Neue Helden

Liebe Leser,

Corona geht mir (na gut, wem nicht?) gehörig auf die Nerven. Aber Wehklagen hilft auch nicht. Nachdem ich einige Tage in Quarantäne mein inzwischen schon gut abgehangenes Fingerstyle-Solo-Programm aufpoliert hatte, lief mir folgendes Gitarrlein über den Weg:

Dies ist eine Artesano Flamenco S, ein nach spanischen Vorgaben in China hergestelltes relativ preiswertes Instrument. Für die Perkussionsrabauken unter den Flamencogitarristen hat man einen durchsichtigen Plastikschutz rund um das Schallloch auf die Decke geklebt. Das fiel mir erst bei der Inbetriebnahme auf, stört mich aber nicht. Natürlich werde ich im fortgeschrittenen Alter kein Flamencogitarrist mehr (hier >>> könnt Ihr genauer nachlesen, warum nicht), aber ein schöner Bossa Nova klingt gleich viel authentischer. Und ich begann, mich in die Welt des seichten Gedudels der beginnenden 1960er Jahre zu vertiefen…

Natürlich spiele ich die Standards der Bossa Nova (aus dem Portugiesischen: DIE „Neue Welle“, daher DIE „Bossa Nova“) wie das unvermeidliche (aber nichtsdestotrotz schöne) Girl from Ipanema, Wave oder Desafinado seit vielen Jahren. Das Jobim-Zeugs halt. Aber es diente mir immer eher zum Ausruhen (was an sich völlig korrekt ist) oder zum Einstieg in eine Session mit Musikern, die ihre Karriere noch vor sich haben. 

Nun hat Antônio Carlos Jobim zwar wahrscheinlich die Hälfte aller Bossas (diesen vereinfachten Plural möchte ich gerne weiterhin verwenden) geschrieben, aber die gottseidank obligatorische Gitarre spielten zumeist andere. Und was für welche!

Als meine neuen Helden erwählte ich João Gilberto, Luiz Bonfá und Baden Powell de Aquino (dessen Namen man zumindest bei der ersten Erwähnung komplett angeben muss, da er nach dem Gründer der Pfadfinderbewegung Baden Powell benannt wurde). Meiner selbst auferlegten Beschränkung auf drei Helden ist der großartige Laurindo Almeida (und sicher noch viele andere) zum Opfer gefallen. Sorry!

Der erst im letzten Jahr verstorbene Gilberto hat den Sound der Bossa Nova durch sein unaufgeregtes, sehr lässiges, dabei aber durchaus virtuoses Gitarrenspiel zum fast geflüsterten Gesang geprägt wie kein anderer. Sein Desafinado lässt einen ob der unglaublichen Unabhängigkeit zwischen Gesang und Begleitung fast ratlos zurück.  

Baden Powell war ein bedeutender brasilianischer Gitarrist, der zwar stets zu den Pionieren der Bossa Nova gezählt wird, in seinen Performances jedoch zumeist spanische Gitarre mit einem kräftigen Schuss Flamenco bietet. Seine 1970 auf Film festgehaltene Solo-Darbietung von Manhã de Carnaval (Black Orpheus) mit einer brennenden Zigarette zwischen den Fingern der Zupfhand und einer Greifhand mit zu langen und auch noch schmutzigen Fingernägeln ist allerdings eine echte Perle…

Bleibt Luiz Bonfá. Er spielt schon ab den 1960ern einen fulminanten Fingerstyle, der einen Vergleich mit den heutigen Ikonen durchaus stand hält. An seinem Batucada beisse ich mir seit zwei Wochen regelmäßig die Zähne aus. Hat man die rhythmische Finesse eines bestimmten Taktes erst einmal verinnerlicht (was natürlich nicht bedeutet, dass man diesen dann auch schon anständig spielen kann), sind vorhergehende oder nachfolgende Teile schon wieder vergessen. Eine höchst beeindruckende Vorstellung seinerseits, bei Youtube hier >>> nachzusehen.

So verbringe ich meine zwangsläufig erlangte zusätzliche Freizeit mit der Erarbeitung sämtlicher Bossas/Sambas, derer ich habhaft werden kann, um in einer Post-Corona-Zeit mein neues Bossa Nova Programm vorzustellen. Bis dahin habe ich die Portraits meiner früheren Gitarren-Götter wie Eddie Lang, Django Reinhardt, Barney Kessel und Martin Taylor etwas weiter nach hinten im Regal geschoben (ihre Kunst und ihr Einfluss soll keinesfalls geschmälert werden, ich stelle sie ja nicht weg!) und die von João Gilberto, Luiz Bonfá und Baden Powell davor drapiert. 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Verschieben, verschieben!

Liebe Leser,

heute soll ein Lamento über das harte Los analoger Künstler veröffentlicht werden. Schon wieder. Aber auch KONSTRUKTIVE Vorschläge. Ja, die gibt es gratis.

Wir Künstler (macht Anführungszeichen hin oder alberne Witze darüber – mir doch egal!) wurden ja als Erste durch die Pandemie in der Ausübung unserer Tätigkeit getroffen und werden als Letzte von irgendwelchen Lockerungen profitieren. Eine wie auch immer realisierte Begrenzung von Personenzahlen bei allen vorstellbaren Veranstaltungen ist exakt das Gegenteil von dem, was sich ein Künstler für solcherlei wünscht.

Denn wenn zum Beispiel eine Gastronomie für eine beschränkte Anzahl von Besuchern öffnet, soll dann ein Livemusiker einfach in mehreren Schichten spielen? Hm … ehrlich gesagt dürfte das die einzige Möglichkeit sein, überhaupt in der nächsten Zeit etwas Livemusik unter die Bevölkerung zu streuen. Die ganzen Sofa- und Hobbykeller-Performances vieler Bands und Künstler hängen mir schon zum Hals heraus und wenn ich noch ein paar Videos mit Songs meiner Kollegen sehe, die mit dem Einzähler des im Hintergrund laufenden Playbacks starten, kippe ich den Kaffee in meinen Laptop…

Klammer auf: 

Für ein Konzert oder einen Workshop des legendären Tuck Andress (yep, der von Tuck & Patti) hätte ich früher einen Batzen Geld bezahlt. Nun, er sendet inzwischen seine Lessons und auch Konzerte mit seiner Frau regelmäßig vom Sofa aus und sammelt mit dem (virtuellen) Pappbecher Trinkgeld ein. Die zweite Live-Übertragung habe ich dann gelangweilt weggewischt, denn es gab Sting (yep, der von The Police) zwei Fenster weiter. Da kriege ich sofort Bock, dies als unbekannter Gitarren-Gnom aus dem hintersten Winkel von Süddeutschland ebenfalls zu tun. Wird bestimmt eine tolle Sache! Liebe Freunde, spart Euch diese sicherlich gut gemeinten Vorschläge.

Klammer zu.

Prinzipiell stehe ich hinter den Maßnahmen unserer Regierung und halte eine verfrühte Lockerung für falsch. Ich habe den schlauen Satz sinngemäß in Erinnerung:

Wenn nach der Krise alle sagen „Na, war doch gar nicht so schlimm“, dann haben wir als Regierung alles richtig gemacht.

Also, Zähne zusammenbeißen, Lagerkoller vermeiden und – zu Hause bleiben!

Ich bin übrigens angesichts der eher düsteren Prognosen für die kommende Zeit der Meinung, dass es für die komplette Live-Branche am schlausten wäre, das komplette Jahr 2020 ab März komplett auf 2021 zu verschieben, also tatsächlich jeden Termin ab Shutdown exakt auf das entsprechende Datum des nächsten Jahres. Natürlich will ein jeder so schnell wie möglich live vor echtem Publikum spielen, was ich natürlich niemand absprechen möchte, sobald dies eben bei maximal minimiertem (coole Kombination) Risiko möglich ist. Aber wer sich in der Szene auskennt, weiß, dass viele Veranstaltungsorte ihre heiß begehrten Buchungen teilweise über Jahre im voraus machen. Jahre! Das bedeutet, wenn 2020 wegen Corona ein solcher Job platzt, kann und wird er – normalerweise – nicht verschoben werden, er entfällt ersatzlos. Und die gesamte Akquise (unzählige Anschreiben, Anrufe, persönlich vorstellig werden, Nachfragen, Hegen & Pflegen etc.) ist dahin. Das kann dann schon einmal die Arbeit mehrerer Jahre zerstören und ist weit schlimmer als nur ein entgangener Job.

Am gerechtesten wäre es also, wenn die ganzen Veranstaltungskalender 2020 auf 2021 übertragen würden. Was in diesem Jahr noch stattfinden kann, fällt natürlich heraus. Natürlich ergibt dies allerhand Schwierigkeiten mit dem Kalender (Lage der Feiertage, Ferien etc.), aber was ist schon leicht in diesen Tagen?

Im Übrigen wurde der von mir und mindestens einer weiteren Million Menschen vorgetragene Vorschlag bezüglich der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens BG (siehe hier >>>) sowohl von der Politik und auch von Sachverständigen (auch in diesem Blog) mit „zu teuer“, „zu unkontrollierbar“ und vielen schlauen Argumenten abgelehnt. Und es ist exakt eingetreten, was alle Befürworter des BG befürchtet hatten: Wir haben einen Flickenteppich an Hilfemaßnahmen, die viele nicht erreichen („Rückfragen können aufgrund der vielen Anträge nicht bearbeitet werden“), die kriminelle Elemente hochprofessionell ausnutzen bzw. missbrauchen und die akribisch mit diversen lindernden Maßnahmen wie Stundungen, Zuschüssen oder Stützkrediten verzahnt werden sollen. Es bedarf einer Heerschar an Bediensteten, die dieses Stückwerk verwalten, kontrollieren und im Missbrauchsfall rückabwickeln müssen. Na immerhin haben diese jetzt auf unabsehbare Zeit Arbeit…

Die inzwischen aus offiziellen Kreisen bekannt gegebenen Zahlen zum Gesamtumfang der wirtschaftlichen Notfall- und Rettungsmaßnahmen entsprechen übrigens ziemlich genau denjenigen, die als Kosten eines BG für die Gesamtbevölkerung Deutschlands als „unbezahlbar“ tituliert wurden.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Als ich nicht Flamenco-Gitarrist wurde

Liebe Leser,

da ich aus aktuellem Anlass zur Zeit weniger spiele und mehr schreibe (was ich mir eigentlich ja für letztes Jahr vorgenommen hatte) beschäftige ich mich mit Musik, welche zwar zumeist in eine Rubrik des Jazz gesteckt wird, genauso gut allerdings auch als traditionelle indigene Musik bestimmter Völker oder Gruppierungen gelten mag. Nehmen wir beispielsweise Klezmer, Gipsy Swing, Bossa Nova oder Flamenco. Da hat jeder sofort seine Assoziationen im Kopf. Und da fiel mir eine nette Begebenheit ein, die sich in den späten 1990ern zugetragen hatte:

Die beste aller Ehefrauen und ich waren zusammen mit einem befreundeten Pärchen in Madrid zu Gast, für eine Woche Urlaub vom trüben Franken. Nachdem wir einen Tag lang alle Sehenswürdigkeiten der Stadt abgeklappert hatten – ist natürlich gar nicht möglich, aber einige Stunden im Prado waren sicherlich dabei – fielen wir völlig erschöpft in ein großes Restaurant in der Nähe unseres Hotels. Weil es da rum stand und offensichtlich geöffnet war. Herrje, ein riesiger Speisesaal, kärglich eingerichtet. An einem einzelnen Tisch saß bereits eine Gruppe japanischer Touristen, sonst herrschte gähnende Leere. Auch schon egal. Wir ließen uns unaufgefordert an einem Vierertisch in der Nähe einer leeren Bühne nieder und bestellten irgendein Essen. Offensichtlich waren wir in einer echten Touristenfalle gelandet, wo wahrscheinlich regelmäßig volkstümliches spanisches Liedgut vorgetragen wurde.

Tatsächlich betraten kurze Zeit später eine elegant gekleidete Dame in Begleitung zweier mit Gitarren (spanische, wer hätte es gedacht?) bewaffneter Männer die Bühne. Ach herrje, jetzt auch noch Flamenco, die spanischste aller spanischen Musik. Einfältiges Geschraddel auf Wandergitarren!

Die drei legten los… und mir fielen die Ohren ab!

Die Sängerin war eine ausdrucksstarke Person mit großer Stimme und unglaublichem Rhythmusgefühl. Sie setzte zwischen ihren Gesangsparts zusätzliche rhythmische Akzente durch Klatschen, Kastagnetten und den flamenco-typischen Stepptanz. Erste Sahne für den nicht fachkundigen Zuhörer. Für den fachkundigen wahrscheinlich auch…

Und die Gitarristen! Jeder ein Meister an seinem Instrument, in meinen Ohren so virtuos wie der damals noch quietschlebendige Paco de Lucia. Irrsinnige Soli wechselten sich mit rhythmisch präziser Begleitarbeit ab, um prompt dezent in den Hintergrund zu treten, wenn die Sängerin traurige Melodien anstimmte. Wir saßen allesamt mit offenem Mund da und ließen unser Essen kalt werden. Absolut professioneller Musikgenuss in einem Mampftempel für Touristen, bei freiem Eintritt. Nach etwa einer Dreiviertelstunde verließen die drei Musiker die Bühne und verschwanden zur Pause in die Garderobe oder einen Nebenraum, vor dessen Zugang, nahe an unserem Tisch gelegen, ein alter Mann saß. Offensichtlich ein Bediensteter des Restaurants, allerdings kein Kellner oder Koch, denn dafür hatte er nicht die richtige Kleidung an. Vielleicht der Hausmeister? 

Als die Musiker an ihm vorbeigingen wechselte er mit den Gitarristen ein paar Worte, die ich aufgrund der Entfernung und meiner nicht vorhandenen Spanischkenntnisse nicht verstand, schnappte sich eine der Gitarren und diskutierte offensichtlich mit den Kollegen eine bestimmte harmonische Figur aus dem soeben dargebotenen Programm. Seine Vorschläge spielte er den Kollegen gleich vor, und dies ebenso virtuos wie diese vorher auf der Bühne gespielt hatten. Noch ein Paco de Lucia. Ich ließ mein Kinnlade gleich unten. 

Ich war inzwischen wie mein Freund und Musikerkollege am Tisch der festen Überzeugung, dass wirklich jeder in diesem Laden uns beide einhändig unter den Tisch spielen konnte, wahrscheinlich auch das Küchen- und das Reinigungspersonal.

So kam ich ausgerechnet in einer Madrider Touristenfalle zu meiner ersten Flamenco-Live-Darbietung, einer überzeugenden zudem. Und ich beschloss fortan, die Finger von dieser Musik zu lassen, die offensichtlich jeder Einheimische so filigran beherrscht.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Mit der Gießkanne!

Liebe Leser,

normalerweise arbeite ich länger an einem Text, als ich es bei diesem getan habe. Aber in diesem Fall wäre er dann einfach etwas zu spät gekommen. Und das leitet elegant in mein heutiges Thema. Finanzielle Sofortmaßnahmen gegen die Corona-Krise

Klammer auf

Ich blogge nicht über politische Themen. War so abgemacht. Aber zum Einen haben wir mit einer medizinischen und in der Folge wirtschaftlichen Krise zu kämpfen und zum Anderen ist das Thema nicht politisch, sondern eher technisch… finde ich.

Klammer zu

Um die durch die Corona-Pandemie entstandenen wirtschaftlichen Schäden, welche durchaus existenzbedrohend sind, abzumildern, haben sich zügig die Bayerische Staats- und kurz darauf auch die Bundesregierung für auf den ersten Blick gewaltige finanzielle Hilfsmaßnahmen entschieden. Während es für Arbeiter und Angestellte schon unterschiedliche Mechanismen (mir fällt hier als Erstes das Kurzarbeitergeld ein) gibt, sehen Freiberufler (das ganze Künstlergesums) und kleine Selbstständige in solchen Fällen ziemlich alt aus. Wenn der Laden dicht gemacht wird (sagen wir zum Beispiel ein Friseursalon), dann tendiert die Liquidität zügig gegen Null. Livemusiker müllen inzwischen mit ihren Online-Performances das Web zu, verdienen aber sicher noch schlechter, als sie es ohnehin gewöhnlich tun. Und wer soll sich denn das alles gleichzeitig ansehen? Aber der Friseur kann die Haare nicht über das Web schneiden und nach zwei Wochen ist die seit langem nötige Inventur dann auch erledigt. Es muss also zügig Kohle reinkommen.

Nun preschte also unser Ministerpräsident Söder mit einer Soforthilfe vor. Maximal 5000 € für einen Einzel-Selbstständigen oder Inhaber eines kleinen Unternehmens mit bis zu fünf Mitarbeitern sollte es geben. Schnell und unbürokratisch. Klingt ok, aber wenn ich alleine die abgesagten Jobs im April zusammen rechne, ist das kein unverhoffter Geldregen, sondern eine etwas extrapolierte Entschädigung.

Inzwischen ist auf der Website der Bayerischen Staatsregierung allerhand an Text hinzugekommen – ich könnte schwören, dass das letzte Woche dort noch nicht stand – so z.B. dass vor der Soforthilfe persönliche Mittel aufzubrauchen sind und dass es wegen der (unerwartet?) hohen Nachfrage keine Empfangsbestätigungen gibt. Von Rückfragen ist abzusehen.

Nun haben sich so arme Schlucker wie Adidas dazu hinreißen lassen, Mieten für ihre wegen der Pandemie geschlossenen Stores auszusetzen. Man ist offenbar nach öffentlichem Druck inzwischen wieder etwas zurückgerudert, aber das Signal ist fatal. Denn nach einem Ausbleiben der Miete können die Darlehen, welche zum Erwerb der Immobilie aufgenommen wurden, nicht mehr bedient werden. Und meine HypoVereinsbank wird eine traurige Geschichte vom säumigen Mieter nicht interessieren, die wollen ihre monatliche Rate. Nein, ich vermiete keinen Laden an Adidas, aber das Prinzip ist klar, oder? Einfach Zahlungen einstellen scheint daher keine praktikable Lösung zu sein.

Sobald sich einzelne Gruppen von Menschen (oder auch einzelne Unternehmen) als besonders hilfs- bzw. geldbedürftig erachten, wird eine unbürokratische und schnelle finanzielle Unterstützung torpediert, auch wenn die jeweiligen Gründe durchaus legitim sein mögen. Nur der Prozess zur Prüfung und Bescheidung ist dann derart aufwändig, dass er für eine schnelle Maßnahme nicht mehr taugt. Ihr könnt am deutschen Steuerrecht, welches wohl das komplizierteste der Welt ist, weil es versucht, es wirklich JEDEM recht zu machen, sehen, wohin es führt, wenn man einen solchen Anspruch hat.

Ich bin deshalb ausnahmsweise ein Verfechter des Gießkannenprinzips. Wir müssen ja nicht, wie es in den USA geplant war, einfach Schecks mit dem Hubschrauber abwerfen (das mit dem Hubschrauber habe ich erfunden!), aber das sogenannte bedingungslose Grundeinkommen für JEDEN auf sechs Monate wäre meines Erachtens der einfachste und schnellste Weg, die wirtschaftlichen und sozialen Schäden durch die Corona-Krise abzumildern. Über den Daumen kostet das irgendwas zwischen 2 und 3 Billionen (europäische, keine amerikanischen, also die Zahl mit den 12 Nullen) Euro, was zumindest in der Nähe der ganzen unendlich komplizierten geplanten Rettungsschirme liegt. Und wir sparen Abermillionen, weil wir nicht unsere Verwaltung und die Gerichte mit Tausenden von überforderten Sachbearbeitern aufblähen müssen, die dann wiederum unendlich lange über jeden einzelnen Fall entscheiden müssen.

Ich lasse mich sonst selten zur Unterschrift in Petitionen hinreißen, aber diese habe ich bei change.org unterstützt, neben über 400.000 anderen: 

http://chng.it/Zbg9bzZ49n

Ok, der Link sieht bescheuert aus, aber er funktioniert. Sicher, wir brauchen gesunde Menschen. Aber wir brauchen auch welche, die Mieten zahlen, Sachen konsumieren, also Geld ausgeben können. Und das dann vielleicht auch mal wieder für Jazz…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Die Stunde der Nerds

Liebe Leser,

wir haben aus aktuellem Anlass hier in Bayern eine Ausgangsbeschränkung sowie ein (diesmal bundesweites) Kontaktverbot. Nun trifft mich dies als umherziehenden Musiker natürlich bitter und die entgangenen Gagen werde ich auch in einem hoffentlich nicht-epidemischen Herbst oder Winter sicherlich nicht mehr herein holen. Dennoch, im Gegensatz zu diversen Freunden und Nachbarn, die bereits nach einer Woche den ersten Lagerkoller bekommen haben, stört mich die verordnete physische Kontaktsperre nicht allzu sehr. Schon seit etwa 15 Jahren befinde ich mich im Home-Office, seit 2008 als Freiberufler.

Klammer auf:

Kleine Anekdote aus meiner Angestelltenzeit: Als ich eines Tages in meine Erlanger Niederlassung unseres Unternehmens kam, wo meine Abteilung nur einen Schreibtisch für mich stehen hatte, war selbiger nicht mehr da. Irgendjemand hatte ihn für irgendwen oder -was benötigt, mein Abteilungsleiter saß weit weg in Frankfurt am Main und interessierte sich nicht zu sehr für die Belange seiner Außenstelle in der fränkischen Provinz. Man erwartete seitens der anwesenden Sach- und sonstigen Bearbeiter nun offensichtlich einen Eklat oder sonstiges, doch ich tat meinen Kollegen (die mich genauso wenig mochten, wie ich sie) den Gefallen nicht. Ich packte meine Docking-Station und ein paar Kabel ein, verließ das Bürogebäude – und kam nie wieder. Ich glaube, meinem Frankfurter Chef habe ich erst einige Wochen auf seine beharrliche Nachfrage hin die Geschichte erzählt und ihn vor die vollendete Tatsache gestellt, dass ich von nun an dauerhaft im Homeoffice tätig sein würde. So kam ich zu meinem Arbeitsplatz zuhause.

Klammer zu.

Ich übe also schon seit vielen Jahren den eingeschränkten physischen Umgang mit meinen Kunden. Viele Dinge lassen sich heutzutage papier- und auch kontaktlos erledigen. Wenn ich nicht auf irgendwelchen Bühnen Gitarre spiele, sitze ich also zumeist auf meinem betagten Bürostuhl und haue entweder in die Saiten oder in die Tasten (der Computertastatur). Eine im herkömmlichen Büroumfeld willkommene Ablenkung in Form eines Kaffees oder gar Plauschs mit einem Kollegen ist dabei eher bei der Gedankenarbeit hinderlich. 

Wenn man dann in Zeiten einer umfassenden Ausgangssperre die ersten Stimmen laut werden “Ich muss mal raus!” oder “Mir fällt die Decke auf den Kopf” dann schlägt – ein einziges Mal – die Stunde der Nerds (und hierzu zähle ich uns Jazzmusiker auch). Wir verziehen und in unsere Kammer und machen das, was wir immer tun: Unser Ding!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Risiken

Liebe Leser,

als ambulanter Jazz-Gitarrist war und bin ich (hoffentlich bald wieder) des Öfteren mit dem Auto zu diversen Veranstaltungsorten unterwegs. Und wie einst in meinen Zeiten als Nixdorf-Servicetechniker hatte es sich bewährt, ein paar Dinge permanent im Gepäckraum des Wagens zu deponieren. Statt wie einst einen kleinen Werkzeugkoffer und einige unabdingbare Ersatzteile für die nachrichtentechnischen Geräte, die ich wartete, sind es nun ein kleiner Transistor-Verstärker, ein Mikrofon, einige Stative und diverser Kabelkram, den ich mitführe. 

Weil mein Auto keinen Kofferraum im klassischen Sinn, sondern einen von außen einsehbaren Gepäckraum hat und mein AER-Alpha trotz seines biblischen Alters Begehrlichkeiten weckt, drappiere ich selbigen zumeist unter einer alten Decke, die mir schon in vielen Vorgängern meines aktuellen Autos dafür und für eine schnelle Unterlage diente, wenn man – zum Beispiel wegen einer Panne – auf blanker Straße unter sein Auto kriechen musste.

Ein wirklicher Schutz gegen einen insbesondere spontanen Aufbruch ist das natürlich nicht, aber besser als nichts. Doch nun habe durch Unachtsamkeit den Bogen überspannt. Ich habe nämlich eine komplette Packung Klopapier, die ich schon vor zwei Wochen ganz regulär im Supermarkt erworben hatte, für jedermann sichtbar im Auto herumgefahren. Und auch noch den Wagen auf öffentlichen Parkplätzen unbewacht herumstehen lassen!

Wer konnte denn ahnen, dass eine Rolle (nicht Packung) dreilagiges Toilettenpapier auf dem Schwarzmarkt gegen eine Stange (nicht Päckchen) Zigaretten getauscht wird! Es wird gemunkelt, dass Seniorengangs in finsteren Kellerlaboren mehrlagige Klopapiere aufrollen und dann in lockerer Wicklung als einlagiges Klopapier auf den Markt werfen, zu Wucherpreisen.

Als mir mein Fauxpas auffiel, habe ich das wertvolle Wirtschaftsgut unter meiner Decke versteckt und den zur Zeit geradezu wertlosen AER offen präsentiert. 

Natürlich würde beides zusammen unter die Decke passen, aber dann wäre ja die Schlusspointe dahin…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Inside Jazz – Jazzworkshop Erlangen 2020

Liebe Leser,

heute möchte ich Euch wie jedes Jahr vom Jazzworkshop Erlangen berichten, der stets am Karsamstag startet. Die Tatsache, dass wir noch lange nicht Ostern haben, so dass ein Resümee frühestens in fünf Wochen erfolgen könnte, ficht mich nicht an, denn der 40. Internationale Jazzworkshop Erlangen wird nicht in diesem Jahr stattfinden!

Mit der Stilllegung des gesamten öffentlichen Lebens in Mitteleuropa hat es nicht nur sämtliche Gigs, Mucke-Jobs oder CD-Releases meinerseits erwischt, sondern auch eben den schönen Workshop. Dass es mit der Nummer 40 ein zudem beeindruckendes Jubiläum geworden wäre, toppt die Tragik noch.

Uneingeweihte trösten mich gerne mit dem Vorschlag, dafür eben nächstes Jahr wieder zu gehen oder zu einem anderen Workshop im Herbst, wenn die ganze Malaise mit der Pandemie sicherlich vorbei sei. Nun stehe ich aber in regelmäßiger Kommunikation mit Musiker-Kollegen, die ich allesamt in Erlangen kennengelernt habe. Es ist eben nicht nur irgendeine ausgefallene Veranstaltung, die Woche ist für viele – hier darf ich OH zitieren – das “musikalische und soziale Lebenselixier”, welches bei Vielen für einige Monate lang zum Durchhalten reicht. Bitte schön, lacht mich aus, aber ich sehe das genauso!

Wie die anderen Kursteilnehmer und vor allem natürlich der Organisator Rainer Glas sind wir nach der unabwendbaren endgültigen Absage allesamt in eine Schockstarre gefallen. Rainer, der tatsächlich 11 Monate Arbeit (nicht durchgehend, aber sicherlich kontinuierlich) innerhalb einer Woche abschreiben konnte, ist am Boden zerstört und büßt mit Sicherheit auch noch einiges an Geld ein. Während Rainer Glas die Scherben zusammenkehrt und viele Teilnehmer (ich natürlich auch) ihre Anmeldung auf das Jahr 2021 übertragen haben, kann ich in diesem Blog ja etwas fabulieren, wie er gewesen wäre, der 40. Internationale Jazzworkshop Erlangen, hätte er denn stattgefunden…

Schließt die Augen und lasst Euch mitnehmen… Moment, das ist ja völlig bescheuert. Mein Blog ist ja kein Podcast. Also weiterlesen. Es hätte sich in etwa so abgespielt:

Um exakt 12 Uhr am Karsamstag setze ich mich ins Auto und fahre Richtung Erlangen. Die Workshop-Reisetasche ist nach Packliste bestückt und wie immer etwas zu voll, so dass Sakko und ein zweites Paar Schuhe separat transportiert werden müssen. Im Kofferraum liegen zwei frisch besaitete Gitarren, dieses Jahr fiel meine Wahl auf meine Gibson ES-150 und meine Höfner Senator, nicht meine besten Stücke, aber in unzähligen Bühnenschlachten erprobt und eben täglich tauglich (was ich jetzt nur geschrieben habe, weil die Aliteration so schön klingt). 

Der teuflische Masterplan ist es, zunächst den Theaterplatz in Erlangen anzufahren, in meinem geliebten “Hotelchen” einzuchecken, dann zum Veranstaltungsort zu fahren, das Auto dort in der Nähe dauerhaft zu parken und dann noch gute zwei Stunden im Innenhof der VHS herumzulungern um die lange vermissten Freunde und Workshopteilnehmer einzeln zu begrüßen.

Obwohl ich auch zwischen den Workshops regelmäßig nach Erlangen fahre, lassen sich die Mitarbeiter der Baubehörde immer wieder etwas einfallen, um mich mit stets neu entstandenen Baustellen und Straßensperrungen von meinem Ziel abzubringen. Google sei Dank bin ich inzwischen gut vorbereitet und kurz vor 13 Uhr auf einem etwas engen Parkplatz im Herzen der Hugenottenstadt. Ich wuchte meine Taschen und eine Gitarre in das wie immer blitzsaubere Hotelzimmer und begrüße Nora, Selina, Herrn Blau und Sir Richard (die beiden letztgenannten sind die Hotel-Hunde) und genieße einen Begrüßungs-Cappuccino und eine Filterzigarette im Hof. Ja, in dieser EINEN Woche im Jahr qualme ich mal wieder echt. Sonst kaum, ehrlich!

Mit Googles Hilfe geht es dann zügig Richtung VHS. Ich kann den Wagen ordentlich parken und begebe mich dann mit Gitarre und Amp bepackt zum Kursgebäude. Ah, mein Lieblingswirt steht hinter der Theke des “Cafe International” und bereitet mir nach netter Begrüßung und kräftigem Händeschütteln einen starken und leckeren Kaffee, zudem zu einem äußerst fairen Preis. Ich betrete bei strahlendem Sonnenschein den wunderschönen Innenhof der VHS, zünde mir gleich nochmal eine an und – der Urlaub 2020 hat begonnen!

Die offizielle Registrierung beginnt ab 15 Uhr, doch Elke (die Partnerin des Kursleiters Rainer Glas) sitzt schon am Tisch und die Anmeldung ist in Sekundenschnelle erledigt.

Ich nutze die Zeit bis zur Workshop-Eröffnung für einen Plausch mit den sukkzessive eintrudelnden Kursteilnehmern, die ich kenne oder eben jetzt kennen lerne. Ah, meine Lieblings-Kontrabassisten Ralph und Frank sind dieses Jahr wieder dabei, super! Jörg aus Berlin, ein Spitzen-E-Bassist, mit dem ich in den letzten Jahren viel gespielt und noch viel mehr getrunken habe. Der hat abgenommen, ich zu – Mist! Da ist Klaus, der hervorragende Gitarrist aus Niedersachsen, den ich schon auf meinem ersten Workshop hier kennenlernte. Offensichtlich gesund und munter! Martin trifft ein, ein sehr starker Gitarrist aus der Nähe von Erlangen, mit dem ich auch außerhalb des Workshops Kontakt pflege und bisweilen einen Gig spiele. Und Johannes, mein Lieblingstrompeter, mit dem ich auch 2019 einige Jobs gespielt habe. Hach, es ist eine wahre Freude!

Die Dozenten trudeln ein. Ein kleiner Plausch mit Tony Lakatos und Rick Margitza, ein paar derbe fränkische Floskeln mit Bernhard Pichl, ein Kaffee und eine Zigarette mit Helmut Kagerer, der nach langwierigen Schwierigkeiten mit den Sehnen endlich wieder an Bord ist, ein paar warme Worte mit dem wie immer flink umher eilenden Harald Rüschenbaum und eine lange Umarmung der wie stets etwas knapp eingetroffenen Romy Camerun. Nach etwa 50 Begrüßungen, Gesprächen und ebenso vielen Kaffees und Zigaretten (das war ein Scherz!) treibt Rainer Glas seine Herde in der Saal der VHS zur Vorstellung der Dozenten und offiziellen Eröffnung des Workshops.

Und weil ich nun tatsächlich etwas vom Schmerz übermannt werde, dass diese Dinge im Jahr 2020 nicht passieren werden, breche ich an dieser Stelle mit dem (fiktionalen) Bericht ab und sehe der Tatsache ins Auge, ein Jahr ohne den Erlanger Jazzworkshop auskommen zu müssen. 

Ein erfahrener Kursteilnehmer wie ich stellt sich über das Jahr eine kleine Wunschliste mit Dingen zusammen, die er über die Osterwoche in Erlangen erledigen möchte: 

  • Eine Stunde als Gast in Tonys Instrumentalunterricht. Ich spiele zwar nicht Saxophon, aber die Herangehensweise eines Weltklasse-Spielers an harmonische Herausforderungen ist auch für einen Gitarristen hochinteressant.
  • Den doofen Verminderten in “The Nearness of You” mit Bernhard Pichl auschecken. Bernhard blieb noch niemals eine Antwort auf solcherlei Fragen schuldig.
  • Einer Bigband-Probe mit Harald Rüschenbaum beiwohnen. Es ist unfassbar, was dieser Mann innerhalb einer knappen Woche aus einem bunt zusammengewürfelten Haufen herausholt. Dem Magier bei der Arbeit zusehen…
  • Mit Rainer Glas das Konzept des “Melodisch-Dur” diskutieren. Der Ansatz ist nicht uninteressant, wenn man etwas darüber nachdenkt und ich hatte ja einige Monate Zeit dazu.
  • Eine Stunde bei den Sängerinnen unter der Leitung von Romy Camerun (nur als nicht-singender) Gast. Romy ist eine Meisterin sowohl an der Stimme wie auch am Klavier und zudem eine begnadete Lehrerin.
  • Ein paar coole Stunden bei und mit Helmut Kagerer und vielleicht das ein oder andere Bierchen.
  • Viele Sessions mit meinen lieben Workshop-Kollegen im E-Werk und auch im “Cafe International” 
  • Und 1 x Ente im “Mekong”

Eigentlich steht noch mehr auf der Liste, aber das wird dann eventuell doch etwas langatmig. Ich denke, der Punkt ist klar. Der Workshop wird mir bitter fehlen und ich bin auch einige Tage nach der Absage noch am Boden zerstört. Schon das Aufschreiben des obigen Textes mit der Beschreibung des Workshops-Auftaktes erzeugt eine Vorfreude, die ja in nächster Zeit nicht in tatsächliche (Freude) eingewechselt werden kann. Ein Jammer.

Dass es außer uns Erlangen-Junkies in Deutschland derzeit einige Millionen Menschen gibt, die ihre Urlaubs- und sonstigen Pläne begraben müssen und dass insbesondere Musiker und Freiberufler viel mehr wegen wegbrechender Einnahmen als einem ausgefallenen Jazz-Workshop betrübt sein müssten, tröstet nicht wirklich.

So bleiben wir gemäß aktueller Verordnungen brav zu Hause und harren besserer Zeiten und eines wirkungsvollen Impfstoffes gegen Covid-19.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Schlechtes Timing

Liebe Leser,

so, getan. Mist! Ich habe den erst seit ein paar Monaten geplanten und auch angekündigten CD-Release meines neuen Werkes “dreipunktnull” abgesagt. Ich hatte die CD (über die demnächst an dieser Stelle berichtet wird) fertig, einen schönen Veranstaltungsort, alle verfügbaren Familienmitglieder für diverse Aufgaben wie Catering oder CD-Verkauf in den Startlöchern stehen, eine brillante Mitmusikerin (für etwas Abwechslung zum Gitarrenklang) und eine erkleckliche Anzahl an Besuchern oder Zuhörern, die ihr Erscheinen angekündigt hatten. Das war schön! Fünf Jahre nach dem letzten CD-Release mal wieder eine Veranstaltung mit Gästen, die nicht ein paar kühle Biere zum Schweinebraten bei angenehmer Beschallung genießen wollten, sondern tatsächlich meine Musik hören. Und die vielleicht sogar noch die eine oder andere CD erworben hätten.

Doch die Zeichen standen schlecht. Der Coronavirus hatte mit der unübersehbaren Drohung einer Pandemie schon seit einigen Wochen Zeit sämtliche Livemusik-Planungen getrübt, aber ich dachte halt wie so oft “wird schon vorbei gehen”. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. 

Nun, es kam anders. Nach sukzessiven Absagen zuerst großer, dann mittlerer Veranstaltungen und der heutigen Rede der Kanzlerin mit der Bitte, doch die Zahl der sozialen (physischen) Kontakte in der nächsten Zeit drastisch einzuschränken, war es an der Zeit, eine Veranstaltung abzusagen, die sicherlich unter den beschriebenen Bedingungen nur sehr eingeschränkt hätte genossen werden können. Ich glaube, das war jetzt Futur 2 oder so. Naja, Ihr versteht, was ich meine.

Bin ich beim Gitarrenspiel mit meinem Timing im Großen und Ganzen zufrieden, so ist es bezüglich meiner gesamten “Karriere” in letzter Zeit eher mangelhaft. Ich habe viele Jahrzehnte geübt, um mit den Musikern zu spielen, mit denen ich das seit nicht allzu langer Zeit tun darf. Aber entweder fangen diese sich dann langwierige orthopädische Beeinträchtigungen ein, die überlange Spielpausen erzwingen, oder eine Pandemie lässt in der Primetime die Veranstaltungen ausfallen.

Bis Ostern hatte ich sieben gute Gigs oder Jobs im Kalender. Fünf wurden bis dato abgesagt, die verbleibenden zwei werden es sicherlich. Wie Rainder Glas seinen von mir so geliebten Jazzworkshop in Erlangen durchführen will, ist derzeit auch ein Mirakel. Und für unsereins gibt es kein Kurzarbeitergeld oder sonstige Unterstützung. Ist eben so. Hätten wir mal was Vernünftiges gelernt.

In der “Zeit” durfte ich wieder die Geringschätzung Vieler für die Sorgen der Kulturschaffenden in solchen Zeiten kennen lernen. Man könne ja die ganzen Veranstaltungen in den Herbst schieben, da entstünden kaum Verluste. Das ist natürlich Bullshit, denn der Herbst 2020 ist seit über einem Jahr nahezu durchgehend ausgebucht. Wer soll denn da was schieben? Es kommen magere Zeiten für den Live-Jazz!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Wie der Song wirklich geht

Liebe Leser,

eine Anekdote aus den 1970ern: Zu meiner ersten Schüler- bzw. Kellerband kam ich im Jahr 1977. Ich hatte die E-Gitarre meines Bruders (Telecaster-Nachbau von Hoyer) samt Kunstlederhülle (Gigbags gab es damals noch nicht) in der Hand sowie das ausgediente Küchenradio unserer Familie unter dem Arm und reiste mit dem öffentlichen Nahverkehr an. Das ist zwar nostalgisch und ziemlich retro, aber nicht die eigentliche Geschichte.

Nach äußerst kurzem Beschnuppern (ich war der einzige Bewerber auf weiter Flur) war ich Bandmitglied und man stellte mir das Repertoire vor. Das meiste habe ich heute vergessen, aber “Proud Mary” und “Bad Moon Rising” von CCR und “Samba Pa Ti” von Santana blieb mir in Erinnerung. Vor allem, da ich diese Songs umgehend mitspielte, obwohl ich sie zu diesem Zeitpunkt niemals gehört und kein Sheet oder dergleichen jemals gesehen hatte. Sie wurden mir von den Bandkollegen “gezeigt” oder “beschrieben”. Ernsthaft. Und trotz meines umfassenden Nicht-Wissens und 15 Jahre vor ernsthaftem und echtem Gitarrenunterricht spielte ich die Songs, auch live vor Publikum. Ich reimte mir halt zusammen, wie sie gehen könnten. Nun, oft hat es dem Publikum nicht wirklich gefallen, aber es waren die 70er, hey!

Anfang der 1990er Jahre diente ich 24 Monate in einer Tanzkapelle, meinetwegen auch als TOP40-Band zu bezeichnen. Hier waren die angesagten Hits schon von Kassette abzuhören. Ich hatte einen Philips-Player, bei dem die Bandgeschwindigkeit regelbar war, so dass man den abgespielten Song zumindest ungefähr der Gitarrenstimmung anpassen konnte. Die oben genannten CCR-Songs (die wir natürlich auch spielten) hörte ich mir nicht ab. Die kannte ich ja schon.

Noch heute stimme ich in meiner Tanzband auf Zuruf fröhlich “Proud Mary” an und habe es mir bis zum heutigen Tag nicht wirklich erarbeitet. Klar kann man zu jeder Zeit an jedem Ort einen Song kurz vor dem Gig bei Youtube oder sonstwo schnell zur Auffrischung des Gedächtnisses anhören, aber ich tu es nicht, zumindest nicht bei “Proud Mary”. Denn das kenne ich ja lange genug.

Nun sind die von mir so geschätzten Jazzstandards ja im Realbook bzw. in Sheets festgehalten, so dass hier keine Diskussion aufkommt, wie ein Song wirklich “geht”, oder? Doch dem ist nicht so. Erst vor kurzem (Frühjahr 2019) spielte ich in einer Jazzcombo unter Leitung eines international renommierten Musikers den Standard “Corcovado” von Antônio Carlos Jobim. Ich kenne den Song gut, habe ihn vielfach live gespielt und für von mir verfasste Beiträge auch schon des öfteren funktionsharmonisch analysiert.

Am Ende des Sheets sind zwei Takte notiert, die nur beim allerletzten Durchgang gespielt werden, dann eben, wenn der Song tatsächlich zu Ende ist. Dachte ich. Andrey wollte diese zwei Takte aber nach jedem Durchgang gespielt haben. Da wurde gar nicht diskutiert, “wie der Song eigentlich geht”. Und da Andrey bei weitem mehr Erfahrung mit Ensembles jeglicher Art hat als ich, zudem zu diesem Zeitpunkt der Chef auf der Baustelle war, verzichtete ich auf jede Art von Belehrung und zog meine Schlüsse:

Eine immer und überall gültige Definition, “wie ein Song geht” gibt es nicht! Wer das behauptet, kennt eben offensichtlich zu wenige Versionen.

Zumeist wird eine bestimmte Interpretation eines Künstlers oder das Sheet des Komponisten als Referenz verwendet, aber es ist sinnvoll, sich auch bei noch so abgedroschenen Titeln über das aktuell angesagte Arrangement zu verständigen. Wobei dies eigentlich eine Bringschuld des Bandleaders ist.

Sogar in das absolute Allgemeinplätzchen “Country Roads” hat der Komponist in die Originalversion zwei “Warte-Viertel” in die Strophe eingebaut, die bei der Überlieferung an den Lagerfeuern dieser Erde in den letzten 50 Jahren nicht zu selten weggelassen worden sind.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Roaring Twenties

Liebe Leser,

oh Mann, wirklich lange nichts mehr voneinander gelesen. Ich wünsche Euch allen ein frohes und gesundes Jahr 2020!

Mit den Vorsätzen zum Jahresende beziehungsweise zum Beginn eines neuen ist das so eine Sache. Aufmerksame Leser können sicherlich meine Gedanken zum Jahresende 2018 zitieren (echt jetzt?), in denen ich versprach, 2019 weniger spielen (live, Gitarre), aber mehr schreiben (Bücher, Blog) zu wollen. Nun, das habe ich nicht ganz hingebracht. Ich habe nachgezählt: Auch 2019 stand ich mehr als 50 Mal vor Publikum auf der Bühne, genau 53 Mal.

Neben den Auftritten im Ensemble (als Gitarrist bei der klassischen Gala-Band TOP-Trio und als Bassist im Jazztett Autumn Left) und den vielen Solo-Jobs an der Gitarre durfte ich auch 2019 mit hervorragenden Musikern im Duo spielen, als da wären Joe Bawelino (Gitarre), Katja Heinrich (Saxophon), Johannes Schmidt (Trompete), Peter Pelzner (Gitarre), Ray Räbel (Gitarre/Gesang), Armin Rech (Gitarre), Reinhold Stubenrauch (Gitarre/Gesang) sowie nicht zuletzt Kathrin Brunner (Gesang). Wie jedes Jahr bitte ich diejenigen um Verzeihung, die hier nicht namentlich aufgeführt sind. War keine Absicht, echt! 

An Schriftlichem ist außer ein paar Blogbeiträgen nichts Nennenswertes zu verzeichnen. Das liegt aber nur bedingt an der oben erwähnten musikalischen Beschäftigung, auch nicht an meinen sonstigen Tätigkeiten zum Broterwerb, ebenso nicht an einer eventuellen Schreibblockade, sondern einfach daran, dass ein zumindest in Maßen erfolgreiches Verlegen einer Publikation bisweilen anstrengender ist als das Verfassen derselben.

Kriegen wir (ME, ich und der bereits bekannte Münchner Verlag) das mit der Verlegerei gebacken, dann werden wir 2020 den Markt mit Medien aller Art nur so fluten. Und dann wird dieser Blog endlich das erzielen, weswegen er ins Leben gerufen wurde: Einen Sack voll Geld! Und ich hätte gerne ein Einhorn…

Liebe Leser, alles Beste für das Jahr 2020, Gesundheit, Glück, Erfolg und all das. Kommt gelegentlich hier im Blog vorbei, hinterlasst einen Kommentar oder ein Like und bleibt mir gewogen. Ob die Twenties des 21. Jahrhunderts auch wieder “Roaring” werden, kann ich Euch erst in 10 Jahren mitteilen.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige