Schach 2020

Liebe Leser,

Corona hat uns immer noch im Griff. Dennoch habe ich ordentlich Arbeit, nur eben viel zu selten auf der Bühne. Und das wird sich wohl zumindest in diesem Jahr auch nicht mehr großartig ändern. Von daher heute mal was ganz anderes: Schach.

In den seligen 1980ern war ich tatsächlich aktiver Schach-Vereinsspieler. Hier kann man über die Position des Bindestrichs trefflich streiten. Schachverein-Spieler gilt auch, wobei die Betonung auf „Vereinsspieler“ herausheben soll, dass es etwas mehr als eine Freizeitbeschäftigung im Sinne eines sporadischen Minigolf-Spielens war.

Meine unglaublich beeindruckende Schach-Karriere währte etwa von 1982 bis 1992, wobei ich es zu zwei Vereinsmeisterschaften (in Gruppe 4 bzw. 3 des kleinen Nürnberger Vorstadtvereins) und einer Platzierung im vorderen Viertel bei der offenen Stadtmeisterschaft von Paderborn brachte. Alles in allem echt lausig. Für Insider: Meine beste Ingo-Zahl betrug etwa im Jahr 1989 135 Punkte, umgerechnet etwas mehr als 1700 Elo.

Seit nunmehr fast 30 Jahren habe ich meine (ohnehin bescheidenen) schachlichen Fähigkeiten weggepackt und die Entwicklung des königlichen Spiels nicht weiter beachtet. Der legendäre Gary Kasparov verlor seinen Weltmeistertitel an irgendeinen Jüngeren, der Welt-Schachbund FIDE verlor seine Bedeutung (und erlangte sie wieder) und Computer begannen, Groß- und sogar Weltmeister regelmäßig zu besiegen und übernahmen das Spiel, welches sie heutzutage uneingeschränkt beherrschen.

Als die Corona-Pandemie die Durchführung von Turnieren und Mannschaftswettkämpfen unmöglich machte, verzogen sich viele Meister in die keimfreie Umgebung des Internets und begannen, Beiträge, Lehrvideos und ganze Schachturniere zu streamen. Insbesondere der Internationale Meister (IM) Georgios Souleidis mit seinem Youtube-Kanal „The Big Greek“ weckte durch seine unterhaltsamen und durchaus lehrreichen Beiträge nach vielen Jahren wieder mein Interesse am Schach.

Doch das Spiel, so wie ich es kannte und erlernt hatte, hat sich tatsächlich verändert. Es ist eben nicht wie Fahrradfahren, was man angeblich nicht verlernt. Durch die bereits erwähnte Machtübernahme der Computer haben Züge und Eröffnungen Einzug gehalten, die ein Mensch mit Kenntnis der grundlegenden Spiel- und Strategie-Regeln so nicht ziehen würde, welche aber natürlich dennoch funktionieren. Jegliche mir bekannte Eröffnung, die ich mir in meinen jungen Jahren in mühevoller Arbeit erarbeitet hatte, ist von jungen Spielern unter Zuhilfenahme mächtiger Engines bis zum 30. Zug aus-analysiert. 

Nun hat sich das Schach, nicht zuletzt wegen der Corona-Pandemie, aus muffigen Vereinslokalen und kargen Hinterzimmern ins Internet verlagert. Auf Plattformen wie chess24 oder lichess kann Tag und Nacht gespielt werden, ein Gegner findet sich immer. Im schlimmsten Fall springt die KI ein. Selbige kann übrigens jede Partie, welche man soeben gegen irgendeinen russischen IM verloren hat, sofort in weltmeisterlicher Tiefe analysieren, so dass zum Beispiel die gerne veröffentlichten Kommentare zu einer gespielten Partie heutzutage allesamt von jedem Patzer unter Zuhilfenahme der mächtigen Engines erstellt werden können, was aufgrund ihrer überwiegenden Unfehlbarkeit schon wieder ein Stück Tradition aus dem Schach entfernt. So wie großmeisterliche Analysen, Hängepartien und das gesamte Fernschach.

Die Machtübernahme der Maschinen beim Königlichen Spiel hat zur Folge, dass das althergebrachte Format der „Langpartie“ (zwei Stunden Bedenkzeit pro Spieler für die ersten 40 Züge, danach neues Zeitkontingent mit eventuell anschließender Unterbrechung = Hängepartie) wesentlich kürzeren Spielvarianten weichen musste. Diese Kurzpartien (Schnell- bzw. Blitzschach) sind auch online unterhaltsam anzusehen und verringern insbesondere bei den Blitzpartien das Risiko des Cheatens, da ja für die Zuhilfenahme einer Engine die jeweiligen Züge in ein zweites System eingegeben werden müssen. In akuter Zeitnot haben die Betrüger dann oft eben nicht mehr die Sekunden, solcherlei durchzuführen. Ich komme darauf später nochmals zurück.

Zudem umgeht die verkürzte Bedenkzeit die in den 1980er Jahren durchaus verbreiteten Theorieschlachten, bei denen die Spieler die ersten 20-30 Züge auswendig abspulten, da sie die gängigen Variantenbäume in der Vorbereitung tief analysiert hatten. Bei äußerst knapper Bedenkzeit fällt es wesentlich schwerer, auch gegen strategisch zweifelhafte Eröffnungen am Brett eine Widerlegung zu finden. Die jungen Spieler der Weltelite testen inzwischen ihre Eröffnungen statt im heimischen Arbeitszimmer lieber in unzähligen Blitzpartien gegen eine weltweite Gegnerschaft. Das finde ich nun wieder cool. Durch die zahlreichen Onlineplattformen ist es nicht zu unwahrscheinlich, mal gegen einen Spieler aus der Weltspitze zu blitzen. Ein Ereignis, das in analogen Zeiten undenkbar war.

Mein persönliches Lieblingsformat der Schachvideos auf Youtube ist das sogenannte „Geschwätzblitz“ (engl. Banter Blitz), bei dem ein starker, meist prominenter Spieler gegen (meistens) schwächere Gegner antritt und dabei live die Partien kommentiert. Natürlich wird dies von der jeweiligen Plattform genutzt, um sogenannte Premium-Mitglieder zu werben, welche dann einen monatlichen Mitgliedsbeitrag bezahlen müssen. Chess24.com ist hierbei besonders rührig. Aber die haben den Jan Gustafsson. Und das ist mal ein Typ!

Jan Gustafsson ist ein Schachgroßmeister mit einer aktuellen Elo-Zahl (eine internationale Wertungseinheit für die Stärke von Schach- und Go-Spielern) von etwa 2640, was in Deutschland etwa Platz 3, international etwa Platz 120 bedeutet. Für mich ist er allerdings als Moderator der regelmäßigen Geschwätzblitz-Sendungen (welche auf Twitch und Youtube gestreamt werden) die Nummer 1!

Er kommt stets zu spät zu seinem eigenen Stream (welcher zumeist im eigenen Keller-Home-Office aufgenommen wird), ist traditionell schlecht gelaunt und „schnackt“ im sympathischen Hamburger Idiom am liebsten über Gott und die Welt, statt über die jeweils gerade laufende Blitzpartie, auch wenn er von den Schach-Nerds aus der Zuschauerschaft und seinem Arbeitgeber ständig angehalten wird, eben dies verstärkt zu tun. Da er etwa die zehnfachen Einschalt- bzw. Klick-Quoten seiner wesentlich schach-bezogeneren KollegInnen hat, wehrt er solche Aufforderungen super-trocken ab oder ignoriert sie wenige Minuten nach der Beteuerung, er werde „heute wirklich nur über Schach sprechen.“ Herrlich!

Alle Patzer beim Spiel, die ihm trotz seiner gewaltigen Spielstärke natürlich unterlaufen, kommentiert er selbstironisch als „wieder einmal echt großmeisterliches Spiel“ und penetrante Hater oder Fanatiker, welche den Chat vollschreiben, verweist er mit einer kurzen, trockenen Bemerkung der Plattform: „Ok, du magst mich offensichtlich nicht. Dann mag ich dich vermutlich auch nicht. Warum gehen wir uns dann nicht einfach aus dem Weg?“

Trifft er auf einen Cheater, der ihn in der Partie mit fehlerfreiem Spiel vom Brett fegt („BenutzerXY spielt heute die Partie seines Lebens!“), kann ihm das schon mal die Laune verhageln (solche Betrüger sind erst durch eine KI-gestützte Analyse im Nachhinein zu identifizieren und werden dann natürlich gebannt), aber, wie es Jan mit den Worten des Hulk in Avengers 1 sagt, er sei ja „immer wütend.“

Tatsächlich hat er durch seine jahrelange Erfahrung auch eine Strategie entwickelt, um einen positiven Score auch gegen Cheater zu erreichen. Er verhindert so gut es geht ein mattgesetzt-werden im Mittelspiel, wo der KI-unterstützte Gegner natürlich fehlerfrei spielt. Oft reicht aber im weiteren Verlauf der Partie die Zeit nicht mehr für die Übertragung der Züge zur Engine und der Gegner muss sich die Züge selbst einfallen lassen. Hier steigt dann die Fehlerquote exorbitant an, so dass Jan die Partie nicht zu selten noch zu seinen Gunsten entscheiden kann. Das freut dann den Meister nebst seinen Zuschauern…

So hat mir „Berufsjugendlicher und Schachgroßmeister“ Jan Gustafsson schon einige unterhaltsame Abende beschert. Und wenn er mich noch ein bisschen beackert, werde ich Premium-Mitglied bei Chess24.com. Bestimmt!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige