Der Geschichtenerzähler

Liebe Leser,

ich räume derzeit meinen Blog auf. Naja, das trifft es nicht wirklich. Eigentlich schaue ich mir meine Ordner mit den Texten durch, aus denen ich irgendwann mal einen Blogbeitrag machen wollte. Über die Corona-Misere werde ich dann nächste Woche wieder klagen. Ich stieß also beim Stöbern auf ebendieses inzwischen wohl mehr als fünf Jahre alte Textfragment (welches ich jetzt ohne das geringste schlechte Gewissen korrigiert, aktualisiert und ergänzt habe):

Manchmal schaue ich tatsächlich Fernsehen. Also so richtig live vor der Glotze und nicht auf im Nachhinein auf Youtube oder sonstwo. Das nennt man inzwischen (2021) „lineares Fernsehen“ und es ist total „out“ oder „lame“. Da lief am 18.11.2015 (!) in der ARD der interessante Film “Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit” mit dem von mir sehr geschätzten Tobias Moretti. Wie immer hatte ich mir vorab einige Kritiken zu dieser Fernsehproduktion durchgelesen. Das soll man ja eigentlich nicht machen, aber ich kann’s einfach nicht lassen!

Ich gehe zwar mit den notorischen Nörglern von FAZ und WELT konform, dass der Verzicht auf so manchen kitschigen Postkartenhintergrund dem Film ganz gut gestanden hätte, fand aber im Gegensatz zu manchen Zeitungskritiken die schauspielerischen Leistungen durchwegs gut, die von Moretti wieder mal hervorragend. Am Ende des Films, welcher in den späten 1950ern endet, teilt Luis Trenker seiner Ehefrau mit, dass er eine neue Beschäftigung anstatt des Filmens gefunden habe, nämlich das Geschichtenerzählen. Und wie dann Tobias Moretti den Trenker vor der Kamera mimt, wie er in den frühen 1960ern sein Publikum unterhält, dann ist das erste Sahne! Jede Geste und jedes Wort wie von Trenker persönlich.

Luis Trenker? Das wird vielen – insbesondere den jüngeren – Lesern nichts sagen. Daher jetzt eine kleine Klammer:

Luis Trenker, geboren als Alois Franz Trenker (* 4. Oktober 1892 in St. Ulrich in Gröden, Tirol, Österreich-Ungarn; † 12. April 1990 in Bozen, Südtirol, Italien), war ein Bergsteiger, Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller. 

Er diente als sogenannter Einjährig-Freiwilliger in der österreichisch-ungarischen Armee im Ersten Weltkrieg zunächst in Galizien, im Sperrfort Verle bei Trient und schließlich in den Dolomiten. Nach dem Krieg nahm er sein Architekturstudium wieder auf und arbeitete danach als Architekt in Bozen.

1921 kam der nebenberufliche Bergführer Trenker quasi zufällig zum Film, weil er – vom Regisseur Arnold Fanck ursprünglich als Helfer engagiert – den kletterunkundigen Hauptdarsteller des Bergfilms Berg des Schicksals kurzerhand ersetzen durfte. In dem Fanck-Film Der heilige Berg (1926) war er bereits als Schauspieler etabliert und spielte dort an der Seite der jungen Tänzerin Leni Riefenstahl, die später die Regisseurin der Nationalsozialisten werden sollte.

Trenker gab sein Architekturbüro auf, lebte ausschließlich als Regisseur und Schauspieler und übersiedelte 1927 nach Berlin. Bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein produzierte er Berg- und Abenteuerfilme, die sowohl beim italienischen Mussolini- wie auch beim deutschen Hitler-Regime sehr gut ankamen, so dass der Südtiroler lange Zeit ein gutes Auskommen hatte und hohes Ansehen genoß.

Aufgrund seines Zögerns und langen Lavierens in der schwierigen Optionsfrage (die Südtiroler bzw. die Ladiner hatten sich zwischen einem Anschluss ans Deutsche Reich, was mit Umsiedlung verbunden war, oder mit der Zugehörigkeit zum faschistischen Italien zu entscheiden) fiel Trenker bei der NS-Führung dann im Frühjahr 1940 in Ungnade. Er wurde mit einem Berufsverbot belegt und siedelte von Berlin zunächst nach Rom, später nach Südtirol um. Die meisten Historiker schätzen das Verhalten Trenkers während des Nationalsozialismus/Faschismus weder als rebellisch noch als kollaborativ ein, sondern einfach als opportunistisch. Man musste halt sehen, wo man bleibt…

Nach dem Krieg, beim Versuch, sich über Wasser zu halten, entwickelte er Geschäftsmodelle, die bei Lesern meiner Generation, die den Film Schtonk! aus dem Jahre 1992 und auch die zugrunde liegende Spiegel-Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher im Jahr 1983 noch gut im Gedächtnis haben, Erinnerungen wecken: Zunächst verkaufte er frisch gefertigte Schnitzereien (in diesen Zeiten gab es im Grödnertal unzählige Holzschnitzer) als Antiquitäten, nachdem er sie mit Schrot beschossen, mit dem Lötkolben versengt oder zeitweise in der Erde vergraben hatte.

1946 versuchte er das Manuskript von Tagebüchern der Eva Braun in Europa und den USA zu verkaufen, was ihm auch einige Male gelang. Erst 1948 wurde diese Unternehmung von der Familie Braun mit Leni Riefenstahl (!) als Nebenklägerin durch eine einstweilige Verfügung des Landgerichts München I gestoppt. Die Urheberschaft an den Tagebüchern, welche real natürlich ebensowenig wie diejenigen von Hitler existierten, wurde nie endgültig geklärt. Man geht aber von Luis Trenker aus, auch wenn er dies später mehrfach dementierte.

In den 1950er Jahren begann Trenker dann, wieder Filme zu drehen, und war damit auch bis in die 1960er Jahre durchaus erfolgreich. 1959 lief im Bayerischen Rundfunk die Sendung Luis Trenker erzählt an, welche ich in den 1960er und 1970er Jahren im Fernsehen und jetzt 50 Jahre später wieder in YouTube gesehen habe.

Quelle: Wikipedia, gekürzt nach bestem Wissen und Gewissen

Klammer zu.

Ich musste mir natürlich sofort (also Anfang 2016 und eben jetzt Anfang 2021) einige Originalsendungen der Reihe “Luis Trenker erzählt” bei Youtube anschauen, die dort dankbarerweise eingestellt wurden. Und ich muss gestehen, der Mann hatte es wirklich drauf!

Fernsehen der 1960er Jahre, welches der junge Mensch sich heutzutage nicht mehr vorstellen kann! Da sitzt einer in seinem rustikalen Wohnzimmer (in der „Stube“) oder in einem als Stube hergerichteten Fernsehstudio und erzählt Geschichten aus seinem Leben. Ohne Skript, ohne Notizzettel, ohne Teleprompter, die Kamera hält drauf, geschnitten wird nicht. Und die Erzählungen sind, wie sogar die beste meiner Töchter, die wirklich in einer modernen und hochdigitalisierten Welt aufgewachsen ist, zugegeben hat, durchaus unterhaltsam und packend. Luis Trenker läßt in seinen Geschichten eine Zeit lebendig werden, die schon zum Zeitpunkt der Aufnahme 50, heute sogar 100 Jahre zurückliegt. Obwohl sich seine Erzählungen von eher harmlosen Bergsteigeranekdoten bis hin zu durchaus tragischen Schilderungen aus dem Ersten Weltkrieg oder dem Amerika zu Zeiten der Wirtschaftskrise spannen, sind Fremdschäm-Momente überraschend selten. Zumeist findet er intuitiv den richtigen Ton. Immerhin ist er in Österreich-Ungarn unter der Regentschaft des Kaisers Franz Joseph I. (ja genau, der Franz von der Sisi) geboren, da war eine auch nur annähernd politisch korrekte Ausdrucksweise (oder auch eine gewaltfreie Kindererziehung – da darf nach einer „gerechten“ Watschn, die der kleine Luis von einem Bauern gefangen hatte, schon mal das Trommelfell geplatzt sein…) noch lange nicht in Sicht. 

Mag auch einiges geschönt, gebogen oder verharmlost sein – die Erzählungen des Luis Trenker sind echte Perlen des deutschsprachigen Fernsehens und – nie langweilig! Herausragend sind seine Schilderungen des Ersten Weltkriegs, welchen er die ganzen vier Jahre als Soldat mitgemacht hatte. Trotz der oft eingestreuten heiteren Anekdoten geht dieser Bericht eines Zeitzeugen einer längst vergangenen Ära doch an die Nieren.

Luis Trenker war ein hervorragender Bergsteiger und Skifahrer, ein innovativer Regisseur und wahrscheinlich der Autor der Tagebücher von Eva Braun. Am besten war er aber meiner Meinung nach als Geschichtenerzähler. Es ist übrigens auch mit Hilfe des allwissenden Internets nicht möglich, ein Gesamtverzeichnis der immerhin von 1959 bis 1973 aufgezeichneten „Luis Trenker erzählt“-Folgen zu finden. Vielleicht stelle ich mich ja auch wieder mal nur dusselig an…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Do ut des

Liebe Leser,

Web, Facebook, YouTube, Twitter, Pinterest, Instagram, TikTok? Alles klar! Ich fühle mich zwar zu alt für den Scheiß, aber was bleibt schon in diesen pandemischen Zeiten? Alle meine lukrativen Live-Gigs (die nicht so lukrativen natürlich auch) werden immer wieder aufs Neue verschoben, langjährige Comic-Kunden stellen ihre Publikationen ein und die Firmen, für die ich dankbarerweise Arbeit in der Buchhaltung oder im Sekretariat verrichte, fahren auftrags- und damit umsatzmäßig seit nunmehr über 12 Monaten Corona zumindest mit angezogener Handbremse. Es gilt also, online neue Märkte und damit Umsatz oder gar Gewinn zu generieren. Gut, dass ich da als Erster drauf gekommen bin.

Seit Anfang des Jahres habe ich meinen YouTube-Kanal wiederbelebt (sucht nach gige2009 oder klickt hier >>>), ab 2015 pflege ich meine Präsenzen bei Facebook („Hahaha, wer nutzt denn noch Facebook?“) und diesen Blog. Ok, und meine Webpräsenz www.gige.de sowie meine Seite bei Patreon >>>. Aber mehr geht einfach nicht. 

Bis auf den Sonderfall Patreon erbringen alle Sites, Kanäle und Präsenzen in ihrer derzeitigen Verbreitung keinerlei Umsatz, sie dienen rein zur Unterhaltung meines Publikums und generieren allenfalls sekundär etwas Geschäft, wenn jemand einen Tonträger oder eine Publikation bestellt. Oder mich für eine Veranstaltung bucht (was ja bekanntlich seit einem Jahr nicht mehr passiert).

Nun ist so, dass man sowohl für sein Publikum wie auch für die ungnädigen Algorithmen unablässig Content zu produzieren hat, welcher auch in irgendeiner Form konsumiert und am besten auch noch bewertet werden muss. Da man – wie oben bereits erwähnt – nur einer von tausenden ist, muss es das Netzwerk erledigen, die treuen Freunde, Fans und Follower. Und hier wird es anstrengend.

Viele meiner Facebook- und sonstigen digitalen Freunde sind natürlich ebenso Musiker und veröffentlichen jede Menge eigenen Content. Und so haben sie ebenfalls den Wunsch, ihre Videos, Tonaufnahmen und Texte möglichst bekannt zu machen. Nun ist es für mich eine Sache der Fairness, dass ich die Beiträge meiner Kollegen like, selbst wenn der eine oder andere nicht hundertprozentig nach meinem Geschmack ist. Musiker ernähren Musiker, ein alter Hut. Zudem kostet ein Like oder ein kurzer netter Kommentar ja nix. Außer Zeit. Und so muss ich eben täglich zwischen 30 und 60 Minuten derselben opfern und lese Beiträge anderer Blogger, denen ich folge, weil sie mir folgen, gucke mir Clips meiner Mitmusiker auf Facebook und YouTube an, wobei ich nicht mit „Gefällt mir“ spare und bestelle hin und wieder eine CD eines Freundes oder musikalischen Leidensgenossen.

Das ist Dir alles zuviel und zu aufwändig? Gut, dann lass es bleiben. Beklag Dich jedoch nicht, wenn die anderen Kinder dann nicht mehr mit Dir spielen wollen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gedanken zum Jahresbeginn

Liebe Leser,

natürlich habe ich wieder viel zu lange mit Arbeit und so ’nem Kram herumgetrödelt, dass dieser Beitrag zur Begrüßung des neuen Jahres schon fast zum Ende des Karnevals erscheint. Da selbiger – wie so vieles – ausfallen wird, ist auch diese Angabe irrelevant. Wie immer entschuldige ich mich in aller Form für … naja, alles eben. Nun aber der Text: 

So, endlich ist 2020 Geschichte. Wir haben jetzt 2021 und alles wird besser. Hatte ich mir so gedacht. Ja, Pustekuchen. Wir hocken im verschärften Lockdown und freuen uns, wenn die Impfquote der Bevölkerung im Promillebereich ansteigt. Langsam aber sicher geht mir Corona auf die Nerven. Soeben habe ich eine Nachricht von Rainer Glas erhalten, dass der 40. Internationale Jazzworkshop Erlangen auch im Jahr 2021 nicht stattfinden kann. Die Nachricht wird auch bei der Wiederholung (siehe diesen Beitrag von 2020 >>>) nicht besser.

Die Pläne, die ich mit Beginn der Pandemie für 2020 gemacht hatte („Ab Herbst können wir dann…“) sind jetzt offenbar auch für 2021 obsolet. Weia, das nervt gewaltig!

Und dann noch die Bekannten (echte Freunde sind es zumeist nicht), die in der Krise eine Herausforderung oder gar Chance sehen. Träumer, die in Kurzarbeit kreativ werden oder in „systemrelevanten“ Berufen (womit natürlich nicht die tatsächlich systemrelevanten und hart schuftenden Helden im Gesundheitswesen etc. gemeint sind!) arbeiten, wo man außer der obligatorischen Maske nichts von der Pandemie bemerkt. Herrje, ich hab’s gerafft! Online-Konzerte streamen, Unterricht per Skype, Harmonielehre-Kurse über das Web und so weiter und so fort. Jaja, schon klar. Ich mach ja schon!

Am besten ist der Tipp, viele Videos für YouTube zu produzieren, so wegen Influencer oder Content-Creator und all den Schissl. Das ist eine entsetzliche Arbeit – seit Tagen schneide ich an einem 3-Minuten-Video herum – und bringt dem (nicht mehr ganz taufrischen) Live-Musiker genau gar nichts. Um es frei heraus zu sagen (entschuldigt den rüden Ton, Ihr Blog-Leser seid explizit ausgenommen und ohnehin meine Treuesten!): Steckt Euch sämtliche gutgemeinten Rat-, Optimierungs-, Vor- und sonstigen Schläge an den Hut. Naja, ging doch, war nicht zu rüde. Also: Was ich tun müsste, weiß ich. Nur nicht wann. Und ich weiß auch nicht, wie man das alles bezahlen soll.

Ein passabler Weg, darbende (eine zugegebenermaßen angesichts meines Leibesumfangs etwas fragwürdige Formulierung) Künstler zu unterstützen, ist es, deren Erzeugnisse bzw. Merch (= Merchandising-Kram – die Abkürzung wird inzwischen sogar von der Rechtschreibprüfung toleriert) zu kaufen. Und es gibt ja allerhand:

Man kann sich die „Harmonielehre für Gitarre“ von Helmut Kagerer & Gige Brunner (siehe dieser Beitrag >>>) bestellen, oder eine der schönen (neuen) CDs „dreipunktnull“ (siehe dieser Beitrag >>>) bzw. „Bossa Nova“ (siehe dieser Beitrag >>>). 

Bestellung per Mail an jazz@gige.de oder auf allen legalen Kommunikationswegen zu mir. Oder das:

Ganz heißes Zeug. Für Gitarristen. Feine Fingerstyle-Arrangements populärer Standards aus Jazz und Bossa Nova. Derzeit lieferbare Hefte (als PDF):

La Mer, Se é Tarde Me Perdoa, Out of Nowhere (und in den nächsten Tagen Lobo Bobo und On a Slow Boat to China). Jedes PDF enthält ein Fingerstyle-Arrangement des kompletten Songs in kombinierter Notation und Tabulatur sowie eventuell ein paar Anmerkungen und kostet 5 Euro. 

Bestellung per Mail an jazz@gige.de oder auf allen legalen Kommunikationswegen zu mir. Zudem auch direkt über den Verlag unter www.hm5-publishing.de (wo ich die PDFs baldigst auf der Website einstellen bzw. bewerben werde, versprochen!).

All diese schönen Sachen werde ich impertinent bei YouTube bewerben und zudem den jeweiligen Beitrag durch einen gewieften Titel als Clickbait nutzen. Ja, so clever bin ich drauf! Ihr findet meinen Kanal in Youtube >>> unter dem knackigen gige2009. Seufz…

Zu guter Letzt wird es im März (hoffe ich) einen Online-Kurs zum Thema Harmonielehre bei der vhs Schwabach geben, für den ich das oben genannte Buch in handliche Happen zerteilt habe, die sich zum Einen in vier Lektionen und zum Anderen ohne explizite Gitarrenkenntnisse genießen lassen. Ankündigung und Ausschreibung erfolgt zeitnah. 

So wurde meine wütende Abrechnung mit dem ganzen Volk der Krisengewinnler, Optimierer und Consulter (welche ich schon in meinen Angestellten-Zeiten nicht ausstehen konnte) nun doch zu einer Werbeveranstaltung in eigener Sache. Aber wie sagte schon Brecht so schön: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Gedanken zum Jahresende 2020

Liebe Leser,

es ist eine schöne Tradition, dass ich zum Ende des laufenden Jahres einige Zeilen in diesem Blog schreibe. Aber dieses Jahr ist das nicht schön! 2020 war, mit Verlaub gesagt, beschissen! Nach gutem Start mit schönen und lukrativen Gigs im Januar und Februar hat es mir die Laune ab März (die CD-Präsentation „dreipunktnull“ am 14.03. war mein erster Termin, der gecancelt werden musste) gehörig verhagelt. Corona hat jegliche musikalische Ambitionen im Jahr 2020 gekillt. Gut, es sind zwei Tonträger und ein Buch mit meinem Namen darauf erschienen, was sich ja nach einem respektablen Output anhört. Aber wenn man ausschließlich reale Produkte herstellt, die sich eben nicht in digitaler Form erwerben lassen, hat man offensichtlich auf das falsche Pferd gesetzt. Die gute Nachricht: Die Sachen verderben ja nicht…

Nebenbei hat wieder eine Zeitschrift, für die ich zusammen mit Sven Heißler schon viele Comics produziert habe, ihr Erscheinen eingestellt. Na, Ihr wisst ja, schlimmer geht immer.

Nun bin ich natürlich nicht undankbar, dass meine Familie und mein engster Freundeskreis von einer Corona-Erkrankung verschont geblieben sind, doch dies ist zum größten Teil Glück, zum kleineren Teil Vorsicht, aber sicher nicht der allgemeinen Disziplin unserer Bevölkerung geschuldet. Nach nunmehr 10 Monaten Pandemie im Wechsel zwischen Lockdown und Lockerung trifft man immer noch zu viele Zeitgenossen, die offenbar in zwei Realitäten parallel leben! In der einen, in der es aufgrund steigender Infektionszahlen, dauerhafter Überlastung des Gesundheitswesens und einer doch bedeutenden Anzahl von Todesfällen vernünftigerweise gewisse Einschränkungen im Alltag gibt, sowie in der anderen Realität, in der das Coronavirus immer noch in Wuhan, oder vielleicht noch ein bissl im fernen Österreich wütet. Da ist es cool, bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die Maske zu verzichten und seinen Mitmenschen auf die Pelle zu rücken. Es ist unfassbar!

Ganz abgesehen von der üblichen Meute an Aluhut-tragenden Covidioten und Kwerdenkern ist auch der Umgang mit den von den Einschränkungen von Anfang an und dauerhaft Betroffenen, also den Künstlern, Hoteliers, Gastronomen und Veranstaltungs-Leuten, unsäglich. Jede „unbürokratische“ „Soforthilfe“ ist geradezu kafkaesk bürokratisch und niemals zügig. Man hat alleine in Nürnberg gegen knapp 50 Künstler Ermittlungen wegen Betrugsverdacht eingeleitet, weil sie in völliger Unkenntnis tagesaktueller Regelungen im April zwei Anträge auf Soforthilfe gestellt hatten (von denen übrigens der jeweils zweite durchgehend abgelehnt worden war). Die Regelungen zu den angebotenen Hilfen, welche auf der Website der bayerischen Staatsregierungen nachzulesen waren, wurden mehrmals geändert (wirklich!), so dass man sich am besten beim Beantragen einer Hilfe einen Screenshot gemacht hätte… 

Die Vorgabe, dass eine Soforthilfe nur für geschäftliche Liquidität, aber nicht zur Bestreitung des Lebensunterhalts verwendet werden dürfe, ist ein echter Burner. Wäre doch bei Kurzarbeitergeld ebenso sinnvoll, oder?

Zum Dank für das Betteln wird man von den in ihrer Kurzarbeit gebetteten Angestellten in vielen Foren (Web wie Print) heftig angegangen, weil man „keine Rücklagen gebildet hat“, weil man „eben flexibel sein muss“, weil man „etwas Anständiges hätte lernen sollen“ und anderes Kroppzeuch. Dass inzwischen auch so solide Berufszweige wie Karnevalisten und Feuerwerksverkäufer nach Staatshilfe schreien, wird akzeptiert, da diese offensichtlich systemrelevant sind, während Musik, Theater und Film ja aus der Steckdose kommt. Ach, drauf gesch…

Nun sieht es ja trotz aller Fortschritte in Sachen Impfung etc. danach aus, als würde uns das Virus noch einige Monate begleiten. Es scheint, dass die (von mir) vorgeschlagene organisatorische Lösung für den Live-Gig-Stau Verschieben, verschieben! eben doch nicht funktioniert. Wir bleiben also weiterhin bei Ebbe in der Kasse krampfhaft kreativ! Was also tun?

Ein Buch habe ich 2020 geschrieben und veröffentlicht, zwei Tonträger ebenfalls. Möglicherweise hatte ich das schon erwähnt. Habt Ihr die Sachen noch nicht? Dann umgehend bestellen! Eine sehr direkte Hilfsmaßnahme in Corona-Zeiten! Weitere Publikationen werden 2021 folgen, verlegt entweder beim eigenen Verlag HM5 publishing UG oder beim Spurbuchverlag. Oder bei beiden.

Live-Konzerte sind auf absehbare Zeit kaum realisierbar. Ich werde also etwas Neues probieren. Wenn der berüchtigte Technik-Gige einige Grundlagen erlernt hat (ich bin dabei!), wird mein YouTube-Kanal mit mannigfachen Gitarren-Videos überflutet. Diese Videos sind die Teaser für weiterführende Video-Kurse, Streams, Veranstaltungen mit Gast (bevorzugt in der realen Welt, sobald man dies wieder gefahrlos tun kann), Bücher, Tonträger und so weiter. Wer mich dabei unterstützen möchte, den bitte ich um ein Patronat bei patreon.com, wo ich mich unter

https://www.patreon.com/gige_jazz

eingenistet habe. An den Benefits, die ein Förderer genießen wird, arbeite ich im Moment noch, aber die offizielle Eröffnung dieser Aktion werde ich noch gebührend an- und verkünden. Ihr müsst jetzt also noch kein Patron werden. Nicht mehr in diesem Jahr.

Liebe Leser, vielen Dank für Eure Besuche auf dieser Website, für Eure Kommentare und Eure Likes. Ein paar Abonnenten mehr wäre nett, aber das ist nicht so wichtig (By the way: Einem Blog bei WordPress zu folgen kostet nix, auch die Mitgliedschaft in WordPress ist mit keinerlei Kosten verbunden). Jetzt rutscht gut raus aus diesem vermaledeiten Jahr und kommt wohlbehalten in 2021 an! Ich wünsche Euch allen ein frohes und gesundes neues Jahr, in dem wir uns hoffentlich nicht nur auf dem Bildschirm, sondern auch in der realen Welt wieder sehen und hören können.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – Fleckenteufel

Liebe Leser,

in der unerwartet (Ihr wisst schon: Corona … zweiter Lockdown … warum habe ich da eigentlich keine Zeit? Seltsam, aber so ist es …) hektischen Vorweihnachtszeit schaffe ich meine Ich-veröffentliche-dienstags-einen-Beitrag-Vorgabe nicht. Zudem möchte ich den erfolgreichen Beitrag Harmonielehre für Gitarre 2020 auch nicht vom Spitzenplatz des Blogs verdrängen. Ja, ich weiß, dies kann man in WordPress konfigurieren, dennoch. Zudem kann ich so auch an dieser Stelle auf mein Gige-Weihnachts-Bundle hinweisen, welches aus den Komponenten Buch Harmonielehre für Gitarre, CD dreipunktnull plus CD Gige plays Bossa Nova besteht und gerade mal 40,00 € kostet, wobei ich den Versand auch noch drauf lege. Pünktlich zu Heiligabend wird womöglich etwas knapp (ich denke, die Zusteller haben schon Mitte letzter Woche kapituliert), aber die Sachen verderben ja nicht.

Zum Thema:

Heute mal wieder eine Rezension. Gelesen und vor allem gehört habe ich Fleckenteufel von Heinz Strunk (bürgerlich Mathias Halfpape). Als bekennender Strunkianer ist dies nichts, was besonderer Erwähnung würdig wäre, doch hier geht es um die zweite, überarbeitete Auflage des Büchleins von 2018. Nun verhielt es sich so:

Im Jahr 2008 veröffentlichte Charlotte Roche ihren berühmt-berüchtigten Erstlingsroman Feuchtgebiete, welcher tatsächlich im selben Jahr auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste aufstieg, welchen ich aber bis dato nicht gelesen habe. Der rührige Rowohlt-Verlag wollte offensichtlich auf der Erfolgswelle mitschwimmen und veranlasste den eindeutig für tabulose Fremdschämschilderungen zuständigen Haus-Autor Heinz Strunk, sein zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichtes Werk Fleckenteufel diesbezüglich aufzupeppen. Ich bin mir sicher, dass Fleckenteufel zunächst ein weiterer halb-autobiografischer Roman mit Jugenderinnerungen des Autors von Fleisch ist mein Gemüse war, der nun eben um allerhand unappetitliche Details der Verdauung und Anatomie des jugendlichen Protagonisten ergänzt wurde, „weil das jetzt gerade angesagt ist!“ Oder so ähnlich. Ich kaufte mir das Buch samt Hörbuch, damals letzteres allerdings für das iPhone.

Zunächst der Inhalt: Der 16jährige Thorsten Bruhn fährt in den Sommerferien des Jahres 1977 auf eine evangelische Kirchenfreizeit nach Scharbeutz an der Ostsee, zusammen mit einem Rudel Gleichaltriger beiderlei Geschlechts und einigen Erwachsenen. Geleitet wird das Ferienlager von Pastor, Diakon und Gemeindehelfer der heimatlichen Kirchengemeinde. Strunk schildert die (zumeist trivial scheinenden) Begebenheiten und Ereignisse während der Freizeit, aus der Sicht des Sechzehnjährigen als Ich-Erzähler.

Das alles klingt unspektakulär und so bleibt es auch. Aber wie bei vielen Büchern von Heinz Strunk verbindet mich die persönliche Erfahrung (ich bin zudem fast Altersgenosse) mit den geschilderten Geschehnissen. Ich selbst war zwischen den 1970er und 1980er Jahren auf vielen Jugendfreizeiten bzw. Zeltlagern und kann bestätigen, dass diese tatsächlich für eine jugendliche Seele bzw. den Pubertierenden durchaus prägenden Einfluß haben können. Da Heinz Strunk dies auch in anderen Werken erwähnt, darf man seine Schilderungen also zumindest teil-autobiografisch werten.

Seine Beschreibung des Verlaufs der christlichen Freizeit, über die Anreise, die stete Bemühungen des Erzählers, in der Gruppe sozialen Anschluss und eben auch seinen Platz zu finden (was tatsächlich unter Jugendlichen in solchen Situationen essentiell ist), die unzähligen, zumeist kompetitiven Freizeitbeschäftigungen und dabei die oft ziemlich emotionale und eben pubertäre Gedankenwelt eines Sechzehnjährigen sind sehr präzise geschildert und erzeugen im Leser, der eine ähnliche Jugend erlebt hat, jede Menge Flashbacks und Bilder. Hat der damals Tagebuch geführt? Die fast minutiöse Beschreibung eines „Disco-Abends“ auf der Freizeit, vor allem die wirklich treffende Schilderung der Stimmungsdynamik (gibt es sowas? Naja, Ihr wisst schon, was ich meine) aus der Sicht eines jungen Menschen, der gerne bei der Party mitmachen möchte, aber stets den richtigen Moment zwischen cool-daneben-sitzen und sich-ins-Getümmel-werfen-und-mitfeiern verpasst und deshalb in einer dunklen Ecke des Raumes bis fast zum Ende der Veranstaltung alleine sitzen bleibt, ist meines Erachtens ein echtes Meisterwerk! Das kann so nur einer schildern, der derlei schon am eigenen Leib erfahren hat.

Auch die Archetypen aller Reiseteilnehmer, insbesondere der Jugendlichen, sind hervorragend getroffen. Für Harald, Andreas, Susanne oder Tiedemann erscheint in meinem Kopf umgehend das süddeutsche Pendant aus meinen 1970er Freizeiten.

Solcherlei Schreibe ist wirklich eine der ganz großen Stärken Heinz Strunks, die allerdings zumeist nur einer männlichen Leserschaft zugute kommt. Alle Werke von ihm sind – wie schon in einem anderen Beitrag angemerkt – Jungs-Bücher.

Strunk-Romane konsumiere ich am liebsten als Hörbuch. Ich weiß, er hat einen Sprachfehler und verhaspelt sich auch hin und wieder. Aber er lässt diese Fehler einfach im Take und lacht bisweilen über einen besonders verhunzten Aufnahme-Teil („Schön gesungen!“). Und ich stehe eben auf diese Art zu Lesen im trockenen Hamburger Idiom.

Nun fand ich die Erstausgabe des Hörbuchs von „Fleckenteufel“ sehr gut und habe es mir bestimmt ein gutes Dutzend Male auf meinem iPhone angehört. Heinz Strunk ist kein Stimm-Imitator und verfügt nur über einige wenige Stimm-Charaktere, aber die genügen, um die Hörbücher zu genießen, wenn man seinen Stil eben mag. Was mir von vornherein nicht gefallen hatte, waren die expliziten Passagen über dysfunktionale oder auch funktionierende Verdauung und den Zustand von Geschlechts- und sonstigen Körperteilen. Bereits von Anfang an hatte ich das Gefühl, diese Abschnitte seien nur in den Text geschrieben worden, um im Sinne der erwähnten Feuchtgebiete zu „schocken“. Sie bringen auch weder die Geschichte noch sonst irgendetwas voran und wirken genau so, wie es wohl tatsächlich gewesen ist: Dazugeschrieben.

Die Jahre gingen ins Land, der technische Vorsprung der iPhones gegenüber der Android-Konkurrenz verschwand zusehends und ich legte mir vor einigen Jahren mein erstes Nicht-iPhone zu. Damit waren allerdings auch meine schönen Hörbücher auf iTunes gefangen und es hätte allerhand Arbeit bedurft, sie auf mein aktuelles Smartphone zu konvertieren. Ich kaufte mir daher Fleckenteufel erneut.

Hörbücher höre ich auf langen Autofahrten oder zu später Stunde vor dem beziehungsweise zum Einschlafen. So auch die Neuausgabe des Fleckenteufel. Und dass es eine solche ist, und zwar gehörig überarbeitet, fiel mir schon in den ersten Minuten auf. Heinz Strunk hat die Ekel-Passagen allesamt gestrichen, was das gesamte Buch entscheidend aufwertet. Wie bereits erwähnt, waren besagte Passagen zum Einen wirklich eklig, sie wirkten aufgesetzt und im Gesamtzusammenhang eher störend als der Story dienlich. Da ja nach solchen Streichungen allerhand Übergänge korrigiert und Abschnitte neu formuliert werden müssen, war Heinz Strunk auch gezwungen, das komplette Hörbuch neu zu lesen und aufzunehmen. Und hier hat er (meine einzige Kritik an der Neuauflage) nicht immer alle Charaktere so treffend erwischt, wie in der Originalaufnahme. Wahrscheinlich wird dieser Kritikpunkt zunehmend hinfällig, je mehr die Erinnerung an die erste Version verblasst, aber meinen Lieblingssatz, eine Lebensweisheit, die ein übergeduldiger und stets zu laut sprechender Vater seinem Dreijährigen an der Supermarktkasse in Scharbeutz mitteilt „Ja, Konstantin, das wollen alle. Alle wollen gerne Clown sein!“ (Thorsten Bruhn – in Gedanken: „Konstantin! […] Hör nicht auf Deinen Vater! Er hat hiermit – und wahrscheinlich mit allem anderen auch – Unrecht! Keiner will Clown sein. Clowns sind das Allerletzte!“) hat er nicht mehr so unglaublich treffsicher eingesprochen. 

Diese kleine Szene, die sich beim Warten an besagter Supermarktkasse ereignet, während die Helden versuchen, zwei Flaschen Apfelkorn (definitiv ein Geschenk der 1970er an die Jugend!) unauffällig als Minderjährige für eine abendliche Orgie zu kaufen, ist ein gutes Beispiel für Strunks große Kunst in der Beschreibung kleiner, eigentlich unbedeutender Begebenheiten. Da sitzt das Timing und der Ton stimmt! 

Fleckenteufel in der 2018er Neubearbeitung bekommt von mir eine klare Lese- und noch klarere Hör-Empfehlung. Vielleicht nehme ich wirklich mal wieder meinen iTunes-Account in Betrieb und höre mir den oben zitierten Dialog nochmals in der Originalfassung an. Nur so zum Spaß… 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Saufen gegen Corona

Liebe Leser,

seit Mitte März hat sich aufgrund der Corona-Pandemie mein musikalisches Leben und Schaffen fast vollständig in mein Arbeitszimmer bzw. ins Internet verlagert. Und es scheint nicht besser weiter zu gehen! Ein zweiter Lockdown ist für November verkündet, was ich zwar als vernünftiger Bürger befürworte, als Live-Musiker allerdings bitter bedauere. Ein von Vielen ersehnter Impfstoff wird wohl frühestens Anfang 2021 – falls überhaupt – zur Verfügung stehen (und dann wahrscheinlich von den üblichen Verdächtigen als „Zwangsimpfung“ abgelehnt), uns also dieses Jahr sicher nicht mehr helfen.

Mir sind seit dem ersten Lockdown Dutzende von Gigs flöten gegangen, darunter viele kleine, wo es hauptsächlich um Ruhm und Ehre geht, allerdings auch einige wirklich lukrative. Und der nächste Lockdown steht an. Denn schlimmer geht immer.

Einige wenige rührige Veranstalter (siehe diesen Beitrag >>>) und Gastronomen hatten sich die Mühe gemacht, trotz persönlicher Sorgen und finanzieller Engpässe zumindest hin und wieder mit all den Auflagen Live-Konzerte zu veranstalten, sogar im späten Herbst, wo ein Sitzen im Freien beim besten Willen keinem mehr zugemutet werden kann. Insbesondere mein Lieblings-Cafe im Südosten Nürnbergs hat mich trotz Corona mindestens einmal im Monat zu einem Abend mit Livemusik als Künstler eingeladen. Solange bis zum Spätsommer viele Gäste im vorgeschriebenen Abstand auf dem Bürgersteig vor dem Cafe einen Platz fanden, hat das für uns beide (also den Wirt und mich) recht gut funktioniert. Beim letzten Mal am 22.10. allerdings nicht so besonders.

Zwar waren alle wenigen Tische, die im korrektem Corona-Abstand gestellt sind, tatsächlich reserviert und auch von mindestens einem Pärchen besetzt, aber diese Gäste (fast ausschließlich Neukunden bzw. -Fans, was ja an und für sich prima ist) haben kaum etwas verzehrt. Der Künstler-Hut war zwar ordentlich gefüllt, nicht so aber die Kasse des Wirts. Wenn an zwei Tischen, welche wiederum jeweils mit zwei Personen besetzt sind, insgesamt um die 20 Euro am GANZEN ABEND umgesetzt werden, kann sich selbst jeder (Betriebs)Wirtschafts-Laie ausrechnen, dass das so nicht funktionieren wird. 

Dass ein Gast einen ganzen Abend lang an einem Getränk nuckelt, ist mir zuletzt in den 1970er Jahren aufgefallen, als wir als Mofa-Gang zu zehnt in unserer Vorstadtkneipe stundenlang ein (1) kleines Bier belagert hatten. Zur Abhilfe Eintritt zu erheben, ist nicht im Sinne des Erfinders, denn der Wirt Micha möchte keine Konzerte veranstalten, sondern seinen Gästen ein gehobenes Gastronomieerlebnis bieten. Das klingt jetzt etwas gestelzt, trifft aber den Punkt. Der Gast soll bei gepflegter Live-Musik in gemütlicher Atmosphäre einen schönen Abend mit seinen Freunden oder den übrigen Gästen verleben und dabei natürlich die leckeren Angebote der Gaststätte bzw. des Cafes genießen. Wenn er dann noch einen kleinen (oder mittleren) Obolus für den Künstler da lässt, entsteht eine Win-Win-Win-Situation.

In Nürnberg und Umgebung gibt es nicht zu viele Gaststätten, die ihren Gästen derlei regelmäßig bieten, wobei von diesen die meisten schon im März die Live-Saison abgebrochen und bis dato nicht mehr aufgenommen haben. Als Versuch wollte Micha für die nächste Veranstaltung erstmalig einen Mindestverzehr festlegen, was ich für richtig halte. Wahrscheinlich kostet mich das einiges an Spenden, aber wenn für das Cafe gar nichts übrig bleibt und sogar noch der allmächtigen GEMA ein Betrag gezahlt werden muß, dann würde ich es als Wirt lieber sein lassen. Und dann bleibt mir als Musiker… richtig, gar nichts.

Doch gottseidank haben wir ab November 2020 wieder einen Lockdown (was an diesem – wie bisweilen kolportiert – „light“ sein soll, konnte weder den Gastronomen noch den Kulturschaffenden vermittelt werden), wodurch die oben erwähnten Gäste noch mehr sparen können, da das Cafe schließen muss.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Schach 2020

Liebe Leser,

Corona hat uns immer noch im Griff. Dennoch habe ich ordentlich Arbeit, nur eben viel zu selten auf der Bühne. Und das wird sich wohl zumindest in diesem Jahr auch nicht mehr großartig ändern. Von daher heute mal was ganz anderes: Schach.

In den seligen 1980ern war ich tatsächlich aktiver Schach-Vereinsspieler. Hier kann man über die Position des Bindestrichs trefflich streiten. Schachverein-Spieler gilt auch, wobei die Betonung auf „Vereinsspieler“ herausheben soll, dass es etwas mehr als eine Freizeitbeschäftigung im Sinne eines sporadischen Minigolf-Spielens war.

Meine unglaublich beeindruckende Schach-Karriere währte etwa von 1982 bis 1992, wobei ich es zu zwei Vereinsmeisterschaften (in Gruppe 4 bzw. 3 des kleinen Nürnberger Vorstadtvereins) und einer Platzierung im vorderen Viertel bei der offenen Stadtmeisterschaft von Paderborn brachte. Alles in allem echt lausig. Für Insider: Meine beste Ingo-Zahl betrug etwa im Jahr 1989 135 Punkte, umgerechnet etwas mehr als 1700 Elo.

Seit nunmehr fast 30 Jahren habe ich meine (ohnehin bescheidenen) schachlichen Fähigkeiten weggepackt und die Entwicklung des königlichen Spiels nicht weiter beachtet. Der legendäre Gary Kasparov verlor seinen Weltmeistertitel an irgendeinen Jüngeren, der Welt-Schachbund FIDE verlor seine Bedeutung (und erlangte sie wieder) und Computer begannen, Groß- und sogar Weltmeister regelmäßig zu besiegen und übernahmen das Spiel, welches sie heutzutage uneingeschränkt beherrschen.

Als die Corona-Pandemie die Durchführung von Turnieren und Mannschaftswettkämpfen unmöglich machte, verzogen sich viele Meister in die keimfreie Umgebung des Internets und begannen, Beiträge, Lehrvideos und ganze Schachturniere zu streamen. Insbesondere der Internationale Meister (IM) Georgios Souleidis mit seinem Youtube-Kanal „The Big Greek“ weckte durch seine unterhaltsamen und durchaus lehrreichen Beiträge nach vielen Jahren wieder mein Interesse am Schach.

Doch das Spiel, so wie ich es kannte und erlernt hatte, hat sich tatsächlich verändert. Es ist eben nicht wie Fahrradfahren, was man angeblich nicht verlernt. Durch die bereits erwähnte Machtübernahme der Computer haben Züge und Eröffnungen Einzug gehalten, die ein Mensch mit Kenntnis der grundlegenden Spiel- und Strategie-Regeln so nicht ziehen würde, welche aber natürlich dennoch funktionieren. Jegliche mir bekannte Eröffnung, die ich mir in meinen jungen Jahren in mühevoller Arbeit erarbeitet hatte, ist von jungen Spielern unter Zuhilfenahme mächtiger Engines bis zum 30. Zug aus-analysiert. 

Nun hat sich das Schach, nicht zuletzt wegen der Corona-Pandemie, aus muffigen Vereinslokalen und kargen Hinterzimmern ins Internet verlagert. Auf Plattformen wie chess24 oder lichess kann Tag und Nacht gespielt werden, ein Gegner findet sich immer. Im schlimmsten Fall springt die KI ein. Selbige kann übrigens jede Partie, welche man soeben gegen irgendeinen russischen IM verloren hat, sofort in weltmeisterlicher Tiefe analysieren, so dass zum Beispiel die gerne veröffentlichten Kommentare zu einer gespielten Partie heutzutage allesamt von jedem Patzer unter Zuhilfenahme der mächtigen Engines erstellt werden können, was aufgrund ihrer überwiegenden Unfehlbarkeit schon wieder ein Stück Tradition aus dem Schach entfernt. So wie großmeisterliche Analysen, Hängepartien und das gesamte Fernschach.

Die Machtübernahme der Maschinen beim Königlichen Spiel hat zur Folge, dass das althergebrachte Format der „Langpartie“ (zwei Stunden Bedenkzeit pro Spieler für die ersten 40 Züge, danach neues Zeitkontingent mit eventuell anschließender Unterbrechung = Hängepartie) wesentlich kürzeren Spielvarianten weichen musste. Diese Kurzpartien (Schnell- bzw. Blitzschach) sind auch online unterhaltsam anzusehen und verringern insbesondere bei den Blitzpartien das Risiko des Cheatens, da ja für die Zuhilfenahme einer Engine die jeweiligen Züge in ein zweites System eingegeben werden müssen. In akuter Zeitnot haben die Betrüger dann oft eben nicht mehr die Sekunden, solcherlei durchzuführen. Ich komme darauf später nochmals zurück.

Zudem umgeht die verkürzte Bedenkzeit die in den 1980er Jahren durchaus verbreiteten Theorieschlachten, bei denen die Spieler die ersten 20-30 Züge auswendig abspulten, da sie die gängigen Variantenbäume in der Vorbereitung tief analysiert hatten. Bei äußerst knapper Bedenkzeit fällt es wesentlich schwerer, auch gegen strategisch zweifelhafte Eröffnungen am Brett eine Widerlegung zu finden. Die jungen Spieler der Weltelite testen inzwischen ihre Eröffnungen statt im heimischen Arbeitszimmer lieber in unzähligen Blitzpartien gegen eine weltweite Gegnerschaft. Das finde ich nun wieder cool. Durch die zahlreichen Onlineplattformen ist es nicht zu unwahrscheinlich, mal gegen einen Spieler aus der Weltspitze zu blitzen. Ein Ereignis, das in analogen Zeiten undenkbar war.

Mein persönliches Lieblingsformat der Schachvideos auf Youtube ist das sogenannte „Geschwätzblitz“ (engl. Banter Blitz), bei dem ein starker, meist prominenter Spieler gegen (meistens) schwächere Gegner antritt und dabei live die Partien kommentiert. Natürlich wird dies von der jeweiligen Plattform genutzt, um sogenannte Premium-Mitglieder zu werben, welche dann einen monatlichen Mitgliedsbeitrag bezahlen müssen. Chess24.com ist hierbei besonders rührig. Aber die haben den Jan Gustafsson. Und das ist mal ein Typ!

Jan Gustafsson ist ein Schachgroßmeister mit einer aktuellen Elo-Zahl (eine internationale Wertungseinheit für die Stärke von Schach- und Go-Spielern) von etwa 2640, was in Deutschland etwa Platz 3, international etwa Platz 120 bedeutet. Für mich ist er allerdings als Moderator der regelmäßigen Geschwätzblitz-Sendungen (welche auf Twitch und Youtube gestreamt werden) die Nummer 1!

Er kommt stets zu spät zu seinem eigenen Stream (welcher zumeist im eigenen Keller-Home-Office aufgenommen wird), ist traditionell schlecht gelaunt und „schnackt“ im sympathischen Hamburger Idiom am liebsten über Gott und die Welt, statt über die jeweils gerade laufende Blitzpartie, auch wenn er von den Schach-Nerds aus der Zuschauerschaft und seinem Arbeitgeber ständig angehalten wird, eben dies verstärkt zu tun. Da er etwa die zehnfachen Einschalt- bzw. Klick-Quoten seiner wesentlich schach-bezogeneren KollegInnen hat, wehrt er solche Aufforderungen super-trocken ab oder ignoriert sie wenige Minuten nach der Beteuerung, er werde „heute wirklich nur über Schach sprechen.“ Herrlich!

Alle Patzer beim Spiel, die ihm trotz seiner gewaltigen Spielstärke natürlich unterlaufen, kommentiert er selbstironisch als „wieder einmal echt großmeisterliches Spiel“ und penetrante Hater oder Fanatiker, welche den Chat vollschreiben, verweist er mit einer kurzen, trockenen Bemerkung der Plattform: „Ok, du magst mich offensichtlich nicht. Dann mag ich dich vermutlich auch nicht. Warum gehen wir uns dann nicht einfach aus dem Weg?“

Trifft er auf einen Cheater, der ihn in der Partie mit fehlerfreiem Spiel vom Brett fegt („BenutzerXY spielt heute die Partie seines Lebens!“), kann ihm das schon mal die Laune verhageln (solche Betrüger sind erst durch eine KI-gestützte Analyse im Nachhinein zu identifizieren und werden dann natürlich gebannt), aber, wie es Jan mit den Worten des Hulk in Avengers 1 sagt, er sei ja „immer wütend.“

Tatsächlich hat er durch seine jahrelange Erfahrung auch eine Strategie entwickelt, um einen positiven Score auch gegen Cheater zu erreichen. Er verhindert so gut es geht ein mattgesetzt-werden im Mittelspiel, wo der KI-unterstützte Gegner natürlich fehlerfrei spielt. Oft reicht aber im weiteren Verlauf der Partie die Zeit nicht mehr für die Übertragung der Züge zur Engine und der Gegner muss sich die Züge selbst einfallen lassen. Hier steigt dann die Fehlerquote exorbitant an, so dass Jan die Partie nicht zu selten noch zu seinen Gunsten entscheiden kann. Das freut dann den Meister nebst seinen Zuschauern…

So hat mir „Berufsjugendlicher und Schachgroßmeister“ Jan Gustafsson schon einige unterhaltsame Abende beschert. Und wenn er mich noch ein bisschen beackert, werde ich Premium-Mitglied bei Chess24.com. Bestimmt!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

RIP Maddin

Liebe Leser,

ach, ist doch alles Sch…!

Gestern ist Martin Kapfenberger gestorben. Kapfi (oder im besten Fränkisch „der Maddin“) wurde nur 64 Jahre alt. Über 20 Jahre hat er im legendären Kreuzwirtskeller (KWK) in Hilpoltstein die Veranstaltungen organisiert, gemanagt und durchgeführt, also im wahrsten Sinne des Wortes über die Bühne gebracht. Nach seiner Krebserkrankung ist er nun viel zu früh von der Bühne abgetreten. 

In all den Jahren, in welchen ich selbst des öfteren die Ehre hatte, unter seiner Ägide im KWK aufzutreten, habe ich ihn nicht ein einziges Mal schlecht gelaunt erlebt, auch wenn die Umstände eines Gigs im winterlichen Kreuzwirtskeller aufgrund der Beheizung durch einen kleinen Holzofen und der stets mangelhaften Belüftung bisweilen schon etwas widrig sein können. Mehr als einer weit angereisten Band hat er die Übernachtung in seinen eigenen vier Wänden ermöglicht, wenn eine Heim- oder Weiterreise zu fortgeschrittener Stunde nicht machbar war.

An meinem ersten (Solo-)Gig im KWK gab es Bärlauch-Fleischküchle (Frikadellen) von Marga, seiner Ehefrau. Ich war hin und weg ob der gehaltvollen Leckerei und habe mit Sicherheit einige zuviel verzehrt. Von da an war es Usus, dass bei einem Gig von mir oder mit meiner Mitwirkung Bärlauch- oder zumindest Standard-Fleischküchle gereicht wurden, im Speziellen mir. Als Marga einmal nicht zum Braten kam, hat sich Martin in seiner stets knappen Freizeit selbst an den Herd gestellt und die leckeren Bällchen hergestellt, nur damit der Gige zufrieden ist und die (niemals offiziell formulierte) Tradition gewahrt blieb. Neben vielen witzigen und gehaltvollen Gesprächen im und vor dem Keller bleibt dies meine Lieblings-Erinnerung an den Maddin.

Dass er natürlich neben seinem Engagement im KWK auch Familienvater, Lehrer und Stadtrat war, könnt Ihr hier nachlesen:

Artikel im Donaukurier

Maddin, Du wirst mir und vielen, vielen Menschen sehr fehlen! Die Reihe der Musiker, die auf der Facebookseite des Kreuzwirtskeller kondolierten, ist schier endlos. Wenn ich dereinst im Musiker-Himmel ein Konzert meiner Vorbilder besuchen werde, wird am Eingang des Etablissements der Maddin sitzen und wir können unser Gespräch in aller Ruhe fortsetzen!

R I P

Im Andenken

Gige

Sommer Session Oberhaid 2020

Liebe Leser,

ein echtes Highlight in meinem musikalischen Jahr ist die „Sommer Session Oberhaid“, welche seit über 20 Jahren im Juli im beschaulichen oberfränkischen Oberhaid stattfindet. Anfangs als kleine Session am Waldrand gestartet, entwickelte sich die Session unter der Leitung des Unternehmers und Musikers Gerhard Förtsch schnell zu einem überregionalen Ereignis, welches in den letzten Jahren jedes Mal 1500 – 2000 Besucher anzog.

Das musikalische Zentrum bildet hierbei die Truppe aus Musikern alter und aktueller Bands rund um den Sänger, Gitarristen, Mundharmonikaspieler, Schlagzeuger und Mundtrompetenspieler Gerhard Förtsch und den Sänger und (hervorragenden) Gitarristen Philipp Arnold. Die Session-Band ist mit fünf Musikern (Gitarre, Gitarre, Keyboard, Bass, Schlagzeug) komplett besetzt und liefert das Rahmenprogramm zur Session, welche in normalen Jahren schon mal gute sechs Stunden dauert, wobei hier jede Menge Gäste solo, mit dem eigenen Ensemble oder eben zusammen mit der Session-Band auftreten.

Ich hatte in den vergangenen Jahren schon mehrmals in Oberhaid gespielt (der einzige Jazzer auf weiter Flur) und mich über die Einladung zur Session 2020 riesig gefreut. Nun ist ja dank Corona seit März alles anders. Es erschien mir im Mai völlig aussichtslos, dass eine Veranstaltung dieser Größe in Corona-Zeiten durchgeführt werden könnte. Und mit maximal 100 Personen (oder vielleicht 200) über einen Sportplatz verteilt hätte es wohl keinen Sinn.

Doch Gerhard Förtsch ist nicht umsonst der erfolgreiche Gründer und jahrzehntelanger Geschäftsführer eines erfolgreichen Kommunikationstechnik-Unternehmens. Er beschloss, aus der Not eine Tugend beziehungsweise aus dem Live-Event einen Live-Stream zu machen. Es musste die Anzahl der auftretenden Musiker reduziert und für die gesamte Vorbereitung sowie den Abend selbst ein Hygienekonzept erstellt und auch kommuniziert werden. Das ganze sollte ohne Live-Zuschauer quasi im Garten von Gerhard stattfinden, welcher nicht leicht zugänglich im Oberfränkischen liegt. Am Freitag, also am Tag vor der Session, machte ich mich erstmals auf den Weg zum Aufbau und Soundcheck.

Das hatte ich mir definitiv… kleiner vorgestellt! Obwohl die Anzahl der Musiker in diesem Jahr auf ein gutes Dutzend beschränkt war, waren auf dem Gelände zwei „Bühnen“ eingerichtet (Abteile im großen und wunderschönen Garten), welche von einer Horde engagierter und fachkundiger Techniker und Helfer mit allem verkabelt wurden, was das Herz des Musiker begehrt. Naja, eben Strom und Zugang zum Mix per DI-Boxen oder Line-Out-Verteiler.

Stefan, der erfahrene Livesound-Mixer aus vielen Vorjahren, nahm dieses Jahr im Regieraum Platz, wo er zum Bild-Stream den (hervorragenden) Live-Sound mischte. Neben Hulk an der Bildregie und Thomas als Regieassistenz hatten diese drei dafür zu sorgen, dass das Material von 5 Kameras und unzähligen Mikrofonen unversehrt in den Stream gespeist wurde. Und wie man in Youtube 

https://www.youtube.com/watch?v=LzivMn3E1UQ&t=12315s

nachprüfen kann, ist es ihnen hervorragend gelungen. Es war eine immerhin 3,5 stündige Live-Sendung!

Zwischen den Sets der Sessionband (Gerhard Förtsch (git, voc), Philipp Arnold (git, voc), Robert Wild (b), Marc Dotterweich (keyb), Jürgen Stahl (dr)) gab es Auftritte einzelner Künstler solo, im reduzierten Ensemble oder mit der Sessionband zusammen. Es spielten bzw. sangen Wolfgang Rosenbusch, Eva Arnold, Simon Arnold, Jürgen Scharfenberg, Sophie Dirkea, Adam MacThomas, Nomi & Mac sowie meine Wenigkeit.

Wir Musiker hatten es wirklich gut! Bereits beim Soundcheck/Warm Up am Freitag war für das leibliche Wohl bestens gesorgt und am Samstag gab es sogar für die doch überschaubare Zahl an Musikern und ihren Angehörigen eine eigene Cocktail-Bar, die von dem lokalen Barkeeper Tobias Sack professionell bedient wurde. Ab etwa 17 Uhr stand ein reichhaltig bestücktes Buffet auf der Terrasse, das keine Wünsche offen ließ. Und gespielt haben wir auch – alles von ABBA bis ZZ Top, Folk, Rock, Blues, Schlager und Jazz. Eine Riesen-Sause mit durchgehend guter Musik!

Wie die Auswertungen ergaben, haben sich mehrere Tausend Menschen den Stream auf Youtube und Facebook angesehen. Es gab mehr als eine Garten- oder Grillparty, auf der die Session gesehen oder zumindest gehört wurde. Gerhard Förtsch führte witzig, locker und stets charmant durch den Abend, wobei er Moderation, Organisation und auch seine musikalischen Beiträge virtuos im wahrsten Sinne des Wortes „über die Bühne“ brachte. Eine gewaltige Leistung!

So war die Sommer Session Oberhaid 2020 auch in finsteren Corona-Zeiten ein echtes Highlight. Auch wenn wir natürlich alle hoffen, im nächsten Jahr wieder vor leibhaftigem Publikum spielen zu können, war die diesjährige Session ein echter Knüller. Zappt mal rein, vielleicht springt der Funke auch von der Konserve über. Wie immer war mein Jazz-Beitrag (präziser: Bossa-Nova-Beitrag) etwas deplatziert, kam aber gut an. Und die eine oder andere CD wechselte den Besitzer, was mich sehr freute. Besprechung der neuen CD folgt!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Durchlauferhitzer

Liebe Leser,

eigentlich wollte ich über meine neue CD schreiben. „Was denn, hast Du doch erst letzte Woche!“ werden aufmerksame Leser sagen. Aber nein, da gibt es doch schon wieder etwas Neues – die Spannung steigt ins Unermessliche. Gemach! Bald!

Statt dessen soll es mir – quasi eingeschoben wie dieser Einschub – um einen Menschenschlag gehen, der einem das Leben wirklich schwer machen kann. Ich nenne diese Leute Durchlauferhitzer, was elegant den Bogen zum aktuellen Blogtitel schlägt.

In fast allen meiner außermusikalischen Tätigkeiten muss ich in regelmäßigen Abständen irgendwelche Druckvorlagen oder Bilder an Hersteller von… nun ja, eben Zeitschriften, Zeitungen oder sonstigen Medien liefern. Ob ich hier als Designer, Layouter, Druckvorlagenhersteller oder Comiczeichner tätig bin, ist unerheblich. Das Prinzip ist stets dasselbe. Meine Redakteure, Hersteller oder Drucker sind alle lange im Geschäft und erfahren in ihrem Metier. Wie jeder Mensch mache ich Schreib- und auch sonstige Fehler, welche zumeist nach kurzer Konversation von mir oder auch meinem Gegenüber umgehend korrigiert werden.

Aber eine junge Dame, ihres Zeichens Sales Managerin bei einem kleinen Verlag, schickt mir JEDE Druckvorlage mit „Fehlern“ zurück. Unglücklicherweise habe ich bei dieser Ansprechpartnerin ein nervöses Händchen, so dass mir tatsächlich überdurchschnittlich viele Ungenauigkeiten oder Fehler unterlaufen. Es ist wie verhext. 

Nun ist es so, dass meine Geschäftspartner ihr Handwerk verstehen. Schicke ich zum Beispiel an meine Lieblingsdruckerei (Müller, 90461 Nürnberg – ein bissl Werbung kann in diesen Zeiten nicht schaden) einen Schwung Bilder, bei denen eins aus Versehen im RGB- und nicht CYMK-Format vorliegt, korrigiert dies der Mediengestalter meines Vertrauens ohne großes Tamtam. 

Von Frau Sales Managerin (die zufällig die Tochter des Verlagsleiters ist, welcher zufällig Vorsitzender des Bundesinnungsverbands ist… es ist zum Weinen!) bekomme ich aber JEDE Arbeit zurück, weil ihre Grafikerin mit der Layoutsoftware einen stumpfen automatisierten Check ausführt, der diverse Fehlermeldungen spukt. Und hier kommt die Krux. Frau Sales Managerin ist nämlich fachfremd. Meine Nachfragen oder auch flinken Workarounds versteht sie gar nicht. Dürfte ich direkt mit der Grafikerin oder der Herstellung kommunizieren, wäre das jeweilige Problem schnell aus der Welt geschafft. Dann hätte Frau Sales Managerin allerdings auch keinen Job mehr. Und das geht nicht, weil Tochter des Verlagsleiters, der seinerseits… und so weiter.

Diese Durchlauferhitzer, die es in jedem Betrieb und jeder Organisation gibt, welche aus familiären oder sonstigen Gründen Minderbegabte an Schreibtische setzen, sind eine echte Plage. Unfähig oder unbefugt, selbständig Entscheidungen zu treffen, sind sie sich ihrer misslichen Lage und ihres unsicheren Jobs bewusst und stets bemüht, sich – zumindest augenscheinlich – unentbehrlich zu machen, indem sie jedem Lieferanten penibel zur Einhaltung auch der sinnlosesten Regelung verpflichten, nur weil sie eben selbige endlich auswendig gelernt haben.

Wegen dieser Beschränktheit wird jede direkte Kommunikation zwischen den Experten (was hier nur branchenspezifische Kompetenz meint) unterbunden – diese hat über den Durchlauferhitzer zu erfolgen.

Ich habe mir zur Beschleunigung meiner Arbeit inzwischen angewöhnt, einfach auch die absurdesten Forderungen meiner Managerin zu erfüllen. Manchmal garniere ich meine Mail mit einer kleinen Fachfrage („Wie genau soll ich die Auflösung einer Vektorgrafik vergrößern, welche per se keine dedizierte Auflösung hat?“), welche sie dann mit ihrer Grafikerin abklären muss, um nicht wie ein völliger Idiot darzustellen. Ja, albern, aber gut fürs Gemüt.

Bei einer besonders unsinnigen Reklamation habe ich einfach den Dateinamen meines ursprünglichen Werkes mit dem Zusatz „V2_korrigiert“ versehen und die unbearbeitete Datei erneut geschickt. Man bedankte sich für die umgehende Erledigung und die Sache war vom Tisch…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige