Saufen gegen Corona

Liebe Leser,

seit Mitte März hat sich aufgrund der Corona-Pandemie mein musikalisches Leben und Schaffen fast vollständig in mein Arbeitszimmer bzw. ins Internet verlagert. Und es scheint nicht besser weiter zu gehen! Ein zweiter Lockdown ist für November verkündet, was ich zwar als vernünftiger Bürger befürworte, als Live-Musiker allerdings bitter bedauere. Ein von Vielen ersehnter Impfstoff wird wohl frühestens Anfang 2021 – falls überhaupt – zur Verfügung stehen (und dann wahrscheinlich von den üblichen Verdächtigen als „Zwangsimpfung“ abgelehnt), uns also dieses Jahr sicher nicht mehr helfen.

Mir sind seit dem ersten Lockdown Dutzende von Gigs flöten gegangen, darunter viele kleine, wo es hauptsächlich um Ruhm und Ehre geht, allerdings auch einige wirklich lukrative. Und der nächste Lockdown steht an. Denn schlimmer geht immer.

Einige wenige rührige Veranstalter (siehe diesen Beitrag >>>) und Gastronomen hatten sich die Mühe gemacht, trotz persönlicher Sorgen und finanzieller Engpässe zumindest hin und wieder mit all den Auflagen Live-Konzerte zu veranstalten, sogar im späten Herbst, wo ein Sitzen im Freien beim besten Willen keinem mehr zugemutet werden kann. Insbesondere mein Lieblings-Cafe im Südosten Nürnbergs hat mich trotz Corona mindestens einmal im Monat zu einem Abend mit Livemusik als Künstler eingeladen. Solange bis zum Spätsommer viele Gäste im vorgeschriebenen Abstand auf dem Bürgersteig vor dem Cafe einen Platz fanden, hat das für uns beide (also den Wirt und mich) recht gut funktioniert. Beim letzten Mal am 22.10. allerdings nicht so besonders.

Zwar waren alle wenigen Tische, die im korrektem Corona-Abstand gestellt sind, tatsächlich reserviert und auch von mindestens einem Pärchen besetzt, aber diese Gäste (fast ausschließlich Neukunden bzw. -Fans, was ja an und für sich prima ist) haben kaum etwas verzehrt. Der Künstler-Hut war zwar ordentlich gefüllt, nicht so aber die Kasse des Wirts. Wenn an zwei Tischen, welche wiederum jeweils mit zwei Personen besetzt sind, insgesamt um die 20 Euro am GANZEN ABEND umgesetzt werden, kann sich selbst jeder (Betriebs)Wirtschafts-Laie ausrechnen, dass das so nicht funktionieren wird. 

Dass ein Gast einen ganzen Abend lang an einem Getränk nuckelt, ist mir zuletzt in den 1970er Jahren aufgefallen, als wir als Mofa-Gang zu zehnt in unserer Vorstadtkneipe stundenlang ein (1) kleines Bier belagert hatten. Zur Abhilfe Eintritt zu erheben, ist nicht im Sinne des Erfinders, denn der Wirt Micha möchte keine Konzerte veranstalten, sondern seinen Gästen ein gehobenes Gastronomieerlebnis bieten. Das klingt jetzt etwas gestelzt, trifft aber den Punkt. Der Gast soll bei gepflegter Live-Musik in gemütlicher Atmosphäre einen schönen Abend mit seinen Freunden oder den übrigen Gästen verleben und dabei natürlich die leckeren Angebote der Gaststätte bzw. des Cafes genießen. Wenn er dann noch einen kleinen (oder mittleren) Obolus für den Künstler da lässt, entsteht eine Win-Win-Win-Situation.

In Nürnberg und Umgebung gibt es nicht zu viele Gaststätten, die ihren Gästen derlei regelmäßig bieten, wobei von diesen die meisten schon im März die Live-Saison abgebrochen und bis dato nicht mehr aufgenommen haben. Als Versuch wollte Micha für die nächste Veranstaltung erstmalig einen Mindestverzehr festlegen, was ich für richtig halte. Wahrscheinlich kostet mich das einiges an Spenden, aber wenn für das Cafe gar nichts übrig bleibt und sogar noch der allmächtigen GEMA ein Betrag gezahlt werden muß, dann würde ich es als Wirt lieber sein lassen. Und dann bleibt mir als Musiker… richtig, gar nichts.

Doch gottseidank haben wir ab November 2020 wieder einen Lockdown (was an diesem – wie bisweilen kolportiert – „light“ sein soll, konnte weder den Gastronomen noch den Kulturschaffenden vermittelt werden), wodurch die oben erwähnten Gäste noch mehr sparen können, da das Cafe schließen muss.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Sommer Session Oberhaid 2020

Liebe Leser,

ein echtes Highlight in meinem musikalischen Jahr ist die „Sommer Session Oberhaid“, welche seit über 20 Jahren im Juli im beschaulichen oberfränkischen Oberhaid stattfindet. Anfangs als kleine Session am Waldrand gestartet, entwickelte sich die Session unter der Leitung des Unternehmers und Musikers Gerhard Förtsch schnell zu einem überregionalen Ereignis, welches in den letzten Jahren jedes Mal 1500 – 2000 Besucher anzog.

Das musikalische Zentrum bildet hierbei die Truppe aus Musikern alter und aktueller Bands rund um den Sänger, Gitarristen, Mundharmonikaspieler, Schlagzeuger und Mundtrompetenspieler Gerhard Förtsch und den Sänger und (hervorragenden) Gitarristen Philipp Arnold. Die Session-Band ist mit fünf Musikern (Gitarre, Gitarre, Keyboard, Bass, Schlagzeug) komplett besetzt und liefert das Rahmenprogramm zur Session, welche in normalen Jahren schon mal gute sechs Stunden dauert, wobei hier jede Menge Gäste solo, mit dem eigenen Ensemble oder eben zusammen mit der Session-Band auftreten.

Ich hatte in den vergangenen Jahren schon mehrmals in Oberhaid gespielt (der einzige Jazzer auf weiter Flur) und mich über die Einladung zur Session 2020 riesig gefreut. Nun ist ja dank Corona seit März alles anders. Es erschien mir im Mai völlig aussichtslos, dass eine Veranstaltung dieser Größe in Corona-Zeiten durchgeführt werden könnte. Und mit maximal 100 Personen (oder vielleicht 200) über einen Sportplatz verteilt hätte es wohl keinen Sinn.

Doch Gerhard Förtsch ist nicht umsonst der erfolgreiche Gründer und jahrzehntelanger Geschäftsführer eines erfolgreichen Kommunikationstechnik-Unternehmens. Er beschloss, aus der Not eine Tugend beziehungsweise aus dem Live-Event einen Live-Stream zu machen. Es musste die Anzahl der auftretenden Musiker reduziert und für die gesamte Vorbereitung sowie den Abend selbst ein Hygienekonzept erstellt und auch kommuniziert werden. Das ganze sollte ohne Live-Zuschauer quasi im Garten von Gerhard stattfinden, welcher nicht leicht zugänglich im Oberfränkischen liegt. Am Freitag, also am Tag vor der Session, machte ich mich erstmals auf den Weg zum Aufbau und Soundcheck.

Das hatte ich mir definitiv… kleiner vorgestellt! Obwohl die Anzahl der Musiker in diesem Jahr auf ein gutes Dutzend beschränkt war, waren auf dem Gelände zwei „Bühnen“ eingerichtet (Abteile im großen und wunderschönen Garten), welche von einer Horde engagierter und fachkundiger Techniker und Helfer mit allem verkabelt wurden, was das Herz des Musiker begehrt. Naja, eben Strom und Zugang zum Mix per DI-Boxen oder Line-Out-Verteiler.

Stefan, der erfahrene Livesound-Mixer aus vielen Vorjahren, nahm dieses Jahr im Regieraum Platz, wo er zum Bild-Stream den (hervorragenden) Live-Sound mischte. Neben Hulk an der Bildregie und Thomas als Regieassistenz hatten diese drei dafür zu sorgen, dass das Material von 5 Kameras und unzähligen Mikrofonen unversehrt in den Stream gespeist wurde. Und wie man in Youtube 

https://www.youtube.com/watch?v=LzivMn3E1UQ&t=12315s

nachprüfen kann, ist es ihnen hervorragend gelungen. Es war eine immerhin 3,5 stündige Live-Sendung!

Zwischen den Sets der Sessionband (Gerhard Förtsch (git, voc), Philipp Arnold (git, voc), Robert Wild (b), Marc Dotterweich (keyb), Jürgen Stahl (dr)) gab es Auftritte einzelner Künstler solo, im reduzierten Ensemble oder mit der Sessionband zusammen. Es spielten bzw. sangen Wolfgang Rosenbusch, Eva Arnold, Simon Arnold, Jürgen Scharfenberg, Sophie Dirkea, Adam MacThomas, Nomi & Mac sowie meine Wenigkeit.

Wir Musiker hatten es wirklich gut! Bereits beim Soundcheck/Warm Up am Freitag war für das leibliche Wohl bestens gesorgt und am Samstag gab es sogar für die doch überschaubare Zahl an Musikern und ihren Angehörigen eine eigene Cocktail-Bar, die von dem lokalen Barkeeper Tobias Sack professionell bedient wurde. Ab etwa 17 Uhr stand ein reichhaltig bestücktes Buffet auf der Terrasse, das keine Wünsche offen ließ. Und gespielt haben wir auch – alles von ABBA bis ZZ Top, Folk, Rock, Blues, Schlager und Jazz. Eine Riesen-Sause mit durchgehend guter Musik!

Wie die Auswertungen ergaben, haben sich mehrere Tausend Menschen den Stream auf Youtube und Facebook angesehen. Es gab mehr als eine Garten- oder Grillparty, auf der die Session gesehen oder zumindest gehört wurde. Gerhard Förtsch führte witzig, locker und stets charmant durch den Abend, wobei er Moderation, Organisation und auch seine musikalischen Beiträge virtuos im wahrsten Sinne des Wortes „über die Bühne“ brachte. Eine gewaltige Leistung!

So war die Sommer Session Oberhaid 2020 auch in finsteren Corona-Zeiten ein echtes Highlight. Auch wenn wir natürlich alle hoffen, im nächsten Jahr wieder vor leibhaftigem Publikum spielen zu können, war die diesjährige Session ein echter Knüller. Zappt mal rein, vielleicht springt der Funke auch von der Konserve über. Wie immer war mein Jazz-Beitrag (präziser: Bossa-Nova-Beitrag) etwas deplatziert, kam aber gut an. Und die eine oder andere CD wechselte den Besitzer, was mich sehr freute. Besprechung der neuen CD folgt!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige