Die Legende vom Nachdenken

Liebe Leser,

heute nur ein kleiner Beitrag über eine Redewendung, die wir viel zu oft verwenden, ohne darüber nachzudenken. Geniale Einleitung, wie Ihr noch sehen werdet!

Wie oft haben wir von Anderen gehört “Da muss ich mal drüber nachdenken” oder dies auch selbst ausgesprochen, wenn eine Entscheidung ansteht, für die noch nicht alle Informationen parat stehen oder diese nicht abgewägt wurden. Oder die eine zwischen Pest und Cholera ist und von daher in jedem Fall unangenehm zu treffen.

Aber… eigentlich ist das doch zumeist eine Ausrede, um in irgendeiner Form Zeit zu schinden. Denn wie genau soll eigentlich dieses “Nachdenken” vollzogen werden?

Meiner Meinung nach machen wir uns da etwas vor. Im Sessel sitzen, konzentriert nachdenken und dann zu einer Entscheidung zu kommen, funktioniert nicht. Es ist völlig ausgeschlossen, länger als fünf Minuten einem Gedankengang zu führen, und dies auch noch zielorientiert ohne stets redundante Argumentation. Wer schon mal bei Vollmond schlaflos lag, weiß, was ich meine. Nichts löst sich, das dumpfe Gefühl des Sich-im-Kreis-Drehens verstärkt sich und falls es dann gelingt, endlich einzuschlafen, ist kein einziges Problem verschwunden oder ein vernünftiger Ansatz gefunden.

Ich bin mir sicher, dass jeglicher Entscheidungsprozess eines bedeutenden Problems (“Erdbeer oder Vanille?” beim Eiskauf ist hier nicht gemeint) nur unter Zuhilfenahme von Papier oder EDV vollzogen werden kann. Anders ist es für Normalsterbliche gar nicht möglich, das Ergebnis von Zwischenschritten abzuspeichern, auszurechnen und in die resultierende Entscheidung einzubringen. Ich spreche von komplexen Entscheidungen, nicht von Ideen. Letztere können selbstverständlich einem Nachdenk-Prozess entspringen.

Der Physiker Subrahmanyan Chandrasekhar (den ich vor allem deshalb anführe, weil er einen wirklich unglaublich langen Namen trug) löste zwar als 19-Jähriger während einer Seefahrt im Jahr 1929 ein komplexes astrophysikalisches Problem durch konzentriertes Nachdenken, musste aber dennoch die zugehörigen Berechnungen und Zwischenergebnisse mit Papier und Bleistift festhalten. Anders ist solcherlei eben nicht möglich.

In meiner drögen Zeit in einer Übergangsgesellschaft vor Aufnahme meiner Selbstständigkeit mussten wir geschassten Mitarbeiter allwöchentlich unserem zuständigen Berater vom Fortschritt bei der Arbeit an unseren jeweiligen Businessplänen berichten. Einer meiner Ex-Kollegen trug sich mit der Idee, einen Asia-Laden zu eröffnen. Weder seine mündlich vorgetragene Geschäftsidee noch seine ebenso offensichtlich improvisierte Darlegung der Markt- und Konkurrenzlage überzeugte einen der Anwesenden und er verabschiedete sich mit der Aussage, er müsse darüber “nochmal nachdenken”. Dies erzählte er Woche für Woche, Monat für Monat, bis zum Ende der Übergangsgesellschaft. Das ist nun mehr als 10 Jahr her. Es gab niemals ein Stück Papier mit einer auch nur rudimentären Planung und – natürlich – niemals einen Asia-Laden (unter seiner Führung). Offensichtlich hat er zwar 18 Monate lang nachgedacht, aber offensichtlich nur die Entscheidung getroffen, vorerst nicht stolzer Inhaber eines Asia-Ladens zu werden. Ich möchte dem Kollegen nicht einmal Faulheit unterstellen (hm, naja, vielleicht doch), aber allein die Vorstellung, die Eröffnung eines Ladens könne allein durch “Nachdenken” initiiert werden, ist absurd.

Allerdings konnte ich in den letzten Jahrzehnten immer wieder feststellen, dass viele Menschen eine wichtige Entscheidung lange mit sich herumschleppen (wobei das Aufschieben dann stets mit “darüber Nachdenken” bezeichnet wird) und dann am letztmöglichen Stichtag “aus dem Bauch” fällen.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige