Auf dem Nachttisch – Fitzek „Der Insasse“

Liebe Leser,

nun ja, “auf dem Nachttisch” ist für die folgende Rezension eher unpassend, denn ich möchte ein Hörbuch besprechen, welches ich ausschließlich während diverser Autofahrten gehört habe. Doch dafür lohnt hier im Blog keine eigene Rubrik. Zur Sache:

Geschenkt bekommen habe ich das Hörbuch “Der Insasse” von Sebastian Fitzek, 6 Audio-CDs, 420 Minuten, gesprochen von Simon Jäger. Das Hörbuch ist 2018 bei Argon erschienen und kostet 19,95 €.

Der Insasse

Ich bin auf den langen Autofahrten eher ein Freund leichter Kost, was mich inzwischen zu einem ausgewiesenen Kenner der Kerkeling-Hörbücher “Ich bin dann mal weg”, “Amore und so’n Quatsch” und “Der Junge muss an die frische Luft” (keine so leichte Kost, aber auch nicht so gut) macht, sowie einiger Strunk-Hörbücher. Nun also erstmals Fitzek.

Die kurze inhaltliche Beschreibung werde ich von Denis Scheck, dem ARD-Bücherwurm, übernehmen. Er kommentiert durchaus treffend (in der ARD-Mediathek nachzusehen):

Auch der neue Fitzek bietet wieder pure sich an Gewalt aufgeilende Prosa. Was mich an diesem Buch über einen Kindermörder und den Vater eines Opfers, der sich in die geschlossene Psychiatrie einweisen lässt, um an den Täter heranzukommen, neben den unerträglichen Gewaltszenen anwidert,  ist seine Sprache – dieselbe Sprache, die das sogenannte „gesunde Volksempfinden“ und seine politischen Repräsentanten sprechen. Was will uns Sebastian Fitzek sagen mit Sätzen wie, Zitat: „Aber da man in Deutschland in einem Rechtsstaat lebte, war bereits die Androhung von Folter strafbar. Selbst einem Monster gegenüber.“ Wäre es besser, nicht in einem Rechtsstaat zu leben? Wäre es besser, wenn Folter legal wäre? Dies ist kein Roman, dies ist eine Kloake.

Ich habe wirklich einige Zeit hin und her überlegt, wie ich meine Eindrücke zu diesem Roman/Hörbuch in Worte fassen soll. Und da es H. Scheck so gut trifft, habe ich ihm die Formulierung überlassen.

Etwa nach der zweiten oder dritten CD hat mich die beschriebene “sich an Gewalt aufgeilende Prosa” derart abgestoßen, dass ich das Weiterhören drangeben wollte. Allerdings – das gebe ich zu – wollte ich wissen, wie es mit dem Hauptprotagonisten weitergeht, auch wenn mir sein Schicksal trotz aller im Buch viel zu ausführlich geschilderten Umstände nicht sonderlich nahe ging. Ein Kritikpunkt, den auch andere Rezensenten so formulierten.

Vorsicht! Im nächsten Absatz stehen einige Dinge, die klugen Lesern (zu welchen ich Euch alle zähle) Hinweise zum Twist der ganzen Geschichte geben könnten. Wer also diesen Fitzek selbst beurteilen möchte, überspringe den nächsten Absatz, welchen ich deswegen auch kleiner schreiben werde.

Das Stöbern in den Rezensionen bei Amazon erwies sich übrigens als böser Fehler, denn ein Rezensent konnte es nicht lassen und erwähnte einen Film, in dem ein ähnlicher Twist wie im vorliegenden Buch vorkommt. Betrachtet man die Szenerie des “Insassen”, ist es nicht allzu schwer, den Streifen zu identifizieren, selbst wenn er nicht wie in der besagten Rezension namentlich erwähnt würde. Und dieses Wissen verdirbt einem dann das letzte bisschen Spannung.

Ende der Spoilerei, weiter im Text:

Mit in Romanen geschilderter Grausamkeit habe ich immer dann ein Problem, wenn in mir der Verdacht aufkeimt, dass der Autor brutale, abstoßende und geächtete Taten sozusagen seinen Romanfiguren “auf den Leib schreibt”, womit man leicht die Verantwortung abschiebt und niederste Triebe der Leserschaft bedienen kann. Ein Mechanismus, der auch in Strunks “Der Goldene Handschuh” mein Missfallen erregte. Wobei Sebastian Fitzek dies im vorliegenden Buch locker toppt.

Als gegen Ende des Romans das Rätsel gelöst (in meinem Fall das Wissen bestätigt) wurde, wäre dies ein guter Moment gewesen, das Buch mit einer kleinen Pointe zu beenden, sozusagen als versöhnlichen Abschluss. Doch nein, über unzählige Minuten wurde jeder der ausgelegten Handlungsstränge breit erklärt zu einem Ende gebracht. Ich hatte mehr als einmal das Bedürfnis, einige Absätze zu überspringen (also vorzuspulen), weil ein unablässiges “Schon gut, ich hab’s kapiert” in meinem Kopf dröhnte.

Was bleibt also von einem Roman, wenn man die Darstellungen unerträglich findet, den Twist erahnt und der Autor zudem einfach nicht zum Ende kommen will?

Ein äußerst schaler Geschmack.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Auf dem Nachttisch – Heute hat die Welt Geburtstag

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Liebe Leser,

eine Rezession… äh… Rezension. Ich habe tatsächlich allerhand gelesen in letzter Zeit. Das kommt auch noch, ehrlich jetzt! Aber besprechen möchte ich in diesem Beitrag ein Hörbuch. Ist ja auch bequem, so was kann man en passant beim Autofahren konsumieren. Es geht um “Flake – Heute hat die Welt Geburtstag”. Das Hörbuch ist bei tacheles!/ROOF Music erschienen, umfasst sechs Audio-CDs und kostet 16,99 €.

Flake, bürgerlich Christian Lorenz, ist seit Anbeginn seines Erwachsenenlebens Musiker und seit 1994 der Keyboarder der Band Rammstein. Nun bin ich weder Fan der Band, noch kann ich mit deren Musikstil “Neue Deutsche Härte” besonders viel anfangen. Zudem war mir Rammstein, wohl wegen des skurrilen Videos zum Depeche-Mode-Cover “Stripped” aus dem Jahr 1998 noch in Erinnerung, in dem Aufnahmen der Olympischen Sommerspiele 1936 von Leni Riefenstahl eingesetzt wurden. Und aus den genannten Gründen eben nicht in bester Erinnerung. Aber Flake… das ist eine Type, die muss man gelesen, oder besser noch: gehört haben! Flake war in DDR-Zeiten Punk – was man sich im real existierenden Sozialismus eben so unter Punk vorstellte – und Mitglied der in Vorwendezeiten in der DDR durchaus bekannten Punkband “Feeling B” (B wie Bunk … pardon, der musste sein!). Also zumindest aus seiner persönlichen Geschichte kein Rechter, eher im Gegenteil.

Als Verehrer der Hörbücher des Tanzmusik-Chronisten Heinz Strunk (“Fleisch ist mein Gemüse”) hatte ich so meine Erwartungen an einen weiteren Erzähler, der aus dem Alltag eines Musikers berichtet, auch wenn es diesmal wohl eher die um die glamourösen Abenteuer eines international erfolgreichen Rockmusikers gehen würde, als um die eines sympathischen Muckers im Hamburger Umland.

Doch es kam wie so oft anders. Aber nicht schlecht. In lakonischen Anekdoten ohne zeitliche Reihenfolge – über die Sprünge sollte man sich nicht ärgern, einfach genießen – beschreibt Flake die Gedanken des großen Jungen aus der DDR, der immer nur Musik machen wollte, mit seinen Bandkollegen die kindliche Freude an allen Arten von Pyrotechnik teilte und dann von dem Erfolg der Band Rammstein völlig überrascht wurde. Dass die Band inzwischen einen eigenen Nightliner für die Reisen zu den gigantischen Konzert-Arenen samt Technik-Crew und Koch nutzt und sich sogar einen eigenen Privatjet mieten kann, erfüllt den stets etwas über-bescheidenen und zurückhaltenden Ossi (was an dieser Stelle nicht despektierlich sein soll, er geht selbst damit hausieren) immer wieder mit ehrfurchtsvollem Staunen über den eigenen Lebensweg.

Ein eventueller Voyeurismus über die Exzesse einer hochdotierten Rock-Band auf Tour wird allerdings nicht bedient, was ich persönlich schade finde. Aber derlei Literatur gibt es ja zuhauf, so dass auch die wesentlich weniger beeindruckenden, dafür witzigeren und skurrileren  (ein bisschen viel Komparativ, zugegeben) Erzählungen im leicht naiven, mit Berliner Schnauze vorgetragenen Ton gefallen!

Und wenn dann Flake berichtet, dass es ihm mehr als einmal passiert ist, dass er von der Security nicht als Bandmitglied erkannt wurde, nachdem er nur eben für eine Zigarette den Veranstaltungsort verlassen hatte (man darf ja nirgends mehr backstage rauchen), dann fühle ich eine große Verbundenheit mit dem Autor. Solches passiert mir bei den Jobs mit meiner Tanzkapelle auch regelmäßig.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige