Bathmophobie

Liebe Leser,

Bathmophobie ist die Angst vor Stufen (oder vor steilen Abhängen, was aber im aktuellen Zusammenhang wesentlich unpassender ist). Der Titel ist der übliche Clickbait, gab mir aber wieder einmal Gelegenheit, mein Repertoire an unnötigen Fremdwörtern zu erweitern. Es geht in diesem Beitrag um Musik, genauer um mein Bedürfnis, Erkenntnisse aus der Funktionsharmonik, an denen ich jahrelang gebrütet habe, Musikerkollegen mitzuteilen. Nicht zu selten passiert dann das:

Ok, ich gestehe: Ich gebe den Erklärbär nicht zu ungern. Wenn ich etwas mal verstanden habe, oder zumindest annehme, dass ich es verstanden hätte, kann ich nicht umhin, dies in der Sache Interessierten mitzuteilen. In vielen Bereichen – hier sei exemplarisch Politik und insbesondere Wirtschaft angeführt – bin ich wahrlich kein Fachmann und lasse ich mich gerne von anderen Menschen informieren und eventuell belehren. Auch in der Musik und dort speziell bei meinem Steckenpferd Funktionsharmonik bin ich stets für Neues offen und sauge Informationen und Tipps von den Profis und Musikhochschuldozenten (das ist als Wortkombination wirklich doof zu lesen) in mich auf. 

Viele Erkenntnisse der letzten 10 Jahre konnte ich zumeist solo auf dem Instrument oder beim Zusammenspiel mit anderen Musikern direkt anwenden und in gute Musik umsetzen. Insbesondere die Routine im Umgang mit den Stufen einer Durtonleiter hat mir beim Erlernen und auch beim Spielen unzähliger Jazz- aber auch Pop-Standards erheblichen Nutzen gebracht. Wenn man die Struktur eines Songs versteht, ist es kein großer Schritt mehr, diesen gut oder zumindest ordentlich zu intonieren.

Nun hatte ich das Vergnügen, vor kurzem nach langer Zeit mal wieder mit zwei Freunden zu musizieren, mit denen ich in den 1980ern in einer richtigen Schülerband zusammen spielte. Ok, ich war schon erwachsen (zumindest nominell), der komplette Rest der Band noch minderjährig, der Terminus “Schülerband” gilt trotzdem.

Insbesondere meine beiden Mitstreiter der neulichen Session sind seitdem immer bei der Musik geblieben, OM hauptberuflich, DT zwar nur in der Freizeit, aber stets engagiert. Beide waren und sind hervorragende Musiker, spielen ausgezeichnet Gitarre, können singen und auch noch schöne Stücke komponieren.

Nachdem wir einige Blues- und Acoustic-Rock-Nummern gespielt hatten – es klang ganz allerliebst – stellte uns DT noch einen neuen Song aus seiner Feder vor, einen hübschen Swing mit eingängiger Melodie. Die Begleitung bestand im Prinzip aus einer ständig wiederholten 1625 (sprich “eins-sechs-zwo-fünf”, einer im Jazz sehr häufig verwendeten Akkordverbindung) mit kleinen Variationen, zumeist nicht zu komplexe Umkehrungen. Nach einmaligem passiven Anhören der kompletten Form (das wird gerne von übereifrigen Kollegen vergessen) und einer Rückfrage konnte ich den Song wunderbar mitspielen und so dem Kollegen Zeit und Konzentration für seinen Gesang und eventuelle solistische Einlagen verschaffen.

Unser Dritter im Bunde – der mit Abstand beste Gitarrist in der Runde – mühte sich sichtlich mit der immergleichen, aber durchaus langen Form und wurde zunehmend ungehalten, weil er mich so heiter mitspielen sah bzw. hörte. Der Abbruch der eben noch fröhlichen und heiteren Runde war nur durch eine Pause und die schnelle Reichung von Pizza und Bier zu verhindern. Was in aller Welt war meinem Freund so in die Nase gestiegen?

Das Problem ist unsere höchst unterschiedliche Herangehensweise an einen neuen Song, wobei hierbei ein “besser” oder “schlechter” nicht zu entscheiden ist. Ich persönlich höre mir in Ruhe mindestens einen Chorus bzw. eine Strophe plus Refrain des mir unbekannten Songs an und versuche mir vor allem die Form und – zumindest im Groben – die Changes oder wenigstens die harmonischen Pointen einzuprägen. Kann ich das beim ersten Mal nicht, fordere ich den Kollegen zu einem weiteren Vorspiel auf. Dabei bleibt die Gitarre unbenutzt im Eck oder auf dem Schoß.

Oft gelingt es mir in kürzester Zeit, dann auch noch ein Stufengerüst des Songs im Kopf zu basteln, so dass ich ab dem dritten Durchgang schon ziemlich ordentlich mitspielen kann. Solcherlei Analytik geht natürlich auf Kosten einer eventuellen Epiphanie und erfordert wenig Kreativität, eher viel Routine. Mein Spiel wird korrekt sein, aber nicht hervorragend und ich werde wenig Innovatives zum Song beitragen. Aber ich erlerne ihn wirklich schnell.

OM dagegen ist ein unheimlich gefühlsbetonter Musiker. Es ist auch nicht so, dass er das System der Vierklänge einer Durtonleiter nicht erfassen könnte, er WILL es partout nicht anwenden. Denn obwohl er auch im x-ten Durchgang in der Form ins Straucheln gerät, wird er am Ende Unerhörtes schaffen. Er wird ein wirklich geiles Solo spielen oder eine harmonisch abgefahrene Begleitung entwickeln, die mir selbst niemals eingefallen wäre, weil man sie eben nicht aus einer Schublade des harmonischen Baukastens ziehen kann. Vielleicht ist sie auch nach der Theorie “falsch”, aber das sind ja im akademischen Sinn auch alle Blue-Notes. Es klingt auf jeden Fall geil. Und wer geil klingt, hat recht, oder?

Ich habe mich in den ersten Fassungen dieses Beitrags immer wieder darüber echauffiert, dass einige meiner Musikerkollegen ein Befassen mit der Funktions- oder wenigstens mit der Stufentheorie so vehement ablehnen. Daher auch der knackige Titel. Inzwischen allerdings bin ich zu der Einsicht gelangt, dass es für Manche einfach besser ist, nach ihrem Bauchgefühl zu spielen, unbelastet von irgendwelchen Das-tut-man-nicht-Beschränkungen der Musiktheorie.

Wollen wir versöhnlich zum Abschluss festhalten, dass es beides geben darf, ja muss: Musiker, die Songs auschecken und dann zügig einsteigen können und solche, die sich durch trial-and-error empor irren, wie es mein Lieblingsphysiker Lesch so schön formuliert, dabei aber noch nicht (so oft) gehörte Klänge erschaffen. Immer allerdings gilt: Dem Mitmusiker zuzuhören ist von Vorteil!

Aber das ist eine andere Geschichte und wurde letzte Woche erzählt.

Euer

Gige