend und völlig uncool: Facebook. So wie es vor einigen Jahren nahezu unvorstellbar war, keinen (einzigen) Facebook-Account zu haben, so gilt zur Zeit – insbesondere unter jungen Menschen – das umgekehrte Credo. Total retro, völlig uncool. Instagram (kenn ich nicht, aber meine Tochter sagt, das sei viel cooler) ist angesagt. Doch zurück zum Mutterunternehmen (ich habe das Gefühl, dass diese Verbindung vielen Instagram-Nutzern gar nicht bewusst ist) Facebook:

Natürlich, zugegeben, die Flut an trivialen Beiträgen, gepimpten Bildern und mindestens zweifelhaften politischen Statements ist gigantisch und selbst im überschaubaren Freundeskreis (der Facebook-Freunde) kaum zu überblicken, aber dennoch…

Facebook hat im Laufe der letzten Jahre rein funktional gesehen nahezu alles realisiert, was man sich für ein Netzwerk bzw. einen Informationsdienstleister wünschen kann. Insbesondere ältere Semester, also ich zum Beispiel, die in den 1980ern zur EDV und speziell zu den Netzwerken gestoßen sind, stehen immer wieder mit großen Augen vor der multimedialen Wunderkiste. Der Computerbauer und Visionär Heinz Nixdorf, mein leider zu früh verstorbener erster Chef, hatte im Jahr 1985 einen Hochglanzprospekt für das Produkt NBN Nixdorf-Breitband-Netz drucken lassen, worunter er sich ein dienste-integriertes Breitbandnetz auf Glasfaserbasis vorstellte. NBN wurde niemals realisiert und ist daher eher eine Art Wunschzettel-Vermächtnis des Paderborner Computer-Bauers. Aber alle Dienste und Leistungsmerkmale, die man sich in diesen Jahren ausdenken konnte, und natürlich noch viel mehr, ist in Facebook gebührenfrei (ja, klar, man bezahlt mit seinen Daten) realisiert.

Facebook bietet:

  • Online-Präsenz zur Eigendarstellung für Personen und auch Firmen, mit den Komponenten Text, Bild und Videos
  • Kommentar- und Blogfunktionalität
  • Messenger für Text-, Bild- und Videonachrichten sowie Live-Telefonie
  • Offene und geschlossene Gruppen
  • Live-Video-Übertragungen
  • Trinkgeld oder Spenden per Button
  • Veranstaltungskalender mit Reservierungsplanung
  • Shop-Funktionalität
  • Integrierte Karten bzw. Navigations-Anbindung

und … ja, mehr fällt mir auf die Schnelle nicht ein. Aber ich kenne wahrscheinlich auch nur einen Bruchteil der Funktionen und nutze wiederum nur einen Bruchteil dieses Bruchteils.

Um einen losen Kontakt zu Freunden aufrecht zu erhalten, die sich im Laufe der Jahre irgendwo in Deutschland oder gar über die Welt verteilt haben, ist Facebook sicher ein geeignetes Netzwerk. Am ehesten mit einem öffentlichen Fotoalbum oder einer Litfasssäule zu vergleichen, wo man ja auch (in diesen Fällen allerdings ungebührlicherweise) Kommentare hinkritzeln kann, nur dass es in Facebook theoretisch die ganze Welt tun könnte, wenn es sie interessierte.

Manipulationen von Menschen aufgrund subtiler und individueller Filterung von Nachrichten oder anderem (siehe Facebook/Cambridge Analytica im Wahlkampf 2016) sind verwerflich und auf jeden Fall nicht zuzulassen. Aber mal ehrlich: Auch wenn zum Beispiel das vorsichtig gefilterte Zustellen von Nachrichten (also News), die nutzerspezifische politische Ansichten verstärken oder – je nach Absicht des Manipulators – auch entkräften mögen, zugegebenermaßen eine durchaus subtile Methode der Beeinflussung darstellt, wer kann denn in der heutigen Zeit noch so blauäugig sein, eine einzige Quelle seiner Information für neutral und ausgewogen zu halten?

Ok, ich höre den Chor: Viele, viele, viele, auf jeden Fall mehr als du denkst usw.

Die Einfalt, Manipulierbarkeit oder auch nur die Faulheit von Menschen jedoch dem Medium anzulasten, durch das solcherlei ausgenutzt wird, ist ein verständlicher Reflex, aber nicht die Lösung für eine individuelle menschliche Schwäche.

Insbesondere für praktizierende Musiker bietet Facebook mannigfaltige Möglichkeiten – allein die inzwischen von mehr als 66.000 Mitgliedern bevölkerte Gruppe “Jam of the week” ist ein Juwel im FB-Musiker-Kosmos – welche man sich in der Vergangenheit aus unzähligen Einzel-Lösungen hätte zusammenbauen müssen.

Und noch eins: Seit Mitte der 1990er Jahre ist es für Unternehmen und auch engagierte Privatpersonen unabdingbar, im Web präsent zu sein. In all den Jahren wurden unzählige Webpräsenzen on- und wieder offline gestellt und die Preis- und Design-Schlacht zwischen professionellen Designern, begabten studentischen Einsteigern und talentbefreiten Do-it-yourself-Pfuschern ist noch lange nicht geschlagen. Doch Facebook bietet eine echte Alternative! Die GUI ist zwar inzwischen auch für mäßig begabte Menschen kaum mehr zu durchschauen, aber zumindest sehen alle Facebookseiten im Prinzip sehr ähnlich aus. Und frisch gegründete Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen müssen nicht mehr auf ihre multimediale Eigendarstellung im Internet samt Bewertungs- und interaktiver Kommentarfunktion verzichten, weil sie sich anfangs eben keine teure Werbeagentur leisten können.

In den Facebook-Hoch-Zeiten herrschte zumindest in den Bereichen Funktionalität und Design Burgfrieden, die Seite eines Siemens-Konzerns sah genauso (trist) aus wie die von Willis Pommesbude um die Ecke, da nutzten auch keine 100 Milliarden Umsatz.

Da es inzwischen durchaus möglich ist, sich von unliebsamen oder aufdringlich postenden Freunden geräuschlos zu distanzieren, bin ich der Meinung, dass wir – stets vorsichtig mit den persönlichen Daten umgehend – mit dem Gesichtsbuch durchaus noch einigen Spaß haben können und jetzt nicht fluchtartig zu den nächsten Netzwerken weiterwandern müssen. Darauf gleich ein paar süße Katzenvideos bei – Facebook!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

2 Kommentare zu „Eine Lanze für Facebook

  1. Interessanter Beitrag der sicher gegen den Strom geht. Es ist halt alles nicht so einfach. Ich sehe durchaus, dass FB (zusammen mit Amazon und ebay) als Platform vielen kleinen Unternehmen, Künstlern etc. überhaupt erst die Möglichkeit gibt, Kunden ausserhalb der unmittelbaren Nachbarschaft anzusprechen und zu bedienen. Der Preis dafür ist allerdings, dass Rassisten und Verschwörungstheoretiker (meistens eh ein und dasselbe) das auch können. Die laufenden Ermittlungen zu FB/Cambridge Analytica zeigen da ein erschreckendes Bild, wie man mittels FB tatsächlich die Demokratie aushebeln kann (v.a. in einem System mit Mehrheitswahlrecht in dem einige wenige Wahlkreise über das Gesamtergebnis entscheiden). Von daher wäre es mir schon lieb, wenn sich die EU dazu bringen könnte, Plattformen wie FB dem Presserecht zu unterstellen. Das würde zwar die Nutzung für alle wieder umständlicher machen, aber das wäre es mir wert.

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