Auf dem Nachttisch – Das Damengambit

Liebe Leser,

statt der Rezension gedruckter Worte wieder einmal die von bewegten Bildern, genauer gesagt einer Netflix-Serie. Angesehen habe ich „Das Damengambit“, eine siebenteilige Miniserie aus dem aktuellen Jahr 2020. Worum geht’s?

Die kleine Elizabeth „Beth“ Harmon verliert bei einem Autounfall ihre Mutter und wächst in einem Waisenhaus in Kentucky Mitte der 1950er Jahre auf. Im Zuge der damals offenbar tatsächlich verbreiteten systematischen Dauergabe von Beruhigungsmitteln an die jungen Heiminsassen wird sie zeitlebens tablettenabhängig. Als Achtjährige lernt sie von dem grummeligen (harte Schale, weicher Kern) Hausmeister Mr. Shaibel im Keller des Heimes die Grundzüge des Schachspiels. Sie ist überaus talentiert und bemerkt zudem, dass sie auf Droge Zugvarianten wie im Zeitraffer an der Zimmerdecke visualisieren kann, um komplizierte Varianten zu berechnen. Diese Fähigkeit wird sie während ihrer ganzen Schach-Karriere einsetzen.

Nachdem sie als Vierzehnjährige von einem Ehepaar adoptiert wird, erkennt ihre bald vom Ehemann verlassene Adoptivmutter die finanzielle Chance, die eine erfolgreiche Schachkarriere ihrer Stieftochter mit sich bringt. Sie schickt Beth auf alle lukrativen Turniere und Meisterschaften, die sie buchen kann. Und Beth Harmon wird der Star der (absolut männerdominierten) Schachwelt der 1960er Jahre. Am Ende des Karriereweges wartet der russische Groß- und Weltmeister Borgov…

Mehr zu verraten wäre grobe Spoilerei und ich finde, um das an dieser Stelle vorwegzunehmen, „Das Damengambit“ sollte man sich ansehen. Die Serie ist spannend und liebevoll gemacht und auch (oder vielleicht gerade) für Nicht-Schachspieler geeignet.

Sind die Hauptfiguren wie Beth Harmon, Großmeister Borgov und alle amerikanischen Kollegen und Meister auch fiktive Charaktere, so ist die schachliche Weltkarte der ausklingenden 1950er und beginnenden 1960er Jahre durchaus korrekt gezeichnet. Politisch wie auch schachlich herrschte der Kalte Krieg und seit der ersten Regentschaft des dreimaligen Schachweltmeisters Michail Botwinnik 1948 war das Schach bis 1990 fest in sowjetischer Hand, nur kurz unterbrochen vom Aufstieg des legendären Bobby Fischer. Die Namen der historischen UDSSR-Großmeister werden auch immer wieder zitiert, so dass man hier durchaus ordentlich recherchiert hat.

Wenn man annehmen mag, dass sich zumindest die schachliche Karriere der Beth Harmon am realen Bobby Fischer orientiert, ist wohl der ehemalige Weltmeister (1969-1972) Boris Spasski das Vorbild für den oben erwähnten Großmeister Borgov in der Serie. Ach übrigens, in einer durchaus nicht unbedeutenden Rolle als Landesmeister von Ohio (?) ist der Schauspieler Harry Melling zu sehen, dessen Gesicht mir von Anfang an bekannt vorkam. Es handelt sich um den (inzwischen erwachsenen, schlanken und durchaus gut im Geschäft stehenden) Schauspieler von Dudley Dursley, Harry Potters missgünstigen Cousin aus den Harry-Potter-Verfilmungen. Ich habe nachgelesen, dass er dort schon im Teil 7 einen Fettanzug tragen musste, da er für die Rolle des dicken Dudley zu dieser Zeit schon viel zu schlank war. Wichtige Zusatzinformation!

Die Beratung durch einen der besten Schachspieler aller Zeiten, Garri Kasparow, hat der Serie insofern gut getan, dass alle Stellungen auf den Schachbrettern realen Meisterpartien entnommen sind und wirklich alle Schauspieler ordentlich die Figuren ziehen können. Gerade der Bewegungsablauf „Zug ausführen – mit der Zughand die Uhr drücken – Zug notieren“ sieht stets völlig realistisch aus. Ich kann mir vorstellen, dass insbesondere die häufig gezeigten (da spektakulären) Blitzpartien (jeder Spieler hat nur fünf Minuten Zeitkontingent für die ganze Partie zur Verfügung) den nicht-schachspielenden Schauspielern (eine schöne Wortkombination!) allerhand abverlangt haben. In vielen Filmen wird hier derbe geschlampt, nicht so in „Damengambit“. Jeder, der (wie ich keinesfalls, also ehrlich) einige Zeit in einem Schachclub oder einem Schachcafe (welche es nicht mehr gibt, schnüff) verbracht hat, wird dies bestätigen.

Wie bereits erwähnt, ist der Werdegang der Beth Harmon in schachlicher wie persönlicher Hinsicht eindrucksvoll, spannend und auch plausibel geschildert. Das Kolorit der USA der 1950er und 1960er Jahre ist ganz wunderbar anzuschauen und die Stimmung in den Turniersälen von lokalen (traditionell trist) oder auch internationalen (traditionell pompös) Schachturnieren ist sehr gut eingefangen.

Ein bisschen Kritik muss allerdings erlaubt sein. Die Dialoge bei der Stellungsanalyse von Schachpartien oder auch die (vorgeblich fachkundigen) Kommentare zu Stellungen sind eindeutig auf ein weniger schachkundiges Publikum zugeschnitten. „Eine Stellung wie eine Festung, mit den Läufern als Bewachern an den Flanken“ oder so ähnlich, enthält für den echten Spieler keinerlei Information, klingt aber irgendwie interessant. Oder die bedeutungsschwangere, geflüsterte Ankündigung eines „Matt in drei Zügen“ – Unsinn! In Meisterpartien geben die Spieler auf, wenn sich die Stellung strategisch verloren ist und nur der Möglichkeit einer mehrzügigen Mattkombination droht. Mit einem Matt in drei Zügen kann man keinen fortgeschrittenen Spieler beeindrucken. Die Schach-Konversationen haben in der Serie oft wirklich nur Anfängerniveau und wurden mit Sicherheit ohne die Beratung durch Garri Kasparow geschrieben.

Außerdem geben fast alle Spieler, die Beth Harmon im Laufe ihrer Karriere „umnietet“, äußerst höflich und als Gentleman auf. Es wäre schön, wenn es so wäre, aber fast alle starken Schachspieler sind schlechte Verlierer und halten zumeist nur wortlos die Uhr an, wenn sie aufgeben wollen. Als höchsten Ausdruck ihres Respekts geben sie vielleicht kurz (und kraftlos) die Hand zur Aufgabe. Da bastelt die Serie eine heile Welt, die es nie gegeben hat.

Ein weiteres Ärgernis (und damit will ich es mit dem Genörgel gut sein lassen) ist die Figur des Benny Watts (gespielt von Thomas Brodie-Sangster). Er ist in der Serie amtierender US-Meister im Schach, läuft nur mit Hut und Ledermantel herum, macht einen auf dicke Hose und trägt (zur Verteidigung gegen wen auch immer) stets ein Messer am Gürtel. Wie so oft darf ich mich da der Meinung meines Lieblings-Großmeisters Jan Gustafsson anschließen: Ich verstehe die Figur nicht, weder seine Intentionen noch seinen Anspruch und finde auch in der Schachgeschichte kein reales Vorbild für diesen Typen. Ich kaufe dem Schauspieler die Figur und der Figur ihre Existenz nicht ab. Also, Benny Watts, f**k off!

Abgesehen von diesen Punkten ist „Das Damengambit“ eine spannende Serie und die Hauptdarstellerin reißt mit ihrer Präsenz und ihrem intensiven (Schau-)Spiel vor wirklich toller Ausstattung alles wieder raus, so dass ich summa summarum eine glatte Anschau-Empfehlung aussprechen kann!

Wie auch in anderen Genres ist es eben nicht einfach (siehe meine Anmerkungen zu den Musik-Filmen >>>), einen Mittelweg zwischen Unterhaltung eines möglichst großen Publikums und der Befriedigung der jeweiligen Nerds zu finden! 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – Love, Death and Robots

Liebe Leser,

ok, eigentlich güldet (ein wunderschöner fränkischer Ausdruck für “gilt”) das nicht, denn eine Netflix-Serie ist kein Buch, aber so streng wollen wir das nicht sehen, oder? Beim nächsten Mal gibt es wieder eine Rezension zu Geschichten auf Papier, aber heute geht es mal um Animationsfilme.

Durch eine glückliche Fügung komme ich vom heimische Fernsehsessel aus seit geraumer Zeit an das wirklich riesige Arsenal des Streamingdienstes Netflix. Und da gibt es neben allerhand angesammelten Spielfilm- und Serienklassikern einiges zu entdecken. So auch die im Titel dieses Beitrags erwähnte Serie “Love, Death and Robots”.

Die erste Staffel von “Love, Death and Robots” besteht aus 18 Episoden von Animationsfilmen, welche in einer Länge zwischen etwa 7 bis 17 Minuten pro Clip unterschiedlichste Facetten der Themen rund um den durchaus treffenden Titel der Serie behandeln. In unterschiedlichsten Animationsstilen finden wir so ein Sammelsurium skurriler, witziger, gruseliger, brutaler und zumeist gewalttätiger Geschichten, die zum Teil bleibenden (für Erwachsene jedoch wahrscheinlich nicht dauerhaft schädlichen) Eindruck hinterlassen.

Die Technik der Animationen ist State of the Art (das bedeutet: hochwertig und – sofern es stilistisch angesagt ist – realistisch) und die Geschichten haben mehr als einmal einen Twist, den man – zumindest in den ersten Folgen – auch mit nunmehr deutlich über 50 Lenzen nicht kommen sieht. Hammer! Ich habe mir alle 18 Episoden an drei Abenden reingezogen und bin nun gespannt, ob eine eventuelle zweite Staffel das hohe Niveau der ersten halten kann. Fünf Sterne (also volle Punktzahl) für “Love, Death and Robots” von meiner Seite.

Nun habe ich im Web und auch auf YouTube von vielen jüngeren Rezensenten ähnlich Enthusiastisches gelesen, was mich letztendlich zu der Serie gebracht hat. Eines wissen die jungen Leute zumeist allerdings nicht: Das Konzept ist toll, aber keinesfalls neu. Bereits 1981 erschien zunächst in Kanada und den USA, 1982 dann in Deutschland der Zeichentrickfilm “Heavy Metal”, in dem durch eine Art “Kugel des Bösen” lose verknüpfte Episoden unterschiedlicher Zeichentricktechniken in Spielfilmlänge gezeigt wurden. Einige Geschichten waren dem Schwermetall-Magazin entnommen, andere wurden extra für den Film geschrieben. Natürlich war ich damals im Kino und von diesem nicht mit Sex und Gewalt geizenden Werk begeistert, stellte es doch nach “Fritz the Cat” (1972) und “Die Welt in 10 Millionen Jahren” (1977) einen der wenigen Zeichentrickfilme eindeutig für Erwachsene in dieser Zeit dar.

Im Jahr 2000 erschien sogar noch eine Fortsetzung, Heavy Metal: F.A.K.K.²,  welche aber meines Erachtens wesentlich schwächer als der erste Teil ist.

Ich bin mir sicher, dass der 1981er Film den Produzenten von “Love, Death and Robots” zumindest als Inspiration diente, zu ähnlich sind teilweise Stil und auch der allgemeine Gestus. Nichtsdestotrotz ist die neue Netflix-Serie für alle Fans von animierten Science-Fiction- und Fantasy-Geschichten ein Muss!

Interessant ist aus technischer Sichtweise, dass die Augen der (menschlichen) Protagonisten bei modernster Animationstechnik immer noch etwas leer und der aktuellen Szenerie entrückt scheinen, wie es in den meisten aktuellen Videospielen auch auffällt. Dies scheint für die Animationsstudios offensichtlich ein nicht unerhebliches Problem darzustellen. Dafür krachen aber die Action-Sequenzen gehörig und super-realistisch…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige