Auf dem Nachttisch – Ein Satz an Herrn Müller

Liebe Leser,

puh, ich bin durch. Einige Wochen für einen einzigen Satz! Gelesen habe ich “Ein Satz an Herrn Müller” von Elmar Tannert. Das Buch ist bei ars vivendi erschienen, hat 256 Seiten und kostet 18,00 Euro. Außerdem ist heute Mittwoch, nicht Dienstag, aber da will ich mal mit mir nicht so streng sein. Zur Sache bzw. zum Buch:

Elmar Tannert ist ein Nürnberger Autor (ok, geboren ist er in München, aber er wohnt schon lange hier), der vor allem durch die Veröffentlichungen von Kriminalromanen (zusammen mit Petra Nacke) bekannt wurde, zumindest in der Region. Und zwei Dinge kann er besonders gut: Krimi und Bier!

[Anmerkung: Ich weiß, dass es die Konstruktion “Er kann Bier” nicht gibt. Aber ich will auch mal schlagende Sätze produzieren, wie es Jung-Journalisten und Werbefritzen andauernd tun…]

Denn auch seine Ausflugsführer in tschechische und fränkische Bierlandschaften erfreuen sich großer Beliebtheit bei der Leserschaft und zeugen von großer Fachkenntnis des Autors auf diesem Terrain.

Nun also “Ein Satz an Herrn Müller”. Als Plot für die Konstruktion eines 245 Seiten langen Textes ohne Punkt (dafür mit genügend Kommas) dient die Anfrage des Ich-Erzählers an Herrn Müller, einen “Gestalter von Wohnräumen und Erfüller von Wohnträumen”, ihm doch eventuell die Wohnung/das Heim so einzurichten, dass dieser Ort ihm sowohl zur Inspiration wie auch eben als Zufluchtsort dienen könne. Allerdings dient diese Anfrage – natürlich – ausschließlich als Anlass für einen 245-seitigen Monolog, welcher seinerseits zur Verarbeitung der kürzlich verflossenen großen Liebe und der Schilderung des eigenen Daseins als Bohémien in der beengten Heimatstadt Nürnberg dient.

[Anmerkung: Beim Begriff “Bohémien” habe ich erst einmal recherchiert, ob es angemessen ist, ihn im Zusammenhang mit dem Autor zu nennen. Doch jetzt scheint er mir anhand der durchaus gelungenen Passagen über Absturz, Trunkenheit, erfüllte und unerfüllte Liebe, die schlecht beheizte Wohnung, die tyrannische Vermieterin und die Abende mit Bier und Bleistift in der Stammkneipe durchaus passend.]

Elmar Tannert hat Skizzen aus seinem Leben und viele Einsichten, Gedanken, Splitter in diesen Satz / das Buch geschrieben. Bisweilen strengt die Vorgabe des “einen” Satzes an, wenn eigentlich ein (Schluss-)Punkt den aktuellen Gedanken zu Ende gebracht hätte. Aber das ist nun einmal die Pointe. Auch ist die immer wiederkehrende Ansprache des imaginären Gesprächspartners und das Eingehen auf dessen mehrfach erwähnte Kompetenzen bisweilen etwas bemüht, um eben den Faden des Buches nicht zu verlieren. Denn eigentlich geht es natürlich nur um eins: Das Leben des darbenden Schriftstellers in der Südstadt unseres beschaulichen Nürnbergs samt der physischen und psychischen Widrigkeiten, denen der freiberufliche Künstler permanent ausgesetzt ist. Übrigens meine Hauptmotivation für die meisten Blogtexte…

Nun kann Elmar Tannert definitiv sehr gut schreiben und da ich selbst des öfteren (wie zum Beispiel in diesem Blog aber durchaus auch an anderer Stelle) mit Texten vor mich hin dilettiere, werde ich sicherlich nicht an seiner makellosen Sprache und seiner Wortkunst herumkritisieren.

Oft trifft er in seinen Schilderungen der Nürnberger Südstadt und seiner durchaus skurrilen Bewohnerschaft sehr gut, so dass sich ein behagliches “ja, den/die/das kenne ich” einstellt, oft aber kippt die schönste Schilderung in ein melancholisches Lamento ob der vergangenen Liebe seines Lebens. Die Frustration zieht sich etwas zu sehr durch das Buch, was leider bisweilen Langeweile erzeugt. Ich möchte daher “Ein Satz an Herrn Müller” als “bedingt lesenswert” einstufen. Da dieser Blog ohnehin nur eine überschaubare Leserschaft erreicht, kostet diese Rezension den durchaus sympathischen Autor somit kein Geld, was prinzipiell nicht Absicht solcherlei Besprechung sein soll.

Äußerst angetan war ich übrigens von Layout und Herstellung des Buches, für die ars vivendi (und sicherlich auch Elmar Tannert) verantwortlich zeichnet. Ein klassischer Satzspiegel (Bundsteg: Kopfsteg: Außensteg: Fußsteg 2 : 3 : 4 : 6), eine gut lesbare Serifenschrift für den Fließtext (Kapitel-Überschriften gibt es ja per se nicht), eine hochwertige Klebung, Schutzumschlag und ein Lesebändchen – alles was das Herz begehrt. Angesichts der völligen Ahnungslosigkeit, mit der von jungen Designern und Medienherstellern heutzutage Drucksachen entworfen und produziert werden, eine wirkliche Oase in der Layoutwüste des Jahres 2018.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige