Inside Jazz – Jazzworkshop Erlangen 2022

Liebe Leser,

natürlich kommt dieser Beitrag eine Woche zu spät. Angesichts meiner ohnehin dürftigen Beitragsdichte in diesem Blog seid Ihr ja Kummer gewöhnt, oder? Zur Sache:

Yeah, ich war da! Nach nunmehr drei langen Jahren Abstand hat der 40. Internationale Jazz Workshop in Erlangen nun (endlich, endlich!) über Ostern (Samstag 16. April bis Sonntag 24. April 2022) tatsächlich stattgefunden. Nach den Absagen 2020 (siehe hier >>>) und 2021 hatte der Workshop-Gründer und -Veranstalter Rainer Glas verständlicherweise angesichts einer drohenden dritten Absage schon die Schnauze gestrichen voll. Ich glaube, wenn der Workshop dieses Jahr wieder abgesagt worden wäre, hätte er hingeschmissen. Aber die Pandemie zog sich netterweise zumindest von ihrer Gefahr für mehrfach Geimpfte temporär etwas zurück und die allgegenwärtigen Lockerungen ermöglichten das durchaus beeindruckende 40. Jubiläum, eben mit zwei Jahren Verspätung.

Leider erforderte die dennoch allgegenwärtige und allein vom gesunden Menschenverstand gebotene Rücksicht auf die ja noch längst nicht besiegte Pandemie einige Änderungen der allgemeinen Workshop-Organisation, so dass einige liebgewonnene Rituale aktuell praktikablen Lösungen weichen mussten. Das beliebte Prozedere der Anmeldung zum Kurs (bei dem man bei rechtzeitiger Ankunft wirklich ausreichend Zeit hatte, seine lang vermissten Musikerkollegen und Freunde zu begrüßen) wurde einige Stunden nach vorne verlegt und die kurze Vollversammlung zum Kursbeginn wegen mangelnder Abstandsmöglichkeiten gestrichen. Dennoch war die Wiedersehensfreude nach der langen Zwangspause geradezu unbeschreiblich. Brigitte, Ursula, Jörg, Malte, Martin, Johannes… zwei Dutzend weitere. Mann, hatte ich Euch vermisst! Die Anmeldeformalitäten wurden durch Elke, der Partnerin von Rainer Glas, in Sekunden erledigt und der 40. Internationale Jazzworkshop Erlangen konnte beginnen! Traditionell mit einem leckeren Cappuccino aus dem Bistro der VHS, welches auch unter neuer Leitung (der allseits sehr beliebte Wirt ist leider 2020 verstorben) alle Wünsche der Kursteilnehmer erfüllen konnte.

Als Dozenten traten 2022 an:

Romy Camerun (Gesang), Bernhard Pichl (Klavier), Andrey Lobanov (Trompete), Jürgen Neudert (Posaune), Tony Lakatos, Rick Margitza und Hubert Winter (Saxophon), Patrick Scales (E-Bass), Rainer Glas (Fredless- und Kontrabass), als Ersatz für den leider erneut wegen Krankheit pausierenden Helmut Kagerer (schlechtes Timing, Helmut!) erstmalig dabei der Straubinger Gitarrist Andreas Dombert (Gitarre), Harald Rüschenbaum und – auch zum ersten Mal dabei – Carola Grey (Drums) sowie (erstmalig) Alberto Diaz (Salsa-Band).

Wiederum Corona-bedingt musste der bewährte Tagesablauf des Workshops angepasst werden. So fielen der morgendliche „Spaß für alle“ unter der Leitung des genialen Harald Rüschenbaum und die „Rhythm-Grooves“ sowie der Chor am Nachmittag aus, zum Einen mangels Angebot ausreichend großer Kursräume und zum Anderen der Tatsache geschuldet, dass die Dozenten ihre jeweiligen Kurse auf zwei kleinere Gruppen aufteilen mussten. Immerhin konnten gegen 13:30 Uhr die Kurse Harmonielehre I (Rainer Glas) und II (Bernhard Pichl) stattfinden, bei denen es aufgrund des großen Zuspruchs dann allerdings mit den obligatorischen 1,5 m Abstand zwischen den Teilnehmern dann auch etwas knapp wurde. Anmerkung: Seit vielen Jahren hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Rainers Harmonielehre-Kurs eher der für Einsteiger, der von Bernhard eher der für Fortgeschrittene sei. Nun, das kann man so und so sehen. Das Konzept der vier Erzeugerskalen (Melodisch-Moll, -Dur, Harmonisch-Moll, -Dur), welches Rainer erklärt, ist mindestens so tricky wie der Einstieg in die Stufen- und Funktionstheorie, welchen Bernhard lehrt.

Nach dem Instrumentalunterricht und der (selbstverständlich freiwilligen) Harmonielehre-Stunde geht es ab 15 Uhr in die jeweilige Combo. Nach 2018 war ich dieses Mal in alter Tradition wieder in der Combo von Romy Camerun, was wie all die Jahre zuvor ein im besten Sinne des Wortes unvergessliches Erlebnis war. Über unsere Performance beim Abschlusskonzert wird in einem separaten Beitrag noch zu sprechen sein.

Während die Einen nach ihrer jeweiligen Comboprobe noch zu Alberto Diaz in die Salsa-Band eilen, um dort unter der fachkundigen Anleitung des kubanischen Klaviervirtuosen einige (wer hätte es gedacht?) Salsas einzustudieren, genießen die Anderen ihr erstes Feierabendbier im lauschigen Innenhof der VHS. Und die ganz Eifrigen (ich, ich!) eröffnen schon um kurz nach 17 Uhr die Session im Cafe International, weil es um diese Zeit noch möglich ist, ein paar Nummern auch in ungewöhnlichen Besetzungen zu spielen, die vielleicht noch nicht so gut sitzen. Der einzige Wermutstropfen an dieser Location ist, dass die VHS und damit auch das Cafe um 21 Uhr schließt. Die Sessions im E-Werk dauerten oft bis nach Mitternacht und wurden auch von nicht zu wenigen Nicht-Kursteilnehmern besucht. Aber wie schon in den Vorjahren stand die Kellerbühne in der Workshopwoche eben nicht zur Verfügung, deshalb sei an dieser Stelle Schluss mit dem hadern, die VHS ist ja wirklich schön.

Am Freitag fand in der Kleinen Lades-Halle das Dozentenkonzert statt. Wieder einmal zeigten uns die Dozent:innen, was eine Harke ist. Natürlich haben alle fantastisch abgeliefert (bis auf Andreas Dombert, der an dem Abend leider nicht teilnehmen konnte, da er schon vor seinem Einspringen als Dozent anderweitig gebucht war), aber besonders hervorzuheben war das schöne Duett Camerun-Lakatos über den Standard „My Romance“. Beidseitige Impro mit Gesang und Saxophon von zwei Ausnahmemusikern – erste Sahne! Von Andreys Trompete und Carolas Drums klingeln mir zwar immer noch etwas die Ohren, aber das muss halt so. Ein toller Abend!

Am Samstag dann schließlich der Höhepunkt des Workshops, das Abschlusskonzert der Teilnehmer, wiederum in der Kleinen Lades-Halle. Traditionell eröffnet Harald Rüschenbaums Bigband gegen 17 Uhr das gewaltige Konzert, welches bis Mitternacht, also etwa sieben Stunden dauert. Wie in all den Jahren zuvor hatte es der Meister auch dieses Jahr wieder geschafft, den inhomogenen Haufen von Musikern in nur einer knappen Woche zu einem Klangkörper zu formen, bei dem das Zuhören wirklich Spaß machte. Hexenwerk!

Die nachfolgenden Combos lieferten durchwegs gute, bisweilen hervorragende Performances ab, wobei sich das Tempo gegen Ende zunehmend steigerte, da die letzten drei Bands die von Carola Grey (World-Music und Fusion), Alberto Diaz (Salsa) und Patrick Scales (Funk) waren. Über unseren Auftritt (Combo von Romy Camerun, Jazz & Soul) wird wie erwähnt noch gesondert berichtet. Erfahrene Kursteilnehmer nutzen den Abend des Abschlusskonzertes schon für die Verabschiedung, da viele Teilnehmer und auch Dozenten noch in der Nacht oder früh am Sonntagmorgen in ihre jeweilige Heimat zurückfahren müssen und es zu später Stunde am Samstagabend in Erlangen kaum möglich ist, sich in Ruhe in einer netten Kneipe zusammenzusetzen und den Workshop gemächlich ausklingen zu lassen. Daher lieber noch einen kleinen Drink und Plausch im Foyer der Lades-Halle. Das hat sich bewährt.

Zum Abschlusskonzert bekam Rainer Glas dann endlich seine wohlverdiente Geburtstagstorte (super-Idee, Brigitte, herzlichen Dank), welche ihm kurz nach der Eröffnung des Abschlusskonzerts einigermaßen feierlich überreicht wurde. Man kann ihm für sein jahrzehntelanges Engagement und seine unermüdliche Arbeit für diesen Workshop nicht genug danken. Viele Profimusiker haben sich auf dem Internationalen Jazzworkshop in Erlangen ihre ersten Sporen verdient bzw. danach ein Musikstudium oder ähnliches begonnen. Auch mein musikalisches Netzwerk besteht zum größten Teil aus Menschen, welche ich in Erlangen kennenlernen durfte. Rainer, bleib gesund und uns noch möglichst lange erhalten!

Alles in allem war es nach langer Pause wieder mal eine grandiose Woche, in der wir Teilnehmer jede Menge Jazz und auch Inspiration getankt haben, welche uns jetzt ein Jahr lang über Wasser halten soll, bis es an Ostern 2023 hoffentlich wieder heißt: Auf nach Erlangen! 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

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