Als Höfner eine L-5 baute

Liebe Leser,

meine Meinung zur Lage der Nation in Corona-Zeiten habe ich an dieser Stelle nun wirklich oft genug kundgetan. Harren wir des nächsten Lockdowns und reden zwischendurch mal von angenehmeren Dingen. Wie wäre es mit Gitarren?

Das ist eine (meine!) Höfner AZ Standard, wobei das AZ für den berühmten Gitarristen Attila Zoller steht, für den Höfner dieses Instrument gebaut hatte. Die ganzen Experten sprechen davon, dass nur etwa 80-90 solcher Gitarren das Werk in Bubenreuth zwischen den Jahren 1982 und 1991 verlassen hätten… nun ja, meine hat die Seriennummer 96. Dann waren es vielleicht doch an die 100.

Der Erwerb dieser Gitarre war eher unspektakulär. Ich ging etwa 1990/1991 in den Gitarrenladen meines Vertrauens und testete einige Jazzgitarren an. Ich war seit ein paar Monaten „in Behandlung“ (ich hatte Unterricht) bei dem Nürnberger Gitarristen Roli Müller, der mir die ersten Jazzstandards zeigte und auch so eine Höfner spielte, wie sie da vor mir an der Wand hing. Und weil Roli so unglaublich gut auf dieser Gitarre klang (und noch klingt), kaufte ich mir eben dasselbe Modell. Ich hinterließ so um die 2400 DM und war stolzer Höfner-AZ-Standard-Besitzer.

Die Geschichte hätte beinahe ganz anderen Verlauf genommen, denn wenige Tage nach dem Erwerb begann sich das Binding an einer Stelle (siehe unten) zu lösen. Vielleicht war es in diesem Bereich nicht ordentlich verleimt.

Das darf bei einem Instrument der Oberklasse (zumindest aus Sicht des damaligen Höfner-Angebots) nicht passieren. Matt von BTM-Guitars schickte die Gitarre umgehend an Höfner zurück, mit der Aufforderung, diese zu reparieren. Er bot mir aber auch an, eventuell ein anderes Instrument aus dem reichhaltigen Angebot stattdessen mitzunehmen. So spielte ich die damals vorrätigen Gitarren, blieb kurz bei einer Gibson Lucille (eine populäre Gibson ES-335-Variante) hängen, entschied mich aber dann doch, die paar Tage auf die Rückkehr der AZ zu warten. Das war eine meiner besseren Ideen.

Als ich die Gitarre etwa eine Woche später wieder erhielt, war die betreffende Stelle repariert, und zwar so gut, dass wirklich nicht die geringste Spur zu erkennen ist und ich mich heute daher auch nicht mehr daran erinnere, wo genau sich das Binding gelöst hatte. So muss das!

Die AZ wuchs mir sofort ans Herz und ist inzwischen seit etwa 30 Jahren eines meiner Hauptinstrumente. Ich spielte sie sehr bald bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten. Und ich kam und komme mit dieser Gitarre einfach hervorragend zurecht.

Inzwischen habe ich doch schon eine große Anzahl an Jazzgitarren gespielt und kann Vergleiche anstellen. Man merkt deutlich, dass Höfner zusammen mit Attila Zoller versucht hat, ein Gegenstück zur bis heute geradezu allmächtigen Gibson L-5 zu erschaffen. Und obwohl ich wirklich ein großer L-5-Fanboy bin – sie sind wirklich nah heran gekommen!

Die Höfner AZ Standard hat eine massive Fichtendecke. Der Boden und die Zargen sind ebenfalls massiv aus Ahorn gefertigt. Im Gegensatz zum anderen Attila-Zoller-Modell Framus AZ10 (von der ich bis dato nur eine Wiederauflage aus dem Jahr 2012 in der Hand hatte, welches mich überhaupt nicht begeisterte), besitzt die Höfner einen runden (venezianischen) Cutaway. Den spitzen nennt man übrigens florentinisch. Auch der Tonabnehmer wurde in Zusammenarbeit mit Attila Zoller von der Firma Shadow entwickelt und heißt dementsprechend Zoller-Pickup. Er ist nicht auf die Decke geschraubt (was ich ohnehin nicht so gerne mag, siehe unten), sondern am Griffbrett „schwebend“ (engl. floating) montiert. Ich habe ihn auf zwei meiner Gitarren installiert. Er hält von seinem Klang locker mit der  Konkurrenz aus USA mit.

Der Body hat mit 16 Zoll „Bauch“-Breite für mich persönlich das ideale Maß, nicht zu klein und nicht zu groß. Ich besitze zwei Gitarren mit 17″ Korpus – das ist schon manchmal etwas sperrig.

Das Griffbrett ist aus Palisander gefertigt, ebenso das handgeschnitzte Schlagbrett. Das erwähnte Binding (der Kunststoff-Schutz an allen Kanten) ist aufwändig und tatsächlich auch in den F-Löchern vorhanden. Das ist nun allerdings Geschmackssache und aus rein optischen Gründen so. Was genau soll denn da geschützt werden?

Was mir bis heute nicht so gefällt, sind die direkt in die Decke gebohrten Potis zur Lautstärke- und Klangregelung. Viele Gitarrenbauer (zum Beispiel der Augsburger Stefan Sonntag) platzieren die Potis auf dem Schlagbrett, so dass die Decke möglichst frei schwingen kann. Das ist bei Einsatz eines Floating-Pickup eigentlich auch konsequent.

Dieses hochwertige Instrument ist in den letzten 30 Jahren im Ranking der Jazzgitarren hoch gestiegen und wird inzwischen weit über dem damaligen Preis gehandelt. Mir ist dieser Sachverhalt erst in den letzten Jahren wirklich bewusst geworden. Bis dahin hatte ich die AZ eher als Gebrauchsgitarre für den Tanzmusik-Gig zwischendurch (neben der obligatorischen E-Gitarre) eingesetzt. Inzwischen behandle ich die Dame etwas respektvoller…

Die Höfner AZ Standard ist eine hochwertige Archtop mit einem warmen, holzigen (was als Kompliment gemeint ist) elektrischen Sound. Sie ist unglaublich „touchy“ und läßt auch mehrstündige Jazzsessions zu. Der etwas triste akustische Sound gibt einen halben Punkt Abzug in der B-Note. Ansonsten: Eine Traumgitarre!

Da war ich nun seit Jahrzehnten auf der Suche nach „meiner“ L-5 und hatte den nahezu vollwertigen Ersatz schon die ganze Zeit neben mir stehen… Sachen gibt’s!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gute, schlechte und letzte Gitarren

Liebe Leser,

letzten Dienstag hatte ich pausiert. Ich habe nämlich schon viele Blogs ob der sturen Haltung ihrer Betreiber, so oft und so viel wie möglich zu veröffentlichen, zerbrechen sehen. Um diesem tragischen Schicksal zu entgehen, lege ich, wenn immer es mir zupass kommt, eine kreative Pause ein. Mit meinen Leseverhalten bei Blogs, denen ich folge, halte ich es übrigens ebenso.

So, nun aber diese Woche. Was war doch gleich das Thema? Ah, ganz unerwartet: Gitarren.

Manch einer hat davon gehört: Gitarristen haben bisweilen mehr als eine Gitarre. Das mag dem Uneingeweihten und auch dem eigenen Lebenspartner bisweilen seltsam vorkommen (“Du kannst doch nur eine einzige spielen…”), ist aber tatsächlich so. Sammeln ist ohnehin ein verbreitetes Übel.

[Hier mal eine harte Klammer, denn ich vermeide üblicherweise das Erzählen von Witzen. Der aber ist gut und passt zum Thema:

Der letzte Wunsch des Gitarristen? Dass seine Frau seine Gitarren nach seinem Tod KEINESFALLS für den Preis verkauft, den er ihr beim jeweiligen Kauf mitgeteilt hatte!

Eingeweihte haben’s schon geschnallt, der Rest darf gerne noch etwas grübeln. Klammer zu.]

Nun haben wir Gitarristen oder Gitarrenbesitzer ja immer das schlagende Argument, dass es gute und schlechte Gitarren gibt, wobei sich dies manchmal erst nach einigen Jahren herauskristallisiert. Von daher kann es ohne entsprechende Langzeittests eine Gewissheit geben, oder?

Wann aber können wir wissen, dass wir unser Trauminstrument in den Fingern halten? Und jetzt kommt die unschlagbare Weisheit aus über 40 Jahren Gitarrenbesitz: Niemals! Denn wenn die erste Zeit des Verliebtseins der Realität eines Bühnenalltags weicht, erkennt man, dass das Trauminstrument möglicherweise nicht für jede Gelegenheit geeignet ist. Die vollmundige Ankündigung ‘Meine letzte Gitarre!’ ist in etwa so realitätsnah wie das ‘Mein letztes Glas’ eines Alkoholikers oder ‘Meine letzte Zigarette’ eines Kettenrauchers. Kann mal stimmen, aus der Erfahrung heraus aber eher unwahrscheinlich.

Übrigens hilft bei der Suche nach der Traumgitarre, der Einen, dem Instrument der Instrumente, kein Studium der Musikwissenschaften, keine Ausbildung zum Instrumentebauer, nicht der legendäre Ruf einer Weltmarke, kein Auswahl-Algorithmus, keine jahrelange Recherche im Internet, nicht das unglaubliche Alter eines Instruments, nicht der Einsatz erheblicher finanzieller Mittel und auch nicht die fachkundige Expertise eines Freundes. Ich hatte schon schlechte USA-Gibson-Gitarren aus den 1930er Jahren und zwar übel beleumdete, aber dennoch hervorragende neue Epiphone-Gitarren aus Indonesien. Nehmt das Teil in die Hand, spielt darauf und hört, so albern sich das jetzt auch geschrieben liest, auf Euer Herz (oder zumindest auf Euer Bauchgefühl). Manchmal offenbaren sich Schwächen oder Probleme erst nach geraumer Zeit (zum Beispiel wenn Euch das Spiel mit bestimmten Hals-Formen auf Dauer Schmerzen bereitet). Dann habt Ihr eben Pech gehabt und müsst entweder a) einen guten Orthopäden mit leerem Terminkalender suchen (unwahrscheinlich) oder b) die Gitarre gewinnbringend verkaufen (auch unwahrscheinlich).

Sehr schnell festzustellen ist dagegen, dass eine potentiell zu erwerbende Gitarre eben NICHT Euer lange gesuchtes Trauminstrument ist. Zumeist setzt die Abneigung schon beim ersten Antesten ein. Da rettet übrigens auch ein engagierter Verkäufer mit eilig herbeigeschafftem Espresso nichts mehr, im Gegenteil! So am eigenen Leibe erfahren, beim ernsthaften Versuch, eine (zur damaligen Zeit schwer angesagte) Framus AZ10 zu erwerben. Ich hatte einen Sack voll Dukaten bei mir und der bereits mehrfach erwähnte Gitarrenhändler meines Vertrauens die nagelneue AZ10 schon handwarm bereitgestellt. Einem zügigen Kauf würde also nichts mehr im Weg stehen. Voller Vorfreude, mit zitternden Fingern, nahm ich das frisch produzierte Traditionsinstrument an mich, zupfte ein paar Töne… und war nach kurzer Zeit heftig enttäuscht. Die AZ10 klang akustisch wie eine Archtop mit laminierter Decke (leise und dünn) und auch anschließend verstärkt über den Amp gerade mal durchschnittlich. Für den stolzen Preis von über 2500 Euro meines Erachtens kein auch nur annähernd adäquater Gegenwert.

Mein umtriebiger Händler machte wie immer alles richtig. Er servierte mir einen Trost-Espresso (nicht den Überredungs-Espresso) und hatte sofort die Lage verstanden. Er versuchte erst gar nicht, mir die Framus “schön” zu reden, sondern bestärkte meine spontane Abneigung gegen diese Gitarre noch, indem er mich auf ein paar Details hinwies, bei der die Hersteller noch die Linie des guten Geschmacks verlassen hatten. Beispielhaft seien hier die modernen Festklemmeinheiten an dem sonst nach dem 1960er Original orientierten Instrument erwähnt, welche einfach gar nicht ins Bild passten. Der Drops war also gelutscht. Ich würde den Laden ohne AZ10, dafür mit besagtem Dukatensack verlassen.

Wäre da nicht – wie aus heiterem Himmel – die schöne, neue Höfner Chancellor (vergoldete Hardware, Violin-Finish, mit schwarzem Binding… schmacht!) ZUFÄLLIG im selben Raum gestanden. Eine Gitarre, die (für nur etwa 1000 Euro mehr) das Framus-Modell in allen Bereichen weit hinter sich ließ. Da Ihr inzwischen meine Willens- und Charakterstärke kennt und mir selbstverständlich der geradezu billige Verkäufertrick sofort bewusst wurde, könnt Ihr Euch das Ende der Geschichte natürlich denken. Nach blitzschneller wirtschaftlicher Analyse und gründlicher Abwägung der Vor- und Nachteile dieser eventuellen (Mehr-)Investition nahm ich die Höfner in die Hand, spielte ein paar Takte… und verwarf umgehend die ganzen rationalen Überlegungen. Ich hörte auf mein Herz und erwarb wenig später meine Traumgitarre. Meine allerletzte Gitarre!

Bis ich ein paar Jahre später auf die Modelle des Augsburger Gitarrenbauers Stefan Sonntag stieß…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige