Bonfá’s Geheimnis

Liebe Leser,

ich wünsche Euch allen ein frohes und vor allem gesundes Jahr 2021! Wir sitzen weiterhin im Lockdown. Da kommt man auch mal wieder zum Gitarre-Spielen. Aber offensichtlich nicht dazu, pünktlich am Dienstag einen kleinen Blogbeitrag zu schreiben. Doofes Corona! 

Dieser Artikel ist eine überarbeitete Zweitveröffentlichung und erschien vor etwa einer Woche in meinem Musik-(Nerd-)Blog Avanti Dilettanti >>>

Nun habe ich aber sofort von zwei fachkundigen Kollegen ein paar Korrekturen erhalten, die ich jetzt natürlich in diesen Beitrag eingearbeitet habe.

Dieser Artikel (ich wiederhole mich, sorry) dürfte auch unter dem Titel „In the shed“ stehen, was auf deutsch soviel bedeutet, wie „Aus dem Übungsraum“ (wörtlich: Im Schuppen). Damit geben viele Musiker einer Öffentlichkeit preis, woran sie gerade arbeiten. Bei mir sind dies zur Zeit [das von Google vorgeschlagene „zurzeit“ halte ich nach wie vor für falsch – es sieht auch behämmert aus] die Songs „Pernambuco“, und „Sambolero“ vom Meister Luiz Bonfá.

Beide Songs erschienen 1959 auf der LP „Luiz Bonfá – Solo In Rio“ und sind echte Knaller! Obwohl ich mir die Aufnahmen schon mindestens einige Dutzend Male angehört hatte, war mir der Vortrag dieses Ausnahmegitarristen immer ein Mysterium. Ich habe schon allerhand Jazz- und Bossa-Nova-Standards im Fingerstyle erlernt und auch vor Publikum gespielt, aber Bonfás Solo-Arrangements, welche nicht zu selten aus Viertel- (oder Halbe-Noten-)Bass, perkussiven Offbeats und einer (bisweilen mehrstimmigen) Melodie bestehen, sind wirklich harter Stoff!

Neben den Originalaufnahmen, von denen nur bei „Sambolero“ etwas Videomaterial von Bonfá’s Zupf-Technik verfügbar ist, zog ich mir allerhand Videos von begabten Gitarristen rein, die „Pernambuco“ covern oder sogar als Lern- bzw. Lehrvideo anbieten. Und die Kollegen spielten zumeist wirklich beeindruckende Versionen des Songs, mit Daumen-Techniken, an denen ich beim Nachahmungsversuch wirklich zu beißen hatte. Oft nahe dran, aber irgendwie…

Also habe ich mir die oben erwähnte Video-Aufnahme von „Sambolero“ noch einmal genauer angesehen. Bonfá spielt dort und in vielen seiner Fingerstyle-Songs einen permanenten Rhythmus, der von ihm folgendermaßen realisiert wird:

Als Zupf-Finger dienen Zeige-, Mittel- und Ringfinger, egal, ob einzeln oder zu dritt. Er hat – wer hätte das gedacht? – einen sehr präzisen Anschlag mit dem Daumen auf die 1 und 3 und entwickelt mit seinen Zupffingern auf die Offbeats einen ordentlichen perkussiven „Snap“, zumeist mit dem Handballen der rechten Hand zur Dämpfung auf den Saiten, was einen beeindruckenden Sound erzeugt. Das alles ist jedoch kein Hexenwerk und für jeden intermediate oder advanced Gitarristen schnell nachzuahmen.

Doch dann legt der Meister noch zusätzlich eine flotte Melodie über die Begleitung, während die Rhythmusbatterie aus Daumen und Zeigefinger munter weiter rattert. Und jetzt wird es knifflig. Ich habe mir „Pernambuco“ wirklich oft aufmerksam angehört, später auch mit einigen durchaus erfahrenen Musikern, um herauszukriegen, ob Luiz Bonfá diesen Song tatsächlich alleine eingespielt hat, ohne die Zuhilfenahme von Overdubs oder gar einem Begleitmusiker. Doch, hat er. Aber die akustische Trennung zwischen Begleitung und Melodie in seinem Spiel ist wirklich sensationell! Zumal der Song 1959 mit sicherlich noch unzureichender Studiotechnik aufgenommen wurde.

Ich habe einige Stunden damit verbracht, sein Spiel zu imitieren und auf meine eigene Gitarre zu übertragen. Vergebens. Es klingt ganz gut, aber mindestens ein Element seines Arrangements (von „Pernambuco“), bestehend aus Bass, perkussiver Offbeat, Viertelbegleitung mit um 1/16 vorgezogener 2 und Melodie, ging stets verloren. Hexenwerk!

Die Lösung dieses Problems gelang mir durch die Erkenntnis, dass ich es im fortgeschrittenen Alter zwar nicht mehr schaffen werde, meine drei Zupffinger mit der nötigen rhythmischen Unabhängigkeit voneinander zu trainieren, ich aber durch mein langjähriges Folk- und Jazz-Fingerstyle-Spiel in der Lage bin, Bonfá’s Stil wenn schon nicht zu kopieren, so doch immerhin ordentlich zu faken. Und das funktioniert so:

Ich spiele die komplette oben abgebildete Figur mit dem Daumen, verzichte aber aus Faulheit auf die Achtelpausen:

Der Wechselbass fällt mir wesentlich leichter als die Achtel-Wechsel mit Daumen und Zeigefinger, selbst wenn jeder zweite Schlag gedämpft werden muss, damit das Ganze nicht zu sehr nach Country klingt. Kriege ich das technisch ordentlich umgesetzt, so dass es wie bei Bonfá klingt? Nein, natürlich nicht. Aber wichtiger als die mechanische Realisierung an der Gitarre war mir die Entschlüsselung der famosen Technik des Meisters. 

Ein Hoch auf Luiz Bonfá, der schon vor mehr als 60 Jahren aus seiner Konzertgitarre einen Sound geholt hatte, für den es normalerweise zwei Instrumente braucht.

Sollte ich jemals wieder ein paar Tage Zeit haben (sarkastisches Lachen), dann werde ich Euch meine Bonfá-Fake-Technik in einem Video auf meinem YouTube-Kanal vorstellen. Natürlich noch lieber bei einem Livekonzert, wenn es solcherlei irgendwann wieder geben sollte. 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Gige plays Bossa Nova

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Ich habe eine CD aufgenommen. So mit Musik drauf. Aufmerksame Leser mögen bemerkt haben, dass ich bis hier den Text des Beitrags vom 07.07.2020 kopiert habe. Denn auch damals hatte ich einen Tonträger von mir besprochen. Ebendies möchte ich auch heute machen.

Mit Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 blieb für uns Live-Musiker nur der Weg von der Bühne zurück ins heimische Wohn- bzw. Übungszimmer. Wie ich bereits in diesem Beitrag >>> geschrieben hatte, kaufte ich mir aus Frustration über den Lockdown eine klassische Gitarre (nun ja, korrekterweise ist es eine Flamenco-Gitarre, aber wer wird es wohl so genau nehmen wollen?) und begann das darauf zu spielen, was ich zum Einen schon kannte und zum Anderen auch gemäß Überlieferung für eine Nylon-Gitarre obligatorisch ist: Bossa Nova!

Natürlich sind mir im Laufe der letzten Jahre eine Menge Bossas über den Weg beziehungsweise über das Griffbrett gelaufen: Die Standards Blue Bossa und Recordame (welche nicht von einem Brasilianer komponiert wurden) und natürlich das wichtigste Jobim-Zeugs Girl from Ipanema, Desafinado, Corcovado und noch einige mehr. Allerdings betrachtete ich die Vertreter der Bossa Nova eher als Komponisten im Grunde stets identisch klingender Fahrstuhlmusik. Ich begann, mir etwas Hintergrundwissen drauf zu schaffen.

Nach etwas Recherche bei der nahezu allwissenden Wikipedia und in Youtube (dort ist nichts deutschsprachiges und wenig englischsprachiges zu finden, immerhin ein paar schöne Dokus der BBC) stieß ich auf ein (gedrucktes) Buch, in welchem tatsächlich alles drin steht: Bossa Nova – The Sound of Ipanema. Eine Geschichte der brasilianischen Musik, von Ruy Castro. Ein tolles Buch mit unglaublich vielen Namen und Unmengen an Informationen, dabei noch in wirklich witzigem Ton geschrieben und offensichtlich gut ins Deutsche übertragen. Ganz sicher wird eine Besprechung in diesem Blog folgen. Im zweiten Lockdown habe ich jetzt ja Zeit…

Ich lernte viele Protagonistinnen der Bossa Nova kennen und stellte schon nach den ersten Seiten fest… ich habe wirklich keine Ahnung! 

Es gibt unterschiedliche Ansätze, mit derlei Unkenntnis umzugehen. Ich habe Freunde und Musikerkollegen, die lassen einfach die Finger von jeglicher Musik, von der sie nicht eingehend alles verfügbare Material studiert haben. Und weil das gerade im fortgeschrittenen Alter kaum realisierbar ist, bleibt es beim Finger-davon-lassen. Andere werfen sich mit Feuereifer auf das Material und recherchieren bis zum St. Nimmerleinstag, ohne dabei jemals einen Ton zu spielen – aus Respekt vor der Musik. In beiden Versionen kommt nix Anhörbares für den Rest der Welt dabei raus.

Ich hatte solche Berührungsängste nie. Man darf Blues spielen, ohne aus dem Süden der USA zu stammen, man darf Gipsy-Swing spielen, ohne in irgendeiner Weise mit Django Reinhardt verwandt zu sein, man darf als Bayer Irish- und sonstigen Folk von den Inseln spielen und natürlich auch Bossa Nova, selbst wenn man nicht in Brasilien geboren wurde. Wirklich alle Musiker, die aus einer solchen privilegierten Gruppe stammen und mit denen ich das Vergnügen hatte, in den letzten Jahren ihre jeweilige Musik zu spielen, sahen das extrem locker und freuten sich immer, wenn ihre Musik mit Engagement und Herzblut gespielt wurde, auch wenn sich bisweilen technische oder kulturelle Unzulänglichkeiten offenbarten. Die deutschen Meisterspieler, legitimiert durch einen Auslandsaufenthalt oder jahrelangen Unterricht, sind da wesentlich strenger. So gibt es neben der der Jazz- auch eine Gipsy-Swing-, Irish-Folk- und Bossa-Nova-Polizei. Ganz sicher!

Mir war dies, wie bereits erwähnt, einerlei und ich gewann meinen Mitmusiker Clemens Bröse erneut für eine Aufnahmesession im bandeigenen Übungsraum, wie wir es schon bei dreipunktnull durchgezogen hatten. Dies war bereits am 28. Mai 2020. Ihr seht schon, ich blogge wirklich selten. Und wieder nahm Clemens mit erstaunlicher Geduld einen Take nach dem anderen auf, wobei kein einziges Mal irgendeine Äußerung von Ungeduld oder sonstigem über seine Lippen kam. Allerdings waren auch nur insgesamt acht Songs geplant, es würde also eine wirklich kurze CD werden. Und ich habe auch ziemlich ordentlich gespielt, so dass nach nur einem Aufnahmetag genug Material für die CD vorhanden war.

Das technische Setting war wirklich schlicht, aber klanglich überzeugend: Zwei Beringer-Mikrophone und eine Spanische Gitarre, das war es im Prinzip schon. Natürlich hat Clemens nebenbei beim Aufnehmen einige Stunden hochwertiges Videomaterial produziert, welches ein video-affinerer Musiker, als ich es bin, sicherlich zu einigen knackigen Werbevideos für die neue CD umgearbeitet und geschnitten hätte, doch es fehlte mir trotz monatelanger Auftrittssperre hierfür die Zeit. Kaum zu glauben, oder?

Den Mix und das Mastering des Rohmaterials erledigte, wie schon bei allen meinen Solo-CDs zuvor, Oskar Schrems im Tonstudio Success, wie immer schnell und in exzellenter Qualität!

Eingespielt habe ich

Triste (Antônio Carlos Jobim). Ein schöner Bossa vom Meister-Komponisten der Bossa Nova schlechthin. Ein harmonisch komplexer Song mit dennoch eingängiger Melodie.

Batacuda (Luiz Bonfá). Ich finde meine Interpretation des Fingerstyle-Vorzeigestücks von Meister Bonfá gelungen, muss aber offen gestehen, dass ich an die wirklich superbe Technik des Vorbilds nicht herankomme. Dennoch ein flotter Samba (?)… oder halt eine südamerikanische Picking-Nummer. Luiz Bonfá hat um die jeweilige Stilistik seiner Songs nie ein Gewese gemacht.

Só Danço Samba (Antônio Carlos Jobim). Ein getragener Samba mit pfiffiger Rhythmik in der Melodie. Im Ensemble eine nicht zu komplizierte Sache, als Fingerstyle-Stück bei weitem nicht so trivial.

Se É Tarde, Me Perdoa (João Gilberto). Eine Komposition von Gilberto ohne den charakteristischen Gesang? Doch, das geht! Aus dem Portugiesischen übersetzt lautet der Titel in etwa „Sorry, dass ich schon wieder zu spät komme“, was sich wohl durch das Leben des großen João Gilberto gezogen hat. Und weil wir alle so gut Portugiesisch sprechen, hat sich hier tatsächlich ein kleiner Schreibfehler in die (digitalen) Titelangaben auf der CD eingeschlichen. Wer ihn findet, erhält einen Fleißpunkt! 

Summer Samba (Marcos Valle). Der auch unter „So Nice“ bekannte Titel ist der Gold-Song des Marcos Valle. Eine wunderbar entspannte Samba. Auf mein Fingerstyle-Arrangement des zum Teil ziemlich vertrackten Songs bin ich stolz. 

Chega de Saudade (Antônio Carlos Jobim). Diese Jobim-Komposition war der erste Titel, der mit dem Label „Bossa Nova“ versehen wurde und ist neben Girl from Ipanema dessen zweite Hymne. Naja, wahrscheinlich gibt es noch ein Dutzend weitere… Die Form ist gefühlt unendlich lang, weshalb ich auf eine explizite Improvisation verzichtet habe.

Samba de Orfeu (Luiz Bonfá). Ein von Bonfá bereits 1956 wiederum für den Film „Orfeu Negro“ geschriebener Titel. Wie Batacuda eine echte Herausforderung auch für erfahrene Gitarristen.

The Girl from Ipanema (Antônio Carlos Jobim). Die Hymne der Bossa Nova (siehe oben). Sie wurde unzählige Male gecovert und ist bereits in einer ihrer ersten Aufnahmen ikonisch. Dennoch hier eine Version von mir. Und weil es schon Richtung Ende der Aufnahmesession ging und meine treue St. Pauli Gitarre noch ungespielt im Eck des Raumes stand, spielte ich Jobims Hit ausnahmsweise mit der unverstärkten Jazzgitarre ein. 

Wie schon bei dreipunktnull hatte ich eine schicke Release-Party geplant. Diese ist, wie schon die vorherige, der allseits beliebten Corona-Pandemie zum Opfer gefallen. So gab es nur eine kleine Ankündigung auf Facebook und mit dem zugehörigen Blogbeitrag habe ich mir offensichtlich ja auch etwas Zeit gelassen.

Diese CD gibt es (schon wieder) nur als reale Silberscheibe, nicht als Download und nicht bei Spotify. Lieber beschränkt sich der Käuferkreis auf ein paar Hundert Menschen (die letzten, die noch irgendwo einen CD-Player zum Abspielen besitzen), als dass ich mich in die millionste Playlist von irgendwelchen desinteressierten Dauerstreamern einreihen lasse, denen es egal ist, was in die Ohrstöpsel tröpfelt. Klinge ich verbittert? Pardon!

Wer gerne eine CD haben möchte, schreibe mich unter jazz@gige.de an. Ich schicke ihr bzw. ihm gerne eine zu, worauf sie oder er mir 10 Euro überweisen möge. Wenn es zwei Euro mehr sind, werde ich diesen Betrag sofort sinnlos für Porto und Verpackung verprassen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige