Auf dem Nachttisch – Fleckenteufel

Liebe Leser,

in der unerwartet (Ihr wisst schon: Corona … zweiter Lockdown … warum habe ich da eigentlich keine Zeit? Seltsam, aber so ist es …) hektischen Vorweihnachtszeit schaffe ich meine Ich-veröffentliche-dienstags-einen-Beitrag-Vorgabe nicht. Zudem möchte ich den erfolgreichen Beitrag Harmonielehre für Gitarre 2020 auch nicht vom Spitzenplatz des Blogs verdrängen. Ja, ich weiß, dies kann man in WordPress konfigurieren, dennoch. Zudem kann ich so auch an dieser Stelle auf mein Gige-Weihnachts-Bundle hinweisen, welches aus den Komponenten Buch Harmonielehre für Gitarre, CD dreipunktnull plus CD Gige plays Bossa Nova besteht und gerade mal 40,00 € kostet, wobei ich den Versand auch noch drauf lege. Pünktlich zu Heiligabend wird womöglich etwas knapp (ich denke, die Zusteller haben schon Mitte letzter Woche kapituliert), aber die Sachen verderben ja nicht.

Zum Thema:

Heute mal wieder eine Rezension. Gelesen und vor allem gehört habe ich Fleckenteufel von Heinz Strunk (bürgerlich Mathias Halfpape). Als bekennender Strunkianer ist dies nichts, was besonderer Erwähnung würdig wäre, doch hier geht es um die zweite, überarbeitete Auflage des Büchleins von 2018. Nun verhielt es sich so:

Im Jahr 2008 veröffentlichte Charlotte Roche ihren berühmt-berüchtigten Erstlingsroman Feuchtgebiete, welcher tatsächlich im selben Jahr auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste aufstieg, welchen ich aber bis dato nicht gelesen habe. Der rührige Rowohlt-Verlag wollte offensichtlich auf der Erfolgswelle mitschwimmen und veranlasste den eindeutig für tabulose Fremdschämschilderungen zuständigen Haus-Autor Heinz Strunk, sein zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichtes Werk Fleckenteufel diesbezüglich aufzupeppen. Ich bin mir sicher, dass Fleckenteufel zunächst ein weiterer halb-autobiografischer Roman mit Jugenderinnerungen des Autors von Fleisch ist mein Gemüse war, der nun eben um allerhand unappetitliche Details der Verdauung und Anatomie des jugendlichen Protagonisten ergänzt wurde, „weil das jetzt gerade angesagt ist!“ Oder so ähnlich. Ich kaufte mir das Buch samt Hörbuch, damals letzteres allerdings für das iPhone.

Zunächst der Inhalt: Der 16jährige Thorsten Bruhn fährt in den Sommerferien des Jahres 1977 auf eine evangelische Kirchenfreizeit nach Scharbeutz an der Ostsee, zusammen mit einem Rudel Gleichaltriger beiderlei Geschlechts und einigen Erwachsenen. Geleitet wird das Ferienlager von Pastor, Diakon und Gemeindehelfer der heimatlichen Kirchengemeinde. Strunk schildert die (zumeist trivial scheinenden) Begebenheiten und Ereignisse während der Freizeit, aus der Sicht des Sechzehnjährigen als Ich-Erzähler.

Das alles klingt unspektakulär und so bleibt es auch. Aber wie bei vielen Büchern von Heinz Strunk verbindet mich die persönliche Erfahrung (ich bin zudem fast Altersgenosse) mit den geschilderten Geschehnissen. Ich selbst war zwischen den 1970er und 1980er Jahren auf vielen Jugendfreizeiten bzw. Zeltlagern und kann bestätigen, dass diese tatsächlich für eine jugendliche Seele bzw. den Pubertierenden durchaus prägenden Einfluß haben können. Da Heinz Strunk dies auch in anderen Werken erwähnt, darf man seine Schilderungen also zumindest teil-autobiografisch werten.

Seine Beschreibung des Verlaufs der christlichen Freizeit, über die Anreise, die stete Bemühungen des Erzählers, in der Gruppe sozialen Anschluss und eben auch seinen Platz zu finden (was tatsächlich unter Jugendlichen in solchen Situationen essentiell ist), die unzähligen, zumeist kompetitiven Freizeitbeschäftigungen und dabei die oft ziemlich emotionale und eben pubertäre Gedankenwelt eines Sechzehnjährigen sind sehr präzise geschildert und erzeugen im Leser, der eine ähnliche Jugend erlebt hat, jede Menge Flashbacks und Bilder. Hat der damals Tagebuch geführt? Die fast minutiöse Beschreibung eines „Disco-Abends“ auf der Freizeit, vor allem die wirklich treffende Schilderung der Stimmungsdynamik (gibt es sowas? Naja, Ihr wisst schon, was ich meine) aus der Sicht eines jungen Menschen, der gerne bei der Party mitmachen möchte, aber stets den richtigen Moment zwischen cool-daneben-sitzen und sich-ins-Getümmel-werfen-und-mitfeiern verpasst und deshalb in einer dunklen Ecke des Raumes bis fast zum Ende der Veranstaltung alleine sitzen bleibt, ist meines Erachtens ein echtes Meisterwerk! Das kann so nur einer schildern, der derlei schon am eigenen Leib erfahren hat.

Auch die Archetypen aller Reiseteilnehmer, insbesondere der Jugendlichen, sind hervorragend getroffen. Für Harald, Andreas, Susanne oder Tiedemann erscheint in meinem Kopf umgehend das süddeutsche Pendant aus meinen 1970er Freizeiten.

Solcherlei Schreibe ist wirklich eine der ganz großen Stärken Heinz Strunks, die allerdings zumeist nur einer männlichen Leserschaft zugute kommt. Alle Werke von ihm sind – wie schon in einem anderen Beitrag angemerkt – Jungs-Bücher.

Strunk-Romane konsumiere ich am liebsten als Hörbuch. Ich weiß, er hat einen Sprachfehler und verhaspelt sich auch hin und wieder. Aber er lässt diese Fehler einfach im Take und lacht bisweilen über einen besonders verhunzten Aufnahme-Teil („Schön gesungen!“). Und ich stehe eben auf diese Art zu Lesen im trockenen Hamburger Idiom.

Nun fand ich die Erstausgabe des Hörbuchs von „Fleckenteufel“ sehr gut und habe es mir bestimmt ein gutes Dutzend Male auf meinem iPhone angehört. Heinz Strunk ist kein Stimm-Imitator und verfügt nur über einige wenige Stimm-Charaktere, aber die genügen, um die Hörbücher zu genießen, wenn man seinen Stil eben mag. Was mir von vornherein nicht gefallen hatte, waren die expliziten Passagen über dysfunktionale oder auch funktionierende Verdauung und den Zustand von Geschlechts- und sonstigen Körperteilen. Bereits von Anfang an hatte ich das Gefühl, diese Abschnitte seien nur in den Text geschrieben worden, um im Sinne der erwähnten Feuchtgebiete zu „schocken“. Sie bringen auch weder die Geschichte noch sonst irgendetwas voran und wirken genau so, wie es wohl tatsächlich gewesen ist: Dazugeschrieben.

Die Jahre gingen ins Land, der technische Vorsprung der iPhones gegenüber der Android-Konkurrenz verschwand zusehends und ich legte mir vor einigen Jahren mein erstes Nicht-iPhone zu. Damit waren allerdings auch meine schönen Hörbücher auf iTunes gefangen und es hätte allerhand Arbeit bedurft, sie auf mein aktuelles Smartphone zu konvertieren. Ich kaufte mir daher Fleckenteufel erneut.

Hörbücher höre ich auf langen Autofahrten oder zu später Stunde vor dem beziehungsweise zum Einschlafen. So auch die Neuausgabe des Fleckenteufel. Und dass es eine solche ist, und zwar gehörig überarbeitet, fiel mir schon in den ersten Minuten auf. Heinz Strunk hat die Ekel-Passagen allesamt gestrichen, was das gesamte Buch entscheidend aufwertet. Wie bereits erwähnt, waren besagte Passagen zum Einen wirklich eklig, sie wirkten aufgesetzt und im Gesamtzusammenhang eher störend als der Story dienlich. Da ja nach solchen Streichungen allerhand Übergänge korrigiert und Abschnitte neu formuliert werden müssen, war Heinz Strunk auch gezwungen, das komplette Hörbuch neu zu lesen und aufzunehmen. Und hier hat er (meine einzige Kritik an der Neuauflage) nicht immer alle Charaktere so treffend erwischt, wie in der Originalaufnahme. Wahrscheinlich wird dieser Kritikpunkt zunehmend hinfällig, je mehr die Erinnerung an die erste Version verblasst, aber meinen Lieblingssatz, eine Lebensweisheit, die ein übergeduldiger und stets zu laut sprechender Vater seinem Dreijährigen an der Supermarktkasse in Scharbeutz mitteilt „Ja, Konstantin, das wollen alle. Alle wollen gerne Clown sein!“ (Thorsten Bruhn – in Gedanken: „Konstantin! […] Hör nicht auf Deinen Vater! Er hat hiermit – und wahrscheinlich mit allem anderen auch – Unrecht! Keiner will Clown sein. Clowns sind das Allerletzte!“) hat er nicht mehr so unglaublich treffsicher eingesprochen. 

Diese kleine Szene, die sich beim Warten an besagter Supermarktkasse ereignet, während die Helden versuchen, zwei Flaschen Apfelkorn (definitiv ein Geschenk der 1970er an die Jugend!) unauffällig als Minderjährige für eine abendliche Orgie zu kaufen, ist ein gutes Beispiel für Strunks große Kunst in der Beschreibung kleiner, eigentlich unbedeutender Begebenheiten. Da sitzt das Timing und der Ton stimmt! 

Fleckenteufel in der 2018er Neubearbeitung bekommt von mir eine klare Lese- und noch klarere Hör-Empfehlung. Vielleicht nehme ich wirklich mal wieder meinen iTunes-Account in Betrieb und höre mir den oben zitierten Dialog nochmals in der Originalfassung an. Nur so zum Spaß… 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Auf dem Nachttisch – Der goldene Handschuh

Liebe Leser,

ah, ich bin durch damit. Gestern habe ich die letzte Seite des aktuellen Werkes von Heinz Strunk “Der goldene Handschuh” gelesen.Und nun? Nun suche ICH nach Worten um Euch von diesem Buch zu berichten.

Wie schon mehrfach gesagt bin ich ein großer Fan des Mathias Halfpape aka Heinz Strunk. Das Buch „Fleisch ist mein Gemüse“ ist ein echter Knaller. Und weil mir dieses Werk sowohl als gedrucktes wie auch als Hörbuch so gut gefallen hatte, besorgte ich mir umgehend die Bücher „Fleckenteufel“ und „Junge rettet Freund aus Teich“. Beide zusätzlich wiederum auch als Hörbuch, denn diese vom Autor selbst gelesenen Tonstücke sind wahrlich einzigartig! Sofern man sich auf Strunks Sprachfehler (er nuschelt etwas), seinen norddeutschen Dialekt und seine durchaus gewöhnungsbedürftige Tonregie einlassen möchte. Ich möchte.

Die drei genannten Werke verbindet vor allem ihr autobiografischen Anteil, was der Autor übrigens auch unumwunden zugibt. Für Männer, welche zu Beginn der 1960er Jahre geboren wurden, sind die Schilderungen von Heinz Strunk aus den 1970ern und 1980ern eine echte Offenbarung. Kaum zu ertragen, so wahr ist es. Und im Gegensatz zu vielen anderen hält er immer drauf, schildert jeden noch so verbotenen oder perversen Gedanken seines Protagonisten, der in alle drei genannten Büchern stets ein Ich-Erzähler ist.

Eine Freundin stellte treffend fest, dass es sich beim gesamten Werk von Heinz Strunk prinzipiell um Jungs-Bücher handle. Dem kann ich zustimmen. Nur ein Mann, der wie der Autor nicht von Geburt an zu den PrivIlegierten seiner Geschlechtsgenossen zählte, kann die oft so treffend geschilderten Erlebnisse der Pubertät, Jugend und frühen Erwachsenenzeit nachempfinden und mit wohligem Schaudern genießen, dass diese Zeiten nun endlich (hoffentlich) vorbei sind. Weibliche Leser können sich zumeist nicht einmal annähernd vorstellen, was in den Köpfen von uns Männern vorgeht (wenn da mal was vorgeht) und bleiben folglich zumeist vom Verständnis der Handlung ausgeschlossen. Von daher – Jungs-Bücher eben.

Und nun hat Heinz Strunk diese Gedankenwelt eines sympathischen Losers, mit dem sich wohl viele treue Leser insgesamt oder zumindest in der ein oder anderen Szene immer wieder identifizieren konnten, in den Kopf eines höchst unsympathischen Losers verpflanzt, nämlich den des realen Mehrfachmörders Fritz Honka, mit dem sich sicherlich keiner der Leser identifizieren möchte. Obszöne Sprache, perverse sexuelle Begierden und umfassender zerstörerischer Alkoholmissbrauch machen bei einem primitiven Monstrum weit weniger Spaß als bei einem von Akne geplagten Jugendlichen. Viel weniger, oder offen gesagt: Gar keinen.

Das Feuilleton war umgehend vom rüden Ton der Erzählung begeistert und der “Goldene Handschuh” wurde mit Literaturpreisen überhäuft. “Eine neue Ästhetik – mir sagt das was!” (Asterix, Der Kupferkessel) Klar, die hatten ja vorher noch keinen Strunk gelesen. Ich aber habe nun zum wiederholten Male die immergleichen Gedankenfetzen und Satzfragmente konsumiert, die ich aus den vorherigen Büchern schon kannte und war von daher weit weniger beeindruckt als die offiziellen Rezensenten der Presse. Ich halte den “Goldenen Handschuh” (interessante Frage am Rande für die Germanisten unter meiner Blog-Leserschaft: Darf man einen zitierten Buchtitel grammatikalisch dem umgebenden Satz anpassen? Ich glaube: Doch, man darf) für ein ordentliches Buch von Heinz Strunk, gut recherchiert und geschrieben. Aber es ist nicht “sein literarischer Durchbruch”, es ist ein weiteres Buch seiner persönlichen Vergangenheitsbewältigung, nur dass er es (also die ganze private Malesse) diesmal einem bzw. mehreren anderen untergeschoben hat.

Vielleicht hat mich am vorliegenden Buch am meisten gestört, dass bis dato der in allen Büchern vorgetragene Hass des Zu-Kurz-Gekommenen auf die Welt, die Dinge, Mitmenschen und überhaupt alles immer mit einem feinen Unterton von Selbstironie und Galgenhumor versetzt war, was auch die peinlichsten und schlimmsten Schilderungen noch in irgendeiner Form erträglich machte, dies aber im “Goldenen Handschuh” gänzlich fehlt. Geblieben ist nur der Hass, und zwar allen drei Protagonisten.

Mein Fazit: Für den Strunk-Einsteiger durchaus geeignet, für den Strunk-Kenner eher nicht.

Doch gehet hin (zum lokalen Buchhandel), kaufet und leset selbst und tuet kund, ob Ihr meine Einschätzung teilet. Ok, jetzt mag es mal gut sein mit den ganzen “et”. Immerhin hat der Erfolg des Buches dem Autor endgültig die finanzielle Existenzangst genommen, wie er kürzlich in einem Interview mitteilte. Und das ist doch eine unterstützenswerte Sache, oder?

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige