Auf dem Nachttisch – Facing Ali

Liebe Leser,

ich schreibe wirklich zu wenig in diesem Blog. Sorry. Es ist verblüffend, wie wenig Zeit bleibt, obwohl man pandemiebedingt nur äußerst selten auf die Bühne kommt. Aber nun zu etwas ganz anderem…

Am 17.01.1942 wurde Muhammad Ali in  Louisville, Kentucky als Cassius Clay geboren. Er hätte also gestern seinen 80. Geburtstag gefeiert, wenn er nicht 2016 gestorben >>> wäre. Ali war eine Ikone meiner Kindheit und Jugend. War ich 1971 beim wirklich legendären „Kampf des Jahrhunderts“ noch zu klein, um diese epische Ringschlacht (welche übrigens tatsächlich der damals amtierende Weltmeister Smokin‘ Joe Frazier gewann) live in den frühen Morgenstunden anzuschauen, habe ich seit dem ebenso legendären „Rumble in the Jungle“, bei dem sich Ali den WM-Gürtel gegen den 1974 wirklich übermächtigen George Foreman zurückholte, keinen Kampf des „Größten“ bis zu seinem endgültigen, auch Parkinson-bedingten, Rücktritt verpasst. Mit Ausnahme seines letzten Gefechts 1981 gegen Trevor Berbick auf den Bahamas. Diese grausame Demontage der einst so strahlenden Legende wollte ich mir dann doch nicht antun.

Natürlich habe ich inzwischen dank der großen Videoplattform, deren Name nicht genannt werden muss, inzwischen alle nur erdenklichen Biografien, Dokumentationen über und natürlich auch alle Kämpfe von Muhammad Ali gesehen, manchmal geschnitten und kommentiert, meist jedoch, falls verfügbar, in voller Länge. Da ich auch die Karrieren und die Lebens(ver)läufe seiner einstigen Rivalen, insbesondere die von Joe Frazier, George Foreman, Ken Norton und Larry Holmes recherchiert und verfolgt habe, fühlte ich mich bezüglich der Protagonisten der Goldenen Ära des Schwergewichts durchaus gut informiert.

Als nun anlässlich des 80. Geburtstags von Ali die Öffentlich-Rechtlichen ihre Mediatheken mit neuen und alten Dokumentationen luden, habe ich die 4 x 2-Stunden Dokumentation „Muhammad Ali“ in der Arte-Mediathek mit dem wohligen Gefühl genossen, die meisten Fakten eben bereits zu kennen und mein Wissen mit der Chipstüte in der Hand ohne größere Aufmerksamkeit vertiefen zu können.

Und weil das so schön war und Kindheitserinnerungen weckte, sah ich mir im Folgenden auch noch die zweite Dokumentation der Nacht »Facing Ali« von Pete McCormack an, eine Uraufführung im deutschen Fernsehen. Und die ist wirklich sensationell! Der „Spiegel“ schreibt:

Sich Ali wirklich zu nähern, das haben vielleicht nur diejenigen geschafft, die ihm auch körperlich am nächsten kamen: seine Gegner. Die Geschichte Alis ist auch immer die Geschichte seiner Kontrahenten, Joe Frazier, Foreman, Ken Norton, Leon Spinks, Larry Holmes. Die von ihm verprügelt wurden, oder die ihn selbst verprügelten wie Holmes in jenem Fight 1981, in dem Ali nur noch Mitleid erregte.

[Kleine Anmerkung: Der Holmes-Kampf war 1980, 1981 fand Alis tatsächlich letzter Kampf gegen Trevor Berbick statt, siehe oben. Schämt Euch, Ihr Patzer vom Spiegel!]

Dennoch, das Aufgebot an ehemaligen Gegnern von Ali ist gewaltig, namentlich die Weltmeister Joe Frazier (+2011), Ken Norton (+2013), George Foreman, Larry Holmes, Leon Spinks (+2021) und Ernie Terrell (+2014) sowie die Weltranglistenboxer Ron Lyle (+2011), Earnie Shavers, Henry Cooper (+2011) und George Chuvalo. Die bedeutendsten Schwergewichtsboxer von 1965 bis 1985 in einer einzigen Sendung! Jeder dieser herausragenden Kämpfer wird kurz vorgestellt (samt seiner zumeist erschütternden Biografie) und spricht dann über seine Kämpfe gegen und sein Verhältnis mit Muhammad Ali. Wenn auch viele dieser Boxer in ihren letzten Jahren unter Dementia Pugilistica oder anderen durch permanente Schläge hervorgerufenen Krankheiten litten oder noch leiden, sind sie in diesem Beitrag noch allesamt sprachlich und geistig auf der Höhe. Und ihre Erzählungen werden nicht von einem eifrigen Interviewer gesteuert und sind auch nicht geschnitten. Ali hat neben seinen Schlägen im Ring immer auch verbal heftig ausgeteilt, bisweilen unter der Gürtellinie, was insbesondere Joe Frazier sein Leben lang verfolgte (ich bin übrigens seit einigen Jahren glühender Smokin‘-Joe-Fan – was ein faszinierender Kämpfer!) und mit Sicherheit zu mehr als einer Depression bei dem tapferen Mann aus Philadelphia geführt hat. So kommen in den Schilderungen von Alis Rivalen auch durchaus unbequeme Wahrheiten oder zumindest Sichtweisen auf den Tisch, seien es zu kurze Counts (Ali-Foreman 1974), ungerechte Punktrichter (Ali-Norton III 1976) oder vorzeitige Abbrüche (Ali-Lyle 1975) u. v. m.

Und dennoch: Alle (mit Ausnahme des muffigen Ernie Terrell) tragen Ali diese Dinge nicht nach und reflektieren offen und ehrlich, dass sie allesamt ihre eigenen Karrieren der Existenz eines Muhammad Ali verdanken. Nicht nur Ken Norton dankt Ali dafür, dass er ihm die Chance auf ein besseres Leben durch die Kämpfe geschenkt hat. Alle (auch Joe Frazier und Ernie Terrell) haben für den zum Zeitpunkt der Aufzeichnung schon schwerst erkrankten Ali nur beste Wünsche und lobende Worte. Es ist eine zutiefst bewegende Verbeugung seiner ehemaligen Rivalen vor dem „Größten“.

Zwei kleine Nörgeleien zum Schluss. Auf den Boxer Sir Henry Cooper hätte man meines Erachtens verzichten können, da er zwar zweimal mit Ali im Ring stand, aber – schon aufgrund seiner Herkunft aus Großbritannien – kein persönliches Verhältnis zu diesem aufgebaut hatte und somit eher aus dem Kreis der mit Ali auch durch ihre Lebenslinien verbundenen Rivalen herausfällt. 

Und schließlich ist die deutsche Synchronisation, die auch versucht, Wortgefechte z. B. zwischen Ali und Frazier schmissig simultan zu übersetzen, oft nicht gelungen und zum Beispiel im Fall von Leon Spinks einfach respektlos. Leider gibt es keine Originalversion in der Mediathek.

Nichtsdestotrotz ist „Facing Ali“ eine der besten Dokumentationen, die ich bis dato über Muhammad Ali gesehen habe, insbesondere, weil es auch einen Blick auf seine großartigen Rivalen ermöglicht, die Alis strahlende Karriere erst ermöglicht haben. Beispielhaft für diesen Zusammenhang zwischen Ali und seinen Gegnern im Ring stellt Ken Norton völlig zutreffend fest: Ali holte das Beste aus Frazier heraus und Frazier das Beste aus Ali.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

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Little Fat Kid

Liebe Leser,

geplant war für diesen (oder letzten) Dienstag ein Beitrag über “schnelle Gitarren”. Das muss warten. Denn schließlich wurde am 1. Juni im Schwergewicht Boxgeschichte geschrieben. Diese markigen Worte habe ich persönlich bis dato nur einmal eingesetzt, nämlich anhand des Ausgangs des “Rumble in the Jungle”, als der alternde Muhammad Ali in Kinshasa den amtierenden Weltmeister George Foreman in dessen “Prime” KO schlug. Seriöse Journalisten und Sporthistoriker mögen den Sieg von Max Schmeling über Joe Louis 1936, Alis Titelgewinn gegen Sonny Liston 1964, die erste Niederlage Mike Tysons gegen James „Buster“ Douglas 1990 und vielleicht noch einige andere Ereignisse so titulieren, aber das war es dann auch. Wie gesagt, ich betrachte nur das Schwergewicht.

Doch den Ausgang des Kampfes vom 1. Juni 2019 zwischen Anthony Joshua und dem US-Amerikaner mexikanischer Herkunft Andy Ruiz Jr. hatte ich nicht erwartet. Nun habe ich mich mit dem Rücktritt der beiden Klitschkos ja inzwischen endgültig vom Schwergewichtsboxen entfernt, aber den austrainierten Modellathleten Joshua hatte ich ob seiner makellosen Bilanz und seiner Dominanz in seiner Gewichtsklasse durchaus auf dem Schirm. Er hatte bis zum 1. Juni immerhin 22-0 bei 21 KO-Siegen und einige gute Namen in seinem Rekord wie Matt Skelton (47), Konstantin Airich (36), Michael Sprott (41), Kevin Johnson (36), Eric Molina (34), Wladimir Klitschko (41) und Alexander Powetkin (39), wobei die Angabe des Alters der Kontrahenten zum Zeitpunkt des Aufeinandertreffens belegen mag, dass die meisten dieser Boxer doch schon längst ihren Zenit überschritten hatten.

Seitdem nahezu jede Übertragung eines Boxkampfes von internationaler Bedeutung bei einem Pay-Per-View-Anbieter gelandet ist, ist es kaum noch möglich, in Ruhe ganze Kämpfe einzelner Boxer anzusehen, so dass ich mir als ohnehin unsportliche Couchpotatoe kein Urteil über die boxerischen Fähigkeiten eines Anthony Joshua bilden möchte. Seine athletische Erscheinung und seine harten Schläge sind jedoch auch in diversen Best-Of-Zusammenfassungen gut erkennbar.

Dass Andy Ruiz Jr. nur ein spät berufener Ersatzmann für den wegen Dopings gesperrten eigentlichen Gegner des Weltmeisters war, hatte ich wohl mitbekommen, aber da der Kampf wie schon festgestellt nur auf einer Pay-Per-View-Plattform übertragen wurde, interessierte mich das Ganze kaum. Ein (wenn auch guter) Journeyman würde den Rekord des Meisters verbessern, so what. Einen Rocky Balboa gibt’s eben doch nur im Film. Oder?

Nachdem das “Little Fat Kid” (man beachte seine “Rettungsringe” um den Bauch) Ruiz in der dritten Runde standesgemäß vom Weltmeister mit einem kurzen linken Haken auf die Bretter geschickt wurde und nur kurz nach dem Anzählen erneut eine krachende Rechte einstecken musste, konnte man die Sache als gelaufen ansehen. Doch Ruiz fiel nicht ein weiteres Mal und platzierte stattdessen ganze 15 Sekunden später einen Schwinger an die Schläfe des Weltmeisters, welcher nun seinerseits zu Boden ging. Dieses Kunststück gelang ihm kurz vor Rundenende erneut, wobei Joshua gerade so wieder rechtzeitig auf die Beine kam und damit in die Rundenpause.

In Runde 7 war dann der Weltmeister durch den permanenten Druck (und auch einige feine Körpertreffer) zermürbt und Ruiz schlug ihn zweimal durch – natürlich – Schwinger an die Schläfe zu Boden, wobei Joshua nach dem vierten Niederschlag keine Lust mehr hatte und Andy Ruiz Jr. durch Technischen KO die Weltmeistergürtel gewann. Ein großes Herz, ordentliche Nehmerqualitäten und überraschend schnelle Fäuste des Herausforderers setzten sich gegen einen Weltmeister mit überragender Physis und schon fast arrogantem Selbstvertrauen durch – wer hätte das gedacht?

Ob Joshua seinen Modellathleten-Körper nur durch hartes Training und spezielle Ernährung geschaffen hat, mag ich nicht beschwören. Bei Ruiz mit seiner Snickers-Diät bin ich mir aber dessen ziemlich sicher… auch aus eigener Erfahrung!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige