dreipunktnull

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Ich habe eine CD aufgenommen. So mit Musik drauf. Also alte Jazzstandards solo mit Gitarre eingespielt, garantiert ohne Gesang. Jüngere unter der Leserschaft mögen sich nun fragen, was eigentlich genau so eine “CD” ist. Dieser etwas abgedroschene Witz wird schnell bedeutsam, wenn sogar die treuesten Fans beim Erwerb dieser Scheibe betonen, dass sie sich jetzt erst einmal auf die Suche nach einem geeigneten Abspielgerät machen müssten, um meine neueste Produktion tatsächlich anzuhören.

Ein ganz treuer Fan hat mich bei der Bestellung gebeten, doch ein paar Worte im Blog über die Scheibe zu schreiben. Dies freut mich doppelt, da ich zum Einen eine weitere CD unters Volk bringen konnte und zum Anderen tatsächlich hin und wieder jemand Beiträge auf diesem Blog liest.

Nun also – dreipunktnull. Schon seit der Veröffentlichung meiner ersten Solo-CD “Jazz” im Jahr 2012, bei der ich für ein Erstlingswerk wirklich vieles richtig, aber leider auch so manches nicht so doll gemacht habe, trage ich mich mit der Idee einer weiteren Veröffentlichung mit schönen Jazzstandards im Fingerstyle. 2015 erschien dann die etwas andere „Gige & Friends – Best of Van Heusen“, auf welcher ausschließlich Stücke von van Heusen zumeist in Duo-Besetzung dargeboten werden. 2019 war nun die Zeit für einen weiteren Tonträger, den die Welt wahrscheinlich wieder einmal nicht braucht. Insbesondere heutzutage, da wir jeden gespielten Ton online veröffentlichen und unentgeltlich (in den sozialen Medien) oder zumindest günstig per Streamingdienst zur Verfügung stellen. 

Nun, den Inhalt dieser CD gibt es nicht (legal) zum Downloaden oder Streamen. Der größte Anteil meines geneigten Publikums besitzt im Auto und oft auch noch zu Hause einen CD-Player mit zugehöriger HiFi-Anlage. 

Wie schon auf meiner ersten CD “Jazz” aus dem Jahr 2012 habe ich einige gut abgehangene Standards des Great American Songbooks nebst selteneren Stücken solo im Fingerstyle eingespielt, wiederum auf durchaus betagten Instrumenten. Den Anspruch, die Songs mit ihrem jeweiligen zeitgenössischen Gitarrensound zu versehen, habe ich inzwischen aufgegeben. Wenn Gott gewollt hätte, dass wir die Archtops ausschließlich akustisch spielen, warum hat er uns dann den Tonabnehmer und den Verstärker geschenkt?

Die Aufnahmen im Picking-Style à la Chet Atkins wurden mit einer No-Name-Gitarre aus den 1940er Jahren, die allerdings mit einem alten Framus-Pickup versehen ist, aufgenommen, die Balladen und einige Swing-Stücke mit einer Gibson L-5 1934 reissue, wobei ich mich hierbei eher an meine aktuelle Laune denn an eine feste Regel gehalten habe.

Beide Gitarren sind über einen AER Compact 60 gespielt, welcher von Clemens Bröse im Übungsraum unseres Jazztetts per DI und Mikro abgenommen wurde. Er hat mit größter Geduld und Bedachtheit an einem Tag alle wohlklingenden Takes der ausgesuchten Standards (und noch einige mehr) aufgenommen, mit denen ich anschließend zum Mixen ins Studio ging.

Den Mix und das Mastering erledigte wie seit über 30 Jahren Oskar Schrems im Tonstudio Success in Fürth. Im Gegensatz zu den 2012er Aufnahmen stand bei diesem Mix nicht der akustische Klang der Gitarre im Vordergrund, sondern der Sound des jeweiligen Songs. Oskar hat keine meiner bisweilen ausgefallenen Ideen im Vornherein abgelehnt und sie allesamt mit seiner Erfahrung und hochwertigster Technik wunderbar umgesetzt.

Die Songs auf dreipunktnull sind natürlich aus meinem Live-Repertoire und überwiegend Swing-Nummern bzw. Balladen aus den 1920er bis 1950er Jahren, wie immer mit ein paar Ausreißern.

Folgende Nummern findet Ihr auf der CD, in der Reihenfolge dieser Beschreibung::

S‘ Wonderful! aus dem Jahr 1927 von George Gershwin ist eine flotte Swingnummer zum Einstieg, gefolgt von After You‘ve Gone (1918) von Creamer & Layton. Ich liebe diesen Song! Er war bereits vor 100 Jahren (!!!) ein Nummer-1-Hit und hat nichts von seinem Charme eingebüßt. Und weil er sowohl als tragische Ballade wie auch als Medium-Swing taugt, spiele ich ihn auf dreipunktnull auch in beiden Versionen. Attila Zoller schrieb The Birds and the Bees im Jahre 1971. Ein tolles Stück, welches viel zu selten gespielt wird. Helmut Kagerer hat mich seine Version gelehrt, die mir so gefiel, dass ich sie sofort auf CD bannen musste. Jedes mit durchsetzungsfähigen Bläsern bestückte Ensemble spielt Caravan von Duke Ellington (1936). Als Stück für Solo-Gitarre ist es eher selten zu finden, in meinem aufregenden Arrangement schon gar nicht. Eine Zierde dieser CD! Der Gitarrist Joe Bawelino zeigte mir den wunderschönen Troublant Bolero von Django Reinhardt, erstmals 1948 erschienen. Für diese Nummer gibt es kein Sheet, keine Notation, ich habe es mir tatsächlich von Joe abgeguckt. Umso mehr freut mich die meines Erachtens sehr gelungene Einspielung. Es geht in sehr gemäßigtem Tempo weiter mit Cry Me a River aus dem Jahr 1953 von Arthur Hamilton, welches von Douce Ambiance (1943), einem weiteren Django-Reinhardt-Song abgelöst wird. Auch diese Komposition ist bis dato eher selten solo aufgenommen worden. Es folgt I’m Confessin’ That I Love You (1930, Ellis Reynolds) eine flotte Ballade (oder ein langsamer Swing), gefolgt von dem Heiligen Gral der Fingerstyler I Got Rhythm. Das Gershwin-Tune aus dem Jahr 1930 ist natürlich von jedem Jazzgitarristen schon einmal aufgenommen worden, weshalb ich für meine Version sicher keinen Innovationspreis gewinnen werde. Dennoch ein heftig swingender Fingerstyle-Klassiker! Das 1944 von Karl Suesddorf geschriebene Moonlight in Vermont ist eine wunderschöne, schon fast etwas klebrige Ballade. Das Intro habe ich von Joe Bawelino geklaut, zumindest von der Idee her. Out Of Nowhere von Johnny Green (1931) bietet einen swingenden, melodischen Song, bei dem als technische Finesse tatsächlich Vierteltriolen in der Melodie zur straiten Viertelbegleitung im Bass gespielt werden, was eine 2:3 Rhythmik innerhalb einer (Zupf-)Hand bedeutet. Beyond The Sea aus dem Jahr 1943 von Charles Trenet ist vielen als La mer bekannt und ein immergrüner Hit. Jeder hat „Findet Nemo“ gesehen! Softly as in a Morning Sunrise (1929) von Sigmund Romberg ist ein Medium-Swing mit einer groovenden Basslinie. Schon 1954 schrieb der geniale Jazzgitarrist Johnny Smith über die Akkorde von Softly as in a Morning Sunrise das ikonische Walk, Don’t Run, welches ich im zweiten Chorus zitiere. Der Swing Secret Love (Sammy Fain, 1953) und das tragische What Are You Doing the Rest of Your Life von Michel Jean Legrand aus dem Jahr 1969 schließen die CD ab.

Wenn Ihr, liebe Leser, auch zu meinen lieben Hörern werden wollt, dann bestellt Euch eine der edlen Silberscheiben bei mir (ganz einfach per Mail an info@gige.de) und lasst Euch von den Gitarrenklängen verzaubern. Ups, das klang jetzt etwas zu sehr nach Ricky King…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Schlechtes Timing

Liebe Leser,

so, getan. Mist! Ich habe den erst seit ein paar Monaten geplanten und auch angekündigten CD-Release meines neuen Werkes “dreipunktnull” abgesagt. Ich hatte die CD (über die demnächst an dieser Stelle berichtet wird) fertig, einen schönen Veranstaltungsort, alle verfügbaren Familienmitglieder für diverse Aufgaben wie Catering oder CD-Verkauf in den Startlöchern stehen, eine brillante Mitmusikerin (für etwas Abwechslung zum Gitarrenklang) und eine erkleckliche Anzahl an Besuchern oder Zuhörern, die ihr Erscheinen angekündigt hatten. Das war schön! Fünf Jahre nach dem letzten CD-Release mal wieder eine Veranstaltung mit Gästen, die nicht ein paar kühle Biere zum Schweinebraten bei angenehmer Beschallung genießen wollten, sondern tatsächlich meine Musik hören. Und die vielleicht sogar noch die eine oder andere CD erworben hätten.

Doch die Zeichen standen schlecht. Der Coronavirus hatte mit der unübersehbaren Drohung einer Pandemie schon seit einigen Wochen Zeit sämtliche Livemusik-Planungen getrübt, aber ich dachte halt wie so oft “wird schon vorbei gehen”. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. 

Nun, es kam anders. Nach sukzessiven Absagen zuerst großer, dann mittlerer Veranstaltungen und der heutigen Rede der Kanzlerin mit der Bitte, doch die Zahl der sozialen (physischen) Kontakte in der nächsten Zeit drastisch einzuschränken, war es an der Zeit, eine Veranstaltung abzusagen, die sicherlich unter den beschriebenen Bedingungen nur sehr eingeschränkt hätte genossen werden können. Ich glaube, das war jetzt Futur 2 oder so. Naja, Ihr versteht, was ich meine.

Bin ich beim Gitarrenspiel mit meinem Timing im Großen und Ganzen zufrieden, so ist es bezüglich meiner gesamten “Karriere” in letzter Zeit eher mangelhaft. Ich habe viele Jahrzehnte geübt, um mit den Musikern zu spielen, mit denen ich das seit nicht allzu langer Zeit tun darf. Aber entweder fangen diese sich dann langwierige orthopädische Beeinträchtigungen ein, die überlange Spielpausen erzwingen, oder eine Pandemie lässt in der Primetime die Veranstaltungen ausfallen.

Bis Ostern hatte ich sieben gute Gigs oder Jobs im Kalender. Fünf wurden bis dato abgesagt, die verbleibenden zwei werden es sicherlich. Wie Rainder Glas seinen von mir so geliebten Jazzworkshop in Erlangen durchführen will, ist derzeit auch ein Mirakel. Und für unsereins gibt es kein Kurzarbeitergeld oder sonstige Unterstützung. Ist eben so. Hätten wir mal was Vernünftiges gelernt.

In der “Zeit” durfte ich wieder die Geringschätzung Vieler für die Sorgen der Kulturschaffenden in solchen Zeiten kennen lernen. Man könne ja die ganzen Veranstaltungen in den Herbst schieben, da entstünden kaum Verluste. Das ist natürlich Bullshit, denn der Herbst 2020 ist seit über einem Jahr nahezu durchgehend ausgebucht. Wer soll denn da was schieben? Es kommen magere Zeiten für den Live-Jazz!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige