Do ut des

Liebe Leser,

Web, Facebook, YouTube, Twitter, Pinterest, Instagram, TikTok? Alles klar! Ich fühle mich zwar zu alt für den Scheiß, aber was bleibt schon in diesen pandemischen Zeiten? Alle meine lukrativen Live-Gigs (die nicht so lukrativen natürlich auch) werden immer wieder aufs Neue verschoben, langjährige Comic-Kunden stellen ihre Publikationen ein und die Firmen, für die ich dankbarerweise Arbeit in der Buchhaltung oder im Sekretariat verrichte, fahren auftrags- und damit umsatzmäßig seit nunmehr über 12 Monaten Corona zumindest mit angezogener Handbremse. Es gilt also, online neue Märkte und damit Umsatz oder gar Gewinn zu generieren. Gut, dass ich da als Erster drauf gekommen bin.

Seit Anfang des Jahres habe ich meinen YouTube-Kanal wiederbelebt (sucht nach gige2009 oder klickt hier >>>), ab 2015 pflege ich meine Präsenzen bei Facebook („Hahaha, wer nutzt denn noch Facebook?“) und diesen Blog. Ok, und meine Webpräsenz www.gige.de sowie meine Seite bei Patreon >>>. Aber mehr geht einfach nicht. 

Bis auf den Sonderfall Patreon erbringen alle Sites, Kanäle und Präsenzen in ihrer derzeitigen Verbreitung keinerlei Umsatz, sie dienen rein zur Unterhaltung meines Publikums und generieren allenfalls sekundär etwas Geschäft, wenn jemand einen Tonträger oder eine Publikation bestellt. Oder mich für eine Veranstaltung bucht (was ja bekanntlich seit einem Jahr nicht mehr passiert).

Nun ist so, dass man sowohl für sein Publikum wie auch für die ungnädigen Algorithmen unablässig Content zu produzieren hat, welcher auch in irgendeiner Form konsumiert und am besten auch noch bewertet werden muss. Da man – wie oben bereits erwähnt – nur einer von tausenden ist, muss es das Netzwerk erledigen, die treuen Freunde, Fans und Follower. Und hier wird es anstrengend.

Viele meiner Facebook- und sonstigen digitalen Freunde sind natürlich ebenso Musiker und veröffentlichen jede Menge eigenen Content. Und so haben sie ebenfalls den Wunsch, ihre Videos, Tonaufnahmen und Texte möglichst bekannt zu machen. Nun ist es für mich eine Sache der Fairness, dass ich die Beiträge meiner Kollegen like, selbst wenn der eine oder andere nicht hundertprozentig nach meinem Geschmack ist. Musiker ernähren Musiker, ein alter Hut. Zudem kostet ein Like oder ein kurzer netter Kommentar ja nix. Außer Zeit. Und so muss ich eben täglich zwischen 30 und 60 Minuten derselben opfern und lese Beiträge anderer Blogger, denen ich folge, weil sie mir folgen, gucke mir Clips meiner Mitmusiker auf Facebook und YouTube an, wobei ich nicht mit „Gefällt mir“ spare und bestelle hin und wieder eine CD eines Freundes oder musikalischen Leidensgenossen.

Das ist Dir alles zuviel und zu aufwändig? Gut, dann lass es bleiben. Beklag Dich jedoch nicht, wenn die anderen Kinder dann nicht mehr mit Dir spielen wollen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gedanken zum Jahresbeginn

Liebe Leser,

natürlich habe ich wieder viel zu lange mit Arbeit und so ’nem Kram herumgetrödelt, dass dieser Beitrag zur Begrüßung des neuen Jahres schon fast zum Ende des Karnevals erscheint. Da selbiger – wie so vieles – ausfallen wird, ist auch diese Angabe irrelevant. Wie immer entschuldige ich mich in aller Form für … naja, alles eben. Nun aber der Text: 

So, endlich ist 2020 Geschichte. Wir haben jetzt 2021 und alles wird besser. Hatte ich mir so gedacht. Ja, Pustekuchen. Wir hocken im verschärften Lockdown und freuen uns, wenn die Impfquote der Bevölkerung im Promillebereich ansteigt. Langsam aber sicher geht mir Corona auf die Nerven. Soeben habe ich eine Nachricht von Rainer Glas erhalten, dass der 40. Internationale Jazzworkshop Erlangen auch im Jahr 2021 nicht stattfinden kann. Die Nachricht wird auch bei der Wiederholung (siehe diesen Beitrag von 2020 >>>) nicht besser.

Die Pläne, die ich mit Beginn der Pandemie für 2020 gemacht hatte („Ab Herbst können wir dann…“) sind jetzt offenbar auch für 2021 obsolet. Weia, das nervt gewaltig!

Und dann noch die Bekannten (echte Freunde sind es zumeist nicht), die in der Krise eine Herausforderung oder gar Chance sehen. Träumer, die in Kurzarbeit kreativ werden oder in „systemrelevanten“ Berufen (womit natürlich nicht die tatsächlich systemrelevanten und hart schuftenden Helden im Gesundheitswesen etc. gemeint sind!) arbeiten, wo man außer der obligatorischen Maske nichts von der Pandemie bemerkt. Herrje, ich hab’s gerafft! Online-Konzerte streamen, Unterricht per Skype, Harmonielehre-Kurse über das Web und so weiter und so fort. Jaja, schon klar. Ich mach ja schon!

Am besten ist der Tipp, viele Videos für YouTube zu produzieren, so wegen Influencer oder Content-Creator und all den Schissl. Das ist eine entsetzliche Arbeit – seit Tagen schneide ich an einem 3-Minuten-Video herum – und bringt dem (nicht mehr ganz taufrischen) Live-Musiker genau gar nichts. Um es frei heraus zu sagen (entschuldigt den rüden Ton, Ihr Blog-Leser seid explizit ausgenommen und ohnehin meine Treuesten!): Steckt Euch sämtliche gutgemeinten Rat-, Optimierungs-, Vor- und sonstigen Schläge an den Hut. Naja, ging doch, war nicht zu rüde. Also: Was ich tun müsste, weiß ich. Nur nicht wann. Und ich weiß auch nicht, wie man das alles bezahlen soll.

Ein passabler Weg, darbende (eine zugegebenermaßen angesichts meines Leibesumfangs etwas fragwürdige Formulierung) Künstler zu unterstützen, ist es, deren Erzeugnisse bzw. Merch (= Merchandising-Kram – die Abkürzung wird inzwischen sogar von der Rechtschreibprüfung toleriert) zu kaufen. Und es gibt ja allerhand:

Man kann sich die „Harmonielehre für Gitarre“ von Helmut Kagerer & Gige Brunner (siehe dieser Beitrag >>>) bestellen, oder eine der schönen (neuen) CDs „dreipunktnull“ (siehe dieser Beitrag >>>) bzw. „Bossa Nova“ (siehe dieser Beitrag >>>). 

Bestellung per Mail an jazz@gige.de oder auf allen legalen Kommunikationswegen zu mir. Oder das:

Ganz heißes Zeug. Für Gitarristen. Feine Fingerstyle-Arrangements populärer Standards aus Jazz und Bossa Nova. Derzeit lieferbare Hefte (als PDF):

La Mer, Se é Tarde Me Perdoa, Out of Nowhere (und in den nächsten Tagen Lobo Bobo und On a Slow Boat to China). Jedes PDF enthält ein Fingerstyle-Arrangement des kompletten Songs in kombinierter Notation und Tabulatur sowie eventuell ein paar Anmerkungen und kostet 5 Euro. 

Bestellung per Mail an jazz@gige.de oder auf allen legalen Kommunikationswegen zu mir. Zudem auch direkt über den Verlag unter www.hm5-publishing.de (wo ich die PDFs baldigst auf der Website einstellen bzw. bewerben werde, versprochen!).

All diese schönen Sachen werde ich impertinent bei YouTube bewerben und zudem den jeweiligen Beitrag durch einen gewieften Titel als Clickbait nutzen. Ja, so clever bin ich drauf! Ihr findet meinen Kanal in Youtube >>> unter dem knackigen gige2009. Seufz…

Zu guter Letzt wird es im März (hoffe ich) einen Online-Kurs zum Thema Harmonielehre bei der vhs Schwabach geben, für den ich das oben genannte Buch in handliche Happen zerteilt habe, die sich zum Einen in vier Lektionen und zum Anderen ohne explizite Gitarrenkenntnisse genießen lassen. Ankündigung und Ausschreibung erfolgt zeitnah. 

So wurde meine wütende Abrechnung mit dem ganzen Volk der Krisengewinnler, Optimierer und Consulter (welche ich schon in meinen Angestellten-Zeiten nicht ausstehen konnte) nun doch zu einer Werbeveranstaltung in eigener Sache. Aber wie sagte schon Brecht so schön: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Wo kein Kläger…

Liebe Leser,

großer Wirbel um die Urheberrechtsrichtlinie. Spätestens, als Wikipedia für einen Tag dicht gemacht hatte, war die Brisanz der Diskussion offensichtlich. Ich darf zur Verdeutlichung einen Teil aus einem Artikel unter golem.de zitieren (hm… darf ich?):

Der geplante Artikel 13 soll kommerzielle Plattformen mit nutzergenerierten Inhalten künftig unmittelbar für Uploads ihrer Nutzer haftbar machen. Damit sollen sie dazu bewogen werden, mit allen Rechteinhabern Lizenzen abzuschließen. Zudem sollen sie ermöglichen, dass nicht lizenzierte Inhalte auf Wunsch der Rechteinhaber nicht hochgeladen werden können. Nach Ansicht von Kritikern führt aus diesem Grund kein Weg daran vorbei, sogenannte Uploadfilter aufbauen zu müssen. In der endgültigen Abstimmungsvorlage (PDF) wurde der Artikel 13 zum Artikel 17 umbenannt.

Aus Protest gegen diese Pläne haben die deutschsprachige Wikipedia und drei weitere Sprachversionen am 21. März 2019 erstmals komplett ihre Inhalte blockiert. Zudem hat erstmals eine Petition auf Campact.org die Marke von fünf Millionen Unterstützern überschritten. Für den kommenden Samstag sind europaweit Demonstrationen gegen die Richtlinie geplant.

Der Streit entzündet sich hauptsächlich an den erwähnten Uploadfiltern. Anhand der inzwischen fließenden Datenmengen ist ein händisches Prüfen aller Uploads auf Urheberrechtsverletzungen gar nicht möglich. Aus diesem Grund müsste eine präventive Verhinderung solcher Rechtsverstöße automatisiert vollzogen werden. Das leuchtet ein.

Nun hat sich eine gewaltige Front zwischen den jungen und etwa eine Generation älteren Internetnutzern aufgebaut, ich kann es passenderweise in der eigenen Familie nachvollziehen. Im Grunde geht es um die jeweilige Haltung zu geistigem Eigentum. Und da schlagen durchaus zwei Herzen in meiner Brust, da ich mich sowohl für einen Urheber wie auch für einen Interpreten (und damit einen potentiellen oder gar tatsächlichen Urheberrechtsverletzer) halte.

Gerade junge Menschen vertreten insbesondere auf Youtube ihr Recht auf die “Kultur der Remixes und Memes”, für mich allerdings ist schon eine Parodie an der Grenze des Erlaubten, wenn sie Originalmaterial verwendet. Immerhin wird eventuell eigener Erfolg (auch durchaus finanzieller) durch die Leistung Anderer ermöglicht, ohne dass selbige dafür entlohnt werden. Wobei mich am meisten stört, dass bei Vielen gerade für diesen Sachverhalt nicht einmal ein grundlegendes Verständnis besteht. “Wie, an den Künstler muss man auch noch was bezahlen? Der soll froh sein, wenn ich sein Zeugs bekannt mache!”

Mittendrin, mit reibenden Händen, stehen derzeit die Plattformbetreiber. Aber hier darf ich zur Verdeutlichung ein Bild aus der analogen Welt bemühen. Juristen unter meinen Lesern mögen mich korrigieren, aber ich sehe das folgendermaßen:

Ein Typ besitzt einen Platz, auf dem Autos geparkt werden. Unter seinen Kunden befindet sich ein Gauner, der alle Autos, welche er auf diesem Parkplatz abstellt, vorher geklaut hat. Seine Parkgebühr entrichtet er allerdings jeweils anstandslos. Der Parkplatzbetreiber verdient also Geld mit illegalem Material. Kann ihm nun auferlegt werden – es soll sich wirklich um einen riesigen Parkplatz handeln -, die Herkunft und die Eigentumsverhältnisse eines jedes einzelnen Fahrzeugs vor der Einfahrt zu überprüfen? In der Praxis wird solches zumindest nicht gemacht.

Verwertungsgesellschaften, welche sich ja per se um die Beteiligung der Künstler kümmern müssen, plädieren heftig für die Einführung solcher Kontrollmechanismen (und damit der maschinellen Filter), Webvideoproduzenten und auch eine der bedeutendsten Plattformen des WWW, Wikipedia, sehen dagegen die Möglichkeit zur umfassenden Zensur.

Was also tun?

Ich denke, in diesem Fall (Videoproduzenten/User/Youtube/Google) ist ein “weiter so” praktikabel. Denn sind Videos (oder auch andere künstlerischen Medien) erfolgreich, so dass dem Künstler durch eine unbefugte Nutzung oder Weiterverwendung materieller oder auch immaterieller Schaden entsteht, kann wie bisher eine Unterlassung oder auch ein Ausgleich gefordert werden. Sind sie nicht erfolgreich, entsteht auch kein Schaden. Die Plagiate interessieren dann schlichtweg keinen. Daher der abgedroschene Beitragstitel: Wo kein Kläger, da kein Richter. Wenn ich eine Gershwin-Interpretation auf YT hochlade, die in drei Jahren 100 Views erzielt, entsteht außer ggfs. einem ästhetischen kein weiterer Schaden. Neben vielem anderen würde auch dieses Video durch einen funktionierenden Uploadfilter aufgehalten werden, da ja Urheberrechte und eventuelle Vergütungen ungeklärt sind.

Eine pauschale Verwertungsabgabe, wie sie einige Verwertungsgesellschaften (GEMA, VG BildKunst) für ihre Mitglieder in anderen Bereichen durchgesetzt haben, ist in diesem Zusammenhang prinzipiell auch keine schlechte Idee.

Was meint Ihr, liebe Leser? Sollen wir auf YouTube & Co. wie einst beim Rauchen von “filterlos” auf “mit Filter” umsteigen? Schmeckt ja dennoch auch nicht besser…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige