Ali

Liebe Leser,

Muhammad Ali ist tot. Er ist am Freitag, 03.06.2016 im Alter von 74 Jahren gestorben. Weil ich immer glühender Ali-Fan war und noch bin, muss daher heute an Stelle des üblichen Gezeter über das Jazzer-Dasein eine Würdigung dieses großen Mannes erfolgen. Und natürlich sind alle Medien voll von dieser Nachricht und überschlagen sich mit Dokumentationen, Biografien und Ähnlichem. Daher werde ich Euch eher nichts Neues von Muhammad Ali berichten können. Aber vielleicht interessiert es Euch ja trotzdem.

Das politische und gesellschaftliche Wirken von Muhammad Ali und seine Biografie ist Gegenstand unzähliger Publikationen. Er war Zeit seines Lebens eine bedeutende Persönlichkeit der Weltgeschichte, eine Kämpfer gegen Diskriminierung und ein Botschafter des Friedens. Nebenbei auch dreimaliger Weltmeister im Schwergewichtsboxen. Seine politischen Leistungen kann ich mit den mir zur Verfügung stehenden Informationen aus zweiter und dritter Hand nicht mal annähernd würdigen und lasse es daher an dieser Stelle sein. Steht auch alles durchaus übersichtlich bei Wikipedia.

Berühmt geworden ist er aber als Boxer, als Weltmeister im Schwergewicht. Als einer, der nach Floyd Patterson als Zweiter das fast unumstößliche Gesetz “They never come back” durchbrach. Zu diesem Thema habe ich immerhin etwas “Feldforschung” vorzuweisen, da ich nahezu alle Kämpfe von Ali in den Jahren von 1974 bis 1980 – ja, auch das Desaster gegen Larry Holmes – vor der Flimmerkiste live verfolgt hatte. Das “Drama auf den Bahamas” 1981 gegen Trevor Berbick (welcher übrigens entgegen der Ansicht eines flapsigen NN-Redakteurs kein “Kirmesboxer” war, sondern immerhin 1986 Weltmeister der WBC) habe ich mir in weiser Voraussicht verkniffen…

Da ich in den 1960ern noch zu klein war und wir zudem unseren ersten (Schwarzweiß-)Fernseher erst 1968 bekamen, bin ich für Alis Kämpfe von 1960-1967 und dann von 1970-1974 kein echter Augenzeuge. Allerdings habe ich sie mir inzwischen alle angesehen (danke Youtube!) und zudem schon mehrfach das Buch “Sting like a Bee: The Muhammad Ali Story” von Jose Torres durchgelesen, in dem viele der Kämpfe Runde für Runde aufgezeichnet und fachkundig kommentiert sind. Reden wir also über den Boxer Muhammad Ali und die Goldene Ära des Schwergewichts…

Ich denke, dass er im ersten Abschnitt seiner Karriere von 1960 bis 1967 unschlagbar war, was nebenbei durch seinen makellosen Kampfrekord bis zum Zeitpunkt seiner Suspendierung belegt ist. Zu schnell, zu smart (wieder trifft es ein englischer Begriff am besten) und zu modern war sein Stil und auch er selbst für seine Gegner. Dennoch hat er sich meine grenzenlose Bewunderung erst in den 1970ern im wahrsten Sinne des Wortes erkämpft. Während seiner dreijährigen Abwesenheit erreichten nämlich gleich drei andere Weltklasseboxer den Zenit ihrer Karrieren: Joe Frazier, Ken Norton und George Foreman.

Jose Torres, selbst Weltmeister im Halbschwergewicht 1966-1967, beschreibt es in seinem Buch (wie vieles andere) treffend: Es ist eine Sache des Stils. Alis unbequemste Gegner, Joe Frazier und Ken Norton, die ihn beide schon jeweils einmal vor 1974 besiegt hatten, wurden von George Foreman in wenigen Runden quasi in den Ringboden geprügelt. Dann ging Ali hin und schlug als 32-Jähriger den sieben Jahre jüngeren Forman in Zaire k.o. Alles eben eine Sache des Stils.

Frazier und Norton, die leider niemals gegeneinander antraten, waren Alis härteste Gegner, da sie wie er selbst sehr schnell und beweglich waren, allerdings beide – insbesondere Joe Frazier – mit einem ungeheurem Bumms ausgestattet. Der renommierte Trainer und Kommentator Gil Glancy (zeitweise der Trainer von George Foreman) bezeichnete noch in den 1980ern Joe Frazier als den Kämpfer mit dem härtesten Punch, da sein Schützling Foreman zwar die meiste Power, aber nicht den notwendigen “Snap” (vielleicht am besten mit “Schnalzer” zu übersetzen) hätte. Schaut Euch mal den linken Haken an, mit dem Joe Frazier Muhammad Ali 1971 im “Kampf des Jahrhunderts” in Runde 15 niederschlägt, dann wisst Ihr, was gemeint ist. Alis Bilanz gegen Frazier und Norton ist durchwachsen. Gegen beide trat er jeweils drei Mal an und erreichte gegen jeden einen Score von 2:1. Doch war der “Thrilla in Manila” 1975 für den Sieger Ali wie auch für den Verlierer Frazier ein derart kräftezehrender Abnutzungskampf, dass er als der letzte große Kampf beider Boxer gilt. Noch heute streiten sich renommierte Boxtrainer, ob die Entscheidung von Joe Fraziers Trainer Eddie Futch richtig war, seinen Mann zur 15. Runde nicht mehr antreten zu lassen. Alis Punktsieg im dritten Duell gegen Ken Norton 1976 wird von nahezu allen Experten als “geschenkt” betrachtet. Auch wenn er noch 1978 im Rückkampf gegen Leon Spinks, der ihm einige Monate vorher überraschend den Titel abgenommen hatte, durch einen Punktsieg zum dritten Mal Weltmeister wurde, war das rapide Nachlassen seiner boxerischen Fähigkeiten unübersehbar. Der letzte Teilsatz ist aus Wikipedia, aber ich konnte es nicht besser formulieren.

Alis Stärke – seine blitzschnellen, aber nicht zu harten Schlagkombinationen – waren bei Gegnern wie Frazier oder Norton nicht so effektiv wie bei seinen Kontrahenten in den 1960er Jahren, die zumeist unter dem Schlaghagel zu Boden gingen. Für George Forman waren dagegen unbeirrbar nach vorne drängende Gegner ein gefundenes Fressen, auch wenn sie gute Pendelbewegungen dabei machten, da es im Allgemeinen genügte, wenn er irgendwann EINEN ordentlichen Schlag platzieren konnte, was ihm ja sowohl gegen Joe Frazier (1973 und 1976) wie auch gegen Ken Norton (1974) gelang.

Ganz klar herauszustellen ist aber, dass sich die Karrieren aller drei Boxer Joe Frazier, Ken Norton und auch George Foreman über Ali definierten. Sowohl durch ihre legendären Siege wie auch durch die nicht minder legendären Niederlagen. Zudem ist es sicher nicht von der Hand zu weisen, dass sich sowohl Frazier wie auch Norton bei dem schon einige Jahre länger erfolgreichen Ali einiges abgeschaut haben mögen, um ihren Stil zu optimieren.

Obwohl Alis Reflexe und seine Leichtfüßigkeit nach seiner Zwangspause sichtbar nachgelassen hatten und er dies nicht wie andere alternde Boxer durch gestiegene Schlagkraft kompensieren konnte, gelang es ihm, diese drei bärenstarken Männer noch in den Jahren 1974 und 1975 zu besiegen. Um mit Jose Torres (fast) zu schließen: Alis Erfolge zu Beginn seiner Karriere konnte er als Wunderkind erringen. Seine Ringschlachten am Ende seiner Karriere konnte er gewinnen, weil er ein Mann geworden war.

Wenn er jetzt im Boxerhimmel – den es ebenso sicher gibt, wie den Musikerhimmel – auf seine alten Kontrahenten Joe Frazier (+ 2011) und Ken Norton (+ 2013) trifft, wäre eine gute Gelegenheit, sich mal in Ruhe mit Joe auszusprechen. Denn bei allem Verständnis für seine witzigen Gedichte und seine humorvollen Provokationen, die nahezu immer nur den Gegner an- und aufstacheln sollten, so dass er im Kampf gegebenenfalls die notwendige Konzentration vermissen ließ, ist er im Vorfeld des “Thrilla von Manila” zu weit gegangen. Er hat den tapferen “Smokin’ Joe” als “Kämpfer der Weißen”, “Gorilla” und “Onkel Tom” verunglimpft, was Ali dann eine lebenslange Feindschaft seitens Joe Frazier eingebracht hatte.

Bis auf diese kleine Trübung bleibt Muhammad Ali für mich ein Mensch, den ich gerne als “The Greatest” im Andenken bewahre, weil er mich und viele Millionen von Menschen fasziniert hat. Und seine “Boxkunst” – wenn man das so sagen darf – wurde oft kopiert, doch nie erreicht!

R I P

Im Andenken

Gige

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3 Kommentare zu „Ali

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