Wie der Song wirklich geht

Liebe Leser,

eine Anekdote aus den 1970ern: Zu meiner ersten Schüler- bzw. Kellerband kam ich im Jahr 1977. Ich hatte die E-Gitarre meines Bruders (Telecaster-Nachbau von Hoyer) samt Kunstlederhülle (Gigbags gab es damals noch nicht) in der Hand sowie das ausgediente Küchenradio unserer Familie unter dem Arm und reiste mit dem öffentlichen Nahverkehr an. Das ist zwar nostalgisch und ziemlich retro, aber nicht die eigentliche Geschichte.

Nach äußerst kurzem Beschnuppern (ich war der einzige Bewerber auf weiter Flur) war ich Bandmitglied und man stellte mir das Repertoire vor. Das meiste habe ich heute vergessen, aber “Proud Mary” und “Bad Moon Rising” von CCR und “Samba Pa Ti” von Santana blieb mir in Erinnerung. Vor allem, da ich diese Songs umgehend mitspielte, obwohl ich sie zu diesem Zeitpunkt niemals gehört und kein Sheet oder dergleichen jemals gesehen hatte. Sie wurden mir von den Bandkollegen “gezeigt” oder “beschrieben”. Ernsthaft. Und trotz meines umfassenden Nicht-Wissens und 15 Jahre vor ernsthaftem und echtem Gitarrenunterricht spielte ich die Songs, auch live vor Publikum. Ich reimte mir halt zusammen, wie sie gehen könnten. Nun, oft hat es dem Publikum nicht wirklich gefallen, aber es waren die 70er, hey!

Anfang der 1990er Jahre diente ich 24 Monate in einer Tanzkapelle, meinetwegen auch als TOP40-Band zu bezeichnen. Hier waren die angesagten Hits schon von Kassette abzuhören. Ich hatte einen Philips-Player, bei dem die Bandgeschwindigkeit regelbar war, so dass man den abgespielten Song zumindest ungefähr der Gitarrenstimmung anpassen konnte. Die oben genannten CCR-Songs (die wir natürlich auch spielten) hörte ich mir nicht ab. Die kannte ich ja schon.

Noch heute stimme ich in meiner Tanzband auf Zuruf fröhlich “Proud Mary” an und habe es mir bis zum heutigen Tag nicht wirklich erarbeitet. Klar kann man zu jeder Zeit an jedem Ort einen Song kurz vor dem Gig bei Youtube oder sonstwo schnell zur Auffrischung des Gedächtnisses anhören, aber ich tu es nicht, zumindest nicht bei “Proud Mary”. Denn das kenne ich ja lange genug.

Nun sind die von mir so geschätzten Jazzstandards ja im Realbook bzw. in Sheets festgehalten, so dass hier keine Diskussion aufkommt, wie ein Song wirklich “geht”, oder? Doch dem ist nicht so. Erst vor kurzem (Frühjahr 2019) spielte ich in einer Jazzcombo unter Leitung eines international renommierten Musikers den Standard “Corcovado” von Antônio Carlos Jobim. Ich kenne den Song gut, habe ihn vielfach live gespielt und für von mir verfasste Beiträge auch schon des öfteren funktionsharmonisch analysiert.

Am Ende des Sheets sind zwei Takte notiert, die nur beim allerletzten Durchgang gespielt werden, dann eben, wenn der Song tatsächlich zu Ende ist. Dachte ich. Andrey wollte diese zwei Takte aber nach jedem Durchgang gespielt haben. Da wurde gar nicht diskutiert, “wie der Song eigentlich geht”. Und da Andrey bei weitem mehr Erfahrung mit Ensembles jeglicher Art hat als ich, zudem zu diesem Zeitpunkt der Chef auf der Baustelle war, verzichtete ich auf jede Art von Belehrung und zog meine Schlüsse:

Eine immer und überall gültige Definition, “wie ein Song geht” gibt es nicht! Wer das behauptet, kennt eben offensichtlich zu wenige Versionen.

Zumeist wird eine bestimmte Interpretation eines Künstlers oder das Sheet des Komponisten als Referenz verwendet, aber es ist sinnvoll, sich auch bei noch so abgedroschenen Titeln über das aktuell angesagte Arrangement zu verständigen. Wobei dies eigentlich eine Bringschuld des Bandleaders ist.

Sogar in das absolute Allgemeinplätzchen “Country Roads” hat der Komponist in die Originalversion zwei “Warte-Viertel” in die Strophe eingebaut, die bei der Überlieferung an den Lagerfeuern dieser Erde in den letzten 50 Jahren nicht zu selten weggelassen worden sind.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

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