Meister durch Talent

Liebe Leser,

der bereits mehrfach zitierte Schachgroßmeister Jan Gustafsson sagt in seinen regelmäßigen Kommentar-Streams anlässlich aktueller Turniere (man nennt so eine mehrstündige Übertragung heutzutage „Show“, obwohl wie schon zu Helmut Pflegers Sendezeiten halt ein Schachbrett, Live-Aufnahmen der Spieler und die Köpfe der Kommentatoren in mehreren Fenstern gezeigt werden) neben scharfsinnigen Anmerkungen zur Partie und allerhand Unsinn auch bisweilen wirklich Wahres. Er stellte fest, dass das Publikum solche Meister mehr schätzt, die ihre Partien durch geradezu göttliche Eingebung gewinnen, als diejenigen, die dies aufgrund ihrer akribischen Vorbereitung tun. Da ist was dran. Und es lässt sich auch auf das Gitarrenspiel beziehungsweise auf die Musik übertragen.

Ich stieß im Netz auf Aufnahmen der Gitarristin Stephanie Jones, eine schicke Mittzwanzigerin mit australischen Wurzeln, die derzeit in Deutschland lebt und an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar studiert. Ihre Version des Jobim-Klassikers A Felicidade ist derart brillant, dass ich meine Nylon-Schraddel erst einmal ins Eck gestellt habe und mit der Ungerechtigkeit der Welt haderte, die es in Sachen Begabung einfach gut mit einigen Menschen meint. Und das ist natürlich Kokolores! Denn Stephanie Jones hat mit Sicherheit einige harte Arbeit geleistet!

Kein Meister, der es wirklich bis in den Olymp schafft, erreicht dies nur aufgrund seines Talents. Klar, wenn man für eine Sache partout nicht geeignet ist, dann hilft auch keine elterliche Früherziehung („Du kannst alles werden was du willst!“). Eine gewisse Begabung ist vonnöten. Aber dann kommt die Arbeit. In den 1980ern stieß ich als Mittzwanziger zu einer Schülerband aus wirklich begabten 15- oder 16-Jährigen. Mein Talent, welches ich sicherlich mitbrachte, reichte genau zwei Jahre, dann ließen mich die anderen Kinder nicht mehr mitspielen, um diese durchaus passende Sandkasten-Metapher zu bemühen. Denn meine Bandmitglieder übten und übten und übten, während ich mich auf meinem Talent ausruhte. Ich hatte allerdings den Schuss gehört und begab mich Anfang der 1990er Jahre in die strenge, aber sehr lehrreiche Obhut des legendären RM. Dort lernte ich tatsächlich, Gitarre zu spielen und – was noch wichtiger war – was ich alles noch nicht kannte, geschweige denn konnte.

Wenn ich einen (mittelmäßig komplexen) Song vom ersten Hören bis zur Aufführungsreife bringen will, muss ich ihn im Durchschnitt einige Hundert Mal spielen. 

[Im Moment liegt das trickreiche „Samba do Avião“ von Antonio Carlos Jobim … ja, eben nicht auf meinem Notenständer (von dem grauenhaften Bossa Nova Songbook hatte ich schon berichtet >>>), sondern in diversen YouTube-Aufnahmen verborgen. Da ich nun seit drei Tagen an dem Song bastle und die Nummer allen Mithörenden schon zu den Ohren herauskommt, dürfte diese Zahl durchaus realistisch sein.]

Naturtalente mögen solcherlei vielleicht schneller schaffen, aber letztendlich läuft es (und auch das habe ich mir von Jan Gustafsson entliehen) immer auf eine gut funktionierende Mustererkennung hinaus. Wenn ich ein Problem bereits einmal gelöst habe, werde ich ein ähnliches schneller lösen können. Dies gilt für die Musik (in diesem Fall die Einarbeitung eines neuen Songs) und ebenso für das Schach oder auch ganz andere Bereiche. 

Allerdings neigen viele Menschen dazu, diejenigen besonders zu bewundern, die es (vermeintlich) nur aufgrund ihres Talents an die Spitze geschafft haben. Aber die – sorry – gibt es nicht. Alle, wirklich alle, haben für das Erlernen ihrer jeweiligen Kunst unendlich viel Zeit und Mühe TROTZ ihre unbestrittenen Talents aufgewendet. Bobby Fischer hatte in seiner Jugend einen starken Trainer und brach die Schule ab, um sich rund um die Uhr mit Schach zu beschäftigen. Muhammad Ali war morgens der Erste im Gym und abends der Letzte, der es verließ. Sein berühmter Trainer Angelo Dundee berichtete, dass Ali im Gegensatz zu den meisten anderen Boxern die Zeit in der Trainingshalle liebte. Joe Pass, sicher mit einem außergewöhnlichen musikalischen Gehör gesegnet, wurde als 10-jähriger von seinem Vater zu sechs Stunden Üben PRO TAG verdonnert, und das ganze fünf Jahre lang. Man sagt den beiden ein getrübtes Verhältnis nach. Charlie Parker nahm Unterricht in Harmonielehre, weil er als junger Mann auf einer Session wirklich versagt hatte (die Geschichte mit dem Becken von Jo Jones). Und so weiter, und so weiter!

Ich denke, die Bewunderung für jedwede Meisterschaft, welche (angeblich) nur auf Talent und nicht auf harter Arbeit beruht, ist uns in die Wiege gelegt. Denn das lässt die Möglichkeit offen, dass man es auch selbst hätte schaffen können, wenn nicht … [hier einen beliebigen Grund einsetzen]. Und wie schon Heinz Strunk in „Fleisch ist mein Gemüse“ feststellt: Als verkanntes Genie kann man es sich im Leben auch ganz komfortabel einrichten.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige