Haltung bewahren?

Liebe Leser,

es ist soweit, „endlich wird er mal politisch in seinem faden Blog“ werden sich angesichts des wieder einmal fantastischen Titels einige denken… aber nein, das werde ich nicht. Versprochen ist versprochen. Obwohl ich natürlich zur geradezu omnipräsenten Corona-Krise meine Meinung habe – und übrigens auch einen Termin für den Impf-Booster. Nein, in diesem Beitrag geht es darum, dass man eine jahrzehntelang praktizierte (offensichtlich sub-optimale) Haltung beim Gitarrespielen (ach, darum geht’s mal wieder…) letztendlich doch anpassen muss.

Nun verhält es sich so, dass klassische Gitarrist:innen die Instrumente auf dem linken Oberschenkel platzieren (und mit dem rechten abstützen), wobei sie dabei zumeist entweder das Bein mittels eines Fußbänkchen hochstellen oder die Gitarre mit einem Hilfsmittel etwas erhöhen. Oder auch ganz ohne Hilfsmittel, siehe Abbildungen links und Mitte.

Allerdings gilt die „klassische“ Haltung bei allen Nicht-Klassikern traditionell als „uncool“. Selbst die Bossa-Nova-Gitarristen mit klassischer Ausbildung wie zum Beispiel Luiz Bonfa oder Laurindo Almeida, welche zeitlebens Spanische Gitarren (also mit Nylonsaiten) spielten, platzierten ihr Instrument auf dem rechten Oberschenkel.

Da ich mit ebendieser Haltung und auch mit den anderen schlechten Angewohnheiten wie Losspielen ohne vorheriges Aufwärmen nun fast 50 Jahre ohne Komplikationen durchgekommen bin, hat sich eine gewisse Lässigkeit im Umgang mit solcherlei Kleinkram bei mir eingeschlichen. 

Nun begann vor etwa sechs Wochen (es war wohl nach dem letzten größeren Gig mit Joe Bawelino) mein linker Daumen zu schmerzen. Erst nur ein leichtes Ziehen, steigerte sich der Schmerz in den folgenden Wochen zunehmend. Zwei zwischenzeitliche Gigs, welche ich dann schon mit Stützmanschette am linken Gelenk spielte, waren der orthopädischen Gesamtsituation sicher nicht zuträglich. Nun halten bzw. hielten aber einige Jazzgitarristen (Joe Pass, Kenny Burrell, Joe Bawelino…) ihre Gitarren schon fast im 45-Grad-Winkel zur Horizontalen (übrigens auch zur Vertikalen), was ja prinzipiell ungefähr dem bei der klassischen Haltung entspricht. Wobei hier der Gurt die Stütze übernimmt, so dass sich die Frage nach dem richtigen Oberschenkel zur Lagerung gar nicht stellt. Das habe ich dann gleich mal ausprobiert.

Was soll ich sagen? Es funktioniert! Der Schmerz verzieht sich zusehends und kommt auch nach längeren Übungseinheiten nicht zurück. Also zumindest bis jetzt. Drei Dinge lassen sich daraus ableiten: 

1. Es ist nie zu spät, dazuzulernen 

2. Komplexe Probleme haben bisweilen triviale Ursachen 

3. Offensichtlich sind nicht zu wenige Gitarristen gestorben, bevor ihre Sehnen und Gelenke begannen, Schwierigkeiten zu machen

Mein alter Freund OM aus dem schönen Ostwestfalen hat mich als ebenso erfahrener Gitarrist allerdings darauf hingewiesen, dass auch eine klassische Haltung orthopädische Probleme bedingen kann (irgendwas mit „eingeschlafener Schulter“ oder so). Nun ja, wenn es wieder knapp 50 Jahre lang funktioniert, soll es mir Recht sein!

Dass ich allerdings seit einigen Tagen wegen Schmerzen am rechten Daumen (irgendwas am Nagelbett) keinen Daumenpick tragen kann, buche ich jetzt mal als Ironie des Schicksals…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

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