Patreon

Liebe Leser,

Corona, Lockdown, Lockerung, erneuter Lockdown, 7-Tage-Inzidenz, Mutation, Impfung, Impfstoff-Engpass… na, nervt’s? Also mich schon!

Es tut mir leid, dass seit nunmehr 11 Monaten wirklich jeder Blogbeitrag ein Lamento über die Widrigkeiten dieser Pandemie ist. Aber das Virus ist ja auch noch da und schert sich einen Dreck um meine Befindlichkeiten. Jede (meines Erachtens verfrühte) Lockerung des Lockdowns mag Bildungseinrichtungen und bestimmten Wirtschafts-Sparten vielleicht etwas helfen, ein vernünftiger und damit auch für Veranstalter und Künstler lukrativer Live-Betrieb liegt noch in weiter Ferne. Es gilt also, etwas zu tun. Verzweifeln und Hinwerfen wäre natürlich eine Möglichkeit, ist aber verpönt. Von daher…

Es galt, eine Möglichkeit zu finden, der – zugegeben überschaubaren – Schar meiner Fans zumindest etwas Musik oder Unterhaltung zukommen zu lassen und dies dennoch nicht gänzlich für lau zu tun. Und diese Möglichkeit gibt es tatsächlich.

Ich werde meine Gigs und damit die treue Gefolgschaft meiner Fans (oder zumindest Sympathisanten) zumindest temporär ins Netz verlagern. Hierfür habe ich meinen inzwischen etwas verstaubten Kanal bei YouTube wieder aufpoliert 

Achtung, super-kreativer Name: gige2009 >>>

und mir eine Seite auf der renommierten Plattform patreon.com eingerichtet, die es ermöglicht, den Live-Musiker Gige zu unterstützen. 

https://www.patreon.com/gige_jazz

Unterstützer (sogenannte Patreons) erhalten für ihren monatlichen Beitrag Benefits, die von meiner tiefen Dankbarkeit bis zur monatlichen Unterrichtseinheit per Skype reichen.

Schaut Euch auf der Seite um und lest die Angebote der verschiedenen Unterstützer-Levels durch. Ich bin mir sicher, da ist für Euch was dabei! Werdet mein Unterstützer auf Patreon – ich würde mich sehr freuen. 

Natürlich schlage ich mich derzeit durch den ganzen Technik-Schissl (an der USt beiße ich beispielsweise gerade noch, aber ich werde das klären!), doch das kriege ich trotz fortgeschrittenem Alter in den nächsten Tagen gebacken! Und dann werde ich exklusiven Content auf die Seite füllen. Ich will meinen Unterstützern ja auch regelmäßig Neues bieten!

Natürlich ist die Unterstützung bei Patreon monatlich kündbar, so dass Ihr mir Euer sauer verdientes Geld lieber wieder anlässlich von Auftritten zukommen lassen könnt, wenn diese Pandemie jemals vorüber ist.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gedanken zum Jahresbeginn

Liebe Leser,

natürlich habe ich wieder viel zu lange mit Arbeit und so ’nem Kram herumgetrödelt, dass dieser Beitrag zur Begrüßung des neuen Jahres schon fast zum Ende des Karnevals erscheint. Da selbiger – wie so vieles – ausfallen wird, ist auch diese Angabe irrelevant. Wie immer entschuldige ich mich in aller Form für … naja, alles eben. Nun aber der Text: 

So, endlich ist 2020 Geschichte. Wir haben jetzt 2021 und alles wird besser. Hatte ich mir so gedacht. Ja, Pustekuchen. Wir hocken im verschärften Lockdown und freuen uns, wenn die Impfquote der Bevölkerung im Promillebereich ansteigt. Langsam aber sicher geht mir Corona auf die Nerven. Soeben habe ich eine Nachricht von Rainer Glas erhalten, dass der 40. Internationale Jazzworkshop Erlangen auch im Jahr 2021 nicht stattfinden kann. Die Nachricht wird auch bei der Wiederholung (siehe diesen Beitrag von 2020 >>>) nicht besser.

Die Pläne, die ich mit Beginn der Pandemie für 2020 gemacht hatte („Ab Herbst können wir dann…“) sind jetzt offenbar auch für 2021 obsolet. Weia, das nervt gewaltig!

Und dann noch die Bekannten (echte Freunde sind es zumeist nicht), die in der Krise eine Herausforderung oder gar Chance sehen. Träumer, die in Kurzarbeit kreativ werden oder in „systemrelevanten“ Berufen (womit natürlich nicht die tatsächlich systemrelevanten und hart schuftenden Helden im Gesundheitswesen etc. gemeint sind!) arbeiten, wo man außer der obligatorischen Maske nichts von der Pandemie bemerkt. Herrje, ich hab’s gerafft! Online-Konzerte streamen, Unterricht per Skype, Harmonielehre-Kurse über das Web und so weiter und so fort. Jaja, schon klar. Ich mach ja schon!

Am besten ist der Tipp, viele Videos für YouTube zu produzieren, so wegen Influencer oder Content-Creator und all den Schissl. Das ist eine entsetzliche Arbeit – seit Tagen schneide ich an einem 3-Minuten-Video herum – und bringt dem (nicht mehr ganz taufrischen) Live-Musiker genau gar nichts. Um es frei heraus zu sagen (entschuldigt den rüden Ton, Ihr Blog-Leser seid explizit ausgenommen und ohnehin meine Treuesten!): Steckt Euch sämtliche gutgemeinten Rat-, Optimierungs-, Vor- und sonstigen Schläge an den Hut. Naja, ging doch, war nicht zu rüde. Also: Was ich tun müsste, weiß ich. Nur nicht wann. Und ich weiß auch nicht, wie man das alles bezahlen soll.

Ein passabler Weg, darbende (eine zugegebenermaßen angesichts meines Leibesumfangs etwas fragwürdige Formulierung) Künstler zu unterstützen, ist es, deren Erzeugnisse bzw. Merch (= Merchandising-Kram – die Abkürzung wird inzwischen sogar von der Rechtschreibprüfung toleriert) zu kaufen. Und es gibt ja allerhand:

Man kann sich die „Harmonielehre für Gitarre“ von Helmut Kagerer & Gige Brunner (siehe dieser Beitrag >>>) bestellen, oder eine der schönen (neuen) CDs „dreipunktnull“ (siehe dieser Beitrag >>>) bzw. „Bossa Nova“ (siehe dieser Beitrag >>>). 

Bestellung per Mail an jazz@gige.de oder auf allen legalen Kommunikationswegen zu mir. Oder das:

Ganz heißes Zeug. Für Gitarristen. Feine Fingerstyle-Arrangements populärer Standards aus Jazz und Bossa Nova. Derzeit lieferbare Hefte (als PDF):

La Mer, Se é Tarde Me Perdoa, Out of Nowhere (und in den nächsten Tagen Lobo Bobo und On a Slow Boat to China). Jedes PDF enthält ein Fingerstyle-Arrangement des kompletten Songs in kombinierter Notation und Tabulatur sowie eventuell ein paar Anmerkungen und kostet 5 Euro. 

Bestellung per Mail an jazz@gige.de oder auf allen legalen Kommunikationswegen zu mir. Zudem auch direkt über den Verlag unter www.hm5-publishing.de (wo ich die PDFs baldigst auf der Website einstellen bzw. bewerben werde, versprochen!).

All diese schönen Sachen werde ich impertinent bei YouTube bewerben und zudem den jeweiligen Beitrag durch einen gewieften Titel als Clickbait nutzen. Ja, so clever bin ich drauf! Ihr findet meinen Kanal in Youtube >>> unter dem knackigen gige2009. Seufz…

Zu guter Letzt wird es im März (hoffe ich) einen Online-Kurs zum Thema Harmonielehre bei der vhs Schwabach geben, für den ich das oben genannte Buch in handliche Happen zerteilt habe, die sich zum Einen in vier Lektionen und zum Anderen ohne explizite Gitarrenkenntnisse genießen lassen. Ankündigung und Ausschreibung erfolgt zeitnah. 

So wurde meine wütende Abrechnung mit dem ganzen Volk der Krisengewinnler, Optimierer und Consulter (welche ich schon in meinen Angestellten-Zeiten nicht ausstehen konnte) nun doch zu einer Werbeveranstaltung in eigener Sache. Aber wie sagte schon Brecht so schön: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Bonfá’s Geheimnis

Liebe Leser,

ich wünsche Euch allen ein frohes und vor allem gesundes Jahr 2021! Wir sitzen weiterhin im Lockdown. Da kommt man auch mal wieder zum Gitarre-Spielen. Aber offensichtlich nicht dazu, pünktlich am Dienstag einen kleinen Blogbeitrag zu schreiben. Doofes Corona! 

Dieser Artikel ist eine überarbeitete Zweitveröffentlichung und erschien vor etwa einer Woche in meinem Musik-(Nerd-)Blog Avanti Dilettanti >>>

Nun habe ich aber sofort von zwei fachkundigen Kollegen ein paar Korrekturen erhalten, die ich jetzt natürlich in diesen Beitrag eingearbeitet habe.

Dieser Artikel (ich wiederhole mich, sorry) dürfte auch unter dem Titel „In the shed“ stehen, was auf deutsch soviel bedeutet, wie „Aus dem Übungsraum“ (wörtlich: Im Schuppen). Damit geben viele Musiker einer Öffentlichkeit preis, woran sie gerade arbeiten. Bei mir sind dies zur Zeit [das von Google vorgeschlagene „zurzeit“ halte ich nach wie vor für falsch – es sieht auch behämmert aus] die Songs „Pernambuco“, und „Sambolero“ vom Meister Luiz Bonfá.

Beide Songs erschienen 1959 auf der LP „Luiz Bonfá – Solo In Rio“ und sind echte Knaller! Obwohl ich mir die Aufnahmen schon mindestens einige Dutzend Male angehört hatte, war mir der Vortrag dieses Ausnahmegitarristen immer ein Mysterium. Ich habe schon allerhand Jazz- und Bossa-Nova-Standards im Fingerstyle erlernt und auch vor Publikum gespielt, aber Bonfás Solo-Arrangements, welche nicht zu selten aus Viertel- (oder Halbe-Noten-)Bass, perkussiven Offbeats und einer (bisweilen mehrstimmigen) Melodie bestehen, sind wirklich harter Stoff!

Neben den Originalaufnahmen, von denen nur bei „Sambolero“ etwas Videomaterial von Bonfá’s Zupf-Technik verfügbar ist, zog ich mir allerhand Videos von begabten Gitarristen rein, die „Pernambuco“ covern oder sogar als Lern- bzw. Lehrvideo anbieten. Und die Kollegen spielten zumeist wirklich beeindruckende Versionen des Songs, mit Daumen-Techniken, an denen ich beim Nachahmungsversuch wirklich zu beißen hatte. Oft nahe dran, aber irgendwie…

Also habe ich mir die oben erwähnte Video-Aufnahme von „Sambolero“ noch einmal genauer angesehen. Bonfá spielt dort und in vielen seiner Fingerstyle-Songs einen permanenten Rhythmus, der von ihm folgendermaßen realisiert wird:

Als Zupf-Finger dienen Zeige-, Mittel- und Ringfinger, egal, ob einzeln oder zu dritt. Er hat – wer hätte das gedacht? – einen sehr präzisen Anschlag mit dem Daumen auf die 1 und 3 und entwickelt mit seinen Zupffingern auf die Offbeats einen ordentlichen perkussiven „Snap“, zumeist mit dem Handballen der rechten Hand zur Dämpfung auf den Saiten, was einen beeindruckenden Sound erzeugt. Das alles ist jedoch kein Hexenwerk und für jeden intermediate oder advanced Gitarristen schnell nachzuahmen.

Doch dann legt der Meister noch zusätzlich eine flotte Melodie über die Begleitung, während die Rhythmusbatterie aus Daumen und Zeigefinger munter weiter rattert. Und jetzt wird es knifflig. Ich habe mir „Pernambuco“ wirklich oft aufmerksam angehört, später auch mit einigen durchaus erfahrenen Musikern, um herauszukriegen, ob Luiz Bonfá diesen Song tatsächlich alleine eingespielt hat, ohne die Zuhilfenahme von Overdubs oder gar einem Begleitmusiker. Doch, hat er. Aber die akustische Trennung zwischen Begleitung und Melodie in seinem Spiel ist wirklich sensationell! Zumal der Song 1959 mit sicherlich noch unzureichender Studiotechnik aufgenommen wurde.

Ich habe einige Stunden damit verbracht, sein Spiel zu imitieren und auf meine eigene Gitarre zu übertragen. Vergebens. Es klingt ganz gut, aber mindestens ein Element seines Arrangements (von „Pernambuco“), bestehend aus Bass, perkussiver Offbeat, Viertelbegleitung mit um 1/16 vorgezogener 2 und Melodie, ging stets verloren. Hexenwerk!

Die Lösung dieses Problems gelang mir durch die Erkenntnis, dass ich es im fortgeschrittenen Alter zwar nicht mehr schaffen werde, meine drei Zupffinger mit der nötigen rhythmischen Unabhängigkeit voneinander zu trainieren, ich aber durch mein langjähriges Folk- und Jazz-Fingerstyle-Spiel in der Lage bin, Bonfá’s Stil wenn schon nicht zu kopieren, so doch immerhin ordentlich zu faken. Und das funktioniert so:

Ich spiele die komplette oben abgebildete Figur mit dem Daumen, verzichte aber aus Faulheit auf die Achtelpausen:

Der Wechselbass fällt mir wesentlich leichter als die Achtel-Wechsel mit Daumen und Zeigefinger, selbst wenn jeder zweite Schlag gedämpft werden muss, damit das Ganze nicht zu sehr nach Country klingt. Kriege ich das technisch ordentlich umgesetzt, so dass es wie bei Bonfá klingt? Nein, natürlich nicht. Aber wichtiger als die mechanische Realisierung an der Gitarre war mir die Entschlüsselung der famosen Technik des Meisters. 

Ein Hoch auf Luiz Bonfá, der schon vor mehr als 60 Jahren aus seiner Konzertgitarre einen Sound geholt hatte, für den es normalerweise zwei Instrumente braucht.

Sollte ich jemals wieder ein paar Tage Zeit haben (sarkastisches Lachen), dann werde ich Euch meine Bonfá-Fake-Technik in einem Video auf meinem YouTube-Kanal vorstellen. Natürlich noch lieber bei einem Livekonzert, wenn es solcherlei irgendwann wieder geben sollte. 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Gedanken zum Jahresende 2020

Liebe Leser,

es ist eine schöne Tradition, dass ich zum Ende des laufenden Jahres einige Zeilen in diesem Blog schreibe. Aber dieses Jahr ist das nicht schön! 2020 war, mit Verlaub gesagt, beschissen! Nach gutem Start mit schönen und lukrativen Gigs im Januar und Februar hat es mir die Laune ab März (die CD-Präsentation „dreipunktnull“ am 14.03. war mein erster Termin, der gecancelt werden musste) gehörig verhagelt. Corona hat jegliche musikalische Ambitionen im Jahr 2020 gekillt. Gut, es sind zwei Tonträger und ein Buch mit meinem Namen darauf erschienen, was sich ja nach einem respektablen Output anhört. Aber wenn man ausschließlich reale Produkte herstellt, die sich eben nicht in digitaler Form erwerben lassen, hat man offensichtlich auf das falsche Pferd gesetzt. Die gute Nachricht: Die Sachen verderben ja nicht…

Nebenbei hat wieder eine Zeitschrift, für die ich zusammen mit Sven Heißler schon viele Comics produziert habe, ihr Erscheinen eingestellt. Na, Ihr wisst ja, schlimmer geht immer.

Nun bin ich natürlich nicht undankbar, dass meine Familie und mein engster Freundeskreis von einer Corona-Erkrankung verschont geblieben sind, doch dies ist zum größten Teil Glück, zum kleineren Teil Vorsicht, aber sicher nicht der allgemeinen Disziplin unserer Bevölkerung geschuldet. Nach nunmehr 10 Monaten Pandemie im Wechsel zwischen Lockdown und Lockerung trifft man immer noch zu viele Zeitgenossen, die offenbar in zwei Realitäten parallel leben! In der einen, in der es aufgrund steigender Infektionszahlen, dauerhafter Überlastung des Gesundheitswesens und einer doch bedeutenden Anzahl von Todesfällen vernünftigerweise gewisse Einschränkungen im Alltag gibt, sowie in der anderen Realität, in der das Coronavirus immer noch in Wuhan, oder vielleicht noch ein bissl im fernen Österreich wütet. Da ist es cool, bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die Maske zu verzichten und seinen Mitmenschen auf die Pelle zu rücken. Es ist unfassbar!

Ganz abgesehen von der üblichen Meute an Aluhut-tragenden Covidioten und Kwerdenkern ist auch der Umgang mit den von den Einschränkungen von Anfang an und dauerhaft Betroffenen, also den Künstlern, Hoteliers, Gastronomen und Veranstaltungs-Leuten, unsäglich. Jede „unbürokratische“ „Soforthilfe“ ist geradezu kafkaesk bürokratisch und niemals zügig. Man hat alleine in Nürnberg gegen knapp 50 Künstler Ermittlungen wegen Betrugsverdacht eingeleitet, weil sie in völliger Unkenntnis tagesaktueller Regelungen im April zwei Anträge auf Soforthilfe gestellt hatten (von denen übrigens der jeweils zweite durchgehend abgelehnt worden war). Die Regelungen zu den angebotenen Hilfen, welche auf der Website der bayerischen Staatsregierungen nachzulesen waren, wurden mehrmals geändert (wirklich!), so dass man sich am besten beim Beantragen einer Hilfe einen Screenshot gemacht hätte… 

Die Vorgabe, dass eine Soforthilfe nur für geschäftliche Liquidität, aber nicht zur Bestreitung des Lebensunterhalts verwendet werden dürfe, ist ein echter Burner. Wäre doch bei Kurzarbeitergeld ebenso sinnvoll, oder?

Zum Dank für das Betteln wird man von den in ihrer Kurzarbeit gebetteten Angestellten in vielen Foren (Web wie Print) heftig angegangen, weil man „keine Rücklagen gebildet hat“, weil man „eben flexibel sein muss“, weil man „etwas Anständiges hätte lernen sollen“ und anderes Kroppzeuch. Dass inzwischen auch so solide Berufszweige wie Karnevalisten und Feuerwerksverkäufer nach Staatshilfe schreien, wird akzeptiert, da diese offensichtlich systemrelevant sind, während Musik, Theater und Film ja aus der Steckdose kommt. Ach, drauf gesch…

Nun sieht es ja trotz aller Fortschritte in Sachen Impfung etc. danach aus, als würde uns das Virus noch einige Monate begleiten. Es scheint, dass die (von mir) vorgeschlagene organisatorische Lösung für den Live-Gig-Stau Verschieben, verschieben! eben doch nicht funktioniert. Wir bleiben also weiterhin bei Ebbe in der Kasse krampfhaft kreativ! Was also tun?

Ein Buch habe ich 2020 geschrieben und veröffentlicht, zwei Tonträger ebenfalls. Möglicherweise hatte ich das schon erwähnt. Habt Ihr die Sachen noch nicht? Dann umgehend bestellen! Eine sehr direkte Hilfsmaßnahme in Corona-Zeiten! Weitere Publikationen werden 2021 folgen, verlegt entweder beim eigenen Verlag HM5 publishing UG oder beim Spurbuchverlag. Oder bei beiden.

Live-Konzerte sind auf absehbare Zeit kaum realisierbar. Ich werde also etwas Neues probieren. Wenn der berüchtigte Technik-Gige einige Grundlagen erlernt hat (ich bin dabei!), wird mein YouTube-Kanal mit mannigfachen Gitarren-Videos überflutet. Diese Videos sind die Teaser für weiterführende Video-Kurse, Streams, Veranstaltungen mit Gast (bevorzugt in der realen Welt, sobald man dies wieder gefahrlos tun kann), Bücher, Tonträger und so weiter. Wer mich dabei unterstützen möchte, den bitte ich um ein Patronat bei patreon.com, wo ich mich unter

https://www.patreon.com/gige_jazz

eingenistet habe. An den Benefits, die ein Förderer genießen wird, arbeite ich im Moment noch, aber die offizielle Eröffnung dieser Aktion werde ich noch gebührend an- und verkünden. Ihr müsst jetzt also noch kein Patron werden. Nicht mehr in diesem Jahr.

Liebe Leser, vielen Dank für Eure Besuche auf dieser Website, für Eure Kommentare und Eure Likes. Ein paar Abonnenten mehr wäre nett, aber das ist nicht so wichtig (By the way: Einem Blog bei WordPress zu folgen kostet nix, auch die Mitgliedschaft in WordPress ist mit keinerlei Kosten verbunden). Jetzt rutscht gut raus aus diesem vermaledeiten Jahr und kommt wohlbehalten in 2021 an! Ich wünsche Euch allen ein frohes und gesundes neues Jahr, in dem wir uns hoffentlich nicht nur auf dem Bildschirm, sondern auch in der realen Welt wieder sehen und hören können.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Harmonielehre für Gitarre 2020

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Und muss umgehend gestehen, dass ich diese Wendung hier im Blog schon fast inflationär benutze. Nein, diesmal nicht schon wieder eine CD aufgenommen. Ich habe eine Harmonielehre für Gitarre geschrieben. So sehr ich auch hinter dem 2015 bei PPV Medien erschienenen gleichnamigen Buch (Co-Autor Thomas Dütsch) stehe, es gab einige Sachen zu korrigieren und ich erwarb viele musiktheoretische Erkenntnisse, von denen wir zur Entstehungszeit des 2015er Buchs einfach nichts wussten. Obwohl sich dieses (Früh-)Werk immer noch ganz ordentlich verkauft, wollte der Verlag keine völlig überarbeite 3. Auflage herausgeben.

Dann eben nicht. Und ich setzte mich hin und begann, die Harmonielehre immer weiter zu korrigieren, zu verbessern und schließlich völlig neu zu schreiben. Im Jahr 2018 lernte ich den bekannten Jazzgitarristen Helmut Kagerer kennen und schätzen. Wir spielten einen Gig zusammen und verstanden uns prächtig, musikalisch wie auch persönlich. Und dann kam für Helmut eine mehr als einjährige Leidenszeit in Form einer schmerzhaften Sehnenscheidenentzündung, die jegliches Live-Spiel verhinderte. Die war dann Anfang des Jahres 2020 gottseidank endlich ausgeheilt. Und dann kam Corona…

Konnten wir in den Sehnenscheidenentzündungszeiten (warum Google diesen völlig plausiblen Begriff markiert, bleibt unklar) wenigstens noch Korrekturen und Lektoratsarbeiten gemeinsam bei einem Bier diskutieren und im Buch vorgeschlagene Wendungen gleich einer praktischen Prüfung unterwerfen, war dies nach nach Ausbruch der Corona-Pandemie nicht mehr möglich. Aber da war die gesamte Schreibarbeit erledigt und wir konnten uns Texte zur Korrektur hin und her mailen. Ist zwar langweiliger, tut’s aber in diesen Zeiten auch. 

Durch einen Zufall stieß ich Ende 2019 auf den Spurbuchverlag, der eigentlich und ursprünglich Jugend- bzw. Pfadfinderliteratur verlegte und noch verlegt. Der Verlagsleiter, immerhin selbst Hobby-Gitarrist, mit Profi-Musikern im familiären Umfeld) besah sich das Manuskript und befand es für gut. Im Mai 2020 äußerte er ernstes Interesse an diesem Buch und kurze Zeit später ging es an die allgemein beliebten Produktionsvorbereitungen (Lektorat – Korrektur – Satz – Korrekturabzug – und wieder von vorne), welche aber – das sollte nicht unerwähnt bleiben – stets produktiv und immer freundlich abgewickelt wurden. Und Drucken können sie auch, die Unterfranken, wie ich heute angesichts der gelieferten Belegexemplare feststellen durfte. Das Buch ist sehr schön geworden!

Warum solltet Ihr nun also diese Harmonielehre kaufen (oder zumindest allen ambitionierten Gitarristen in Eurem Bekanntenkreis zu Weihnachten schenken)? 

Nun, die Struktur und der didaktische Ansatz sind wie bei der Harmonielehre von 2015 (weil beide einfach gut sind). Nach der Herleitung der Akkordtypen aus der Durtonleiter kommen wir von der Begleitung zum Solo, also zum Single-Note-Spiel. Von vier Tönen (Arpeggien) steigern wir uns sozusagen Ton für Ton über Pentatonik und Bluesskala bis hin zu den Kirchentonarten und Molltonleitern. Mit Stufen- und Funktionstheorie analysieren wir dann einige Standards. Diese aus dem 2015er Buch bekannte Struktur behalten wir bei, weil sie, wie gesagt, gut ist. Aber im Detail hat sich allerhand getan:

Eine der am häufigsten von uns Gitarristen eingesetzte Skala ist die Bluestonleiter. Da aber bis zu drei Bluenotes postuliert werden, ist die Definition, welche Töne denn nun zu einer „richtigen“ Bluesskala gehören, heftig umstritten. Dieses Mysterium wird einleuchtend und praxistauglich geklärt.

Meine persönliche Auswahl an Skalen für ein Solo ist etwas (höflich formuliert) hausbacken. Helmut hat mir bei so mancher Gelegenheit eine Mixolydische oder Harmonisch-Moll-Skala mit dem Hinweis „Das spielt seit 50 Jahren keiner mehr an dieser Stelle“ ausgeredet. Für die Insider: Ja, ich spiele inzwischen auch Alteriert und Halbton-Ganzton. Nicht zu oft, aber immerhin…

Helmuts Erfahrung nach über 40 Jahren als internationaler Jazzgitarrist und fast 30 Jahren Dozent an der Musikhochschule sind wirklich tiefschürfende Erkenntnisse beim Umgang mit verminderten Akkorden und bei der Analyse von Jazzstandards zu verdanken. Ich hätte nicht gedacht, dass ich nach so vielen Jahren Erfahrung bei einem abgedroschenen (aber nichtsdestotrotz schönen) Standard wie „The Girl from Ipanema“ noch so viel dazulernen kann. Um es mit Gerhard Polt (aus „Der Leasingvertrag“) zu sagen: Doch, das geht!

Als Sahnehäubchen gibt es einige nette Cartoons aus meiner Feder! Also:

Da das schönste Buch leider nur dann erfolgreich sein kann, wenn es sich ordentlich verkauft, habt Ihr hier das ultimative Weihnachtsgeschenk für all Eure Gitarren-affinen Musikerfreunde. Die Harmonielehre für Gitarre von Gige Brunner & Helmut Kagerer kostet 22,80 € und Ihr könnt sie bei mir (jazz@gige.de) oder beim Spurbuchverlag bestellen. Versandkosten fallen nicht an! Auf denn, lasst uns (gemäß dem Untertitel)

Endlich weniger falsch spielen!

Ob ich Euch das garantieren kann? Selbstverständlich nicht. Aber ich glaube ernsthaft, dass die Beschäftigung mit Harmonielehre das eigene Spiel immens verbessert!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Gige plays Bossa Nova

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Ich habe eine CD aufgenommen. So mit Musik drauf. Aufmerksame Leser mögen bemerkt haben, dass ich bis hier den Text des Beitrags vom 07.07.2020 kopiert habe. Denn auch damals hatte ich einen Tonträger von mir besprochen. Ebendies möchte ich auch heute machen.

Mit Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 blieb für uns Live-Musiker nur der Weg von der Bühne zurück ins heimische Wohn- bzw. Übungszimmer. Wie ich bereits in diesem Beitrag >>> geschrieben hatte, kaufte ich mir aus Frustration über den Lockdown eine klassische Gitarre (nun ja, korrekterweise ist es eine Flamenco-Gitarre, aber wer wird es wohl so genau nehmen wollen?) und begann das darauf zu spielen, was ich zum Einen schon kannte und zum Anderen auch gemäß Überlieferung für eine Nylon-Gitarre obligatorisch ist: Bossa Nova!

Natürlich sind mir im Laufe der letzten Jahre eine Menge Bossas über den Weg beziehungsweise über das Griffbrett gelaufen: Die Standards Blue Bossa und Recordame (welche nicht von einem Brasilianer komponiert wurden) und natürlich das wichtigste Jobim-Zeugs Girl from Ipanema, Desafinado, Corcovado und noch einige mehr. Allerdings betrachtete ich die Vertreter der Bossa Nova eher als Komponisten im Grunde stets identisch klingender Fahrstuhlmusik. Ich begann, mir etwas Hintergrundwissen drauf zu schaffen.

Nach etwas Recherche bei der nahezu allwissenden Wikipedia und in Youtube (dort ist nichts deutschsprachiges und wenig englischsprachiges zu finden, immerhin ein paar schöne Dokus der BBC) stieß ich auf ein (gedrucktes) Buch, in welchem tatsächlich alles drin steht: Bossa Nova – The Sound of Ipanema. Eine Geschichte der brasilianischen Musik, von Ruy Castro. Ein tolles Buch mit unglaublich vielen Namen und Unmengen an Informationen, dabei noch in wirklich witzigem Ton geschrieben und offensichtlich gut ins Deutsche übertragen. Ganz sicher wird eine Besprechung in diesem Blog folgen. Im zweiten Lockdown habe ich jetzt ja Zeit…

Ich lernte viele Protagonistinnen der Bossa Nova kennen und stellte schon nach den ersten Seiten fest… ich habe wirklich keine Ahnung! 

Es gibt unterschiedliche Ansätze, mit derlei Unkenntnis umzugehen. Ich habe Freunde und Musikerkollegen, die lassen einfach die Finger von jeglicher Musik, von der sie nicht eingehend alles verfügbare Material studiert haben. Und weil das gerade im fortgeschrittenen Alter kaum realisierbar ist, bleibt es beim Finger-davon-lassen. Andere werfen sich mit Feuereifer auf das Material und recherchieren bis zum St. Nimmerleinstag, ohne dabei jemals einen Ton zu spielen – aus Respekt vor der Musik. In beiden Versionen kommt nix Anhörbares für den Rest der Welt dabei raus.

Ich hatte solche Berührungsängste nie. Man darf Blues spielen, ohne aus dem Süden der USA zu stammen, man darf Gipsy-Swing spielen, ohne in irgendeiner Weise mit Django Reinhardt verwandt zu sein, man darf als Bayer Irish- und sonstigen Folk von den Inseln spielen und natürlich auch Bossa Nova, selbst wenn man nicht in Brasilien geboren wurde. Wirklich alle Musiker, die aus einer solchen privilegierten Gruppe stammen und mit denen ich das Vergnügen hatte, in den letzten Jahren ihre jeweilige Musik zu spielen, sahen das extrem locker und freuten sich immer, wenn ihre Musik mit Engagement und Herzblut gespielt wurde, auch wenn sich bisweilen technische oder kulturelle Unzulänglichkeiten offenbarten. Die deutschen Meisterspieler, legitimiert durch einen Auslandsaufenthalt oder jahrelangen Unterricht, sind da wesentlich strenger. So gibt es neben der der Jazz- auch eine Gipsy-Swing-, Irish-Folk- und Bossa-Nova-Polizei. Ganz sicher!

Mir war dies, wie bereits erwähnt, einerlei und ich gewann meinen Mitmusiker Clemens Bröse erneut für eine Aufnahmesession im bandeigenen Übungsraum, wie wir es schon bei dreipunktnull durchgezogen hatten. Dies war bereits am 28. Mai 2020. Ihr seht schon, ich blogge wirklich selten. Und wieder nahm Clemens mit erstaunlicher Geduld einen Take nach dem anderen auf, wobei kein einziges Mal irgendeine Äußerung von Ungeduld oder sonstigem über seine Lippen kam. Allerdings waren auch nur insgesamt acht Songs geplant, es würde also eine wirklich kurze CD werden. Und ich habe auch ziemlich ordentlich gespielt, so dass nach nur einem Aufnahmetag genug Material für die CD vorhanden war.

Das technische Setting war wirklich schlicht, aber klanglich überzeugend: Zwei Beringer-Mikrophone und eine Spanische Gitarre, das war es im Prinzip schon. Natürlich hat Clemens nebenbei beim Aufnehmen einige Stunden hochwertiges Videomaterial produziert, welches ein video-affinerer Musiker, als ich es bin, sicherlich zu einigen knackigen Werbevideos für die neue CD umgearbeitet und geschnitten hätte, doch es fehlte mir trotz monatelanger Auftrittssperre hierfür die Zeit. Kaum zu glauben, oder?

Den Mix und das Mastering des Rohmaterials erledigte, wie schon bei allen meinen Solo-CDs zuvor, Oskar Schrems im Tonstudio Success, wie immer schnell und in exzellenter Qualität!

Eingespielt habe ich

Triste (Antônio Carlos Jobim). Ein schöner Bossa vom Meister-Komponisten der Bossa Nova schlechthin. Ein harmonisch komplexer Song mit dennoch eingängiger Melodie.

Batacuda (Luiz Bonfá). Ich finde meine Interpretation des Fingerstyle-Vorzeigestücks von Meister Bonfá gelungen, muss aber offen gestehen, dass ich an die wirklich superbe Technik des Vorbilds nicht herankomme. Dennoch ein flotter Samba (?)… oder halt eine südamerikanische Picking-Nummer. Luiz Bonfá hat um die jeweilige Stilistik seiner Songs nie ein Gewese gemacht.

Só Danço Samba (Antônio Carlos Jobim). Ein getragener Samba mit pfiffiger Rhythmik in der Melodie. Im Ensemble eine nicht zu komplizierte Sache, als Fingerstyle-Stück bei weitem nicht so trivial.

Se É Tarde, Me Perdoa (João Gilberto). Eine Komposition von Gilberto ohne den charakteristischen Gesang? Doch, das geht! Aus dem Portugiesischen übersetzt lautet der Titel in etwa „Sorry, dass ich schon wieder zu spät komme“, was sich wohl durch das Leben des großen João Gilberto gezogen hat. Und weil wir alle so gut Portugiesisch sprechen, hat sich hier tatsächlich ein kleiner Schreibfehler in die (digitalen) Titelangaben auf der CD eingeschlichen. Wer ihn findet, erhält einen Fleißpunkt! 

Summer Samba (Marcos Valle). Der auch unter „So Nice“ bekannte Titel ist der Gold-Song des Marcos Valle. Eine wunderbar entspannte Samba. Auf mein Fingerstyle-Arrangement des zum Teil ziemlich vertrackten Songs bin ich stolz. 

Chega de Saudade (Antônio Carlos Jobim). Diese Jobim-Komposition war der erste Titel, der mit dem Label „Bossa Nova“ versehen wurde und ist neben Girl from Ipanema dessen zweite Hymne. Naja, wahrscheinlich gibt es noch ein Dutzend weitere… Die Form ist gefühlt unendlich lang, weshalb ich auf eine explizite Improvisation verzichtet habe.

Samba de Orfeu (Luiz Bonfá). Ein von Bonfá bereits 1956 wiederum für den Film „Orfeu Negro“ geschriebener Titel. Wie Batacuda eine echte Herausforderung auch für erfahrene Gitarristen.

The Girl from Ipanema (Antônio Carlos Jobim). Die Hymne der Bossa Nova (siehe oben). Sie wurde unzählige Male gecovert und ist bereits in einer ihrer ersten Aufnahmen ikonisch. Dennoch hier eine Version von mir. Und weil es schon Richtung Ende der Aufnahmesession ging und meine treue St. Pauli Gitarre noch ungespielt im Eck des Raumes stand, spielte ich Jobims Hit ausnahmsweise mit der unverstärkten Jazzgitarre ein. 

Wie schon bei dreipunktnull hatte ich eine schicke Release-Party geplant. Diese ist, wie schon die vorherige, der allseits beliebten Corona-Pandemie zum Opfer gefallen. So gab es nur eine kleine Ankündigung auf Facebook und mit dem zugehörigen Blogbeitrag habe ich mir offensichtlich ja auch etwas Zeit gelassen.

Diese CD gibt es (schon wieder) nur als reale Silberscheibe, nicht als Download und nicht bei Spotify. Lieber beschränkt sich der Käuferkreis auf ein paar Hundert Menschen (die letzten, die noch irgendwo einen CD-Player zum Abspielen besitzen), als dass ich mich in die millionste Playlist von irgendwelchen desinteressierten Dauerstreamern einreihen lasse, denen es egal ist, was in die Ohrstöpsel tröpfelt. Klinge ich verbittert? Pardon!

Wer gerne eine CD haben möchte, schreibe mich unter jazz@gige.de an. Ich schicke ihr bzw. ihm gerne eine zu, worauf sie oder er mir 10 Euro überweisen möge. Wenn es zwei Euro mehr sind, werde ich diesen Betrag sofort sinnlos für Porto und Verpackung verprassen!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

dreipunktnull

Liebe Leser,

ich habe es wieder getan. Ich habe eine CD aufgenommen. So mit Musik drauf. Also alte Jazzstandards solo mit Gitarre eingespielt, garantiert ohne Gesang. Jüngere unter der Leserschaft mögen sich nun fragen, was eigentlich genau so eine “CD” ist. Dieser etwas abgedroschene Witz wird schnell bedeutsam, wenn sogar die treuesten Fans beim Erwerb dieser Scheibe betonen, dass sie sich jetzt erst einmal auf die Suche nach einem geeigneten Abspielgerät machen müssten, um meine neueste Produktion tatsächlich anzuhören.

Ein ganz treuer Fan hat mich bei der Bestellung gebeten, doch ein paar Worte im Blog über die Scheibe zu schreiben. Dies freut mich doppelt, da ich zum Einen eine weitere CD unters Volk bringen konnte und zum Anderen tatsächlich hin und wieder jemand Beiträge auf diesem Blog liest.

Nun also – dreipunktnull. Schon seit der Veröffentlichung meiner ersten Solo-CD “Jazz” im Jahr 2012, bei der ich für ein Erstlingswerk wirklich vieles richtig, aber leider auch so manches nicht so doll gemacht habe, trage ich mich mit der Idee einer weiteren Veröffentlichung mit schönen Jazzstandards im Fingerstyle. 2015 erschien dann die etwas andere „Gige & Friends – Best of Van Heusen“, auf welcher ausschließlich Stücke von van Heusen zumeist in Duo-Besetzung dargeboten werden. 2019 war nun die Zeit für einen weiteren Tonträger, den die Welt wahrscheinlich wieder einmal nicht braucht. Insbesondere heutzutage, da wir jeden gespielten Ton online veröffentlichen und unentgeltlich (in den sozialen Medien) oder zumindest günstig per Streamingdienst zur Verfügung stellen. 

Nun, den Inhalt dieser CD gibt es nicht (legal) zum Downloaden oder Streamen. Der größte Anteil meines geneigten Publikums besitzt im Auto und oft auch noch zu Hause einen CD-Player mit zugehöriger HiFi-Anlage. 

Wie schon auf meiner ersten CD “Jazz” aus dem Jahr 2012 habe ich einige gut abgehangene Standards des Great American Songbooks nebst selteneren Stücken solo im Fingerstyle eingespielt, wiederum auf durchaus betagten Instrumenten. Den Anspruch, die Songs mit ihrem jeweiligen zeitgenössischen Gitarrensound zu versehen, habe ich inzwischen aufgegeben. Wenn Gott gewollt hätte, dass wir die Archtops ausschließlich akustisch spielen, warum hat er uns dann den Tonabnehmer und den Verstärker geschenkt?

Die Aufnahmen im Picking-Style à la Chet Atkins wurden mit einer No-Name-Gitarre aus den 1940er Jahren, die allerdings mit einem alten Framus-Pickup versehen ist, aufgenommen, die Balladen und einige Swing-Stücke mit einer Gibson L-5 1934 reissue, wobei ich mich hierbei eher an meine aktuelle Laune denn an eine feste Regel gehalten habe.

Beide Gitarren sind über einen AER Compact 60 gespielt, welcher von Clemens Bröse im Übungsraum unseres Jazztetts per DI und Mikro abgenommen wurde. Er hat mit größter Geduld und Bedachtheit an einem Tag alle wohlklingenden Takes der ausgesuchten Standards (und noch einige mehr) aufgenommen, mit denen ich anschließend zum Mixen ins Studio ging.

Den Mix und das Mastering erledigte wie seit über 30 Jahren Oskar Schrems im Tonstudio Success in Fürth. Im Gegensatz zu den 2012er Aufnahmen stand bei diesem Mix nicht der akustische Klang der Gitarre im Vordergrund, sondern der Sound des jeweiligen Songs. Oskar hat keine meiner bisweilen ausgefallenen Ideen im Vornherein abgelehnt und sie allesamt mit seiner Erfahrung und hochwertigster Technik wunderbar umgesetzt.

Die Songs auf dreipunktnull sind natürlich aus meinem Live-Repertoire und überwiegend Swing-Nummern bzw. Balladen aus den 1920er bis 1950er Jahren, wie immer mit ein paar Ausreißern.

Folgende Nummern findet Ihr auf der CD, in der Reihenfolge dieser Beschreibung::

S‘ Wonderful! aus dem Jahr 1927 von George Gershwin ist eine flotte Swingnummer zum Einstieg, gefolgt von After You‘ve Gone (1918) von Creamer & Layton. Ich liebe diesen Song! Er war bereits vor 100 Jahren (!!!) ein Nummer-1-Hit und hat nichts von seinem Charme eingebüßt. Und weil er sowohl als tragische Ballade wie auch als Medium-Swing taugt, spiele ich ihn auf dreipunktnull auch in beiden Versionen. Attila Zoller schrieb The Birds and the Bees im Jahre 1971. Ein tolles Stück, welches viel zu selten gespielt wird. Helmut Kagerer hat mich seine Version gelehrt, die mir so gefiel, dass ich sie sofort auf CD bannen musste. Jedes mit durchsetzungsfähigen Bläsern bestückte Ensemble spielt Caravan von Duke Ellington (1936). Als Stück für Solo-Gitarre ist es eher selten zu finden, in meinem aufregenden Arrangement schon gar nicht. Eine Zierde dieser CD! Der Gitarrist Joe Bawelino zeigte mir den wunderschönen Troublant Bolero von Django Reinhardt, erstmals 1948 erschienen. Für diese Nummer gibt es kein Sheet, keine Notation, ich habe es mir tatsächlich von Joe abgeguckt. Umso mehr freut mich die meines Erachtens sehr gelungene Einspielung. Es geht in sehr gemäßigtem Tempo weiter mit Cry Me a River aus dem Jahr 1953 von Arthur Hamilton, welches von Douce Ambiance (1943), einem weiteren Django-Reinhardt-Song abgelöst wird. Auch diese Komposition ist bis dato eher selten solo aufgenommen worden. Es folgt I’m Confessin’ That I Love You (1930, Ellis Reynolds) eine flotte Ballade (oder ein langsamer Swing), gefolgt von dem Heiligen Gral der Fingerstyler I Got Rhythm. Das Gershwin-Tune aus dem Jahr 1930 ist natürlich von jedem Jazzgitarristen schon einmal aufgenommen worden, weshalb ich für meine Version sicher keinen Innovationspreis gewinnen werde. Dennoch ein heftig swingender Fingerstyle-Klassiker! Das 1944 von Karl Suesddorf geschriebene Moonlight in Vermont ist eine wunderschöne, schon fast etwas klebrige Ballade. Das Intro habe ich von Joe Bawelino geklaut, zumindest von der Idee her. Out Of Nowhere von Johnny Green (1931) bietet einen swingenden, melodischen Song, bei dem als technische Finesse tatsächlich Vierteltriolen in der Melodie zur straiten Viertelbegleitung im Bass gespielt werden, was eine 2:3 Rhythmik innerhalb einer (Zupf-)Hand bedeutet. Beyond The Sea aus dem Jahr 1943 von Charles Trenet ist vielen als La mer bekannt und ein immergrüner Hit. Jeder hat „Findet Nemo“ gesehen! Softly as in a Morning Sunrise (1929) von Sigmund Romberg ist ein Medium-Swing mit einer groovenden Basslinie. Schon 1954 schrieb der geniale Jazzgitarrist Johnny Smith über die Akkorde von Softly as in a Morning Sunrise das ikonische Walk, Don’t Run, welches ich im zweiten Chorus zitiere. Der Swing Secret Love (Sammy Fain, 1953) und das tragische What Are You Doing the Rest of Your Life von Michel Jean Legrand aus dem Jahr 1969 schließen die CD ab.

Wenn Ihr, liebe Leser, auch zu meinen lieben Hörern werden wollt, dann bestellt Euch eine der edlen Silberscheiben bei mir (ganz einfach per Mail an info@gige.de) und lasst Euch von den Gitarrenklängen verzaubern. Ups, das klang jetzt etwas zu sehr nach Ricky King…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Neue Helden

Liebe Leser,

Corona geht mir (na gut, wem nicht?) gehörig auf die Nerven. Aber Wehklagen hilft auch nicht. Nachdem ich einige Tage in Quarantäne mein inzwischen schon gut abgehangenes Fingerstyle-Solo-Programm aufpoliert hatte, lief mir folgendes Gitarrlein über den Weg:

Dies ist eine Artesano Flamenco S, ein nach spanischen Vorgaben in China hergestelltes relativ preiswertes Instrument. Für die Perkussionsrabauken unter den Flamencogitarristen hat man einen durchsichtigen Plastikschutz rund um das Schallloch auf die Decke geklebt. Das fiel mir erst bei der Inbetriebnahme auf, stört mich aber nicht. Natürlich werde ich im fortgeschrittenen Alter kein Flamencogitarrist mehr (hier >>> könnt Ihr genauer nachlesen, warum nicht), aber ein schöner Bossa Nova klingt gleich viel authentischer. Und ich begann, mich in die Welt des seichten Gedudels der beginnenden 1960er Jahre zu vertiefen…

Natürlich spiele ich die Standards der Bossa Nova (aus dem Portugiesischen: DIE „Neue Welle“, daher DIE „Bossa Nova“) wie das unvermeidliche (aber nichtsdestotrotz schöne) Girl from Ipanema, Wave oder Desafinado seit vielen Jahren. Das Jobim-Zeugs halt. Aber es diente mir immer eher zum Ausruhen (was an sich völlig korrekt ist) oder zum Einstieg in eine Session mit Musikern, die ihre Karriere noch vor sich haben. 

Nun hat Antônio Carlos Jobim zwar wahrscheinlich die Hälfte aller Bossas (diesen vereinfachten Plural möchte ich gerne weiterhin verwenden) geschrieben, aber die gottseidank obligatorische Gitarre spielten zumeist andere. Und was für welche!

Als meine neuen Helden erwählte ich João Gilberto, Luiz Bonfá und Baden Powell de Aquino (dessen Namen man zumindest bei der ersten Erwähnung komplett angeben muss, da er nach dem Gründer der Pfadfinderbewegung Baden Powell benannt wurde). Meiner selbst auferlegten Beschränkung auf drei Helden ist der großartige Laurindo Almeida (und sicher noch viele andere) zum Opfer gefallen. Sorry!

Der erst im letzten Jahr verstorbene Gilberto hat den Sound der Bossa Nova durch sein unaufgeregtes, sehr lässiges, dabei aber durchaus virtuoses Gitarrenspiel zum fast geflüsterten Gesang geprägt wie kein anderer. Sein Desafinado lässt einen ob der unglaublichen Unabhängigkeit zwischen Gesang und Begleitung fast ratlos zurück.  

Baden Powell war ein bedeutender brasilianischer Gitarrist, der zwar stets zu den Pionieren der Bossa Nova gezählt wird, in seinen Performances jedoch zumeist spanische Gitarre mit einem kräftigen Schuss Flamenco bietet. Seine 1970 auf Film festgehaltene Solo-Darbietung von Manhã de Carnaval (Black Orpheus) mit einer brennenden Zigarette zwischen den Fingern der Zupfhand und einer Greifhand mit zu langen und auch noch schmutzigen Fingernägeln ist allerdings eine echte Perle…

Bleibt Luiz Bonfá. Er spielt schon ab den 1960ern einen fulminanten Fingerstyle, der einen Vergleich mit den heutigen Ikonen durchaus stand hält. An seinem Batucada beisse ich mir seit zwei Wochen regelmäßig die Zähne aus. Hat man die rhythmische Finesse eines bestimmten Taktes erst einmal verinnerlicht (was natürlich nicht bedeutet, dass man diesen dann auch schon anständig spielen kann), sind vorhergehende oder nachfolgende Teile schon wieder vergessen. Eine höchst beeindruckende Vorstellung seinerseits, bei Youtube hier >>> nachzusehen.

So verbringe ich meine zwangsläufig erlangte zusätzliche Freizeit mit der Erarbeitung sämtlicher Bossas/Sambas, derer ich habhaft werden kann, um in einer Post-Corona-Zeit mein neues Bossa Nova Programm vorzustellen. Bis dahin habe ich die Portraits meiner früheren Gitarren-Götter wie Eddie Lang, Django Reinhardt, Barney Kessel und Martin Taylor etwas weiter nach hinten im Regal geschoben (ihre Kunst und ihr Einfluss soll keinesfalls geschmälert werden, ich stelle sie ja nicht weg!) und die von João Gilberto, Luiz Bonfá und Baden Powell davor drapiert. 

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Mit der Gießkanne!

Liebe Leser,

normalerweise arbeite ich länger an einem Text, als ich es bei diesem getan habe. Aber in diesem Fall wäre er dann einfach etwas zu spät gekommen. Und das leitet elegant in mein heutiges Thema. Finanzielle Sofortmaßnahmen gegen die Corona-Krise

Klammer auf

Ich blogge nicht über politische Themen. War so abgemacht. Aber zum Einen haben wir mit einer medizinischen und in der Folge wirtschaftlichen Krise zu kämpfen und zum Anderen ist das Thema nicht politisch, sondern eher technisch… finde ich.

Klammer zu

Um die durch die Corona-Pandemie entstandenen wirtschaftlichen Schäden, welche durchaus existenzbedrohend sind, abzumildern, haben sich zügig die Bayerische Staats- und kurz darauf auch die Bundesregierung für auf den ersten Blick gewaltige finanzielle Hilfsmaßnahmen entschieden. Während es für Arbeiter und Angestellte schon unterschiedliche Mechanismen (mir fällt hier als Erstes das Kurzarbeitergeld ein) gibt, sehen Freiberufler (das ganze Künstlergesums) und kleine Selbstständige in solchen Fällen ziemlich alt aus. Wenn der Laden dicht gemacht wird (sagen wir zum Beispiel ein Friseursalon), dann tendiert die Liquidität zügig gegen Null. Livemusiker müllen inzwischen mit ihren Online-Performances das Web zu, verdienen aber sicher noch schlechter, als sie es ohnehin gewöhnlich tun. Und wer soll sich denn das alles gleichzeitig ansehen? Aber der Friseur kann die Haare nicht über das Web schneiden und nach zwei Wochen ist die seit langem nötige Inventur dann auch erledigt. Es muss also zügig Kohle reinkommen.

Nun preschte also unser Ministerpräsident Söder mit einer Soforthilfe vor. Maximal 5000 € für einen Einzel-Selbstständigen oder Inhaber eines kleinen Unternehmens mit bis zu fünf Mitarbeitern sollte es geben. Schnell und unbürokratisch. Klingt ok, aber wenn ich alleine die abgesagten Jobs im April zusammen rechne, ist das kein unverhoffter Geldregen, sondern eine etwas extrapolierte Entschädigung.

Inzwischen ist auf der Website der Bayerischen Staatsregierung allerhand an Text hinzugekommen – ich könnte schwören, dass das letzte Woche dort noch nicht stand – so z.B. dass vor der Soforthilfe persönliche Mittel aufzubrauchen sind und dass es wegen der (unerwartet?) hohen Nachfrage keine Empfangsbestätigungen gibt. Von Rückfragen ist abzusehen.

Nun haben sich so arme Schlucker wie Adidas dazu hinreißen lassen, Mieten für ihre wegen der Pandemie geschlossenen Stores auszusetzen. Man ist offenbar nach öffentlichem Druck inzwischen wieder etwas zurückgerudert, aber das Signal ist fatal. Denn nach einem Ausbleiben der Miete können die Darlehen, welche zum Erwerb der Immobilie aufgenommen wurden, nicht mehr bedient werden. Und meine HypoVereinsbank wird eine traurige Geschichte vom säumigen Mieter nicht interessieren, die wollen ihre monatliche Rate. Nein, ich vermiete keinen Laden an Adidas, aber das Prinzip ist klar, oder? Einfach Zahlungen einstellen scheint daher keine praktikable Lösung zu sein.

Sobald sich einzelne Gruppen von Menschen (oder auch einzelne Unternehmen) als besonders hilfs- bzw. geldbedürftig erachten, wird eine unbürokratische und schnelle finanzielle Unterstützung torpediert, auch wenn die jeweiligen Gründe durchaus legitim sein mögen. Nur der Prozess zur Prüfung und Bescheidung ist dann derart aufwändig, dass er für eine schnelle Maßnahme nicht mehr taugt. Ihr könnt am deutschen Steuerrecht, welches wohl das komplizierteste der Welt ist, weil es versucht, es wirklich JEDEM recht zu machen, sehen, wohin es führt, wenn man einen solchen Anspruch hat.

Ich bin deshalb ausnahmsweise ein Verfechter des Gießkannenprinzips. Wir müssen ja nicht, wie es in den USA geplant war, einfach Schecks mit dem Hubschrauber abwerfen (das mit dem Hubschrauber habe ich erfunden!), aber das sogenannte bedingungslose Grundeinkommen für JEDEN auf sechs Monate wäre meines Erachtens der einfachste und schnellste Weg, die wirtschaftlichen und sozialen Schäden durch die Corona-Krise abzumildern. Über den Daumen kostet das irgendwas zwischen 2 und 3 Billionen (europäische, keine amerikanischen, also die Zahl mit den 12 Nullen) Euro, was zumindest in der Nähe der ganzen unendlich komplizierten geplanten Rettungsschirme liegt. Und wir sparen Abermillionen, weil wir nicht unsere Verwaltung und die Gerichte mit Tausenden von überforderten Sachbearbeitern aufblähen müssen, die dann wiederum unendlich lange über jeden einzelnen Fall entscheiden müssen.

Ich lasse mich sonst selten zur Unterschrift in Petitionen hinreißen, aber diese habe ich bei change.org unterstützt, neben über 400.000 anderen: 

http://chng.it/Zbg9bzZ49n

Ok, der Link sieht bescheuert aus, aber er funktioniert. Sicher, wir brauchen gesunde Menschen. Aber wir brauchen auch welche, die Mieten zahlen, Sachen konsumieren, also Geld ausgeben können. Und das dann vielleicht auch mal wieder für Jazz…

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige 

Inside Jazz – Jazzworkshop Erlangen 2020

Liebe Leser,

heute möchte ich Euch wie jedes Jahr vom Jazzworkshop Erlangen berichten, der stets am Karsamstag startet. Die Tatsache, dass wir noch lange nicht Ostern haben, so dass ein Resümee frühestens in fünf Wochen erfolgen könnte, ficht mich nicht an, denn der 40. Internationale Jazzworkshop Erlangen wird nicht in diesem Jahr stattfinden!

Mit der Stilllegung des gesamten öffentlichen Lebens in Mitteleuropa hat es nicht nur sämtliche Gigs, Mucke-Jobs oder CD-Releases meinerseits erwischt, sondern auch eben den schönen Workshop. Dass es mit der Nummer 40 ein zudem beeindruckendes Jubiläum geworden wäre, toppt die Tragik noch.

Uneingeweihte trösten mich gerne mit dem Vorschlag, dafür eben nächstes Jahr wieder zu gehen oder zu einem anderen Workshop im Herbst, wenn die ganze Malaise mit der Pandemie sicherlich vorbei sei. Nun stehe ich aber in regelmäßiger Kommunikation mit Musiker-Kollegen, die ich allesamt in Erlangen kennengelernt habe. Es ist eben nicht nur irgendeine ausgefallene Veranstaltung, die Woche ist für viele – hier darf ich OH zitieren – das “musikalische und soziale Lebenselixier”, welches bei Vielen für einige Monate lang zum Durchhalten reicht. Bitte schön, lacht mich aus, aber ich sehe das genauso!

Wie die anderen Kursteilnehmer und vor allem natürlich der Organisator Rainer Glas sind wir nach der unabwendbaren endgültigen Absage allesamt in eine Schockstarre gefallen. Rainer, der tatsächlich 11 Monate Arbeit (nicht durchgehend, aber sicherlich kontinuierlich) innerhalb einer Woche abschreiben konnte, ist am Boden zerstört und büßt mit Sicherheit auch noch einiges an Geld ein. Während Rainer Glas die Scherben zusammenkehrt und viele Teilnehmer (ich natürlich auch) ihre Anmeldung auf das Jahr 2021 übertragen haben, kann ich in diesem Blog ja etwas fabulieren, wie er gewesen wäre, der 40. Internationale Jazzworkshop Erlangen, hätte er denn stattgefunden…

Schließt die Augen und lasst Euch mitnehmen… Moment, das ist ja völlig bescheuert. Mein Blog ist ja kein Podcast. Also weiterlesen. Es hätte sich in etwa so abgespielt:

Um exakt 12 Uhr am Karsamstag setze ich mich ins Auto und fahre Richtung Erlangen. Die Workshop-Reisetasche ist nach Packliste bestückt und wie immer etwas zu voll, so dass Sakko und ein zweites Paar Schuhe separat transportiert werden müssen. Im Kofferraum liegen zwei frisch besaitete Gitarren, dieses Jahr fiel meine Wahl auf meine Gibson ES-150 und meine Höfner Senator, nicht meine besten Stücke, aber in unzähligen Bühnenschlachten erprobt und eben täglich tauglich (was ich jetzt nur geschrieben habe, weil die Aliteration so schön klingt). 

Der teuflische Masterplan ist es, zunächst den Theaterplatz in Erlangen anzufahren, in meinem geliebten “Hotelchen” einzuchecken, dann zum Veranstaltungsort zu fahren, das Auto dort in der Nähe dauerhaft zu parken und dann noch gute zwei Stunden im Innenhof der VHS herumzulungern um die lange vermissten Freunde und Workshopteilnehmer einzeln zu begrüßen.

Obwohl ich auch zwischen den Workshops regelmäßig nach Erlangen fahre, lassen sich die Mitarbeiter der Baubehörde immer wieder etwas einfallen, um mich mit stets neu entstandenen Baustellen und Straßensperrungen von meinem Ziel abzubringen. Google sei Dank bin ich inzwischen gut vorbereitet und kurz vor 13 Uhr auf einem etwas engen Parkplatz im Herzen der Hugenottenstadt. Ich wuchte meine Taschen und eine Gitarre in das wie immer blitzsaubere Hotelzimmer und begrüße Nora, Selina, Herrn Blau und Sir Richard (die beiden letztgenannten sind die Hotel-Hunde) und genieße einen Begrüßungs-Cappuccino und eine Filterzigarette im Hof. Ja, in dieser EINEN Woche im Jahr qualme ich mal wieder echt. Sonst kaum, ehrlich!

Mit Googles Hilfe geht es dann zügig Richtung VHS. Ich kann den Wagen ordentlich parken und begebe mich dann mit Gitarre und Amp bepackt zum Kursgebäude. Ah, mein Lieblingswirt steht hinter der Theke des “Cafe International” und bereitet mir nach netter Begrüßung und kräftigem Händeschütteln einen starken und leckeren Kaffee, zudem zu einem äußerst fairen Preis. Ich betrete bei strahlendem Sonnenschein den wunderschönen Innenhof der VHS, zünde mir gleich nochmal eine an und – der Urlaub 2020 hat begonnen!

Die offizielle Registrierung beginnt ab 15 Uhr, doch Elke (die Partnerin des Kursleiters Rainer Glas) sitzt schon am Tisch und die Anmeldung ist in Sekundenschnelle erledigt.

Ich nutze die Zeit bis zur Workshop-Eröffnung für einen Plausch mit den sukkzessive eintrudelnden Kursteilnehmern, die ich kenne oder eben jetzt kennen lerne. Ah, meine Lieblings-Kontrabassisten Ralph und Frank sind dieses Jahr wieder dabei, super! Jörg aus Berlin, ein Spitzen-E-Bassist, mit dem ich in den letzten Jahren viel gespielt und noch viel mehr getrunken habe. Der hat abgenommen, ich zu – Mist! Da ist Klaus, der hervorragende Gitarrist aus Niedersachsen, den ich schon auf meinem ersten Workshop hier kennenlernte. Offensichtlich gesund und munter! Martin trifft ein, ein sehr starker Gitarrist aus der Nähe von Erlangen, mit dem ich auch außerhalb des Workshops Kontakt pflege und bisweilen einen Gig spiele. Und Johannes, mein Lieblingstrompeter, mit dem ich auch 2019 einige Jobs gespielt habe. Hach, es ist eine wahre Freude!

Die Dozenten trudeln ein. Ein kleiner Plausch mit Tony Lakatos und Rick Margitza, ein paar derbe fränkische Floskeln mit Bernhard Pichl, ein Kaffee und eine Zigarette mit Helmut Kagerer, der nach langwierigen Schwierigkeiten mit den Sehnen endlich wieder an Bord ist, ein paar warme Worte mit dem wie immer flink umher eilenden Harald Rüschenbaum und eine lange Umarmung der wie stets etwas knapp eingetroffenen Romy Camerun. Nach etwa 50 Begrüßungen, Gesprächen und ebenso vielen Kaffees und Zigaretten (das war ein Scherz!) treibt Rainer Glas seine Herde in der Saal der VHS zur Vorstellung der Dozenten und offiziellen Eröffnung des Workshops.

Und weil ich nun tatsächlich etwas vom Schmerz übermannt werde, dass diese Dinge im Jahr 2020 nicht passieren werden, breche ich an dieser Stelle mit dem (fiktionalen) Bericht ab und sehe der Tatsache ins Auge, ein Jahr ohne den Erlanger Jazzworkshop auskommen zu müssen. 

Ein erfahrener Kursteilnehmer wie ich stellt sich über das Jahr eine kleine Wunschliste mit Dingen zusammen, die er über die Osterwoche in Erlangen erledigen möchte: 

  • Eine Stunde als Gast in Tonys Instrumentalunterricht. Ich spiele zwar nicht Saxophon, aber die Herangehensweise eines Weltklasse-Spielers an harmonische Herausforderungen ist auch für einen Gitarristen hochinteressant.
  • Den doofen Verminderten in “The Nearness of You” mit Bernhard Pichl auschecken. Bernhard blieb noch niemals eine Antwort auf solcherlei Fragen schuldig.
  • Einer Bigband-Probe mit Harald Rüschenbaum beiwohnen. Es ist unfassbar, was dieser Mann innerhalb einer knappen Woche aus einem bunt zusammengewürfelten Haufen herausholt. Dem Magier bei der Arbeit zusehen…
  • Mit Rainer Glas das Konzept des “Melodisch-Dur” diskutieren. Der Ansatz ist nicht uninteressant, wenn man etwas darüber nachdenkt und ich hatte ja einige Monate Zeit dazu.
  • Eine Stunde bei den Sängerinnen unter der Leitung von Romy Camerun (nur als nicht-singender) Gast. Romy ist eine Meisterin sowohl an der Stimme wie auch am Klavier und zudem eine begnadete Lehrerin.
  • Ein paar coole Stunden bei und mit Helmut Kagerer und vielleicht das ein oder andere Bierchen.
  • Viele Sessions mit meinen lieben Workshop-Kollegen im E-Werk und auch im “Cafe International” 
  • Und 1 x Ente im “Mekong”

Eigentlich steht noch mehr auf der Liste, aber das wird dann eventuell doch etwas langatmig. Ich denke, der Punkt ist klar. Der Workshop wird mir bitter fehlen und ich bin auch einige Tage nach der Absage noch am Boden zerstört. Schon das Aufschreiben des obigen Textes mit der Beschreibung des Workshops-Auftaktes erzeugt eine Vorfreude, die ja in nächster Zeit nicht in tatsächliche (Freude) eingewechselt werden kann. Ein Jammer.

Dass es außer uns Erlangen-Junkies in Deutschland derzeit einige Millionen Menschen gibt, die ihre Urlaubs- und sonstigen Pläne begraben müssen und dass insbesondere Musiker und Freiberufler viel mehr wegen wegbrechender Einnahmen als einem ausgefallenen Jazz-Workshop betrübt sein müssten, tröstet nicht wirklich.

So bleiben wir gemäß aktueller Verordnungen brav zu Hause und harren besserer Zeiten und eines wirkungsvollen Impfstoffes gegen Covid-19.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige