Gige plays Bossa Nova

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Ich habe eine CD aufgenommen. So mit Musik drauf. Aufmerksame Leser mögen bemerkt haben, dass ich bis hier den Text des Beitrags vom 07.07.2020 kopiert habe. Denn auch damals hatte ich einen Tonträger von mir besprochen. Ebendies möchte ich auch heute machen.

Mit Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 blieb für uns Live-Musiker nur der Weg von der Bühne zurück ins heimische Wohn- bzw. Übungszimmer. Wie ich bereits in diesem Beitrag >>> geschrieben hatte, kaufte ich mir aus Frustration über den Lockdown eine klassische Gitarre (nun ja, korrekterweise ist es eine Flamenco-Gitarre, aber wer wird es wohl so genau nehmen wollen?) und begann das darauf zu spielen, was ich zum Einen schon kannte und zum Anderen auch gemäß Überlieferung für eine Nylon-Gitarre obligatorisch ist: Bossa Nova!

Natürlich sind mir im Laufe der letzten Jahre eine Menge Bossas über den Weg beziehungsweise über das Griffbrett gelaufen: Die Standards Blue Bossa und Recordame (welche nicht von einem Brasilianer komponiert wurden) und natürlich das wichtigste Jobim-Zeugs Girl from Ipanema, Desafinado, Corcovado und noch einige mehr. Allerdings betrachtete ich die Vertreter der Bossa Nova eher als Komponisten im Grunde stets identisch klingender Fahrstuhlmusik. Ich begann, mir etwas Hintergrundwissen drauf zu schaffen.

Nach etwas Recherche bei der nahezu allwissenden Wikipedia und in Youtube (dort ist nichts deutschsprachiges und wenig englischsprachiges zu finden, immerhin ein paar schöne Dokus der BBC) stieß ich auf ein (gedrucktes) Buch, in welchem tatsächlich alles drin steht: Bossa Nova – The Sound of Ipanema. Eine Geschichte der brasilianischen Musik, von Ruy Castro. Ein tolles Buch mit unglaublich vielen Namen und Unmengen an Informationen, dabei noch in wirklich witzigem Ton geschrieben und offensichtlich gut ins Deutsche übertragen. Ganz sicher wird eine Besprechung in diesem Blog folgen. Im zweiten Lockdown habe ich jetzt ja Zeit…

Ich lernte viele Protagonistinnen der Bossa Nova kennen und stellte schon nach den ersten Seiten fest… ich habe wirklich keine Ahnung! 

Es gibt unterschiedliche Ansätze, mit derlei Unkenntnis umzugehen. Ich habe Freunde und Musikerkollegen, die lassen einfach die Finger von jeglicher Musik, von der sie nicht eingehend alles verfügbare Material studiert haben. Und weil das gerade im fortgeschrittenen Alter kaum realisierbar ist, bleibt es beim Finger-davon-lassen. Andere werfen sich mit Feuereifer auf das Material und recherchieren bis zum St. Nimmerleinstag, ohne dabei jemals einen Ton zu spielen – aus Respekt vor der Musik. In beiden Versionen kommt nix Anhörbares für den Rest der Welt dabei raus.

Ich hatte solche Berührungsängste nie. Man darf Blues spielen, ohne aus dem Süden der USA zu stammen, man darf Gipsy-Swing spielen, ohne in irgendeiner Weise mit Django Reinhardt verwandt zu sein, man darf als Bayer Irish- und sonstigen Folk von den Inseln spielen und natürlich auch Bossa Nova, selbst wenn man nicht in Brasilien geboren wurde. Wirklich alle Musiker, die aus einer solchen privilegierten Gruppe stammen und mit denen ich das Vergnügen hatte, in den letzten Jahren ihre jeweilige Musik zu spielen, sahen das extrem locker und freuten sich immer, wenn ihre Musik mit Engagement und Herzblut gespielt wurde, auch wenn sich bisweilen technische oder kulturelle Unzulänglichkeiten offenbarten. Die deutschen Meisterspieler, legitimiert durch einen Auslandsaufenthalt oder jahrelangen Unterricht, sind da wesentlich strenger. So gibt es neben der der Jazz- auch eine Gipsy-Swing-, Irish-Folk- und Bossa-Nova-Polizei. Ganz sicher!

Mir war dies, wie bereits erwähnt, einerlei und ich gewann meinen Mitmusiker Clemens Bröse erneut für eine Aufnahmesession im bandeigenen Übungsraum, wie wir es schon bei dreipunktnull durchgezogen hatten. Dies war bereits am 28. Mai 2020. Ihr seht schon, ich blogge wirklich selten. Und wieder nahm Clemens mit erstaunlicher Geduld einen Take nach dem anderen auf, wobei kein einziges Mal irgendeine Äußerung von Ungeduld oder sonstigem über seine Lippen kam. Allerdings waren auch nur insgesamt acht Songs geplant, es würde also eine wirklich kurze CD werden. Und ich habe auch ziemlich ordentlich gespielt, so dass nach nur einem Aufnahmetag genug Material für die CD vorhanden war.

Das technische Setting war wirklich schlicht, aber klanglich überzeugend: Zwei Beringer-Mikrophone und eine Spanische Gitarre, das war es im Prinzip schon. Natürlich hat Clemens nebenbei beim Aufnehmen einige Stunden hochwertiges Videomaterial produziert, welches ein video-affinerer Musiker, als ich es bin, sicherlich zu einigen knackigen Werbevideos für die neue CD umgearbeitet und geschnitten hätte, doch es fehlte mir trotz monatelanger Auftrittssperre hierfür die Zeit. Kaum zu glauben, oder?

Den Mix und das Mastering des Rohmaterials erledigte, wie schon bei allen meinen Solo-CDs zuvor, Oskar Schrems im Tonstudio Success, wie immer schnell und in exzellenter Qualität!

Eingespielt habe ich

Triste (Antônio Carlos Jobim). Ein schöner Bossa vom Meister-Komponisten der Bossa Nova schlechthin. Ein harmonisch komplexer Song mit dennoch eingängiger Melodie.

Batacuda (Luiz Bonfá). Ich finde meine Interpretation des Fingerstyle-Vorzeigestücks von Meister Bonfá gelungen, muss aber offen gestehen, dass ich an die wirklich superbe Technik des Vorbilds nicht herankomme. Dennoch ein flotter Samba (?)… oder halt eine südamerikanische Picking-Nummer. Luiz Bonfá hat um die jeweilige Stilistik seiner Songs nie ein Gewese gemacht.

Só Danço Samba (Antônio Carlos Jobim). Ein getragener Samba mit pfiffiger Rhythmik in der Melodie. Im Ensemble eine nicht zu komplizierte Sache, als Fingerstyle-Stück bei weitem nicht so trivial.

Se É Tarde, Me Perdoa (João Gilberto). Eine Komposition von Gilberto ohne den charakteristischen Gesang? Doch, das geht! Aus dem Portugiesischen übersetzt lautet der Titel in etwa „Sorry, dass ich schon wieder zu spät komme“, was sich wohl durch das Leben des großen João Gilberto gezogen hat. Und weil wir alle so gut Portugiesisch sprechen, hat sich hier tatsächlich ein kleiner Schreibfehler in die (digitalen) Titelangaben auf der CD eingeschlichen. Wer ihn findet, erhält einen Fleißpunkt! 

Summer Samba (Marcos Valle). Der auch unter „So Nice“ bekannte Titel ist der Gold-Song des Marcos Valle. Eine wunderbar entspannte Samba. Auf mein Fingerstyle-Arrangement des zum Teil ziemlich vertrackten Songs bin ich stolz. 

Chega de Saudade (Antônio Carlos Jobim). Diese Jobim-Komposition war der erste Titel, der mit dem Label „Bossa Nova“ versehen wurde und ist neben Girl from Ipanema dessen zweite Hymne. Naja, wahrscheinlich gibt es noch ein Dutzend weitere… Die Form ist gefühlt unendlich lang, weshalb ich auf eine explizite Improvisation verzichtet habe.

Samba de Orfeu (Luiz Bonfá). Ein von Bonfá bereits 1956 wiederum für den Film „Orfeu Negro“ geschriebener Titel. Wie Batacuda eine echte Herausforderung auch für erfahrene Gitarristen.

The Girl from Ipanema (Antônio Carlos Jobim). Die Hymne der Bossa Nova (siehe oben). Sie wurde unzählige Male gecovert und ist bereits in einer ihrer ersten Aufnahmen ikonisch. Dennoch hier eine Version von mir. Und weil es schon Richtung Ende der Aufnahmesession ging und meine treue St. Pauli Gitarre noch ungespielt im Eck des Raumes stand, spielte ich Jobims Hit ausnahmsweise mit der unverstärkten Jazzgitarre ein. 

Wie schon bei dreipunktnull hatte ich eine schicke Release-Party geplant. Diese ist, wie schon die vorherige, der allseits beliebten Corona-Pandemie zum Opfer gefallen. So gab es nur eine kleine Ankündigung auf Facebook und mit dem zugehörigen Blogbeitrag habe ich mir offensichtlich ja auch etwas Zeit gelassen.

Diese CD gibt es (schon wieder) nur als reale Silberscheibe, nicht als Download und nicht bei Spotify. Lieber beschränkt sich der Käuferkreis auf ein paar Hundert Menschen (die letzten, die noch irgendwo einen CD-Player zum Abspielen besitzen), als dass ich mich in die millionste Playlist von irgendwelchen desinteressierten Dauerstreamern einreihen lasse, denen es egal ist, was in die Ohrstöpsel tröpfelt. Klinge ich verbittert? Pardon!

Wer gerne eine CD haben möchte, schreibe mich unter jazz@gige.de an. Ich schicke ihr bzw. ihm gerne eine zu, worauf sie oder er mir 10 Euro überweisen möge. Wenn es zwei Euro mehr sind, werde ich diesen Betrag sofort sinnlos für Porto und Verpackung verprassen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

dreipunktnull

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Ich habe eine CD aufgenommen. So mit Musik drauf. Also alte Jazzstandards solo mit Gitarre eingespielt, garantiert ohne Gesang. Jüngere unter der Leserschaft mögen sich nun fragen, was eigentlich genau so eine “CD” ist. Dieser etwas abgedroschene Witz wird schnell bedeutsam, wenn sogar die treuesten Fans beim Erwerb dieser Scheibe betonen, dass sie sich jetzt erst einmal auf die Suche nach einem geeigneten Abspielgerät machen müssten, um meine neueste Produktion tatsächlich anzuhören.

Ein ganz treuer Fan hat mich bei der Bestellung gebeten, doch ein paar Worte im Blog über die Scheibe zu schreiben. Dies freut mich doppelt, da ich zum Einen eine weitere CD unters Volk bringen konnte und zum Anderen tatsächlich hin und wieder jemand Beiträge auf diesem Blog liest.

Nun also – dreipunktnull. Schon seit der Veröffentlichung meiner ersten Solo-CD “Jazz” im Jahr 2012, bei der ich für ein Erstlingswerk wirklich vieles richtig, aber leider auch so manches nicht so doll gemacht habe, trage ich mich mit der Idee einer weiteren Veröffentlichung mit schönen Jazzstandards im Fingerstyle. 2015 erschien dann die etwas andere „Gige & Friends – Best of Van Heusen“, auf welcher ausschließlich Stücke von van Heusen zumeist in Duo-Besetzung dargeboten werden. 2019 war nun die Zeit für einen weiteren Tonträger, den die Welt wahrscheinlich wieder einmal nicht braucht. Insbesondere heutzutage, da wir jeden gespielten Ton online veröffentlichen und unentgeltlich (in den sozialen Medien) oder zumindest günstig per Streamingdienst zur Verfügung stellen. 

Nun, den Inhalt dieser CD gibt es nicht (legal) zum Downloaden oder Streamen. Der größte Anteil meines geneigten Publikums besitzt im Auto und oft auch noch zu Hause einen CD-Player mit zugehöriger HiFi-Anlage. 

Wie schon auf meiner ersten CD “Jazz” aus dem Jahr 2012 habe ich einige gut abgehangene Standards des Great American Songbooks nebst selteneren Stücken solo im Fingerstyle eingespielt, wiederum auf durchaus betagten Instrumenten. Den Anspruch, die Songs mit ihrem jeweiligen zeitgenössischen Gitarrensound zu versehen, habe ich inzwischen aufgegeben. Wenn Gott gewollt hätte, dass wir die Archtops ausschließlich akustisch spielen, warum hat er uns dann den Tonabnehmer und den Verstärker geschenkt?

Die Aufnahmen im Picking-Style à la Chet Atkins wurden mit einer No-Name-Gitarre aus den 1940er Jahren, die allerdings mit einem alten Framus-Pickup versehen ist, aufgenommen, die Balladen und einige Swing-Stücke mit einer Gibson L-5 1934 reissue, wobei ich mich hierbei eher an meine aktuelle Laune denn an eine feste Regel gehalten habe.

Beide Gitarren sind über einen AER Compact 60 gespielt, welcher von Clemens Bröse im Übungsraum unseres Jazztetts per DI und Mikro abgenommen wurde. Er hat mit größter Geduld und Bedachtheit an einem Tag alle wohlklingenden Takes der ausgesuchten Standards (und noch einige mehr) aufgenommen, mit denen ich anschließend zum Mixen ins Studio ging.

Den Mix und das Mastering erledigte wie seit über 30 Jahren Oskar Schrems im Tonstudio Success in Fürth. Im Gegensatz zu den 2012er Aufnahmen stand bei diesem Mix nicht der akustische Klang der Gitarre im Vordergrund, sondern der Sound des jeweiligen Songs. Oskar hat keine meiner bisweilen ausgefallenen Ideen im Vornherein abgelehnt und sie allesamt mit seiner Erfahrung und hochwertigster Technik wunderbar umgesetzt.

Die Songs auf dreipunktnull sind natürlich aus meinem Live-Repertoire und überwiegend Swing-Nummern bzw. Balladen aus den 1920er bis 1950er Jahren, wie immer mit ein paar Ausreißern.

Folgende Nummern findet Ihr auf der CD, in der Reihenfolge dieser Beschreibung::

S‘ Wonderful! aus dem Jahr 1927 von George Gershwin ist eine flotte Swingnummer zum Einstieg, gefolgt von After You‘ve Gone (1918) von Creamer & Layton. Ich liebe diesen Song! Er war bereits vor 100 Jahren (!!!) ein Nummer-1-Hit und hat nichts von seinem Charme eingebüßt. Und weil er sowohl als tragische Ballade wie auch als Medium-Swing taugt, spiele ich ihn auf dreipunktnull auch in beiden Versionen. Attila Zoller schrieb The Birds and the Bees im Jahre 1971. Ein tolles Stück, welches viel zu selten gespielt wird. Helmut Kagerer hat mich seine Version gelehrt, die mir so gefiel, dass ich sie sofort auf CD bannen musste. Jedes mit durchsetzungsfähigen Bläsern bestückte Ensemble spielt Caravan von Duke Ellington (1936). Als Stück für Solo-Gitarre ist es eher selten zu finden, in meinem aufregenden Arrangement schon gar nicht. Eine Zierde dieser CD! Der Gitarrist Joe Bawelino zeigte mir den wunderschönen Troublant Bolero von Django Reinhardt, erstmals 1948 erschienen. Für diese Nummer gibt es kein Sheet, keine Notation, ich habe es mir tatsächlich von Joe abgeguckt. Umso mehr freut mich die meines Erachtens sehr gelungene Einspielung. Es geht in sehr gemäßigtem Tempo weiter mit Cry Me a River aus dem Jahr 1953 von Arthur Hamilton, welches von Douce Ambiance (1943), einem weiteren Django-Reinhardt-Song abgelöst wird. Auch diese Komposition ist bis dato eher selten solo aufgenommen worden. Es folgt I’m Confessin’ That I Love You (1930, Ellis Reynolds) eine flotte Ballade (oder ein langsamer Swing), gefolgt von dem Heiligen Gral der Fingerstyler I Got Rhythm. Das Gershwin-Tune aus dem Jahr 1930 ist natürlich von jedem Jazzgitarristen schon einmal aufgenommen worden, weshalb ich für meine Version sicher keinen Innovationspreis gewinnen werde. Dennoch ein heftig swingender Fingerstyle-Klassiker! Das 1944 von Karl Suesddorf geschriebene Moonlight in Vermont ist eine wunderschöne, schon fast etwas klebrige Ballade. Das Intro habe ich von Joe Bawelino geklaut, zumindest von der Idee her. Out Of Nowhere von Johnny Green (1931) bietet einen swingenden, melodischen Song, bei dem als technische Finesse tatsächlich Vierteltriolen in der Melodie zur straiten Viertelbegleitung im Bass gespielt werden, was eine 2:3 Rhythmik innerhalb einer (Zupf-)Hand bedeutet. Beyond The Sea aus dem Jahr 1943 von Charles Trenet ist vielen als La mer bekannt und ein immergrüner Hit. Jeder hat „Findet Nemo“ gesehen! Softly as in a Morning Sunrise (1929) von Sigmund Romberg ist ein Medium-Swing mit einer groovenden Basslinie. Schon 1954 schrieb der geniale Jazzgitarrist Johnny Smith über die Akkorde von Softly as in a Morning Sunrise das ikonische Walk, Don’t Run, welches ich im zweiten Chorus zitiere. Der Swing Secret Love (Sammy Fain, 1953) und das tragische What Are You Doing the Rest of Your Life von Michel Jean Legrand aus dem Jahr 1969 schließen die CD ab.

Wenn Ihr, liebe Leser, auch zu meinen lieben Hörern werden wollt, dann bestellt Euch eine der edlen Silberscheiben bei mir (ganz einfach per Mail an info@gige.de) und lasst Euch von den Gitarrenklängen verzaubern. Ups, das klang jetzt etwas zu sehr nach Ricky King…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige