Reverse Engineering

Liebe Leser,

wenn ich mir die Mühe gemacht habe, einen populären Jazzstandard als Fingerstyle-Solo-Tune zu arrangieren, so bin ich zumeist gezwungen, dies dann im Nachhinein schriftlich festzuhalten. Ab – sagen wir mal – 200 aufbereiteten Songs beginnt auch das beste Gedächtnis bisweilen zu streiken. Insbesondere, wenn man aufgrund einer Pandemie monatelang sein Repertoire nur noch spielt, „um nicht einzurosten“. Als sehr hilfreiches Tool hat sich hierzu die Software Guitar Pro erwiesen, deren aktuelle Version 7.5 bei Europas größtem Musikhaus, dessen Name nicht genannt werden muss, für schlappe 65,- € zu haben ist.

In Guitar Pro kann man die Töne sowohl in Noten- wie auch in Tabulaturzeilen direkt eingeben (auch per Midi, was ich aber nicht nutze), so dass ich zumeist mein Head-Arrangement direkt eintippen kann, ohne dafür die Gitarre überhaupt in die Hand nehmen zu müssen. Der Song kann jederzeit über die Soundkarte abgespielt werden, so dass das Arbeitsergebnis stets überprüfbar ist.

Wenn man ein Arrangement sozusagen „in Erz gießt“, sollte man es bei dieser Gelegenheit gleich einmal gegen das Realbook überprüfen. Dabei offenbart sich bisweilen Erstaunliches. Manchen Ton oder manche Notenlänge hatte ich mir offensichtlich bei der Erarbeitung des jeweiligen Songs nicht richtig gemerkt oder eben falsch antrainiert. Die Grifffolge, welche mir eben noch äußerst plausibel erschien, habe ich offenbar bei jedem Live-Gig „hingebogen“, denn die Finger wollen während des (Probe-)Spiels gar nicht an die Positionen, die ich in Guitar Pro notiert hatte.

Andererseits entdeckt man auch Hürden im Sheet, die man offenbar lange Zeiten einfach vermieden hatte. Ok, ganz ehrlich, wenn man sich wegen einer vorgezogenen Achtel die Finger verbiegen muss, modifiziere ich großzügig die Melodie. Ich gehe auf die 60 zu, ich darf das. Insbesondere, wenn es wie üblich ein Solo-Arrangement ist. Dennoch korrigiere ich natürlich Fehler und Ungenauigkeiten und passe die Akkord- bzw. Basslinien entsprechend an. Obwohl ich den jeweiligen Song bisweilen schon jahrelang im Repertoire habe, dauert dann so ein Update auf der Gitarre schon mal ein (oder mehrere) Dutzend Durchgänge, bis der Standard wieder sitzt.

Letztendlich erzeugt die Eingabe in Guitar Pro zum Einen ein bleibendes Zeugnis der eigenen Arbeit (ist aber wesentlich entspannter als das Kritzeln mit Federkiel auf Papierfetzen), zum Anderen eine frisch überarbeitete Version (und natürlich ein Leadsheet) eines Liedes, welches man ab diesem Zeitpunkt wieder live darbieten kann.

Das Schöne ist nämlich, dass man in Guitar Pro nicht nur Gespieltes eingeben, sondern auch Eingegebenes spielen kann!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Bonfá’s Geheimnis

Liebe Leser,

ich wünsche Euch allen ein frohes und vor allem gesundes Jahr 2021! Wir sitzen weiterhin im Lockdown. Da kommt man auch mal wieder zum Gitarre-Spielen. Aber offensichtlich nicht dazu, pünktlich am Dienstag einen kleinen Blogbeitrag zu schreiben. Doofes Corona! 

Dieser Artikel ist eine überarbeitete Zweitveröffentlichung und erschien vor etwa einer Woche in meinem Musik-(Nerd-)Blog Avanti Dilettanti >>>

Nun habe ich aber sofort von zwei fachkundigen Kollegen ein paar Korrekturen erhalten, die ich jetzt natürlich in diesen Beitrag eingearbeitet habe.

Dieser Artikel (ich wiederhole mich, sorry) dürfte auch unter dem Titel „In the shed“ stehen, was auf deutsch soviel bedeutet, wie „Aus dem Übungsraum“ (wörtlich: Im Schuppen). Damit geben viele Musiker einer Öffentlichkeit preis, woran sie gerade arbeiten. Bei mir sind dies zur Zeit [das von Google vorgeschlagene „zurzeit“ halte ich nach wie vor für falsch – es sieht auch behämmert aus] die Songs „Pernambuco“, und „Sambolero“ vom Meister Luiz Bonfá.

Beide Songs erschienen 1959 auf der LP „Luiz Bonfá – Solo In Rio“ und sind echte Knaller! Obwohl ich mir die Aufnahmen schon mindestens einige Dutzend Male angehört hatte, war mir der Vortrag dieses Ausnahmegitarristen immer ein Mysterium. Ich habe schon allerhand Jazz- und Bossa-Nova-Standards im Fingerstyle erlernt und auch vor Publikum gespielt, aber Bonfás Solo-Arrangements, welche nicht zu selten aus Viertel- (oder Halbe-Noten-)Bass, perkussiven Offbeats und einer (bisweilen mehrstimmigen) Melodie bestehen, sind wirklich harter Stoff!

Neben den Originalaufnahmen, von denen nur bei „Sambolero“ etwas Videomaterial von Bonfá’s Zupf-Technik verfügbar ist, zog ich mir allerhand Videos von begabten Gitarristen rein, die „Pernambuco“ covern oder sogar als Lern- bzw. Lehrvideo anbieten. Und die Kollegen spielten zumeist wirklich beeindruckende Versionen des Songs, mit Daumen-Techniken, an denen ich beim Nachahmungsversuch wirklich zu beißen hatte. Oft nahe dran, aber irgendwie…

Also habe ich mir die oben erwähnte Video-Aufnahme von „Sambolero“ noch einmal genauer angesehen. Bonfá spielt dort und in vielen seiner Fingerstyle-Songs einen permanenten Rhythmus, der von ihm folgendermaßen realisiert wird:

Als Zupf-Finger dienen Zeige-, Mittel- und Ringfinger, egal, ob einzeln oder zu dritt. Er hat – wer hätte das gedacht? – einen sehr präzisen Anschlag mit dem Daumen auf die 1 und 3 und entwickelt mit seinen Zupffingern auf die Offbeats einen ordentlichen perkussiven „Snap“, zumeist mit dem Handballen der rechten Hand zur Dämpfung auf den Saiten, was einen beeindruckenden Sound erzeugt. Das alles ist jedoch kein Hexenwerk und für jeden intermediate oder advanced Gitarristen schnell nachzuahmen.

Doch dann legt der Meister noch zusätzlich eine flotte Melodie über die Begleitung, während die Rhythmusbatterie aus Daumen und Zeigefinger munter weiter rattert. Und jetzt wird es knifflig. Ich habe mir „Pernambuco“ wirklich oft aufmerksam angehört, später auch mit einigen durchaus erfahrenen Musikern, um herauszukriegen, ob Luiz Bonfá diesen Song tatsächlich alleine eingespielt hat, ohne die Zuhilfenahme von Overdubs oder gar einem Begleitmusiker. Doch, hat er. Aber die akustische Trennung zwischen Begleitung und Melodie in seinem Spiel ist wirklich sensationell! Zumal der Song 1959 mit sicherlich noch unzureichender Studiotechnik aufgenommen wurde.

Ich habe einige Stunden damit verbracht, sein Spiel zu imitieren und auf meine eigene Gitarre zu übertragen. Vergebens. Es klingt ganz gut, aber mindestens ein Element seines Arrangements (von „Pernambuco“), bestehend aus Bass, perkussiver Offbeat, Viertelbegleitung mit um 1/16 vorgezogener 2 und Melodie, ging stets verloren. Hexenwerk!

Die Lösung dieses Problems gelang mir durch die Erkenntnis, dass ich es im fortgeschrittenen Alter zwar nicht mehr schaffen werde, meine drei Zupffinger mit der nötigen rhythmischen Unabhängigkeit voneinander zu trainieren, ich aber durch mein langjähriges Folk- und Jazz-Fingerstyle-Spiel in der Lage bin, Bonfá’s Stil wenn schon nicht zu kopieren, so doch immerhin ordentlich zu faken. Und das funktioniert so:

Ich spiele die komplette oben abgebildete Figur mit dem Daumen, verzichte aber aus Faulheit auf die Achtelpausen:

Der Wechselbass fällt mir wesentlich leichter als die Achtel-Wechsel mit Daumen und Zeigefinger, selbst wenn jeder zweite Schlag gedämpft werden muss, damit das Ganze nicht zu sehr nach Country klingt. Kriege ich das technisch ordentlich umgesetzt, so dass es wie bei Bonfá klingt? Nein, natürlich nicht. Aber wichtiger als die mechanische Realisierung an der Gitarre war mir die Entschlüsselung der famosen Technik des Meisters. 

Ein Hoch auf Luiz Bonfá, der schon vor mehr als 60 Jahren aus seiner Konzertgitarre einen Sound geholt hatte, für den es normalerweise zwei Instrumente braucht.

Sollte ich jemals wieder ein paar Tage Zeit haben (sarkastisches Lachen), dann werde ich Euch meine Bonfá-Fake-Technik in einem Video auf meinem YouTube-Kanal vorstellen. Natürlich noch lieber bei einem Livekonzert, wenn es solcherlei irgendwann wieder geben sollte. 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Harmonielehre für Gitarre 2020

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Und muss umgehend gestehen, dass ich diese Wendung hier im Blog schon fast inflationär benutze. Nein, diesmal nicht schon wieder eine CD aufgenommen. Ich habe eine Harmonielehre für Gitarre geschrieben. So sehr ich auch hinter dem 2015 bei PPV Medien erschienenen gleichnamigen Buch (Co-Autor Thomas Dütsch) stehe, es gab einige Sachen zu korrigieren und ich erwarb viele musiktheoretische Erkenntnisse, von denen wir zur Entstehungszeit des 2015er Buchs einfach nichts wussten. Obwohl sich dieses (Früh-)Werk immer noch ganz ordentlich verkauft, wollte der Verlag keine völlig überarbeite 3. Auflage herausgeben.

Dann eben nicht. Und ich setzte mich hin und begann, die Harmonielehre immer weiter zu korrigieren, zu verbessern und schließlich völlig neu zu schreiben. Im Jahr 2018 lernte ich den bekannten Jazzgitarristen Helmut Kagerer kennen und schätzen. Wir spielten einen Gig zusammen und verstanden uns prächtig, musikalisch wie auch persönlich. Und dann kam für Helmut eine mehr als einjährige Leidenszeit in Form einer schmerzhaften Sehnenscheidenentzündung, die jegliches Live-Spiel verhinderte. Die war dann Anfang des Jahres 2020 gottseidank endlich ausgeheilt. Und dann kam Corona…

Konnten wir in den Sehnenscheidenentzündungszeiten (warum Google diesen völlig plausiblen Begriff markiert, bleibt unklar) wenigstens noch Korrekturen und Lektoratsarbeiten gemeinsam bei einem Bier diskutieren und im Buch vorgeschlagene Wendungen gleich einer praktischen Prüfung unterwerfen, war dies nach nach Ausbruch der Corona-Pandemie nicht mehr möglich. Aber da war die gesamte Schreibarbeit erledigt und wir konnten uns Texte zur Korrektur hin und her mailen. Ist zwar langweiliger, tut’s aber in diesen Zeiten auch. 

Durch einen Zufall stieß ich Ende 2019 auf den Spurbuchverlag, der eigentlich und ursprünglich Jugend- bzw. Pfadfinderliteratur verlegte und noch verlegt. Der Verlagsleiter, immerhin selbst Hobby-Gitarrist, mit Profi-Musikern im familiären Umfeld) besah sich das Manuskript und befand es für gut. Im Mai 2020 äußerte er ernstes Interesse an diesem Buch und kurze Zeit später ging es an die allgemein beliebten Produktionsvorbereitungen (Lektorat – Korrektur – Satz – Korrekturabzug – und wieder von vorne), welche aber – das sollte nicht unerwähnt bleiben – stets produktiv und immer freundlich abgewickelt wurden. Und Drucken können sie auch, die Unterfranken, wie ich heute angesichts der gelieferten Belegexemplare feststellen durfte. Das Buch ist sehr schön geworden!

Warum solltet Ihr nun also diese Harmonielehre kaufen (oder zumindest allen ambitionierten Gitarristen in Eurem Bekanntenkreis zu Weihnachten schenken)? 

Nun, die Struktur und der didaktische Ansatz sind wie bei der Harmonielehre von 2015 (weil beide einfach gut sind). Nach der Herleitung der Akkordtypen aus der Durtonleiter kommen wir von der Begleitung zum Solo, also zum Single-Note-Spiel. Von vier Tönen (Arpeggien) steigern wir uns sozusagen Ton für Ton über Pentatonik und Bluesskala bis hin zu den Kirchentonarten und Molltonleitern. Mit Stufen- und Funktionstheorie analysieren wir dann einige Standards. Diese aus dem 2015er Buch bekannte Struktur behalten wir bei, weil sie, wie gesagt, gut ist. Aber im Detail hat sich allerhand getan:

Eine der am häufigsten von uns Gitarristen eingesetzte Skala ist die Bluestonleiter. Da aber bis zu drei Bluenotes postuliert werden, ist die Definition, welche Töne denn nun zu einer „richtigen“ Bluesskala gehören, heftig umstritten. Dieses Mysterium wird einleuchtend und praxistauglich geklärt.

Meine persönliche Auswahl an Skalen für ein Solo ist etwas (höflich formuliert) hausbacken. Helmut hat mir bei so mancher Gelegenheit eine Mixolydische oder Harmonisch-Moll-Skala mit dem Hinweis „Das spielt seit 50 Jahren keiner mehr an dieser Stelle“ ausgeredet. Für die Insider: Ja, ich spiele inzwischen auch Alteriert und Halbton-Ganzton. Nicht zu oft, aber immerhin…

Helmuts Erfahrung nach über 40 Jahren als internationaler Jazzgitarrist und fast 30 Jahren Dozent an der Musikhochschule sind wirklich tiefschürfende Erkenntnisse beim Umgang mit verminderten Akkorden und bei der Analyse von Jazzstandards zu verdanken. Ich hätte nicht gedacht, dass ich nach so vielen Jahren Erfahrung bei einem abgedroschenen (aber nichtsdestotrotz schönen) Standard wie „The Girl from Ipanema“ noch so viel dazulernen kann. Um es mit Gerhard Polt (aus „Der Leasingvertrag“) zu sagen: Doch, das geht!

Als Sahnehäubchen gibt es einige nette Cartoons aus meiner Feder! Also:

Da das schönste Buch leider nur dann erfolgreich sein kann, wenn es sich ordentlich verkauft, habt Ihr hier das ultimative Weihnachtsgeschenk für all Eure Gitarren-affinen Musikerfreunde. Die Harmonielehre für Gitarre von Gige Brunner & Helmut Kagerer kostet 22,80 € und Ihr könnt sie bei mir (jazz@gige.de) oder beim Spurbuchverlag bestellen. Versandkosten fallen nicht an! Auf denn, lasst uns (gemäß dem Untertitel)

Endlich weniger falsch spielen!

Ob ich Euch das garantieren kann? Selbstverständlich nicht. Aber ich glaube ernsthaft, dass die Beschäftigung mit Harmonielehre das eigene Spiel immens verbessert!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gige plays Bossa Nova

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Ich habe eine CD aufgenommen. So mit Musik drauf. Aufmerksame Leser mögen bemerkt haben, dass ich bis hier den Text des Beitrags vom 07.07.2020 kopiert habe. Denn auch damals hatte ich einen Tonträger von mir besprochen. Ebendies möchte ich auch heute machen.

Mit Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 blieb für uns Live-Musiker nur der Weg von der Bühne zurück ins heimische Wohn- bzw. Übungszimmer. Wie ich bereits in diesem Beitrag >>> geschrieben hatte, kaufte ich mir aus Frustration über den Lockdown eine klassische Gitarre (nun ja, korrekterweise ist es eine Flamenco-Gitarre, aber wer wird es wohl so genau nehmen wollen?) und begann das darauf zu spielen, was ich zum Einen schon kannte und zum Anderen auch gemäß Überlieferung für eine Nylon-Gitarre obligatorisch ist: Bossa Nova!

Natürlich sind mir im Laufe der letzten Jahre eine Menge Bossas über den Weg beziehungsweise über das Griffbrett gelaufen: Die Standards Blue Bossa und Recordame (welche nicht von einem Brasilianer komponiert wurden) und natürlich das wichtigste Jobim-Zeugs Girl from Ipanema, Desafinado, Corcovado und noch einige mehr. Allerdings betrachtete ich die Vertreter der Bossa Nova eher als Komponisten im Grunde stets identisch klingender Fahrstuhlmusik. Ich begann, mir etwas Hintergrundwissen drauf zu schaffen.

Nach etwas Recherche bei der nahezu allwissenden Wikipedia und in Youtube (dort ist nichts deutschsprachiges und wenig englischsprachiges zu finden, immerhin ein paar schöne Dokus der BBC) stieß ich auf ein (gedrucktes) Buch, in welchem tatsächlich alles drin steht: Bossa Nova – The Sound of Ipanema. Eine Geschichte der brasilianischen Musik, von Ruy Castro. Ein tolles Buch mit unglaublich vielen Namen und Unmengen an Informationen, dabei noch in wirklich witzigem Ton geschrieben und offensichtlich gut ins Deutsche übertragen. Ganz sicher wird eine Besprechung in diesem Blog folgen. Im zweiten Lockdown habe ich jetzt ja Zeit…

Ich lernte viele Protagonistinnen der Bossa Nova kennen und stellte schon nach den ersten Seiten fest… ich habe wirklich keine Ahnung! 

Es gibt unterschiedliche Ansätze, mit derlei Unkenntnis umzugehen. Ich habe Freunde und Musikerkollegen, die lassen einfach die Finger von jeglicher Musik, von der sie nicht eingehend alles verfügbare Material studiert haben. Und weil das gerade im fortgeschrittenen Alter kaum realisierbar ist, bleibt es beim Finger-davon-lassen. Andere werfen sich mit Feuereifer auf das Material und recherchieren bis zum St. Nimmerleinstag, ohne dabei jemals einen Ton zu spielen – aus Respekt vor der Musik. In beiden Versionen kommt nix Anhörbares für den Rest der Welt dabei raus.

Ich hatte solche Berührungsängste nie. Man darf Blues spielen, ohne aus dem Süden der USA zu stammen, man darf Gipsy-Swing spielen, ohne in irgendeiner Weise mit Django Reinhardt verwandt zu sein, man darf als Bayer Irish- und sonstigen Folk von den Inseln spielen und natürlich auch Bossa Nova, selbst wenn man nicht in Brasilien geboren wurde. Wirklich alle Musiker, die aus einer solchen privilegierten Gruppe stammen und mit denen ich das Vergnügen hatte, in den letzten Jahren ihre jeweilige Musik zu spielen, sahen das extrem locker und freuten sich immer, wenn ihre Musik mit Engagement und Herzblut gespielt wurde, auch wenn sich bisweilen technische oder kulturelle Unzulänglichkeiten offenbarten. Die deutschen Meisterspieler, legitimiert durch einen Auslandsaufenthalt oder jahrelangen Unterricht, sind da wesentlich strenger. So gibt es neben der der Jazz- auch eine Gipsy-Swing-, Irish-Folk- und Bossa-Nova-Polizei. Ganz sicher!

Mir war dies, wie bereits erwähnt, einerlei und ich gewann meinen Mitmusiker Clemens Bröse erneut für eine Aufnahmesession im bandeigenen Übungsraum, wie wir es schon bei dreipunktnull durchgezogen hatten. Dies war bereits am 28. Mai 2020. Ihr seht schon, ich blogge wirklich selten. Und wieder nahm Clemens mit erstaunlicher Geduld einen Take nach dem anderen auf, wobei kein einziges Mal irgendeine Äußerung von Ungeduld oder sonstigem über seine Lippen kam. Allerdings waren auch nur insgesamt acht Songs geplant, es würde also eine wirklich kurze CD werden. Und ich habe auch ziemlich ordentlich gespielt, so dass nach nur einem Aufnahmetag genug Material für die CD vorhanden war.

Das technische Setting war wirklich schlicht, aber klanglich überzeugend: Zwei Beringer-Mikrophone und eine Spanische Gitarre, das war es im Prinzip schon. Natürlich hat Clemens nebenbei beim Aufnehmen einige Stunden hochwertiges Videomaterial produziert, welches ein video-affinerer Musiker, als ich es bin, sicherlich zu einigen knackigen Werbevideos für die neue CD umgearbeitet und geschnitten hätte, doch es fehlte mir trotz monatelanger Auftrittssperre hierfür die Zeit. Kaum zu glauben, oder?

Den Mix und das Mastering des Rohmaterials erledigte, wie schon bei allen meinen Solo-CDs zuvor, Oskar Schrems im Tonstudio Success, wie immer schnell und in exzellenter Qualität!

Eingespielt habe ich

Triste (Antônio Carlos Jobim). Ein schöner Bossa vom Meister-Komponisten der Bossa Nova schlechthin. Ein harmonisch komplexer Song mit dennoch eingängiger Melodie.

Batacuda (Luiz Bonfá). Ich finde meine Interpretation des Fingerstyle-Vorzeigestücks von Meister Bonfá gelungen, muss aber offen gestehen, dass ich an die wirklich superbe Technik des Vorbilds nicht herankomme. Dennoch ein flotter Samba (?)… oder halt eine südamerikanische Picking-Nummer. Luiz Bonfá hat um die jeweilige Stilistik seiner Songs nie ein Gewese gemacht.

Só Danço Samba (Antônio Carlos Jobim). Ein getragener Samba mit pfiffiger Rhythmik in der Melodie. Im Ensemble eine nicht zu komplizierte Sache, als Fingerstyle-Stück bei weitem nicht so trivial.

Se É Tarde, Me Perdoa (João Gilberto). Eine Komposition von Gilberto ohne den charakteristischen Gesang? Doch, das geht! Aus dem Portugiesischen übersetzt lautet der Titel in etwa „Sorry, dass ich schon wieder zu spät komme“, was sich wohl durch das Leben des großen João Gilberto gezogen hat. Und weil wir alle so gut Portugiesisch sprechen, hat sich hier tatsächlich ein kleiner Schreibfehler in die (digitalen) Titelangaben auf der CD eingeschlichen. Wer ihn findet, erhält einen Fleißpunkt! 

Summer Samba (Marcos Valle). Der auch unter „So Nice“ bekannte Titel ist der Gold-Song des Marcos Valle. Eine wunderbar entspannte Samba. Auf mein Fingerstyle-Arrangement des zum Teil ziemlich vertrackten Songs bin ich stolz. 

Chega de Saudade (Antônio Carlos Jobim). Diese Jobim-Komposition war der erste Titel, der mit dem Label „Bossa Nova“ versehen wurde und ist neben Girl from Ipanema dessen zweite Hymne. Naja, wahrscheinlich gibt es noch ein Dutzend weitere… Die Form ist gefühlt unendlich lang, weshalb ich auf eine explizite Improvisation verzichtet habe.

Samba de Orfeu (Luiz Bonfá). Ein von Bonfá bereits 1956 wiederum für den Film „Orfeu Negro“ geschriebener Titel. Wie Batacuda eine echte Herausforderung auch für erfahrene Gitarristen.

The Girl from Ipanema (Antônio Carlos Jobim). Die Hymne der Bossa Nova (siehe oben). Sie wurde unzählige Male gecovert und ist bereits in einer ihrer ersten Aufnahmen ikonisch. Dennoch hier eine Version von mir. Und weil es schon Richtung Ende der Aufnahmesession ging und meine treue St. Pauli Gitarre noch ungespielt im Eck des Raumes stand, spielte ich Jobims Hit ausnahmsweise mit der unverstärkten Jazzgitarre ein. 

Wie schon bei dreipunktnull hatte ich eine schicke Release-Party geplant. Diese ist, wie schon die vorherige, der allseits beliebten Corona-Pandemie zum Opfer gefallen. So gab es nur eine kleine Ankündigung auf Facebook und mit dem zugehörigen Blogbeitrag habe ich mir offensichtlich ja auch etwas Zeit gelassen.

Diese CD gibt es (schon wieder) nur als reale Silberscheibe, nicht als Download und nicht bei Spotify. Lieber beschränkt sich der Käuferkreis auf ein paar Hundert Menschen (die letzten, die noch irgendwo einen CD-Player zum Abspielen besitzen), als dass ich mich in die millionste Playlist von irgendwelchen desinteressierten Dauerstreamern einreihen lasse, denen es egal ist, was in die Ohrstöpsel tröpfelt. Klinge ich verbittert? Pardon!

Wer gerne eine CD haben möchte, schreibe mich unter jazz@gige.de an. Ich schicke ihr bzw. ihm gerne eine zu, worauf sie oder er mir 10 Euro überweisen möge. Wenn es zwei Euro mehr sind, werde ich diesen Betrag sofort sinnlos für Porto und Verpackung verprassen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

dreipunktnull

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Ich habe eine CD aufgenommen. So mit Musik drauf. Also alte Jazzstandards solo mit Gitarre eingespielt, garantiert ohne Gesang. Jüngere unter der Leserschaft mögen sich nun fragen, was eigentlich genau so eine “CD” ist. Dieser etwas abgedroschene Witz wird schnell bedeutsam, wenn sogar die treuesten Fans beim Erwerb dieser Scheibe betonen, dass sie sich jetzt erst einmal auf die Suche nach einem geeigneten Abspielgerät machen müssten, um meine neueste Produktion tatsächlich anzuhören.

Ein ganz treuer Fan hat mich bei der Bestellung gebeten, doch ein paar Worte im Blog über die Scheibe zu schreiben. Dies freut mich doppelt, da ich zum Einen eine weitere CD unters Volk bringen konnte und zum Anderen tatsächlich hin und wieder jemand Beiträge auf diesem Blog liest.

Nun also – dreipunktnull. Schon seit der Veröffentlichung meiner ersten Solo-CD “Jazz” im Jahr 2012, bei der ich für ein Erstlingswerk wirklich vieles richtig, aber leider auch so manches nicht so doll gemacht habe, trage ich mich mit der Idee einer weiteren Veröffentlichung mit schönen Jazzstandards im Fingerstyle. 2015 erschien dann die etwas andere „Gige & Friends – Best of Van Heusen“, auf welcher ausschließlich Stücke von van Heusen zumeist in Duo-Besetzung dargeboten werden. 2019 war nun die Zeit für einen weiteren Tonträger, den die Welt wahrscheinlich wieder einmal nicht braucht. Insbesondere heutzutage, da wir jeden gespielten Ton online veröffentlichen und unentgeltlich (in den sozialen Medien) oder zumindest günstig per Streamingdienst zur Verfügung stellen. 

Nun, den Inhalt dieser CD gibt es nicht (legal) zum Downloaden oder Streamen. Der größte Anteil meines geneigten Publikums besitzt im Auto und oft auch noch zu Hause einen CD-Player mit zugehöriger HiFi-Anlage. 

Wie schon auf meiner ersten CD “Jazz” aus dem Jahr 2012 habe ich einige gut abgehangene Standards des Great American Songbooks nebst selteneren Stücken solo im Fingerstyle eingespielt, wiederum auf durchaus betagten Instrumenten. Den Anspruch, die Songs mit ihrem jeweiligen zeitgenössischen Gitarrensound zu versehen, habe ich inzwischen aufgegeben. Wenn Gott gewollt hätte, dass wir die Archtops ausschließlich akustisch spielen, warum hat er uns dann den Tonabnehmer und den Verstärker geschenkt?

Die Aufnahmen im Picking-Style à la Chet Atkins wurden mit einer No-Name-Gitarre aus den 1940er Jahren, die allerdings mit einem alten Framus-Pickup versehen ist, aufgenommen, die Balladen und einige Swing-Stücke mit einer Gibson L-5 1934 reissue, wobei ich mich hierbei eher an meine aktuelle Laune denn an eine feste Regel gehalten habe.

Beide Gitarren sind über einen AER Compact 60 gespielt, welcher von Clemens Bröse im Übungsraum unseres Jazztetts per DI und Mikro abgenommen wurde. Er hat mit größter Geduld und Bedachtheit an einem Tag alle wohlklingenden Takes der ausgesuchten Standards (und noch einige mehr) aufgenommen, mit denen ich anschließend zum Mixen ins Studio ging.

Den Mix und das Mastering erledigte wie seit über 30 Jahren Oskar Schrems im Tonstudio Success in Fürth. Im Gegensatz zu den 2012er Aufnahmen stand bei diesem Mix nicht der akustische Klang der Gitarre im Vordergrund, sondern der Sound des jeweiligen Songs. Oskar hat keine meiner bisweilen ausgefallenen Ideen im Vornherein abgelehnt und sie allesamt mit seiner Erfahrung und hochwertigster Technik wunderbar umgesetzt.

Die Songs auf dreipunktnull sind natürlich aus meinem Live-Repertoire und überwiegend Swing-Nummern bzw. Balladen aus den 1920er bis 1950er Jahren, wie immer mit ein paar Ausreißern.

Folgende Nummern findet Ihr auf der CD, in der Reihenfolge dieser Beschreibung::

S‘ Wonderful! aus dem Jahr 1927 von George Gershwin ist eine flotte Swingnummer zum Einstieg, gefolgt von After You‘ve Gone (1918) von Creamer & Layton. Ich liebe diesen Song! Er war bereits vor 100 Jahren (!!!) ein Nummer-1-Hit und hat nichts von seinem Charme eingebüßt. Und weil er sowohl als tragische Ballade wie auch als Medium-Swing taugt, spiele ich ihn auf dreipunktnull auch in beiden Versionen. Attila Zoller schrieb The Birds and the Bees im Jahre 1971. Ein tolles Stück, welches viel zu selten gespielt wird. Helmut Kagerer hat mich seine Version gelehrt, die mir so gefiel, dass ich sie sofort auf CD bannen musste. Jedes mit durchsetzungsfähigen Bläsern bestückte Ensemble spielt Caravan von Duke Ellington (1936). Als Stück für Solo-Gitarre ist es eher selten zu finden, in meinem aufregenden Arrangement schon gar nicht. Eine Zierde dieser CD! Der Gitarrist Joe Bawelino zeigte mir den wunderschönen Troublant Bolero von Django Reinhardt, erstmals 1948 erschienen. Für diese Nummer gibt es kein Sheet, keine Notation, ich habe es mir tatsächlich von Joe abgeguckt. Umso mehr freut mich die meines Erachtens sehr gelungene Einspielung. Es geht in sehr gemäßigtem Tempo weiter mit Cry Me a River aus dem Jahr 1953 von Arthur Hamilton, welches von Douce Ambiance (1943), einem weiteren Django-Reinhardt-Song abgelöst wird. Auch diese Komposition ist bis dato eher selten solo aufgenommen worden. Es folgt I’m Confessin’ That I Love You (1930, Ellis Reynolds) eine flotte Ballade (oder ein langsamer Swing), gefolgt von dem Heiligen Gral der Fingerstyler I Got Rhythm. Das Gershwin-Tune aus dem Jahr 1930 ist natürlich von jedem Jazzgitarristen schon einmal aufgenommen worden, weshalb ich für meine Version sicher keinen Innovationspreis gewinnen werde. Dennoch ein heftig swingender Fingerstyle-Klassiker! Das 1944 von Karl Suesddorf geschriebene Moonlight in Vermont ist eine wunderschöne, schon fast etwas klebrige Ballade. Das Intro habe ich von Joe Bawelino geklaut, zumindest von der Idee her. Out Of Nowhere von Johnny Green (1931) bietet einen swingenden, melodischen Song, bei dem als technische Finesse tatsächlich Vierteltriolen in der Melodie zur straiten Viertelbegleitung im Bass gespielt werden, was eine 2:3 Rhythmik innerhalb einer (Zupf-)Hand bedeutet. Beyond The Sea aus dem Jahr 1943 von Charles Trenet ist vielen als La mer bekannt und ein immergrüner Hit. Jeder hat „Findet Nemo“ gesehen! Softly as in a Morning Sunrise (1929) von Sigmund Romberg ist ein Medium-Swing mit einer groovenden Basslinie. Schon 1954 schrieb der geniale Jazzgitarrist Johnny Smith über die Akkorde von Softly as in a Morning Sunrise das ikonische Walk, Don’t Run, welches ich im zweiten Chorus zitiere. Der Swing Secret Love (Sammy Fain, 1953) und das tragische What Are You Doing the Rest of Your Life von Michel Jean Legrand aus dem Jahr 1969 schließen die CD ab.

Wenn Ihr, liebe Leser, auch zu meinen lieben Hörern werden wollt, dann bestellt Euch eine der edlen Silberscheiben bei mir (ganz einfach per Mail an info@gige.de) und lasst Euch von den Gitarrenklängen verzaubern. Ups, das klang jetzt etwas zu sehr nach Ricky King…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – The Most Requested Bossa Nova & Samba Songs

Liebe Leser,

ich hatte es ja schon geschrieben – ich bin seit nunmehr drei Monaten in die schöne Welt der Bossa Nova und damit einhergehend des Sambas eingetaucht. Und habe mir echt viele Stücke drauf geschafft bzw. mein bestehendes Bossa-Repertoire aufgefrischt. Live-Spielen war ja nicht und ist immer noch nicht.

Nun sind die Realbooks, aus denen wir Jazzer zumindest die Grundlagen unseres Repertoires beziehen, bei den unzähligen Bossas und Sambas etwas dünn bestückt, insbesondere bei der großen Zahl an Kompositionen von Antônio Carlos Jobim, der gefühlt jeden Bossa komponiert hatte. Na gut, sagen wir, jeden zweiten…

Ich habe mir also nach kurzer Recherche „The Most Requested Bossa Nova & Samba Songs“ aus der Verlagsgruppe Hal Leonard gekauft. Hal Leonard ist der weltgrößte Verlag für Sheet-Music aller Art und hält auch die Rechte an den mannigfaltigen Real- und Fakebooks.

Immerhin 61 Bossa-Nova- bzw. Samba-Standards sind in dem ansonsten recht tristen Heft angesammelt. Die Sprache ist mit „English“ angegeben, was aber in keinster Weise ein Nachteil ist, weil es neben den Noten keinerlei Text gibt. Gar keinen. Naja, muss ja auch nicht.

Ich nahm die Gitarre (natürlich die Nylon-Schraddel, siehe diesen Beitrag >>>) auf den Schoß und blätterte erwartungsvoll durch meine Neuerwerbung.

Die Notationen der Songs sind dreizeilig gehalten, wobei die unteren beiden Zeilen die Klaviernotation abbilden (Bass- und Violinschlüssel), während in der obersten Zeile die Gesangsmelodie notiert ist. Über dieser sind Gitarrenakkorde eingetragen. So darf sich dieses Heft „für Klavier, Gesang und Gitarre“ empfehlen. Und das ist Unsinn!

Meines Erachtens hat ein unmotivierter Pianist eine ebenso unmotivierte Version des jeweiligen Songs in eine Software gehämmert und dann die Melodie als separate Spur extrahiert und die Gitarrengriffe mit einem Akkord-Assistenten generiert. Ich denke nicht, dass ein Gitarrist über die Noten/Tabs geschaut hat. Und falls doch, war er nicht besonders gut und auch nicht besonders gründlich.

Bis auf „Wave“ konnte ich in keinem der mir bekannten Songs eine einigermaßen plausible Akkordbegleitung entdecken. Mehr als einmal enthält der notierte Griff eine Erweiterung, die genau NICHT zur aktuellen Melodienote passt. Ich habe es inzwischen dreimal durchexerziert: Ich spiele den erwählten Song vom Blatt (holprig, wie ich es nun einmal nur beherrsche), korrigiere die schlimmsten Fehler der Begleitung und versuche, die kruden Akkorde in irgendeine sinnvolle harmonische Struktur zu bringen. Dass Jobim oder Gilberto ihre Songs mit großem kompositorischen Verständnis geschrieben haben, weiß ich, weil ich schon ein gutes Dutzend ihrer Werke analysiert und noch viele mehr gespielt habe. 

Bin ich mit dieser Übung durch – das Sheet sieht inzwischen durch die ganzen Bleistift-Korrekturen schon arg mitgenommen aus – und habe eine einigermaßen spielbare Version erzeugt, dann suche ich ein paar nette Interpretationen auf Youtube.

Hier wurde ich bis dato schnell fündig. Zumeist pfeifen die virtuosen südamerikanischen Gitarristen jedoch auf die im Heft notierten „Originaltonarten“, so dass ich mit Abhören und -gucken schneller zum Ziel komme, als mit dem Korrigieren und Transponieren der Hal-Leonard-Sheets. Was ein Mist! 

Ich denke, dass die Leute von Hal Leonard mit solchen Heften wieder etwas von den Dollars hereinholen möchten, die ihnen durch das jahrzehntelange Schwarz-Kopieren ihrer Realbooks entgangen ist.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Neue Helden

Liebe Leser,

Corona geht mir (na gut, wem nicht?) gehörig auf die Nerven. Aber Wehklagen hilft auch nicht. Nachdem ich einige Tage in Quarantäne mein inzwischen schon gut abgehangenes Fingerstyle-Solo-Programm aufpoliert hatte, lief mir folgendes Gitarrlein über den Weg:

Dies ist eine Artesano Flamenco S, ein nach spanischen Vorgaben in China hergestelltes relativ preiswertes Instrument. Für die Perkussionsrabauken unter den Flamencogitarristen hat man einen durchsichtigen Plastikschutz rund um das Schallloch auf die Decke geklebt. Das fiel mir erst bei der Inbetriebnahme auf, stört mich aber nicht. Natürlich werde ich im fortgeschrittenen Alter kein Flamencogitarrist mehr (hier >>> könnt Ihr genauer nachlesen, warum nicht), aber ein schöner Bossa Nova klingt gleich viel authentischer. Und ich begann, mich in die Welt des seichten Gedudels der beginnenden 1960er Jahre zu vertiefen…

Natürlich spiele ich die Standards der Bossa Nova (aus dem Portugiesischen: DIE „Neue Welle“, daher DIE „Bossa Nova“) wie das unvermeidliche (aber nichtsdestotrotz schöne) Girl from Ipanema, Wave oder Desafinado seit vielen Jahren. Das Jobim-Zeugs halt. Aber es diente mir immer eher zum Ausruhen (was an sich völlig korrekt ist) oder zum Einstieg in eine Session mit Musikern, die ihre Karriere noch vor sich haben. 

Nun hat Antônio Carlos Jobim zwar wahrscheinlich die Hälfte aller Bossas (diesen vereinfachten Plural möchte ich gerne weiterhin verwenden) geschrieben, aber die gottseidank obligatorische Gitarre spielten zumeist andere. Und was für welche!

Als meine neuen Helden erwählte ich João Gilberto, Luiz Bonfá und Baden Powell de Aquino (dessen Namen man zumindest bei der ersten Erwähnung komplett angeben muss, da er nach dem Gründer der Pfadfinderbewegung Baden Powell benannt wurde). Meiner selbst auferlegten Beschränkung auf drei Helden ist der großartige Laurindo Almeida (und sicher noch viele andere) zum Opfer gefallen. Sorry!

Der erst im letzten Jahr verstorbene Gilberto hat den Sound der Bossa Nova durch sein unaufgeregtes, sehr lässiges, dabei aber durchaus virtuoses Gitarrenspiel zum fast geflüsterten Gesang geprägt wie kein anderer. Sein Desafinado lässt einen ob der unglaublichen Unabhängigkeit zwischen Gesang und Begleitung fast ratlos zurück.  

Baden Powell war ein bedeutender brasilianischer Gitarrist, der zwar stets zu den Pionieren der Bossa Nova gezählt wird, in seinen Performances jedoch zumeist spanische Gitarre mit einem kräftigen Schuss Flamenco bietet. Seine 1970 auf Film festgehaltene Solo-Darbietung von Manhã de Carnaval (Black Orpheus) mit einer brennenden Zigarette zwischen den Fingern der Zupfhand und einer Greifhand mit zu langen und auch noch schmutzigen Fingernägeln ist allerdings eine echte Perle…

Bleibt Luiz Bonfá. Er spielt schon ab den 1960ern einen fulminanten Fingerstyle, der einen Vergleich mit den heutigen Ikonen durchaus stand hält. An seinem Batucada beisse ich mir seit zwei Wochen regelmäßig die Zähne aus. Hat man die rhythmische Finesse eines bestimmten Taktes erst einmal verinnerlicht (was natürlich nicht bedeutet, dass man diesen dann auch schon anständig spielen kann), sind vorhergehende oder nachfolgende Teile schon wieder vergessen. Eine höchst beeindruckende Vorstellung seinerseits, bei Youtube hier >>> nachzusehen.

So verbringe ich meine zwangsläufig erlangte zusätzliche Freizeit mit der Erarbeitung sämtlicher Bossas/Sambas, derer ich habhaft werden kann, um in einer Post-Corona-Zeit mein neues Bossa Nova Programm vorzustellen. Bis dahin habe ich die Portraits meiner früheren Gitarren-Götter wie Eddie Lang, Django Reinhardt, Barney Kessel und Martin Taylor etwas weiter nach hinten im Regal geschoben (ihre Kunst und ihr Einfluss soll keinesfalls geschmälert werden, ich stelle sie ja nicht weg!) und die von João Gilberto, Luiz Bonfá und Baden Powell davor drapiert. 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Als ich nicht Flamenco-Gitarrist wurde

Liebe Leser,

da ich aus aktuellem Anlass zur Zeit weniger spiele und mehr schreibe (was ich mir eigentlich ja für letztes Jahr vorgenommen hatte) beschäftige ich mich mit Musik, welche zwar zumeist in eine Rubrik des Jazz gesteckt wird, genauso gut allerdings auch als traditionelle indigene Musik bestimmter Völker oder Gruppierungen gelten mag. Nehmen wir beispielsweise Klezmer, Gipsy Swing, Bossa Nova oder Flamenco. Da hat jeder sofort seine Assoziationen im Kopf. Und da fiel mir eine nette Begebenheit ein, die sich in den späten 1990ern zugetragen hatte:

Die beste aller Ehefrauen und ich waren zusammen mit einem befreundeten Pärchen in Madrid zu Gast, für eine Woche Urlaub vom trüben Franken. Nachdem wir einen Tag lang alle Sehenswürdigkeiten der Stadt abgeklappert hatten – ist natürlich gar nicht möglich, aber einige Stunden im Prado waren sicherlich dabei – fielen wir völlig erschöpft in ein großes Restaurant in der Nähe unseres Hotels. Weil es da rum stand und offensichtlich geöffnet war. Herrje, ein riesiger Speisesaal, kärglich eingerichtet. An einem einzelnen Tisch saß bereits eine Gruppe japanischer Touristen, sonst herrschte gähnende Leere. Auch schon egal. Wir ließen uns unaufgefordert an einem Vierertisch in der Nähe einer leeren Bühne nieder und bestellten irgendein Essen. Offensichtlich waren wir in einer echten Touristenfalle gelandet, wo wahrscheinlich regelmäßig volkstümliches spanisches Liedgut vorgetragen wurde.

Tatsächlich betraten kurze Zeit später eine elegant gekleidete Dame in Begleitung zweier mit Gitarren (spanische, wer hätte es gedacht?) bewaffneter Männer die Bühne. Ach herrje, jetzt auch noch Flamenco, die spanischste aller spanischen Musik. Einfältiges Geschraddel auf Wandergitarren!

Die drei legten los… und mir fielen die Ohren ab!

Die Sängerin war eine ausdrucksstarke Person mit großer Stimme und unglaublichem Rhythmusgefühl. Sie setzte zwischen ihren Gesangsparts zusätzliche rhythmische Akzente durch Klatschen, Kastagnetten und den flamenco-typischen Stepptanz. Erste Sahne für den nicht fachkundigen Zuhörer. Für den fachkundigen wahrscheinlich auch…

Und die Gitarristen! Jeder ein Meister an seinem Instrument, in meinen Ohren so virtuos wie der damals noch quietschlebendige Paco de Lucia. Irrsinnige Soli wechselten sich mit rhythmisch präziser Begleitarbeit ab, um prompt dezent in den Hintergrund zu treten, wenn die Sängerin traurige Melodien anstimmte. Wir saßen allesamt mit offenem Mund da und ließen unser Essen kalt werden. Absolut professioneller Musikgenuss in einem Mampftempel für Touristen, bei freiem Eintritt. Nach etwa einer Dreiviertelstunde verließen die drei Musiker die Bühne und verschwanden zur Pause in die Garderobe oder einen Nebenraum, vor dessen Zugang, nahe an unserem Tisch gelegen, ein alter Mann saß. Offensichtlich ein Bediensteter des Restaurants, allerdings kein Kellner oder Koch, denn dafür hatte er nicht die richtige Kleidung an. Vielleicht der Hausmeister? 

Als die Musiker an ihm vorbeigingen wechselte er mit den Gitarristen ein paar Worte, die ich aufgrund der Entfernung und meiner nicht vorhandenen Spanischkenntnisse nicht verstand, schnappte sich eine der Gitarren und diskutierte offensichtlich mit den Kollegen eine bestimmte harmonische Figur aus dem soeben dargebotenen Programm. Seine Vorschläge spielte er den Kollegen gleich vor, und dies ebenso virtuos wie diese vorher auf der Bühne gespielt hatten. Noch ein Paco de Lucia. Ich ließ mein Kinnlade gleich unten. 

Ich war inzwischen wie mein Freund und Musikerkollege am Tisch der festen Überzeugung, dass wirklich jeder in diesem Laden uns beide einhändig unter den Tisch spielen konnte, wahrscheinlich auch das Küchen- und das Reinigungspersonal.

So kam ich ausgerechnet in einer Madrider Touristenfalle zu meiner ersten Flamenco-Live-Darbietung, einer überzeugenden zudem. Und ich beschloss fortan, die Finger von dieser Musik zu lassen, die offensichtlich jeder Einheimische so filigran beherrscht.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gibson L-4 1935?

Liebe Leser,

gut, wir bleiben beim Thema. Gibson L-4. Nach den Beiträgen über ein 1928er und ein 1949er Modell heute einer über eine Gibson L-4 Baujahr 1935. Keine Sorge, nun gehen mir aber die L-4 aus, nächstes Mal schreibe ich über eine andere Modellreihe. Ehrlich!

Aber dies ist eine spezielle Geschichte. Und ich darf nicht einmal mit Sicherheit verneinen, dass ich mit diesem Beitrag eine Themaverfehlung begehe. Klingt kompliziert. Nun denn, von Anfang an:

Im Jahr 2011 besuchte meine Freund und Musikerkollege ME die Metropole New York. Hm, seltsamerweise ist ME nahezu bei allen Stories über Gibson-Archtops beteiligt. Eventuell huldigte er zumindest zeitweise dem selben Fetisch wie ich. Natürlich konnte er sich einen Besuch bei Sam Ash, einer bedeutende Musik-Handelskette mit immerhin fast 50 Stores über die ganze USA verteilt, nicht verkneifen. ME und ich waren damals auf der Suche nach der Archtop-Gitarre, die den Sound der alten Meister wie Eddie Lang, Carl Kress oder Dick McDonough wieder aufleben ließe. Wie an anderer Stelle beschrieben, ist das gar nicht so einfach, aber das nur am Rande. ME schickte mir diese äußerst hochwertigen und scharfen Fotos:

Möglicherweise stand ME zu dieser Zeit auch noch am Anfang seiner Karriere als Fotograf, vielleicht waren die iPhones zu dieser Zeit noch nicht so weit oder eventuell sind einige Pixel bei der Übertragung über den Atlantik verloren gegangen. ME versicherte mir per Mail, dass es sich um eine L-4, Baujahr 1935 mit nicht unerheblicher akustischer Lautstärke handle. Ein interessantes Instrument, wahrscheinlich genau dasjenige, welches ich seinerzeit so dringend suchte. Allerdings keine F-Löcher. Schade.

Ich trat mit Sam Ash New York in Kontakt und verhandelte über den großen Teich wegen einer Erwerbung der L-4. Zur damaligen Zeit (also vor PayPal) wurde so ein Kauf über Kreditkarte abgewickelt, was bei einem transatlantischen Geschäft durchaus einigen Schriftverkehr wegen Rückversicherung und Verifizierung erfordert. Beim damaligen Umrechnungskurs Euro-Dollar von etwa 1:1,36 galt als Faustformel, dass man den angegebenen Preis in Dollar in etwa 1:1 auf Euro übertragen konnte, wenn man Steuer und Versand nach Deutschland hinzu rechnete.

Die Lieferung sollte per UPS erfolgen – in Deutschland nicht eben für reibungslose Abwicklung berühmt. Nach mehreren erfolglosen Zustellversuchen (was anscheinend eher der Normalfall als die Ausnahme ist) machte ich mich auf den Weg ans andere Ende der Stadt, um das inzwischen heiß ersehnte Instrument in Empfang zu nehmen. In einem unwirtlichen Industriegebiet in den Außenbezirken konnte ich nach Passieren mehrerer Schleusen und Übergabe eines ansehnlichen Geldbetrags (die erwähnten Steuern und Lieferkosten) dann endlich das unförmige Paket auf einer wackeligen Bank vor dem UPS-Center öffnen. 

Nun, die Gitarre war ziemlich klein. Etwas Holz mit Sunburst-Lackierung, angeordnet um ein riesiges Schallloch. Salopp gesprochen. Allerdings war das Instrument in gutem Zustand, was angesichts seines Alters von über 70 Jahren durchaus bemerkenswert ist. Und ich musste feststellen, dass die Mitarbeiter von Sam Ash alle Saiten korrekterweise entspannt hatten, da die Gitarre ansonsten bei der langen Reise per Flugzeug durch die immer wieder schwankenden Druckverhältnisse im Frachtraum des Fliegers wohl Schaden genommen hätte. Ich stimmte kurz und klimperte ein paar Töne, was die hinter ihrer Glasscheibe dösenden UPS-Mitarbeiter immerhin kurzzeitig aus ihrer Lethargie weckte.

Die Gitarre fuhr mit nach Hause und sollte Teil meiner Live-Instrumente werden. Ich zog frische Thomastik-Saiten auf und setzte die L-4 bei allen möglichen und unmöglichen Live-Auftritten ein. Da ich sie nicht elektrifizieren wollte, entweder rein akustisch oder gelegentlich über ein AKG 1000 verstärkt. Und ich habe mich mit (natürlich von ME geborgtem) Aufnahme-Equipment hingesetzt und (m)eine erste Solo-CD eingespielt. Bei einer Vorführung der Gitarre für meinen Paderborner Gitarrenkollegen OM fiel der berüchtigte Satz “Hübsch, aber klingt wie eine Gießkanne”, welcher mir zunächst schlaflose Nächte bereitete und eigentlich das Ende meiner Beziehung zur L-4 einläutete. Denn im Herzen musste ich OM zustimmen. Von allen historischen Gibson-Archtops, die überhaupt in einen akustischen Wettstreit gehen dürfen (was Gitarren wie ES-150 oder ES-175 wegen ihrer laminierten Decken ausschließt) und die ich in meinem Leben spielen durfte (diverse L-4, diverse L-5, L-7, Solid Formed (was ein Sch… name) etc.), klang die hier thematisierte L-4 meines Erachtens am … nun, sagen wir: wenigsten gut. Sie war zwar lauter als die in diesem Blog schon vorgestellte L-4 aus dem Jahr 1949, der Sound war aber eher “stumpfer” und keinesfalls so brillant. Und dann die Geschichte mit dem Halsprofil. 

Im Prinzip gibt es zwei (oder drei…) unterschiedliche Halsprofile, selbstverständlich mit allen Abstufungen dazwischen: Das U- (bisweilen auch C- oder D-) und das V-Profil, wobei schon der jeweilige Buchstabe das Prinzip verdeutlicht:

Jeder Gitarrist hat andere persönliche Vorlieben und es ist natürlich eine Sache des Geschmacks und der Gewöhnung. Die L-4 hatte ein ausgeprägtes V-Profil. Doch die etwas spitzere Auflage für den Daumen bereitet mir auf Dauer Schmerzen, und zwar nicht etwa in der Greifhand, sondern in den Sehnen des Unterarms. Daran konnte ich mich auch in den drei Jahren, in denen ich die Gitarre gespielt habe, nicht gewöhnen.

L-4 oder L-50?

Bis heute ist nicht eindeutig zu klären, ob es sich bei diesem Instrument tatsächlich um eine L-4 handelt, oder – das ist inzwischen meine Ansicht – um eine L-50. Leider gibt es kein umfassendes Gibson-Archtop-Museum, so dass man auf die Bilder bei unzähligen Auktionen oder kleinen Online-Sammlungen angewiesen ist. Zudem sind die Modelle mit Schallloch seltener als die mit F-Löchern. Bei den Recherchen bin ich zumeist auf Bilder und Artikel gestoßen, die exakt diese Gitarre als L-50 auswiesen. Als ich allerdings einen anderen Gitarristen, der sein Instrument auf der Facebookseite “Friends of the Archtop Guitar” präsentierte, diesbezüglich anfragte, wurde der richtig pampig – es sei garantiert eine L-4. Nun ja, offensichtlich ist dies so klar nicht.

Nichtsdestotrotz – die L-50 sollte mich verlassen und Platz für eine andere Gibson machen, von der mit Sicherheit auch noch berichtet wird. Doch auch dies war nicht so einfach. Denn eigentlich hätte mir Sam Ash die Gitarre gar nicht über den großen Teich schicken dürfen, zumindest nicht ohne weiteren, noch viel größeren Papierkram. Denn Gibson hat in den 1930er Jahren für seine Griffbretter zumeist Brazilian Rosewood, zu deutsch: Rio-Palisander, verbaut, ein Holz, das seit 1992 streng geschützt ist. Ausfuhren von verbautem Holz aus den USA sind verboten. Für antike Instrumente gibt es verständlicherweise Ausnahmen, aber dies muss der Verkäufer (oder auch der neue Besitzer) korrekt nachweisen.

Ich beruhigte mein ökologisches Gewissen mit der festen Überzeugung, dass eine 1935 gebaute Gitarre sicherlich unter den Antiquitäten-Passus der Handelsbeschränkung fallen müsse. Zudem ist es ja gar nicht sicher, dass exakt in dieser L-50 tatsächlich Rio-Palisander verbaut wurde, oder? Dies allerdings war schon wieder eine Fehleinschätzung meinerseits, denn Rio-Palisander kann auch 80 Jahre nach der Aufarbeitung identifiziert werden, und zwar… am Geruch! Schabt man nämlich (mit einem ganz feinen Schmirgelpapier oder sogar mit dem Fingernagel) etwas am Griffbrett, so entsteht umgehend ein leichter, aber nicht über-riechbarer Geruch nach Vanille. Den konnte nicht einmal meine nicht zu feine Nase ignorieren. Gut, dann eben doch das Antiquitäten-Argument…

Die L-50 fand nach einiger Zeit einen Abnehmer (der es offensichtlich mit den Restriktionen beim internationalen Holzschutz auch nicht so genau nahm) und ich zahlte meinen üblichen Wiederverkaufs-Verlust (siehe meinen Beitrag → “Hans im Glück”) als Lehrgeld. Natürlich habe ich aus dieser Episode wieder für’s Leben gelernt… und mein Verhalten danach nicht geändert.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Ich spreche leider nicht jazzisch

Liebe Leser,

mit Profi-Kollegen arbeiten zu dürfen, ist ein Segen. Allerdings wird einem dabei so manches klar. Nun halte ich mich ja offenkundig für einen nicht unbegabten Gitarristen, ja sogar ordentlichen Musiker. Aber – ich spreche nicht jazzisch! Was hier etwas wie eine heitere Glosse klingen mag, hat einen durchaus ernsten Hintergrund: Ich vermag zwar die Standards des Great American Songbooks ordentlich zu Gehör bringen, so dass es für einen Großteil der Zuhörerschaft im weitesten Sinne „schön“ klingen mag, doch ich spreche dabei nicht (oder zumindest nur rudimentär) die Sprache des Jazz. Ein paar Brocken, genug um die anderen Touristen zu täuschen.

Zur Erläuterung: Die „Sprache“ einer Musikrichtung hat nichts mit „richtig“ oder „falsch“ zu tun, auch nicht primär mit den einzelnen Tönen. Ein Stück von Joe Pass klingt nach Jazz, eines von B.B. King nach Blues, eines von Jimi Hendrix nach Rock. Natürlich war jeder dieser herausragenden Musiker in der Lage, einen Song oder gar eine Platte anderer Genres sehr gut zu spielen, aber ihr jeweilig eigentliches Idiom war es nicht.

Die Erkenntnis, eine Sprache, die man sehr schätzt, nicht zu beherrschen, ist durchaus frustrierend! Nun habe ich eben im Gespräch und auch im Spiel mit meinen Profi-Kollegen in Hinblick auf das Erlernen des Jazzisch stets dieselbe Antwort erhalten.  Alle  haben über Jahrzehnte die Soli der großen Vorbilder gehört und – noch viel wichtiger – nachgespielt. Und das von mir so hochgeschätzte funktionsharmonische Verständnis kam  hinterher. Mag man solches mit dem Unterschied zwischen amerikanischen und europäischen Jazzern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vergleichen. Mit allen Einschränkungen, unter denen solche Vergleiche stets hinken:

Musiker wie Louis Armstrong oder auch Charlie Parker sind in ihren Genres (New-Orleans-Jazz, Swing, Bebop) aufgewachsen und haben am Anfang der Karriere die Songs ihrer Vorbilder gehört und gespielt, immer und immer wieder gespielt.

Anders war es bei Nachkommen europäischer, oft jüdischer, Emigranten, die im Amerika des beginnenden 20. Jahrhunderts Fuß zu fassen versuchten. Sie brachten zwar wie ihre oben genannten Kollegen jede Menge Talent mit, hatten jedoch eine ganz andere musikalische Vorbildung. Die Melodien sind wunderschön, aber eben eher europäischer denn ur-amerikanischer Abstammung. Der Sound des Jazz (oder bisweilen eben auch nicht) schleicht sich durch die jeweilige Interpretation des Songs ein.

Bei uns Jazz-Musikern trennen sich die Spreu vom Weizen zu Beginn der musikalischen Laufbahn. Denn die Stunden in der Jugend, die man mit seiner Lieblingsmusik verbracht hat, prägen doch erheblich. Ich kriege den Folk-Picker definitiv nicht mehr aus mir heraus, obwohl ich seit etwa 20 Jahren überwiegend Jazzgitarre spiele. Und beim nächsten Gig bewundere ich dann wieder das anscheinend unerschöpfliche Arsenal an gekonnten Bebop-Phrasen, mit denen mein Mitmusiker seine Soli würzt. Aber zumeist übt der- oder diejenige sein/ihr Handwerk schon viele Jahre professionell aus und hat womöglich auch noch einige Semester Jazz auf dem Buckel. Solcherlei ist mit Engagement am Feierabend, eventuell noch abgelenkt durch außer-jazzige Musikprojekte, im fortgeschrittenen Alter nicht mehr aufzuholen.

Wir Spätberufenen stürzen uns dann in die Harmonielehre, um wenigstens theoretisch zu begreifen, was man über die mannigfaltigen Standards spielen kann oder sollte. Doch viel zu oft verlieren wir uns im Tonmaterial und weniger in der Phrasierung, wobei letzere meines Erachtens wesentlich entscheidender für gutes Jazzisch ist. Ich denke, man sollte als mittelbegabter Jazzer in den 50ern seinen Frieden mit der Situation machen. Keinesfalls aber mit dem Dazulernen-Wollen aufhören! In der Praxis bedeutet dies, an den Generaltugenden (Akkorde, Skalen, Timing, Repertoire) permanent zu arbeiten und sich ab und zu von den Meistern eine kleine Wendung abzuschauen.

Viele bedeutende Musiker haben ihre musikalischen Wurzeln nicht verleugnet oder sich sozusagen „weggeschminkt“ sondern ganz selbstverständlich in ihre Musik eingebaut. Und bei so manchem Pop- oder Rock-Song kann auch der ausgefuchsteste Jazzgitarrist bisweilen noch etwas dazu lernen. Von daher, liebe Spätzünder: Lasst uns versuchen, ein paar Brocken Jazzisch zu sprechen, ohne aber dabei unsere Muttersprache zu vergessen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige