Auf dem Nachttisch – Tyll

Liebe Leser,

ich weiß, das häuft sich, pardon, aber ich habe schon wieder ein Buch gelesen. Das waren also zwei in den letzten Wochen. Und jetzt kommt “drei”, glaube ich…

Diesen Satz habe ich wohl im November 2017 geschrieben. Und dann habe ich die Rezension mehr als ein Jahr liegen gelassen, so dass ich sie Euch heute gut abgehangen zum Lesen vorwerfe. Gut, das klang jetzt etwas schräg, pardon. Aber da ich die Beiträge in diesem Blog für genau keinerlei Vergütung erstelle, darf ich mir solchen Schlendrian erlauben. Das Buch ist ja nicht schlechter geworden, nur weil es schon seit über einem Jahr auf dem Markt ist, gell?

“Tyll” von Daniel Kehlmann also. Der Roman ist bei Rowohlt erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 22,95, als Taschenbuch 12 Euro.

Nun gefällt mir Kehlmanns Schreibe einfach. Klar, Deutschlehrer, Hobby- und professionelle Literaturkritiker können sich wie immer austoben (was sie bei Amazon auch tun), aber ich persönlich fand schon in dem Roman “Ruhm” seinen Erzählstil spannend (die “Vermessung der Welt” werde ich mir noch reinziehen) und genoss die einzelnen Episoden wie auch die Verbindung derselben. Ich freute mich also auf “Tyll”.

Zudem hat das Buch ein grandioses, finsteres Cover, von dem leider der zuständige Künstler nicht auf die Schnelle zu ermitteln ist, das zum Einen Lust auf die Lektüre macht, zum Anderen auch eindringlich darauf hinweist, dass es sich bei diesem Buch eher nicht um eine Sammlung von harmlosen Eulenspiegeleien handeln wird.

Und dann begann ich zu lesen. Daniel Kehlmann hat seinen Tyll, für den selbstverständlich die literarische und wahrscheinlich auch reale Gestalt des mittelalterlichen Till Eulenspiegel Pate stand, in die Frühe Neuzeit versetzt, in das vom Dreißigjährigen Krieg materiell wie geistig und moralisch völlig zerstörte Mitteleuropa. Weil Kehlmann ein hervorragender Schilderer ist, strömt der Verwesungsgeruch des untergegangenen Europa quasi aus jeder Buchseite.

Wie in “Ruhm” verwebt der Autor verschiedene Handlungsstränge mit realen Zeitgenossen und erfundenen Protagonisten durch die Person Tylls, der eben ein Teil der jeweiligen Episode ist und den roten Faden der Erzählung bildet. Bereits das erste Kapitel endet mit einem sehr unerwarteten Twist (was man ahnen kann, wenn man Kehlmann schon einmal genossen hat) und lässt einen etwas baff zurück. Aber das macht süchtig (also zumindest mich), so dass ich das immerhin 480 Seiten starke Werk doch recht zügig durchgelesen habe. Details? Aber ich bitte Euch, so was wird nicht geteasert! Selber lesen, die Taschenbuchausgabe ist bezahlbar.

Ich darf zusammenfassen: Ich persönlich war wieder einmal von einem Kehlmann-Buch beeindruckt und habe “Tyll” gerne und freiwillig in kurzer Zeit durchgelesen. Mancher mag sich an der Vermischung von historischen Tatsachen und Fiktion stören, ich habe es genossen. Und wenn auch missliebige Rezensenten die Schilderungen des Dreißigjährigen Krieges eines Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (im “Simplicissimus Teutsch“) denen von Daniel Kehlmann vorzieht, bleibe ich dabei. Er hat es (wieder einmal) gut gemacht!

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Auf dem Nachttisch – Ein Satz an Herrn Müller

Liebe Leser,

puh, ich bin durch. Einige Wochen für einen einzigen Satz! Gelesen habe ich “Ein Satz an Herrn Müller” von Elmar Tannert. Das Buch ist bei ars vivendi erschienen, hat 256 Seiten und kostet 18,00 Euro. Außerdem ist heute Mittwoch, nicht Dienstag, aber da will ich mal mit mir nicht so streng sein. Zur Sache bzw. zum Buch:

Elmar Tannert ist ein Nürnberger Autor (ok, geboren ist er in München, aber er wohnt schon lange hier), der vor allem durch die Veröffentlichungen von Kriminalromanen (zusammen mit Petra Nacke) bekannt wurde, zumindest in der Region. Und zwei Dinge kann er besonders gut: Krimi und Bier!

[Anmerkung: Ich weiß, dass es die Konstruktion “Er kann Bier” nicht gibt. Aber ich will auch mal schlagende Sätze produzieren, wie es Jung-Journalisten und Werbefritzen andauernd tun…]

Denn auch seine Ausflugsführer in tschechische und fränkische Bierlandschaften erfreuen sich großer Beliebtheit bei der Leserschaft und zeugen von großer Fachkenntnis des Autors auf diesem Terrain.

Nun also “Ein Satz an Herrn Müller”. Als Plot für die Konstruktion eines 245 Seiten langen Textes ohne Punkt (dafür mit genügend Kommas) dient die Anfrage des Ich-Erzählers an Herrn Müller, einen “Gestalter von Wohnräumen und Erfüller von Wohnträumen”, ihm doch eventuell die Wohnung/das Heim so einzurichten, dass dieser Ort ihm sowohl zur Inspiration wie auch eben als Zufluchtsort dienen könne. Allerdings dient diese Anfrage – natürlich – ausschließlich als Anlass für einen 245-seitigen Monolog, welcher seinerseits zur Verarbeitung der kürzlich verflossenen großen Liebe und der Schilderung des eigenen Daseins als Bohémien in der beengten Heimatstadt Nürnberg dient.

[Anmerkung: Beim Begriff “Bohémien” habe ich erst einmal recherchiert, ob es angemessen ist, ihn im Zusammenhang mit dem Autor zu nennen. Doch jetzt scheint er mir anhand der durchaus gelungenen Passagen über Absturz, Trunkenheit, erfüllte und unerfüllte Liebe, die schlecht beheizte Wohnung, die tyrannische Vermieterin und die Abende mit Bier und Bleistift in der Stammkneipe durchaus passend.]

Elmar Tannert hat Skizzen aus seinem Leben und viele Einsichten, Gedanken, Splitter in diesen Satz / das Buch geschrieben. Bisweilen strengt die Vorgabe des “einen” Satzes an, wenn eigentlich ein (Schluss-)Punkt den aktuellen Gedanken zu Ende gebracht hätte. Aber das ist nun einmal die Pointe. Auch ist die immer wiederkehrende Ansprache des imaginären Gesprächspartners und das Eingehen auf dessen mehrfach erwähnte Kompetenzen bisweilen etwas bemüht, um eben den Faden des Buches nicht zu verlieren. Denn eigentlich geht es natürlich nur um eins: Das Leben des darbenden Schriftstellers in der Südstadt unseres beschaulichen Nürnbergs samt der physischen und psychischen Widrigkeiten, denen der freiberufliche Künstler permanent ausgesetzt ist. Übrigens meine Hauptmotivation für die meisten Blogtexte…

Nun kann Elmar Tannert definitiv sehr gut schreiben und da ich selbst des öfteren (wie zum Beispiel in diesem Blog aber durchaus auch an anderer Stelle) mit Texten vor mich hin dilettiere, werde ich sicherlich nicht an seiner makellosen Sprache und seiner Wortkunst herumkritisieren.

Oft trifft er in seinen Schilderungen der Nürnberger Südstadt und seiner durchaus skurrilen Bewohnerschaft sehr gut, so dass sich ein behagliches “ja, den/die/das kenne ich” einstellt, oft aber kippt die schönste Schilderung in ein melancholisches Lamento ob der vergangenen Liebe seines Lebens. Die Frustration zieht sich etwas zu sehr durch das Buch, was leider bisweilen Langeweile erzeugt. Ich möchte daher “Ein Satz an Herrn Müller” als “bedingt lesenswert” einstufen. Da dieser Blog ohnehin nur eine überschaubare Leserschaft erreicht, kostet diese Rezension den durchaus sympathischen Autor somit kein Geld, was prinzipiell nicht Absicht solcherlei Besprechung sein soll.

Äußerst angetan war ich übrigens von Layout und Herstellung des Buches, für die ars vivendi (und sicherlich auch Elmar Tannert) verantwortlich zeichnet. Ein klassischer Satzspiegel (Bundsteg: Kopfsteg: Außensteg: Fußsteg 2 : 3 : 4 : 6), eine gut lesbare Serifenschrift für den Fließtext (Kapitel-Überschriften gibt es ja per se nicht), eine hochwertige Klebung, Schutzumschlag und ein Lesebändchen – alles was das Herz begehrt. Angesichts der völligen Ahnungslosigkeit, mit der von jungen Designern und Medienherstellern heutzutage Drucksachen entworfen und produziert werden, eine wirkliche Oase in der Layoutwüste des Jahres 2018.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Auf dem Nachttisch – Heute hat die Welt Geburtstag

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Liebe Leser,

eine Rezession… äh… Rezension. Ich habe tatsächlich allerhand gelesen in letzter Zeit. Das kommt auch noch, ehrlich jetzt! Aber besprechen möchte ich in diesem Beitrag ein Hörbuch. Ist ja auch bequem, so was kann man en passant beim Autofahren konsumieren. Es geht um “Flake – Heute hat die Welt Geburtstag”. Das Hörbuch ist bei tacheles!/ROOF Music erschienen, umfasst sechs Audio-CDs und kostet 16,99 €.

Flake, bürgerlich Christian Lorenz, ist seit Anbeginn seines Erwachsenenlebens Musiker und seit 1994 der Keyboarder der Band Rammstein. Nun bin ich weder Fan der Band, noch kann ich mit deren Musikstil “Neue Deutsche Härte” besonders viel anfangen. Zudem war mir Rammstein, wohl wegen des skurrilen Videos zum Depeche-Mode-Cover “Stripped” aus dem Jahr 1998 noch in Erinnerung, in dem Aufnahmen der Olympischen Sommerspiele 1936 von Leni Riefenstahl eingesetzt wurden. Und aus den genannten Gründen eben nicht in bester Erinnerung. Aber Flake… das ist eine Type, die muss man gelesen, oder besser noch: gehört haben! Flake war in DDR-Zeiten Punk – was man sich im real existierenden Sozialismus eben so unter Punk vorstellte – und Mitglied der in Vorwendezeiten in der DDR durchaus bekannten Punkband “Feeling B” (B wie Bunk … pardon, der musste sein!). Also zumindest aus seiner persönlichen Geschichte kein Rechter, eher im Gegenteil.

Als Verehrer der Hörbücher des Tanzmusik-Chronisten Heinz Strunk (“Fleisch ist mein Gemüse”) hatte ich so meine Erwartungen an einen weiteren Erzähler, der aus dem Alltag eines Musikers berichtet, auch wenn es diesmal wohl eher die um die glamourösen Abenteuer eines international erfolgreichen Rockmusikers gehen würde, als um die eines sympathischen Muckers im Hamburger Umland.

Doch es kam wie so oft anders. Aber nicht schlecht. In lakonischen Anekdoten ohne zeitliche Reihenfolge – über die Sprünge sollte man sich nicht ärgern, einfach genießen – beschreibt Flake die Gedanken des großen Jungen aus der DDR, der immer nur Musik machen wollte, mit seinen Bandkollegen die kindliche Freude an allen Arten von Pyrotechnik teilte und dann von dem Erfolg der Band Rammstein völlig überrascht wurde. Dass die Band inzwischen einen eigenen Nightliner für die Reisen zu den gigantischen Konzert-Arenen samt Technik-Crew und Koch nutzt und sich sogar einen eigenen Privatjet mieten kann, erfüllt den stets etwas über-bescheidenen und zurückhaltenden Ossi (was an dieser Stelle nicht despektierlich sein soll, er geht selbst damit hausieren) immer wieder mit ehrfurchtsvollem Staunen über den eigenen Lebensweg.

Ein eventueller Voyeurismus über die Exzesse einer hochdotierten Rock-Band auf Tour wird allerdings nicht bedient, was ich persönlich schade finde. Aber derlei Literatur gibt es ja zuhauf, so dass auch die wesentlich weniger beeindruckenden, dafür witzigeren und skurrileren  (ein bisschen viel Komparativ, zugegeben) Erzählungen im leicht naiven, mit Berliner Schnauze vorgetragenen Ton gefallen!

Und wenn dann Flake berichtet, dass es ihm mehr als einmal passiert ist, dass er von der Security nicht als Bandmitglied erkannt wurde, nachdem er nur eben für eine Zigarette den Veranstaltungsort verlassen hatte (man darf ja nirgends mehr backstage rauchen), dann fühle ich eine große Verbundenheit mit dem Autor. Solches passiert mir bei den Jobs mit meiner Tanzkapelle auch regelmäßig.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Auf dem Nachttisch – Eine Kulturgeschichte des Wolfs

Liebe Leser,

dass ich hin und wieder ein Buch lese, ist bekannt. Dass ich bisweilen eins schreibe, möglicherweise auch. Doch diesmal spielte ich nur eine Nebenrolle, ich war beim vorliegenden Werk Lektor und Setzer. Aber natürlich auch begeisterter Leser!

“Eine Kulturgeschichte des Wolfs” von Rainer G. Schöller, welches jetzt im Oktober 2017 als 10. Band der “Reihe Ökologie” bei Rombach, Freiburg erschienen ist, hat 683 Seiten, 39 Abbildungen, fast 2000 Fußnoten und ein Literaturverzeichnis, das sich über 33 dichtbedruckte Seiten erstreckt… also echt ein dickes Buch!

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Eine Kulturgeschichte? Das klingt trocken und nach seitenlangen tristen Abhandlungen zu verstaubten Themen. Weit gefehlt! Naja, zumindest sind die seitenlangen Abhandlungen nicht trist.

Zunächst einmal ist der Beutegreifer Wolf derzeit in aller Munde und nahezu täglich in den Gazetten, da er sich erdreistet, nach mühseliger Ausrottung einfach wieder in Deutschland aufzutauchen und möglicherweise sogar sesshaft zu werden. Und es ist verblüffend, wie präzise alle von Betroffenen für die Vertreibung des Wolfs hervorgebrachten Argumente vorhergesagt und die oft enthaltenen Vorurteile identifiziert werden können, wenn man die “Kulturgeschichte des Wolfs” gelesen hat. Die oft geradezu pathologische Abneigung gegen den Beutegreifer ist nämlich nur selten wissenschaftlich begründet, zumeist aber das Resultat jahrhundertelanger Indoktrination. Um es festzuhalten: Der Wolf ist nicht harmlos und keinesfalls ein Haus- oder gar Kuscheltier! Aber die meisten kolportierten – aus anthropozentrischer Sicht zumeist negativen – Eigenschaften des Tiers, von denen wir zu wissen glauben, sind Sagen und Legenden, die uns seit Kindesbeinen (“Rotkäppchen und der böse (!) Wolf”) eingeimpft wurden und die einer wissenschaftlichen Verifizierung nicht standhalten.

[Anmerkung: Keine Ahnung, warum die Rechtschreibprüfung bei “Tiers” zuckt, bei “Tieres” dagegen nicht. Gemäß Duden und anderen Nachschlagewerken sind beide Schreibweisen zulässig und “Tieres” klingt immer so angestaubt. Siehe auch: Eine Kulturgeschichte des Wolfs. Waren längere Verhandlungen mit Verlag und Herausgeber… es klingt aber einfach besser. Anmerkung Ende, Klammer zu.]

Interessanterweise fand jetzt am 02.10.2017 in München eine Demonstration von Almbauern und Schäfern aus Bayern, Südtirol und Österreich unter dem Motto “Weidetiere statt Wolfsreviere” statt, wo sich “besorgte” Tierhalter für einen besseren Schutz ihrer Tiere vor dem Wolf einsetzten. Ich möchte die teilweise berechtigten Sorgen dieser Menschen nicht verunglimpfen, aber ein Déjà-vu hatte ich beim Lesen dieser Nachricht durchaus.

In der “Kulturgeschichte des Wolfs” erklärt Dr. Rainer Schöller nämlich sehr genau und mannigfach belegt, woher die ungeheure Angst und der geradezu pathologische Hass auf dem Beutegreifer kommt, welche in keiner Relation zu der realen Bedrohung stehen (was – um es nochmal zu betonen – nicht die Gefährlichkeit des Tieres herunterspielen soll). Aber die in München gezeigten Reflexe der Menschen auf das Auftauchen des Wolfs sind eben nicht neu, sie sind jahrhundertealt. Ebenso die umgehend erhobene Forderung nach Abschuss der Tiere.

Daher darf ich den Zeitpunkt des Erscheinens dieses Buches als überaus gelungen ansehen. Ein unaufgeregtes sachliches Buch in einer aufgeregten unsachlichen Zeit. Der deutsche Sprachraum hat – auch wenn das etwas pathetisch klingen mag – auf dieses Werk gewartet!

Neben vielen interessanten Erkenntnissen belegt der Autor, dass der Werwolfglaube, welcher in Europa bei unzähligen Prozessen vielen Menschen das Leben kostete, weil sie von missliebigen Zeitgenossen denunziert wurden, nicht indigen in der Bevölkerung des deutschen Sprachraums verankert war, sondern erst in der Renaissance (also ganz grob ab 1500) von der Kirche aus der Antike übernommen und wieder aufgefrischt wurde. Mit der Aufnahme der Dämonologie als Disziplin der Theologie wurden nun die teils abstrusen Geschichten um die Verwandlung von Mensch zu Wolf sozusagen offiziell als real bewertet und dienten Richtern und Geistlichen zur Rechtfertigung von mannigfachen Todesurteilen. Das betreffende Kapitel im Buch heißt übrigens treffend: “Der Wolfsmensch: Eine antike Phantasie mit fatalen Folgen”

Stück für Stück demontiert der promovierte Historiker Rainer G. Schöller Märchen, Sagen und Legenden, die dem Tier den Ruf als blutrünstiges Monster und hinterlistigen Mörder eingebracht haben, wobei er keinesfalls den Standpunkt eines naiven Naturromantikers einnimmt, sondern den des sachlichen Wissenschaftlers, der unzählige Belege ausgewertet hat und aus diesen seine Folgerungen zieht.

Schon immer, also auch in seinen früheren Werken, schildert er dabei das Alltagsleben der Vergangenheit aus der Sicht der sogenannten einfachen Leute (Bauern, Hirten und Handwerker) und nicht ein weiteres Mal aus feudaler Sicht und dies durchgehend in verständlicher, wohl formulierter Sprache. Um einige Fachtermini kommt man in einer wissenschaftlichen Arbeit nicht herum, aber derlei ist heutzutage schnell zu recherchieren bzw. übersetzen.

Wenn auch “Eine Kulturgeschichte des Wolfs” ob der gigantischen Stoffmenge kein Werk ist, das man so eben schnell einmal von vorne bis hinten durchliest, so ist es auf jeden Fall ein Nachschlagewerk, das jeder gelesen haben sollte, der in der allgegenwärtigen Diskussion um die Wiederansiedlung des Beutegreifers Wolf sachkundig seine Stimme erheben möchte. Und sicherlich wird der “Schöller” (ich darf hier den Nachnamen des Autors als feststehend für das besprochene Buch postulieren) für viele zukünftigen wissenschaftlichen Abhandlungen als Referenz oder zumindest Quelle dienen.

“Eine Kulturgeschichte des Wolfs“ von Rainer G. Schöller ist bei Rombach, Freiburg i.Br. erschienen, überall im Buchhandel erhältlich und kostet 48,00 Euro.

Wem der Verkaufspreis etwas hoch erscheint, möge bedenken: Für dieses Buch hat der Autor jahrzehntelang (kein Witz!) in Dutzenden Bibliotheken, entlegenen Archiven und bei diversen Organisationen oder Vereinen recherchiert, jahrelang Belege kopiert (bisweilen abgeschrieben), sortiert, eingeordnet und bewertet, den eigentlichen Text geschrieben, sich dann fast vier Jahre lang mit einem besserwisserischen Lektor (mit mir!) herumgeschlagen und schließlich auch noch mit dem Herausgeber und dem Verlagslektorat!

Ein unvorstellbar aufwändiges Projekt, definitiv das Vermächtnis des Autors, hat also endlich mit der Erscheinung des Buches seinen Abschluss gefunden. Und der oft flapsig dahin gesagte Satz “Dass ich das noch erleben darf” ist angesichts der Krankheitsgeschichten sowohl des Autors wie auch des Lektors keine leere Floskel, soviel sei an dieser Stelle verraten, ohne Euch mit Details zu langweilen.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Auf dem Nachttisch – Der goldene Handschuh

Liebe Leser,

ah, ich bin durch damit. Gestern habe ich die letzte Seite des aktuellen Werkes von Heinz Strunk “Der goldene Handschuh” gelesen.Und nun? Nun suche ICH nach Worten um Euch von diesem Buch zu berichten.

Wie schon mehrfach gesagt bin ich ein großer Fan des Mathias Halfpape aka Heinz Strunk. Das Buch „Fleisch ist mein Gemüse“ ist ein echter Knaller. Und weil mir dieses Werk sowohl als gedrucktes wie auch als Hörbuch so gut gefallen hatte, besorgte ich mir umgehend die Bücher „Fleckenteufel“ und „Junge rettet Freund aus Teich“. Beide zusätzlich wiederum auch als Hörbuch, denn diese vom Autor selbst gelesenen Tonstücke sind wahrlich einzigartig! Sofern man sich auf Strunks Sprachfehler (er nuschelt etwas), seinen norddeutschen Dialekt und seine durchaus gewöhnungsbedürftige Tonregie einlassen möchte. Ich möchte.

Die drei genannten Werke verbindet vor allem ihr autobiografischen Anteil, was der Autor übrigens auch unumwunden zugibt. Für Männer, welche zu Beginn der 1960er Jahre geboren wurden, sind die Schilderungen von Heinz Strunk aus den 1970ern und 1980ern eine echte Offenbarung. Kaum zu ertragen, so wahr ist es. Und im Gegensatz zu vielen anderen hält er immer drauf, schildert jeden noch so verbotenen oder perversen Gedanken seines Protagonisten, der in alle drei genannten Büchern stets ein Ich-Erzähler ist.

Eine Freundin stellte treffend fest, dass es sich beim gesamten Werk von Heinz Strunk prinzipiell um Jungs-Bücher handle. Dem kann ich zustimmen. Nur ein Mann, der wie der Autor nicht von Geburt an zu den PrivIlegierten seiner Geschlechtsgenossen zählte, kann die oft so treffend geschilderten Erlebnisse der Pubertät, Jugend und frühen Erwachsenenzeit nachempfinden und mit wohligem Schaudern genießen, dass diese Zeiten nun endlich (hoffentlich) vorbei sind. Weibliche Leser können sich zumeist nicht einmal annähernd vorstellen, was in den Köpfen von uns Männern vorgeht (wenn da mal was vorgeht) und bleiben folglich zumeist vom Verständnis der Handlung ausgeschlossen. Von daher – Jungs-Bücher eben.

Und nun hat Heinz Strunk diese Gedankenwelt eines sympathischen Losers, mit dem sich wohl viele treue Leser insgesamt oder zumindest in der ein oder anderen Szene immer wieder identifizieren konnten, in den Kopf eines höchst unsympathischen Losers verpflanzt, nämlich den des realen Mehrfachmörders Fritz Honka, mit dem sich sicherlich keiner der Leser identifizieren möchte. Obszöne Sprache, perverse sexuelle Begierden und umfassender zerstörerischer Alkoholmissbrauch machen bei einem primitiven Monstrum weit weniger Spaß als bei einem von Akne geplagten Jugendlichen. Viel weniger, oder offen gesagt: Gar keinen.

Das Feuilleton war umgehend vom rüden Ton der Erzählung begeistert und der “Goldene Handschuh” wurde mit Literaturpreisen überhäuft. “Eine neue Ästhetik – mir sagt das was!” (Asterix, Der Kupferkessel) Klar, die hatten ja vorher noch keinen Strunk gelesen. Ich aber habe nun zum wiederholten Male die immergleichen Gedankenfetzen und Satzfragmente konsumiert, die ich aus den vorherigen Büchern schon kannte und war von daher weit weniger beeindruckt als die offiziellen Rezensenten der Presse. Ich halte den “Goldenen Handschuh” (interessante Frage am Rande für die Germanisten unter meiner Blog-Leserschaft: Darf man einen zitierten Buchtitel grammatikalisch dem umgebenden Satz anpassen? Ich glaube: Doch, man darf) für ein ordentliches Buch von Heinz Strunk, gut recherchiert und geschrieben. Aber es ist nicht “sein literarischer Durchbruch”, es ist ein weiteres Buch seiner persönlichen Vergangenheitsbewältigung, nur dass er es (also die ganze private Malesse) diesmal einem bzw. mehreren anderen untergeschoben hat.

Vielleicht hat mich am vorliegenden Buch am meisten gestört, dass bis dato der in allen Büchern vorgetragene Hass des Zu-Kurz-Gekommenen auf die Welt, die Dinge, Mitmenschen und überhaupt alles immer mit einem feinen Unterton von Selbstironie und Galgenhumor versetzt war, was auch die peinlichsten und schlimmsten Schilderungen noch in irgendeiner Form erträglich machte, dies aber im “Goldenen Handschuh” gänzlich fehlt. Geblieben ist nur der Hass, und zwar allen drei Protagonisten.

Mein Fazit: Für den Strunk-Einsteiger durchaus geeignet, für den Strunk-Kenner eher nicht.

Doch gehet hin (zum lokalen Buchhandel), kaufet und leset selbst und tuet kund, ob Ihr meine Einschätzung teilet. Ok, jetzt mag es mal gut sein mit den ganzen “et”. Immerhin hat der Erfolg des Buches dem Autor endgültig die finanzielle Existenzangst genommen, wie er kürzlich in einem Interview mitteilte. Und das ist doch eine unterstützenswerte Sache, oder?

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige

Auf dem Nachttisch: Unterleuten

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Liebe Leser,

ich habe tatsächlich mal wieder ein Buch gelesen. Ein gedrucktes, mit Hardcover-Einband, Lesebändchen [Zeichenband] und all dem Papierkram, der heutzutage eine zunehmend verschwindende Bedeutung hat. Ok, Opa erzählt wieder vom Krieg, ist ja gut. In der Tradition meines literarischen Helden Kurt Tucholsky, von dem ich tatsächlich ALLES gelesen habe, was legal zu erwerben ist, führe ich auf diesem Blog die Reihe “Auf dem Nachttisch” ein, in der unregelmäßig Bücher oder auch Artikel, Blogs etc. besprochen werden. Alles was man eben lesen kann. Dass ich gar keinen physikalischen Nachttisch besitze, mag an dieser Stelle unrelevant (korrekt: irrelevant, mir gefällt aber das mit dem un-) sein, denn der Fenstersims im Badezimmer oder die Smartphone-Ablage neben der Schlafstatt gilt im Jahr 2016 durchaus als Nachttisch.

Nun also das Buch. Gelesen habe ich “Unterleuten” von Juli Zeh, erschienen 2016 bei Luchterhand. Auf das Werk bin ich durch einen Leseauszug im Radio (Deutschlandradio oder HR, ich weiß nicht mehr, irgend ein Öffentlich-Rechtlicher) gestoßen, der mich ob seiner gut geschilderten Charakterschilderung einiger Protagonisten sofort angesprochen hatte. Ich ging also zum Buchhändler um die Ecke und hielt wenig später den immerhin etwa 640 Seiten dicken Wälzer in Händen. Und begann zu lesen. Ich bin genau das Gegenteil eines “Buchverschlingers” und so gab es viele, viele Unterbrechungen, wofür das Buch aber nichts kann. Deshalb kommt diese Rezension auch so spät. Aber seit gestern bin ich durch! Ta-Taa!  Zur Einstimmung hier der Klappentext:

Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf Unterleuten irgendwo in Brandenburg. Als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist …

Der Plot ist überschaubar und auch von eventuell wenig geübten Lesern schnell zu überblicken. Und er würde auch in mir kaum die Euphorie wecken, welche ich jetzt nach dem Lesen für das Werk empfinde. Dorf in Brandenburg, Vorwendezeit, Nachwendezeit, Großstädter auf dem Land, Ossis, Wessis, Windpark, Geld, finsteres Geheimnis… jaja, schon klar.

Was Juli Zeh aber herausragend schildert, so dass ich “bei der Stange” blieb und trotz der anfangs etwas verwirrenden Perspektivewechsel den Band eben nicht halbgelesen zur Seite gelegt habe, sind die Charakter, Biografien und sozialen Verstrickungen der einzelnen Protagonisten und dann die daraus resultierenden Verhaltensweisen und Handlungen. Und das, Frau Zeh, ist meines Erachtens allererste Sahne! Denn die einzelnen (Arche-)Typen kenne ich im realen Leben persönlich, allesamt. Sei es der ansässige Grundbesitzer, dessen Lebensaufgabe es ist, den Hof und das Land seiner Vorfahren durch die Zeiten der sozialistischen Enteignung, der folgenden Wende und das neue Jahrtausend zu bringen, den ewiggestrigen DDR-Anhänger, den mit dem Erstgenannten eine schwierige Vergangenheit verbindet, die zugereiste rücksichtslose Pferdehalterin mit gewaltigen Zukunftsplänen, ihr nerdiger Lebensabschnittsgefährte, die Jung-Mutter mit beachtlichen psychischen Problemen … um nur einige wenige zu nennen. Da jedes Kapitel aus der Sicht eines der handlungstragenden Hauptakteure geschildert ist, hat Juli Zeh ausreichend Zeit, jeden Charakter ausgiebigst zu beleuchten. Dies ist ihr wirklich hervorragend gelungen und wirkt an keiner Stelle aufgesetzt oder zugunsten des Plots überzogen. Ein wichtiger und für die Handlung essentieller Fakt ist auch, dass keine der agierenden Personen sozial oder familiär völlig isoliert dasteht. Das jeweilige Verhältnis mag zwar schon ruiniert oder zumindest heftig ramponiert sein, es ist aber vorhanden. So werden Konflikte nicht um ihrer selbst willen, sondern stets FÜR jemanden ausgetragen (wobei dieser davon meist nichts ahnt und solches gar nicht will), auch wenn dies gerade am Anfang des Romans nicht offensichtlich ist. Meines Erachtens macht dieser Hintergrund die Geschehnisse erst glaubhaft und plausibel. Der Leser muss sich oft eingestehen, dass er (mit dem nach und nach erworbenen Hintergrundwissen) in den kritischen Situationen wohl auch nicht anders gehandelt hätte, als der jeweilige Protagonist. Das hat viel vom echten Leben und wenig von Bullerbü, was ich in diesem Fall als Kompliment meine.

Ebenso imponiert mir die Fachkenntnis, mit der die beruflichen oder auch häuslichen Tätigkeiten der Hauptpersonen geschildert werden. Juli Zeh hat ganz genau hingeschaut und wohl auch viel recherchiert. Ob es um Land-, Holz- und Energiewirtschaft, um Abwasserbeseitigung auf dem Land, Altbaurenovierung, Pferdehaltung, Grundstücksspekulation, Softwareentwicklung, Katzenhaltung, Kindererziehung oder irgend ein anderes Thema handelt, das die Bewohner des (fiktiven) Unterleuten umtreibt – nie hat man den Eindruck, hier schreibt die Autorin über Dinge, von denen sie nichts versteht. Das hat mich sehr beeindruckt!

Die Rahmenhandlung wird bereits im Klappentext (siehe oben) korrekt beschrieben, so dass ich hier auf eine Inhaltsbeschreibung verzichte. Ein klein bisschen hat mich das Finale enttäuscht, aber das ist definitiv Geschmacksache, so dass ich gerne bei meiner (völlig subjektiven) uneingeschränkten Kauf- und Leseempfehlung bleibe. Ende der Rezension, 5 Sterne. Gehet hin, kauft und lest!

Aber halt, noch nicht gehen! Ich hab da noch was. Denn man kann übrigens auch schon vor Kauf des Buches in Unterleuten vorbeischauen (danach natürlich auch), was man sich nicht entgehen lassen sollte:

www.unterleuten.de

Und DAS ist wirklich erstaunlich! Mich hat schon immer fasziniert, wenn eine ausgedachte Geschichte durch allerhand (natürlich ebenfalls gefakte) Belege zu etwas gemacht wird, bei dem die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Aber der Aufwand durch die Autorin und den Verlag, das erfundene Unterleuten samt seiner ebenso erfundenen Bewohner zumindest im Web zum Leben zu erwecken, ist wirklich immens! Außer einer Vorstellung des Dorfes (mit den einzelnen Häusern im Flurplan anklickbar) gibt es noch eine Einführung und Kurzbiografie zu jedem (relevanten) Dorfbewohner. Die angegebenen Links zu Websites der im Buch erwähnten Organisationen oder Unternehmen sind dann tatsächlich aktiv und führen zu liebevoll gestalteten Internetseiten mit einigem Content. So hat der Vogelschutzbund Unterleuten einen funktionierenden Onlineshop, in dem T-Shirts des Vogelschutzbunds verkauft werden. Ich habe mich nicht getraut, den Kauf final abzuwickeln, aber ich denke, man wird die angebotenen Shirts wohl tatsächlich erhalten. Auch die Facebookseiten der jüngeren Dorfbewohnerinnen sind in Facebook vorhanden und sogar mit ein paar Einträgen in der Timeline bestückt. Wow!

Absoluter Oberhammer ist allerdings, dass Juli Zeh eine ihrer Protagonistinnen (aus dem Buch Unterleuten) ihr Leben streng nach dem Erfolgsrezept des (erfundenen und heftig unsymphatischen) Unternehmensberaters und Coaches Manfred Gortz (welcher selbstverständlich eine schicke funktionierende Website http://www.manfred-gortz.de besitzt) ausrichtet. Alle Ideen für ihre oft egoistischen und rücksichtslosen Handlungen bezieht sie aus dem Buch “Dein Erfolg” von ebendiesem Manfred Gortz. Und auch hier wollte ich gerne ein “erfunden” zum Buch schreiben, aber Juli Zeh hat dieses Buch tatsächlich (natürlich unter dem Pseudonym Manfred Gortz) geschrieben und es ist im Buchhandel erhältlich. Nebenbei mit einem durchaus eindrucksvollen Amazon-Verkaufsrang. Ein Buch mit immerhin etwas mehr als 100 Seiten zu schreiben, um daraus in einem anderen Buch zu zitieren zu können – das nenne ich mal Engagement!

Ich könnte mir natürlich vorstellen, dass Juli Zeh ob der wahrscheinlich sehr aufwändigen Recherche für “Unterleuten” und der langwierigen Schreibarbeit einfach mal Bock hatte, “die Sau rauszulassen” und dem schmierigen (imaginären) Erfolgscoach Gortz ein Buch hinzuschreiben, das seiner und wahrscheinlich der ganzen verdorbenen Branche würdig ist. Und sich dann durch die (realen) Verkäufe den Spaß noch etwas versilbern zu lassen.  

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Euer

Gige