Deppi

Liebe Leser,

beim Durchblättern der alten Blogbeiträge ist mir aufgefallen, dass sich insbesondere am Anfang viele Beiträge um das bisweilen mindestens schwierige Verhältnis Wirt ./. (Live-)Musiker drehten. Nun sind seit Beginn dieser meiner Aufzeichnungen schon ganze vier Jahre vergangen, aber es hat sich natürlich nichts geändert. Und da wir jetzt bereits 2019 schreiben, habe ich keine Hemmungen, Euch eine nette Anekdote zu diesem Thema aus dem Jahr 2018 zu schildern, die Protagonisten bleiben ja wie immer anonym.

In einer fränkischen Großstadt gibt es im Zentrum eine schöne Bar (da gibt es mehrere, aber ich will ja niemand anschwärzen oder so). Diese wird von einem mehrfach preisgekrönten Bartender – nennen wir ihn mal Deppi – geführt. Deppi weiß, wie man einen perfekten Moscow Mule herstellt. In Sachen Veranstaltungs-, Betriebs- und Personalorganisation sowie Betriebswirtschaft sind allerdings durchaus Defizite vorhanden.

Wir waren eine aufstrebende Jazzcombo bestehend aus fünf Senioren, die auch im überwiegend fortgeschrittenen Alter noch gerne auf die Bretter, die die Welt bedeuten, treten wollten. Ich selbst bin diesbezüglich ganz ordentlich versorgt, aber ist nicht ein dauerhafter monatlicher Job in einer Bar für ein Jazztett, welches eben genau die passende Musik spielt, das Optimum? Eine – zugegebenermaßen übel – bezahlte Probe pro Monat? Perfekt!

Mit der Marketingabteilung der Bar (eine ominöse junge Frau mit Kleinkind, deren Verbindung zum Unternehmen wir bis zum Schluss nicht zweifelsfrei klären konnten) war der erste Termin sowie auch die finanziellen Angelegenheiten besprochen (eine bescheidene Festgage und der Erlös aus dem kreisenden Hut) und so rückten wir im März (?) 2018 erstmalig samt unserem kompletten Equipment in der Bar an.

Der etwas von der Bar samt Tresen abgetrennte hintere Bereich mit einigen Sitzmöglichkeiten war durchaus für ein fünfköpfiges Ensemble geeignet  Wir bauten zügig auf und legten los. 

Der Abend war ein voller Erfolg, wir hatten einiges an Publikum mitgebracht und auch die übrigen Gäste waren offensichtlich von unserer Darbietung recht angetan, denn Deppi schlug umgehend ein wöchentliches Engagement vor. Doch wir waren trotz der Aussicht auf eine werbewirksame Wochenveranstaltung (die legendäre “bezahlte Probe”, der Heilige Gral aller Live-Musiker) vorsichtig. Denn schon bei unserem ersten Gig erkannten wir Schwächen in der internen Kommunikation unter den einzelnen Mitgliedern des Service-Teams.

Von den bis zu drei anwesenden Bartendern oder Servicekräften wusste maximal einer, dass an dem jeweiligen Abend überhaupt Livemusik stattfinden sollte. Manchmal auch keiner. “Mir hat keiner was gesagt. Und ich muss mich jetzt um meine Bar kümmern.” Werbung in den sozialen oder gar sonstigen Medien wurde nicht gemacht. Nicht beim ersten Job und auch nicht bei einem der folgenden. Die besagte Marketing-Dame war zu keinem Zeitpunkt auf keinem der üblichen Wege erreichbar und hat in dem knappen Jahr unserer “Zusammenarbeit” genau rein gar nichts getan.

Im Laufe des Jahres 2018 schafften wir es immerhin, von insgesamt neun vereinbarten Jobs sieben zu spielen. Die beiden anderen (oder waren es sogar drei?) entfielen aus fadenscheinigen oder skurrilen Gründen (“… da jetzt ‘ne Veranstaltung ausgemacht … Euch hab ich völlig vergessen”). Alle unsere Gigs waren von unserer Performance her gut bis sehr gut. Wir brachten Gastmusiker, Gäste und (zumindest immer am Anfang des Abends) gute Laune mit. Es half alles nichts. Das Auditorium war stets begeistert und reservierte für den folgenden Auftritt, doch entweder wollte Deppi das alles nicht, oder er konnte es nicht. Wahrscheinlich beides…

Wir mussten mehrmals den Beginn unseres Gigs verschieben, da im angrenzenden Konferenzraum, der nicht zu den eigentlichen Räumlichkeiten und somit in den Verantwortungsbereich der Bar gehörte, noch eine unglaublich wichtige Veranstaltung oder Sitzung stattfand. Beim ersten Mal bauten wir mucksmäuschenstill auf und harrten in aller Stille dem Ende der Veranstaltung um dann auf die Schnelle einen kurzen Soundcheck zu machen. Dass der besagte Konferenzraum allerdings schon seit 19 Uhr verwaist war, haben wir erst gegen 20:30 erfahren, weil wir selbst vorsichtig nachgesehen haben. Die anwesenden Servicekräfte der Bar hatten schlichtweg vergessen, dies nachzuprüfen oder es uns mitzuteilen. An den folgenden Terminen kümmerten wir uns gleich selbst darum und konnten fast jedesmal pünktlich anfangen, da der Nebenraum schon längst verlassen worden war. 

Im Sommer plante unser Sänger, seine Geburtstagsfeier auf einen unserer Gigs in der Bar zu legen. Auf der eigenen Geburtstagsfeier mit der Band zu spielen, ist nicht die schlechteste Idee, so einen Tag angemessen zu feiern. Der wirklich lauschige Innenhof der Bar bot das perfekte Ambiente. SS reservierte einige Tische und sagte Deppi wegen des diesmal garantiert erhöhten Service-Aufwands Bescheid. Der ignorierte den gutgemeinten Hinweis und ließ nur insgesamt zwei Servicekräfte für Innen- UND Außenbereich antreten, die trotz persönlichem Engagement den Andrang nicht zu stemmen vermochten. Dass bereits am frühen Abend keine Milch mehr zur Herstellung leckerer Latten, Cappuccini und ähnlicher Getränke zur Verfügung stand, war (im besten Wortspiel-Sinne) das Sahnehäubchen!

Beim übernächsten Job teilte uns der Tender des Abends mit, dass die Räumlichkeiten schon für ein Whiskey-Tasting mit etwa 20 Teilnehmern reserviert seien. Von der Band habe ihm “niemand was gesagt”. Ähnliches ist uns zu einem späteren Zeitpunkt dann nochmals widerfahren.

Für unser X-Mas-Special kurz vor Weihnachten 2018 luden wir noch- und letztmals allerhand Gäste, denn wir ahnten wegen der geschilderten Vor- und Ausfälle, dass sich unser regelmäßiges Engagement wohl im nächsten Jahr nicht fortsetzen würde. Um uns den Abschied nicht zu schwer zu machen, hatte Deppi an diesem Abend den hinteren Bereich der Bar – unseren gewohnten Platz – an eine Firmen-Weihnachtsfeier vergeben. Wir mussten uns in den engen Bereich vor der Theke zwischen die restlichen Gäste quetschen. Ob Deppi dies wegen seiner Verpeiltheit oder einfach aus Gier so organisiert hatte, ist nicht mehr aufzuklären. Jedenfalls haben wir die Weihnachtsfeier der braven Businessleute gestört und diese wiederum unseren Gig, da sich unaufhörlich Menschen zwischen uns und der Theke hindurchzwängen mussten, um zur Toilette oder überhaupt nach draußen zu gelangen. Es war ganz allerliebst! Und es war unser letzter Job in der Bar. 

Natürlich weiß ich und habe es auf diesen Seiten oft beschrieben, dass das Angebot an willigen Live-Musikern die Nachfrage übersteigt. Wir wollen alle nur spielen. Aber wenn es doch für den Wirt kein finanzielles Risiko und keinen organisatorischen Aufwand bedeutet, warum dann solch Ungemach? Warum kann man im Nebenraum nicht einen großen Wandkalender montieren, auf dem für das ganze Personal sichtbar geplante Veranstaltungen vermerkt sind? Warum hat nicht einer dieser jungen aufstrebenden Gastronomen auch nur den geringsten Draht zu handgemachter Musik?

Aber Deppi ist sicher wieder mit seiner organisatorisch perfekt geführten Bar bei der nächsten Umfrage des lokalen Klatschblattes unter den Top-Ten der kreativsten Bartender unserer Weltstadt. Denn den Moscow Mule hat er drauf. Immerhin.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gibson L-4 (Baujahr 1928)

Liebe Leser,

Jazzgitarren von Gibson sind einfach geile Instrumente! Es gibt allerhand hervorragende Gitarren anderer Hersteller, aber auf Dauer haben sich bei mir die Modelle des US-amerikanischen Herstellers (über dessen Preis- und Produktpolitik man selbstverständlich geteilter Meinung sein darf) durchgesetzt. Ich war Besitzer von Gibson E-Gitarren (einer U2 – heutzutage äußerst selten, einer Firebird – allerdings ein 2019er Modell, jedoch nie einer Les Paul – sie sind mir zu unausgewogen) und einer Westerngitarre (Advanced Jumbo). 

Doch wirklich begeistern mich seit vielen Jahren die Archtops bzw. Jazzgitarren von Gibson. Hiervon hatte ich schon einige in den Händen, über die ich in unregelmäßigem Abstand an dieser Stelle berichten möchte. Heute möchte ich vorstellen:

Gibson L-4 (Baujahr 1928)

Dieses über 90 Jahre alte Instrument ist erst dieses Jahr in meinen Besitz gelangt. Sie hatte bei ihren Vorbesitzern (unter anderem in einer Pfarrer-Rockband) wohl einen Streifen mitgemacht, denn die Decke war zweifach gerissen, der Saitenhalter gebrochen und auch Boden und Zargen waren heftig lädiert. Bei einem Besuche aus anderem Anlass sah ich in der Werkstatt meines Lieblings-Gitarren-Laden BTM Guitars dieses schöne Instrument sozusagen am Haken hängen:

Diese Gitarre war schon seit etwa 10 Jahren das Objekt meiner Begierde, wurde sie doch in den 1920er Jahren von dem großen Eddie Lang (1902 – 1933) gespielt.

Man findet bei der Google-Suche auch ein schönes Produktblatt mit einer wirklich makellosen L-4 und einem Foto von Eddie Lang und Bing Crosby bei der gemeinsamen Kompositionsarbeit.

Leider hat Eddie ausgerechnet auf diesem Foto die von ihm später bevorzugte L-5 (über die hier im Blog mit Sicherheit auch noch berichtet werden wird) auf dem Schoß und nicht die daneben abgebildete L-4.

Meine L-4 befand sich zum Zeitpunkt der obigen Aufnahme “am Haken” noch in privatem Besitz des Gitarrenbauers AG von BTM Guitars, der sie “irgendwann mal” restaurieren wollte. Mein umgehendes Kaufangebot beschleunigte die Instandsetzung von “ganz langwierig” auf “ein paar Monate”. Die Reparatur des Saitenhalters (man hätte ihn löten oder gar schweißen müssen) erwies sich als zu aufwendig, so dass er erneuert wurde. Das Griffbrett wurde mit dem von mir bevorzugten Krümmungsradius abgerichtet, neu bundiert und mit neuen Bindings versehen. Um die L-4 auch live problemlos elektrisch verstärkt verwenden zu können, montierte AG einen Floating-Pickup am Griffbrettende, allerdings ohne Regelung, da Regler entweder auf dem Schlagbrett oder auf der Decke montiert werden und ich weder ein Schlagbrett noch eine erneute Beschädigung der frisch reparierten Decke wünschte.

Im März 2019 konnte ich die L-4 zu einem fairen Preis von AG übernehmen und umgehend auf der Bühne einsetzen. Und es ist – zumindest jetzt nach der Renovierung – ein ganz erstaunliches Instrument.

Sie klingt akustisch überraschend gut und ist trotz ihres gerade mal knapp 16” Korpus nicht zu leise. Der manch ähnlich alter Archtop nachgesagte “Gießkannensound” (lieber OM, das hat mir ein Jahr schlechten Schlaf und letztendlich den verlustreichen Verkauf der betreffenden Gitarre beschert…) ist nicht vorzufinden.

Das wie bereits berichtet restaurierte und neu abgerichtete Griffbrett erlaubt trotz des von mir nicht sonderlich geliebten V-Profils des Halses auch längeres beschwerdefreies Spiel. Was hier als geschriebenes Wort durchaus nach Altersheim und etwas lächerlich klingt, ist nach Jahrzehnten exzessivem Gitarrenspiels ein ernstzunehmendes Kriterium für die Tauglichkeit eines Instruments.

Der Korpus mit der ausgeprägten “Taille” liegt gut auf dem Knie und die Gitarre damit gut in der Hand.

Als Beeinträchtigung des Spielvergnügens muss ich allerdings festhalten, dass das am 12. Bund in den Korpus übergehende Griffbrett ein Spiel jenseits der 10. Lage verhindert. Spätere Gitarren haben diesen Übergang zumeist am 14. Bund, so dass – wenn auch bisweilen etwas mühselig – zumindest die Oktave eines Akkordes in Lage 0 mit Barré am 12. Bund gespielt werden kann.

Durch den Halsansatz ist bei der L-4 schon ein Griff in Lage 10 ein schwieriges Unterfangen, in Lagen darüber kaum realisierbar. Möglicherweise war dies auch ein Grund für die Gitarristenlegende Eddie Lang, in seinen späteren (und leider letzten) Jahren das Nachfolgermodell von Gibson, die L-5 einzusetzen.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Es ist alles gesagt

Liebe Leser,

vorgestern Abend war ich zu Gast auf dem Gitarrenfestival in Hersbruck. Ja, aufmerksame Leser haben es bemerkt, es ist schon wieder Mittwoch…

Wie in den vergangenen Jahren geben sich hochklassige Vertreter der Gitarrenkunst in Hersbruck ein Stelldichein. Mein Freund und Musikerkollege AM hatte Karten besorgt – unpräzise: “spendiert” muss es lauten! Dankeschön! – und es gab an diesem Montagabend “Gipsy Swing – Crossover”, eine nicht nur auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftige Mischung. Zu hören war das “Joscho Stephan Trio” und das Duo “Hands on Strings”, welche sich die beiden Sets des Abends teilten, wobei das Joscho Stephan Trio den Abend eröffnete und beschloss. Durch diese Konstellation kam das durchaus fähige Duo in den zweifelhaften Genuss, sowohl NACH wie auch VOR Joscho Stephan zu spielen, eine Konstellation, die jeder vernünftige Gitarrist zu vermeiden sucht. Nun denn, ich werde dennoch zuerst über “Hands on Strings” schreiben:

Die beiden Gitarristen Thomas Fellow und Stephan Bormann schlossen sich Anfang des Jahrtausends zum Duo “Hands on Strings” zusammen. Beides hervorragende Instrumentalisten und Musiker produzieren sie durch den Zusammenklang von Follows Konzertgitarre mit dem regelmäßig wechselnden Instrument seines Duopartners Bormann einen mächtigen Sound, der streckenweise nach “Earl Klugh meets Pat Metheny” klingt, aber durchaus eigenständig. Obwohl sie – insbesondere Fellow – einen druckvollen und groovenden Bass intonieren können, wenn sie populäre Songs zitieren, ist es am schönsten, wenn sie ihre lyrische Seite herausstellen. das arg strapazierte, dennoch wunderschöne “Fragile” von Sting sei lobend erwähnt. Von launigen Ansagen aufgelockert und der Pause unterbrochen lieferten “Hands on Strings” eine feine Stunde hochklassiger Gitarrenkunst ab. Warum sich im meines Erachtens durchaus lockeren Zeitplan des Abends keine drei Minuten für die vehement geforderte Zugabe unterbringen ließen, bleibt ein Rätsel.

Nach dem auf diese Weise etwas rüde beendeten Gig der zwei Dresdner kam er zum zweiten Mal an diesem Abend auf die Bühne, der große Joscho Stephan. In der ursprünglichsten Trio-Besetzung, mit Vater Günter Stephan an der Daumen-betriebenen Rhythmusgitarre und dem Kontrabassisten Volker Kamp.

Volker Kamp aus Duisburg spielt seit einigen Jahren Kontrabass im Trio der beiden Mönchengladbacher Stephans und ist ein hart swingender Virtuose, dem der Meister bisweilen ein Solo überlässt.

Günter Stephan ist der inzwischen knapp 70jährige Vater von Joscho und von Beginn an mit auf Tour. Er spielt eine ausgezeichnete, rhythmisch präzise Gipsy-Rhythmusgitarre und NIEMALS ein Solo. Wie bereits auf meinem letzten Besuch bei einem Konzert von Joscho Stephan im Jahr 2013 hatte ich auch diesmal Gelegenheit, einige Worte mit dem Familienoberhaupt zu wechseln, der trotz Hunderten von bejubelten Konzerten ein bescheidener und sympathischer Gesprächspartner geblieben und immer für einen kleinen Plausch zu haben ist. Von dem Heer der leider viel zu oft namenlosen hervorragenden Gipsy-Rhythmus-Gitarristen unterscheidet er sich in zwei Dingen: Zum Einen spielt er niemals mit Plektrum, sondern schlägt die Saiten ausschließlich mit dem Daumen der rechten Hand an. Dies verhindert zwar manch rhythmische Kapriole, ergibt aber einen weichen, dennoch sehr “tighten” Sound. Wobei ihm der Daumen selbst ob der permanenten Beanspruchung wohl keine Probleme bereitet, eher die rechte Schulter. Durchaus vorstellbar bei der Schlagfrequenz, die bei einem Joscho Stephan Konzertabend zu leisten ist.

Und zum Anderen spielt er live immer nur eine seiner beiden Hoyer-Maccaferris (wirklich seltene Exemplare), obwohl doch der Shooting-Star der Maccaferri-Baumeister Jürgen Volkert aus Lauf dem Sohn regelmäßig wunderschöne Instrumente liefert.

Nun zum Meister selbst. War er schon vor fünf Jahren ein herausragender Gitarrist mit der Vorliebe für den Stil Django Reinhardts, der in diesem Genre noch Musiker wie Stochelo Rosenberg oder zumindest Bireli Lagrene neben sich duldete, so ist er zumindest aus technischer Sicht inzwischen ganz oben angekommen. Besser kann ein Mensch nicht Gitarre spielen! Der halb scherzhaft geäußerte Wunsch des die Veranstaltung anmoderierenden Klassik-Gitarristen Johannes Tonio Kreusch, den man sicher nicht zu den “Patzern” zählen kann, dass er “gerne mal einen Fehler im Spiel von Joscho hören würde”, blieb auch an diesem Abend unerfüllt.

Das Problem für einen Gitarristen wie mich hierbei ist, dass man wegen der geradezu außerirdischen Technik und Musikalität von Joscho schon angesichts der eigenen Unzulänglichkeit Bedenken hat, irgendwelche kritische Anmerkungen zu schreiben. Dasselbe Problem hat man übrigens auch mit dem Fingerstyle-Spezialisten Tommy Emmanuel. Das Gute an Joscho Stephan ist, dass er wirklich jeden nur erdenklichen Song in atemberaubender Geschwindigkeit spielen und für seine Soli aus einem offensichtlich gewaltigen Repertoire an abgefahrenen Phrasen und Licks schöpfen kann.

Das Problem dabei ist, dass er dies tatsächlich auch immer tut. Joscho Stephan macht formal alles richtig. Er spielt “für die Galerie”, also spektakulär, so dass auch ein stil- oder fachfremdes Publikum die Klasse des Meisters erkennen kann (mein Sänger SH hatte mir als durchaus hilfreichen Ratschlag schon vor 25 Jahren mit auf den Weg gegeben, dass Musikalität und eventuelle Virtuosität nicht nur besessen, sondern auch dargestellt werden müsse), er moderiert sparsam, aber freundlich und witzig-verschmitzt durch das straffe Programm und er zitiert in seinen Soli jede Menge bekannter Songs und Hits.

Und so stellt sich nach der letzten Zugabe (es waren zwei, für eine dritte hatte dann das überwiegend im Seniorenalter befindliche Publikum doch keine Geduld mehr) tatsächlich etwas ein Gefühl von Sättigung ein. Es ist alles gesagt! Was soll da noch kommen? Joscho Stephan hat jeden nur erdenklichen Ton gespielt, jede rasante Phrase gebracht und jeden Zitat-Kalauer (Stairway to Heaven…) gedroschen. Danach kommt nichts mehr.

Das schönste Lied des Abends war für mich übrigens nicht wie für viele die bluesige Version von Django Reinhardts “Nuages” (da kann man über die Interpretation geschmacklich geteilter Meinung sein), sondern das sparsame, aber wunderschöne „Bei dir war es immer so schön“ von Theo Mackeben. Und da bewies Joscho Stephan, dass er eben tatsächlich ein begnadeter Gitarrist und Musiker von Weltklasse ist und nicht nur ein Zirkusartist mit herausragender Technik.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Die Allerletzte…

Liebe Leser,

letzten Dienstag hatte ich pausiert. Diesen auch. Die 10 davor auch. Herrje, es ist einfach zuviel zu tun.

So, nun aber diese Woche. Aber eben Donnerstag, nicht Dienstag. Was war doch gleich das Thema? Ah, ganz unerwartet: Gitarren. Aufmerksame Leser haben es bemerkt, ich knüpfe nahtlos an einen Artikel an, den ich wahrscheinlich schon vor zwei Jahren an ebendieser Stelle veröffentlicht hatte. Es ging um die immerwährende Suche des Gitarristen nach der “allerletzten Gitarre” und dem Hinweis, dass diese es dann sei, bis man die nächste gefunden hätte. Was mir mit einem Modell des Augsburger Gitarrenbauers Stefan Sonntag genau so passiert ist. Und von dieser “allerletzten Gitarre” sei heute berichtet.

Ich bin immer wieder getrieben von der Idee, den Sound der frühen Jazzgitarristen (wie zum Beispiel Eddie Lang) in die heutige Zeit zu übertragen, wobei mir hier natürlich der rustikale Klang seiner Soloaufnahmen und nicht der aus der Orchesterbegleitung vorschwebt, schon allein deshalb, weil man letzteren zumeist gar nicht wahrnehmen kann. Ein bisschen schizophren ist das Ganze deshalb, weil sich dieser Sound eigentlich nicht mit meiner bevorzugten Spielweise verträgt. Denn die Kollegen der prä-elektrisch-verstärkten Zeit stellten sich mit ihren Archtops oder Maccaferris nahe ans Mikro und gaben dann mit dem Plektrum in der geballten Faust der rechten Hand richtig Gas. Ich wiederum stehe auf den Fingerstyle ala Leo Kottke und Werner Lämmerhirt (1970er) bzw. Tommy Emmanuel und Martin Taylor (heute), welcher allerdings zumeist auf Westerngitarren oder zumindest auf magnetisch verstärkten Archtops dargebracht wird. Somit gab es den Sound, den ich gerne hätte, eigentlich nie, weswegen er folglich als Klangschablone für eine eventuell neu zu erwerbende Gitarre nicht taugt.

Ein bisschen schafft hier aber der eingangs erwähnte Stefan Sonntag die Quadratur des Kreises, denn er baut besonders gut Archtops für den Einsatz als akustische (Schlag-)Gitarren. Angelehnt an das Design früher D’Angelico-Modelle fertigt der Gitarrenbaumeister Stefan herausragende Jazzgitarren in seiner Augsburger Werkstatt. Und eben nicht so nebenbei zwischen einer Unzahl an gewinnbringenden “Brettern” (E-Gitarren), sondern nahezu ausschließlich! Um an ein solches Trauminstrument zu kommen, braucht man nur einen Sack voll Geld und Geduld. So sechs bis acht Monate benötigt Stefan durchaus, bis eine neue Gitarre komplett fertiggestellt ist. Dies allerdings ist der “Wetterbericht” von 2014. Bei Interesse bitte persönlich dort nachfragen!

Das Design einer vom Meister anzufertigenden Gitarre darf natürlich vom Kunden maßgeblich diktiert werden. Bis auf die Dinge, von denen der Instrumentalist naturgemäß weniger Ahnung hat, als der Instrumentenbauer… und die Dinge, die nicht verhandelbar sind, weil sie essentiell für die Arbeit des Meisters sind… und die Dinge, die man sich dann doch nicht leisten kann oder will. Am Ende ist die Anzahl der wählbaren Optionen überschaubar. Im Prinzip wählt der Kunde also ein Instrument der bestehenden Produktpalette von Stefan Sonntag aus, welches bestimmte Ausstattungsmerkmale aufweist und verhandelt dann mit dem Gitarrenbauer die einzelnen Modifikationen. Ich entschied mich für ein Modell der Serie J17 Standard, wobei die “17” für die Korpusbreite in Zoll steht (was eine durchaus ordentliche Größe ist) und das “Standard” für gehobene Ausstattung, wie – neben der massiven Bauweise aus edlen Hölzern – weißes bzw. schwarz-weißes Binding (Zier- oder Schutzränder) an allen möglichen Kanten und Löchern, Perlmutt-Blockeinlagen auf dem Griffbrett, die Kopfplatte mit Perlmutteinlage, Saitenhalter aus Ebenholz und vergoldeter Hardware. Alles nur vom Feinsten. Ein Standardmodell von Stefan sieht so aus:

Sonntag-Standard

Die Bezeichnung “Standard” lassen wir mal an dieser Stelle als gefällige Untertreibung undiskutiert. Die Gitarre ist bereits in der unmodifizierten Ausführung ein echtes Schmuckstück! Aber ich wäre ja nicht ich, wenn ich nicht noch etwas am Instrument zu wünschen hätte! Schon seit Jahren hatte ich mich zum Beispiel in F-Löcher im sogenannten Katzenaugen-Design verguckt, wie man sie bei alten Modellen von Gretsch

Gretsch

oder von Arnold Hoyer findet.

Hoyer

Dass die Konstruktion bei den oben abgebildeten Gitarren zwar schick, doch funktional zweifelhaft ist, war mir bis dato noch gar nicht bewusst und wurde mir erst beim Vorgespräch vom Meister erklärt: Die Katzenaugen (F-Löcher) unterbrechen die Fasern der Decke. Das ist nicht zu vermeiden. Wohl aber, dass dies mit denjenigen Fasern passiert, die durch den Steg direkt zur Schwingung gebracht werden. Stefan positioniert die Schalllöcher daher näher am Rand.

Dass dies keine Marotte, sondern ein durchdachtes Detail ist, wird nach kurzem Klangvergleich beider Gitarren offensichtlich. Die Sonntag spielt akustisch in einer anderen Liga (was übrigens angesichts der Bedienung einer Gitarre – man “spielt” sie bekanntlich – kein wirklich gelungenes Sinnbild ist)!

Zudem bewundere ich schon seit langem den filigranen Saitenhalter Type “Lyre” oder “Lyra” (Tailpiece H62/10-N, für die, die es genau wissen wollen) von Höfner, welcher mir bei meinen bisherigen Höfner-Gitarren bis dato jedes mal versagt blieb.

H62_10-N_1Die Ebenholz-Saitenhalter von Stefan sind edel und super, aber ich hatte mir halt dieses etwas “deutsche” Design in den Kopf gesetzt. Stefan sagte zu.

Alsbald wurden wir uns handels- bzw. vertragseinig. Es ist ganz einfach: Stefan fasst den Auftrag auf zwei Seiten Papier zusammen, man unterschreibt diesen und ist prompt seine Ersparnisse los… Ein kleiner Scherz am Rande, pardon! Nun sind Sonntag-Gitarren tatsächlich kein Schnäppchen, aber wenn man sich mal den derzeitigen Preis einer Gibson L-5 (>8000 €, und sie sind akustisch wirklich keine Offenbarung, wie ich beim Anspielen mehrerer Modelle feststellen musste) oder einer Benedetto Cremona (ca. 30.000 $ – die sind wahnsinnig!) anschaut, dann relativiert sich das Ganze schon wieder, denn man bekommt wirklich was fürs Geld!

Ein Drittel des vereinbarten Preises zahlt der Kunde sozusagen als Auftragsbestätigung und Vorschuss, dann beginnt der Meister mit dem Bau. Und dann hört man erstmal einige Monate nichts mehr, so dass sich die Vorfreude schon ins Schmerzhafte steigert. Andererseits kann man die Wartezeit – in meinem Fall knapp acht Monate – dafür nutzen, den Restbetrag für die Gitarre aufzutreiben. Ich bewerkstelligte dies durch die Veräußerung meiner Chancellor (Ihr erinnert Euch: Die allerletzte Gitarre). Tja, sie hätte eben nicht so zicken sollen. Doch davon wird an anderer Stelle zu berichten sein. Die Lackierung der Gitarren erfolgt übrigens nicht in der Werkstatt in Augsburg, sondern wird von einem österreichischen Gitarrenbauer erledigt, so dass nach Fertigstellung des Gitarrenbaus noch eine mehrwöchige Wartezeit für Versand, Lackierung und endlich Rücksendung zu bedenken ist. Mit Schellack, welcher durch Aufreiben und Polieren auch eigenhändig zu verarbeiten wäre, kennt sich Stefan Sonntag allerdings nach eigenem Bekunden nicht so aus, so dass es keine Alternative zur Lackierung bei unseren südlichen Nachbarn gab. Allerdings steht meiner Sonntag ‘blond’ einfach zu gut, so dass ich einem Schellack-Finish nicht im geringsten nachtrauere.

Sonntag_komplett

Der Rest ist schnell berichtet: Am großen Tag fuhr ich – wie stets in Begleitung von ME – wieder nach Augsburg, spielte das großartige Instrument nochmals kurz an und fuhr nach kurzer Stärkung voller Vorfreude auf stundenlanges Spiel nach Hause. Seitdem habe ich meine Sonntag bei vielen Anlässen, teilweise unter extremen Bedingungen wie brüllender Hitze gespielt und sie hat mir stets perfekte Dienste erwiesen! Übrigens auch beim Einsatz als Rockgitarre im Duell mit einer Strat während eines Open-Airs.

Natürlich ist dies wieder einmal meine allerletzte Gitarre, die letzte Allerletzte ist schon vergessen. Wobei… bisweilen ist so ein 17-Zoll-Korpus schon etwas mühselig zu handhaben…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige   

 

Multitasking

Liebe Leser,

ach ja, lange nichts mehr von Euch gehört. Ich hoffe, es geht Euch allen gut! Moment – Ihr habt ja nichts von mir gehört. Danke der Nachfrage, es geht mir gut. Andererseits, wenn es nichts zu maulen gäbe…

Am Wochenende hatte ich wieder einmal gespielt. Gitarre, nicht Fußball, falls hierbei Unklarheit bestand. Und es war ganz allerliebst. Ein 50. Geburtstag, bei dem man mich auf Empfehlung samt meiner Saxophonistin zur Beschallung bis zum Beginn des Tanzvergnügens, welches etwa ab 22 Uhr angesetzt war, engagiert hatte. Für eine ordentliche Gage, bei sehr kurzer Anfahrt und geringem Aufbauaufwand (eine gar nette Wortschöpfung). Allerdings war meine erprobte Gesellin anderweitig an diesem Abend verplant, was sie mir aber etwas zu spät mitteilte, nämlich als ich den besagten Job schon fest als Duo zugesagt hatte. Da der Kunde ja eben nur ein Duo Gitarre-Saxophon und somit neben mir keine bestimmte Person gebucht hatte und Marc, ein erfahrener Musikerkollege aus der Nachbarstadt Erlangen, wieder einmal bereit war, auszuhelfen, erachtete ich es nicht für notwendig, diese Substitution dem Geburtstagskind mitzuteilen. Allerdings war auch Marc in Terminschwierigkeiten und kündigte von vorneherein an, die Feier gegen 19 Uhr zu verlassen. Da wir ja schon ab etwa 15 Uhr zu spielen hatten, hielt ich auch das für kein Thema, um den Kunden damit zu beunruhigen. Etwa vier Stunden Anwesenheit von uns zwei Hochkarätern sollte die komplette Gage ja durchaus rechtfertigen.

Etwas kritisch wurde die Angelegenheit, als der Kunde zwei Tage vor seiner Feier bei mir anrief, um nochmal kurz den Ablauf durchzugehen. Gemäß der neuesten Planung sollte nun unsere dezente, aber stets geschmackvolle musikalische Untermalung erst um 16:30 Uhr starten, dafür aber bis 21:30 gehen, was in Summe ja wieder in etwa den vereinbarten vier Stunden entspräche. Gut, es sind fünf Stunden, nicht vier, aber so genau wollte ich dann auch nicht rechnen. Wobei ich mich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im Geringsten daran erinnern konnte, was wir tatsächlich bei unserem ersten Telefonat ausgemacht hatten. Marc würde aber definitiv um 19 Uhr verschwinden, was mir nun zweieinhalb Stunden Sologitarre bescheren würde. Es half nichts, die Wahrheit über meine nicht gänzlich gelungene Ersatzplanung musste mitgeteilt werden.

Dies führte zu äußerst unangenehmen längeren Gesprächspausen am Telefon, die mich zusehends zum Schwitzen brachten. Ich entschuldigte mich für meine Informationspolitik und stimmte sofort zu, als der Kunde vorschlug, die Gage um ein Viertel zu kürzen.

Am Samstag war ich überpünktlich beim Aufbau, Marc kam zeitgleich an und wir haben durchaus ordentlich abgeliefert (Heinz Strunk). Das Geburtstagskind und die gesamte Zuhörerschaft waren begeistert oder zumindest -eindruckt (ich glaube, die Konstruktion funktioniert mit diesen beiden Verben nicht wirklich) und unsere Gage wurde sogar noch etwas nach erhöht. Einwandfrei!

Eine kleine Anekdote – welche auch den Aufhänger dieses Beitrags bildet – soll aber erzählt werden: Bereits innerhalb des zweiten Sets kam eine resolute Dame mittleren Alters zu uns, um mir (Marc kann ja in solchen Situationen in sein Horn blasen, so dass er eindeutig nicht in der Lage ist, zeitgleich zu sprechen) die Modalitäten eines baldigst folgenden Gesellschaftsspiels zu erläutern – selbstverständlich WÄHREND ich meine Finger für eine schnelle Version von “The Days Of Wine And Roses” verrenkte.

Mir ist übrigens aufgefallen, dass wirklich jeder Auftraggeber oder Veranstalter einer Musikveranstaltung grundsätzlich jede Unterbrechung der Musik SOFORT und nicht etwa NACH einem Song realisieren muss. Obwohl unsere Stücke kaum mehr als drei Minuten dauern, was nach etwa einer Stunde Spiel offensichtlich hätte sein müssen, kann das Ende des Stückes keinesfalls abgewartet werden, sondern die Gestalten auf der Bühne sollen sich bitteschön umgehend einen gefälligen und nicht zu abrupten Schluss mitten im Chorus einfallen lassen. Eine kalte Vorspeise kann eben innerhalb von Sekunden verderben, wenn das Buffet nicht zeitgleich mit dem Auftragen der letzten Platte eröffnet wird. Oder so ähnlich.

Die erwähnte Dame wollte allerdings nicht unseren Vortrag unterbrechen, sie wollte nur einige Dinge in Ruhe mit mir absprechen, praktischerweise, während ich gerade auf der Bühne stand. Meinen hervorgepressten Einwand, ich könne mich jetzt wirklich nicht konzentrieren (was nicht ganz der Wahrheit entsprach, aber ich fühlte in dieser Situation einen Erziehungsauftrag), quittierte sie mit hochgezogenen Augenbrauen und einem bösen Blick. Sie beschwerte sich ob meiner Unverschämtheit beim Gastgeber, welcher allerdings auf eine Rüge verzichtete.

Dies ist beileibe kein Einzelfall. Da ich in meiner Tanzkapelle nur Gitarre spiele und mich nicht am Satzgesang beteilige (warum auch immer…), bin ich für konversationsfreudige Menschen ein willkommenes Opfer. Da wird schon mal unwirsch vom Bühnenrand aus herangewunken um mir eine Programmänderung oder einen Musikwunsch mitzuteilen. Den logischen Schluss, dass die Gitarrentöne aus den Lautsprechern tatsächlich von dem Typen mit der Gitarre im selben Moment erzeugt werden, ziehen die Allerwenigsten. Der Höhepunkt in einer wirklich langen Kette solcher Vorkommnisse war es, als eine redselige Tanzlehrerin unseren Bandleader in eine Diskussion verwickeln wollte, während er den (durchaus tragenden) Bass spielte und zugleich die dritte Stimme eines Evergreens ins Mikrofon sang. Unfassbar!

Spiele ich solo vor einer überschaubaren Anzahl von Zuhörern, hör ich bei solcherlei Ansprache mit dem Spielen auf und quittiere das unvermeidliche, peinlich berührte “Sie hätten jetzt aber nicht aufhören müssen!” mit dem knappen “Offensichtlich doch. Was gibt es denn?”. Das hilft zumeist, solche Unterbrechungen für den Rest des Abends zu vermeiden.

An diesem Samstag trat zwischen meinen Einlagen auch noch der ortsansässige Gospelchor auf und sang dem Geburtstagskind mehrere Ständchen. Doch keiner der anwesenden Gäste wäre selbst während der drögen und nicht besonders anspruchsvollen Darbietung von “Oh Happy Day” auf die Idee gekommen, eines der Chormitglieder anzusprechen. Das macht man nur mit Musikern, denen man zutraut, neben hochkomplizierten Gitarrenpassagen locker ein Schwätzchen zu halten.

Permanent-Optimisten dürften demnach solcherlei Gedankenlosigkeit und Ignoranz als Kompliment an ihre musikalische Fertigkeit ansehen. Ich finde es einfach… äh… gedankenlos und ignorant.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

 

Inside Jazz VII – Jazzworkshop Erlangen 2017

Liebe Leser,

im Moment spiele ich mehr live als dass ich online schreibe. Das mag sich wieder ändern, ist aber derzeit eben so. Deshalb kommt auch dieser eigentlich top-aktuelle Blogbeitrag mal wieder eine Woche zu spät und ist daher semi-top-aktuell.

Nun also kam ich am Sonntag (ähem… vor einer Woche) vom Internationalen Erlanger Jazzworkshop zurück. Und da gibt es ja stets allerhand zu erzählen. Eine ausführliche Beschreibung des Workshops findet sich hier >>>, so dass ich gleich zu den Dingen kommen kann, die mir in diesem Jahr besonders aufgefallen sind.

“Immer wenn ich die Szene wieder sehe, entdecke ich ein neues Detail!” – aus Asterix, Die Odyssee.

Der Workshop 2017 fand zum 37. Mal unter der Leitung des Erlanger Bassisten Rainer Glas statt, zum zweiten Mal in den Räumen der VHS Erlangen, im Egloffstein’schen Palais in der Friedrichstraße. Eine sehr schöne und für die Anforderungen des Workshops gut geeignete Lokation.

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Dozenten waren 2017 Romy Camerun (Gesang), Rainer Glas (Kontra- und Fretless-Bass), Patrick Scales (E-Bass), Helmut Kagerer (Gitarre), Bernhard Pichl (Klavier), Andrey Lobanov (Trompete), Rick Margitza, Joachim Lenhardt und Hubert Winter (alle Saxophon), Jürgen Neudert (Posaune), Harald Rüschenbaum und Christoph Huber (beide Schlagzeug), eine illustre Schar hochkarätiger Musiker. Erstmals in diesem Jahr dabei waren die Saxophonisten Joachim Lenhardt aus Nürnberg und Rick Margitza aus den USA sowie der Regensburger Gitarrist Helmut Kagerer.

Wie erwähnt findet dieser Workshop bereits seit 37 Jahren unter der engagierten, umsichtigen und geduldigen Leitung von Rainer Glas statt und so einige hervorragende Musiker haben in der Osterwoche der vergangenen Jahre ihren letzten Schliff bekommen und sind seitdem erfolgreich als Profi-Musiker unterwegs. Viele Teilnehmer erleben auf dem Jazzworkshop ihr Coming-Out als Jazzer und machen in ihrer musikalischen Entwicklung einen Quantensprung.

Was vielen Unkundigen nicht klar ist: Man fährt nicht nach Erlangen, um hochkarätigen Instrumentalunterricht zu bekommen und fundierte Harmonielehrelektionen zu hören – das gibt es sozusagen als Sahnehäubchen obendrauf, aber eben auch an anderen Orten – man tankt Jazz!

Alle oben genannten Dozenten und die meisten Kursteilnehmer vereint nämlich die Liebe und die Leidenschaft zu dieser Musikrichtung, die wie keine andere auf dem Grat zwischen festem Arrangement und Spontanität oder zwischen verkopfter Theorie und urwüchsiger Spontanität balanciert. Diese krude Mischung macht es aus. Zudem findet sich in dem wilden Potpourri der einzelnen Stile des Jazz für fast jeden Geschmack eine Nische.

Die Aufnahmebedingungen zur Teilnahme am Internationalen Jazzworkshop in Erlangen sind nicht hoch. Rainer Glas fordert in den Anmeldeformularen zwar die Beherrschung einfacher Standards wie “Autumn Leaves” oder “Blue Monk” , aber es geht auch ohne, wenn nur genügend Enthusiasmus und ordentliches musikalisches Handwerkszeug vorhanden ist. Nun gibt es in jedem Jahr einige Kandidaten, die sich gewaltig überschätzen. Ich selbst bin vor 10 Jahren in Erlangen mit der Überzeugung angetreten, 30 Jahre Gitarre in verschiedensten Genres “würden für die verhärmten Jazzer wohl reichen”. Puh, die haben es mir aber gezeigt, die “verhärmten Jazzer”. Dennoch hat man mich, damals in Rainers Combo, mit offenen Armen empfangen und wir haben auf dem Abschlusskonzert mit unserem bunt gemischten Haufen einen durchaus respektablen Auftritt abgeliefert.

“Das Wichtigste ist immer noch, dass du geil abgeliefert hast!” – aus “Fleisch ist mein Gemüse” von Heinz Strunk   

Voraussetzungen für Neulinge sind meines Erachtens die Liebe zur Musik (in diesem Fall zum Jazz), der Wille, Neues zu erlernen und der Respekt vor dem Bandleader, also dem Dozenten, welcher nachweislich ein Meister seines Fachs ist. Und daran hapert es bisweilen.

Neben vielen Talenten finden sich leider auch alljährlich ein paar Fälle, denen beim besten Willen nicht zu helfen ist. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn es in irgendeiner Form auch nur die geringste Form der Einsicht gäbe. Oder wenigstens eine realistische Selbsteinschätzung. Es gibt nämlich gegen falsches Spiel ein patentes Rezept: Finger weg vom Instrument! Nun hat sich aber offensichtlich  in unserer schönen Zeit der Gedanke verbreitet, dass durch die Zahlung eines überschaubaren Geldbetrags jeder unmusikalische Trottel ein Anrecht darauf hätte, mit seinem stümperhaften Spiel in einem Jazzensemble zu glänzen, auch wenn er selbst nicht die geringste Ahnung von Musik hat. Da ja bekanntlich immer die Anderen schuld sind, nimmt man bei Songs, die trotz ihres überschaubaren Schwierigkeitsgrades definitiv die eigenen musikalischen Fähigkeiten überfordern, nicht etwa höflich die Finger von den Tasten, nein, die Welt hat sich um unseren verhinderten Musikus (das Maskulinum steht hier nur zur Vereinfachung des Satzbaus) zu drehen. Wenn schon die Einwürfe vom Klavier zur falschen Zeit, mit den falschen Tönen und selbstverständlich ohne jegliche Form (welche den organisatorischen Ablauf eines Liedes beschreibt, z.B. Strophe-Refrain-Strophe usw. oder z.B. AABA im Jazz) kommen, muss durch die Lautstärke und Eindringlichkeit des Geklimpers zumindest auch der Rest der Band aus dem Song fliegen. Totale Vernichtung. Und dann noch beschweren, wenn es keinem gefällt. Solch impertinenter Egoismus ist mir in den früheren Kursen nicht aufgefallen.

Als Konsequenz wird sich Rainer wohl zukünftig von Workshop-Kandidaten, die von ihrer “klassischen Ausbildung” schwadronieren, mal im Vorfeld ein Ständchen spielen lassen, vorzugsweise einen Jazzstandard, aber wenn es sein muss auch eine Beethoven-Sonate. Wobei solcherlei Audition eigentlich überhaupt nicht sein Ding ist. Wie so oft resultiert also eine stärkere Reglementierung aus Egoismus und Selbstüberschätzung. Ein befreundeter Fahrlehrer brachte es schon vor vielen Jahren etwas überspitzt auf den Punkt:

Wenn die Menschen nicht so egoistisch und dumm wären, hätten wir heute kein einziges Verkehrszeichen!

Das kann man durchaus auf viele Bereiche des Lebens übertragen, eben auch auf einen Jazzworkshop.

Zum Schluss noch eine düstere Gruselgeschichte: Seit vielen Jahren halten sich Gerüchte, dass ab Januar vermummte Schlägerbanden durch den Großraum Erlangen ziehen, um zu später Stunde an uneinsehbaren Orten untalentierte Schlagzeuger zu shanghaien und sie auf den Jazzworkshop verschleppen. Das ist anscheinend kein Gerücht sondern die reine Wahrheit! Anders kann die Aussage eines schlagwerkbedienenden Kursteilnehmers “Eigentlich mag ich gar keinen Jazz” nicht erklärt werden. Jener Geselle, der nach eigenen Angaben in etwa einem halben Dutzend Rockbands seit Jahrzehnten seinen Dienst tut, verblüffte die Bläsersektion seiner Combo, die angesichts des vertrackten Satzes um die Reduzierung des Tempos bei einem Übungsdurchlauf bat, mit der fachkundigen Aussage: “Tempo 100, Tempo 110, Tempo 120 – ist eh alles dasselbe!”

Wer sich derart aufopferungsvoll um die rhythmischen Belange seiner Combo kümmert und dabei noch nicht einmal den Jazz mag, kann nur gegen seinen Willen auf dem Workshop sein. Fußketten oder Ähnliches sind mir allerdings nicht aufgefallen.

Dennoch war der Jazzworkshop 2017 insgesamt ein tolles Ereignis und definitiv ein Höhepunkt in meinem musikalischen Jahr. Insbesondere von den Dozenten Romy Camerun und Helmut Kagerer gab es für mich eine Menge zu lernen (von den anderen erfahrungsgemäß auch, nur deren Stunden habe ich dieses Jahr nicht besucht) und ich freue mich auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr!

Wie immer waren die allermeisten Kursteilnehmer sehr nette Menschen und gute Musiker. Die Mutantenquote (Vollpfosten/100 Teilnehmer) lag nur bei etwa 3 Prozent, was weit unter dem üblichen Schnitt in unserer Bevölkerung liegt!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Inside Jazz VI – Das ist doch keine Musik!

Liebe Leser,

den Satz “Das ist doch keine Musik!” kriege ich von durchaus versierten Musikerkollegen zu hören. Aber nicht ob irgendwelcher unzureichenden Live-Darbietungen meinerseits – es geht um Geschriebenes. Wie so viele Jazzer schnappe ich mir bisweilen einen Standard – am liebsten einen, der mir gefällt – und analysiere ihn funktionsharmonisch. Das bedeutet, ich setze die vor über 120 Jahren durch Hugo Riemann formulierten Regeln der Funktionstheorie zur Analyse von Werken aus dem Great American Songbook ein, um zu verstehen, wie der jeweilige Song funktioniert. Im wesentlichen habe ich das auf dem Jazzworkshop in Erlangen erlernt, den Rest habe ich mir unter Zuhilfenahme einschlägiger Literatur durch ständige Beschäftigung mit der Materie selbst beigebracht.

Das betreffende Sheet sieht danach zumeist noch viel schlimmer aus, als es durch unzähliges Kopieren verursacht schon vorher ausgesehen hatte. Jeder Takt ist mit Stufenbezeichnungen und Skalenvorschlägen bekritzelt und so manche alternative Begleitung ziert den Rand. Insbesondere die Kollegen aus dem Rock und Blues halten solcherlei Tätigkeit für eine bürokratische Verkopfung des ursprünglichen Musizierens aus dem Bauch. Der Anblick eines vollgeschriebenen Sheets ruft bei den ohnehin papierscheuen Rock- und Bluesmusikern eben häufig das zitierte “Das ist doch keine Musik!” hervor. Klassiker haben ganz andere Probleme mit den Noten und die Schlager- und Technofuzzies verstehen schon gar nicht, worum es geht.

Natürlich ist ein Stück beschmierter Zellstoff keine Musik und das Abspulen von festgelegten Tonleitern auch nicht. Dass einige unserer Jazzkollegen glauben, sich zu streng an irgendwelche vorgefertigte Regeln (“spiel alteriert über Septakkorde”) halten zu müssen, hat uns allen diesen schlechten Ruf eingebracht. Zumeist sind es unerfahrene, unmusikalische oder verbohrte Zeitgenossen, die anderen vorschreiben wollen, was über welchen Akkord zu spielen sei.

Die Funktionsanalyse selbst ist – um mit meiner Lieblingsserie “Dr. House” zu sprechen – nur ein (nicht das einzige) Mittel zur Diagnose, nicht zur Therapie. Mit dem Unterschied, dass die Diagnose oft nicht eindeutig ausfällt, was die Sache noch spannender macht. Lest beispielsweise meinen Artikel zur “Rückung, wo ein immergrünes Thema aus der Jazzharmonik aufgegriffen wird, welches man eben so oder anders sehen kann. Da gibt es dann kein “richtig” oder “falsch”, sondern eben zwei Möglichkeiten der Interpretation.

Die Analyse eines Jazzstandards kann als triste Spielanleitung missbraucht werden, muss aber nicht. Vielmehr dient sie dazu, die Ideen des oft genialen Komponisten nachvollziehen zu können und dessen Werk mit eigenen Gedanken zu interpretieren bzw. darüber zu improvisieren. Und für den Einsteiger bietet dies zumindest mal eine grobe “Landkarte”, dass er sich beim Solo nicht völlig “verfährt”. Metaphern aus dem Straßenverkehr werden auch in der Musik gerne herangezogen…

Die Erkenntnis, wie ein Komponist in einem Jazzstandard seinen Ausflug in andere Tonarten elegant beendet und mit einer überraschenden Wendung wieder in die die Basistonart zurückkehrt, bereitet Freude. Zudem bin ich der festen Überzeugung, dass einen das Wissen um harmonische Zusammenhänge auch in der Praxis besser spielen lässt. Habe ich beispielsweise das Prinzip einer “vermollten Subdominante” verinnerlicht, kann ich über eine solche auch gut spielen, wenn sie mir von einem Musikerkollegen in einer Eigenkomposition präsentiert wird. Ist übrigens kein Jazzerkram, sondern auch von Elvis Presley (u.a. in “Love me tender”) oder den Beatles häufig eingesetzt.

Es ist nicht verwerflich, zu erkunden, warum eine Musik gut klingt. Wenn also Menschen, die ihre musikalische Erfüllung in dem immergleichen Abspulen einer – zugegebenermaßen gut klingenden – Bluesskala über drei Akkorde finden, am Aufspüren einer Doppelmollsubdominate (ist mein härtester Begriff aus der Funktionstheorie – nehmt das, Ihr Warmduscher!) keine Freude haben, ist das zwar nachvollziehbar, aber deren Problem und nicht meins.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Blattspiel

Liebe Leser,

ich kann es nicht wirklich, viele können es: Blattspiel. Die Fertigkeit, schwarze Punkte auf zumeist weißem Papier mit dem Instrument in Musik verwandeln zu können. Zauberei! Bei so mancher Gelegenheit habe ich meine Kollegen bewundert, denen vom Bandleader ein Arrangement oder eine mehrseitige Partitur auf den Notenständer geknallt wurde, welches bzw. welche diese dann ohne Probe nach dem Einzählen stehenden Fußes spielten, während ich noch in der Jackentasche nach meiner Lesebrille angelte um dann mit irrem Blick auf die Blätter zumindest im Ansatz zu verstehen, wie das Stück funktioniert. Gib mir 10 Minuten, dann halte ich durchaus mit. Aber eben nicht vom Blatt.

Der aufmunternde Schulterklopfer meiner blattspielenden Kollegen und der Hinweis, die Übung mache es eben, hilft nicht wirklich. Denn sobald ich eine kleine Passage vom Sheet bzw. Notenblatt spiele (ja, in sehr moderatem Tempo kriege ich das hin), kann ich sie nach dem dritten Durchgang zumeist schon auswendig spielen, nach dem zehnten sicher. Und dann ist der Blick auf das Notenblatt je eine unnötige Anstrengung und dient nicht mehr der Übung. Das ist definitiv ein Luxusproblem, denn viele Blattspieler möchten mit mir tauschen, also besser auswendig lernen, dafür schlechter vom Blatt spielen. Ich will mich ja gar nicht beschweren. Nebenbei – wenn mich manchmal jemand fragt, woher es denn käme, dass ich so viele Stücke auswendig spielen könne, verrate ich meinen tollen Trick: Ich übe die Songs nicht einmal oder zweimal, sondern hundertmal. Und dann bleibt auch meistens was im Gedächtnis hängen. Super, was?

Der große Joe Pass hat in einem Interview erzählt, dass er als Autodidakt, der stets nur durch Abhören und Ausprobieren sein virtuoses Spiel entwickelt hatte, in fortgeschrittenem Alter das Spiel vom Blatt (widerwillig) erlernte, weil er ein paar Studiojobs ergattern wollte. Was ihm dann auch gelang.

Es gibt also keinen Grund, nicht zu versuchen, ebenfalls die Fähigkeit des Blattspiels zu erlernen, oder? Und dennoch drücke ich mich seit vielen Jahren davor. Da ich von jeher weitaus mehr Mühe für die argumentative Begründung aufwende, eine Sache nicht zu tun, als sie einfach zu machen, stieß ich bei solcherlei Grübelei (gilt das als Binnenreim?) auf den entscheidenden Grund, diese Sache wieder mal NICHT anzupacken:

Der schlechte oder auch mittelmäßige Blattspieler macht bei der Darbietung nämlich erheblich mehr Fehler als der Auswendigspieler! Das liegt daran, dass der Blattspieler das Rad quasi jedes Mal neu erfinden muss, während der Auswendiglerner das Stück schon mehrmals bewusst gespielt und viele Klippen und Widrigkeiten schon umschifft hat. Ok, zu viele Metaphern, aber einleuchtend, oder? Die oben erwähnten Kollegen haben mir gegenüber tatsächlich einen Startvorteil. Aber im dritten Durchgang der Probe spielen sie immer noch die notierten Linien, während ich schon längst die Form des Songs verinnerlicht und harmonische Finessen ausgecheckt habe.

Ich halte fest: Um einen mittelschweren Song ordentlich vom Blatt zum Besten geben zu können, müsste man also nicht nur ordentlich, sondern ausgezeichnet nach Noten spielen können. Und um das zu lernen, liebe Leser, fühle ich mich inzwischen zu alt. Im Rücken zwickt es auch schon.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Farbe oder Fehler?

Liebe Leser,

wie so oft im Leben: Alles Ansichtssache! Es geht mir heute um die Reputation von Tönen, die – über einen Song als Solo gespielt – nicht aus dem Tonvorrat des jeweiligen Song-Abschnitts entnommen sind. Die bösen Fehler, die ein Solo ruinieren! Oder sind es Farben, die selbiges interessanter machen? Ihr seht schon, so Musik- bzw. Jazzkram eben. Und vor allem Ansichtssache!

Grundsätzliche Betrachtung: Zunächst hat jede Dur-Tonleiter zumeist 7 Töne, die ganze Oktave mit allen Halbtönen 12, den nächsten Grundton eine Oktave höher mal nicht mitgezählt. Dieser Tonumfang der sogenannten chromatischen Tonleiter war Namensgeber der Zwölftonmusik. Aber das nur am Rande, davon habe ich wirklich keine Ahnung.

Im Folgenden (damit es auch mal ein Bildchen gibt) die allseits bekannte C-Dur-Tonleiter mit 7 (8) Tönen:

C-Dur_Tonleiter_2

 

Und hier alle 12 (13), die chromatische Tonleiter:

Chromatisch_Tonleiter_2

Wenn wir nun ganz stumpf abzählen, stellen wir fest, dass durch permanentes chromatisches Dudeln (also alle 12) über eine Akkordfolge die Anzahl der richtigen Töne rein statistisch höher ist, als die der falschen. 7:5 für die Richtigen!

Aber – und nun kommen wir zum Thema – was ist denn richtig, was falsch? Zum Beispiel ist es im Jazz absolut üblich und zumeist als „wohlklingend“ oder zumindest “interessant” eingeschätzt, gewünschte (Ziel-)Töne der Improvisation über einen Halbton darunter anzuspielen. Beim Anflug von oben muss man dagegen etwas mehr Sorgfalt walten lassen [hier sollte man die entsprechende 9 oder eben b9 aus der Tonleiter wählen… habe ich mal so gelernt]. Dass man dabei beispielsweise eine dorische Skala beim Hochspielen kurzzeitig zu harmonisch-Moll ändert, was man aber sieben Töne später wieder unter den Tisch fallen lässt, ist überhaupt kein Problem. Musik – permanenter Wechsel zwischen Spannung und Entspannung, sonst wird es langweilig, oder?

Und auch an dieser Stelle hilft ein bisschen Zählen: 7 Töne, chromatisch von unten angespielt, ergibt… 14 Töne, deren Gebrauch im Solo zumindest zulässig ist. Das sind mehr richtige Töne, als wir in der Tonleiter überhaupt haben. Super!

[Ist natürlich Quark, weil wir in (ionischen) Durtonleitern stets zwischen der 3. und 4. sowie zwischen der 7. und 8. Stufe per Definition einen Halbton haben, aber es verbleiben dann immer noch 12 richtige Töne, also alle!]

Ich darf also an dieser Stelle festhalten, dass uns allein die Chormatisch-von-unten-darf-immer-angespielt-werden-Regel (Ihr wisst, ich liebe mit Bindestrichen zusammengeklebte Wörter!) schon durchwegs fehlerfreie Soli beschert, und zwar immer.

Zudem weist mich ein Freund und Musikerkollege stets darauf hin, dass wirklich JEDE Abweichung von den Tönen der aktuell angesagten Skala als Alterierung der jeweiligen Skalentöne und somit als “Farbe”, nicht als “Fehler” betrachtet werden kann. Ein Akkord, über den mit einer vermeintlich falschen Tonleiter soliert wird, erhält dann eben (übrigens gratis) einen Packen Alterierungen dazu. Beispiel: Über E7 mit C-Dur soliert ergibt dann ein E7b9#9b13, einen wirklich farbigen Akkord.

Aber ernsthaft, das ist korrekt beschrieben und nicht ins Lächerliche zu ziehen! Und natürlich hat er Recht. Denn das Prinzip, dass ausschließlich tonarteigene Töne über einen Song zu Gehör gebracht werden dürfen, ist wohlbekannt. Es nennt sich ‘Schlager’ (aber die von der bösen Sorte).

Die Folgerung ist also: Wenn es vom eingesetzten Tonmaterial her keine Fehler, sondern nur Farben gibt und dennoch bisweilen Grausiges als Solo erschallt, liegt es wohl nicht an unseren 12 Tönen. Offensichtlich gibt es keine falschen Töne, wohl aber falsche Zeiten, zu denen selbige erklingen. So ist die beste Gelegenheit, Töne zur falschen Zeit zu Gehör zu bringen, wenn der Musiker immer einen kleinen Moment zu spät mit dem Anliegen kommt, die richtigen zu spielen. Zum Beispiel weil er den Song nicht gut genug kennt oder eben am Anfang seiner Improvisationskarriere steht. Durch derartiges Spiel steigt die Trefferquote für unpassende Töne (falsche gibt es ja per Definition nicht) erheblich, was dann zumeist auch ziemlich … äh … scheibenkleister klingt.

Eine zusätzliche Farbe im Solo wirkt nur dann, wenn sie Spannung aufbaut, die dann durch den folgenden eher farblosen diatonischen (also aus der Tonleiter entnommenen) Klang wieder zur Entspannung führt. Die ganzen durchgeknallten Bläser-Genies der Jazzgeschichte klangen nur deshalb so interessant und für ihre Zeitgenossen inspirierend, weil sie die falschen Töne zur richtigen Zeit gespielt haben. Nebenbei mit einer grandiosen Phrasierung und einem guten Ton, was weitere essentielle Bestandteile einer hervorragenden Improvisation sind.

Andersherum – die richtigen Töne zur falschen Zeit – werden Farben zu Fehlern.   

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige